Bilingualismus bei Grundschulkindern - Erkenntnisse der Zweitspracherwerbsforschung 1
und ihre konkrete Umsetzung am Beispiel KOALA
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Problemstellung 2
2. Bilingualismus bei Immigrantenkindern 3
2.1 Zweisprachige Kompetenz - Begründung einer intersozialen Notwendigkeit 3
2.2 Sprachwissenschaftliche Erkenntnisse - Die Interdependenz von Mutter- und
Zweitsprache 5
2.3 Die Einschulung als doppelter Spracherwerbsprozess 9
3. KOALA: Die koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht - Ein Konzept
zum zweitsprachigen Unterricht 11
3.1 Notwendigkeit, generelle Konzeption und Zielsetzungen 11
3.2 Die Verantwortung der Schule und die konkrete Umsetzung 12
3.3 Der Erfolg als Chance 17
4. Schlussbemerkung 18
Literaturverzeichnis 19
Bilingualismus bei Grundschulkindern - Erkenntnisse der Zweitspracherwerbsforschung 2
und ihre konkrete Umsetzung am Beispiel KOALA
„Integration ohne Aufnahme der Muttersprache in die Regelschule kann nicht gelingen. Es sei denn, mensch versteht unter Integration in Wirklichkeit Assimilation an die
Mehrheitsgesellschaft unter Aufgabe der eigenen kulturellen und ethnischen Identität.“ 1
1. Einleitung und Problemstellung
Diese Referatsausarbeitung wird sich mit Bilingualität im Sinne muttersprachlichen Unterrichts in der Grundschule mit dem Ziele eines effizienteren Zweitsprachenerwerbs beschäftigen. Schwerpunkt ist also nicht etwa das Erlernen einer Fremdsprache, sondern einer Zweitsprache bei gleichzeitiger Ausbildung der Muttersprache, wobei besonderes Augenmerk auf die Situation von Minoritäten, besonders Immigranten, gelegt werden wird. Nach einer allgemein gehaltenen Einführung zur Bedeutung von Sprache und Zweisprachigkeit sowie interkulturellem Zusammenleben mit ausländischen Minoritäten wird anhand des Beispiels KOALA ganz konkret auf die Thematik des koordinierten Zweitspracherwerbs eingegangen
werden. 2
Kindern, die aus ihrer gewohnten Umwelt herausgerissen werden, muss eine besonders hohe erzieherische Aufmerksamkeit zuteil werden, um persönlichen wie schulischen Misserfolgen und damit einhergehender Isolation vorzubeugen. Die sozialgesellschaftliche Integration (nicht Assimilation!) von Aussiedlern, Asylbewerbern, aber auch von Kindern aus Erste-Welt-Staaten, die z.B. infolge einer beruflichen Versetzung eines Elternteils verpflanzt werden, muss als grundlegende Voraussetzung für ein geordnetes, fruchtbringendes, interkulturelles Miteinander sowie schulischen Erfolg angesehen werden. Integration und Akzeptanz setzen jedoch das Erlernen der jeweiligen Zweitsprache voraus. Zudem: „Durch den […] gesellschaftlich auferlegten Zwang zur Zweisprachigkeit erhält diese zweite Sprache auch eine nicht zu unterschätzende Funktion bei der Identitätsbildung und der Entwicklung
der Persönlichkeit.“ 3 Gerade für Kinder ist eine grundlegende sprachliche (Weiter-)bildung in der Muttersprache aber ebenso unumgänglich. Zu bedenken ist hierbei, dass der Einbezug der Muttersprache keineswegs zu Isolation und Separation führen darf. Im Sinne einer interkulturellen Erziehung muss ausländischen wie einheimischen Schülern der Zugang zu der
1 Manfred Huth: Die Schule muss mehrsprachig sein, Wie könnte eine Schule aussehen, die ernsthaft berücksichtigt, daß an ihr SchülerInnen aus verschiedenen Ländern lernen?, in: PÄD EXTRA, H. 12 1993, S. 10.
2 In den klassischen Einwanderungsländern USA und Kanada sind bereits in den 60er Jahren zahlreiche Konzepte der Spracherwerbsforschung umgesetzt worden, von denen die einflussreichsten hier grundlegend vorgestellt werden sollen. Dabei wurde zwischen folgenden Programmen unterschieden: Schulprogramme, in denen der gesamte Unterricht in der Zweitsprache stattfindet, während die Erst- (oder Mutter-) Sprache als Fach zusätzlich unterrichtet wird, Programme die genau entgegengesetzt verfahren sowie solchen, in denen in zwei Sprachen unterrichtet wird.
3 Ulrich Steinmüller: Deutsch als Zweitsprache, Deutsch als Partnersprache, in: Michael Göhlich (Hg.): Europaschule - Das Berliner Modell, Beiträge zu Zweisprachigem Unterricht, Europäischer Dimension, Interkultureller Pädagogik und Schulentwicklung, Neuwied 1998.
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fremden Kultur gewährleistet werden. Solch eine Antizipation geht der Eingliederung in die Gesellschaft und insbesondere in das häufig von Vorurteilen geprägte jugendliche Umfeld voraus.
2. Bilingualismus bei Immigrantenkindern
Die Immigranten-Kinder „wachsen in dieser zweisprachig organisierten Lebenswelt auf. Ihr Kontakt mit zwei Sprachen im Primärspracherwerb führt unvermeidlich dazu, daß ihr eigener
Sprachbesitz aus beiden gespeist wird“ 4 .
2.1 Zweisprachige Kompetenz - Begründung einer intersozialen Notwendigkeit
Zur didaktischen Begründung hier ein kleiner Exkurs zum Thema Spracherwerbsprozesse und Bedingungen der Entwicklung der frühen Zweisprachigkeit eines Kindes: Wie die Entwicklungspsychologen Jean Piaget und Lew S. Wygotsky feststellten, ist dem Medium Sprache abgesehen von seiner kommunikativ-sozialen Funktion Bedeutung hinsichtlich der Entwicklung des Individuums und seines Denkens beizumessen. Während Wygotsky meint, dass die Sprache, also die Begriffe, erst die Voraussetzung schaffen, das eigene Denken zu entwickeln und es zu steuern, sieht Piaget die Sprache nicht als Ursache für die Entwicklung des Denkens im Sinne operationeller Strukturen an, sondern aufgrund ihrer Symbolfunktion als eine notwendige Voraussetzung für die Entstehung des Denkens. Darüber hinaus kommt der Sprache eine Organisationsfunktion zu, indem sie Erlebtes und Erfahrenes mit sprachlichen Mitteln ordnet. Gleich einem inneren Prozess findet also im Vorgang des innerlichen Sprechens eine Auseinandersetzung mit bzw. eine Einordnung der Tageserlebnisse statt. Auf diesem Wege findet sich der Mensch in seiner Umwelt zurecht, stößt auf Identifikationsfiguren oder lernt, sich abzugrenzen. Ist ein Kind jedoch nicht in der Lage, sich, wenn auch nur innerlich, adäquat zu äußern und die richtigen Worte zu finden, fällt es schwer, das Erlebte einzuordnen, so dass fehlende Orientierung die Folge sein kann. Da das Erfahrene oft erst ins Bewusstsein gelangt, wenn es, ob nun im Stillen oder auch interkommunikativ, in Worte gefasst wird, führt ein fehlender bzw. unzureichend ausgestatteter Sprachschatz zu geistiger Verarmung und intelligenzabhängigen Entwicklungsstörungen.
Speziell der Muttersprache eines Kindes kommen sowohl im Heimatland als auch im Ausland wesentliche Funktionen des Aufwachsens zu, die an dieser Stelle kurz zusammengefasst werden sollen: Die Muttersprache trägt „wesentlich die gesamtpsychische Entwicklung und
4 Ingrid Gogolin: Erziehungsziel Zweisprachigkeit. Konturen eines sprachpädagogischen Konzepts für die multikulturelle Schule, Hamburg 1988, S. 9. Entnommen aus: Huth: Projekt: Zweitsprache, Sprachunterricht und Sprachlernen im Einwanderungsland, H. 8/9 1993, S. 53.
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die Sozialisation des Kindes, denn eine ausreichende emotionale, gesellschaftliche und kognitive Entwicklung vollzieht sich in enger Bindung an die Sprache, an die
Muttersprache.“ 5 So trägt die Muttersprache zur individuellen Identitätsstiftung und der Herausbildung einer Persönlichkeit bei. Wird die stark emotional besetzte und oft durch die Intoleranz deutscher Mitschüler geprägte Situation einer Umsiedlung durch eine Verteufelung der Muttersprache weiter gestört, wird der Identitätsfindungsprozess auf abrupte Weise unterbrochen. Kann sich ein Kind nicht in der vertrauten Sprache äußern, ist es gehemmt und wird wesentliche Stufen auf der Emanzipationsleiter ins Erwachsenenleben überspringen. Grundlegende Erfahrungen und Gefühle würden nicht geäußert. Diese fehlende Artikulation würde die Notwendigkeit zur Auseinandersetzung mit jugendspezifischen Sachverhalten, gerade in der Pubertät, verschleiern. Da das neue Umfeld des Kindes selbstredend in der Muttersprache wahrgenommen wird, würde eine Vernachlässigung der Schulung eben dieser auch zur Verkümmerung einer adäquaten Orientierung in dem neuen gesellschaftlichen Rahmen führen, da die gesamte soziale und materielle Lebenswelt des Kindes bisher auf der Muttersprache fußte und die anfangs fehlende Kompetenz in der neuen Landessprache eines Ausgleichs durch die bisher verwendete Sprache bedarf. Darüber hinaus ist die „Sprache als Muttersprache […] Träger gesellschaftlichen Wissens; sie ermöglicht dem heranwachsenden Kind die Teilnahme am transindividuellen Wissensschatz vergangener gesellschaftlicher
Arbeit.“ 6 Erst die Kompetenz in der Muttersprache befähigt ein Kind, gesellschaftliche Normen zu erkennen und zu akzeptieren und auch eine soziale Handlungskompetenz zu gewinnen. Nur mit Hilfe der von Geburt an erworbenen Muttersprache ist das Kind in seiner gewohnten Umgebung z.B. auch in der Lage, die Tür in die von Martinus J. Langeveld
beschworene Welt des Miteinander aufzustoßen. 7 In diese Welt gehören neben Verhaltensmaßregeln z.B. auch Ideale und Wertvorstellungen, die die kulturelle Identität einer Bevölkerungsgruppe ausmachen. Der Ausbau der eigenen, kulturell bestimmten, Lebenswelt bedarf auch im Ausland einer weiteren, die neue Kultur nicht negierenden, sondern nur ergänzenden Konzentration. Ich-Findung und Ich-Entwicklung benötigen ein gefestigtes familiäres und soziales Umfeld, welches wesentlich durch gewohnte Sprachkompetenz bestimmt wird.
5 Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin West BAGIV (Hrsg.): Muttersprachlicher Unterricht in der Bundesrepublik Deutschland, Sprach- und bildungspolitische Argumente für eine zweisprachige Erziehung von Kindern sprachlicher Minderheiten, Mit der 2., neubearbeiteten Fassung des „Memorandums zum Muttersprachlichen Unterricht“, Hamburg 1985, S. 17.
6 Ebd., S. 18.
7 Martinus J. Langeveld: Studien zur Anthropologie des Kindes, 2. Auflage, Tübingen 1964, S. 173 - 185.
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Solange gerade auch die Eltern nicht in dem Maße sozialisiert sind, als dass sie die neue Sprache durch Alltagskontakte oder einen Sprachkurs zumindest ansatzweise beherrschen, ist der Muttersprache eine immense Bedeutung beizumessen, ist ein sprachlich-kultureller Bruch
unter allen Umständen zu vermeiden. 8 So spricht Manfred Huth bezüglich des muttersprachlichen Unterrichts von „einem Recht, das verbunden ist mit dem Recht des einzelnen auf die Einheit der Familie, auf Bildung und auf Beteiligung am kulturellen Leben
seiner jeweiligen Gemeinschaft.“ 9 Einer Ausblendung der Muttersprache in der Schule käme eine Negierung der alltäglichen Lebenssituation der Kinder, deren soziales Umfeld unbestritten durch zwei Sprachen geprägt ist, gleich.
Also: „Die Sprache als Muttersprache ist keine Qualität, die von dem heranwachsenden Kind abgelöst, durch eine andere ersetzt werden kann oder sogar beliebig austauschbar ist, sondern sie ist wesentlicher Träger der Erstsozialisation in der Familie, aber auch Voraussetzung und Bedingung weiterer außerfamiliärer Sozialisations- und Bildungsprozesse, die auch nach dem
Schuleintritt fortdauern.“ 10
2.2 Sprachwissenschaftliche Erkenntnisse - Die Interdependenz von Mutter- und Zweitsprache
Wird einem Kind in einer fremden Lebenswelt die Ausbildung der Muttersprache verwährt, kann es zu Störungen der Gestalt kommen, dass bereits erworbene sprachliche Fähigkeiten zurückgebildet werden, die nicht unmittelbar durch die neue Sprache übernommen werden können, da die Entwicklung des Kindes an entscheidender Stelle abrupt unterbrochen wird. Eine Reduktion psychischer Fähigkeiten sowie das Phänomen doppelseitiger Halbsprachigkeit können die Folge sein. „Geschieht eine bilinguale Förderung nicht, wird
8 Entsprechend beschäftigt sich diese Arbeit mit dem so genannten folk bilingualism, nicht dem elitist bilingualism, der z.B. von Kindern ausgeht, deren Eltern zweisprachig sind (nach: Bratt-Paulston, C.: Bilingual/bicultural education“, in: Review of Research in Education 6 (1978), S. 186-228). Zur Verdeutlichung der Problematik ein Zitat von U. Steinmüller: „Es handelt sich bei den ausländischen Kindern in Deutschland nicht um eine „natürliche“ Zweisprachigkeit, d.h. sie entsteht nicht im Kontext bei Eltern mit unterschiedlicher Muttersprache, sondern um eine, die unter dem Zwang der Lebensbedingungen entsteht und bei der eine Aufteilung in Domänen charakteristisch ist […]. Daraus resultiert eine „Konfliktzweisprachigkeit“, denn die Kinder sind gezwungen, die Sprache der Bevölkerungsmehrheit, die sie und ihre eigene Sprache ablehnt, zu erlernen, trotz der mit dieser Sprache auch vermittelten konfligierenden Werte, Normvorstellungen und Erwartungshaltungen und der damit verbundenen Entfremdung vom Elternhaus. Durch die alleinige Funktion der deutschen Sprache in der Schule, so kann man überspitzt formulieren, gehört die Entfremdung vom Elternhaus zum Programm der deutschen Schule.“ (Aus: Regionale Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien in NRW (Hg.): Deutsch - türkische koordinierte Alphabetisierung an der Grundschule, in: Beispiele guter Praxis, H. 2 1999.)
9 Huth: Die Schule muss mehrsprachig sein, S. 9.
10 BAGIV (Hrsg.): Muttersprachlicher Unterricht, S. 19. Darüber hinaus ist die Aus- und Weiterbildung der Muttersprache natürlich auch wesentliche Voraussetzung für eine potentielle Reintegration. So ist es ein auffälliges Phänomen, dass Kinder, die in ihr Heimatland zurückkehren ob der unzureichenden Anwendungsmöglichkeiten der Muttersprache im Emigrationsland nach Abschluss des Auslandsaufenthalts eine frappante Verarmung muttersprachlicher Ausdrucksweisen aufweisen.
Arbeit zitieren:
Markus Werges, 2004, Bilingualismus bei Grundschulkindern – Erkenntnisse der Zweitspracherwerbsforschung und ihre konkrete Umsetzung am Beispiel KOALA - Koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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