2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Ethik und Soziale Arbeit - eine Verhältnisbestimmung. 5
2.1. Ethik 5
2.2. Soziale Arbeit. 6
2.3. Verhältnisbestimmung 7
3. Postmoderne 10
3.1. Postmoderne als historisch-gesellschaftliche Problematik 10
3.2. Ethik der Postmoderne nach Zygmunt Baumann. 11
3.3. Kritische Würdigung 13
4. Compassionate Conservatism 16
4.1. Compassionate Conservatism nach Marvin Olasky. 16
4.2. Ethik des Compassionate Conservatism 19
4.3. Kritische Würdigung 20
5. Ausblick. 23
Quellenverzeichnis 27
3
1. Einleitung
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich soziale Hilfe bzw. Soziale Arbeit von einer primär moralisch beziehungsweise religiös inspirierten Mildtätigkeit hin zu einer professionalisierten Sozialen Arbeit gewandelt, welche die Rationalisierung der formalen Organisation und die Bürokratisierung der Hilfe beinhaltet. Diese - neue - Art der Sozialen Arbeit bezieht sich auf ungeplante und ungelöste Folgeprobleme der Industrialisierung und Modernisierung wie beispielsweise strukturelle Armut oder gesellschaftliche Ausgrenzung aufgrund von ‚Anderssein’. Sie reagiert auf die Tatsache, dass traditionelle Hilfesysteme wie Familie und Verwandtschaft nur noch begrenzt in der Lage sind, diese Probleme zu lösen sowie auf die dementsprechende Notwendigkeit professionell organisierter Hilfen (vgl. Kleve 1999a: S. 369f). Zielstellung dieser professionell organisierten Hilfen muss es dabei sein eine lebensdienliche, an einem ‚gelingenden’ Leben im Sinne der Adressaten orientierte Ausgestaltung der Hilfeformen zu gewährleisten. Dem folgend kann sich professionelle Soziale Arbeit nicht nur auf die strategisch-instrumentelle Übersetzung von Zielen konkreter Hilfeprogramme beziehen, sondern muss um die Dimension der Bedürfnisse und des Persönlichkeitsschutzes der Adressaten erweitert werden. Dabei dürfen jedoch auch die gesamtgesellschaftlichen Zielstellungen nicht außer Acht gelassen werden. Hieraus ist die Notwendigkeit abzuleiten, Entscheidungen dahingehend zu prüfen, ob sie zu einem ‚gelingenden Leben’ beitragen aber gleichzeitig auch dem gesellschaftlichen Zusammenleben förderlich sind. Um negative Effekte auf Individuen oder die Gesamtgesellschaft zu vermeiden, ist es notwendig, dass die Soziale Arbeit sich in einem Diskurs über ‚gelingendes’ Leben und dementsprechender Werte verortet, sich hieraus legitimiert und Orientierungshorizonte für ihr praktisches Handeln aufbaut. Insofern ist hier die Notwendigkeit einer ethisch fundierten professionellen Sozialen Arbeit angesprochen. Im Rahmen des angemahnten ethischen Diskurses darf sich die Soziale Arbeit nicht scheuen, sich auch kritischen Anfragen bezüglich ihrer Legitimation, Wertorientierung oder gar der fundamentalen Frage nach ihrer Notwendigkeit auszusetzen. So bieten gerade solche fundamentalen Anfragen doch die Chance sich neu zu positionieren und eigene Handlungs-und Vorgehensweisen, aber vor allem auch eigene Wertorientierungen offen zu legen und kritisch zu überprüfen.
4
Ziel der vorliegenden Arbeit ist nun nicht die Generierung einer umfassenden Ethik der Sozialen Arbeit oder einer abschließenden ethischen Fundierung derselben. Vielmehr hat diese Arbeit zum Anliegen zwei fundamentale Anfragen an eine ethisch fundierte Soziale Arbeit - zum einen aus der Theorie der Postmoderne, zum anderen aus dem sozialpolitischen Konzept des Compassionate Conservatism - darzustellen, auf ihre ethischen Implikationen hin zu überprüfen, sich kritisch mit diesen auseinanderzusetzen und daraus Anknüpfungspunkte für eine ethische Reflexion der Sozialen Arbeit zu gewinnen. Weiterhin soll zum Ende dieser Arbeit der Versuch unternommen werden, die Soziale Arbeit vor dem Hintergrund der beiden Anfragen zu legitimieren und erste Orientierungspunkte für ihre ethische Ausgestaltung zu gewinnen.
Dem eben skizzierten Anliegen folgend, werden im zweiten Kapitel dieser Arbeit zunächst die Begriffe der Ethik (Kapitel 2.1.) sowie der Sozialen Arbeit (Kapitel 2.2.) konkretisiert, um anschließend eine Verhältnisbestimmung von Sozialer Arbeit und Ethik vornehmen zu können (Kapitel 2.3.).
Im anschließenden dritten Kapitel werden die Theorie der Postmoderne (Kapitel 3.1.) sowie die postmoderne Ethik nach Zygmunt Baumann (Kapitel 3.2.) vorgestellt und anschließend einer kritischen Würdigung hinsichtlich ihres ethischen Bedeutungsgehalts sowie der Implikationen für die professionelle Soziale Arbeit unterzogen (Kapitel 3.3.).
Das vierte Kapitel dient der Darstellung des sozialpolitischen Ansatzes des Compassionate Conservatism nach Marvin Olasky (Kapitel 4.1.) sowie dessen ethischen Grundlegungen (Kapitel 4.2.). Diese werden daraufhin wiederum einer kritischen Würdigung hinsichtlich ihrer ethischen Implikationen sowie ihres Bedeutungsgehaltes bezüglich der professionellen Sozialen Arbeit unterzogen (Kapitel 4.3.).
Abschließend wird im Rahmen des fünften Kapitels ein Ausblick auf eine ethische Mindestbegründung der Sozialen Arbeit jenseits von Postmoderne und Compassionate Conservatism gegeben sowie eine erste Annäherung an eine ethische Vorgehensweise, welche einen Horizont bezüglich konkreter Wert- und Handlungsorientierungen eröffnen könnte, vorgenommen.
5
2. Ethik und Soziale Arbeit - eine Verhältnisbestimmung
Ethische Reflexionen sind sowohl aus der Praxis als auch der sozialpolitischen Bestimmung der Sozialen Arbeit nicht wegzudenken. Dem folgend konstatiert auch Schneider (2002): „Tatsächlich aber bedarf es der Ethik und der Berufung auf ethische Prinzipien, um Handlungsziele verantwortungsvoll und begründet wählen bzw. vorgefundene institutionelle Zwecke kritisieren zu können“ (ebd.: S. 291). Anliegen des vorliegenden zweiten Kapitels ist es nun ein Verständnis des Verhältnisses zwischen Ethik und Sozialer Arbeit zu schaffen. Diesem Anliegen folgend werden im Weiteren zunächst die Begriff Ethik (Kapitel 2.1.) und Soziale Arbeit (Kapitel 2.2.) konkretisiert, um darauf aufbauend eine Verhältnisbestimmung von Sozialer Arbeit und Ethik vornehmen zu können (Kapitel 2.3.).
2.1. Ethik 1
Um den Terminus Ethik zu bestimmen, ist es notwendig, diesen von dem alltagssprachlich häufig synonym angewandten Begriff der Moral abzugrenzen. „Moral bezeichnet dabei das, was ‚man’ tut, also Konventionen, das Übliche, die Alltags- und Durchschnittsmoral, wohingegen Ethik die Reflexion darauf bezeichnet, ob das, was üblich ist, auch ‚wirklich’ gut und richtig ist“ (Honecker 1993: S. 249). Insofern stellen Moralen normative Setzungen dar, die die vorherrschenden Sinnvorstellungen einer Gemeinschaft beschreiben. Moral urteilt in sittlich gutes oder aber auch schlechtes Verhalten und sucht danach richtungweisend einzugreifen (vgl. Leisinger 1997: S. 13). Die Ethik als Wissenschaft hingegen reflektiert moralische Anschauungen und normative Setzungen sowie die daraus folgenden Handlungsorientierungen hinsichtlich ihrer Geltungsansprüche kritisch und begründet Grundsätze guten und gerechten Wollens und Handelns. Dementsprechend fragt die Ethik nach den Voraussetzungen gelingenden Lebens. Sie zielt „[…] auf das gute gelingende individuelle Leben, gemeinsam mit und für andere, in gerechten Institutionen“ (Ricoeur zitiert nach Volz 2000: S. 214). Zentrale Aufgabe der Ethik ist es „[…] über aktuelle gesellschaftliche Probleme und Fragen unter gegebenenfalls auch kritischen Rechtfertigungsaspekten nachzudenken“ (Lenk/Maring 1996: S. 3). Insofern können ethische Fragestellungen und Reflexionen sich auf alle Bereiche des menschlichen Lebens beziehen und dienen „[…] der umfassenden Ordnung und Orientierung individueller […] und
1 Das vorliegende Kapitel zur Klärung des Begriffes der Ethik ist in leicht modifizierter Form einer früheren Arbeit des Autors mit dem Titel ‚Führungsethik im Spannungsfeld von Erfolgs- und Humanverantwortung’ entnommen (vgl. Frank 2008).
6
gesellschaftlicher Praxis“ (Schneider 2002: S. 291). Die ethische Urteilsbildung in Bezug auf Fragestellungen wie ‚Was sollen wir tun?’ oder ‚Was dürfen wir tun?’ erfolgt dabei stets unter einer Logik, die klar am Menschen als Person orientiert ist. Dies verlangt Werte und Normen sowie die Folgen relevanter Handlungen im Hinblick auf übergeordnete Grundwerte und Menschenrechte zu diskutieren, da diesen Verantwortung geschuldet ist (vgl. Lenk/Maring 1996: S. 4).
2.2. Soziale Arbeit
Die Konkretisierung des Begriffs der Sozialen Arbeit erweist sich als schwieriges Unterfangen, da bis heute keine Einigung darüber besteht, was genau die Soziale Arbeit umfasst (vgl. Rauschenbach/Züchner 2002: S. 842). In einer ersten Annäherung kann Soziale Arbeit als gemeinsamer Oberbegriff für die Fachrichtungen Sozialarbeit und Sozialpädagogik beschrieben werden. Dementsprechend wird Soziale Arbeit im Rahmen der vorliegenden Arbeit als diejenige Profession verstanden, welche darauf abzielt, durch professionelle soziale Hilfe, soziale Bildungsarbeit und politische Arbeit soziale Probleme zu lösen, indem sie Teilhabe- und Partizipationschancen von Individuen oder Gruppen eröffnet, wiederherstellt, sichert und erweitert. Diesem Verständnis folgend kann Soziale Arbeit als typisches Produkt der Moderne charakterisiert werden, da sie auf gesellschaftliche Nebenfolgen der Modernisierung wie Probleme der sozialen Ungleichheit und gesellschaftlicher Integration, auf soziale Risiken der individuellen Lebensführung und alltäglicher Lebensbewältigung sowie auf vielschichtige Herausforderungen des Aufwachsens in und jenseits von Familie und Schule reagiert (vgl. ebd.: S. 844). Dementsprechend ist es Anliegen der Sozialen Arbeit ihre Adressaten dabei zu unterstützen ein ‚gelingendes’, ‚gutes’ Leben zu realisieren. Im Rahmen der skizzierten Problemlagen und Zielstellungen können verschiedenste Stoßrichtungen der Sozialen Arbeit herausgearbeitet werden.
„Sie [die Soziale Arbeit; F.F.] begleitet, berät, unterstützt, pflegt und betreut Personen, die der Hilfe bedürfen, sie versucht aber auch soziale Situationen bzw. die sozialen Bedingungen des Lebens zu verändern. Soziale Arbeit basiert dabei auf einem Fall- und Feldbezug, sie verändert Personen und Situationen, bezieht sich auf das individuelle Verhalten und die gesellschaftlichen Verhältnisse“ (ebd.: S. 844).
Soziale Arbeit handelt dabei im Rahmen eines gesellschaftlich-sozialpolitischen Auftrags in einem stark verrechtlichten und bürokratisierten Bereich, nachdem sozialarbeiterische Hilfen bzw. Maßnahmen sowie dementsprechende (Hilfe-) Bedarfe von Individuen oder Gruppen
7
weitestgehend aufgrund gesetzlicher Normierungen erfolgen, welche der politischen Willensbildung unterworfen sind. Über gesetzliche Rahmungen hinaus, wird Soziale Arbeit jedoch auch verstanden „[…] als eine spezifische Gestaltung einer der Condicio Humana inhärenten Dialektik von gesellschaftlichen Verhältnissen, kulturellen Verständnissen und individuellem Verhalten“ (Volz 2000: S. 209). Insofern zielt die Soziale Arbeit auch auf die kontinuierliche Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse zugunsten aller Gesellschaftsmitglieder.
In ihren Leistungen ist die Soziale Arbeit an den Bedarfen und lebensweltlichen Gegebenheiten ihrer Adressaten auszurichten und kann dementsprechend als lebensweltbezogene soziale Dienstleistung verstanden werden, bei der der Leistungsempfänger „[…] in seiner Rolle als so genannter ‚Koproduzent’ zu einem wesentlichen Indikator für Erfolg und Qualität des Hilfeprozesses wird“ (Rauschenbach/Züchner 2002: S. 843f). Da - unabhängig davon welcher Standpunkt dazu eingenommen wird - Soziale Arbeit in weiten Teilen politisch-gesellschaftlichen Normierungen und Vorstellungen über die Differenz von Norm und Abweichung folgt, bewegt sie sich in ihren Leistungen immer in einem Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle. 2 Hieraus wird deutlich, „[…] dass Sozialarbeit nie nur in Bezug auf den Klienten, sondern immer auch in Bezug auf die Gesellschaft betrachtet werden muss“ (Erath 2006: S. 69). Unabhängig von dem skizzierten Spannungsverhältnis, hat die Soziale Arbeit - ebenso wie die Ethik - immer einer Logik zu folgen, die am Subjektstatus des Menschen als Person orientiert ist.
2.3. Verhältnisbestimmung
Wie in Kapitel 2.1. dargestellt hat die Ethik den Anspruch, sich auf alle Bereiche des menschlichen Lebens zu beziehen und sich an der Verantwortung gegenüber dem Subjektstatus des Menschen als Person zu orientieren. Diesem allumfassenden Anspruch folgend, ist auch die Soziale Arbeit einer ethischen Reflexion zu unterwerfen. Bevor Ethik und Soziale Arbeit aufeinander bezogen werden können, ist es jedoch notwendig, darauf zu
2 Das sozialarbeiterische Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle wird in der Fachdiskussion als doppeltes Mandat bezeichnet. Das doppelte Mandat an dieser Stelle näher zu erörtern würde den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen. Verwiesen werden soll jedoch auf Erath (2008) Kapitel 3.3.
Arbeit zitieren:
Dipl. Sozialarbeiter/Sozialpädagoge (FH) Fabian Frank, 2009, Anfragen an eine ethisch fundierte Soziale Arbeit, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Dissozialität / Störung des Sozialverhaltens als Krise im Jugendalter
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 29 Seiten
Delinquenz im Jugendalter - Welche Rolle spielen Sozialraum und Arbe...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Seminararbeit, 34 Seiten
Soziale Arbeit zwischen Hilfe und Dienstleistung
Warum christlich motivierte So...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 25 Seiten
Von der Antike bis ins Zwanzig...
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Vordiplomarbeit, 37 Seiten
Pragmatische Axiome und Störungen menschlicher Kommunikation
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 25 Seiten
Norbert Elias Zivilisationstheorie und ihre Rezeption
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Skript, 6 Seiten
Theorie der Bewältigungsorientierung und -theorie nach Lothar Böhnisch
Eine wissenschaftliche Zusamme...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Wissenschaftlicher Aufsatz, 6 Seiten
Theoretische Entwicklungsmodelle des 20. Jahrhunderts
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Hausarbeit, 11 Seiten
Sinngehalt von schulischen Prä...
Seminararbeit, 33 Seiten
Kiezorientierte Prävention von Kinder- und Jugendgewalt
Eine empirische Studie in den ...
Soziologie - Kinder und Jugend
Diplomarbeit, 123 Seiten
Jugend und Drogen - ein Spannungsverhältnis?
Substanzgebrauch als funktiona...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 118 Seiten
Basiswissen Soziale Arbeit. Lebensalter und Soziale Arbeit. 6 Bände
Bd.1:Eine Einführung. 2:Kindhe...
Hans Günther Homfeld, Jörgen Schulze-Krüdener, Thomas Swiderek, Michael Galuske, Sven Stiehler, Ute Karl
Soziale Arbeit im Dialog gestalten
Theoretische Grundlagen und me...
Hans Ullrich Krause, Regina Rätz-Heinisch
Soziale Arbeit nach dem Sozialpädagogischen Jahrhundert
Positionsbestimmungen Sozialer...
Birgit Bütow, Karl August Chassé, Rainer Hirt
Sozialer Ausschluss und Soziale Arbeit
Positionsbestimmungen einer kr...
Roland Anhorn, Frank Bettinger, Johannes Stehr
Communityorientierung in der Sozialen Arbeit
Die Aktivierung von sozialem K...
Sandra Landhäußer
0 Kommentare