I n h a l t s v e r z e i c h n i s
A.0 Einleitung 3
A.1 Lessing, sein Leben und Wirken 4
A.2 Der zeitgeschichtliche Kontext 6
A.3 Entstehung, Wirkung und Tradition des Stoffes 8
A.4 Lessing’s Theorie des Dramas. 9
A.5 Die dramaturgische Entwicklung im Stück 11
B.0 Hauptteil. 12
B.1. Figurenkonstellationen aus der Sicht von Mellefont 12
B.1.1. Gegensatzpaare 12
B.1.1.1. Mellefont - Marwood. 12
B.1.1.2. Mellefont - Sir William Sampson 14
B.1.2. Die Macht der Liebe. 16
B.1.2.1. Mellefont - Sara. 16
B.1.2.2. Mellefont - Arabella 17
B.1.3. Die Dialektik zwischen Vergebung Vergeltung 18
B.2. Mellefont’s dramaturgische Bedeutung 19
B.2.1. Im Vergleich zu Marwood. 19
B.2.2. Im Vergleich zu Sir William Sampson 20
C.0 Schluß. 21
D 0 Literaturverzeichnis 22
A. Einleitung
Versucht man die ungeheuer umfangreiche Forschungsliteratur zu Lessings Trauerspiel „Miß Sara Sampson“ zu übersehen, so stellt man schnell fest, daß sich der größte Teil der Arbeiten mit den Interaktionen und Bedeutungen von und zwischen Sara, ihrem Vater und Marwood beschäftigt. Als ich eine Arbeit über Mellefont zu finden versuchte, fand ich jedoch nur A. Scotts Aufsatz „The Role of Mellefont in L.’s >>Miß Sara Sampson<<“.
Spiegelt diese Gewichtung die textimmanente Situation wieder, oder wurde Mellefont in der Forschungsliteratur einfach unterbewertet ? Ist sein dramaturgischer Stellenwert im Stück wirklich so gering, wie es der Umfang der Sekundärliteratur suggeriert ? Zur Aufklärung dieser Frage möchte ich mit der vorliegenden Arbeit, durch textanalytisches Vorgehen beitragen. Über eine systematische Untersuchung von Mellefont’s Beziehungen zu den Hauptfiguren möchte ich mich dieser Frage nähern, werde dabei Mellefont’s Beziehung zu den Dienstboten, aus Gründen der Übersicht und des Umfanges, außer acht lassen. Die Leitfrage, die mir dabei den größten Dienst erweisen soll, wird sein, ob die Interaktionsmuster, die aus den jeweiligen Beziehungen entstehen, handlungsmotivierende Funktionen haben, oder ob sie sich „blind“ im Labyrinth einer Nebenhandlung verlaufen. Bei der Bewertung des dramaturgischen Stellenwertes des Mellefont, den ich in Vergleich zu den dramaturgischen Bedeutungen der anderen Hauptpersonen setzen möchte, werde ich der Vorgeschichte eine nicht so große Bedeutung zumessen, wie dem was im Stück selber passiert. Nach reiflicher Suche nach einem Argument zur Rechtfertigung dieser Vorgehensweise, begnüge ich mich damit, kein sinnvolles Argument gefunden zu haben, die Vorgeschichte nicht außer Acht zu lassen.
A.1 Lessing, sein Leben und Wirken
Lessing wurde am 22. Januar 1729 in Kamenz (Oberlausitz) als drittes Kind der Pfarrerstochter Justina Salome Lessing, geb. Feller (1703-77) und des Archidiakons Johann Gottfried Lessing (1693-1770) geboren. Mit 8 Jahren bekommt Lessing auf Antrag des Vaters ein Stipendium an der Lateinschule in Kamenz. Im Juni 1741 legt Lessing mit 12 Jahren die Aufnahmeprüfung an der Kurfürstlichen Schule St. Afra in Meißen ab und darf wegen exzellenter Ergebnisse Teile der ersten Klasse überspringen. 5 Jahre später, im Februar 1746 beendet er vorzeitig den Schulbesuch, um sich als Student der Theologie an der Universität Leipzig einzuschreiben und nimmt ab 1747 Unterricht im Tanzen, Fechten und Reiten. 1748 kommt es zur erfolgreichen Uraufführung seines ersten Bühnenstückes, des Jungen Gelehrten, durch die Schauspieltruppe Neubers. Nach der Auflösung der Neuberschen Truppe wegen finanzieller Schwierigkeiten gerät Lessing in Bedrängnis durch Gläubiger, weil er Bürgschaften für einige Schauspieler übernommen hatte. Nachdem die Gläubiger ihn erreicht haben, begleicht Lessing seine Schulden mit dem Rest seines Stipendiums. In dieser Zeit fast er den Entschluß, freier Schriftsteller zu werden, das Studium aufzugeben und nach Berlin zu ziehen.
1751 tritt er als Redakteur bei der Privilegierten Zeitung in Berlin ein, um wenig später seine erste Gedichtsammlung „Kleinigkeiten“zu veröffentlichen. Nachdem Erscheinen des Philotas im April 1760 reist Lessing am 7. November nach Breslau zur Annahme einer Stelle als Gouvernementsekretär des preußischen Generals Bogislaw Friedrich von Tauentzien (1710-91). Als der Siebenjährige Krieg am 15. Februar 1763 mit dem Frieden von Hubertusburg endet, gibt Lessing sein Stelle im November jedoch auf.
Am 24. Oktober 1766 kommt es zur Gründung des »Deutschen Nationaltheaters« durch 12 Hamburger Kaufleute und Bürger (die sog. »Hamburger Theatervereinigung«); als Direktor wird Joachim Friedrich Löwen (1727-71) bestellt, der Lessing als Mitarbeiter gewinnt. Im Dezember geht Lessing nach Hamburg und wird als Berater der Theaterleitung und Herausgeber einer Theaterchronik & - zeitung verpflichtet (Hamburgische Dramaturgie). Am 19. April 1768 beendet Les-
sing offiziell die Hamburgische Dramaturgie. Es kommt zur Niederlegung der Theaterämter durch Lessing und Löwen.
Noch im selben Jahr bekommt er eine Anstellung als Bibliothekar an der herzoglichen Bibliotheca Augusta in Wolfenbüttel durch den Braunschweiger Erbprinzen Karl Wilhelm Ferdinand. 1772 erwirkt er die Herzogliche Druckerlaubnis für die Reihe „Zur Geschichte und Literatur. Aus den Schätzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel. Im Januar des Jahres 1777 veröffentlicht Lessing den vierten Teil dieser Reihe, welcher fünf anonyme Reimarus-Fragmente mit einem Nachwort Lessings, indem er sich von den Fragmenten distanziert, enthält. Als erste Reaktion auf die Reimarus-Fragmente erscheint die Streitschrift „Über die Evidenz der Beweise für die Wahrheit der christlichen Religion“ des Hannoverschen Lyceumsdirektors Johann Daniel Schumann (1714-87). Doch erst am 17. Dezember kommt es zur ersten Reaktion des Hamburger Hauptpastors Goeze auf die Reimarus-Fragmente in der Hamburger Zeitschrift „Freiwillige Beiträge“. Als am 10. Januar 1778 seine Frau Eva in Folge einer Fehlgeburt stirbt, bewahrt das Lessing auch nicht vor Goezes polemischen Angriffen in den „Freiwilligen Beiträgen“. Als Reaktion bringt Lessing im April den Anti-Goeze heraus, mit dem Titel: „Notgedrungener Beiträge zu den freiwilligen Beiträgen des Hrn. Past. Goeze erster (Gott gebe, letzter!) Teil. Die Teile 2 bis 11 erscheinen von Mai bis Juli. Als es im Juni zu einer Flut von Streitschriften gegen Lessing kommt, erteilt ihm der Herzog am 6. Juli Schreib- und Redeverbot, um eine Eskalation des Streits zu vermeiden. Lessing kehrt auf die Bühne zurück und veröffentlicht 1779 als Reaktion auf sein „Redeverbot“ das dramatische Gedicht Nathan der Weise. Am 15. Februar 1781 stirbt Lessing nach einem Schlaganfall in Braunschweig.
A.2 Der zeitgeschichtliche Kontext
Betrachtet man mathematisch korrekt und immer im fatalistischen Glauben an die Zahl die reinen Lebensdaten Lessings, so ist er als Kind seiner Zeit, ein Aufklärer. Doch die „reine Zahl“ hilft uns hier genauso wenig, wie der rein rationalistisch-aufklärerische Verstand Lessing zu einem Autor von Weltrang gemacht hätte. Wollen wir uns den Zugang zu Lessings Werk eröffnen und seine literaturgeschichtliche Bedeutung begreifen, müssen wir Lessing als Vollendung einer Epoche und als Übergang zu etwas neuem verstehen. Oder um es mit Nietzches Worten zu sagen:
>>Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen das ist, daß er ein Übergang und ein Untergang ist.<< 1
Doch wie war nun der zeitgeschichtliche status quo zu Lebzeiten Lessings ? Worin bestand seine Funktion als „Übergang und Untergang“? Lessing war sowohl Zeitzeuge der Aufklärung, wie auch der Empfindsamkeit und versuchte beide Strömungen in seinem Wesen zu vereinen (Schulterschluß zwischen Herz und Verstand). Seine Zeit war geprägt durch Leibniz’ optimistische Lehre von der „besten aller Welten“, vom Weltbürgertum, vom rationalistischen Glauben an die Erklärbarkeit aller Dinge, sowie durch Montesquieu’s Theorie der Gewaltenteilung. Vor allem aber hatten sich die Aufklärer die Idee der Toleranz auf die Fahnen geschrieben. Dieses Postulat war auch für Lessing maßgebend. Immer versuchte er seinen Mitmenschen „das gefärbte Glas der vorgefaßten Meinung“ 2 bewußt zu machen und sie dazu zu bringen, es abzulegen.
Durch die aufklärerischen Tendenzen kommt es zu einer Stärkung des Bürgertums; die Zentren der Bildung verlagern sich von den Höfen in die großen Handelsstädte. Das Bürgertum entwickelt ein neues Selbstbewußtsein, das sich deutlich in dem Willen zur kulturellen Äußerung manifestiert. So kommt es im 18. Jh. zur Entstehung des bürgerlichen Trauerspieles, das bald -neben Roman und Komödie- zur literarischen Hauptform ausreift.
1 Aus: Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Stockholm: Bermann Fischer 1948.
2 Lessing, G. E.: Gesammelte Werke in 10 Bänden, Hrsg. V. P. Rilla. Berlin/Weimar, Bd.1, S.648
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Dr. Martin Giese, 2000, Mellefont und sein dramaturgischer Stellenwert in Lessings "Miß Sara Sampson", München, GRIN Verlag GmbH
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