1. „Ich mag keine Kartoffeln, nur Pommes!“
Schülerinnen und Schüler und ihr Bezug zur Landwirtschaft
Land- und Forstwirtschaft werden bildungsplangemäß in der Grundschule, aber auch in weiterführenden Schulen thematisiert. In diesem Kontext besuchen die Klassen oftmals einen landwirtschaftlichen Betrieb, also einen außerschulischen Lernort, der für die meisten Kinder und Jugendlichen, - und zwar unabhängig davon, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben, - ein völlig fremder Ort ist, da sie vielfach so gut wie keinen Bezug zu Natur und Landwirtschaft haben. Es sind „(…) vor allem existentielle Grunderfahrungen, welche der jungen Generation in ihrer Mehrheit fehlen“, so Brämer (2006, S. 59), der die Studie „Jugendreport Natur ´06“ leitete, in die 2200 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 6 und 9 (Brämer 2006, S. 12f) einbezogen worden waren.
„Rund 60 Prozent der jungen Menschen haben sich außer im eigenen Garten noch nie daran beteiligen müssen, der Natur Rohstoffe zu entreißen, die wir für unseren überreichen täglichen Konsum brauchen. Das gilt für die bäuerliche ebenso wie für die forstliche Produktion. Lediglich im Garten haben fast alle schon gearbeitet. Doch dürfte sich das eher auf Rasenmähen und Laubkehren als auf den Anbau von Obst und Gemüse konzentrieren, an dem sich nach Ausweis der Vorgängerstudie ein gutes Viertel noch nie beteiligt hat.“ (Brämer 2006, S. 59).
Es mangelt also an individuellen Erfahrungen mit der elementaren Herstellung pflanzlicher oder tierischer Erzeugnisse. Äußerungen von Kindern wie: „Ich mag keine Kartoffeln, nur Pommes!“ oder “Chicken-wings sind vom Huhn?‘ versetzen Erwachsenen daher immer wieder in Erstaunen.
Überhaupt scheint vielen Kindern und Jugendlichen der Zusammenhang von ‚Nahrungsmittel und Natur‘ nicht offensichtlich zu sein, wie der nachfolgende Auszug der entsprechenden Tabelle des „Jugendreport Natur ´06“ in Bezug auf die Kategorie ‚Le- bensmittel‘ zeigt.So wurden die in die Befragung einbezogenen Mädchen und Jungen gebeten, anzugeben, ob bestimmte Lebensmittel (Milch; Tomaten; Schweinefleisch etc.) ihrer Ansicht nach, etwas mit der Natur zu tun haben, oder eher nicht.
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Tabelle 1: Befragungsergebnisse zum Naturbild Jugendlicher. Brämer (2006, S. 81 - Auszug).
Deutlich wird:
„Die Entscheidungen für oder gegen die Natürlichkeit von Milch, Obst und Fleisch geben […] eine hohe Unsicherheit zu erkennen […]. Wenn BioÄpfel, obwohl erklärtermaßen aus naturgemäßem Anbau stammend, der Natur weniger nahe stehen als die gängigen Hochzuchttomaten, denen gegenüber sogar Milch als weitgehend unbearbeitetes Tierprodukt an Natürlichkeit einbüßt, so lässt sich dafür kaum eine sinnvolle Erklärung finden. Die grundsätzliche Diffusität des Naturbegriffs kommt hier voll zum Tragen“ (Brämer 2006, S. 84).
Bei stark weiterverarbeiteten Produkten (z.B. bei Kartoffelchips; Hamburger) existiert für Kinder und Jugendliche so gut wie gar kein Bezug mehr zur Natur. Diese Fastfood -Erzeugnisse werden „[…] als Basiselemente der alltäglichen Konsumkulisse betrachtet […]. Als Quelle der Snacks gelten Imbiss-Buden oder Burger-Stationen, die (bewusst) keinen Hinweis mehr auf die dahinter stehenden Ressourcen und Arbeitsprozesse liefern“ (Brämer 2006, S. 85).
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Gleichzeitig „sind die Wissenslücken bei Heranwachsenden in Bezug auf die eigene Gesundheit erschreckend groß“. 1 Insgesamt gesehen mangelt es an „[…] Kompetenzen im Bereich Ernährung, Gesundheit, Verbraucherfragen und Familie“, so Friedlinde Gurr-Hirsch (Staatssekretärin MdL Baden-Württemberg, zit. n. Rems-Zeitung, 07.02.2009).
2. „Lernen kann man nicht nur in der Schule, sondern auch draußen!“
Ganztagsschulen und die Veränderung der Lernkultur
Gemäß dem aktuellen Bildungsplan für die Schulen Baden-Württembergs (2004, S. 18) 2 zählen „Verbrauchererziehung, Umwelterziehung und Nachhaltigkeit“ zu den „zentralen Themen und Aufgaben der Schule“. Die Bearbeitung komplexer Problemstellungen kann jedoch nur durch einen fachübergreifenden beziehungsweise fächerverbindenden und zugleich lebensweltbezogenen, praktischen Ansatz gelingen. „Aus der Schule gehen - etwas in die Schule mitbringen“ (vgl. Bildungsplan 2004, S. 17) als didaktisches und methodisches Prinzip, „[…] steigert die Wirksamkeit der Schule und ihrer Gegenstände“. Nur wenn Schule und Unterricht sich öffnen, um situiertes Lernen zu ermöglichen, kann der Transfer zwischen dem ‚in der Schule Erlernten‘ und ‚der realen Lebenswelt’ tatsächlich gelingen.
Die Heranwachsenden sowie die Lehrkräfte benötigen dafür authentische Gesprächspartner, die ihnen Einblick in landwirtschaftliche Produktionsprozesse gewähren und ihnen das Mittun (im Rahmen des Möglichen) am Originalschauplatz gestatten, sodass sie konkrete Erfahrungen, welche es im Unterricht wiederum zu reflektieren und zu vertiefen gilt, sammeln können. Der außerschulische Lernort muss daher quasi eine Aufforderung zum Recherchieren, zum Erkunden, zum Nachzufragen, zum Auszuprobieren und zum aktiven Mitmachen sein. Derartige Erfahrungen stützen in hohem Maße das Interesse und die Motivation der Lernenden.
Da diese Art des Lernens zweifelsohne zeitintensiv ist, können dafür vor allem in den Ganztagsschulen Konzepte zur Vernetzung von Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten (z.B. Durchführung von Unterrichtsprojekten, Lerngängen, Praktika jeweils
1 Rems-Zeitung: Gesundheit soll Schulfach werden. Schüler wissen wenig über Ernährung, Funktionen des Körpers und Prävention - Alltagskompetenz stärken. 07.02.2009.
1 Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg: Bildungsplan, 2004.
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in Kooperation mit externen Partnern) erweiterte Lernmöglichkeiten eröffnen, sofern die zur Verfügung stehenden zeitlichen und konzeptionellen Ressourcen adäquat genutzt werden.
Zweifelsohne können Kindern und Jugendlichen durch den Besuch des außerschulischen Lernorts Bauernhof bedeutsame Ausschnitte ihrer Lebens- und Existenzgrundlage ins Bewusstsein gerufen werden.
Doch welche Lerninhalte spielen bei Lerngängen vorrangig eine Rolle? Die Auswertung von Feedback-Bögen, die Lehrkräfte aller Schularten nach dem Besuch eines landwirtschaftlichen Betriebes im Schuljahr 2008/09 ausfüllten, liefert entsprechende Anhaltspunkte:
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Arbeit zitieren:
Dr.phil. Dipl.-Päd. Inge Angelika Strunz, 2009, Landwirtschaftliche Betriebe als außerschulische Lernorte - Erwartungen der Institution Schule, München, GRIN Verlag GmbH
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