INHALTSVERZEICHNIS
1. DIE RELEVANZ 3
2. DIE PROBLEMSTELLUNG 4
3. DER DISKURS 5
4. DER UMWELTSCHUTZ 7
5. DER UMWELTSCHUTZ IM DISKURS 8
6. BUDDHISTEN IM ENGAGEMENT - EINE FALLSTUDIE 10
7. DER ÖKOLOGISCHE DISKURS DES BUDDHISMUS 13
8. BUDDHISMUS UND NATURWISSENSCHAFT 22
9. DAS DILEMMA 24
10. MÖGLICHE LÖSUNGSSTRATEGIEN 27
11. AUSBLICK 30
BIBLIOGRAPHIE 33
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Das Dilemma des Buddhistischen Umweltschutzes
Buddhismus und Naturwissenschaft
“Buddhism is the strongest form of humanism we have. It can help us learn to live with responsibility, compassion, and loving kindness. Every Buddhist practitioner should be a pro-tector of the environment. We have the power to decide the destiny of our planet. If we awaken to our true situation, there will be a change in our collective consciousness. We have to do something to wake people up. We have to help the Buddha to wake up the people who are living in a dream.” - Thich Nhat Hanh 1
1. Die Relevanz
Klimakatastrophen, Tierseuchen, lebensgefährliche Abfallprodukte, Abgase, Strahlungsbelastungen oder verseuchte Gewässer sind aktuelle Themen, mit denen jeder einzelne Buddhist bzw. jede einzelne Buddhistin 2 auf der ganzen Welt konfrontiert wird. Sie betreffen unmittelbar die eigene Existenzgrundlage. Wird der einzelne Buddhist sich dieser kritischen Lage nicht bewusst, zerstört er weiterhin sein eigenes Dasein. Angesichts dieser Fakten ist es höchste Eile, dass er dezidiert handelt. Es gibt keinen Ausweg; er ist gezwungen, sich diesen umweltethischen Problemen zu stellen. Aber wie, wird er sich fragen. Wie soll er vorgehen? Die Prämissen, auf denen er eine buddhistische Umweltethik aufbauen könnte, sind zahlreich und zum Teil konträr. Unter dieser Pluralität an Prämissen die richtige zu finden, die notwendig ist, um eine „authentische“ buddhistische Umweltethik zu etablieren, ist die große Schwierigkeit der buddhistischen Umweltethik. Im Diskurs entdeckt sich der einzelne Buddhist in einem umweltethischen Dilemma. Ziel und Zweck die-
1 ThichNhat Hanh: The World We Have. A Buddhist Approach to Peace and Ecology. Berkeley, 2008. S. 5.
2 Im Folgenden soll aus Gründen der Einfachheit die männliche Form für beide Geschlechter stehen.
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ser Untersuchung ist es, die Dilemmastruktur aufzuzeigen und sie zu analysieren, damit der einzelne Buddhist auf dieser Basis seine eigene umweltethische Lösung im Diskurs entwerfen bzw. erfinden kann. Diese Untersuchung stellt also die Prämissen als conditio sine qua non von Umweltethik in den Vordergrund und formuliert weniger eine Kritik an der buddhistischen Umweltethik im Allgemeinen.
2. Die Problemstellung
Will der einzelne Buddhist das Terrain des Umweltdiskurses betreten, um sich der ökologischen Krise zu stellen, so stößt er zunächst auf ein diffuses Gefüge an unzähligen, wissenschaftlich spezialisierten Diskursen, die sich kreuzen, vermischen oder sogar widersprechen. Der Umweltdiskurs in seiner heutigen Form ist komplex und für den Einzelnen nicht mehr überschaubar. Umweltethische Diskussionen werden unter derartig unterschiedlichsten, wissenschaftlich spezialisierten Aspekten wie Klimaschutz, Tierschutz, Sicherheitserwägungen, ökonomischen Erwägungen oder naturästhetischen Gesichtspunkten geführt, dass dadurch moralische Diskussionen immer differenzierter werden - wenn nicht sogar unmöglich. 3 Die vielfältigen buddhistischen Umweltweltdiskurse müssen daher aufgedeckt, geordnet und genau untersucht werden, um den einzelnen Buddhisten in dieser akuten Phase einen Orientierungshorizont zu bieten.
Mit Umweltschutz ist mittlerweile fast jeder Staat dieser Erde konfrontiert worden. Demzufolge betrifft Umweltschutz - logisch gefolgert - jeden einzelnen Menschen. Die Konsequenzen der Umweltzerstörung machen nicht Halt vor geographischen, kulturellen oder gar religiösen Grenzen. Anhänger und Sympathisanten aller buddhistischen Schulen und Traditionen sehen sich gezwungen, sich diesem globalen Problem zu stellen. Der Buddhismus ist vielfältig an Lehren und Weltanschauungen. Zen-Buddhismus an europäischen Universitäten ist nicht vergleichbar mit dem praktizierten Therāvada-Buddhismus in Sri Lanka. Das Bitten nach Glück und Geld vor Buddhaschreinen ist für den europäischen Zen-Praktizierenden genauso unverständlich, wie das intellektuelle Philosophieren über das Nichts für den pragmatisch denkenden Laienanhänger in Sri Lanka. Die Abweichun- 3 Vgl.Düwell, Marcus: Umweltethik und normative Ethik, in: Müller, Albrecht; Eser, Uta (Hrsg.): Umweltkonflikte verstehen und bewerten. Ethische Urteilsbildung im Natur- und Umweltschutz. München, 2006. S. 173
f.
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gen zwischen den vielen Traditionen sind zu gravierend, um sie zu übergehen. Die einzelnen buddhistischen Traditionen sind kulturell, geographisch und soziologisch von ihrem jeweiligen Standort bedingt und werden durch diese Gegebenheiten modifiziert. Wer behauptet, der Buddhismus sei eine einheitliche Religion, blendet damit all diese Besonderheiten aus. Eine solche Buddhismusauffassung wirkt gekünstelt und wäre ein stilisiertes Produkt vereinfachendem menschlichen Denkens, das nicht mit der Vielfalt religionshistorischer Fakten übereinstimmt. Den „Buddhismus“ an sich gibt es aus religionswissenschaftlicher Sicht nicht. Wenn hier also von dem Buddhismus die Rede ist, dann nur als verkürzte Chiffre für unzählige Religionen mit ihren jeweiligen verschiedenen Ausprägungen, die jedoch aus der Sicht der meisten Buddhologen gemeinsame Regelstrukturen aufweisen.
Wie es nicht nur eine einzige buddhistische Lehre geben kann, so gibt es auch kein einziges, gemeinsames Umweltethos für alle buddhistischen Richtungen. Der Versuch einen einzigen Umweltethos ausfindig zu machen, wäre zu naiv gedacht. Das Naturverständnis eines Zen-Buddhisten einer kleinen Klostergemeinde in einem süd-japanischen Dorf unterscheidet sich vehement von dem Naturverständnis eines Laienanhängers des Therāvada-Buddhismus in der thailändischen Metropole Bangkok. Wenn bereits Uneinigkeit in Bezug auf das Naturverständnis besteht, so kann es erst recht keinen gemeinsamen Umweltethos geben. Für die einen ist der Vegetarismus 4 die endgültige Lösung, um gegen die Umweltkatastrophen vorzugehen; für die anderen zählt nur die intensive Meditation.
3. Der Diskurs
Umweltschutz ist ein diskursives Phänomen. Demnach ist es für diese Untersuchung er-forderlich, den Begriff „Diskurs“ kurz zu erläutern, bevor auf das eigentliche Thema eingegangen wird. Diskurse als Resultate historischer Prozesse generieren einen bestimmten Wissensbestand, der die Grundlage für eine ganze Reihe vorübergehender Interpretationsmuster und Theorien über die Welt bildet. Ohne Diskurse kann die Welt nicht verstanden oder gar erfasst werden, wobei nicht gefolgert werden darf, sie spieglen die „Wirklichkeit“ analog im Bewusstsein wider. In Abgrenzung zur Wirklichkeit führen sie ein autono- 4 „Wennsich die Menschheit nur vegetarisch ernähren würde, ließe sich der Weltwasserverbrauch auf die Hälfte senken.“ (Mauser, Wolfram: Fleischesser sind Wasserverschwender, in: Bilder der Wissenschaft Plus.
Die Erde hat Fieber - Mut zur Nachhaltigkeit. 12/07. S. 15.)
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mes aber nicht autarkes „Eigenleben“. Über die tätigen Subjekte determinieren und konstituieren sie Wirklichkeit(en). Weil Subjekte selber im Diskurs verstrickt sind und mit dem Wissen, dessen Träger der Diskurs ist, operieren, sind sie sozusagen die ausführenden Organe dieser Diskurse. Nur in der zwischenmenschlichen Kommunikation jeglicher Art sind Diskurse anzutreffen und nehmen dort Form an; außerhalb von ihnen gibt es keine formlosen Diskurse. Der Diskurs selbst ist eine eigene Wirklichkeit gegenüber der „wirklichen Wirklichkeit“, die Subjekte und gesellschaftliche Wirklichkeiten produziert. Ohne Diskurse, die Wissen transportieren, kann es keine Wirklichkeitsgestaltung für individuelles und kollektives Handeln geben. 5
Die „materielle“ Welt wiederum bietet den „Rohstoff“, mit dem das gestaltende Subjekt sich im Diskurs eine Wirklichkeit erschaffen kann. Jedoch darf nicht angenommen werden, dass der Diskurs diese materielle Welt in seiner konstituierten Wirklichkeit widerspiegelt. Der Diskurs bezieht sich nur auf sie. Bestimmten Wirklichkeitsbereichen weist er Bedeutungen zu, ohne die sie in die Nicht-Existenz fallen würden. 6 Unterschiedliche Diskurse liefern dementsprechend unterschiedliche Deutungen über den Rohstoff Welt.
Aus der Sicht der Historischen Hermeneutik 7 sind Diskurse kulturell gebunden und durchfärbt. Je nachdem in welchem kulturellen Raum sie konstituiert werden und von welchen Diskursen sie sich abgrenzen müssen, bilden sie von da aus ihre spezifischen Charakteristika und Deutungsmuster über die Welt. So mag ein laotischer Reisbauer die Erderwärmung anders beurteilen als ein schwedischer Möbelverkäufer. Die „buddhistische“ Sichtweise auf ein bestimmtes Phänomen ist anders als etwa die „jüdische“. Jeder einzelne Mensch benötigt entsprechend seiner internen wie auch externen Bedingungen und Dispositionen für ihn geeignete Bewertungsmaßstäbe, wonach sich seine Erkenntnis über die Welt richten kann. Die aktuell zahlreichen Diskurse bieten die Grundlage hierfür.
5 Vgl. Jäger, Siegfried: Diskurs und Wissen. Theoretische und methodische Aspekte einer kritischen Diskurs-und Dispositivanalyse, in: Keller, Reiner; Hirseland, Andreas; Schneider, Werner; Viehöfer, Willy (Hrsg.):
Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse, Bd. 1: Theorien und Methoden. Opladen, 2001. S. 84 ff.
6 Vgl. ebd., S. 88.
7 Michael von Brück hat diese Methode geprägt und ausgearbeitet. (vgl. Brück, Michael von: Religionswissenschaft als Kulturwissenschaft, in: Koch, Anne (Hrsg.): Watchtower Religionswissenschaft: Standortbe-
stimmungen im wissenschaftlichen Feld. Marburg, 2007. S. 73 ff.)
6
4. Der Umweltschutz
Angesichts dieser Pluralität an Interpretationsschablonen und Wirklichkeitskonstituierungen im Diskurs stellt sich die Frage, inwiefern die unterschiedlichen Diskursteilnehmer von dem gemeinsamen Objekt „Umwelt“ sprechen können. Der Begriff „Umwelt“ bzw. „Natur“ ist schwer zu definieren, zumal er in unterschiedlichen Kontexten und Epochen auf verschiedene Weisen aufgefasst wird. Meistens richten wir uns nach der Begriffsdefinition des dominierenden naturwissenschaftlichen Diskurses. Für ihn ist die Umwelt derjenige Lebensraum, der die Überlebens- und Reproduktionsbedingungen für Lebewesen zur Verfügung stellt. Umweltschutz befasst sich aus der Sicht der meisten Naturwissenschaftler mit den belebten Komponenten und Subsystemen unterschiedlicher Dimensionen und Komplexität, und weniger mit der Umgebung eines bestimmten Objektes, wie es der Name implizieren würde. 8 Aber „in der Regel steht der Mensch im Mittelpunkt“ 9 , so lautet eine These der Naturwissenschaft.
Der Begriff „Ökologie“ oder „Umweltschutz“ ist ebenso schwer zu erfassen wie der Begriff „Natur“. Das Wort „Umweltschutz“ oder „Naturschutz“ an sich ist irreführend. Seine Semantik impliziert eine „Natur“ - als einen abgeschlossenen Objektbereich -, die vor Eingriffen geschützt werden muss. Natur steht in Opposition zum Menschen und seiner konstruierten Kultur. Eine solche dichotome Naturauffassung lässt die Diskurstheorie nicht zu. Für sie ist die Natur(-auffassung) ebenfalls kulturell und historisch bedingt. Alles „natürliche“, „ursprüngliche“ und „unberührte“ ist kulturell gemacht. An sich gibt es nichts „Natürliches“, „Ursprüngliches“ oder gar „Unberührtes“. Die Natur ist das Produkt der Naturalisierung durch den Menschen. Der Mensch spiegelt sich in seiner Naturauffassung wider, weil sein Zugriff zur Natur durchgehend kulturell bedingt ist. Wenn er die Natur betrachtet, so betrachtet er nur sich selbst. Wenn er in der ökologischen Debatte über die Natur redet, so redet er letzten Endes nur über sich selbst. 10 Natur, als anthropogenes Produkt, ist und bleibt ein Teil des gesellschaftlichen Systems.
8 Vgl. Fiedler, Hans Joachim (Hrsg.): Umweltschutz. Grundlagen, Planung, Technologien, Management. Jena, 1996. S. 22 ff.
9 Ebd., S. 23.
10 Vgl. Grübler, Gerd: Müll, Natur und Zeit. Wege einer philosophischen Ökologie. Berlin, 2004. S. 185 ff.
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Tuan Tran, 2008, Das Dilemma des buddhistischen Umweltschutzes, München, GRIN Verlag GmbH
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