Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: 3
2 Skizze der Entwicklung des Leib-Seele-Problems 4
3 Opposition von Dualismus und Monismus in der Philosophie des Geistes 5
3.1 Dualistische Positionen in der Philosophie des Geistes 5
3.2 Monistische Positionen in der Philosophie des Geistes 7
4 Phänomenales Bewusstsein als Resultat eines evolutionären Prozesses 10
5 Selbstgefühl und Menschenwürde auch ohne Homunculus. 13
5.1 Das Problem des freien Willens 13
5.2 Konsequenzen für unser phänomenales Selbstmodell 14
6 Schluss. 16
Literatur - und Quellenverzeichnis: 18
Literatur : 18
Internetquellen: 19
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1 Einleitung:
Das menschliche Gehirn kombiniert die Optik einer aufgeblasenen Walnuss mit der Konsistenz eines weichgekochten Eis. Dabei ist diese glibberige Struktur aus mehr als hundert Milliarden Nervenzellen, 1 die geheimnisvollste Struktur auf Erden. Im Mittelalter erfüllte es seine Funktion genauso gut wie heute im Internet. Es ersinnt Symphonien und Gewaltverbrechen und bringt unser Bewusstsein hervor. Erst jetzt im 21.Jahrhundert beginnen Neuro-Wissenschaftler mit High-Tech-Computern, dem Gehirn beim Denken zuzuschauen. Dabei fordern sie unsere Überzeugungen und Wahrnehmungen heraus. Die Beschäftigung mit dem Gehirn führt ins Zentrum menschlicher Existenz. Denn es ist jenes Organ, welches zum ersten Mal in der Evolution, so etwas wie Selbstbewusstsein sowie ein Gefühl der Freiheit ermöglicht. Seit Charles Darwin die Evolution als einen Jahrmillionen dauernden Fortschritt hin zu immer höher entwickelten Arten beschrieb, wissen wir, dass das Gehirn selbst im „Verlaufe dieses Entwicklungsprozesses entstanden [ist], um die materiellen, räumlichen Dinge zu verstehen, und um mit ihnen umzugehen“ (Durant, S.421). Das menschliche Gehirn kann Wahrnehmen und Fühlen, denn es ist ein „typisches Säugetiergehirn“ (Roth, 2001, S.9). Doch eine komplexere Stufe kommt beim Menschen hinzu: das introspektive oder reflexive Bewusstsein, verbunden mit der faszinierenden Fähigkeit zu Denken. Das Gehirn des Menschen hat - nach circa 500 Millionen Jahren - jenen entscheidenden Grad an Komplexität erreicht, der es uns ermöglicht, etwa die fundamentalen physikalischen Gesetze oder die Organisation von komplexen Systemen zu verstehen. Wir lernen dabei immer mehr über die materiellen Vorgänge bzw. Wechselwirkungen. So lernen wir auch unsere eigene Existenz besser zu verstehen. Denn durch seine kreative Natur, gelang es dem Wesen, das mit Sprache kommuniziert, neben der biologischen auch eine kulturelle Evolution in Gang zu bringen. Auf dem Weg zum modernen Menschen waren mit Hilfe unseres Denkwerkzeuges unglaubliche technische, künstlerische und wissenschaftliche Fortschritte möglich. Indem wir unser Denkorgan selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen machen sowie unsere eigene Entstehung nachvollziehen können, erheben wir uns über die bloße naturgesetzliche Determination und werden zum Wesen, das zur Selbstreflexion und vernünftigen Entscheidungen fähig ist.
1 Die Zahl der Verbindungen, die von den Nervenzellen im Gehirn geknüpft werden, ist nach Einschätzung des Biologen und Hirnforschers Gerhard Roth möglicherweise größer als die Anzahl aller Atome im Universum. Das menschliche Gehirn enthält zwischen hundert Milliarden und einer Billion Nervenzellen, wovon jede im Durchschnitt 10 000 Synapsen besitzt, was zwischen einer und zehn Trillionen Synapsen ergibt - „eine unvorstellbar große Zahl“ (vgl. Roth, 2001a, 100 f.). Es geht also nur noch um Größenordnungen, nicht um die genaue Anzahl neuronaler bzw. synaptischer Verbindungen.
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Diese reflektierende Natur des Menschen führte bereits im antiken Griechenland zu der Frage, nach dem Zusammenhang von Körper und Geist. Weil die Phänomene des Geistes und die materielle Beschaffenheit unseres Körpers und Gehirns aber auch weiterhin zahlreiche Erklärungslücken bei der Beantwortung dieser Relation eröffnen, gelingt es bis heute trotz massiver Fortschritte im Bereich der Neurowissenschaften nicht, eine kohärente Theorie des Geistes aufzustellen. So bleiben die Lösungsversuche des Leib-Seele-Problems, die aus den Fragen „Wie verhält sich der Geist zum Rest der Welt?“ und „Wie passt der Geist in eine materielle Welt?“ (vgl. Schröder, S.10) entstanden sind, auch nach jahrhundertelanger Annäherung, weiterhin im Zentrum einer Philosophie des Geistes.
Im Rahmen dieser Hausarbeit werde ich kurz auf die zentralen Positionen der Philosophie des Geistes zurückblicken. Dabei stelle ich die wichtigen dualistischen und monistischen Positionen in Kürze dar. Anschließend kommentiere ich die Opposition zwischen den dualistischen und monistischen Auffassungen im Lichte neuerer Erkenntnisse. Denn durch die Evolution kognitiver Systeme und neue Erkenntnisse in der Hirnforschung gibt es Hinweise darauf, dass die monistische bzw. materialistische Erklärung des Leib-Seele-Problems heute als die wahrscheinlichere gilt. Doch hätte die Akzeptanz dieser These unangenehme Konsequenzen für unser Selbstverständnis und Menschenbild sowie für unsere Auffassung von Freiheit bzw. Rechtfertigung für Freiheit.
2 Skizze der Entwicklung des Leib-Seele-Problems
Den Geheimnissen unseres Bewusstseins auf die Spur zu kommen war ein langer Weg. Doch noch immer wissen wir wenig davon, wie das Denken vor sich geht, obwohl wir in immer feinere Strukturen und Funktionen des Nervensystems Einblick nehmen. Es war ein weiter Weg, bis die Wissenschaft in diese allerfeinsten Strukturen vorgedrungen ist. Der erste Versuch einer kohärenten Einordnung der geistigen Phänomene in eine materielle Welt, war bereits Thema im antiken Griechenland. Als früher Vertreter des Getrenntseins von Körper und Geist („psycho-physischer Dualismus“) gilt Platon. In seinem Buch „Phaidon“ setzt er diese scharfe Trennung voraus, um die Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Doch nahm man damals im Allgemeinen noch nicht an, dass das Denken im Gehirn stattfindet. Aristoteles lehrte, es sei das Herz, das Denke und Fühle. Das Gehirn diene lediglich zur Kühlung des Blutes (vgl. Schröder, S.36). Der griechische Arzt Hippokrates allerdings, wusste vom Gehirn, als Ort des Denkens. Aber diese Vorstellung setzte sich erst im ausgehenden Mittelalter auf breiter Front durch, als das Interesse an der menschlichen Anatomie zu erwachen begann. Die berühmtesten Zeichnungen des Gehirns aus dieser Zeit
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stammen von Andreas Vesalius, dem Leibarzt Karl des V. (vgl. Durant, S.399). Es waren erste realistische Abbildungen von seinem Aufbau, die religiöse oder spekulative Vorstellungen über das Gehirn abzulösen begannen. Doch trotz zahlreicher neuer Erkenntnisse können anatomische Untersuchungen allein die Geheimnisse des menschlichen Bewusstseins nicht entschlüsseln; so wie die Betrachtung der Hardware eines Computers keine Rückschlüsse auf dessen Funktionsweise zulässt.
3 Opposition von Dualismus und Monismus in der Philosophie des Geistes
Das Verhältnis zwischen Bewusstsein und Vorgängen im Gehirn blieb weiterhin unklar. Doch hat das Leib-Seele-Problem zu einer der interessantesten und die Jahrhunderte überdauernden philosophischen Diskussion geführt. Bei der klassischen Debatte um Leib und Seele, Körper und Geist ging man davon aus, dass physische und geistige Erscheinungen prinzipiell verschieden sind.
3.1 Dualistische Positionen in der Philosophie des Geistes
Platon und Descartes sind die explizitesten Vertreter des Dualismus. In seiner Gegenüberstellung eines Reiches der Ideen und einer Welt der Erscheinungen legt Platon schon vor 2400 Jahren eine ausgearbeitete Version des Dualismus vor, die auf der Unsterblichkeitslehre der Phytagoreer beruht. Die Seele des Menschen sei unsterblich, während die bloß körperliche Erscheinung - der Leib - mit dem Tod vergehe. Der Geist verließe den Körper und wandere ins Reich der Ideen, wobei sie in der Lage sei, in Kontakt mit den perfekten Urbilder allen Seins zu treten, von denen die konkreten Gegenstände imperfekt abgeleitet seien (Wolf, S.103 ff.). Die meisten europäischen Philosophen übernahmen die philosophische Tradition der Trennung eines immateriellen Reiches der Ideen von den Sinnendingen sowie die Verschiedenheit von Leib und Seele. Im Zeitalter des Barock entwickelte Leibniz daraus die Vorstellung einer Synchronisierung des materiellen Universums mit dem Universum des Geistes. Diese Gleichschaltung sei rigide deterministisch und von Gott eingerichtet (vgl. Schröder, S.40). Diese Auffassung wurde als Parallelismus bekannt, doch regt heute nur noch zum Schmunzeln an. Der herausragendste Vertreter eines Dualismus in der Neuzeit war René Descartes. Er erhebt das Selbstbewusstsein zu einem genuin philosophischen Problem und baute nicht nur die menschliche Erkenntnisfähigkeit auf dem - seiner Meinung nach unbezweifelbaren - Satz „Ich denke, also bin ich!“ auf, sondern
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erforschte auch die Anatomie des Gehirns. Er glaubte, den Sitz der Seele 2 in einer neuronalen Struktur gefunden zu haben, die nur einmal im Gehirn vorkommt, der Zirbeldrüse 3 (vgl. ebd., S.39). Descartes unterscheidet als Substanzdualist zwischen den beiden Substanzen, Seele bzw. Geist und Materie. Der nicht-körperliche Geist gehe mit dem Leib bis zum Eintritt des Todes eine temporäre Bindung ein (vgl. ebd., S.37). „Wesentlich dabei ist, dass der Geist ohne den Körper existieren kann und der lebendige Körper ohne den Geist“ (ebd. S.37). Eine etwas andere Position innerhalb des Dualismus ist der materialistische Eigenschaftsdualismus. Dessen Vertreter bestreiten die Unabhängigkeit des Geistes vom Körper und postulieren gegenwärtig überwiegend ein materiales Substrat als Träger geistiger Eigenschaften. Sie fügen allerdings hinzu, dass sich die phänomenalen Eigenschaften unseres Bewusstseins nicht auf physikalische Vorgänge im Gehirn reduzieren lassen (vgl. ebd., S.38), denn „das Psychische im umfassenden Sinne ist nur aus einer Kombination der introspektiven (oder Erste-Person-) Perspektive sowie der messenden (oder Dritte-Person-) Perspektive erfassbar. Das Psychische selbst bildet aber eine Einheit“ (Roth, 2006, S.124). Der Dualismus ist also keine einheitliche Position, denn es gibt sowohl für den Substanzdualismus, wie auch für den Eigenschaftsdualismus mehrere Varianten. Die wichtigste Differenz zwischen den einzelnen Positionen betrifft die Frage, ob geistige Vorgänge etwas verursachen können (vgl. Schröder, S.41). Thomas Huxley ist einer der wichtigsten Vertreter des sogenannten Epiphänomenalismus. In seinen Augen begleiten geistige Vorgänge lediglich die materiellen Aktivitäten und beeinflussen diese nicht. Das phänomenale Bewusstsein sei lediglich eine Begleiterscheinung der neuronalen Aktivitäten (vgl. Roth, 2001, S.191). Doch der Epiphänomenalismus muss sich wie der interaktionistische Substanzdualismus von Descartes, die Frage nach dem Ort der Wirkung auf den Geist gefallen lassen und ebenso darlegen, wie diese Wirkung vorzustellen sei, wie man sich also die mentale Verursachung vorzustellen hat. „Jede physikalische Wirkung ist bekanntlich eine Wechselwirkung“ (ebd.), deshalb sollten sich die Epiphänomenalisten die Frage stellen, ob Bewusstseinszustände nicht doch auf Gehirnprozesse zurückwirken. Hinzu kommt, dass diese
2 Diese Antwort auf den Sitz des Selbstbewusstseins begründet den „interaktionistischen Substanzdualismus“ (Schröder, S.39), der neben Descartes auch von Sir John Eccles explizit vertreten wird (ebd., S.40). Nach Meinung dieser Autoren beeinflussen Bewusstsein und Gehirn gegenseitig: Geistige Vorgänge können etwa in Willensakten auf neuronale Vorgänge einwirken. Umgekehrt beeinflussen neuronale Prozesse über die Wahrnehmung geistige Vorgänge.
3 Die Zirbeldrüse sollte der (einzige) Ort im Gehirn sein, an dem die Seele auf das materielle Geschehen im Gehirn einwirken kann. Doch dieser Thron wurde der Seele entrissen. Denn heute weiß man, dass die Zirbeldrüse (Epiphyse) über das Hormon Melatonin lediglich den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert (Ziegler, S.677). So hilft sie uns beim Ein- und Durchschlafen, während der Sitz des Bewusstseins heute in den enorm assoziativen Arealen der Großhirnrinde (Cortex) vermutet wird, das Ich-Gefühl also distributiv konstituiert wird (vgl. Roth, 2001a, S.194). 6
Auffassung unserer Intuition stark widerspricht. Denn die meisten Menschen sind davon überzeugt, dass unsere Gedanken, Gefühle und Stimmungen dafür verantwortlich sind, dass wir so und nicht anders handeln. Der Epiphänomenalismus ist auf Grund dieser (und weiterer Schwierigkeiten) mittlerweile eine eher unpopuläre Position innerhalb der Philosophie des Geistes (vgl. Schröder, S.47).
„Die Frage, wie zwei wesensverschiedene Zustände überhaupt miteinander interagieren können, ist im Rahmen eines interaktiven Dualismus nie beantwortet worden“ (Roth, 2001, S.189). So drängt sich weiterhin die Frage auf, wie denn nun das Verhältnis von mentalen und physischen Eigenschaften sei. Denn die dualistischen Auffassungen lassen sich allesamt nicht argumentativ plausibel erklären. „Aus den Schwierigkeiten des Dualismus und dem unzureichenden Charakter der Argumente für diese Position können wir schließen, dass der Substanzdualismus sich nicht halten lässt und wir deshalb nur eine einzige Art von Substanz annehmen sollten: eine körperliche, räumlich-ausgedehnte“ (Schröder, S.58). Dies im Sinne der Monisten.
3.2 Monistische Positionen in der Philosophie des Geistes
Den Gegenpol zu den dualistischen Auffassungen zur Lösung des Zustandekommens von geistigen Phänomenen innerhalb einer physischen Welt, stellen die monistischen Positionen dar. In ihren modernen Varianten postulieren sie die (physische) Materie als einzige Substanz. 4
Demokrit ist als Begründer der Atomistik ein früher Vertreter der Ansicht, die Seele bestehe aus feinsten Strukturen. Denn ihm zufolge sei alles Geschehen die Bewegung von Atomen (vgl. Eisler, 1927, S.78). Diese materialistische These wurde im Laufe der Philosophiegeschichte modifiziert, weiterentwickelt und verbreitet, doch blühte erst im 18.Jahrhundert wieder auf. Dies insbesondere nachdem Holbach die These aufstellte, die Welt sei nichts als ein großer Mechanismus, der auf der Ebene der Atome durch Anziehung und Abstoßung und beim Menschen durch Liebe und Hass in der Geschichte wirksam ist (vgl. Eisler, 1929, S.78). Auch La Mettrie fasste die Welt materialistisch auf. Der „Mensch [sei] eine Maschine, welche selbst ihr Triebwerk aufzieht“ (ebd., S.79), wobei die Seele nur ein Teil des Gehirns sei und das Denken eine Eigenschaft der Materie. Um 1850 tritt eine weitere Art von Materialismus auf, der das Psychische als bloße Gehirnfunktion auffasst und die
4 Die Einzigkeitslehre der Monisten lässt sich aber auch idealistisch auffassen. So wurde etwa von Fichte und Schopenhauer der Spiritualismus vertreten, der besagt, die einzige Substanz sei der Geist. Der klassische
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Naturgesetzlichkeit auch des Geistigen betont (vgl. ebd.).5 In der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderst erlebte der Behaviorismus seine Blütezeit. Nachdem Iwan Pawlow seine Experimente zur Konditionierung von Verhalten popularisiert hat, griffen Psychologen, darunter John B.Watson und Burrhus Frederic Skinner, diese Versuche auf. Sie entwickelten die These, dass sich die Probleme bei der Ermittlung des mentalen Innenlebens einer Person umgehen ließen, wenn man einzig das Verhalten einer Person naturwissenschaftlich beschreibe. Doch der Behaviorismus stößt auf die Schwierigkeit, dass sich die Komplexität der mentalen Zustände einer Person nicht auf sein Verhalten reduzieren lassen, weil es unplausibel ist etwa Kopfschmerzen als Verhalten zu fassen. Im Anschluss an den Behaviorismus veröffentlichten Ullin Place und John Smart in den 1950er Jahren die
Identitätstheorie. Sie entwickelte sich aus der Kritik an dem zuvor populären Behaviorismusmit seiner Erklärung mentaler Zustände als bloße Verhaltensbeschreibungen im Sinne von Reiz-Reaktions-Prozessen. Die Lehre, die sie aus dem angenommenen Scheitern des behavioristischen Erklärungsmodells zogen, war das zunächst akzeptierte Postulat, dass mentale Zustände identisch sein müssten mit physikalischen Zuständen des Gehirns. Der mentale Zustand bei einem Stich an dem Dorn einer Rose sei nichts anderes als das Feuern bestimmter Nervenzellverbände im Gehirn6. Doch nach einigen Einwänden, die gegen diese Position erhoben wurden und insbesondere durch den schlagenden Einwand der „multiplen Realisierbarkeit“7 von Hilary Putnam (vgl. Schröder, S.83 f.), gilt die Identitätstheorie seit den 1960er Jahren in der Philosophie des Geistes als widerlegt.8 Als Reaktion entstand der
5 Diese deterministischen Materialisten postulierten, alle Lebewesen verhielten sich völlig mechanisch (vgl. Durant, S. 425 ff.). So wären auch alle unsere Willensentscheidungen determiniert und der Mensch ein kleines Rädchen in einem gigantischen mechanischen Uhrwerk. Die englischen Philosophen, darunter Hans Driesch und Henri Bergson griffen die Gedanken Charles Darwins auf, nachdem dieser 1859 „die Entstehung neuer Organe und Tätigkeiten, neuer Organismen und Arten durch die natürliche Zuchtwahl günstiger Variationen“ (ebd., S.425) erklärte. Sie postulierten im Gegenzug, dass „das Leben eine schöpferische Macht [sei], eine Kraft, die sich ihre Organe gerade durch die Beharrlichkeit der eigenen Wünsche schafft“ (ebd., S.431), um so aus der gedanklichen Sackgasse des vorherrschenden Determinismus, Mechanismus und Materialismus zu führen. Bergson subsumierte diesen Drang der Lebewesen zur Fortbildung und Differenzierung unter dem Begriff „élan vital“ (ebd., S.433). So entstand in der Philosophie der Biologie der (dualistische) Vitalismus. Aber die typischen Merkmale von Lebewesen sind aufgrund biochemischer Prozesse beschreibbar. So braucht man keine immateriellen Bestandteile annehmen, die sie von unbelebten Gegenständen unterscheiden würden. Die Vitalisten wurden in Folge von den Materialisten verdrängt (vgl. Schröder, S.11). 6 „An feuernden Neuronen ist noch nichts bewusstseinshaftes. Vielmehr treten Bewusstseinszustände immer dann auf, wenn ausgedehnte corticale und subcorticale Zentren des Gehirns in sehr spezifischer Weise miteinander interagieren“ (Roth, 2001a, S.189).
7 Die Identitätstheorie sei empirisch unbegründet, denn wie könnten verschiedene Wesen mit unterschiedlichen Gehirnen die gleichen mentalen Zustände erleben? Die mentale Schmerzempfindung wird eben nicht durch die gleichen Gehirnzustände ausgelöst. Demnach kann der Schmerz nicht gleichbedeutend mit einem bestimmten Gehirnzustand sein. Denn Lebewesen können mentale Zustände durch verschiedene Gehirnzustände realisieren. 8 Allerdings bieten die zunehmend detaillierteren neurowissenschaftlichen Erkenntnisse Hinweise auf eine Korrelation zwischen dem Aktivwerden abzugrenzender Gehirnregionen und phänomenalen Bewusstseinszuständen. Diese Theorie ist also durchaus vertretbar und erlebte durch den Gegenwartsphilosophen Jaegwon Kim eine Renaissance. 8
Funktionalismus. Putnam schlägt vor, verschieden realisierten Gehirnzuständen denselben funktionalen Zustand zuzuordnen, so dass es einzig auf die Funktion des Zustands, z.B. einer Schmerzempfindung, ankommt, wobei es gleichgültig ist, welche Nervenzellverbände die Wahrnehmung konkret verwirklichen. Doch auch diese Theorie vermag es nicht die Brücke zwischen mentalen und materiellen Vorgängen zu bauen.
Laut unserer Alltagsauffassung sind mentale Zustände in ihren Funktionen psychologisch beschreibbar. Die Auffassung, dass unsere mentalen Zustände, etwa unsere propositionalen Einstellungen, wie Wünsche, Hoffnungen, Gedanken und Gefühle, lediglich ein Produkt unserer Alltagspsychologie seien, wurde als eliminativer Materialismus bekannt. Unsere intuitive alltägliche Beschreibung geistiger Zustände sei grundsätzlich, wie jede andere Theorie falsifizierbar, auch wenn sie auf dem „common sense“ beruhe. Insbesondere Patricia und Paul Churchland stellen die kontroverse These auf, dass die Begriffe unserer Alltagspsychologie keinerlei Entsprechung in der Wirklichkeit hätten. So würde sich diesem Autorenpaar zufolge durch die Fortschritte der Neurowissenschaft die Vorstellung von mentalen Zuständen als falsch herausstellen (vgl. ebd., S.116 f.). Bisher erfüllt unsere Alltagspsychologie allerdings ihren Zweck, propositionale Einstellungen bei uns und anderen zu erkennen und unsere Absichten und Überzeugungen darauf auszurichten (vgl. ebd., S.121).
Die monistischen Positionen, die den Geist als Eigenschaft der Materie erklären, müssen sich allesamt die unangenehme Frage stellen lassen, wie aus unbelebter Materie Eigenschaften entstehen können, die wir als unser phänomenales Bewusstsein erleben. Es ist nicht klar, warum wir mentale Zustände als Qualia, also als unser phänomenales Bewusstsein erleben. Wozu überhaupt Bewusstsein und zielgerichtete Gedanken? Eine Rückführung der Qualia und unserer Intentionalität auf natürliche Prozesse im Gehirn erklärt nicht warum wir die Welt phänomenal, so und nicht anders, erleben.
Aus heutiger Sicht stellen die mentalen Phänomene lediglich einen Sonderfall der Natur dar. Die Kognitionswissenschaften wiesen den Gedanken zurück, zwischen dem Physischen und Geistigen bestehe eine unüberwindbare Dualität. Für sie ist auch der Geist naturwissenschaftlichen Methoden zugänglich. Daher besteht ihr Problem nicht mehr darin, das Geheimnis der Interaktion zweier unterschiedlicher „Substanzen“ - des Geistes und der Materie - zu lösen. Vielmehr gilt es für sie herauszufinden, wie biologische Vorgänge die Phänomene des Geistes nach sich ziehen.
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Von den Biologen brauchen wir heute zwar noch keine Erklärung erwarten, warum wir Empfindungen haben. 9 Eine mögliche Erklärung dafür könnte aber sein, dass sich die Art uns selbst und unsere Umwelt zu empfinden als beste Möglichkeit zur Aufrechterhaltung der Reproduktionsfähigkeit der Individuen erwiesen hat. Da die Phänomene, die wir gemeinhin unter Bewusstsein subsumieren, unzweifelhaft auf kognitiven Funktionen unserer Gehirne beruhen, möchte ich deshalb das Phänomen des Bewusstseins im Lichte dessen kommentieren, was wir heute über die Evolution der Organismen und unserer Gehirne zu wissen glauben.
4 Phänomenales Bewusstsein als Resultat eines evolutionären Prozesses
Wenn man sich mit den Funktionen und Begrenztheiten des menschlichen Gehirns auseinandersetzt und sich die Frage nach der Lokalisierung des autonomen Selbstgefühls stellt, dann lohnt ein Blick zurück auf die Herkunft dieser Struktur. Das Gehirn ist, wie jedes andere Organ des Körpers, unzweifelhaft eine Struktur die in einem evolutionären Prozess entstanden ist. Dabei hat es sich, den darwinschen Gesetzen der Evolution gemäß, d.h. durch zufällige Veränderungen im Wechselspiel mit dem unausweichlichen Selektionsdruck unter dem Druck der Zweckmäßigkeit, ausdifferenziert.
Als die ersten Organismen irgendwann Sinnesorgane entwickelten, die es ihnen ermöglichten auf Reize der Umwelt zu reagieren und diese Einzeller zusätzlich die Fähigkeit erlangten durch kontraktile Moleküle (die späteren Muskeln) Eigenbewegung zu initiieren, war ein wichtiger Schritt zur Autonomie des Lebens getan, erklärt Wolf Singer 10 . Denn nun war die Möglichkeit erschlossen, Energiequellen aktiv aufzusuchen und ungünstige
Umweltbedingungen, die die Integrität des in Frage stehenden Organismus gefährden könnten, zu meiden (vgl. Singer, 1998, S.334). Doch die damaligen verfügbaren Systeme zur Informationsverarbeitung reichten nicht aus, um die Koordinierungsprobleme, der zunehmend komplexer und autonomer werdenden Vielzeller, zu lösen. Der entscheidende Durchbruch zur Lösung dieser Herausforderung, vor dem die ersten Lebewesen standen, war die Entwicklung von Nervenzellen. Diese führten zu einer zunehmenden Verbesserung der Sensoren sowie zu einer Optimierung der informationsverarbeitenden Strukturen. Zunehmend konnten
9 Denn bei den Qualia handelt es sich um innere Eigenschaften rein auf das Individuum bezogene Erfahrungen. Da sie wegen ihres qualitativen und flüchtigen Charakters schwer ermittelbar sind, entziehen sie sich auf den ersten Blick einer wissenschaftlichen Annäherung (vgl. Delacour, S.13).
10 Wolf Singer ist Professor für Neurophysiologie und Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main. Er erhielt für seine Forschungen und Publikationen zahlreiche Auszeichnungen, darunter im Jahre 2002 den Ernst-Hellmut-Vits-Preis an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.
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komplexe kombinatorische und Probleme der Koordination gelöst werden. Es kam zur Herausbildung von Gehirnen, zur zentralen Verwaltung von Information (vgl. ebd., S.335).
Die Funktionsweise dieser Nervenzellen blieb auf molekularer Ebene dieselbe, weil die „strukturellen, biochemischen und damit auch physiologischen Eigenschaften […] seit ihrem ersten Auftreten […] nahezu unverändert geblieben sind“ (ebd., S.335). Offenbar führte die fortschreitende Entfaltung, der immer gleichen Substanz, bei den Wirbeltieren zur Ausbildung des Vorderhirns, aus dem sich im Laufe der Evolution die Großhirnrinde 11 ausdifferenzierte. Diese hat sich zum Zentrum der höheren geistigen Fähigkeiten entwickelt und ist beim Menschen überproportional groß ferner engmaschig vernetzt (vgl. Ziegler, S.495). Dabei imponiert, dass sich die hochdifferenzierten Gehirne von Menschen und anderen Primaten im Wesentlichen nur durch die „dramatische Zunahme des Volumens der Großhirnrinde“ unterscheiden (vgl. Singer, 1998, S.335). Auf dem Weg von unseren Urahnen zum Homo sapiens kam es offensichtlich zu einer enormen Expansion der Zahl von Nervenzellen und damit zu einer astronomischen Expansion der synaptischen Verschaltungen, innerhalb des neuronalen Netzes. Dies insbesondere in der menschlichen Großhirnrinde (vgl. ebd., S.335), im Vergleich zu Tieren mit einfacher strukturierten Gehirnen. Daraus folgt, dass die höheren geistigen Fähigkeiten, wie die Sprache oder das Ich-Gefühl hauptsächlich der enorm assoziativen Großhirnrinde zugeschrieben werden können. So bleibt die Frage nach der biopsychischen „Beding- und Besonderheit des Menschen“ (ebd., S.336) eng mit der Frage nach den Funktionen der Großhirnrinde verbunden. 12
Weil das Großhirn eine Hirnrindenstruktur ist, die gewissermaßen über die Arbeit der anderen älteren Gehirnareale Protokoll führt, werden zunehmend abstraktere Beschreibungen unserer
11 Die Großhirnrinde, die auch als Cortex bezeichnet wird, hat zu einem Höchstmaß an Differenziertheit und Komplexität des neuronalen Netzwerkes geführt, insbesondere ist sie bei den Vertebraten (Wirbeltieren) besonders stark entwickelt (vgl. Singer, S.335). Bei den frühen Vertretern der Säugetiere, die ihre Blütezeit nach dem Aussterben der Dinosaurier vor etwa 65.Millionen Jahren erlebten, entwickelte sich diese Struktur zum ersten Mal und führte im Laufe der biologischen Entwicklung zu intelligentem, adaptivem und sozialem Verhalten der Tiere.
12 Nicht nur phylogenetisch, sondern auch ontogenetisch lässt sich die These, vom Auftreten höherer geistiger Fähigkeiten durch die zunehmende Vergrößerung des Großhirns, argumentativ untermauern. Denn im Laufe der Individualentwicklung kommt es zu einer Ausreifung von Großhirnrindenfunktionen, die eng mit Expressionen mentaler Leistungen korrelieren. Ich-bezogene Bewusstseins- und Gedächtnisinhalte entwickeln sich beim Menschen erst ab Ende des dritten Lebensjahres und sind eng mit der Herausbildung des assoziativen Cortex verbunden (;dies würde die Idee Freuds von einer infantilen Amnesie bestätigen) (vgl. Roth, 2001b, S.4). „So ist zum Beispiel [auch] die Fähigkeit, Reaktionen auf Reize zurückzustellen und erst nach Durchspielen von Modellen möglicher Folgen zuzulassen, unmittelbar von der Ausreifung gewisser präfrontaler Rindenregionen abhängig“ (Singer, 1998, S.336). Moralische Abwägungsprozesse etwa, lassen sich durch bildgebende Verfahren im präfrontalen Cortex nachweisen, dieser wird aber erst im Laufe des Heranwachsens soweit entwickelt, dass dieser die Möglichkeit eröffnet vernünftig zu entscheiden und damit in Distanz zu bloß affektiven Reaktionen des limbischen Systems zu treten.
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inneren Wahrnehmungsprozesse möglich. Diese höher entwickelten (und evolutionär bei Menschen und auch bei anderen Primaten entstandenen) neuen Areale der Großhirnrinde beobachten die älteren Gehirnareale so, wie diese auf die Reize der Sinnesorgane schauen. Dieser hoch komplexe Zustand des Gehirns, in dem die Verarbeitungsergebnisse der Reize der Sinnesorgane erneut zum Gegenstand kognitiver Prozesse werden, erfolgt mit Hilfe der immer gleichen Basisoperationen (vgl. ebd., S.338). Dabei wird der gleiche Analyseprozess auf das Ergebnis dessen angewendet, was bereits nach diesem Prinzip analysiert worden ist. Die „Resultate“ dieser Vorgänge, die bisher noch als „Metarepräsentation“ bezeichnet werden, erscheinen uns dann als der phänomenale Ausdruck unseres „inneren Auges“ bzw. als der Zustand bewussten Denkens. So können aus der „Iteration der immer gleichen Prozesse Qualitäten entstehen […], die uns als mentale in Erscheinung treten“ (ebd., S.338). Reale Situationen werden so mit geistigen Bildern verglichen, die anlässlich von früheren, mehr oder weniger ähnlichen Erfahrungen entstanden sind (Singer, 2004, S.25). Dabei sind wir in der Lage unseren eigenen Bewusstseinsstrom zu verfolgen und Gedanken zweiter Ordnung über die eigenen mentalen Zustände zu fassen - anders gesagt, bewusste Repräsentationen dieser Repräsentationen zu bilden (vgl. Pacherie, S.6), also geistige Metarepräsentationen zu betrachten. Auf diese Weise entstehe unser phänomenales Bewusstsein, in den Worten Wolf Singers „das Gewahr sein seiner Selbst“ (Singer, 1998, S.339), das wir als unser Ich-Gefühl bzw. unseren „stream of consciousness“ erleben.
Sollte sich diese Argumentation als konsistent erweisen, dann würde dies bedeuten, dass eine quantitative Vermehrung, der immer gleichen Substanz, zu qualitativen Sprüngen auf Ebene der wahrgenommenen Phänomene führt. Dies würde aber auch bedeuten, dass wir zur Erklärung unserer mentalen Phänomene keine geistigen oder immateriellen Entitäten annehmen müssten. Stattdessen deutet vieles darauf hin, dass physiologische Vorgänge im Gehirn, die auf Selbstorganisationsprozessen beruhen, unser bewusstes Erleben erschaffen. Ferner wären diese komplexen Wahrnehmungen in der enorm assoziativen Großhirnrinde gebündelt. Wenn man den modernen Neurophilosophen glaubt, konstituiert sich unsere psychische Welt in der verteilt organisierten Großhirnrinde - und plötzlich entstehen wir dabei.
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5 Selbstgefühl und Menschenwürde auch ohne Homunculus
„Die Hirnforschung verändert in dramatischer Weise unser Menschenbild und damit die Grundlage unserer Kultur, die Basis unserer ethischen wie politischen Entscheidungen“ warnt der Philosoph Thomas Metzinger (Metzinger, 2002, S.32). Denn wer steuert diese hochkomplexen Vorgänge im Gehirn, wenn es keine unsterbliche Seele und kein substanzielles Selbst gibt? Alles deutet darauf hin, dass es im Gehirn keinen Homunculus gibt, keinen Dirigenten im komplexen Zusammenspiel der Gehirnareale und damit auch keinen selbstständigen Impulsgeber. Doch wie kommen dann Handlungen zu Stande, wenn es doch keine Handelnden gibt? Zerfällt mit dem Konzept eines monolithischen Ichs auch unsere Auffassung von Freiheit?
5.1 Das Problem des freien Willens
In unserem alltäglichen Tun erleben wir uns als frei in unseren Entscheidungen und haben das Gefühl, dass wir es sind, die diese oder jene Entscheidung treffen. Mittels Introspektion fühlen wir uns als frei agierende, mit Intentionalität versehene Wesen, die weil sie frei handeln können, auch zur Verantwortung gezogen werden können. Wir tragen Verantwortung und können sanktioniert werden, wenn wir uns nicht so verhalten, wie es die Gesellschaft für richtig hält. Wir hätten uns ja auch anders verhalten können. 13 In diesem Sinne erziehen wir unsere Kinder, so ist auch unser Rechtssystem ausgelegt.
Die moderne Hirnforschung behauptet nun, alle Entscheidungen seien neuronalen Vorgängen nachgängig und würden aus diesen folgen. Denn andersherum müssten wir annehmen, es gäbe einen mentalen Entscheider, welcher die entsprechenden Nervenzellverbände anregt, die die jeweilige Entscheidung dann in die Tat umsetzen. Aus neurobiologischer Sicht ist die Annahme eines zentralen Verwalters nicht mehr haltbar. Jeder Augenblick, den wir in einer scheinbar von uns getrennten Welt wahrnehmen, ist das Abbild eines bestimmten neuronalen Zustands, der das Resultat aus einem vorhergehenden neuronalen Zustands ist. Das, was offenbar unsere Entscheidungen und Handlungen ausmacht, sind die unmittelbar vorausgehenden Ereignisse, die besondere neuronale Architektur des jeweiligen Gehirns, als
13 Was unterscheidet denn freie von unfreien Handlungen? Die sogenannten unfreien Entscheidungen oder Handlungen - für die man in der Rechtssprechung mildernde Umstände bekommt - sind diejenigen, die unter großem Zeitdruck getroffen werden mussten, die es nicht erlaubt haben, die möglicherweise relevanten Variablen in Muße zusammenzutragen und gegeneinander abzuwägen, also Situationen in denen das Affektniveau sehr hoch war oder die aus dunklen unbewussten Motiven hervorgegangen sind. Dagegen sind die freien Entscheidungen diejenigen, die wir uns vorher in Ruhe überlegen konnten, die wir vergleichen können mit unseren moralischen Setzungen und uns dann entscheiden. Für diese Handlungen können wir dann voll zur Verantwortung gezogen, belohnt oder bestraft, werden.
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Folge der biografischen Vorgeschichte einer Person, Zeitdruck, intern generierte Dispositionen, wie Hunger oder ein hoher Adrenalinsspiegel oder die momentanen Gefühle des Handelnden. Diese Determinanten bereiten den je nächsten Akt vor. 14 Dabei müssen wir auf Grund empirischer Evidenzen annehmen, dass unser Bewusstsein diesen unbewussten Prozessen nachgängig ist und erst hinterher eine rationale Erklärung für die Entscheidung erfindet, um sie rechtfertigen zu können. 15 Unser Selbstbild sieht in der Regel ganz anders aus. Wir sind von der Vorstellung durchdrungen, dass unsere Entscheidungen bedeutsam sind, dass unsere Handlungen nicht nur das Ergebnis anderer Handlungen sind. Dies ist erwähnenswert, weil wir meistens nur meinen wir wären die unabhängigen Entscheidungsgeber unserer Handlungen.
Doch so frei, wie wir den freien Willen in der Regel verhandeln, kann er nicht sein, wenn unsere Entscheidungen aus Quellen des Unbewussten und selbstorganisierenden Prozessen im Gehirn motiviert sind, über die wir in der Regel keine bewusste Kontrolle haben. Unser Selbstverständnis kollidiert offenbar mit den Erkenntnissen, die die Neuropsychologie zu Tage gefördert hat. Wie sollen wir nun aber Kant, Hegel oder Jean-Paul Sarte lesen, und wie sollen wir uns zum Freiheitsbegriff oder zur Person verhalten? Wie behalten wir so unsere personale Identität als Individuum?
5.2 Konsequenzen für unser phänomenales Selbstmodell
Alles was ich erlebe wird von meinem Gehirn hervorgebracht, z.B. das es ein Ich gibt, das irgendwie mit meinem Körper verbunden ist und das dieser Körper von einer Umwelt umgeben ist. Das sind die drei Erlebniswelten.
Niemand hat uns gefragt, ob wir mit diesem Bewusstsein existieren wollen und am Ende wird auch keiner fragen, ob wir bereit sind zu gehen. Wir haben nie entschieden, die zu sein, die wir sind? Aber jeden Tag verfolgen wir Spuren, Wünsche, Ziele, ein kunstvolles Geflecht aus Absichten, Träumen, Vorstellungen. Die verschiedenen Erregungszustände von Milliarden Neuronen ergeben dabei Muster, die wir als Gefühle, Gedanken, Formen oder Farben
14 Ein durchgehender Determinismus scheint selbstbestimmtes Handeln in diesem Sinn unmöglich zu machen. Denn wenn jedes physikalische Ereignis durch vorhergehende physikalische Ereignisse kausal determiniert ist und unsere mentalen Zustände auf physikalischen Ereignissen im Gehirn beruhen, dann sind wir nicht selbst Urheber unserer Entschlüsse und Handlungen, sondern diese sind durch etwas außer uns kausal determiniert.
15 Der Neurowissenschaftler Benjamin Libet macht in den 80er Jahren ein mittlerweile berühmt gewordenes Experiment. Er bittet seine Probanden, wahlweise einen einzelnen Finger oder die ganze Hand zu heben. Eine einfache freie Entscheidung. Aber Libet macht eine überraschende Entdeckung. Mehrere hundert Millisekunden bevor der Proband bewusst entscheidet, was er tun wird, hat das Gehirn bereits eine Wahl getroffen. Es bereitet genau die Aktion vor, für die sich der Proband erst viel später und scheinbar bewusst entscheiden wird. „Nur wenn man zusätzlich zur psychologischen Analyse genaue Kenntnis darüber hat, was im Gehirn vor einer willentlichen Handlung passiert (und zwar nicht nur auf das Bereitschaftspotential beschränkt), kann man auch erklären, wie das Gefühl des Freiseins zu Stande kommt“ (Roth, 2006, S.124).
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empfinden. Jeder Willensakt erscheint als eine bestimmte Gehirnaktivität, genauso wie jedes Motiv, das eine Handlung in Gang setzt. Das Spiel der Neuronen steuert unsere Vorlieben und Abneigungen, weit unterhalb der Grenze des bewussten Erlebens. In jedem Kopf steckt ein unendlich kompliziertes Netzwerk, das selbst die einfachsten Entscheidungen vorbereitet, ohne dass wir selbst etwas davon erleben. 16
Nun scheinen die Neurobiologen recht eindeutige Beweise dafür gefunden zu haben, dass unsere bisherigen Vorstellungen über unser phänomenales Ich-Bewusstsein und ein substanzielles Selbst aus der dritten-Person Perspektive, also mittels wissenschaftlicher Beschreibungen, nicht haltbar ist. Wir können uns keine Welt vorstellen, in der wir nicht zumindest als Beobachter anwesend sind und hegen die Hoffnung auf ein Fortbestehen des bewussten Selbst. „Doch unsere überkommene Annahme, es könnte Bewusstsein vielleicht auch ohne neuronale Basis geben wird jetzt so unplausibel, dass der emotionale Druck auf Menschen, die dennoch an ihren traditionellen Weltbildern festhalten wollen, nur schwer erträglich werden könnte“ (Metzinger, 2002, S.207).
Eine Folge der zunehmenden Durchsetzung der materialistischen Weltsicht könnte sein, dass es zu einer Entsolidarisierung mit konkurrierenden Menschenbildern und einer zunehmenden Kluft zwischen der modernen und dritten Welt kommen könnte, die die Form eines „primitiven Vulgärmaterialismus“ annehmen könnte (vgl. ebd., S.211), befürchtet der Neurophilosoph Thomas Metzinger. Er plädiert für die Stabilisierung der Massengesellschaft durch die „sozialen Bindungskräfte“, die sich in den Werten der Humanität und Menschenwürde zeigen würden (ebd., S.211 f.). Denn auch wenn sich herausstellen sollte, dass mentale Eigenschaften auf physische Eigenschaften zurückgeführt werden können, würde das nichts daran ändern, dass Lebewesen mit mentalen Eigenschaften einen besonderen ethischen Status, d.h. bestimmte Rechte und Pflichten haben, weil sie Verantwortung für ihre Taten tragen und Empfindungen haben.
Dennoch sind die Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften nicht nur von bloß theoretischem Interesse. Denn es handelt sich um eine tiefgreifende Veränderung - für gläubige Menschen sogar um eine Erschütterung - im Selbst- und Fremdbild des Menschen, die auch die Art verändern wird, wie wir unsere komplexeren sozialen Systeme
16 Wie das Gehirn es allerdings fertig bringt, die parallel und auf zahllosen Wegen verarbeiteten Informationen zu einer kongruenten bewussten Erfahrung zu bündeln, ist bis heute nur annähernd erklärt. Dieser ist durch Wolf Singer als das sogenannte „Bindungsproblem“ bekannt geworden. Eine mögliche Erklärung liefert der deutsche Neuroinformatiker Christoph von der Malsburg: Mehrere Neurone bilden einen Verbund, indem sie zur gleichen Zeit aktiv sind. „Ensemble“ nennen das die Hirnforscher. Dieses Ensemble könnte die neuronale Entsprechung einer Wahrnehmung, aber auch einer Vorstellung, einer Erinnerung oder eines Gedankens sein (vgl. Rauch, S.23). Doch handelt es sich hierbei zunächst um Vermutungen und entschärft das Bindungsproblem nicht. 15
organisieren. 17 Denn Verantwortung und Schuld setzt Willensfreiheit voraus - aber über die verfügen wir gar nicht in der Weise, wie wir sie vielleicht gern hätten.
6 Schluss
Eine naturwissenschaftliche Beschäftigung mit diesem traditionell geisteswissenschaftlichen Thema führt zu faszinierenden Ergebnissen. Die Komplexität des Gehirns bringt Phänomene hervor, die uns als immaterielle erscheinen. Alles, was wir in dualistischen Leib-Seele-Modellen gern dem Geistigen zuschreiben, sei aber rein biologisch bedingt, betonen Singer und seine Kollegen aus der Hirnforschung. Je tiefer Forscher in die Geheimnisse des Bewusstseins vordringen, desto mehr gerät unser Selbstverständnis ins Wanken. Nicht nur die hoffnungsvolle Illusion eines immateriellen Geistes wird naturwissenschaftlich zerschmettert, sondern auch unser Status als unabhängiger Autor unserer Lebensgeschichte wird fragwürdig. Bin ich der freie Urheber meiner Handlungen oder bloß eine Marionette in der Hand meines Gehirns? Das ist der existentielle Konflikt.
Freiheit benötigt eine Person, ein Selbst, das sich bestimmt. Wenn man für empirische Erkenntnisse der Neuro- und Kognitionswissenschaften offen ist, darf man sich dieses Selbst aber nicht als einen unabhängigen Entscheider denken. Dennoch haben wir das Gefühl, dass wir frei sind, dass unser Selbst mehr ist als nur ein gutes Gefühl. Es ist aber kein Homunculus der unsere Geschicke lenkt. Letztlich handelt es sich um Nervenzellenverbände, die gleichzeitig aktiviert werden. Dabei organisieren sich die Verbindungen kontinuierlich neu, so dass das Gehirn selbstständig seine neuronale Architektur verändert, die letztlich gleichzusetzen ist mit der Programmierung des Gehirns, die wiederum unser Handeln bestimmt. Doch auch wenn Bewusstseinsprozesse mit Hirnaktivitäten gleichzusetzen, also identisch sind, kann nicht jede Form der (physikalischen) Determination die Freiheit beeinträchtigen. „Denn bei den meisten Handlungen haben wir das Gefühl, dass wir als bewusst denkendendes, fühlendes und planendes Subjekt, als Ich, Verursacher des Großteils unserer Handlungen sind. Dieses Ich ist seinerseits bestimmt von Vernunft, von der Einsicht in die Sachlage und die sich daraus ergebenden Rahmenbedingungen und insbesondere in die Konsequenzen des eigenen Handelns“ (Roth, 2001a, S.13). Wenn dieses einsichtige Selbst aber seinen Willen frei bestimmen kann, wird die Freiheit nicht eingeschränkt - die Festlegung des Handelns durch das Selbst ist gerade das, was eine freie Handlung von einer bloß zufällig entstehenden Aktivität unterscheidet. Unser phänomenales Bewusstsein ist
17 Insbesondere für die forensische Psychiatrie und unser Rechtssystem sind die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse interessant, denn mit Blick auf die Zukunft ist es nicht unwahrscheinlich, dass man z.B. die Bewusstseinszustände, von Straftätern mit deren Einverständnis irgendwann bewusst manipulieren kann. 16
also allem Anschein nach das Produkt einer unendlich lang erscheinenden Entstehungsgeschichte. Der individuelle Mensch erscheint als ein bloß kleines Rädchen in der biologischen Evolution, die ihrerseits eingebettet ist in die Entwicklung unserer Erde und unseres gesamten Universum. Der selbstreflexive Mensch ist also im kosmischen Maßstab vielleicht doch nur ein kurzes Aufflackern von Bewusstsein ohne Sinn und Ziel. Doch unser Gehirn entwirft die Illusion, dass unsere Taten bedeutsam sind, dass wir, das unser Ich, alle Fäden in der Hand hält und wir während unseres Lebens immer unsere personale Identität behalten, auch wenn wir uns ständig verändern. Dabei hat es die Evolution klugerweise, weil es gar nicht anders geht, so eingerichtet, dass wir nur die Prozesse wahrnehmen, die für unser interagieren mit der Umwelt relevant sind. Das Gehirn bemüht sich dabei Dinge möglichst unbewusst zu erledigen, um Energie zu sparen. Dabei erleben wir zwar nicht alle Prozesse des Unbewussten, dennoch pflegen wir das, was wir bewusst erfassen können, als Geist zu benennen. Und das bewusste Erleben und Verhandeln ist grade das, was uns die Freiheit zur vernünftigen Wahl eröffnet und uns damit über unsere bloß tierische Existenz erhebt.
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Literatur- und Quellenverzeichnis:
Literatur:
Bieri, Peter, „Das Handwerk der Freiheit“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2003.
Durant, Will, „The Story of Philosophy“, 1926, New York, deutsch: “Die großen Denker” Mit einem Vorwort v. Hans Driesch u. Orell Füssli, Zürich, o.J..
Eisler, Rudolf, „Wörterbuch der philosophischen Begriffe - Erster Band A-K“, Mittler & Sohn, Berlin, 1927.
Eisler, Rudolf, „Wörterbuch der philosophischen Begriffe - Zweiter Band L-Sch“, Mittler & Sohn, Berlin, 1929.
Guttenplan, Samuel (Hrsg.), „A Companion to the Philosophy of Mind“, Blackwell Reference, London, 1996.
Metzinger, Thomas; Singer, Wolf; Könneker, Carsten, „Ein Frontalangriff auf unser Selbstverständnis und unser Menschenbild“, Beitrag in: Könneker, Carsten (Hrsg.), „Wer erklärt den Menschen - Hirnforscher, Psychologen und Philosophen im Dialog“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2006, S.207-215.
Pauen, Michael, „Von Fledermäusen und der Freiheit des Willens“, Beitrag in: Könneker, Carsten (Hrsg.), „Wer erklärt den Menschen - Hirnforscher, Psychologen und Philosophen im Dialog“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2006, S.141-153. Singer, Wolfgang, „Ein neurobiologischer Erklärungsversuch zur Evolution von Bewusstsein und Selbstbewusstsein“, in: Newen, Albert; Vogeley, Kai (Hrsgg.), „Selbst und Gehirn -Menschliches Selbstbewusstsein und seine neurobiologischen Grundlagen“, Bonn, 1998, S.333-351.
Roth, Gerhard, „Das Gehirn und seine Wirklichkeit“, Suhrkamp, Frankfurt, 1996. Roth, Gerhard, „Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert“, Suhrkamp, Frankfurt, 2001a.
Roth, Gerhard, „Die Einheit des Psychischen“, Beitrag in: Könneker, Carsten (Hrsg.), „Wer erklärt den Menschen - Hirnforscher, Psychologen und Philosophen im Dialog“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2006, S.123-124.
Wolf, Ursula (Hrsg.), „Sämtliche Werke - Band 2 - Lysis, Symposion, Phaidon, Kleitophon, Politeia, Phaidros“, 31.Auflage, Rowohlts Enzyklopädie, Hamburg, 2006. Ziegler H.; Czihak G.; Langer H. (Hrsgg.), „Biologie - Ein Lehrbuch 6.Auflage“, Springer Verlag, Heidelberg, 1996.
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Internetquellen:
Metzinger, Thomas, „Schimpansen, Spiegelbilder, Selbstmodelle und Subjekte - Drei Hypothesen über den Zusammenhang zwischen mentaler Repräsentation und phänomenalem Bewußtsein“, URL: http://www.philosophie.unimainz.de/metzinger/publikationen/Schimpansen.html, 1994, (31.03.2008).
Roth, Gerhard, „Wie das Gehirn die Seele macht“, Vorlesung vom 22.-27.April.2001b, URL: http://www.lptw.de/archiv/vortrag/2001/roth.pdf, (31.03.2008).
Zeitschriften:
Delacour, Jean, „Was kann die Neurobiologie erklären?“, in: Spektrum der Wissenschaft Spezial, 1/2004, S.12-19.
Haggard, Patrick, „Der freie Wille auf dem Prüfstand“, in: Spektrum der Wissenschaft Dossier, 2/2006, S.6-13.
Rauch, Judith, „Die 7 Rätsel der Hirnforschung - Was ist ein Gedanke“, in: Bild der Wissenschaft, 1/2007, S.23-26.
Singer, Wolf, „Ein Spiel von Spiegeln“, in: Spektrum der Wissenschaft Spezial, 1/2004, S.20-25.
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Arbeit zitieren:
Benjamin Löbel, 2008, Einführung in die Philosophie des Geistes, München, GRIN Verlag GmbH
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