INHALTSVERZEICHNIS
EINLEITUNG 3
WAS IST DAS ALEPH? 4
DIE SICHT DES ALEPH. 6
WIE KANN DAS ALEPH DARGESTELLT WERDEN? 7
WIE WIRD DAS ALEPH VON BORGES BESCHRIEBEN? 8
SPRACHE 8
DENKEN 12
DIE FUNKTION DES VERGESSENS. 14
AUSWIRKUNGEN AUF DAS HANDELN 15
SCHLUSSBETRACHTUNG. 15
LITERATURVERZEICHNIS. 17
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EINLEITUNG
In dieser Arbeit möchte ich die Erzählung „Das Aleph“ von Jorge Luis Borges untersuchen auf den Zusammenhang von Sehen, Sprache und Denken hin: wie wird das Aleph durch den Protagonisten Borges wahrgenommen, und auf welche Weise erfolgt die Darstellung des Wahrgenommenen vermittels der Sprache. Hier tun sich Probleme auf, da es sich beim Aleph um ein ganz besonderes Wahrnehmungsphänomen handelt, das mit der Alltagserfahrung nicht verglichen werden kann. Diese Prozesse möchte ich im Folgenden näher untersuchen und herausstellen, inwiefern die Fülle des Blicks durch das Denken reduziert werden muss, damit es letztlich sprachlich gefasst werden kann. Insbesondere den Bezug von Denken und Sprache möchte ich genauer analysieren. Was an der Erzählung „Das Aleph“ besonders ist, ist die Art des Blicks, und zwar die Wahrnehmung des Aleph im Gegensatz zur Erfahrung der Welt. Beinahe scheitert Borges an der Welt, nachdem er das Aleph in seiner Schau erfahren hat. Doch es gibt einen Ausweg, der aus dem drohenden Scheitern hinausführt: es ist das Vergessen. Daher werde ich die Funktion des Vergessens näher untersuchen und versuchen herauszustellen, warum sich das Vergessen für Borges als notwendig erweist.
Im Willen zur Kommunikation liegt die Möglichkeit ihres Scheiterns. Ein Dichter will sich ausdrücken. Hier beginnt das Dilemma des Protagonisten Borges. In seiner Schau des Aleph herrscht Orientierungslosigkeit. Es ist eine Struktur ohne Logik, die Szenen lagern sich unwillkürlich aneinander, übereinander. Doch Borges zählt sie in willkürlicher Reihenfolge auf. Dafür wird ein mentaler Akt vorausgesetzt. Ein Verstehensakt muss stattgefunden haben. Doch mittels der Vernunft ist das empirische Phänomen nicht gänzlich zu durchdringen. Es ist nur fragmenthaft fassbar. Dies schlägt sich in der sprachlichen Fassung nieder.
Es ist eine Leerstelle zwischen dem Gesehenen und dem Gesagten, ein Abyssus, der nicht übersprungen werden kann. Schon Gorgias von Leontinoi bemerkte, dass wir das,
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was wir erkennen, nicht ausdrücken können. 1 Und wie schwierig gestaltet sich dies erst, wenn es um Erfahrungen geht, die über die Alltagserfahrung hinausgehen, die sich in einem erweiterten Raum-Zeit-Kontinuum befinden. Das Sehen und damit die Wahrnehmung sind mit dem Denken gekoppelt. Diese Koppelung erfolgt über die Sprache. Denn die Sprache bietet die Form, in die das Denken gepresst wird, um wirksam sein zu können. Die Sprache ist das Instrument, um die Wahrnehmung auszudrücken. Allerdings ist dieses Instrument nicht besonders geeignet, um die Fülle der Erfahrung, die Zeit- und Raumstrukturen darzustellen, die der Protagonist Borges im Aleph erfahren hat, wie ich im Folgenden zeigen werde.
WAS IST DAS ALEPH?
Im Aleph enthüllt sich das Universum in seiner Mikro- und seiner Makrostruktur. Es wird sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt. Es zeigen sich verschiedene Zeit- und Raumverhältnisse die für die Alltagswahrnehmung verborgen bleiben müssen. Die Dinge werden transparent und offenbaren ihren wahren Charakter. Das Universum enthüllt sich in seiner Ganzheit und wiederum in seiner Spezifität: das Kleine und das Große, das Offene und das Verborgene, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, das Hier und das Dort, die Dinge in den Dingen und die Dinge außerhalb der Dinge, sogar immaterielle Dinge wie die Liebe und der Tod werden sichtbar. Das Hier und Jetzt wird transzendiert, obwohl es dennoch erhalten bleibt im Blick. Die Räume des Universums zeigen sich, ohne sich zu überlagern: die Geschlossenheit der Erfahrung von Raum und Zeit in der gewohnten Ich-Perspektive wird aufgebrochen und geöffnet für die vielgestaltigen Ausprägungen, in die sich der Raum und die Zeit transformieren lassen.
1 Vgl. Kraus 1987 - Name und Sache, S. 172: die drei Lehrsätze des Gorgias: Erstens: Es ist nichts. Zweitens: Selbst wenn etwas wäre, so wäre es nicht erkennbar. Drittens: Selbst wenn etwas wäre und auch erkennbar wäre, so wäre es anderen nicht mitteilbar. Ich würde dies noch erweitern um die Aussage: Selbst wenn etwas wäre und auch erkennbar wäre und auch anderen mitteilbar wäre, so wäre es von den anderen nicht verstehbar.
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Der Augen-blick hat besondere Eigenheiten: die Simultaneität, die Verschmelzung verschiedener Realitätsebenen in einem Punkt, der alles enthält. Die sprachliche Fassung der Simultaneität kann nur durch die Auflösung dieser und die damit einhergehende Streckung der zeitlichen Struktur erfolgen. Der Raum überlagert sich nicht länger in der sprachlichen Fassung, er kann lediglich sukzessive beschrieben werden. Was sich also knäuelhaft zusammenlagert, muss entwirrt werden und somit müssen die einzelnen Fäden beschrieben werden, damit das Knäuel beschrieben werden kann.
Das Aleph ist „uno de los puntos del espacio que contienen todos los puntos“ (S. 160) 2 . Es handelt sich um simultane Vorgänge, die in demselben Punkt stattfinden, ohne Überlagerung, ohne Transparenz. Das heißt, er sieht eine Unendlichkeit von Vorgängen auf einmal. Der Blick kann das gesamte Universum in sich aufnehmen. Der Einzelblick löst sich auf in der Sicht aus allen möglichen Perspektiven. Die Dinge werden nicht mehr einzeln nur aus einer Sichtweise wahrgenommen, sondern erscheinen wie durch alle möglichen Perspektiven realisiert. Das Aleph ist das Symbol für die Grenzenlosigkeit 3 , wo es weder zwischen den Dingen noch außerhalb der Dinge eine Grenze gibt. Diese Grenzenlosigkeit im Blick lässt alles als eine Einheit erscheinen.
2 Borges, Jorge L.: El Aleph. Buenos Aires : Emecé, 1988. Im Folgenden nur noch mit der Seitenzahl nachgewiesen.
3 Vgl. Hedrich 2000 - Geträumte Metaphysik, S. 48.
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Arbeit zitieren:
Christina Terberl, 2009, Der Augenblick und seine sprachliche Fassung in der Erzählung "Das Aleph" von Jorge Luis Borges, München, GRIN Verlag GmbH
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