Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S. 3 - 4
2. Großeltern in der Soziologie und in dem Sprachgebrauch S. 4 - 8
3. Das Großelternbild im Wandel
3.1 Großeltern im 19. Jahrhundert S. 8 - 11
3.1.1 Das Großmutterbild
3.1.2 Das Großvaterbild
3.1.3 Vergleich der Entwicklung beider Großelternteile
3.2 Großeltern im 20. und 21. Jahrhundert S. 11 - 16
3.2.1 Typisierungen von Großeltern
4. Zusammenfassung und Ausblick S. 16 - 19
5. Literaturverzeichnis S. 20 - 21
6. Anhang S 23 - 24
1. Einleitung
Wird das erste Kind in eine Familiengeneration geboren, so verändert dies die Rolle eines jeden Familienmitgliedes. Auf Grund dieses Ereignisses innerhalb der Familie versucht eine Person unbewusst Erwartungen an eine Rolle zu erfüllen. Sei es nun die umsorgte Betreuung durch die Großmutter, welche vor Geburt des Enkelkindes selbst nur Mutter war und nun, nach Erziehung ihres eigenen Kindes, dessen Nachkömmling mit umsorgt oder der Bruder der Mutter, welcher Onkel wurde und nun einen Rollenwechsel vollziehen wird.
In dieser Arbeit wird hauptsächlich die Rolle der Großeltern untersucht. Die Häufigkeit der Beschäftigung mit dem Thema der Großelternrolle in der Soziologie ist im Ergebnis gering. Gründe dafür kann man nur vermuten. Vielleicht liegt es daran, dass die Rolle jüngerer Familienmitglieder (Auszubildende, Berufstätige etc.) eher im Vordergrund soziologischer Betrachtungen steht. Die Forschung begann erst Ende des 20. Jahrhunderts mit einem Aufsatz über die Großeltern-Enkelkind-Verhältnisse von Hervé Le Bras 1973. 1 Es folgte ein weiterer Beitrag von Peter Stearns mit dem Titel „Grandmotherhood“ aus dem Jahre 1980. Es zeigt sich, dass die Forschung hauptsächlich auf die Großmutterrolle fokussiert wurde und die des Großvaters geringere Betrachtung fand. Gibt es bereits eine Definition von Großmutter, so sind Definitionen zum Großvater eher hypothetisch gewagt und mehr entwicklungsbeschreibend als klar formuliert. 2 Erst im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts gab es einen erneuten Versuch sich mit der Großelternrolle zu befassen. 3 So gab die Annales de Dèmographie Historique ein Themenheft durch die Société de Démographie Historique heraus, welches sich ausschließlich mit Großelternschaft auseinandersetzte. Es gab aber keine „Konsequenzen hinsichtlich einer intensiveren Aufarbeitung des Themas.“ 4 Dem soziologisch wenig erforschten, wenig rezipierten und wenig reflektierten Thema, wie das der Großelternrolle, Aufmerksamkeit zu schenken, gibt die Möglichkeit Neues zu entdecken und macht die Betrachtung äußerst interessant. Zu Beginn wird ein Überblick gegeben, wie die Großmutter- und Großvaterrolle sich - vor allem nach der Aufklärung - historisch entwickelt hat. Aus dieser historischen Annäherung heraus, wird dann die heutige Rolle der Omas und Opas dargelegt. Es folgt der Versuch, offensichtliche Unterschiede zwischen früheren Großelternbildern und der heutiger zu finden und gegenüberzustellen. Hierbei ziehe ich vor allem Chvojkas Betrachtungen mit Hilfe bildlicher Quellen sowie Lexikonartikel aus verschiedenen Zeitabschnitten des 19. bis 21. Jahrhunderts und
1 Vgl. Chvojka 2003
2 Siehe Punkt 2
3 Vgl. Chvojka 2003
4 Chvojka 2003: 24
3
eine Studie von Smith aus dem Jahre 1991 heran. Zum Schluss wird eine Zusammenfassung des heutigen Forschungsstandes über die sich gewandelte Großelternrolle gegeben und eine, vor allem auf demographische Daten beruhende, Blick gewagt, wie das Bild von Großeltern in der Zukunft aussehen könnte.
2. Großeltern in der Soziologie und in dem Sprachgebrauch
Smith (1991) stellt etwas Elementares über die theoretische Betrachtung des Themas Großelternschaft aus psychologischer Perspektive fest:
Not all the studies of grandparenthood have had a particularly explicit theoretical perspective, but the predominant one (often implicit) would seem to be that of lifespan development. 5
Smith behauptet hier, dass die Großelternschaftstheorien meistens durch Implikation zustande kommen. Demnach wird aus der Empirie eine Theorie entwickelt. Das Problem der Induktion wird in der empirisch begründeten Theoriebildung im hohen Maße diskutiert. Beim Induktivismus basieren Verallgemeinerungen auf „empirisches Material“ und aus „der Beobachtung gewonnen Daten.“ 6 Ein Problem hierbei sehen Wissenschaftler, wie zum Beispiel Hanson, darin, dass Beobachtungsergebnisse aus Interpretationen stammen: „Ein Beobachter kann bei klarer Sicht ein Fahrzeug sofort sehen, wohingegen er bei Nebel erst die Umrisse eines Gegenstandes als Fahrzeug interpretieren muß.“ 7 Ich führe diesen Kritikpunkt an, weil ich es als wichtig erachte, die wissenschaftlichen Grundannahmen und Theorien über Großelternschaft, auch kritisch zu betrachten, da diese meist auch an „das Vorwissen der Beobachter“ 8 geknüpft sind.
Die Perspektive über die Entwicklung der Lebensspanne 9 ist am häufigsten vertreten, wenn die Großelternschaft in den Blick gefasst wird. Weiterhin nennt Smith noch weitere interdisziplinäre Blickwinkel, mit deren Hilfe auch Soziologen das Thema Großelternschaft zu betrachten versuchen:
5 Smith 1991: 11f.
6 Kelle 1994: 118
7 Kelle 1994: 119
8 A.a.O.
9 Vgl. Smith 1991
4
Another theoretical perspective is that of psychoanalysis. […] Evolutionary biology provides a perspective which is potentially very comprehensive but also seemingly from particular aspects of grandparenthood. 10
Zunächst möchte ich der Frage nachgehen, was man soziologisch unter einer Großmutter und einem Großvater versteht. Großmutter beschreibt Göckenjan (2000) als eine „Integrationsfigur, die auf häusliche Geborgenheit und emotionale Beziehungen ausgerichtet ist“. Die Großmutter entstand aus dem Gegenbild „einer bösen Alten.“ 11 Göckenjan versteht den Wandel der Großmutter als parallele Entwicklung des Rollenwandels der Frau in der Neuzeit. 12 Worin der Rollenwandel der Frau liegt, erwähnt Lüscher jedoch nicht. Demnach könnte man Lüschers These an dieser Stelle als Spekulation bezeichnen, denn er liefert keine Nachweise, dass die Entwicklung von neuzeitlicher Frau und der Wandel des Großmutterbildes parallel verlaufen. Man kann Göckenjans Ausführungen so deuten, dass Mitte des 19. Jahrhunderts die Oma noch recht autoritär war und heutzutage die Rolle der Großmutter eher liberal ist. Auch Smith (1991) spricht über eine wenig mit Autorität verbundene Rolle der Oma. 13 Die Großvaterrolle bildete sich vor allem durch die Regelungen zum Ruhestand heraus. 14 Die gesetzliche Alterssicherung ist demnach eine elementare Rahmenrichtlinie für die Großelternschaft im Allgemeinen. Anzumerken gilt es, dass weder Chvojka noch Lüscher eine eindeutige Definition für Großvater haben. Denn Lüscher schreibt, das Bild vom Großvater sei „blass“ 15 , woraus sich schließen ließe, dass es noch keine einheitliche Definition des Großvaters gibt. Wahrscheinlich ist dies eines der Forschungsfelder der Soziologie, die es noch auszubauen gilt. Wenn es schon bei der Definition der Subjekte dieses Themas Unklarheiten gibt, so weist dies mit großer Wahrscheinlichkeit darauf hin, dass wenige sich in der Vergangenheit mit diesem Thema auseinandersetzten. Gründe hierfür können die bereits vermutete zu starke Konzentration auf die Großmutterrolle sein oder der Grund ist, dass dieses Mitglied der Gesellschaft äußerst komplex und schwer zu definieren ist. Auf Grund des Mangels einer Definition des Großvaterbegriffes in der Soziologie konsultierte ich Wörterbücher damaliger und heutiger Gegenwartssprache. Meine Absicht war hierbei herauszufinden, ob sich eventuell unterschiedliche Beschreibungen der Wörter Großmutter, Großvater und Großelternschaft finden lassen, und dadurch ein Wandel erkennbar
10 Smith 1991: 12
11 Göckenjan 2000: 201
12 Vgl. Lüscher 2008
13 Vgl. Smith 1991: 6 und siehe Punkt 3.1.1
14 Vgl. Chvojka 2003
15 Lüscher 2008: 35
5
ist. Dies ist zwar eine sprachwissenschaftliche Perspektive, dennoch spiegelt diese wohlmöglich das wider, was die damalige und heutige Sprachgemeinschaft unter den Begriffen verstanden beziehungsweise verstehen.
Etwas Wesentliches stellte Hermann Paul (1992) fest, wenn er sagt, dass die Bezeichnung Großvater sowie Großmutter sich „vom Norden her“ 16 ausbreiteten. Dies kann ich durch die Recherche mit Hilfe sämtlicher Wörterbücher bestätigen, denn im „Bayerischen Wörterbuch“ von F. Andreas Schneller um 1872 findet sich kein Eintrag zum Großvater, -mutter oderelternschaft.
Die älteste Quelle, die mir zur Verfügung stand und einen Eintrag zum Großvater bietet, ist das „Wörterbuch der deutschen Sprache“ von Joachim Heinrich Campe aus dem Jahre 1808. Man kann davon ausgehen, dass die darin verfassten Artikel auch noch den Sprachgebrauch des ausgehenden 18. Jahrhunderts widerspiegeln. Dort erfährt man, dass Großvater höchstwahrscheinlich vom französischen „grand-père“ 17 stammt und den Vater des Vaters oder der Mutter bezeichnet. In den meisten Wörterbüchern geben die Autoren eine Quelle an, die den Gebrauch des Wortes Großvater in einem bestimmten Kontext nachweist. So heißt es in Dürrenmatts „Grieche“: „Es wimmelte von sonntäglichen Spaziergängern, von [...] Großvätern mit herausgeputzten Enkeln.“ 18 Mit Großvater würde auch eine Zeit in Verbindung gebracht, in der „alles noch ganz anders war.“ 19 Auch die Überholtheit mancher Dinge wird mit dem Begriff Großvater - ein alter Mann mit Gewohnheiten - verbunden. Friedrich Ludwig Karl Weigand nimmt 1878 bereits eine genaue Datierung vor, wann das Wort Großvater erstmals sprachgeschichtlich aufgetaucht sei - nämlich im 15. Jahrhundert (1401). 1890 heißt es bei Moriz Heyne im Deutschen Wörterbuch „grosz“ hieße soviel wie „erwachsen“ und „aus Kindern [werden] grosze Leute.“ 20 In Trübners Deutschem Wörterbuch von 1939 erfährt man, dass sich das „groß“ sowohl auf das Alter, als auch auf den Rang einer Person beziehen kann. 21 Jacob und Wilhelm Grimm fanden Hinweise in Redewendungen, wie „ich kleide mich noch nach der mode meiner großväter“ und zur Bezeichnung von ranghohen Personen solche wie „graff Otto hatt [...] zum groszhervattern den theuren heldt graff Johan.“ 22 Doch merken Grimms an, dass der „Großvater“ freier mit Vorfahr oder Ahnherr übersetzt werden kann. Auch als Anrede diente das Wort. Ein interessantes Sprichwort, welches die Grimms sammelten gibt auch noch einmal zu
16 Paul 1992: 372
17 Campe 1808: 1598
18 Dürrenmatt zitiert nach Dudenredaktion 1991: 1598
19 Campe 1808: 1598
20 Heyne 1890: 1257
21 Vgl. Trübner 1939: 246
22 Spangenberg zitiert nach Grimm et al. 1991: 586
6
Arbeit zitieren:
st. rer. phil. Tom Kräplin, 2009, Oma- und Opatypen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der Profilpass - ein ressourcenorientiertes Methodenkonzept
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Hausarbeit, 20 Seiten
Immanuel Kant und die Aufklärung
Eine Analyse seines Aufsatzes:...
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Die Mehrgenerationenperspektive und das Genogramm
Referat (Ausarbeitung), 36 Seiten
cand. Tom Elias Kräplin's Text Oma- und Opatypen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
cand. Tom Elias Kräplin hat den Text Oma- und Opatypen veröffentlicht
cand. Tom Elias Kräplin hat einen neuen Text hochgeladen
Outlines & Highlights for Lenses: Applying Lifespan Development Theori...
Cram101 Textbook Reviews
Das Schloß der Kinderfrau - Kleine Beiträge zur Literatur des 19. Und ...
Kleine Beiträge zur Literatur ...
Helmuth Nürnberger
Action and Self-Development: Theory and Research Through the Lifespan
Jochen Brandtstadter, Richard M. Lerner
0 Kommentare