Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Beziehung zwischen Großeltern und ihren Enkeln 2
2.1. Der Lebensabschnitt der Großmutter 2
2.2. Verschiedene Kategorien von Enkelkindern 4
2.2.1. Kinder verheirateter Söhne 4
2.2.2. Kinder unverheirateter Söhne 4
2.2.3. Kinder verheirateter Töchter 4
2.2.4. Kinder unverheirateter Töchter 5
3. Modernisierung und das Auftauchen von HIV/AIDS 7
im Kontext von Generationenbeziehungen
3.1. Soziale Veränderungen im Zuge der Modernisierung 7
3.2. Was hat AIDS mit der Modernisierung zu tun? 7
3.3. Rezeption von HIV/AIDS auf lokaler Ebene 9
4. AIDS und die Auswirkungen auf der Haushaltsebene 10
5. Großeltern in der Pflicht 12
6. Fazit 14
7. Bibliographie 16
1. Einleitung
Geschätzte 38, 6 Millionen Menschen weltweit waren im Jahre 2005 HIV-positiv. Etwa 4, 1 Millionen Personen infizierten sich in diesem Zeitraum neu, während 2, 8 Millionen ihr Leben an AIDS verloren.
Die meisten der Betroffenen gehören dem sowohl sexuell aktivsten als auch wirtschaftlich ergiebigsten Teil der Bevölkerung an: der Altersgruppe zwischen 15 und 49 Jahren. Dies hat dramatische Auswirkungen auf jegliche Aspekte des sozialen und wirtschaftlichen Lebens (vgl. Gosh & Kalipeni 2004: 306). Viele der Erkrankten haben Nachkommen, die sie nach ihrem Tod als Waisen zurücklassen. Im sub-saharischen Afrika wurden 9 % der Kinder unter 15 Jahren durch die Epidemie zu Halb- oder Vollwaisen (alle Zahlen: UNAIDS 2006). Die Folgen für ihre Zukunft sind mannigfaltig. Nicht nur der Verlust von geliebten Menschen ist zu bewältigen. Die ökonomischen, sozialen und gesundheitlichen Lebensgrundlagen der Waisen können vielerorts nicht mehr gewährleistet werden. Der Mehrheit afrikanischer Gesellschaften wird ein starker innerfamiliärer Zusammenhalt (das Modell der „extended family“) zugeschrieben. Kinder, die beide Elternteile verloren haben, werden oftmals von diesem sozialen Netz der erweiterten Familie aufgefangen und in den Haushalt eines meist älteren, weiblichen Familienmitglieds aufgenommen. UNICEF veröffentlichte, dass etwa 40 % der Waisen in Afrika bei ihren Großeltern (meistens den Großmüttern) untergebracht werden. 30 % der Kinder finden eine Bleibe bei Tanten (meistens der Mutter-Schwester) und Onkel. Diejenigen, um die sich der erweiterte Familienverband nicht kümmern kann, leben in Waisenhäusern, auf der Straße oder bilden einen „childheaded-household“ (vgl. Guest 2003: 18).
Pflegekinder aufzunehmen ist eine durchaus gebilligte und auch erwünschte Art und Weise Ressourcen innerhalb der erweiterten Familie zu verteilen, so dass sowohl individuelle Haushalte sichergestellt als auch familiäre Bande gestärkt werden. Eltern haben auf diese Weise die Möglichkeit, hohe Geburtenraten wirtschaftlich zu kompensieren, während die Pflegefamilie eine Arbeitskraft, Gesellschaft und eine eventuelle Altersabsicherung gewinnt. Manchmal handelt es sich auch einfach um pragmatische Gründe wie die Nähe zu einer Bildungseinrichtung, warum ein Kind
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außerhalb des Haushalts der biologischen Eltern aufwächst (vgl. Gosh & Kalipeni 2004: 312-313).
Mein Ziel ist es, im ersten Schritt die Frage zu klären, welche Merkmale die Beziehung zwischen Großeltern und -kindern ausmachen und wie die erwähnten Pflegekindsysteme, vor allem die Aufnahme von Enkeln in den Haushalt der Großeltern, im „normalen“ afrikanischen Kontext funktionieren. Im zweiten Schritt möchte ich untersuchen, inwiefern die Welle der Modernisierung und das Auftreten von HIV/AIDS die Beziehung zwischen den Generationen und traditionelle Betreuungsmodelle beeinflusst und verändert hat.
2. Beziehung zwischen Großeltern und ihren Enkeln
Großeltern, vor allem Großmütter, spielen eine zentrale Rolle in afrikanischen Lineages. Sie haben einen großen Einfluss auf Heirats- und Abstammungssysteme und die Beziehung zu ihren Großkindern wird als eine der wichtigsten innerhalb der Gesellschaft beschrieben (vgl. Notermans 2004: 24).
Die Geburtenrate in afrikanischen Ländern ist beständig hoch, so dass Großeltern meist viele Enkel haben. Ich möchte in diesem Zusammenhang hauptsächlich auf die Rolle der Großmutter eingehen, da die Bindung der Kinder zu ihr meist mehr in das tägliche Leben eingebettet und wichtiger für die Sozialisation ist als zum Großvater (vgl. Geissler & Prince 2004a: 97).
In westlichen Ländern konstituiert sich der Status der Großmutter lediglich aus der biologischen Tatsache, dass eines ihrer Kinder ein Kind bekommt. In vielen afrikanischen Gegenden „life stages, such as grandmotherhood, are not inevitably undergone but have to be actively chosen and performed in order to be gained” (Notermans 2004: S. 7, Z. 41-42) .
2.1. Der Lebensabschnitt der Großmutter
Wenn Frauen sich entscheiden, sexuell inaktiv zu werden und nach und nach die Reproduktion aufzugeben, treten sie in die Lebensphase der Großmutter ein und genießen damit eine gesteigerte persönliche Freiheit und Autorität (vgl. Geissler & Prince 2004a: 97).
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An diesem Punkt im Leben einer Frau ist sie zukünftig in der Lage, für Großkinder zu sorgen und sie nahe bei sich zu haben. „ (...) [If she] declares that she shares her bed with her grandchildren, she also declares that she does not sleep with men anymore” (Notermans 2004: S. 14, Z. 41-43).
Das “Teilen” deutet auf eine intensive Hingabe zwischen Großmüttern und Großkindern hin. Die Großmutter versorgt ihre Schützlinge in allen Bereichen und widmet ihnen ihre volle Aufmerksamkeit, während diese ihr großen Respekt zollen, bei allerlei häuslichen Pflichten helfen, die Kontinuität der Lineage und ihre Versorgung im Alter sichern. Das Großmutter-Dasein wird dadurch definiert, dass ihre Enkelkinder in ihrem Haushalt leben und eine enge Bindung zu ihr aufbauen, welche durch Nähe, Wärme und Intimität geprägt ist. Großkinder, die weit entfernt wohnen, machen demnach eine Frau nicht zur Großmutter, sondern nur diejenigen, die mit ihr „home, food and bed“ teilen (vgl. Notermans 2004: 14). Aus dem westlichen Blickpunkt heraus sind diese Kinder nicht ihre eigenen, aber ihre Großmutter sieht sie als solche an. Notermans bezeichnet in diesem Zusammenhang die Rolle der Großmutter als soziale Mutterschaft, welche sich konsequent von der Beziehung der „richtigen“ Mutter zu ihrem Kind unterscheidet (vgl. Notermans 2004: 7).
Ein Kind darf nur im Bett der biologischen Mutter schlafen solange es gestillt wird, was im Regelfall nicht länger als 2 Jahre der Fall ist. Danach löst sie sich emotional von ihrem Kind und nimmt ihr Sexualleben wieder auf. Jegliche Zuneigungs- und Zugehörigkeitsbekundungen ihrem Nachkommen gegenüber werden abgestellt. So lernen die Kinder mit einer fortan von Autorität und Gehorsam geprägten Beziehung zu ihrer Mutter umzugehen und gefühlsmäßig unabhängig zu sein, so dass sie sich in das weitmaschige Netzwerk der Sippe integrieren können, welches für sie sorgen wird (vgl. Notermans 2004: 15).
Wenn die Großmutter in der Folge ihre Enkel zu sich nimmt, wird ihr der eigentliche Status der Mutterschaft zugesprochen. In ihr sehen die Enkel ihre „richtige“ Mutter, da sie ihre Reproduktion schon abgeschlossen hat, um sich ihnen voll und ganz zu widmen. Geborgenheit, Zuwendung, Liebe und das tägliche Miteinander machen diese Beziehung aus und spielen eine entscheidende Rolle in der Sozialisation der Kinder (vgl. Notermans 2004: 23).
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„The sharing of home, food and bed is central in the performance of grandmotherhood and expresses a relationship of solidarity, warmth, and intimacy that contrasts with hierarchical and detached relationships between mothers and children” (Notermans 2004: S. 23, Z. 30-33). Enkel gehen unverkrampft mit ihren Großeltern um, verbringen gemeinsam mit ihnen viel Zeit, scherzen und reden oft miteinander und sind ihnen vor allem auch körperlich und emotional näher als ihren Eltern (vgl. Whyte & Whyte 2004: 86-87). In afrikanischen Ländern ist es nicht ungewöhnlich, dass Kinder nicht im Haushalt ihrer biologischen Eltern aufwachsen.
„Elternschaft kann aufgrund ihrer Funktion definiert werden: Pflege und Erziehung, materielle Unterstützung und Ausbildung sowie Identitätsbildung auf der Basis von Verwandtschaft und Status reichen weit über die rein biologische Elternschaft hinaus“ (Wolf 2004: S. 186, Z. 11-14).
2.2. Verschiedene Kategorien von Enkelkindern
Es gibt keinen Stereotyp des Großmutter-Daseins, sondern verschiedene Arten von Beziehungen zu Enkelkindern. Es wird zwischen Kindern von Töchtern und Kindern von Söhnen differenziert.
2.2.1. Kinder verheirateter Söhne
Obwohl Kinder verheirateter Söhne zur Patrilineage gehören, leben sie selten bei ihrer Großmutter väterlicherseits und werden auch nicht von ihr eingefordert. Traditionell wohnt der Sohn mit seiner Familie allerdings in der Nähe oder auf dem Grundstück der Eltern. Diese Enkelkinder helfen im Haushalt und der Landwirtschaft der Großeltern und sind ihnen eine emotionale und praktische Stütze durch ihre räumliche Nähe und das tägliche Umgehen miteinander. Durch diese Nachkommen hat der Großvater die Kontinuität der Lineage und das Fortbestehen des Familienbesitzes gesichert (vgl. Ingstad 2004: 66-67).
2.2.2. Kinder unverheirateter Söhne
Großmütter haben eine wenig intensive Beziehung zu den Kindern des unverheirateten Sohnes, da diese Enkel normalerweise der Matrilineage zugerechnet werden. Sie haben meist die gleiche Beziehung zu den Kindern unverheirateter Söhne wie zu den Kindern verheirateter Töchter: Sie dürfen sie nicht für sich beanspruchen und haben oft keinerlei Bindung zu ihnen (vgl. Notermans 2004: 18).
2.2.3. Kinder verheirateter Töchter
Verheiratete Töchter leben mit ihrem Mann meist weit entfernt von ihren Eltern. Die Kinder gehören zur Patrilineage. Deshalb investiert die Großmutter mütterlicherseits
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Arbeit zitieren:
Silke Vollhase, 2006, AIDS und Generationenbeziehungen, München, GRIN Verlag GmbH
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