1. Einleitung 4
1.1 Thema und Zielsetzung der Arbeit 4
1.2 Begriffserläuterungen 7
2. Von der Ukraine in die USA -Porträt des Heimat- und des Ziellandes 9
2.1 Einige relevante Abschnitte der ukrainischen Geschichte 9
2.1.1 Kiewer Rus 9
2.1.2 Polnisch-litauische Herrschaft 10
2.1.3 Saporoger Kosaken 12
2.1.4 Ukrainische Volksrepublik 13
2.1.5 Stalinismus und Zweiter Weltkrieg 14
2.1.6 Zerfall der Sowjetunion und Gründung des ukrainischen Staates 16
2.1.7 Orangene Politik 2004 bis heute 17
2.2 Das Einwanderungsland USA 18
3. Der Prozess der Einwanderung von Ukrainern in die USA 21
3.1 Anfänge der ukrainischen Einwanderung in die USA 21
3.2 Erste Einwanderungswelle in die USA 22
3.3 Zweite Einwanderungswelle in die USA 25
3.4 Dritte Einwanderungswelle in die USA 26
3.5 Vierte Einwanderungswelle in die USA 27
4. Der Prozess der Integration von ukrainischen Immigranten in die Gesellschaft 28
der USA
4.1 Theorien der Integration 28
4.2 Integrationspolitik der USA 36
4.3 Der Assimilationsprozess als Aspekt der Integration der Ukrainer in den USA 39
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4.4 Der aktuelle Stand der Integration der ethnischen Ukrainer in den USA 44
5. Die Bewahrung der nationalen Identität der ethnischen Ukrainer in den USA 45
5.1 Das nationale Selbstverständnis und der Prozess der Identitätsfindung 45
5.2 Bewahrung der ukrainischen Kultur im Zielland USA 49
5.2.1 Ukrainische Sprache 49
5.2.2 Ukrainische Religion 50
5.2.3 Ukrainische Traditionen 53
5.2.4 Ukrainische Kunst 54
5.3 Ukrainische Einrichtungen und Organisationen in den USA 55
5.3.1 Ukrainische Schulen 55
5.3.2 Ukrainische Universitäten 56
5.3.3 Ukrainische Bildungsorganisationen 57
5.3.4 Ukrainische Medien 58
5.3.5 Ukrainische soziale und politische Organisationen 59
6. Das Konfliktpotenzial des Assimilationsprozesses ukrainischer Immigranten 59
in den USA am Beispiel des Romans „When Luba Leaves Home“ von I. Zabytko
7. Auswertung aktueller Umfragen unter ausgewählten ukrainischen 63
Einwanderern in den USA
8. Schlussbetrachtung/Summary 64
Anhang 72
Bibliographie 84
Primär- und Sekundärliteratur 84
Aufsätze und Artikel 86
Internetseiten 86
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1. Einleitung
1.1 Thema und Zielsetzung der Arbeit
In einer globalisierten Welt, die gekennzeichnet ist durch digitale Vernetzung, grenzenlosen Austausch von Menschen, Warenströmen und Informationen, die ungeahnte Möglichkeiten hinsichtlich Bildung, Erfahrungsaustausch, dem Kennenlernen und Verstehen von Neuem und Fremdem bietet, darf keinesfalls übersehen werden, dass diese moderne, hoch technologisierte Welt für viele Menschen auch Gefahren birgt. Es wird immer deutlicher, dass ein Großteil der Herausforderungen, wie Hunger, Armut, Klimawandel und Umweltzerstörung, der sich die Menschheit im 21. Jahrhundert stellen muss, vor allem von den reichen Ländern auf Kosten der Armen verursacht werden und diese Herausforderungen nur zu bewältigen sind, wenn die Lösungsansätze für diese globalen Probleme auch im globalen Kontext gesucht werden. Völkerwanderungen und Migration auf Grund von wirtschaftlichen sowie politischen Zwängen und Kriegen hat es von jeher gegeben. Heute leben auf der Erde etwa 1 6,7 Milliarden Menschen, davon 1,1 Milliarden in extremer Armut. Es wird damit gerechnet, dass die Migrationbewegungen in den kommenden Jahren extrem zunehmen werden. Vor diesem Hintergrund spielt die Verständigung der Völker untereinander, gegenseitiges Verständnis sowie Akzeptanz von Anderssein und Fremdem eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Wenn Menschen ihre Heimat verlassen und in ein zunächst fremdes Land emigrieren, bedeutet das in vielerlei Hinsicht einen völligen Neuanfang. Dabei steht der Versuch, die eigene nationale und kulturelle Identität zu bewahren und Traditionen zu pflegen, der Notwendigkeit gegenüber, vertraute Gewohnheiten aufzugeben, sich mit Neuem auseinanderzusetzen und sich anzupassen. In der vorliegenden Arbeit nun soll der Versuch unternommen werden, die Strategien zu untersuchen, die ukrainische Einwanderer in den USA in der Vergangenheit bis heute unternommen haben, um sich in diesem Spannungsfeld zurecht zu finden. Was bedeutet eigentlich Integration und ist sie überhaupt erstrebenswert? In wie weit ist den ukrainischen Einwanderern gelungen, sich in die Gesellschaft der Vereinigten Staaten zu
1 Deutsche Stiftung Weltbevölkerung unter:
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integrieren, ohne dabei ihre kulturelle und nationale Identität aufs Spiel zu setzen? Dies sind die Kernfragen, auf die in dieser Arbeit versucht werden soll, Antworten zu finden. Ein Überblick über einige wichtige Abschnitte der ukrainischen Geschichte soll zunächst dazu dienen, einerseits die Hintergründe zu beleuchten, die die ukrainischen Auswanderer dazu veranlassten oder zwangen, das Leben in ihrer angestammten Heimat aufzugeben und gegen eine ungewisse Zukunft in einem fernen, relativ unbekannten Land einzutauschen. Andererseits soll mit dieser Darstellung der schwierige Prozess und das Ringen um die Herausbildung einer ukrainischen nationalen Identität historisch untermauert werden. Eine kurze Darstellung der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika stellt darauf hin das Einwanderungsland vor. Da die ukrainischen Einwanderer in
den USA zu jeder Zeit andere Motive für ihr Fortgehen hatten und auch im Zielland auf immer andere Bedingungen stießen, wird auf diese Umstände bei jeder der vier in der Vergangenheit stattgefundenen Schübe der Auswanderung, die auch als
Auswanderungswellen bezeichnet werden, untersuchend eingegangen. Die ersten drei dieser vier Wellen sind relativ gut erforscht und dokumentiert. Für die vierte Welle jedoch, die bis heute andauert, steht Literatur nur in äußerst begrenztem Umfang zur Verfügung. Daher sollen Daten des US-Census Bureau sowie Online-Zeitschriften und Webseiten der ukrainischen Diaspora verwendet werden.
Die Kapitel vier und fünf bilden den analytischen Schwerpunkt dieser Arbeit. Um die Einwanderungspolitik dahingehend zu gestalten, dass Eingliederungsprozesse möglichst effektiv und konfliktarm ablaufen, aber auch Visionen für eine gemeinsame, auf die spezifische US-amerikanische Vielvölkerstaatlichkeit zugeschnittene Zukunft zu entwickeln, wurden in der Vergangenheit immer wieder Theorien zur Integration aufgestellt. Die wichtigsten sollen hier vorgestellt sowie auf ihre heutige Berechtigung hin überprüft werden. Anschließend wird ein Einblick in die Integrationspolitik der USA gegeben, um zu untersuchen, welche Anstrengungen die Gesellschaft des Aufnahmelandes unternahm und unternimmt, um Immigranten bestmöglich einzugliedern. Nicht zu jeder Zeit waren alle Einwanderer gleichermaßen erwünscht, und Diskriminierung ist auch heute noch trotz großer Bemühungen in der Vergangenheit um Gleichberechtigung ein nicht zu unterschätzender Faktor im US-amerikanischen Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen.
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Im Anschluss wird untersucht, welche der zuvor genannten Faktoren in Vergangenheit und Gegenwart die wesentliche Rolle beim Assimilationsprozess der ukrainischen Einwanderer spielten. In wie weit decken sich die zuvor erläuterten Theorien mit den Erfahrungen der ukrainischen Immigranten und welchen speziellen Schwierigkeiten waren und sind gerade durch die Vertreter dieser Nationalität zu überwinden? Den Gegenpol zur Anpassung an die Aufnahmegesellschaft bildet die Bewahrung der nationalen Identität der Ukrainer und ihres kulturellen Erbes, das im Kapitel fünf erforscht werden soll.
Mit dem Thema ukrainische Einwanderung in den USA haben sich in der Vergangenheit nicht nur Wissenschaftler befasst. Es ist auch vor allem von selbst betroffenen Autoren dazu ein beträchtliches Maß an Literatur erschienen. Daher wird in Kapitel sechs die Perspektive gewechselt und eine epische Quelle für die Untersuchung der Kernfragen dieser Arbeit herangezogen. Der Roman „When Luba Leaves Home“ der in den USA lebenden Ukrainerin Irene Zabytko, der auf eigenen Erfahrungen der Autorin beruht, bietet im Gegensatz zu den Integrationstheorien Einblicke in die lebendigen äußeren Umstände und damit verbunden psychologischen und emotionalen Konflikte, denen ukrainische Einwanderer und deren Nachkommen auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft der Vereinigten Staaten ausgesetzt sein können. Nicht zuletzt sind gerade Vertreter der ukrainischen Nation die Protagonisten der Untersuchungen, da die Ukraine meine Heimat ist und ich als Ukrainerin, die selbst im Ausland lebt, mit einer Reihe von Problemen konfrontiert war und bin, die auch meine Landsleute überall in der Diaspora betreffen. Außerdem habe ich durch diese Tatsache persönliche Erfahrungen mit den Verhältnissen in einem Auswanderungsland. Als Einwanderungsland der ukrainischen Immigranten wurden hier die Vereinigten Staaten von Amerika gewählt, da sie als klassisches Einwanderungsland schlechthin gelten, in dem sich viele sehr verschiedene ethnische Gruppen miteinander arrangieren mussten und müssen und das Finden von gangbaren Wegen für ein konstruktives Miteinander zum Erfahrungsschatz dieser großen, multikulturellen Nation gehört. Zudem kann ich auch hier auf persönliche Kontakte zurückgreifen, da ein Teil meiner eigenen, ukrainischen Verwandtschaft seit Jahren in den Vereinigten Staaten lebt. Daher bot es sich an, auch diesen Personenkreis in die Untersuchungen einzubeziehen. Zwölf Probanden gaben in Fragebögen Auskunft über ihren Integrationsstand.
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1.2 Begriffserläuterungen
Bevor mit den Ausführungen zum Thema begonnen wird, soll an dieser Stelle noch auf einige Bezeichnungen und Begriffe eingegangen werden, die einer Erklärung oder zusätzlichen Erläuterung bedürfen. Die in den deutschen Texten vorkommenden englischen Begriffe und Bezeichnungen werden durchgängig kursiv englisch benutzt. Die Bezeichnungen Immigrant und Einwanderer sowie Emigrant und
Auswanderer werden in dieser Arbeit alternierend ohne Bedeutungsunterschied gebraucht. Die Bezeichnung émigré kommt aus dem Französischen und steht für eine Person, die ihr Land aus vorwiegend politischen Gründen verlassen hat. Ursprünglich wurde dieser Begriff für die französischen Aristokraten, die während und nach der Französischen Revolution geflohen waren, benutzt (Goetz, 1985, 475). In den zur Verfügung stehenden literarischen Quellen wird diese Bezeichnung auch für die russischen bzw. ukrainischen Emigranten, die der russischen Revolution entflohen waren, gebraucht. Displaced Person (DP) ist eine Person, die „nicht an diesem Ort beheimatet ist“. Diesen Begriff prägten Verwaltungsgremien der westlichen Alliierten für Zivilpersonen, aber auch Kriegsgefangene, die während des Zweiten Weltkrieges aus den unterschiedlichsten Gründen ihr Herkunftsland verlassen mussten und die es ab 1945 zu repatriieren galt. In erster Linie betraf dies aber Personen, die aus allen Teilen Europas gewaltsam nach Deutschland verschleppt und hier zur Zwangsarbeit genötigt worden waren. Hinzu kamen Menschen, die die Konzentrationslager überlebt hatten und solche, die es infolge von Vertreibung und Katastrophen nach Deutschland verschlagen hatte. Den größten Anteil der DPs stellten Polen und Angehörige der damaligen Sowjetrepubliken, Ukrainer eingeschlossen. Am Ende des Krieges gab es in Deutschland etwa acht bis zehn Millionen DPs, die, überwiegend in Lagern versorgt, ihrer Rückkehr in die 2 Herkunftsgebiete entgegen sahen.
Ethnische Gruppen (griechisch ethnos = Volk; ethnikós = zum Volke gehörend, dem Volk eigentümlich). Der Begriff Ethnizität bezeichnet die individuell empfundene Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe, die durch gemeinsame Merkmale wie Sprache, Religion, Traditionen und Geschichte gekennzeichnet ist. Man spricht im gleichen Zusammenhang auch vom Konzept einer Personengruppe, die aufgrund gemeinsamer Herkunft und kultureller Wurzeln eine Gruppenidentität entwickelt. Äußerliche Merkmale
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Geschichtsatlas unter:
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sind beispielsweise die bewusste Pflege und Erhaltung von Sitten und Gebräuchen, Sprache, Kleidung, aber auch gemeinsame Wertvorstellungen und das Festhalten an religiösen Glaubensvorstellungen und Ritualen (Han, 2006, 28f.). Ethnizität wird generell als Prozess gesehen, und Gruppenidentität verändert sich mit der Entwicklung oder dem Verfall der Gruppe (Lalande 2006, 18). Die Definition des Terminus ethnic group hat sich im Laufe der Zeit ebenfalls verändert. Seine unterschiedlichen Definitionen reflektieren eine andauernde soziale Debatte (Stavenhagen in Jandt, 1995, 12). Verändert hat sich auch die Schreibweise, die sich auf die ethnischen Gruppen bezieht. Wo früher von hyphenated Americans gesprochen wurde (die Amerikaner mit Bindestrich) wie z.B. Ukrainian-American, ist es jetzt üblich, den Bindestrich weg zu lassen, also Ukrainian American zu schreiben, um das Wort Ukrainian somit als Adjektiv zu benutzen und auszudrücken, dass derjenige Amerikaner ukrainischer Abstammung ist. Das ist eine Veränderung, die die Betonung mehr darauf ausrichtet, was Amerikaner gemeinsam haben als auf das, was Gruppen voneinander unterscheidet (Collier & Thomas in Jandt 1995, 12). Da der Terminus Diaspora in seiner Bedeutung für diese Arbeit eine wesentliche Rolle spielt, soll hier neben einer allgemein begrifflichen Erläuterung auch der Bezug zur ukrainischen Diaspora hergestellt werden. Auch der Begriff Diaspora ist griechischen Ursprungs und bedeutet soviel wie „Zerstreuung“, „Verbreitung“ und meint die Auflösung bzw. Zerteilung eines Ganzen in einzelne Bestandteile ohne deren weitere Beziehung zueinander (Mayer, 2005, 8). Nach dem Untergang des Reiches Juda 586 v.Chr. erfuhr der Begriff einen Bedeutungswandel und bezeichnete nun die in Folge Krieg und Vertreibung entstandenen geschlossenen jüdischen Siedlungen im babylonischen Exil, die in den folgenden Jahrhunderten weitere Verbreitung fanden: die jüdische Diaspora. Im Verlaufe der geschichtlichen Entwicklung fand der Begriff „Diaspora“ auch Eingang in den christlichen Sprachgebrauch und umschreibt heute im Allgemeinen die Lebenssituation und den Lebensraum religiöser oder ethnischer Gruppen, die aus den unterschiedlichsten Gründen ihr Heimatland verlassen mussten oder auch freiwillig verließen, um, verstreut über weite Teile der Welt, im jeweiligen Gastland eine Art zweite Heimat zu finden bzw. zu bilden und zu gestalten (Kokot, 2004, 2f.).
Diasporische Gemeinschaften zeichnen sich, auch über Generationen hinweg, durch das Bemühen aus, ein kollektives Gedächtnis an das Ursprungsland zu bewahren und an den gemeinsamen Wurzeln, oft religiös bestimmt, fest zu halten. Die Idealisierung des
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Ursprungslandes, seiner Geschichte und seiner Errungenschaften geht nicht selten einher mit der oftmals utopischen Vorstellung von einer zukünftigen Rückkehr in die angestammte Heimat.
Ein wichtiges Merkmal diasporischer Enklaven ist die selbst organisierte Herausbildung von Strukturen als Grundlage für ein funktionierendes Gemeinwesen mit all seinen kulturellen, sozialen, religiösen, ökonomischen und politischen Aspekten, außerdem der Aufbau von Kontakten zu Landsleuten über Grenzen hinweg durch transnationale Netzwerke und ganz besonders die Pflege von Beziehungen zum ursprünglichen Heimatland.
Nach Satzewich bezeichneten sich die nach dem Zweiten Weltkrieg im Ausland lebenden Ukrainer als entweder „in der Emigration“ lebend oder als „eine Immigration“. Die Sowjets benutzten den Terminus Diaspora als Bezeichnung für die ukrainischen émigré nationalists, die zum Sturz des Sowjetregimes und zur Befreiung der Ukraine aufriefen, um diese in Misskredit zu bringen. Allerdings fühlten sie sich dadurch keineswegs verletzt und identifizierten sich bald damit, so dass die Bezeichnung seit den späten 1980er Jahren zum täglichen Sprachgebrauch der Ukrainer, die permanent im Ausland leben, sich jedoch noch mit ihrem Heimatland identifizieren, gehört (Satzewich 2008, 8). Die ukrainische Diaspora verteilt sich über fast alle Länder der Welt. Die zehn Länder mit der größten Anzahl ukrainischstämmiger Einwohner sind in Tabelle 1 ersichtlich.
Integration und Assimilation sind zwei weitere für diese Arbeit äußerst entscheidende Begriffe. Da beide Termini im Laufe der Zeit eine Entwicklung innerhalb der Integrationstheorien erfuhren, wird auf beide gesondert im Kapitel 4.1 eingegangen. 2. Von der Ukraine in die USA - Portraits des Heimat- und des
Ziellandes
2.1 Ausgewählte Abschnitte der ukrainischen Geschichte
2.1.1 Die Kiewer Rus ( 10.-13. Jh. )
In der vorliegenden Arbeit gilt es die Einwanderung der ukrainischen Immigranten in die USA im Spannungsfeld zwischen der Bewahrung ihrer nationalen Identität und der Integration in die Gesellschaft des Gastlandes zu untersuchen. Um jedoch verstehen zu können, welche Gründe zur Auswanderung führten und welche bewahrenswerten Elemente
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Ukrainer als Teil ihrer nationalen Identität ansehen, ist es unerlässlich, einen Blick auf die Geschichte der Ukraine zu werfen. Dies verdeutlicht, wie und wodurch sich eine ukrainische Identität ausprägen konnte.
Bereits im neunten Jahrhundert stiegen die Waräger (normannische Krieger und Kaufleute aus Skandinavien) von einer dünnen Oberschicht als Beherrscher der zerstrittenen ostslawischen Stämme zu den Gründern eines slawischen Reiches auf, das seinen Hauptsitz im Jahre 882 von Nowgorod nach Kiew verlegte und wahrscheinlich von diesen Skandinaviern den Namen Rus erhielt (Boeckh, Völkl, 2007, 24). Diese Bezeichnung geht möglicherweise auf die Einwohner der Rus-Ukrajina zurück, die Rusyny genannt wurden. Im Hochmittelalter ist aus dem Lateinischen der Name Ruteni (Ruthenen) bekannt, der bis heute in der Westukraine erhalten blieb.
Im Jahre 988 ließ sich der Großfürst Volodymyr der Heilige, (980-1050) nach byzantinischem Ritus taufen, um die Tochter des byzantinischen Kaisers Basileios ehelichen zu können. Dieses Ereignis wurde zum Grundstein der Christianisierung der Rus, die Voraussetzung für die Anerkennung durch andere christliche Reiche und trug so zum Erstarken der Kiewer Rus bei. Kirchensprache wurde das Altkirchenslawische, das über bulgarische Einflüsse in die Rus einging. Durch Jaroslav den Weisen (1036-1054) und seine geschickte Heiratspolitik mit führenden europäischen Herrscherhäusern gelangte das Kiewer Reich dann zu seiner Blütezeit (Boeckh, Völkl, 2007, 25). Die Zersplitterung in einzelne Fürstentümer, komplizierte Nachfolgeregelungen, vor allem aber der ständige Kampf gegen die aus dem Osten anrückenden Mongolen und die damit verbundene vollkommene Zerstörung Kiews durch den Mongolenführer Chan Batu (1205-1256) im Jahre 1240 besiegelte den Niedergang der Kiewer Rus (Boeckh, Völkl, 2007, 26).
2.1.2 Die Polnisch-litauische Herrschaft (14.-18. Jh. )
Vom 14. bis zum 16. Jahrhundert stand das ehemalige Fürstentum Galizien-Wolhynien unter der Herrschaft Litauens, Polens und Ungarns. Polen regierte den Teil Wolhyniens, den Kasimir der Große schon 1349 erobert hatte. Litauen besetzte Wolhyniens Nordteil, dehnte seinen Herrschaftsraum aber noch weiter Richtung Osten aus und eroberte sogar Kiew von den Tataren. Das heutige Weißrussland und die meisten ukrainischen Fürstentümer gelangten so unter litauische Herrschaft. Eine genaue Übersicht findet sich in der Abbildung 1 dieser Arbeit. Die Litauer übernahmen viele Sitten und Gebräuche von
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ihren neuen Untertanen. So wurde die geltende Amtssprache das Ruthenische (Ukrainische). Der ukrainisch-ruthenische Adel hingegen, in den von Polen regierten Gegenden, wurde zum Katholizismus gezwungen (Boeckh, Völkl, 2007, 30). Im Jahre 1569 veränderte sich die politische Konstellation dadurch gravierend, dass sich Polen und Litauen in einer Realunion vereinigten und alle ukrainischen Gebiete unter ukrainisch-polnische Verwaltung gestellt wurden. Der Adel war im Gesamten Reich fast ausschließlich zum Katholizismus übergetreten. Die Bauern jedoch, die wie in ganz Europa immer mehr der Knechtschaft der Grundbesitzer verfielen, hielten an ihrem orthodoxen Glauben fest - auch an ihrer Sprache, dem Ukrainischen. Der orthodoxe Glaube wurde immer mehr zurückgedrängt. Orthodoxe Kirchenbauten wurden behindert, so dass die orthodoxe Geistlichkeit der katholischen bald an Bildung unterlegen war. Dieser soziale Konflikt weitete sich in der Folge zu einem nationalen Konflikt zwischen Polen und Ruthenen aus. In der zweiten Hälfte des 15. Jh. gehörte das ukrainische Staatsgebilde unter polnischer Herrschaft bereits zu einem der größten Europas. Das Volk jedoch, größtenteils aus geknechteten Bauern bestehend, litt unter der polnischen Vorherrschaft. Außerdem sahen sich die Ruthenen noch weiteren Gefahren ausgesetzt. Denn die Krimtataren, selbst mittlerweile unter osmanischer Herrschaft stehend, unternahmen jährlich Raubzüge Richtung Westen bis nach Polen hinein, von denen die in den östlichen Provinzen lebenden Ukrainer zuerst betroffen waren. Dörfer wurden geplündert und angezündet, die Bewohner ermordet, versklavt und verkauft (Lüdemann, 2001, 63).
Im Jahre 1595 kam es zu einer polnisch-litauischen Kirchenunion mit Papst Klemens VIII. Damit wurde der Versuch unternommen, der Diskriminierung der orthodoxen gegenüber den katholischen Gläubigen ein Ende zu setzen und so der konfessionellen Teilung der Ukrainer entgegenzuwirken. Dies gelang jedoch nur teilweise, da sich die orthodoxe Kirche nun spaltete und nur ein Teil davon der neuen, sogenannten unierten Kirche beitrat, die den Papst anerkannte, orthodoxe Riten jedoch beibehielt (Boeckh, Völkl, 2007, 31).
Diese Spaltung der Ukraine in den katholischen Westen und den orthodoxen Osten ist noch heute von nationaler Bedeutung, und die sich daraus ergebenden Diskrepanzen tragen unter anderem dazu bei, dass die Ukraine noch heute ein gespaltenes Land ist.
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2.1.3 Die Saporoger Kosaken
Der südliche Steppengürtel der heutigen Ukraine blieb lange Zeit unbesiedelt. Die wild-und fischreiche Gegend südlich der Stromschnellen des Dnepr wurde im 15. Jahrhundert jedoch immer mehr von Jägern und Sammlern besiedelt, die schon bald von Ackerbau, Jagd, Fischfang und Bienenzucht lebten. Die Inseln des Dnepr wurden für sie wichtige Rückzugsgebiete, um sich vor den marodierenden Tataren zu schützen. Die ständig wachsende Gemeinschaft dieser Jäger und Krieger gab sich selbst den Namen Kosaken, was im Tatarischen soviel wie „freie Krieger“ bedeutet. Die Kosaken erfuhren im Laufe der Zeit immer mehr Zulauf von durch Polen und Tataren tyrannisierten Bauern, die im freien Kosakenleben eine Alternative zu ihrem geknechteten Dasein sahen. Bald schon begannen sich diese Kosakenverbände zu organisieren, bis hin zu einer Art Selbstverwaltung mit beinahe demokratischen Zügen (Lüdemann, 2001, 64ff.). Als oberster Richter und Befehlshaber wurde durch einen Heeresrat, eine Vollversammlung, der Hetman eingesetzt, der auch abgewählt werden konnte. Frauen wurde eine höhere Stellung beigemessen, denn sie waren nicht nur als Hüterin von Haus und Hof unentbehrlich, sondern stiegen auch in den Rang von Hilfs-Soldatinnen auf, was sich durch häufige militärisch bedingte Abwesenheit der Männer ergab und zur Verteidigung der Behausungen äußerst effektiv war. In politischen Fragen allerdings wurde Frauen kaum Mitspracherecht gewährt.
Die unierte Kirche, die auf die Kirchenunion von Brest 1595 zurückging und den Papst als Oberhaupt anerkannte, wurde von den zu meist aus ostslawischen Gebieten stammenden Kosaken nicht toleriert und somit bekämpft. So ist es zu verstehen, dass sie in ihre Gemeinschaft ausschließlich Angehörige des orthodoxen Glaubens integrierten, darunter Moskowiter, Balten, Rumänen, Juden, Südslawen und Weißrussen. Einer der wichtigsten Kosakenführer war der charismatische Hetman Bohdan Chmelnyckyj (ca. 1595-1657), der 1648 einen Volksaufstand gegen die Polen anführte und in dessen Folge drei Wojewodschaften, nämlich Kiew, Tschernihiw und Braclav unter kosakische Herrschaft fielen. Ab 1649 wurde den Kosaken hier ein freies Leben zugesichert. Im Vertrag von Perejaslav 1654 unterstellten sich die Kosaken dem orthodoxen Zaren (Lüdemann 2001, 68f.).
Unter den russischen Zarenherrschaften wurden die Freiheiten der Kosaken immer weiter beschnitten. Katharina II. (die Große; 1762-1796) schaffte 1775 das freie
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Kosakentum endgültig ab. Adlige Kosaken wurden teilweise in den russischen Adel integriert oder in die reguläre Armee eingegliedert. Teile der Kosakenkriegerschaft siedelten in das Osmanische Reich über, andere verblieben als Kuban- und Schwarzmeerkosaken im Russischen Reich (Boeckh, Völkl, 2007, 35). Die „Kleinrussen“, wie die Ukrainer seit Ende des 17. Jahrhunderts immer häufiger genannt wurden, erfuhren in dieser Zeit eine Herabstufung. Die Landbevölkerung wurde in die Leibeigenschaft getrieben, eine Eigenständigkeit als Volk wurde den Ukrainern abgesprochen, die ukrainische Sprache zu einem Bauerndialekt des Russischen abgestempelt und von der Zarenregierung im weiteren Verlauf mehrmals in Kunst und Schrift verboten (Lüdemann 2001, 71).
2.1.4 Ukrainische Volksrepublik (1918 - 1920)
Nach dem Sturz der Zarenfamilie in Russland 1917 wurde durch den Zentralrat (Centralna Rada) in Kiew durch Verhandlungen mit der russischen Regierung eine ukrainische Autonomie erwirkt und in der Folge am 22. Januar 1918 die Ukrainische Volksrepublik (Ukrainska Narodna Respublika / UNR) ausgerufen. Allerdings war diese neugegründete UNR ein politisch und wirtschaftlich gesehen recht instabiles Staatsgebilde. Unterstützung fand sie ausschließlich in Teilen der städtischen Bevölkerung, die mehrheitlich aus Russen und Juden bestand. Bauern und aus dem Kriegsdienst heimkehrende Soldaten waren zwar an revolutionären Veränderungen interessiert, nicht jedoch an einer eher bürgerlich erscheinenden Republik (Lüdemann 2001, 74).
Eine existenzielle Bedrohung für die Dnepr-Ukraine kam aus Sowjetrussland. Zu Beginn des Jahres 1919 rückten Truppen der roten Armee gegen Kiew vor. Kurz vor deren Einmarsch verlagerte die Kiewer Regierung ihren Sitz zunächst nach Vinnycja und dann weiter nach Podolien. Sieben Monate bestand die von den Bolschewiki gegründete und von Kiew regierte „Ukrainische Sowjetische Sozialistische Republik“. Im Gegensatz zu den Entente-Staaten Russland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich, erkannten Deutschland und Österreich-Ungarn die UNR an. Nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk vom 9. Februar 1918, mit dem die kommunistische Regierung Russlands unter Androhung der Kriegsfortführung von Deutschland und Österreich-Ungarn gezwungen wurde, die Ukraine als unabhängigen Staat anzuerkennen, bekam die ukrainische Regierung gegen Lebensmittel- und Rohstofflieferungen umgehend militärische Unterstützung, mit deren Hilfe die Zentral- Rada ihren Sitz wieder nach Kiew verlegte und
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von dort aus auch regierte. Die nun von Berlin und Wien gesteuerte Militärveraltung war jedoch vor allem an der ökonomischen Ausbeutung der Ukraine interessiert, und die sozialrevolutionären Tendenzen der ukrainischen Rada liefen diesen Plänen zuwider. Kurzerhand wurde die Rada also am 28. April 1918 von Berlin gestürzt und stattdessen der ehemalige zaristische General Pavlo Skoropadskyj (1867-1939) als konservativer Vertreter einer meist russifizierten, grundbesitzenden Oberschicht als Hetman eingesetzt. Er sorgte unter deutscher Protektion für Ruhe und Ordnung im Lande sowie für die Durchsetzung deutscher Interessen. Mit der Niederlage der Mittelmächte im Herbst 1919 ging auch der Niedergang der Vormachtstellung Deutschlands und Österreich-Ungarns einher. Die oppositionellen Kräfte der ehemaligen Zentral- Rada bekamen nun wieder die Oberhand, die sich zu einer Zentralunion zusammengeschlossen hatten und restituierten am 14. Dezember 1918 die UNR. Innerukrainische Machtkämpfe, der Kampf gegen bolschewistische, russische Truppen, gegen Weißgardisten, ukrainische Anarchisten im Süden, gegen Polen im Westen, der Mangel an Streitkräften und an Organisation ließ die ukrainische Volksrepublik schon 1920 scheitern ( Boeckh, Völkl, 2007, 54ff.).
2.1.5 Stalinismus und Zweiter Weltkrieg
Als Sieger gingen aus dem Bürgerkrieg letztlich die Bolschewiki hervor, und mit der Gründung der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik am 10. März in Charkow und der Angliederung im Dezember 1922 an die UdSSR erlebte mit Lenins „Neuer Wirtschaftpolitik“ (NEP) die Ukraine zunächst eine Verbesserung der Lebensverhältnisse. Auch die ukrainische Kultur blühte in dieser Zeit kurz auf. Doch schon im Jahre 1928 gab Stalin die Losung vom „örtlichen Nationalismus“ als Hauptgefahr für die sowjetische Nation aus und richtete seine Politik auf Kollektivierung der Landwirtschaft und Industrialisierung aus. Die Kulaken, die selbstständigen Bauern, wurden zum Nationalfeind erklärt und es begann die sogenannte „Entkulakisierung“, die zunächst aus Massendeportationen in Arbeitslager und Zwangsüberführungen in Kolchosen bestand. 1933/34 gipfelte diese Politik jedoch in einem grausam angelegten Massenhungertod an 6-7 Millionen ukrainischen Bauern, die ihrer landwirtschaftlichen Ressourcen beraubt wurden. Auch der größte Teil der ukrainischen Intelligenz fiel dem stalinistischen Terror zum Opfer (Lüdemann, 2001, 75).
Die dritte große Leidenszeit der ukrainischen Bevölkerung nach Bürgerkrieg und Stalinterror begann mit dem Einmarsch deutscher Truppen 1941 im zweiten Weltkrieg.
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Anfänglich gab es in der ukrainischen Bevölkerung, besonders in den gebildeten Schichten, durchaus Sympathien für die deutschen Besatzer, hoffte man doch auf eine endgültige Befreiung vom sowjetischen Terror. Diese Hoffnungen wurden jedoch sofort im Keim erstickt. Galizien wurde dem polnischen Generalgouvernement unterstellt, Bukowina, Bessarabien und Transnistrien dem rumänischen Verbündeten Deutschlands angegliedert, alle anderen Gebiete dem Reichskommissariat Ukraine unterstellt. Die deutschen Besatzer sahen in den Ukrainern lediglich sogenannte „Untermenschen“, die man sofort erschießen müsse, sollten sie es wagen, sich mit Deutschen auf eine Stufe zu stellen. In den Jahren 1943/44 hatte sich eine breite Partisanenbewegung gegen die deutschen Besatzer formiert, deren Kampf grauenvolle Racheaktionen seitens der Deutschen auslöste. Ganze Dörfer wurden samt Bevölkerung ausgelöscht, es kam zu Geiselerschießungen, Vergewaltigungen und Repressalien. Die Bauern wurden ausgepresst, und Tausende junge Menschen als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert.
Das schlimmste Leid widerfuhr der jüdischen Bevölkerung der Ukraine. Diese wurden sofort nach dem Einmarsch in Städte und Dörfer durch Massenerschießungen und großangelegte Pogrome vernichtet. Nach der Wannseekonferenz vom 20. Januar auf der die „Endlösung“ des „Judenproblems“ beschlossen worden war, folgte dann die Massenvernichtung in Todes- und Arbeitslagern.
Die unmenschliche Behandlung der Kriegsgefangenen der sowjetischen Streitkräfte war ein weiteres Massenverbrechen der deutschen Besatzer. Etwa die Hälfte dieser Kriegsgefangenen, zirka drei Millionen, kamen in Kriegsgefangenenlagern ums Leben, darunter viele Ukrainer. Kommunisten, Partisanen und Nationalisten wurden meist sofort erschossen.
Die deutsche Besatzungspolitik kostete laut sowjetischen Angaben von 1945 etwa 4,4 Millionen Bewohnern der Ukraine das Leben, darunter etwa 3,1 Millionen Zivilisten. Die westliche Historiografie kommt auf eine realistischer zu betrachtende Zahl von zwischen 5,3 und 5,5 Millionen (Boeckh, Völkl, 2007, 122). Über 700 Städte und 28 000 Dörfer und Ortschaften wurden ganz oder teilweise verwüstet. Somit hatte die Ukraine die schwersten Schäden des zweiten Weltkrieges zu tragen. Im Winter des Jahres 1946/47 kam es, ausgelöst durch eine Dürre, zur letzten der drei sowjetischen Hungerkatastrophen in der Ukraine, die zirka 1,2 Millionen Menschen das Leben kostete.
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Gleich nach dem Sieg gab Stalin die Weisung, erneute „nationalistische Abweichungen“ in der Ukraine ausfindig zu machen. Nikita Chruschtschow, der ukrainische Parteichef war dafür verantwortlich. Erneute „Säuberungen“ begannen, die wiederum in der Bevölkerung Angst und Schrecken verbreiteten. Kriegsheimkehrer, die aus deutschen Gefangenen- und Arbeitslagern nach Hause kamen, wurden oft ohne jeglichen Beweis der Kollaboration mit dem Feind bezichtigt und in Gulags, stalinistische Zwangslager, deportiert. Zirka 1,44 Millionen Ukrainer verweigerten 1952 der sowjetischen Repatriierungsbehörde zufolge die Heimkehr aus dem Ausland. Dort hatten sich die grausamen Filtrationsverfahren der Sowjets herumgesprochen. Erst nach Stalins Tod 1953 ebbte der Terror endlich ab. 2.1.6 Der Zerfall der Sowjetunion und die Gründung des ukrainischen Staates
Als Michael Gorbatschow 1985 das Amt des sowjetischen Staatschefs antrat und seine Politik auf Glasnost (Transparenz) und Perestroika (Umbau) ausrichtete, ahnte niemand, auch er selbst wahrscheinlich nicht, welch weitreichende Folgen dies für die gesamte Sowjetunion und somit auch für die Ukraine haben würde. In Moskau und vielen Sowjetrepubliken kam es sehr schnell zu Demonstrationen und
Unabhängigkeitsbestrebungen, während solche Bestrebungen durch die eiserne Hand der Scerbyckyj- Regierung in Kiew erfolgreich im Zaum gehalten wurden. Möglicherweise hätte diese Regierung noch viel länger Bestand gehabt, wenn es nicht in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 zu einem folgenreichen Unfall in dem 130 Kilometer nördlich von Kiew gelegenen Kernkraftwerk Tschernobyl gekommen wäre. Die Zahl der durch diesen Störfall zu beklagenden Todesopfer wird von verschiedenen Institutionen unterschiedlich hoch angegeben und schwankt zwischen 4000 bis zu mehreren Hunderttausend (Boeckh, Völkl, 2007, 187). Durch Spätfolgen ausgelöste Krankheiten und Todesfälle sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Trotz der Strahlenbelastung wurde eine Woche nach der Katastrophe in Kiew noch die Maiparade abgehalten, Evakuierungen verschleppt, wichtige Präparate wie Jod zur Hemmung der Aufnahme von Radioaktivität zu spät verteilt. Durch diese Vereitelungspolitik der Sowjet- und der Scerbyckyj- Regierung und die daraus resultierenden Folgen, die das private und öffentliche Leben in der Ukraine hart erschütterten, war die Bevölkerung nun so stark sensibilisiert, dass politische Umwälzungen die Folge waren. Besonders im Westen der Ukraine und in Kiew entstanden zunächst illegale Vereinigungen, die demokratische Ziele vertraten. Aktionen wie
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Demonstrationen, Streiks und Menschenketten breiteten sich nun über die gesamte Ukraine aus und zwangen im Herbst 1990 die Regierung zum Rücktritt. Am 24. August 1991 verkündete das ukrainische Parlament dann die Unabhängigkeit des Staates Ukraine (Lüdemann, 2001, 83). Erster freigewählter Präsident wurde Leonid Kravtschuk, dessen Politik als gemäßigt galt, jedoch nicht die nötigen radikalen Reformen einleitete. Die kommunistische Mehrheit des Parlaments verhinderte Neuwahlen zur Bildung eines demokratisch legitimierten Parlaments bis 1994.
2.1.7 Orangene Politik 2004 bis heute
Der neue Präsident der Ukraine ging zunächst mit dem Schwung, den er durch den Rückenwind der orangenen Revolution erhalten hatte, ans politische Werk. Julia Tymoschenko wurde seine Premierministerin, die bezüglich der Reformpolitik zunächst eine harte Gangart vorlegte. Unter ihr wurden 18 000 Staatsangestellte entlassen, die in Korruption und Seilschaften verstrickt waren. Auch ging sie gegen die Oligarchen vor, die sich unter Kutschma bereichert hatten. Ausländischen Investoren wurden Steuervergünstigungen gestrichen, was sich negativ auswirkte. Die Inflation stieg in gewaltigem Ausmaße, da die Renten und Löhne erhöht worden waren (Boeckh, Völkl, 2007, 257ff.).
Diese Politik brachte in der eigenen Regierung starke Widersacher hervor und ließ sie schließlich am 8.9.2005 als Regierungschefin zu Fall kommen. Regierungsinterne Zerwürfnisse, innerparteiliche Machtkämpfe und der Widerstand der mächtigen Oligarchie verhinderten bislang spürbare strukturelle Verbesserungen. Als tatsächliche Erfolge, die die Orangene Revolution hervorbrachte, sind Pressefreiheit und ein weltweit anerkanntes Wahlsystem zu werten. Nach dem Fall der Ministerpräsidentin verbündete sich Juschtschenko mit der Partei Janukowytschs. Dieser wurde dann im August 2006 zum neuen Ministerpräsidenten gewählt und versuchte hier immer wieder durch Gesetzesänderungen die Macht des Präsidenten zu schwächen. Am 2.4. 2007 löste Staatspräsident Viktor Juschtschenko das Parlament auf. Im Ergebnis der Neuwahlen vom 30. September 2007 einigten sich Präsident Juschtschenko und Oppositionsführerin Tymoschenko auf ein Bündnis ihrer Parteien. Bei der Wahl wurde die Partei von Regierungschef Janukowytsch zwar stärkste Partei, doch da das Bündnis von Juschtschenko und Tymoschenko die Mehrheit der Sitze errang, konnte es die Regierung bilden. Diese auf schwachen Beinen stehende Koalition versucht den
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Spagat zwischen einer Politik, die sich von Russland nicht weiter abwendet hin zu einer mehr westlich orientierten Ausrichtung. So wird seit einiger Zeit eine EU- und eine NATO-Mitgliedschaft angestrebt.
2.2 Das Einwanderungsland USA
In diesem Kapitel soll ein kurzer Überblick über soziologische Entwicklungsprozesse, bedingt durch politische und ökonomische Ereignisse und Tendenzen vermittelt werden, wobei von deren Variationsbreite nur einige derjenigen für eine nähere Betrachtung ausgewählt werden, die für diese Arbeit von Relevanz sind, insbesondere das Verhältnis der Immigrantengruppen zur bei ihrer Ankunft schon existierenden amerikanischen Gesellschaft, die durch die Kultur der weißen protestantischen anglosächsischen Kolonisten dominiert war.
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind eine Nation von Einwanderern. Es gibt kein anderes Land in der Welt, das so durch seine Vielfalt von Völkergruppen mit deren mannigfaltiger Kultur geprägt ist. Die Situation, in der sich die Menschen in den USA befinden, kann nicht treffender zum Ausdruck gebracht werden als durch folgendes Zitat: We all either immigrated to the United States or are descended from someone who did. We proclaim the Latin phrase e pluribus unum (“from many, one”) on our coins that the many will see themselves as one, but you can ask if that is indeed true. (Jandt, 1995, 292).
Mit der Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch Kolumbus 1492 begann die permanente Einwanderung und darauf folgende Kolonialisierung zunächst der Ostküste von Europa aus vor allem durch Engländer, die als Kolonisten weitere Immigranten zuerst aus Europa (Deutsche, Iren, Franzosen und Italiener) anwarben, womit die größte Völkerwanderung in der Geschichte seinen Anfang nahm.. Bei diesen ersten Immigranten, die vorrangig aus Nordwest- und Mitteleuropa stammten, kam es im Laufe der Zeit und besonders mit der Declaration of Independence 1776 und der darauf folgenden American Revolution von 1776-1783 (Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg) mit der endgültigen Unabhängigkeit von Großbritannien, die bei vielen jungen Menschen einen Nationalstolz Amerikaner zu sein entwickelte, relativ schnell zu einer kulturellen Angleichung und Assimilation an die dominante angelsächsische, protestantische, von Männern dominierte Gesellschaft (Dinnerstein und Reimers, 2002, 1ff.).
Mit der Industriellen Revolution, die in Großbritannien im 18. Jahrhundert begann und sich über ganz Europa ausbreitete und den Folgeerscheinungen wie
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Arbeit zitieren:
Galyna Nolze, 2008, Ukrainische Einwanderer in den USA im Spannungsfeld zwischen der Bewahrung ihrer nationalen Identität und der Integration in die Gesellschaft der Vereinigten Staaten von Amerika , München, GRIN Verlag GmbH
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