Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 1
1 Die Entwicklung der italienischen Gesellschaft ab 1945 4
1.1 Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Italien: Ein geschichtlicher Überblick.4
1.1.1 Die politische Entwicklung Italiens ab 1942 5
1.2 Die Rolle der DC und ihr Einfluss auf die kulturellen Einrichtungen. 7
1.2.1 Rundfunk und Fernsehen als "politisches Instrument" 8
1.2.2 Auswirkungen auf die Presse und den Buchverlags 10
1.2.3 Kommerzielles Kino contra "Neorealismo" 12
1.3 Der Einfluss der amerikanischen Kultur 16
1.3.1 Kulturelle Gegenströmungen der 60er und 70er Jahre 19
1.4 Das "miracolo economico": Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft. 20
1.4.1 Die Liberalisierung der Presse und des Journalismus 22
1.4.2 Die Reformierung der RAI und die Entstehung der Privatsender 25
1.4.3 Weg vom Kommerz-Kino 27
1.5 Die 80er Jahre: Die Dezentralisierung der politischen Kontrolle. 30
1.5.1 Vom industriellen zum postindustriellen Staat 31
1.5.2 Die Umstrukturierung der Wirtschaftssysteme 32
1.6 Das Medienimperium Berlusconis 35
1.6.1 Fernsehen als bevorzugtes Kulturgut 39
2 Der "Mezzogiorno" und die "questione meridionale" 40
2.1 Emigration aus dem "armen" Süden in den "reichen" Norden. 43
3 Das Phänomen Mafia. 45
3.1 Ursprung und Entwicklung der Mafia 45
3.1.1 Die Entwicklung der Mafia nach dem Zweiten Weltkrieg. 50
3.2 Die "Commissione Antimafia" 53
3.3 Die 90er Jahre : Das Nebeneinander von Politik und Mafia 60
3.3.1 Die politische Situation Anfang der 90er Jahre 60
3.3.2 Die Aktion "Mani pulite": Auswirkungen auf die Politik und die Mafia
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4 Das "design italiano" 69
4.1 Die Entwicklung des "disegno industriale italiano" 69
4.2 Die Entwicklung des italienischen Designs ab 1945 71
4.2.1 Die 50er Jahre: Das "industrial Design" 74
4.2.2 Die 60er Jahre: "Bel design" contra "Radical design" 75
4.2.3 Die 70er Jahre: "Radical design" 79
4.2.4 Die 80er Jahre: "Memphis" 81
4.2.5 Die 90er Jahre: Die "Linea italiana" wird zur "Linea internazionale" 84
Riassunto. 85
Konklusion. 97
Bibliographie 99
Einleitung
"Italianità" - indole, natura italiana 1
Unter dem Begriff "Italianità" versteht man im allgemeinen das Wesen, die Art, die Natur den Charakter der italienischen Bevölkerung. Wodurch definiert sich jedoch diese "Italianità"?
Es gibt wohl eine Vielzahl von Schlagwörtern, mit denen man die "italienische Art" beschreiben kann, doch gibt es keine exakte Definition des Begriffes. Den Charakter, die Art und das Wesen eines Volkes zu bestimmen, ist eine komplexe Angelegenheit, da es ja innerhalb eines jeden Staates verschiedene Regionen gibt, deren Bewohner sich durch Lebensgewohnheiten, Sitten oder durch Mentalität unterscheiden. In Italien, wo es immer noch relativ große Disparitäten zwischen dem "reichen" Norden und dem "armen" Süden gibt, bedeutet aus diesem Grund "Italianità" für einen Norditaliener wahrscheinlich etwas anderes, als für einen Süditaliener.
Diese unterschiedlichen Auffassungen erstrecken sich nicht nur auf nationale, sondern durchaus auch auf internationale Ebene. Das Bild, welches man sich im Ausland von einem Land und dessen Bevölkerung macht, hängt in erster Linie damit zusammen, wie sich dieses Land außerhalb seiner Grenzen präsentiert. In zweiter Linie, hängt esmeiner Meinung nach - von der Beziehung und vom Zugang des Individuums zu diesem bestimmten Land ab.
1 Zingarelli, Nicola: Lo Zingarelli. Vocabolario della lingua italiana, Zanichelli, Bologna 1998. S. 958
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Im Fall von Italien, welches sich im Ausland noch immer gerne als beliebtes Urlaubsland präsentiert, kann man wohl sagen, dass man mit dem Schlagwort "Italianità" hauptsächlich eine bestimmte Art von "stile di vita", also Lebensstil assoziiert, der sich - ganz verallgemeinert - wiederum vor allem durch die Schlagworte "Pizza, Pasta und Vino" beschreiben lässt.
Franco La Cecla etwa, schreibt in seinem Buch "La pasta e la pizza", dass wenige Dinge so italienisch sind wie die "Pasta und die Pizza" und dass nur wenige Dinge, wie eben die "Pasta und die Pizza" , die italienische Identität bereits seit Beginn des
20. Jahrhunderts im Ausland definieren.
"Poche cose al mondo sono così italiane come la pasta e la pizza. Soprattutto poche cose definiscono come queste l'identità italiana agli occhi degli stranieri, e questo già da partire dagli inizi del secolo[…]" 2
Man kann also durchaus behaupten, dass der Begriff "Italialità" sowohl innerhalb Italiens, als auch außerhalb, klischeebehaftet ist. In der folgenden Diplomarbeit werde ich den Begriff "Italianità" in einem anderen Kontext betrachten - nämlich wie sich die "Italianità", in diesem Falle, das "Wesen" der italienischen Gesellschaft ab dem Zweiten Weltkrieg unter dem Einfluss von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekten verändert hat
Das erste Kapitel setzt sich mit der "Industrialisierung der italienischen Gesellschaft" nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander und behandelt die politische Entwicklung, deren Einfluss auf die kulturellen Einrichtungen, die Neuerungen im Bereich des
2 LaCecla, Franco: La pasta e la pizza, Il Mulino, Bologna 1998, S. 6
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Kulturkonsums, den "Wirtschaftsboom" und dessen Auswirkungen auf Politik, Kultur und Gesellschaft, sowie die Entwicklung von einem industrialisierten zu einem "postindustrialisierten" Staat.
Im zweiten Kapitel wird die "questione meridionale", also das Frage des "armen" Südens besprochen und ein Augenmerk auf die damit einhergehenden politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Probleme geworfen. Das dritte Kapitel umfasst den geschichtlichen Hintergrund, sowie die Entwicklung des "Phänomens Mafia" , das Zusammenspiel zwischen Mafia und Politik, beschäftigt sich mit der Arbeit der "Antimafia-Kommission", dem "Nebeneinander" von Politik und Mafia, sowie den Neuerungen im Bereich der politischen Landschaft und deren Folgen für die Mafia.
Im vierten und letzen Kapitel wird die Entstehung und die Entwicklung des "design italiano" und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Wirtschaft dargestellt. Einerseits habe ich den Bereic h "Design" ausgewählt, weil er meiner Meinung nach einen nicht wegzudenkenden Beitrag zur wirtschaftlichen, sowie zur kulturellen Entwicklung Italiens beigetragen hat und außerdem einen großen Teil des italienischen "stile di vita" repräsentiert - andrerseits ist das "design italiano" ein Gebiet, welches mich persönlich besonders interessiert.
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1 Die Entwicklung der italienischen Gesellschaft ab 1945
1.1 Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Italien: Ein geschichtlicher Überblick
Als sich 1943 die militärische Lage für Italien sichtlich verschlechterte, drängten die diplomatische und die militärische Vertretung Italiens - gegen den Willen Mussolinis
- immer heftiger zu einem baldigen Austritt aus dem Krieg. Nach dem sogenannten "Sbarco in Sicilia", der Landung der Alliierten in Sizilien am 10. Juli 1943, geriet Mussolini aufgrund dieser militärischen Bedrohung in Bedrängnis. Die Folge davon war seine Entmachtung während der letzten Sitzung des "Gran Consiglio del Fascismo", des "Faschistischen Großrats". Unter der Zustimmung des Königs Vittorio Emanuele III, wurde Benito Mussolini schließlich am 25. Juli 1943 verhaftet. Pietro Badoglio, der Mussolini als Ministerpräsident nachfolgte, betonte zunächst die Fortsetzung des Krieges an der Seite Deutschlands, nahm aber schon bald geheime Verhandlungen mit den alliierten Kriegsgegnern auf, die am 8. September 1943 zu einem ersten und am 28. September 1943 zu einem zweiten Waffenstillstandsabkommen, dem sogenannten "Armistizio", auf Grundlage einer bedingungslosen Kapitulation führten.
Aufgrund des eineinhalb Jahre andauernden erbitterten Widerstandes der deutschen Truppen gegen die Angriffe der Briten und der Amerikaner, blieb Italien weiterhin Kriegsschauplatz. Die Bevölkerung war von den anhaltenden Zerstörungen und vom Leid, sowie von Verschleppungen ehemaliger Soldaten und Zivilpersonen zu Arbeitseinsätzen in Italien und Deutschland, Verfolgungen von Einzelpersonen und Gruppen, die meist in Konzentrations- und Vernichtungslagern endeten, schwer gezeichnet. 3
3 Brütting, Richard: Italien Lexikon. Schlüsselbegriffe zu Geschichte, Gesellschaft, Wirtschaft, Politik,
Justiz, Gesundheitswesen, Verkehr, Presse, Rundfunk, Kultur und B ildungseinrichtungen, Erich
Schmidt Verlag, Berlin 1997, S. 398-399
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Am 13. Oktober 1943 erfolgte die Kriegserklärung Italiens an Deutschland - von größerer politischer Bedeutung wurde jedoch der sogenannte "Partisanenkrieg" gegen die deutschen Truppen, der von antifaschistischen, linksgerichteten Gruppen unter der Leitung des "Nationalen Befreiungskomitees für Oberitalien", des "Comitato di Liberazione Nazionale Alta Italia", in Norditalien geführt wurde. Dieser Partisanenkrieg behinderte erfolgreich die deutsche Kriegsführung und brachte bereits vor dem 2. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Italien, viele Städte in italienische Hand. 4
Mussolini, der sich auf der Flucht vor den Partisanen befand, wurde gefangengenommen, im Namen des italienischen Volkes verurteilt und am 28. April 1945 exekutiert.
Der Pariser Friedensvertrag vom 10. Februar 1947 brachte für Italien schließlich auch den formellen Abschluss des Zweiten Weltkrieges und bedeutete den Verlust sämtlicher Kolonien und die Anerkennung der Souveränität von Äthiopien und Albanien. 5
1.1.1 Die politische Entwicklung Italiens ab 1942
Der sich abzeichnende Zusammenbruch des faschistischen Regimes veranlasste 1942 Alcide De Gasperi, den ehemaligen Fraktionsführer des "Partito Popolare Italiano", des PPI 6 , mit anderen Mitgliedern die christdemokratische Partei, die "Democrazia Cristiana", die DC 7 , neu zu organisieren.
4 Brütting 1997, S. 191
5 Brütting 1997. S. 399
6 PPI/Partito Popolare Italiano (It. Volkspartei). Eine Partei, die sich auf die Grundsätze der christlichen
Soziallehre berief. Brütting 1997, S. 604
7 DC/Democrazia Cristiana (Christdemokraten). Die DC war bis 1994 die beherrschende Partei des
politischen Systems Italiens. Brütting 1997, S. 248-250
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Das Ziel der DC war es, eine gewisse politische und wirtschaftliche Freiheit durchzusetzen, sowie eine auf das allgemeine Wahlrecht gestützte, parlamentarische Demokratie zu gründen. De Gasperi konnte 1944 bereits das Amt des Außenministers und von Dezember 1945 bis 1952 die Funktion des Ministerpräsidenten übernehmen. Bei den Wahlen zur "Costituente", zur "Verfassunggebenden Versammlung" nach dem Sturz des Faschismus, sprachen sich am 2.Juni 1946 bereits 12,7 Millionen der italienischen Bevölkerung für eine Republik aus und die DC ging als stimmenstärkste Partei hervor. Die Ausrufung der Republik Italien findet schließlich am 18.Juni 1946 statt.
Während des 1947 einsetzenden Kalten Krieges, zeichnete sich in Italien eine andere politische Entwicklung ab, als in anderen europäischen Ländern, wie Großbritannien oder etwa Schweden. Die starke Präsenz der kommunistischen Parteien in Italien bedeutete für die international so mächtigen Sozialdemokraten den Ausschluss aus der Regierung. Dies hatte das Zerbrechen der sogenannten "Einheitsgewerkschaft" , der 1944, aus dem Zusammenschluss der wichtigsten gewerkschaftlichen Strömungenkommunistischer, sozialistischer und katholischer Tendenzen der ersten Nachkriegszeit - entstandenen "Confederazione Generale Italiana del Lavoro" , dem allgemeinen italienischen Gewerkschaftsbund 8 , zur Folge. 1948 entstanden nach der Abspaltung des christdemokratischen und des sozialdemokratisch-republikanischen Flügels die "Confederazione Italiana Sindacati dei Lavoratori" , die CISL 9 , und die "Unione Italiana del Lavoro" , die UIL 10 . Bei den Wahlen von 1948 gelang der DC ein wichtiger Schlag gegen die Kommunisten, als sie sich als stärkste antikommunistische Partei gegen die "Fronte Democratico Popolare", die "Volksfront", eine Gemeinschaft von italienischen Kommunisten, den "Partito Communista Italiano", den PCI 11 , und gegen die Sozialisten, den "Partito Socialista Itaiano", den PSI 12 , durchsetzte.
8 Brütting 1997, S. 178
9 Bund der italienischen Arbeitergewerkschaft. Brütting 1997, S. 187
10 Italienische Gewerkschaftsunion. Brütting 1997, S. 838
11 PCI/Partito Comunista Italiano (Italienische Kommunistische Partei). Brütting 1997, S. 573
12 PSI/Partito Socialista Italiano (Sozialistische Partei Italiens). Brütting 1997, S. 634
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1.2 Die Rolle der DC und ihr Einfluss auf die kulturellen Einrichtungen
Die antikommunistische Einstellung der DC wurde besonders von den Amerikanern
unterstützt, die sich - wie die DC - in Italien für die Freiheit des Individuums und für das Eigentumsrecht einsetzten. Gegen Ende der 40er Jahre waren Faktoren wie die relativ schwachen Gewerkschaften, die linksgerichteten Parteien - die sich in der Opposition befanden - ein Übermaß an Arbeitskräften, niedrige Löhne und die steigende Nachfrage, ausschlaggebend für den im "miracolo economico" gipfelnden, wirtschaftlichen Aufschwung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einigen politischen Änderungen beziehungsweise zu einer "Wiederherstellung der Ordnung" im Bereich der sogenannten "Massenkultur" , also der Presse, der Werbung, des Rundfunks und Fernsehens. Diese sogenannte "Wiederherstellung der Ordnung" äußerte sich in der Beibehaltung der Eigentumsverhältnisse und der Angestellten. Das heißt, dass die führenden Zeitungen, Verlagshäuser und Kinos ihren "Eigentümer" nicht wechselten und die Angestellten ihren Posten nicht verloren, da man auf qualifiziertes, erfahrenes Personal angewiesen war. Allerdings war mittlerweile neue Konkurrenz seitens der linksgerichteten Presse und der "Circoli del Cinema", der "Kinozirkel" aufgetaucht, welche jedoch nur eine unwesentliche Rolle spielten, da es ihnen an den notwendigen Finanzierungsmöglichkeiten fehlte.
Das Kino erlebte seine Blütezeit. Die italienische Gesellschaft begann sich nun zu einer konsumorientierten Gesellschaft zu entwickeln.
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1.2.1 Rundfunk und Fernsehen als "politisches Instrument"
Das Radio wurde während der 50er Jahre weitgehend als "Sprachrohr" , also als "Stimme der Regierung" genutzt, war überwiegend konservativ und auf die politische Ideologie der DC beschränkt.
Aufgrund der Kriegsschäden konnte vorläufig nicht national gesendet werden und man entschloss sich, zwei unabhängige Radiostationen einzurichten. Die "Rete azzurra", das blaue Radionetzwerk und die "Rete rossa", das rote Netzwerk. 13 Ende der 40er Jahre waren zwar noch Regionalsendungen zugelassen, aber kurz darauf wollte man die "RAI" nach Rom verlegen - das Ende der beiden Radionetzwerke war damit vorprogrammiert. Das Vorhaben der Zentralisierung der RAI stieß bei den Angestellten der einzelnen Radiostationen und deren Anhängern auf heftige Proteste, denn eine Zentralisierung würde den Verlust von Arbeitsplätzen auf lokaler Ebene und dem Verlust des Mitspracherechtes die Sendeinhalte betreffend bedeuten. Der Begriff "Zentralisierung" war für die italienische Bevölkerung schon deswegen negativ behaftet, da es bereits während des Faschismus Formen von Zentralisierung gegeben hatte. Der Missmut über eine neuerliche Zentralisierung äußerte sich auf verschiedene Art und Weise. Die Belegschaft des "Radio di Palermo" etwa, schickte ein Protestschreiben mit folgendem Inhalt an das Büro des Ministerpräsidenten:
"Wir sind gegen die Zentralisierung jeglicher Rundfunkaktivitäten in Rom, da dies die "Stimme der Insel" ersticken würde, eine Entfremdung jeglicher, künstlerischer und
13 Forgacs 1995, S. 167
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kultureller Aktivitäten, sowie die Arbeitslosigkeit für zweihundert Familien bedeuten würde." 14
Diese Art von Protestaktionen konnte gegen die bevorstehende Zentralisierung des Radionetzwerks allerdings nichts ausrichten und so wurden 1948 die "Rete azzurra" und die "Rete rossa" zusammengeführt. Der neu ernannte Direktor der RAI, Silvio Sernesi, begann mit einer Reorganisation des Radioprogramms. Als Vorbild diente der international sehr erfolgreiche Sender BBC. Das Programm wurde dreigeteilt, in Information, Erziehung und Unterhaltung. 1951 bis 1952, weiterhin dem Modell der BBC entsprechend, erfolgte wiederum eine Dreiteilung in ein "nationales" Programm, eines zur Unterhaltung und in ein drittes, nicht überall empfangbares, Kulturprogramm. 15
Aus der vom Krieg halb zerstörten RAI konnte sich bis in die Mitte der 70er Jahre eines der 25 erfolgreichsten Industrieunternehmen Italiens entwickeln. Bereits 1945 hatte das Radio den Status eines überaus beliebten Massenmediums erlangt. Auch die Ind ustrie konnte ihren Nutzen aus dem Erfolg des Radios ziehen, da stolze 75 Prozent der gekauften Radioapparate von den acht stärksten heimischen Elektro- und Elektronikfirmen und sämtliche Kabel der Post und Telekom von der Firma Pirelli produziert wurden. Auf diese Weise konnte der Erfolg des Radios die Zunahme an Privatkapital in der Nachkriegsperiode tatkräftig unterstützen. Bezüglich der politischen Kontrolle, wäre noch zu erwähnen, dass die DC es bis 1952 geschafft hatte, endgültig die Monopolstellung in der RAI zu erlangen, was sich in einer überaus engen Beziehung zwischen der Regierung und der RAI manifestierte. Die starke "katholische" Präsenz innerhalb der RAI wirkte sich im Bereich des Fernsehens besonders auf die Produktionsrichtlinien aus und gipfelte in der strengen Neuauflage der Zensurkriterien - die Kinofilme und Theaterstücke betreffend. Die DC
14 Forgacs 1995, S. 168
15 Forgacs 1995 S.168-170
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benutzte die Nachrichtensendungen, um ihre politische Ideologie unter der Bevölkerung zu verbreiten. Dies äußerte sich vor allem in der Wahl der The men und der Art, in welcher diese präsentiert wurden. Immer versuchte man die antikommunistische und gleichermaßen pro-katholische Haltung in den Vordergrund zu stellen. Aber nicht nur die Nachrichtensendungen dienten der Verbreitung der parteipolitischen Inhalte - das Radio und das Fernsehen wurden ganz allgemein als sogenanntes "Sprachrohr" genutzt, um an die breite Öffentlichkeit vorzudringen. Bis zum Ende der 60er Jahre wurde eine Demokratisierung des Radio- und Fernsehprogramms zum Zweck einer Produktion auf regionaler Ebene, eines breiter gefächerten Programms, welches die Interessen und Meinungen der Gesellschaft berücksichtigte, nicht einmal in Betracht gezogen. Die Reform der RAI von 1975 ergab nichts Anderes als eine Aufteilung der "Plattformen" Radio und Fernsehen unter den Parteien. 16
1.2.2 Auswirkungen auf die Presse und den Buchverlags
Während, wie bereits erwähnt, die Angestellten ihre Posten größtenteils behalten durften, bedeutete dies keinesfalls eine Kontinuität der politischen Kontrolle. Mit dem Übergang vom Faschismus zur Republik Italien änderte sich auch die politische Ideologie der Zeitungen - sie wurden sozusagen "entfaschistiziert". Ab dem Ende der 40er Jahre schlug die Presse eine konservative Richtung ein, welche die amerikanische, politische Ideologie, sowie die Forderungen des "Marshallplans" guthieß, den linksgerichteten politischen Strömungen und der Arbeiterbewegung feindlich gesinnt war, sowie die faschistische Vergangenheit verleugnete.
16 Forgacs 1995, S. 170-178
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Die erste bedeutsame Veränderung begann 1956 mit der Auflösung der Tageszeitung "Il Giorno". Bei "Il Giorno" handelte es sich um eine vom Staat unterstützte, liberalistische Zeitung, die nicht wie die anderen unabhängigen Tageszeitungen als "Sprachrohr" für die verschiedenen privaten Industrien fungierte. Es gab bereits einige dieser Tageszeitungen, wie zum Beispiel "Il Mondo", "L'Europeo", "L'Espresso", die eine liberale Position vertraten und dass ein großes Interesse seitens der Leserschaft herrschte, war seit dem Erfolg von "Il Giorno" lä ngst bewiesen. 17 Zwar gab es nun eine Tendenz in Richtung Pluralismus der Presse, doch aufgrund der von 1963 bis 1964 herrschenden Rezession, die direkt auf das "miracolo economico" folgte, musste eine größere Anzahl von Publikationen eingestellt werden. Zwischen 1965 und 1966 wurden bereits drei Wochenzeitungen geschlossen. Ab der Mitte der 60er Jahre begannen einige größere Firmen, wie zum Beispiel das Verlagshaus Rizzoli, mehrere Tageszeitungen aufzukaufen und diese wieder konkurrenzfähig zu machen.
Das Buchverlagswesen zeigte zwar seit den 20er Jahren ein sich kaum veränderndes Bild - die 40 größten Verlagshäuser kontrollierten nach wie vor mehr als 60 Prozent des Marktes, dennoch machten sich einige Veränderungen bemerkbar. Aufgrund der fortschreitenden Alphabetisierung der Bevölkerung erhöhte sich die Anzahl der Leser. In der Zeit von 1957 bis 1965 wuchsen die Einnahmen in diesem Sektor von 48,5 auf 135 Milliarden Lire und der Prozentsatz der "lesenden" Familien - mindestens ein Familienmitglied konnte lesen - stieg von 17,5 Prozent auf 42,5 Prozent. Eine Studie aus dem Jahr 1964 belegte, dass sich die Anzahl der Leser einerseits auf die höchsten Gesellschaftsschichten konzentrierte, es aber gleichzeitig einen großen Anteil in den niedrigsten Gesellschaftsschichten und da vor allem bei den Fabrikarbeitern gab. Der wohl wichtigste Faktor, der das Wachstum der lesenden Bevölkerung maßgeblich beeinflusste war die Erhöhung des Bildungsniveaus im Bereich des Schulwesens, infolgedessen mehr Schulbücher verkauft wurden. Die Erhöhung des Bildungsniveaus
17 Forgacs 1995, S. 203-206
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bewirkte eine Zunahme von Angestellten und Beamten, die von nun an über mehr Einkommen verfügten. Außerdem stieg die Nachfrage an Büchern. Die ersten Taschenbücher kamen auf den Markt und dies bedurfte eine Neuorganisation der Werbung und des Verkaufs dieser Billigausgaben. Einige der renommierten Verlagshäuser eröffneten Geschäfte, verkauften die Taschenbücher aber durchaus auch in den Zeitungskiosken und lockten die Leser mit Gratisausgaben und Geschenken. 1971 brachte das Verlagshaus Garzanti eine Edition des Buches "Love Story" von Erich Segal heraus, die zusammen mit speziellen Pralinen der Firma Buitoni-Perugina zu einem erschwinglichen Preis erhältlich war. 18 Das System dieser "Spezialeditionen" funktionierte bereits in den 70er Jahren und ist bis heute sehr erfolgreich geblieben.
1.2.3 Kommerzielles Kino contra "Neorealismo"
Nach der Aufhebung des 1938 verabschiedeten Gesetzes, welches sämtliche ausländischen Filme in Italien verbot, überschwemmten im Jahr 1945 ausländische, im besonderen amerikanische Filme, die Kinos. Alte amerikanische Filme aus der Vorkriegszeit wurden gleichsam wie Neuerscheinungen aufgeführt. Die Kinobesitzer waren verpflichtet, für jeden von ihnen ausgewählten Film, zwei weitere, unbekannte, zu kaufen.
Dieses Bild entspricht wohl nicht ganz jenem, welches man außerhalb Italiens mit dem Kino der Nachkriegszeit assoziiert. Wird doch das Kino der Nachkriegszeit mit dem Begriff des "Neorealismo", des Neorealismus gleichgesetzt, dessen Filme vor allem im Ausland sowohl bei den Kritikern, als auch beim Publikum hervorragend ankamen.
18 Forgacs 1995, S. 206
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In Wirklichkeit machten die "Low Budget" Filme des "Neorealismo", die "Innovationen", die ein hohes Maß an künstlerischer Qualität aufzuweisen hatten, nur eine n sehr geringen Anteil der gesamten Produktion aus - und sogar noch ein geringerer Teil wurde zu dieser Zeit tatsächlich in den italienischen Kinos gezeigt. Zwischen 1945 und 1953 wurden in Italien 822 Filme gedreht, von denen weniger als ein Drittel der K ategorie "Neorealismo" zuzuordnen war. Den Großteil machten Liebesfilme, Komödien, Thriller und historische Dramen aus - also in erster Linie kommerzielle Filme. Dieses Bild präsentierte sich in Italien bereits vor dem Zweiten Weltkrieg. 19
Bei den neorealistischen Filmen schafften nur einige wenige, wie zum Beispiel "Roma città aperta" von Roberto Rossellini, einen Publikumserfolg innerhalb Italiens. Aber kann man aufgrund dieser Entwicklung tatsächlich den Geschmack der italienischen Bevölkerung der Nachkriegszeit herauslesen?
Wahrscheinlich nur bis zu einem bestimmten Punkt, da das Publikum in den seltensten Fällen - eigentlich so gut wie gar nicht - Einfluss auf die in den Kinos gespielten Filme ausüben konnte, geschweige denn entscheiden konnte, welche Filme denn produziert werden sollten.
1948 machten die amerikanischen Kinofilme bereits drei Viertel der neuen Produktionen auf den Bildschirmen der italienischen Bevölkerung aus. Einen erheblichen Beitrag zu dieser Entwicklung leistete ohne Zweifel die italienische Regierung, die während der Jahre 1945 bis 1946 den Protektionismus und die faschistische Zensur abschaffte und dadurch den Markt für den Import öffnete. Der Boom der amerikanischen Filme bedeutete schließlich auch für die Kinobesitzer einen wirtschaftlichen Aufschwung - das Publikum wuchs und um 1949 zählte man in ganz Italien um über 3000 Kinosäle mehr als vor dem Zweiten Weltkrieg.
19 Forgacs 1995, S. 177-190
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Ab 1947 kam es, wie eben auch bei anderen kulturellen Einrichtungen, zu einer Zentralisierung der politischen Kontrolle durch die DC im Bereich der Produktion und der Aufführung von Kinofilmen. Der Regierung, mit anderen Worten die Democrazia Cristiana selbst, gelang es, die Finanzierung der Filmproduktionen mit Hilfe der "Banca Nazionale del Lavoro", der Staatsbank, die das Monopol auf die staatlich subventionierten Darlehen für Filmproduktionen besaß, zu beeinflussen. 20 Außerdem wurde das "Ufficio Centrale per la Cinematografia", eine Art "Zentralbüro der Kinoproduktion" , gegründet, welches direkt vom Büro des Ministerpräsidenten abhängig war und die Aufgabe hatte, die nationale Filmproduktion und den In- und Export zu überwachen, sowie den Auftrag zur Zensur von Filmen hatte. Wie schon im Faschismus wurden bereits Drehbücher zensuriert und die Produktion vo n Filmen kontrolliert. Fiel ein Drehbuch einer starken Zensur zum Opfer, ließen die Autoren oder die Produzenten gewöhnlich davon ab.
Ende der 40er Jahre vertraten die Christdemokraten der Meinung, dass die Inhalte der neorealistischen Filme nicht der katholischen Moral entsprächen und dem "positiven" Image Italiens schadeten. Giulio Andreotti, der von Mai 1947 bis August 1953 die Funktion des "Sottosegretario per lo Spettacolo", einer Art Vizesekretär im Bereich von Kunst und Kultur, innehatte, sprach sich klar für einen "gesunden" Realismus, gegen die Politisierung des Kinos, sprich gegen den Neorealismus, der seiner Meinung nach der Bevölkerung schadete, aus. 21
Gegen die Macht der DC hatten die Regisseure neorealistischer Filme keine Chance und man l egte ihnen immer neue Steine in den Weg. Schließlich mussten sie sich alternative Möglichkeiten der Finanzierung und Produktion ihrer Filme überlegen. Carlo Lizzani zum Beispiel, ein kommunistischer Regisseur, holte sich 1950 für
20 Forgacs 1995, S. 184-185
21 Forgacs 1995, S. 185-187
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seinen Film "Achtung Banditi!" Unterstützung bei der Vereinigung ehemaliger Partisanen.
Als Alternative entstanden die bereits erwähnten, sogenannten "Circoli del Cinema", die "Kinozirkel". Diese Kinozirkel begannen sich auf regionaler Ebene schon zwischen 1945 und 1946 zu formieren und 1947 wurde dann die "Federazione Italiana Circoli del Cinema", die FICC, die "Italienische Vereinigung der Kinozirkel", gegründet, welche mit der Koordination der Vorführungen betraut wurde. Die "Circoli del Cinema" waren keine eigenen Kinos, sondern man mietete Kinosäle außerhalb der regulären Vorführzeiten - zum Beispiel am Sonntag Vormittag. Nach der Aufführung wurde das Publikum eingeladen, über den Film zu diskutieren. Eine 1965 durchgeführte Untersuchung ergab, dass zu dieser Zeit bereits mehr als 70 Prozent des Publikums an den anschließenden Diskussionen teilnahm. Die "Circoli del Cinema" waren der DC verständlicherweise ein Dorn im Auge, denn sie bildeten ein Forum für die von der Regierung missgebilligten, neorealistischen und ausländischen Filme. Hätte die DC einfach zugesehen wie das Publikum der Kinozirkel ständig größer wurde, wäre schließlich eine Konkurrenz zu den kommerziellen Filmen entstanden, was Anlass genug gewesen wäre, die Projekte neorealistischer Regisseure doch noch zu unterstützen. So weit kam es aber nicht. Der Regierung gelang, es die FICC zu spalten. Sie schaffte es aber weiterhin bestehen zu bleiben und sogar Mitglieder dazugewinnen. Die Mitglieder der FICC wollten sich zukünftig nicht von der Politik beeinflussen lassen. Der Erfolg der "Circoli" hielt zwar an, doch konnte die Vormachtstellung der kommerziellen Kinoproduktionen nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden. 22
22 Forgacs 1995, S.188-190
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1.3 Der Einfluss der amerikanischen Kultur
Während der 50er Jahre konnte der Einfluss der amerikanischen Kultur auf Italien nicht länger verleugnet werden. Die ersten Supermärkte hielten Einzug, Bars im "American Style" entstanden, "Motorscooter" belebten die Strassen und elektrische Haushaltsgeräte und Tiefkühlkost wurden Teil des italienischen Alltags. Es veränderte sich allerdings nicht allein der Lebensstil, sondern es entwickelten sich neue, kulturelle Formen, sowie ein neues Konsumverhalten, in welchem sich der neue "stile di vita" widerspiegelte. 23
Auch die italienischen Filme der 50er Jahre r epräsentierten die Veränderungen innerhalb der Volkskultur. Die Protagonisten ahmten amerikanische Verhaltens- und Lebensgewohnheiten nach und verweigerten den traditionellen, italienischen Lebensstil. Außerdem entstand ein kommerzielles Kino, es pendelte sich ein kontinuierlicher Import von Kinofilmen ein, der Rotationstiefdruck und der Fotoroman hielten Einzug und das Fernsehen gewann an Beliebtheit. Als eine besonders wichtige Errungenschaft der Nachkriegszeit entpuppte sich der "fotoromanzo", der Fotoroman, ein sozusagen "erzählter", romantischer Film mit Sprechblasen, dessen Produktion dank der Entwicklung des Rotationstiefdruckes, der eine günstige Möglichkeit der hochqualitativen Vervielfältigung von Bildern bat, ermöglicht wurde. Der erfolgreichste dieser Fotoromane für Erwachsene war "Grand Hotel", der vom Italo-Franzosen Cino Del Duca publiziert wurde, und zum ersten Mal 1946 erschien. Der Erfolg des Fotoromans ist wohl dadurch zu erklären, dass er als erstes "Massenmedium" bis in die untersten Schichten der italienischen Gesellschaft vordrang und sogar eine "Alphabetisierungswelle" - vor allem bei den Frauenauslöste. Außerdem wurde die Grundschulausbildung erweitert, was einem großen
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Anteil der Bevölkerung ermöglichte, lesen zu lernen, was die Leserschaft des "fotoromanzo" folglich vergrößerte. 24
Die ausschlaggebendste Veränderung im Bereich des Kulturkonsums vollbrachte ohne Zweifel das Fernsehen. Innerhalb weniger Jahre überschwemmten Fernsehgeräte nicht nur die Haushalte, sondern auch Restaurants und Bars. Die italienische Bevölkerung hatte während dieser Jahre die Angewohnheit entwickelt, in den unterschiedlichsten, öffentlichen Einrichtungen dem Fernsehvergnügen zu frönen. Auf dem Land, in den Provinzen und besonders im Süden Italiens, verbreitete sich das sogenannte "Gemeinschaftsfernsehen" sehr rasch. Es zeigte sich, dass das Fernsehen in öffentlichen Einrichtungen es zu Wege brachte, Menschen der unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten in eine Art "sozialem Verband" einander näher zu bringen. 1959 ergab eine Untersuchung, dass besonders die 16 bis 30jährigen der mittleren, unteren Gesellschaftsschicht und der Arbeiterklasse das Medium Fernsehen für sich entdeckt hatten.
Um 1964, etwa ein Jahrzehnt nach dem Beginn der ersten regulären Fernsehübertragungen, stellten Untersuchungen fest, dass zwischen 23 und 24 Millionen Erwachsener jede Woche das Fernsehen nutzten und dass 38 Prozent der sechs- bis 17jährigen mindestens vier bis fünf mal pro Woche fern sahen. Der Boom des Fernsehens war vor allem für das Radio und die Kinoindustrie durch einen raschen Rückgang des Publikums spürbar. Während der Übertragung beliebter Fernsehsendungen, wie zum Beispiel "Campanile sera" oder "Lascia o raddoppia", waren die Straßen wie ausgestorben.
24 Forgacs 1995, S. 192
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Bereits 1956 stellte sich zum ersten Mal seit Kriegsende einen Rückgang des Publikums im Bereich des Kinos ein und von diesem Zeitpunkt an schrumpfte die Zahl der Kinobesucher kontinuierlich bis zur Mitte der 70er Jahre. Schuld am Rückgang der Publikumszahle n war allerdings nicht nur das Fernsehen, sondern auch das Kinoprogramm und die damals praktizierte Preispolitik, die aus dem Kino ein relativ teures Vergnügen machten. Die Tatsache, dass hauptsächlich kostspielige Filmpremieren gezeigt wurden und die Kinobesucher immer weniger wurden, verursachte eine Verteuerung der Eintrittskarten. Obwohl sich also zwischen 1955 und 1976 das Publikum um die Hälfte verringerte, blieben die Einnahmen aufgrund dieser Preispolitik mehr oder weniger konstant. 25
Der sich abzeichnende Einzug einer "amerikanisierten" Massenkultur von niedriger Qualität wurde von der Regierung, genauer gesagt von der "Democrazia Cristiana", alles andere als begrüßt. Die DC wollte das Eindringen der amerikanischen Massenkultur in die italienische Gesellschaft verhindern und mit den von ihr gestalteten Fernseh- und Radioprogrammen eine eigene, italienische Massenkultur kreieren. Diese eigens geschaffene, italienische Massenkultur sollte vor allem auf die jüngeren Generationen, die von den aus dem Ausland hereinströmenden Neuheiten besonders leicht zu beeindrucken waren, zugeschnitten sein. 1950 wurde die "Unione Italiana Stampa Periodica Educativa per Ragazzi" , die UISPER, gegründet, die darauf ausgerichtet war, mit Hilfe der Produktion von "Kinderzeitungen" die moralische und christliche Erziehung dieser Generationen zu fördern Die DC schaffte es jedoch nicht, den Einfluss der "amerikanischen Massenkultur" zu unterdrücken. Die italienische Gesellschaft befand sich aufgrund dieser Einflüsse von Außen, aber auch aufgrund der von der DC geschaffenen "italienischen Massenkultur" auf dem besten Weg eine industrielle Kultur zu entwickeln. Es entstand ein kulturell neu erschlossener Markt, der vor allem auf die Ansprüche und Forderungen der
25 Forgacs 1995, S. 193-195
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jüngeren Generationen einging. Bereits am Ende der 60er Jahre sollten die Werte und Traditionen der vorhergegangenen Generationen endgültig in Frage gestellt werden. 26
1.3.1 Kulturelle Gegenströmungen der 60er und 70er Jahre
Etwa ab der Mitte der 60er Jahre entwickelten sich kulturelle Strömungen, die gegen die Verbreitung einer kommerziell orientierten Kultur rebellierten. Das herrschende kulturelle System sollte durch neue Inhalte bereichert, die politische Kontrolle auf verschiedene kulturelle Einrichtungen aufgeteilt und dezentralisiert werden. Dadurch wollte man dem Publikum einen differenzierten Zugang zum kulturellen Angebot ermöglichen.
Zur selben Zeit wurde die industrielle Konkurrenz allmählich stärker und nur einige wenige große Firmen konnten sich auf dem Markt behaupten. Diese Tendenz wurde von politischer Seite unterstützt, da man darin eine Möglichkeit sah, private Monopole entstehen zu lassen.. Industrielle und Finanziers aus den verschiedensten Sektoren begannen sich nun auch für die kulturelle Entwicklung zu interessieren. Die kulturellen Einrichtungen, die durch die Entstehung dieser privaten Monopole ein Hindernis für die kulturelle Entwicklung sahen, setzten sich für eine Zusammenarbeit zwischen einzelnen Firmen auf internationaler Ebene ein. In der Plattenindustrie zum Beispiel, waren Ende der 70er Jahre von etwa hundert Unternehmen nur drei rein italienischer Natur. Bei allen anderen handelte es sich um Zweigstellen multinationaler Konzerne aus Amerika, England, Holland und Deutschland. Die kleineren Unternehmen, die sich den Rest des Marktes teilten, waren von diesen Großkonzernen abhängig. Außerdem wurde ein Großteil aller Platten zu dieser Zeit bereits aus dem Ausland importiert.
26 Forgacs 1995, S. 197-198
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Arbeit zitieren:
Marion Malle, 2003, L'Italianita - Die Entwicklung der italienischen Gesellschaft ab dem Zweiten Weltkrieg unter den Aspekten Politik, Wirtschaft, Kultur und Design, München, GRIN Verlag GmbH
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