1. Einleitung
Die Entwicklung der christlichen Lehre des heiligen Augustinus wurde durch verschiedenste theologische oder philosophische Bewegungen beeinflusst. Neben seinem Interesse für den Manichäismus und die ciceronische Philosophie, oder der Auseinandersetzung mit den Donatisten und Pelagianern spielte auch die Philosophie der Neoplatoniker eine wichtige Rolle in Augustinus’ Diskussion theologischer Fragen.
In seiner Schrift De Civitate Dei setzt sich Augustinus in den Büchern VIII bis X ausführlich mit den Neoplatonikern auseinander. Seine Darstellungen und Beurteilungen zu den Ansichten und Ausführungen der namhaftesten Platoniker sollen in dieser Arbeit untersucht werden.
Dazu werden die Bücher VIII-X zunächst in den Gesamtzusammenhang der Schrift eingeordnet. Daraufhin werden die Ausführungen Augustinus’ zu den Neoplatonikern selbst, seine Ansichten zur neoplatonischen Dämonenlehre und zu den damit verbundenen Überlegungen der Neoplatoniker über eine mögliche Mittlerfunktion der Dämonen zwischen Gott und den Menschen untersucht. Den Abschluss bildet die Kritik des Augustinus an der Dämonenlehre und der neoplatonischen Philosophie im Hinblick auf die Erlösung der Menschen.
Als Kommentare zu den Büchern VIII-X wird vor allem von den Arbeiten Th. Fuhrers und J. O’Mearas gebraucht gemacht. Aus der Fülle der Literatur zu den verschiedenen Platonikern werden Arbeiten herangezogen, die einen eher allgemeinen Überblick zu Lehre und Leben des jeweiligen Philosophen bieten.
2. Einfügung in den Gesamtkontext
In seinen Retractationes gliedert Augustinus die 22 Bücher der Schrift De Civitate Dei grob in zwei Hauptteile: auf die ersten zehn Bücher, die sich mit der Widerlegung zweier „vanae opiniones christianae religioni adversariae“ beschäftigen, folgen zwölf Bücher, in welchen der Autor zunächst den „exortum duarum civitatum“, dann deren „excursum“ bzw. „procursum“ und abschließend die „fines“ der beiden civitates beschreibt. Der erste Hauptteil ist, den Retractationes folgend, nochmals in zwei Abschnitte zu unterteilen: die ersten fünf Bücher richten sich gegen jene Menschen, die zur Förderung ihres irdisches Wohlergehens („res humanas ita prosperari volunt“) die Verehrung vieler Götter für notwendig erachten („ad hoc multorum deorum cultum […] necessarium esse arbitrentur“). In den folgenden fünf Büchern werden jene Menschen widerlegt, nach deren Meinung die Verehrung der Götter
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nützlich für ihre „vitam post mortem futuram“ sei. 1 Die Beschäftigung mit dem Streben der Menschen nach außerweltlichem Glück führt Augustinus in diesem Abschnitt zwangsläufig zu den Ansichten und Ausführungen der Philosophen. Besondere Aufmerksamkeit widmet er dabei den Neoplatonikern, deren Darstellung und Widerlegung, wie sie in dieser Arbeit zu untersuchen sind, in den Büchern VIII bis X den Abschluss des zweiten Teilabschnittes und somit des ersten Hauptteiles bilden. 2
3. Die Neoplatoniker
Gleich zu Beginn des achten Buches stellt Augustinus heraus, dass es bei der nun folgenden Untersuchung der Lehre der Philosophen weitaus größerer Aufmerksamkeit bedürfe als bei der Beantwortung der früheren Fragen und den Darlegungen der vorangegangenen Bücher. Schließlich stünden die Philosophen als Vertreter der theologia naturalis über den Vertretern der theologia fabulosa und der theologia civilis, welchen Augustinus in den vorangegangenen Büchern bereits die Zugehörigkeit zur civitas dei aberkannte. Die Liebe zur Weisheit des wahren Philosophen bedeutet für Augustinus mit der Gleichsetzung von Weisheit und Gott („sapientia Deus est“) auch die Liebe zu Gott. Doch nicht jeder, der sich mit dem Namen Philosoph schmücke, sei auch einer Untersuchung würdig: nur diejenigen, welche mit der christlichen Lehre soweit übereinstimmen, dass es einen Gott gebe, der sich um die Menschen kümmere („esse diuinitatem et humana curare consentiant“) verdienten eingehendere Betrachtung. Augustinus verweist in diesem Zusammenhang auf die „Platonicos“, die Nachfolger Platons, welche der christlichen Gottesvorstellung am nächsten kämen, obwohl auch sie die Verehrung vieler Götter, allerdings „ab illo sane uno conditos adque institutos“, als Notwendigkeit für ihr Seelenheil betrachteten. 3 Deren Einsicht, dass Gott keinen materiellen Körper habe („nullum corpus esse Deum“) und unwandelbar sei („quidquid mutabile est, non esse summum Deum“) 4 , lässt die Platoniker als „Beinahe-Christen“ 5 und würdig für eine Mitbürgerschaft in der civitas dei erscheinen. Als Quellen für seine Untersuchung gibt Augustinus die namhaftesten Vertreter der Nachfolger Platons an: „Ex quibus sunt ualde nobilitati Graeci Plotinus, Iamblichus, Porphyrius“; außerdem „in utraque autem lingua, id est et Graeca et Latina, Apuleius Afer extitit Platonicus nobilis“. 6 Deren Werke waren zum Teil auch in lateinischen Übersetzungen
1 Augustinus, Retractationes II 69.
2 Cf. Fuhrer, Th., Augustinus, Darmstadt 2004, S. 140.
3 Augustinus, De Civitate Dei, 8.1 (=DCD).
4 Ibid. 8.6.
5 Fuhrer, Th., Augustinus, S. 145.
6 DCD 8.12.
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zugänglich. So merkt Augustinus an, dass nicht nur die Griechen die Platoniker mit Lobeshymnen feierten, sondern „et Latini permoti earum uel excellentia uel gloria, ipsas libentius didicerunt adque in nostrum eloquium transferendo nobiliores clarioresque fecerunt“. 7 Als wichtigster Vermittler neoplatonischen Gedankenguts in lateinischer Sprache, und somit auch als wohl wichtigste Quelle für Augustinus’ Auseinandersetzung mit den Neoplatonikern, gilt Marius Victorinus, ein Schüler des Porphyrios, der seine Ausführungen vor allem auf die Überlegungen seines Lehrers stützte. 8 Für den christlichen Neoplatoniker Victorinus stand die Lehre des Porphyrios, der, seinem Lehrer Plotin folgend, „das Eine“ als Ursprung von Sein und Denken und als allen Seelen übergeordnete Instanz annahm 9 , in Übereinstimmung mit der christlichen Gottesvorstellung. 10 Augustinus nimmt diesen Gedanken auf und begibt sich, indem er die Lehre der Neuplatoniker, insbesondere die des Porphyrios herausstellt und deren Vereinbarkeit mit der christlichen Lehre hervorhebt, zunächst auf die Argumentationsebene der Neoplatoniker.
4. Die Dämonenlehre der Neoplatoniker
Nachdem Augustinus die Neoplatoniker, als den christlichen Ansichten am nächsten stehende, an die Spitze der Philosophen gestellt hat und sie als einzige würdig für eine Untersuchung erklärt hat, beginnt er nun herauszustellen, in welchen Punkten sie von der christlichen Lehre abweichen. Dabei konzentriert er sich besonders auf den polytheistischen Aspekt der neoplatonischen Lehre. So stellt Augustinus die Frage, welche Götter nach einer solchen Vorstellung denn nun verehrt werden sollten: „utrum bonis an malis an et bonis et malis“? Daraufhin zitiert er Platos Aussage, dass „omnes deos bonos esse nec esse omnino ullum deorum malum“. Sogleich folgt die Frage, von welcher Art denn dann jene Wesen seien, die Spiele und Dienste zu ihren Ehren forderten, somit also eigentlich als mali dei angesehen werden müssten. 11 Die Antwort lässt Augustinus einen Platoniker selbst geben: in seinem Werk De Deo Socratis bezeichne der mittelplatoniker Apuleius solche Wesen als „daemones“. Dessen Ausführungen folgend beschreibt Augustinus die Dämonen als in der Luft lebende Wesen zwischen den Göttern im Himmel und den Menschen auf der Erde, die mit den Göttern die Unsterblichkeit des Körpers und mit den Menschen die Leidenschaften
7 Ibid. 8.10.
8 Cf. O’Meara, J.J., Augustine and Neo-platonism, in: Neoplatonism and Early Christian Thought, hrsg. v. H. J.
Blumental und R. A. Markus, London 1981, S. 97.
9 Cf. Halfwassen, J., Plotin und der Neuplatonismus, München 2004, S.32f. und S. 143f.
10 Cf. Clark, M. T., The Neoplatonism of Marius Victorinus the Christian, in: Recherches Augustiniennes Band 1
(1958), S. 155.
11 DCD 8.13.
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Arbeit zitieren:
Oliver Christl, 2005, Augustinus: De civitate dei, Buch 8-10, München, GRIN Verlag GmbH
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