Eva Forster 2
Wie man sieht, taucht bei Platon und Vergil schon einiges auf, was man aus den jüdisch-christlichen Überlieferungen kennt: Entrückung; Psychopomp; Richter, der Gerechte von Ungerechten trennt; Reinigung und Höllenmaul.
Handelt es sich bei Homer, Vergil und Platon um Epen und einen erfundenen Mythos, so wurden mittelalterliche Visionen in der Regel als Protokolle tatsächlicher Offenbarungen
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aufgefasst 2 , wodurch den Visionen im Mittelalter (im Folgenden MA) ein hohes Maß an Wahrheit zugesprochen wurde. Streng genommen fallen somit die meisten Visionen nicht unter ‚Literatur’ (im heutigen Verständnis). Die hohe Zahl der überlieferten Handschriften zeigt, dass es ein, mittelalterlichen Verhältnissen entsprechend, großes Publikum für diese Textsorte gab.
Ein wichtiger Text für das MA aus der jüdisch-christlichen Tradition war die Johannesapokalypse (v. griech. αποκάλυψις „Enthüllung“, „Offenbarung“). „Was der Seher auf Patmos hier vom Himmelreich berichtete, haben mittelalterliche Visionäre immer wieder bei ihren Gesichten vom ‚Himmlischen Jerusalem’ nacherlebt“ 3 . Die Johannesapokalypse steht in einer langen jüdischen Tradition und ist im Grunde eine Vergeltungsfantasie 4 . Laut eigener Aussage (1,10-20) hat der Verfasser den Auftrag zum Niederschreiben der Apokalypse in einer Vision von Christus erhalten.
Wirklichkeit versuchen die Bilder Formeln zu finden (siehe Abb. 1). Obwohl sonst im MA Buchillustrationen meistens statt der markanten Stellen einer Erzählung (wie heutzutage) die typischen Begebenheiten (Kämpfe, Feste) illustrierten, weisen die Darstellungen zu dem Kommentar diesen modernen Charakter der Buchillustration auf. Zu den ausführlichsten Apokalypsen-Darstellungen des MA zählen die Erbach’schen Tafeln (um 1330/40). In 44 Bildern werden die von dem Evangelisten Johannes visionär geschauten Handlungsabläufe geschildert. Interessant ist dabei die Frage, wie die Bilder von
2 Es gab natürlich auch Ausnahmen, so ist z.B. die Navigatio Sancti Brandani ein fantastischer Reisebericht. Auf einer mehrjährigen Seereise erlebt Brandan eine Menge wundersamer Dinge, die unter Verwendung visionärer Bilder vermittelt werden. Die Erzählung war in vielen verschiedenen Versionen seit dem 10. Jh. im Umlauf.
3 Dinzelbacher, Peter. Jenseitsvisionen - Jenseitsreisen. In Volker Mertens/Ulrich Müller (ed.). „Epische Stoffe des Mittelalters.“ Stuttgart 1984. S. 65.
4 Der Verfasser der Offenbarung scheint die Verschlechterung der Lebensverhältnisse der Christen im Römischen Reich unter Domitian als Zeichen für den Beginn der katastrophalen Zeit, die dem Triumph Christi über den Antichrist vorangeht, gedeutet zu haben. Offensichtlich wollte er die Christen dazu aufrufen, diese letzte Krise in der sicheren Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden „ewigen und gerechten Zeitalters“, das den Ungläubigen die verdiente Strafe zukommen lässt, zu erdulden.
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Zeitgenossen gesehen wurden, z.B. ob es so etwas wie eine simultane Wahrnehmung der verschiedenen Stationen der Apokalypse gab 5 .
Die Visio Sancti Pauli (ca. 3 Jh. n. Chr.), die Apokryphe mit der größten Wirkung im MA und dadurch die „christliche Jenseitsreise par excellence“ 6 , ist ebenfalls ein wichtiger Text für mittelalterliche Jenseitsvisionen. Im Gegensatz zur Johannesapokalypse wird nur die jenseitige Welt beschrieben, das häufigste Thema mittelalterlicher Visionen. Stellt die Johannesapokalypse somit ein Repertoire an Tier- und Zahlensymbolik 7 , so gibt die Visio Sancti Pauli ein Strukturgerüst der Höllenbeschreibung für mittelalterliche Visionen. Der Pseudoepigraph beschreibt die Entrückung einer Seele (angeblich der Seele Paulus’), die von einem ‚englischen’ Begleiter (Erzengel Michael) durch die Vision geführt wird. Auch hier findet sich wieder die Aufforderung des Mitschreibens der Erlebnisse (vgl. Platon, Johannesapokalypse). Ein Psychopomp war für christliche Visionen immens wichtig, da diesem die Funktion zukam, das Gesehene direkt zu deuten (Allegoresen), aber auch, weil die entrückte Seele eines Schutzes bedarf, da sie an einem solch formschwachen Ort eine schwache Lebenskraft hat und somit vor dem Zugriff von Dämonen geschützt werden muss. Die Vision ist dreigeteilt, so dass Paulus zunächst in den Himmel, dann in die Hölle und zum Schluss wieder in den Himmel gelangt. Die Seele als Augenzeuge der Vorgänge und Zustände im Jenseits war für das MA von großer Bedeutung, was an der Motivation für mittelalterliche Jenseitsreisen gelegen haben mag, da die Visionäre als Auserwählte den Auftrag hatten, ihre Mitmenschen durch Schilderungen des Jenseits im christlichen Glauben zu bestärken und vor den Konsequenzen eines schlechten Lebens zu warnen. Die Visio Pauli zeigt, dass das Geschehen im Himmel durch das jus talioneis und einem Bilanzgedanken bestimmt wird. Engel informieren Gott täglich (morgens und abends) über die guten und schlechten Taten der Menschen, deren Verhalten wird in Büchern festgehalten und einmal beim Tod und ein zweites Mal beim jüngsten Gericht verhandelt. Die Hölle in der Visio Pauli wird ausführlich beschrieben und ist leitend für die mittelalterliche Höllenvorstellung. Auch die illiterate Masse war mit dieser Höllenvorstellung vertraut, da die Kirchen mit Bildern ausgemalt waren, die von Priestern in der Liturgie erläutert wurden. Die christliche Hölle ist eine Endstation, ein ewiger Kreislauf des Zerstörens und neu Entstehens. Damit unterscheidet sie sich von den antiken Unterwelten, die Orte der Reinigung sind. Man
5 Wie die Beispiele zeigen waren Visionen kein rein textuelles Phänomen. Hieronymus Boschs Triptychon „Der Garten der Lüste“, Tadeo di Bartolos, Giovanni da Modenas und Jan van Eycks Höllendarstellungen sind weitere Beispiele, wie Maler des MA das Jenseits (im Besonderen die Hölle) visuell vermittelten.
6 Dinzelbacher, Peter. Jenseitsvisionen - Jenseitsreisen. In Volker Mertens/Ulrich Müller (ed.). „Epische Stoffe des Mittelalters.“ Stuttgart 1984. S. 65.
7 Z.B. taucht die Zahl sieben, die Zahl der Apokalypse (numerus perfectus, Zahl des Kosmos: Grundzahl der irdischen Dinge ist die Vier + alles Göttliche ist die Drei = Sieben) in der Visio Sancti Pauli auf.
Arbeit zitieren:
Eva Forster, 2005, Jenseitsreisen und "Visionen" im Mittelalter, München, GRIN Verlag GmbH
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