1 Vorbemerkung
Die hier vorliegende Hausarbeit ist im Rahmen des Seminars 'Bilingualer Erstspracherwerb und kindlicher Zweitspracherwerb' entstanden und widmet sich der Frage, wie bilinguale Kinder möglicherweise zu der Erkenntnis gelangen, dass in ihrem Input zwei Sprachen vorhanden sind. 1
Ausgangspunkt der Diskussion ist hierbei folgende Aussage von Nicoladis (1998:114):
“The beginnings of language differentiation probably begin long before children`s first linguistic productions. From soon after birth, it is quite likely that infants are able to distinguish prosodic differences between the languages in their input. [...] The results of this study suggest that the next clue to two input languages may come from pragmatic differentiation. The ability to show pragmatic differentiation may lead to the beginnings of the creation of two lexicons [...].”
Nicoladis stellt hier die Vermutung an, dass die Sprachdifferenzierung bei bilingualen Kindern schrittweise erfolgen könnte: sie hält es für sehr wahrscheinlich, dass bilinguale Kinder bereits kurz nach der Geburt die Fähigkeit besitzen, prosodische Unterschiede in ihren Input-Sprachen zu erkennen. Einen nächsten Hinweis auf zwei unterschiedliche Sprachen im Input könnten die Kinder dann aufgrund der sich entwickelnden Fähigkeit zur pragmatischen Differenzierung erhalten. Diese könnte schließlich die Bildung zweier getrennter Lexika initiieren.
Um Nicoladis Annahme einer schrittweisen Sprachentrennung angemessen diskutieren zu können, werden im Folgenden die in der Studie angesprochenen Begriffe der 'prosodischen', 'pragmatischen' und 'lexikalischen' Differenzierung erläutert, die jeweiligen Methoden zu ihrer Untersuchung vorgestellt und gegebenenfalls auf methodische Probleme eingegangen. Vor diesem Hintergrund wird schließlich der Versuch unternommen, Nicoladis Ansatz kritisch zu betrachten und abschließend zu bewerten.
2 Die 'prosodische' Differenzierung
Säuglinge verarbeiten bereits pränatal und unmittelbar nach der Geburt akustische Reize. So können sie beispielsweise Sprachen und Geräusche voneinander trennen und entwickeln eine Präferenz für die Stimme ihrer Mutter und für die so genannte 'infant directed speech'. Dabei
1 Dabei beziehen sich die Ausführungen der hier vorliegenden Arbeit und die Untersuchung von Nicoladis ausschließlich auf den so genannten 'doppelten, bilingualen Erstspracherwerb', bezeichnet auch als 'simultaner Erwerb zweier oder mehrerer Sprachen' (vgl. Tracy und Gawlitzek-Maiwald 2000:502).
2
richten Neugeborene ihre Aufmerksamkeit auf prosodische Eigenschaften von Sprache wie dem Betonungsmuster oder der Intonation (vgl. Genesse 2003:207f. und Becker Handout 26.10.2006:4). Unter 'prosodischer' Differenzierung versteht man nun die Fähigkeit von Säuglingen, Sprachen in ihrem Input unterscheiden zu können. So differenzieren sie beispielsweise zwischen der Sprache ihrer Umgebung und einer Fremdsprache oder zwischen zwei Fremdsprachen (vgl. Guasti 2002:24). 2 Dabei muss beachtet werden, dass Säuglinge mithilfe rhythmischer Eigenschaften zunächst zwischen Klassen von Sprachen und nicht zwischen Sprachen diskriminieren. Dementsprechend können sie z.B. akzentzählende Sprachen 3 wie das Russische oder Englische von silbenzählenden Sprachen 4 wie dem Französischen oder Italienischen unterscheiden. Sie sind jedoch anfänglich nicht im Stande, Sprachen prosodisch zu trennen, die der gleichen Klasse angehören (wie z.B. das Englische und Niederländische) (vgl. Guasti 2002:32ff). Mit 5 Monaten können Säuglinge dann auch rhythmisch ähnliche Sprachen unterscheiden, wie z.B. beim bilingualen Erwerb von Spanisch und Katalanisch. Die Fähigkeit der Säuglinge, universal viele phonemische Kontraste in Fremdsprachen wahrnehmen zu können, auch wenn sie in ihrer L1 nicht vorhanden sind, nimmt bis Ende des ersten Lebensjahres stark ab (vgl. Becker Handout 26.10.2006:5). In einem Experiment von Mehler et al. (1988; entnommen Guasti 2002:24) wurde das Phänomen der prosodischen Differenzierung von Sprachen unmittelbar nach der Geburt erstmals nachgewiesen und ist mehrfach mit anderen Sprachpaaren repliziert worden. Hierbei bediente man sich des so genannten 'Hochfrequenzsaugens': je kräftiger die Neugeborenen saugten, desto mehr akustische Reize bekamen sie präsentiert. Diese Beziehung zwischen Saugen und Präsentation akustischen Inputs lernten die Kinder sehr schnell, so dass sie in der Folgezeit ihr Saugen am Schnuller dazu benutzten, eine Stimulation auszulösen. Als Probanden fungierten zwei Gruppen von Säuglingen (4 Tage alt) mit der Zielsprache Französisch. In einer Habituierungsphase hörten alle Säuglinge zunächst russische Äußerungen. In der Experimentalphase wurde die Experimentalgruppe nun französischen Äußerungen ausgesetzt, während die Kontrollgruppe weiterhin russische Äußerungen zu hören bekam. Da eine höhere Saugrate der Experimentalgruppe festgestellt werden konnte,
2 Die Tatsache, dass Kinder auch zwischen ihrer Umgebungssprache und einer Fremdsprache unterscheiden können, wenn sie von ihnen nicht vertrauten Personen gesprochen werden, zeigt, dass Kinder tatsächlich zwischen Sprachen und nicht zwischen Stimmen differenzieren (vgl. Guasti 2002:24).
3 Zur Klasse der akzentzählenden Sprachen gehören diejenigen Sprachen, die eine gleichmäßige Folge von einer betonten und einer oder mehrerer unbetonter Silben mit Tendenz zur gleichmäßigen zeitlichen Abfolge betonter Silben aufweisen (vgl. Becker Handout 26.10.2006:5)
4 Zur Klasse der silbenzählenden Sprachen gehören diejenigen Sprachen, die eine Tendenz zu gleicher Dauer aller Silben aufweisen, so dass die Silben in gleichem zeitlichen Abstand aufeinander folgen (vgl. ebd.).
3
legte dieses Ergebnis nahe, dass die Säugling das Französische und Russische voneinander unterscheiden konnten (vgl. Guasti 2002:27).
3 Die 'pragmatische' Differenzierung
Das bilinguale Kind muss auf der Ebene der pragmatischen Kompetenz lernen, seine Sprachen differenziert einzusetzen, indem es beispielsweise jeweils nur eine der beiden Sprachen in bestimmten Kommunikationssituationen verwendet. Unter 'pragmatischer' Differenzierung versteht man somit die Fähigkeit des bilingualen Kindes, seine zwei Sprachen in soziolinguistischen Kontexten angemessen einsetzen zu können. Sichtbarer Ausdruck dieser Fähigkeit ist z.B. der personengebundene Sprachgebrauch, wobei das bilinguale Kind jeweils nur eine Sprache mit einem Elternteil spricht (vgl. Nicoladis 1998:105 und Köppe 1997:7).
Bilinguale Kinder verfügen anfänglich wohl nicht über die Fähigkeit, ihre Sprachen pragmatisch differenziert zu gebrauchen. Erst um das zweite Lebensjahr herum sind bilinguale Kinder prinzipiell in der Lage, “ihre Sprachwahl personenbezogen einzusetzen und auch ihre Sprachwahl dementsprechend zu korrigieren“ (Tracy und Gawlitzek-Maiwald 2000:513). Nicoladis stellt in diesem Zusammenhang heraus, dass es merkwürdig wäre, wenn Kinder bereits mit einem Verständnis dafür geboren werden würden, dass eine unterschiedliche Sprache an unterschiedliche Gesprächspartner gerichtet werden muss. So würden beispielsweise monolinguale Kinder eine solch angeborene Fähigkeit nicht besitzen und nicht alle bilingualen Familien würden dem Partnerprinzip folgen (1998:106). 5
3.1 Der Nachweis der pragmatischen Differenzierung
Um die pragmatische Differenzierung nachweisen zu können, muss das bilinguale Kind dahingehend untersucht werden, ob es seine Sprachen kontextangemessen einsetzen kann. Wächst ein bilinguales Kind beispielsweise mit Eltern auf, die dem so genannten 'Partnerprinzip' (“Ein und dieselbe Sprache gegenüber dem Kind konstant aus dem Munde derselben Person“ (Dietrich 2002:102)) folgen, so bieten sich zwei Methoden zur Erfassung der pragmatischen Differenzierung an.
Bei der ersten wird die Gesamtanzahl der an die Eltern gerichteten Äußerungen eines bilingualen Kindes ermittelt. Dabei wird zum einen vermerkt, wie oft und in welcher Sprache
5 Für eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Haltung von Nicoladis siehe Punkt 6.
4
Arbeit zitieren:
Bachelor Göran Norda, 2006, Nicoladis Ansatz einer schrittweisen Sprachentrennung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Göran Norda's Text Nicoladis Ansatz einer schrittweisen Sprachentrennung ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Göran Norda hat den Text Nicoladis Ansatz einer schrittweisen Sprachentrennung veröffentlicht
Göran Norda hat einen neuen Text hochgeladen
Jahrbuch Strategisches Kompetenz-Management 03. Der kompetenzbasierte ...
Heike Proff, Christoph Burmann, Jörg Freiling
0 Kommentare