Inhaltsverzeichnis:
1. Vorbemerkungen. 3
2. Von seiner Geburt bis zum Beginn seiner politischen Karriere 4
3. Beginn der philosophischen Gespräche zwischen Sokrates und Alkibiades 5
4. Rahmenhandlung und Gedankengang des Großen Alkibiades. 6
4.1 Wonach muss Alkibiades streben? 8
4.2 Was ist das Wesen, der Kern einer Person? 10
4.3 Was bedeutet die sokratische Forderung „sich selbst zu erkennen“? 11
4.3.1 Exkurs: Die Vernunftherrschaft über die Seele 11
4.4 Was bedeutet Fürsorge für uns selbst? 12
5. Interpretation Zusammenführung der Ergebnisse: 13
6. Der weitere politische Weg des Feldherrn und Staatsmanns. 14
7. Der Alkibiades-Teil im Symposion. 16
8. Schluss. 19
Literaturverzeichnis : 21
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1. Vorbemerkungen
Welcher Art das Verhältnis zwischen Alkibiades und Sokrates war, was der große Philosoph dem angehenden Staatsmann zu vermitteln versuchte und welchen Weg der diplomatisch geschickte sowie charismatische Feldherr Alkibiades eingeschlagen hat, versuche ich im folgenden an Hand der Texte Alkibiades I sowie dem Alkibiades-Teil im Symposion (Gastmahl) darzulegen. Nach Verweis auf seinen angetrunkenen Zustand hält Alkibiades im Gastmahl, eine Rede, die sein intimes Verhältnis zu dem Philosophen, zu Sokrates, offenlegt. Dieser war immerzu darum bemüht seinem Freund Alkibiades,dessen hohe Begabungen einerseits sowie seine despotischen Tendenzen andererseits, früh zum Vorschein kamen -, auf den rechten Weg der Tugend zu führen. Dafür gelte es zunächst sich selbst zu erkennen, betont er. Was Sokrates meint, wenn er von Selbsterkenntnis spricht, veranschaulicht er selbst im Austausch mit dem Namensgeber des Dialogs Alkibiades I. Dabei erörtern die Beiden in einem intimen Gespräch die Fragen „Was ist der Mensch?“, „Ist die Seele der Kern der Person?“ und „Wie können wir uns selbst erkennen?“ (Kutschera, III, S. 262).
Die zahlreichen und zum Teil großen Gedanken, die die Beiden, in einem dialektischen Prozess, hervorbringen, versuche ich im Folgenden durch eine systematische Rekonstruktion der wesentlichen Gedankengänge des Dialogs zu skizzieren. Ebenso wird die sokratische Selbstbildung Erwähnung finden. Die Forderung die Sokrates an die Bürger Athens richtete und mit der er insbesondere Alkibiades auf den rechten Weg der Tugend zu führen versuchte, kann im Leitspruch seiner Philosophie: „Erkenne dich selbst!“ (gnothi seauton 1 ) zusammengefasst werden. Sich selbst zu erkennen sei nach Sokrates die Voraussetzung, um den Teil des menschlichen Wesens zu erfassen, der den Kern einer Person ausmache. Diesem gelte es die meiste Fürsorge zu Teil werden zu lassen.
1 Diese Formel entnimmt er dem Orakel von Delphi, an dessen Eingang diese Worte stehen. Die Seherin der Weissagungsstätte nannte Sokrates einst den „gerechtesten aller Griechen“. Sokrates bezog dies auf sein einziges Wissen, dass er nämlich nichts wüsste. In der Einsicht seines Nichtwissens läge demnach sein intellektueller Vorsprung.
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Doch ehe die literarische Figur, wie sie von Platon dargestellt wurde, Erwähnung findet, möchte ich mit einer kurzen Einordnung des Lebens der historischen Person Alkibiadesin seinen kulturhistorischen Kontext - beginnen.
2. Von seiner Geburt bis zum Beginn seiner politischen
Karriere
Alkibiades findet Erwähnung in zahlreichen Schilderungen antiker Geschichtsschreiber, etwa bei Thukydides [Θουκυδίδης], Xenophon [Ξενοφῶν], Ephoros [Ἑφόρος] und Theopompos [Θεόπομπος]. Bedeutsam ist auch das Lebensbild das Plutarch [Πλούταρχος] angefertigt hat. Ebenso interessierte sich der römische Historiker und Biograph Cornelius Nepos für die Taten des Alkibiades und fertigte einen Bericht über dessen Leben an. Alle diese Schriftsteller haben sich bemüht, der Nachwelt ein plastisches Bild dieser unvergleichbaren Person und seinem Wirken zu hinterlassen. Dafür bezogen sie sich nicht nur auf einander, sondern berücksichtigten die wertvollsten Quellen ihrer Zeit. Die Historiker skizzieren seine Lebensgeschichte überwiegend in Daten und Ausschnitten, sowie durch Schilderung seiner zahlreichen politischen Interventionen.
Cornelius Nepos etwa beginnt seinen Lebensbogen über Alkibiades enthusiastisch wie folgt: „Es folgt der Athener Alkibiades, des Kleinias Sohn. An ihm scheint die Natur versucht zu haben, was zu schaffen in ihrer Macht stehe. Denn unter allen, die über ihn berichtet haben, steht fest, dass niemand, in Fehlern wie ihn Tugenden ausgezeichneter gewesen ist als er“ (Nepos, S.1, 1.1).
Kleinias (Κλεινίας; lat. Clinias), ein nicht nur wegen seines Reichtums angesehener Bürger Athens, ist der leibliche Vater des kleinen Alkibiades. Von seinen Mitbürgern wurde er für seine Tapferkeit während militärischer Auseinandersetzungen mit einem Preis ausgezeichnet. Doch im Alter von 33 Jahren - es geschah wohl in der für die Athener unheilvollen Schlacht von Koroneia (447 v.Chr.) (vg.112c) - starb er, den Erzählungen zu Folge, den Heldentot. Die Geburt von Alkibiades wird in das Jahr 451 oder 450 v.Chr. gefallen sein. So wurde Alkibiades im Alter von vier bis fünf Jahren vaterlos (vgl. Hertzberg, S.21).
Doch der Knabe stammt von den reichsten und edelsten Adelsgeschlechtern Athens ab, dem alten Geschlecht der Alkmaioniden. Seine Mutter, Deinomache, war indirekt mit
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Perikles, dem größten Staatsmann seiner Zeit verwandt (vgl.121b). Schließlich gelangt der Waise nach dem Tod seines Vaters in die Vormundschaft seines Onkels, eben jenem Perikles 2 [Περικλής] (vgl. ebd.). Damit wuchs er in einem der reichsten Häuser Athens auf, war darüberhinaus intelligent, schön und ehrgeizig. Er unterhielt beste Verbindungen zu den führenden Leuten Athens und schien so für die höchsten Ämter in der Stadt prädestiniert (vgl. Kutschera, II, S.58 f.).
Wie die Mehrzahl der Athener, hat auch Sokrates schon früh seinen Blick auf Alkibiades gerichtet. Denn dessen reiche Begabungen, kamen schon im Kindes- und Jugendalter zum Vorschein. Eine Handvoll seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten, die von Historikern vielfach hervorgehoben wurden, gaben dem athenischen Bevölkerung schon früh Anlass zu Hoffnungen, auf einen zukünftigen Staatsmann von der Größe eines Perikles, mutmaßt der Autor und Historiker Gustav Hertzberg (Hertzberg, S.22). „Denn schon frühe entfaltete Alkibiades die Eigenschaften, die ihn sein ganzes Leben hindurch auszeichneten. „Große Entschlossenheit, eine an Unverschämtheit grenzende Keckheit und ein unbändiges Streben, überall der Erste zu sein, traten schon in den Knabenspielen hervor, …“ (Hertzberg, S.22). Dennoch erwarb er sich ein hohes Ansehen. Auch wenn er so manchen vergraulte, dem er auf respektlose Weise gegenübertritt. Er galt als die Verkörperung des Athens in der Periode seiner größten Macht sowie als glänzender Repräsentant der jungen intellektuellen Elite, die in Athen unter der Herrschaft von Perikles heranwachsen konnte.
3. Beginn der philosophischen Gespräche zwischen Sokrates und
Alkibiades
Doch erst als der Jüngling fast sein zwanzigstes Lebensjahr erreichte, gelang es dem Philosophen, ein innigeres Verhältnis zu dem jungen Mann anzuknüpfen. Die verbale Seite der Annäherung wurde vom Autor des Alkibiades I, vermutlich von Platon selbst einige Jahre später formuliert. 3
Alkibiades wurde um 450 v.Chr. geboren und soll zum Zeitpunkt des Gesprächs etwa 20 Jahre alt gewesen sein. So wird jene Unterhaltung zwischen dem Philosophen und dem
2 „Allerdings hat Perikles, wie im Dialog Alkibiades I erwähnt wird, die so wichtige Aufgabe der Erziehung des brillanten Knabens Zapyros, dem wegen des hohen Alters unbrauchbarsten seiner Sklaven, übertragen (vgl. 122a), der dem „lebhaften Knaben nicht gewachsen sein mochte“ (Hertzberg, S.21).
3 „Wenn der Dialog echt wäre, müsste er wohl zwischen dem Gorgias und dem Phaidros entstanden sein“ (Kutschera, S.261 f.) 5
angehenden Staatsmann Alkibiades um 430 v.Chr. stattgefunden haben. Der Dialog ist von Platon oder einem seiner Schüler niedergeschrieben worden 4 sowie bis heute vollständig erhalten geblieben. Darin wird das fiktive Gespräch in direkter Rede wiedergegeben.
Insbesondere im Schlussabschnitt des „Alkibiades I“ (oder bisweilen auch der „Große Alkibiades“ genannt) erörtert Sokrates mit seinem Gesprächspartner, dem jungen Mann Alkibiades, was es mit dem Ausdruck „sich um sich selbst sorgen“ (heautou epimeleisthai) auf sich hat (vgl. Kniest, S. 70).
Bevor ich schildere, wie Sokrates seinem Schüler erklärt, worin sich die „Selbstsorge“ von der „Sorge um das Seinige“ unterscheidet - also bevor die sokratische Selbstbildung Erwähnung findet - werde ich einleitend die Rahmenhandlung darstellen und kurz den Gedankengang des Alkibiades I rekonstruieren, wobei ich den Aspekt der Selbstsorge ausführlicher behandeln möchte. Dabei muss philosophisches Terrain beschritten werden. Denn die sokratische „Sorge für sich selbst“ wird im Kontext der platonischen Anthropologie, zu den Fragen, „Was ist das Selbst, das Wesen eines Menschen?“ und „Was ist die Seele?“, zusammengefasst und von Sokrates im Austausch mit Alkibiades dialektisch erörtert. Auf diese Weise versucht er dem jungen Mann zu vermitteln, was vor allem Not tue: die Prüfung und Erkenntnis seiner Selbst - kurz: Selbstsorge statt Selbstsucht.
Die übergeordnete Fragestellung dieses Essays soll demnach: „Was heißt Sorge für die Seele?“ lauten.
4. Rahmenhandlung und Gedankengang des Großen Alkibiades
Anlass des Gesprächs ist der Wunsch des aufstrebenden Alkibiades sich in Athen politisch zu betätigen, da er das dafür erforderliche Alter nun erreicht hat. Zu den öffentlichen Versammlungen ist er bereits zugelassen. Durch sein Auftreten in der Volksversammlung möchte der ehrgeizige junge Mann sein bereits hohes Ansehen
4 Das Platon selbst den Dialog geschrieben hat, war in der Antike noch eine verbreitete Annahme. Dieser Dialog wurde weithin und lange Zeit als Einführung in die platonische Philosophie verwendet. Erst der deutsche Philosoph Friedrich Schleiermacher bezweifelte ab Anfang des 19.Jhh., dass der Dialog von Platon stammt und begründet dies kongruent mit philologischen Argumenten. Seitdem ist die Frage der Echtheit des Alkibiades I erst recht stark umstritten. Nach Meinung mancher Gelehrter handelt es sich aber sicher um ein Platonicum (Kutschera, III, S.253; S.261; Hertzberg, S.21). 6
ausbauen und sich politischen Einfluss erwerben, um seine Karriere als Staatsmann zu beginnen (vgl. Kutschera, S. 253). Der große Philosoph Sokrates hat die Entwicklung des Heranwachsenden bereits mit Interesse verfolgt, war allerdings von seinem Daimon 5 davon abgehalten worden, in mündlichen Austausch mit Alkibiades zu treten (103a). Nun scheint es ihm an der Zeit mit dem jungen Heißsporn in Kontakt zu treten, um ihn, bei einer wichtigen Weichenstellung in seinem Leben, unterstützen zu können. Auch Alkibiades ist an einem Gedankenaustausch mit Sokrates interessiert (104c) und so entwickelt sich ein Gespräch zwischen den Beiden, welches von Sokrates geleitet wird. In diesem hält er Alkibiades auf väterliche Art einen Spiegel vor. Zunächst macht er ihn auf sein hochmütiges Benehmen aufmerksam, welches bereits die Mehrzahl seiner Liebhaber verscheucht hat (104a). Einen Grund dafür sieht Sokrates darin, dass Alkibiades von seiner Kindheit an leibliche und geistige Vorzüge genossen hat, die ihn mit dem stolzen Gefühl aufwachsen ließen, keinen anderen Menschen zu brauchen, da er sich als unabhängig von allen Mitmenschen betrachtet (104a). Wie Hertzberg berichtet kam sein unbändiges Machtstreben dabei schon früh zum Vorschein (Hertzberg, S. 22). Ebenso seine Selbstsucht: „Hältst du dich doch für allen überlegen an Schönheit und Stattlichkeit - und dass du dazu das Recht hast, lehrt der Augenschein“ (104a), konstatiert auch der Verfasser des Dialogs und legt diese Worte Sokrates in den Mund. An dieser Stelle wird sein Hochmut, als ein bedeutender Charakterzug des Alkibiades hervorgehoben. Obgleich ihm seine Überheblichkeit, die er stolz zur Schau stellte, nicht nur einen hohen Bekanntheitsgrad, sondern darüberhinaus auch zweifelhaften Ruhm einbrachte.
In wenigen Tagen schon will Alkibiades vor der Volksversammlung auftreten, um den Athenern seinen politischen Rat zu erteilen. Doch Sokrates weist ihm nach, dass er keine Kenntnisse hat, die ihn befähigen würden, seinen Mitbürgern einen fundierten Rat geben zu können (106c-113c). Alkibiades wendet ein, er könne seine Vaterstadt bei der Umsetzung geplanter Maßnahmen im Sinne der Gerechtigkeit beratschlagen (109b). Wiederum weist Sokrates ihm etwas nach, nämlich dass er nichts von der zu beratschlagenden Sache verstehe. Denn Alkibiades habe weder Unterricht in Gerechtigkeit erhalten, noch habe er selbst untersucht, was Gerechtigkeit sei. Vielmehr habe er dieses Wissen seit seinen Kindertagen immer schon zu besitzen geglaubt (110c). Alkibiades bringt vor, er habe es von den Vielen gelernt, ebenso wie die griechische
5 Den Daimon bezeichnet Sokrates als „Art göttlicher Einfluss“ (104a), mitunter als „wahrsagende Stimme in meinem Inneren“ (). 7
Sprache (110e). Dagegen verweist Sokrates auf den objektiven Charakter des griechischen Sprachgebrauchs, während sich die Leute über die Frage „Was Gerechtigkeit ist?“ streiten würden. Dem Philosophen nach folgt daraus, dass Einige bzw. Viele nicht wissen, was gerecht ist. Alkibiades will den Athenern also Rat geben in einem Gebiet von dem er selbst nichts versteht (113b; vgl. Kutschera, III, S.253 ff.). Alkibiades geht davon aus, dass es in der Politik oft mehr auf den (ego- oder soziozentrischen) Vorteil als auf Gerechtigkeit ankommt (113d). Damit spricht er indirekt „die Kluft zwischen dem Nützlichen und dem moralisch Richtigen“ (Kutschera, III, S.256) an. Darauf folgt eine Erörterung. Auf die sicher platonische (ebd.), aber schwache Argumentation der These einer Koinzidenz (des Zusammenfallens) von Gutem und Vorteilhaftem (112d-116e; vgl. Kutschera, III, 254) werde ich aber nicht näher eingehen, weil die Behauptung es nicht schafft, den relativen Vorteil für einen Einzelnen oder eine Gruppe, mit dem objektiven Maßstab der Gerechtigkeit zusammenzuführen. Ebenso soll die Begründung der Behauptung: „Torheit sei die Ursache allen Übels“ (116e -118a; vgl. Kutschera, III, S.257) in der vorliegenden Arbeit außen vor gelassen werden. Interessanter als diese Feststellung ist die Frage, was Alkibiades als angehender Staatsmann nach Meinung von Sokrates wissen muss, um nicht von den Verlockungen der Ehre, des Reichtums und der Gier nach Macht, verdorben zu werden. Der Philosoph hofft, dass Alkibiades - statt eines Günstling des Volkes - ein gerechter Staatsmann sein und den Athenern Bürgern ein gutes Vorbild bieten wird, sowohl bei politischen Angelegenheiten als auch bei militärischen Fragen. Doch seinem bisherigen Verhalten nach droht Alkibiades nach Ansicht von Sokrates zum Volksliebhaber zu werden (132a; vgl. Kutschera, III, S.258), so wie despotische Tendenzen anzunehmen. Deshalb zeigt Sokrates ihm im Folgenden, welchen Werten es wirklich nachzueifern gilt, um - selbst als Politiker - gerecht, besonnen und tapfer (vgl. 122a) handeln zu können.
4.1 Wonach muss Alkibiades streben?
Sokrates hat ihm also eingangs seine fehlende politische Eignung nachgewiesen und fährt fort, indem er dem sonst nur Schmeicheleien Gewöhnten im Mittelteil des Dialogs eine Scheltrede hält: „Was für ein Zustand, mein armer Alkibiades, ist es, in dem du dich befindest! Ich scheue mich eigentlich die Sache beim rechten Namen zu nennen, aber wir sind ja unter uns und so sei es denn gesagt: du leidest mein Bester, an der schlimmsten
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Art alles Nichtwissens. Dessen zeiht dich der Gang unseres Gesprächs, dessen zeiht dich auch deine eigene Aussage“ (118a-b).
Denn wie viele andere Politiker auch, will Alkibiades sich ohne jede Vorbildung auf die Staatsgeschäfte stürzen, moniert Sokrates. Noch schlimmer daran ist die Einbildung von Alkibiades und vielen anderen Politikern, dass sie glauben zu wissen, worüber sie sprechen, wenn sie mit Gerechtigkeit und Nützlichkeit argumentieren. Die „Illusionen über das eigene Wissen“ (Kutschera, III, S.256) waren zuvor als „Torheit“ und diese als Ursache allen Übels bestimmt worden (116e -118a). Dabei fördert Sokrates zu Tage, dass das Wichtigste das Wissen, von Gutem und Schlechtem, von Vorteilhaftem und Schädlichem, sei (118a-b). Dieses Wissen sei allerdings nur schwer zu erwerben und darüberhinaus keines das sich lehren ließe. Infolgedessen konnte selbst Perikles, obwohl ihm dieses politische Wissen zugesprochen werden könnte, seinem Neffen Alkibiades dieses Wissen berüchtigter weise nicht beibringen (vgl. Kutschera, III, S.257). Wenn die Athener selbst nichts über die wahre Ordnung der Werte wüssten, meint Alkibiades, so brauche man auch selbst nichts davon zu wissen, um dem Volk auf den Versammlungen imponieren zu können (119b-c). Als erfolgreicher Staatsmann müsse Alkibiades nicht nur besser sein als seine Mitbürger, entgegnet der Ältere, sondern auch besser als die Feinde Athens - insbesondere als die Führer der militärisch gedrillten Spartaner. Des Weiteren lauert im Osten die Gefahr durch die Perser 6 . Abstammung, Erziehung und Reichtum der Spartaner und Perser werden von Sokrates in der sogenannten „Königsrede“ (120e-124b) gepriesen (Kutschera, III, 257). Demgegenüber fallen Abstammung und Reichtum des Alkibiades von den Alkmaioiden und die Größe des damaligen Griechenlands nicht ins Gewicht. Was die Athener dem entgegenzusetzen haben, sei Sorgfalt (Fleiß, Arbeit) und (politisches) Wissen (123d). Die folgenden Aussagen der Dialogpartner lassen vermuten, dass es sich bei diesem Wissen auch um die Befähigung handelt, Freundschaft und Eintracht unter den Bürgern herbeizuführen. Gerechtigkeit sei die Grundlage auf der diese Einmütigkeit und Harmonie des Staates gründen müsse, und gerecht sei, wenn jeder „das Seine tut“ (127c; vgl. Kutschera, S.257). Doch was ist das Seine?
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Der persischen Großmacht müssten die Athener durch gut organisierte Staatsgeschäfte und geschickte militärische Operationen ebenso überlegen sein. Dazu bedurfte es eines außerordentlichen Anführers. Denn die persische Großmacht war - zur klassischen Zeit Griechenlands - das damals größte Reich der Erde, unter Herrschaft von Xerxes II. [
dessen Nachfolger Dareios I. [ دار وش ] (Durant, S.24).
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Und worin besteht die Sorge für das Seine?
Sokrates gibt zu verstehen, dass dies zu erfassen, Selbsterkenntnis voraussetze (128e-129a). Das Ergebnis ist also: Alkibiades muss sich zunächst um Selbsterkenntnis bemühen, um ein souveräner sowie insbesondere gerechter Staatsmann werden zu können.
4.2 Was ist das Wesen, der Kern einer Person?
Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf 128d-133c. In diesem Teil des Alkibiades I wird von Sokrates das Wesen des Menschen und die Erkenntnis der Seele erläutert (vgl. Kutschera, S.258). Die Klärung der Frage: „Was ist das Selbst des Menschen?“, ermöglicht den Begriff „Selbsterkenntnis“ näher zu bestimmen. Die Grundprinzipien der Selbsterkenntnis zu verstehen ist eine notwendige Bedingung zur Beantwortung der übergeordneten Frage, was es mit der „Fürsorge für uns selbst“ auf sich hat; „andernfalls wird uns das auf ewig verborgen bleiben“, betont Sokrates (129a). „Wie also? Können wir irgendwie erkennen, welche Kunst uns besser macht, wenn wir nicht wissen, was wir selbst sind?“ (128e), gibt er zu bedenken. Die erste notwendig zu beantwortende Frage für den, der sich zum Guten bilden möchte, ist also: „Was ist das Selbst des Menschen?“ (129e).
Sokrates stellt die These auf, dass das Selbst des Menschen von folgenden drei Möglichkeiten Eine sein müsse. Entweder ist der einzelne Mensch seine Seele oder sein Körper, andernfalls das Ganze aus Seele und Körper (130a-b). Nun gehen die Beiden davon aus, dass ein Mensch die Teile seines Körpers, z.B. seine Hände oder Füße, gebraucht, um etwas zu tun (129e), insofern wird der Körper als Mittel angewandt. Wir folgen dieser Argumentation. Die Seele, insbesondere die Vernunft, bedient sich den Funktionen des Organismus, wenn wir in der sinnlichen Welt Denken und Handeln. Die Seele ist demnach, das den Körper Beherrschende. Denn es gilt allgemein, dass der Agent und das Mittel einer Handlung stets verschieden sein müssen 7 (129d f.; vgl. Kutschera, S.258). Deshalb könne der Körper sich auch nicht selbst gebrauchen, weil auch dies dem genannten Prinzip wiedersprechen würde. Sie kommen deshalb zu dem Ergebnis, der
7 Dieses Prinzip setzt schon voraus, dass der Körper von der Seele verschieden ist. Es handelt sich also um eine petitio principii, wodurch das Argument für die These, die Seele sei der Kern des Menschen angreifbar wird. „Denn es gilt nur, wenn die Mittel echte Instrumente sind, d.h. Objekte die vom Agenten verschieden sind“ (vgl. Kutschera, III, S.259). Die Klärung des Verhältnisses zwischen Körper und Leib ist bis heute eines der schwierigsten philosophischen Probleme. 10
Mensch sei seine Seele (130c). Die Seele also leitet den Körper. Sie ist der Agent, das Subjekt bzw. das Selbst eines Menschen (129e-130a; vgl. Kutschera, S.259). Wobei Sokrates zu bedenken gibt, dass es sich bei der Bestimmung des Selbst, als Seele, um eine Vereinfachung handelt, die aber ausreiche um argumentativ fortzufahren. So genügt es - seiner Meinung nach-, die These auf die Unterscheidung zwischen dem Gebrauchenden und dem, was gebraucht wird zu stützen (129c). Denn das Selbst selbst (auto to auto) zu erforschen erfordere „eine zu umständliche Untersuchung“ (130c-d). Die Frage nach der Selbsterkenntnis bleibt aber bis zum Schluss des Dialogs die Leitende.
4.3 Was bedeutet die sokratische Forderung „sich selbst zu erkennen“?
Zumindest klärt Sokrates, dass es sich bei der Selbsterkenntnis um die Einsicht handelt „die Seele, insbesondere die Vernunft, als den Kern einer Person zu begreifen“ (vgl. Kutschera, III, S.258). Darüberhinaus heißt Selbsterkenntnis „Besonnenheit“ 8 (131b; 133c). Selbsterkenntnis ist entscheidend für das Wissen, was für uns gut oder schlecht ist (133c). Denn die Kenntnis des eigenen Wesens, sagt Sokrates, sei die Grundlage dafür mittels des besten Teiles unserer Seele, der Vernunft, besonnen handeln zu können (133cd).
4.3.1 Exkurs: Die Vernunftherrschaft über die Seele
Eine Erinnerung an die platonische Anthropologie scheint mir im Folgenden von Nutzen. Drei Seelenteile werden bei Platon unterschieden: die Begierde, der Wille und das Denken. Aufgabe des Menschen und speziell des Staatsmanns ist es, nach Gerechtigkeit und Besonnenheit zu streben. Als gerecht kann der gesunde Zustand der Seele, oder auch die „Harmonie der drei Seelenteile“ definiert werden. Dabei soll der Mensch, seine Seele zum Guten richten.
Die Erkenntnis des Selbst ist aber nicht nur notwendig, um für sich selbst Sorge tragen zu können, sondern für den Staatsmann eine unabdingbare Kompetenz, weil dieser bei seinen Entscheidungen zusätzlich das Wohl der Bürger berücksichtigen muss. Dieses Wissen sei für den Staatsmann demnach die wichtigste Voraussetzung für die Ausübung
8 Der Besonnenste ist der, der sich nicht von seiner Lustbegier hinreißen lässt, „auf das er sich an wahre Freiheit und echte Herrscherwürde gewöhne als Herrscher zunächst in seinem eigenen Inneren, zu deren Sklaven er sich nicht machen will (122a). 11
seines Amtes, um für das Eigene und das Wohlergehen des Volkes Sorge tragen zu können.
In der technischen Ausführung seiner Arbeit Sorgfalt walten zu lassen sowie in dem lebenslangen Streben nach Tugend, bestehe der einzig feste Grund der Gerechtigkeit und Besonnenheit. So muss sich Alkibiades also vor allem um Selbsterkenntnis bemühen. Nur so könne er tugendhaft leben und den Bürgern Tugend bzw. Tüchtigkeit lehren, von der letztlich das Wohl der Stadt abhinge (134b-c).
Selbsterkenntnis beinhaltet neben dem Erkennen allerdings auch noch eine zweite Forderung, die „Hingewendetheit zu sich selbst“ (Steiner, S.5) bzw. die sokratische „Fürsorge für die Seele“ (132c).
4.4 Was bedeutet Fürsorge für uns selbst?
Um die erforderliche Selbsterkenntnis zu erlangen fordert Sokrates seinen Schüler auf, von allem, was aus dem Selbst ausgeschlossen werden kann, zu abstrahieren. Dabei solle er in den Teil seines Auges zu blicken, in dem sich die Seele am klarsten zu erkennen vermag - in der Pupille. In den Augen des Anderen 9 erblicken wir - der Analogie zufolge - den Teil des Menschen, der „die spezifische und höchste Funktion der Seele“ ausmacht: Denken und Erkennen (Kutschera, S.260). Dies sei der Ort dem die Weisheit angehört (133b). Zudem erblicken wir darin, den göttlichsten Teil der Seele, indem wir Gott und die Vernunft am klarsten sähen. So wie man sich im Spiegel klarer sieht als in der Pupille eines anderen Menschen, so „erblicken wir auch in Gott am klarsten, was Seele und Vernunft ist und sein kann“, vergleicht Sokrates (133c; Kutschera, S.260). Der Anteil unserer Vernunft am Göttlichen diene als „Leitstern unseres Handelns“ (134b). Der beste Teil der Seele ist also die Vernunft, die als Wegweiser für gerechte Entscheidungen sowie für gemäßigtes Verhalten dienen kann. Die kontemplative Lebensweise der Vernunftherrschaft verbinde mit dem Göttlichen, so dass die Seele stetig dem Guten zugewendet bleibt.
9 Es wird also gesagt, am klarsten sähen wir uns in den Augen eines anderen. Im Kontext der platonischen Philosophie lässt sich dieser hinterfragbaren Behauptung hinzufügen, dass die sich selbst erkennende Vernunft nicht nur etwas ist, das uns allen gemeinsam ist, sondern darüberhinaus Erkenntnis selbst, letztlich ein gemeinsamer, dialogischer Prozess ist. Nach Franz von Kutschera handelt es sich dabei um einen „genuin platonische[n]“ Gedanken, der aber hier [im Dialog] nicht weiter geführt wird (Kutschera, S. 260). Dazu verweist er auf die Textstellen Phaidros 276e-277a und 7.Brief 341c-d. 12
Deshalb heißt Sorge für unser Selbst und das uns Zugehörige „Sorge für die Seele“. Dies bedeutet insbesondere den Erwerb von Gerechtigkeit und Besonnenheit (134c-d), mit anderen Worten Tugend und Tüchtigkeit (134c-d). Was die sokratische Selbstsorge genau bedeutet, wird am Ende des Alkibiades I hingegen nur gestreift. Um Tugend und Tüchtigkeit, als Voraussetzung für den kurz bevorstehenden Staatsdienst, zu erlangen, gelobt Alkibiades von nun an die Sorge auf die Gerechtigkeit und die Gesundheit der Seele zu richten, sowie Sokrates als Freund zu begleiten und von dessen geistiger Führerschaft zu profitieren (135d). Mit den entsprechend guten Vorsätzen des Alkibiades endet der Dialog. Nach wie vor verspürt Sokrates jedoch noch offenkundig eine gewisse Bangigkeit, bezüglich des verderblichen Einflusses des Volkes, der auch weiterhin auf ihn und den noch jungen Charakter des Mannes einwirken wird. Obwohl er die Glaubhaftigkeit seines Versprechens nicht direkt in Zweifel ziehen möchte (135e).
5. Interpretation Zusammenführung der Ergebnisse:
Selbstsorge heißt immer auch Selbstherrschaft. Weil das Selbst als Seele bestimmt worden war und deren göttlichster bzw. bester Teil die Vernunft ist (133b), heißt Selbstherrschaft letztlich auch Herrschaft der Vernunft. Die Vernunft, als beste Funktion der Seele, ist demnach das herrschende Prinzip der Seele. Damit wird der Stellenwert der Vernunft in der Philosophie Platons und seiner Schüler besonders betont, weil die Schlussfolgerung wäre, dass die Vernunft selbst das großgeschriebene „Selbst“ ist, wobei letzteres als das Anzustrebende gilt. Das Ziel ist die mit der Selbsterkenntnis einhergehende „richtige“ Sorgfalt für sich selbst zu erreichen. Sorge um die Seele ist dabei vor allem ein reflexiver Sachverhalt, „eine seelische Tätigkeit, das Sich-Sorgen, Kümmern um etwas […], bezogen auf die Seele selbst“, erläutert Dr. Peter M. Steiner (Steiner, S.14). Dabei gehe es wohlgemerkt nicht um das negativ konnotierte „sich Sorgen machen“. Stattdessen stehe ein bestimmtes Verhältnis des Selbst zu seiner Seele im Vordergrund. Dabei bezieht sich die Sorge auf ein angestrebtes Ziel: das „Gute Leben“ (Steiner, S.15).
Das gute oder auch gelingende Leben wird, - sowohl individuell als auch kollektiv -, dann geführt, wenn jeder Bürger das Seine tut. und sich darum kümmert, was ihm obliegt.
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Dabei muss zuvor erkannt werden, was das jeweils Seinige und damit das Gute im Leben einer Person ist.
Das Glück jedes Einzelnen, und auch die Wohlfahrt des Staates hängen von der Fokussierung des Blickes und der Hingebung an den göttlichsten Teiles in uns, ab. Der göttliche Teil der Seele, die Vernunft, ist demzufolge der Wegweiser unseres Handelns. „Lässt man die Tugend beiseite, so ist Unheil die sichere Folge“, mahnt Sokrates (135a). Das Wohl des Einzelnen sowie die Wohlfahrt des Staates hängen davon ab, mittels der Vernunft nach Tugend und Tüchtigkeit zu streben (135b). Nicht also dem Leib oder gar äußeren Gütern solle die Fürsorge gelten, sondern zuallererst der Seele.
Die Vernunft - als Herrscher der Seele - und die Einsicht in das Gute, sind die Bedingungen gemäßigten Handelns. Die Vernunftherrschaft ist demnach ein Ziel der Selbsterkenntnis und die Voraussetzung für die Gerechtigkeit und Besonnenheit eines Menschen. Diese Tugenden gilt es auszubilden, bevor auch die Führung von anderen Menschen übernommen werden kann. „Wer selbst noch keine Tugenden hat, dem ist es besser regiert zu werden als zu regieren“ (vgl. 135b; Kutschera, S.258). Dies ist es, was der ältere Mann dem Heranwachsenden mit auf seinen Lebensweg geben wollte.
6. Der weitere politische Weg des Feldherrn und Staatsmanns
Darüber zu spekulieren inwieweit die sokratische Philosophie Alkibiades geprägt haben mag, sei dem interessierten Leser ans Herz gelegt. Hier möchte ich nur kurz die Entwicklung von Alkibiades darstellen, soweit die erwähnten Historiker es anhand der gesammelten biografischen Daten zulassen.
Seine politische Laufbahn lässt sich in drei Stadien gliedern. In der ersten Phase entfaltet er seine charismatische Art und sein diplomatisches Geschick. Dadurch gewinnt er in und außerhalb Athens eine gewaltige Macht. In dieser Zeit 421-415 v.Chr. übt er einen ungemein bedeutenden Einfluss auf die Schicksale Griechenlands in der Zeit nach dem Frieden des Nikias aus (vgl. Hertzberg, S.30). 415 v.Chr. ist Alkibiades ein Hauptbefürworter der unheilvollen Sizilischen Expedition. Sokrates war offenkundig einer der Skeptiker dieses Feldzuges. Doch die Begeisterung der Athener für dieses Kriegsunternehmen gegen die Spartaner war groß und startete mit den kühnsten Plänen.
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Der Feldzug endete jedoch mit einer vernichtenden Niederlage für Athen (vgl. Hertzberg, S.51).
In Athen wurde Alkibiades von seinen politischen Gegnern, wohl zu Unrecht des Hermenfrevels angeklagt (Kutschera, II, S.59) und in seiner Abwesenheit zum Tode verurteilt, so dass er sich entehrt entschloss zu den Spartanern überzulaufen. Wandlungsfähig, wie er war, verbündete und feierte er mit deren Anführern und lieferte ihnen wohl brisante Informationen aus seiner Vaterstadt. Damit schlug er seiner Heimatstadt tödliche Wunden, während über ihm noch das Damoklesschwert der Todesstrafe hing. Der Verräter machte sich aber auch in Sparta mächtige Feinde, nachdem er die Frau des Königs verführte. Wiederrum flieht er, diesmal nach Persien. Auch dort passt er sich den dort herrschenden üppigen Lebensverhältnissen an. In diesen Jahren von 415-411 irrte Alkibiades haltlos umher, wie Odysseus, und schmiedete Pläne gegen seine jeweiligen Gegner (vgl. Hertzberg, S.51). Schließlich schafft er es, begünstigt durch chaotische Parteienkämpfe in Athen (Kutschera, II, S.59), zurück an die Spitze der demokratischen Streitkräfte Athens zu treten. In den folgenden vier Jahren von 411-407 v.Chr. führt er Herr und Flotte der Athener von Sieg zu Sieg, und kehrt mit Ehren und Beute beladen triumphierend in seine Heimatstadt zurück. Neue Pläne, neue Hoffnungen erfüllen seine Brust (vgl. Hertzberg, S.51). Doch auf dem Höhepunkt seiner Macht bereiten ihm heimische Gegner einen Sturz, von dem er sich nicht zu erholen weiß. Wer der Sonne zu nahe kommt, dem verbrennen die Flügel, wie Ikarus.
Nach Ende des Krieges floh Alkibiades 404 v.Chr. zu dem persischen Statthalter (Satrapen) Pharnabazos, der ihn auf Wunsch Spartas im selben Jahr ermorden ließ (Kutschera, II, S.59). Und als heimatlosen Flüchtling sehen wir Alkibiades, des Kleinias Sohn, im Folgenden „in einem phrygischen Landstädtchen die düstere Tragödie seines vielbewegten Lebens beschließen“ (Hertzberg, S.51). Cornelius Nepos schildert das Drama des Todes von Alkibiades am dichtesten: Der etwa 40-Jährige nächtigte im Beisammensein seiner Frau Hipparete [Ἱππαρέτη], diewie gewöhnlich - bei ihm schlief. Doch als er in jener Nacht vom Geprassel der Flammen aufgeschreckt wurde und seinen Dolch ergriff, gelang es ihm nur knapp seinem in Brand gesetzten Hause zu entkommen. Als ihn die Barbaren jedoch der Feuerbrunst entronnen sahen, schossen sie aus der Ferne mit Pfeilen auf den, den sie sich in einem offenen
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Handgemenge nicht zu überwältigen trauten. Die Geschosse durchbohrten seinen Körper und die feigen Mörder brachten seinen abgetrennten Kopf zu dem persischen Statthalter Pharnabazos (den er 410/11 v.Chr. bei Abydos besiegt hat) - so wie dieser es befahl -, während die Flammen schließlich seinen - mit dem Gewand seiner Frau überdeckten -Leichnam verzehrten. Auf diese Weise soll dem Bericht von Nepos zu Folge einer der begehrtesten und einflussreichsten Bürger des antiken Griechenlands gestorben sein -Alkibiades [Ἀλκιβιάδης] (vgl. Nepos, S.5 f.).
7. Der Alkibiades-Teil im Symposion
Neben den Fakten der Historiker liegt auch ein ausdrucksstarkes lyrisches Bild seines widersprüchlichen Charakters vor. Die Ambivalenz die Alkibiades in Bezug auf die Beziehung zu Sokrates verspürt, kommt im Symposion [Συμπόσιον] in glänzender Weise zum Vorschein. In ihm lässt Platon [Πλάτων] - literarisch brillant - die Stimmung des Gastmahles wieder lebendig werden. 10 In der Rede von Alkibiades schildert Platon die Persönlichkeit von Sokrates und seine Wirkung auf die Menschen, während zugleich auch sein eigener Charakter glänzend von Platon stilisiert dargestellt wird. Weil das reale Fest um 416 v.Chr. stattgefunden haben soll, liegen die dramatischen Ereignisse seines Schicksales noch vor ihm und Platon schildert ihn noch unberührt vom Kommenden 11 (Kutschera, II, S. 59).
Angesichts des Preises, den der junge Tragödiendichter Agathon [Άγαθων] - er ist um 440 v.Chr. geboren - während der Lenäen 416 v. Chr. errungen hat, versammeln sich seine Freunde - wie am Vorabend, an dem ebenfalls Agathons Triumph begossen wurdezum Feiern. Die anwesenden Gäste 12 , darunter Phaidros [Φαῖδρος] und Eryximachos [Ἐρυξιμάχῳἢ], Pausanias [Παυσανίας], Aristodemos [Άριστόδημος], Aristophanes [Ἀριστοφάνης] und Sokrates [Σωκράτης] (vgl. Symposion, 218a-b), haben in der erotisch aufgeladenen Atmosphäre des Gastmahls, bereits mehrere Lobreden auf die Liebe zur Wahrheit und zum Schönen - personifiziert in Eros [Ἔρως] - gehalten. Da pocht der trunkene Alkibiades - gestützt von seinen Saufkumpanen und
10 Das reale Gastmahl muss vor oder um 400 v.Chr. stattgefunden haben, weil Sokrates noch daran teilnahm. Platon schrieb das Symposion einige Jahre später, vermutlich um 385 oder 380 v.Chr.. Also schildert er die fiktive Rahmenhandlung mit zeitlicher Distanz, in einer „undefinierbaren Zwischenschicht zwischen Fiktion und Realität“ (Kutschera, II, S.46).
11 So wie Alkibiades im Symposion auftritt, kann er nur vor der sizilischen Katastrophe erscheinen.
12 „Alle Akteure sind historische Persönlichkeiten, die meisten von ihnen waren zu der Zeit, als Platon den Dialog schrieb, aber schon tot“ (Kutschera, II, S.46).
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Flötenspielerinnen - an die Tür. Sie werden von dem Gastgeber Agathon hereingebeten. Um in den Genuss weiteren Weines zu kommen wird Alkibiades aufgefordert, wie die anderen Gäste auch eine Rede über diesen Daimon [δαίμων], diesem Mittler zwischen Menschen und Göttern (Symp., 202e), zu halten. Durch die Vorredner wurde Eros bereits als höchste Form der Liebe [αγάπη], der Liebe zur Weisheit [Σοφία], ausgezeichnet. Sie gelangen durch die Rede des Sokrates, der diese auf die Schilderung vom Stufenweg der Erkenntnis, den er von der Seherin Diotima [Διοτίμα] aus Mantinea einst geschildert bekommen haben soll, zur Erkenntnis, dass das ewig Schöne und Göttliche eines Menschen in seiner Seele zu finden ist, während das Begehren schöner Leiber bloß eine Zwischenstufe auf dem Weg zur Erkenntnis des unvergänglich Schönen sei. Als Alkibiades Sokrates erblickt erschrickt er und nicht zuletzt darin zeigt sich das spannungsvolle Verhältnis zwischen den Beiden. Alkibiades möchte anstelle von Eros Sokrates preisen und die Wahrheit über dessen „Unmöglichkeit“ erzählen. Das Leitthema seiner Rede ist folglich Sokrates.
Am Beginn vergleicht er ihn mit einem Silen (216a ff.), mit einer jener Skulpturen, die von außen einen hässlichen Silen zeigen; innen aber, wenn man sie aufklappt, Götterbilder enthalten (Kutschera, II, S. 59). Weiterhin vergleicht er ihn mit dem Satyr Marsyas, der die Menschen durch sein Flötenspiel zutiefst zu bewegen wusste. Sokrates übertreffe ihn sogar darin, dass er dazu nicht einmal ein Instrument bräuchte. Er zeige den Menschen, in welch miserablem Zustand sie sich befinden und beunruhige sie, indem er bei ihnen den Stachel der Philosophie hinterlässt und dieser in ihnen weiterwirkt. Bisweilen sei Alkibiades so erschüttert gewesen, „dass ich glaubte, nicht so weiterleben zu können, wenn ich bliebe wie ich war“ (216a). Denn obwohl ihm noch vieles zu wirklicher Tüchtigkeit fehlte, kümmerte er sich nun schon einige Zeit um die öffentlichen Angelegenheiten (Kutschera, II, S.60). Dabei ließ der Selbstverliebte sich, wie Sokrates es bereits vierzehn Jahre zuvor im dargestellten Dialog befürchtete, immer wieder von der öffentlichen Anerkennung verführen und eiferte Macht sowie materiellem Genuss nach. Sokrates treibe Spott mit den Leuten, weil er so tue, als sei er der Liebhaber vieler Knaben und Jünglinge, obwohl ihm dies rein gar nichts bedeute (216d), behauptet der betrunkene Alkibiades. Er berichtet weiterhin von seinen Versuchen Sokrates zu verführen. Dabei wird die Schmach, die er dabei erlebte zwar offensichtlich, doch seines trunkenen Zustands wegen, erzählt Alkibiades ausführlich von der hochnotpeinlichen Begebenheit die sich einige Jahre zuvor ereignete. Damals suchte Alkibiades einen
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geistigen Führer und erhoffte sich, von Sokrates all seine göttlichen Erkenntnisse zu erfahren, wenn er sich dem älteren Mann gefällig erweise. Doch trotz zahlreicher Versuche blieb Sokrates von der äußerlichen Schönheit des Alkibiades mit viel Energie stets unberührt und er demütigte ihn sogar. Als Alkibiades in den Armen seines Tisch-, Ring-, und Zeitgenossen lag, erklärte Sokrates ihm, dass Alkibiades noch viel zu jung sei, für das, was er sich von der Hingabe an ihn letztlich erhoffe, nämlich die Vermittlung tieferer Einsichten. Denn „das Auge des Geistes beginnt erst, scharf zu sehen, wenn das leibliche Auge schon an Schärfe verliert“ (219a; vgl. Kutschera, II, S. 60) und davon sei er noch weit entfernt. So erhob Alkibiades sich, nachdem er mit Sokrates das Nachtlager geteilt hatte, als wenn er „beim Vater oder älteren Bruder geschlafen hätte“ (Symposion, 219d). So entpuppt sich Sokrates, der vermeintliche Liebhaber, als der Geliebte und die Ausgangskonstellation kehrt sich um (Zehnpfennig, S.157). Scheinbar Liebhaber, ist er doch in Wirklichkeit der Geliebte (222b).
Im Übrigen täusche Sokrates die Menschen, fährt Alkibiades fort, wenn er behaupte, nichts zu wissen. In seinem Inneren nämlich hätte er Erkenntnisse die Götterbildern ähneln (hier kommt wieder das Bild vom Silen zum Vorschein). Auch von der gemeinsamen Zeit beim Militär berichtet Alkibiades. Er leistete zusammen mit Sokrates Kriegsdienst bei Potideiea, wo dieser den verwundeten Alkibiades rettete; und er berichtet vom Rückzug bei Delion (424), wo Sokrates so entschlossen wirkte, dass die Feinde einen großen Bogen um ihn machten. In diesem Kontext erinnert er auch daran, wie Sokrates einmal 24 Stunden unbewegt am selben Fleck stand, weil er über etwas nachdachte. Das Bild des in Gedanken versunkenen Sokrates, das hier geschildert wird, entspricht wohl auch der genuinen Eigenart des historischen Philosophen, denn Platon stellt dies sowohl an den Anfang (174d-175c) als auch an das Ende des Symposion (220a-221d).
Zum Schluss kommt Alkibiades auf den Vergleich mit dem Silen zurück: Auch die Reden von Sokrates seien von außen betrachtet, immer dasselbe sagend, daherkommend mit lächerlichen Beispielen von Gerbern und Schmieden; innen aber sind sie voll tiefem Sinn und allem zugewandt, was man überlegen muss, wenn man gut und edel werden will (221e-222a; vgl. Kutschera, II, S.61).
Kurz nach seiner Rede trat ein neuer Schwarm von Zechern ein und das Fest ging im Weine unter, berichtet Aristodemos. Die Gäste gingen nach Hause oder schliefen ein, bis auf Sokrates, der die Nacht mit philosophischen Gesprächen zubrachte, die er mit einigen
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Ausgeschlafenen hielt. Gegen morgen brach er auf, um ein Bad zu nehmen. Erst gegen Abend habe auch er sich nach Hause zur Ruhe begeben (223d).
8. Schluss
“Erkenne dich selbst!” hieß wohl in der Antike insbesondere “Erkenne, dass du nur ein Mensch bist, und erkenne die überlegende Macht und das größere Recht der Götter an!“ (gegen die damals verbreitete Hybris). Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, lässt sich die sokratische Forderung als: „Schätze deine Fähigkeiten realistisch ein!“ deuten. Hierbei wird die platonische bzw. die von Sokrates vermittelte Ethik geschickt mit der Politik verknüpft. Denn insbesondere die Politiker müssen sich an gerechten und nachvollziehbaren Leitlinien orientieren und den Verführungen der Macht widerstehen können, nicht nur damals, sondern auch heute. Alkibiades allerdings neigte zum Hochmut und zur Selbstüberschätzung. So ließ er sich immer wieder vom Strudel des materiellen Genusses umspülen und verfiel der politischen Grundsatzlosigkeit. So ist er einer geworden, dem man nicht trauen kann und schließlich bezahlte er dafür mit seinem Leben.
Dem gewaltsamen Tode ging jedoch ein außergewöhnliches Leben voran. Er übte einen gewaltigen Einfluss auf die öffentliche Meinung und die damaligen politischen Weltverhältnisse aus. Sowohl als strategischer Berater als auch als militärischer Befehlshaber kommt das diplomatische Geschick dieser imposanten Persönlichkeit immer wieder zum Vorschein.
Der sokratische Einfluss, der in jungen Jahren auf ihn einwirkte hat bei Alkibiades sicherlich tiefe Spuren hinterlassen und ihn maßgeblich beeinflusst. Dies wird in seiner Rede über den wahren, „inkarnierten Eros“ (Zehnpfennig, S.157), über Sokrates offenkundig. Allerdings erscheinen seine Taten im Lichte der angestrebten Tugendhaftigkeit, die Alkibiades am Ende des Großen Alkibiades verspricht alles andere als gerecht und besonnen. Insofern ist Sokrates daran gescheitert, Alkibiades auf den Pfad der Selbsterkenntnis zu geleiten. Die Frage, die im Dialog Alkibiades I von Sokrates aufgeworfen wird, ob Selbsterkenntnis leicht zu erwerben oder nicht jedermanns Sache sei, muss also zu Gunsten der letzteren Option beantwortet werden. Natürlich folgt daraus keine Mitschuld der sokratischen Philosophie der Selbstbildung für den anschließenden Lebensweg des Heimatlosen. Die kontemplative Ausrichtung an der
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Vernunft ist eben eine Haltung, die nur wenigen gebührt. Dem Einzigen, dem dies vollständig gelungen zu sein scheint, ist Sokrates, der äußerlich Eros ähnelt und ebenso von der Liebe zur Wahrheit getrieben wird. Er erscheint als ein „Virtuose der Selbstbeherrschung“, der sein sexuelles Begehren kontrolliert (217a-219d), der im Krieg mühelos allerlei Entbehrungen erträgt, bei eisigem Frost barfuß geht, sowie Alkibiades auf einem Feldzug das Leben rettet, während alle anderen in panischer Angst fliehen (vgl. Kniest, S.77).
Ganz anders der tyrannisch auftretende Alkibiades vor der Zeit des sizilischen Feldzuges, die schweren Frevel, die ihm zur Last gelegt werden, seine verräterische Flucht nach Sparta und sein mehrjähriges Wüten gegen das eigene Vaterland, das alles mochte vielen Athenern als die Frucht sokratischer Philosophie gegolten haben. Dabei darf nicht übersehen werden, dass Sokrates in einer wichtigen Zeit seines Lebens, die geistige Führerschaft angeboten hat, die Alkibiades bei Zeiten in Tränen suchte. Doch die schwere Aufgabe der Selbstsorges, die durch Sokrates auf seinen Schultern lastete, warf er ab und wandte sich, nachdem er mächtigen Einfluss gewonnen hatte, der Auslebung seiner Selbstsucht zu. Nach Jahren der Machtausübung treffen sich die Beiden dann während des Gastmahles wieder, an dem Alkibiades so berührend seine Beziehung zu Sokrates schildert.
So das schöne Verhältnis Sokrates und seinem Schüler; nicht unähnlich, dem zwischen Vater und Sohn und doch mit aller Freiheit der Freundschaft. Und so kann auch die Erinnerung an Alkibiades und Sokrates den vielberühmten Männerfreundschaften der Geschichte zugerechnet werden.
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Literaturverzeichnis:
Durant, Will, „The Story of Philosophy“, 1926, New York, deutsch: “Die großen Denker” Mit einem Vorwort v. Hans Driesch u. Orell Füssli, o.J., Zürich.
Hertzberg, Gustav Friedrich, „Alkibiades - Der Staatsmann und Feldherr“, Pfeffer-Verlag, , 1853, Halle.
Kniest, Christoph, „Sokrates zur Einführung“, Junius Verlag, 2003, Hamburg.
Kutschera, Franz v., „Platons Philosophie II - Die mittleren Dialoge“, 2002, Paderborn.
Kutschera, Franz v., „Platons Philosophie III - Die mittleren Dialoge“, 2002, Paderborn.
Nepos, Cornelius „Sechs Lebensbilder : Themistokles, Alkibiades, Dion, Epaminondas, Hannibal, Atticus“, Leibniz-Verlag, 1947, München.
Reichenbach, Roland, „Philosophie der Erziehung und Bildung - Eine Einführung“, 2007, Stuttgart.
Wolf, Ursula (Hrsg.), „Sämtliche Werke - Band 2 - Lysis, Symposion, Phaidon, Kleitophon, Politeia, Phaidros“, 31.Auflage, 2006, Hamburg.
Zehnpfennig, Barbara, „Platon zur Einführung“, 1997, Hamburg.
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Arbeit zitieren:
Benjamin Löbel, 2007, Was bedeutet „Fürsorge für uns selbst“?, München, GRIN Verlag GmbH
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