Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Aufbau des Trainingsprogramms. 4
3. Modul I - Riechen. 6
3.1. Physiologische Grundlagen. 6
3.2. Themenvorschläge 7
3.2.1. Gerüche raten 7
3.2.2. Geruchsmemory 7
3.2.3. Gerüche und Erinnerung 8
3.2.4. Wie riecht was? 9
4. Modul II - Hören 10
4.1. Physiologische Grundlagen. 10
4.2. Themenvorschläge 11
4.2.1. Geräusche raten. 11
4.2.2. Musikstücke erraten 11
4.2.3. Verhörer 12
5. Modul III - Sehen 13
5.1. Physiologische Grundlagen. 13
5.2. Themenvorschläge 14
5.2.1. Optische Täuschungen 14
5.2.2. Zaubertricks 14
5.2.3. Suchbilder 15
5.2.4. Bilder, Erinnerungen und Emotionen 15
6. Modul IV - Schmecken 17
6.1. Physiologische Grundlagen. 17
6.2. Themenvorschläge 18
6.2.1. Echter Geschmack und künstliche Aromen 18
6.2.2. Wie schmeckt was? 18
7. Modul V - Tasten 19
7.1. Physiologische Grundlagen. 19
7.2. Themenvorschläge 20
7.2.1. Gegenstände raten I. 20
7.2.2. Gegenstände raten II 20
7.2.3. Gegenstände raten III 21
8. Evaluation 22
Literatur. 23
Zum Autor. 24
2
1. Einleitung
Die Welt mit seinen Sinnen bewusst zu genießen, ist eine Fähigkeit, die uns im Alltag leider viel zu oft verloren geht. Die Hektik einer sich ständig beschleunigenden Welt führt dazu, dass wir in einer Gesellschaft leben, die unter Reizüberflutung leidet. Kinofilme leben von immer schnelleren Szenenwechseln, bei der Nahrungsaufnahme dominiert Fastfood und selbst bei der Partnersuche hält das Speeddating Einzug. Geschwindigkeit bestimmt unser Leben und treibt uns vorwärts, während das bewusste Erleben des Moments verloren geht. Aber wenn schon wir unsere Fähigkeit des „Sich-Zeit-Nehmens“ verloren haben, wie viel schwerer mag es da Menschen treffen, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben?
Hier setzt unser Sinnestraining an, welches auf der „Kleinen Schule des Genießens“ (Koppenhöfer & Lutz, 1984) und seiner Neuauflage (Koppenhöfer, 2004) basiert. Auch wir verfolgen mit unserem Programm das Ziel, dass unsere Patienten ihre Umwelt bewusster Genießen, sehen aber zudem Spaß als einen wichtigen Bestandteil unseres Konzeptes an. Wir wollen die Aufmerksamkeit unserer Patienten nicht nur bewusst auf ihrer Sinne lenken, sondern diese auch mit verblüffenden Phänomenen begeistern. Eine gelungene Gruppenstunde ist für uns, wenn die Patienten nach der Stunde noch über das Erlebte diskutieren. Wir erwarten nicht, dass unser Training den entscheidenden Beitrag zur Gesundung unserer Patienten leistet. Unser Anspruch ist, dass die Patienten vom Klinikalltag, der eher auf ihre Störungen fixiert ist, eine kurze Auszeit nehmen können; das sie für eine Stunde zusammensitzen und nicht über Krankheit reden, sondern z.B. diskutieren, was genau bei einer optischen Täuschung zu sehen ist und wie diese vielleicht zustande kommt. Gerade diese „Auszeit“ von der Krankheit sowie das Wiederentdecken von Freude und Humor führen bei den Patienten zu einer Verbesserung ihrer Stimmung, die dann indirekt mit zur Gesundung beiträgt. Sie sollen unabhängig von Ihrer Krankheit eigene Ressourcen erkennen und lernen, dass sie auch mit ihrer Krankheit einen wertvollen Beitrag zur Gemeinschaft leisten können.
3
2. Aufbau des Trainingsprogramms
Das Training besteht aus einem modularen System, welches die 5 Sinne des Menschen (Riechen, Hören, Sehen, Schmecken, Fühlen) bearbeitet. Ziel ist es, die Patienten dazu zu motivieren, bewusster auf die Sinneseindrücke in ihrer Umwelt zu achten und ihr Leben ein stückweit bewusster zu genießen. Im Programm selbst soll die Eigeninitiative der Patienten gefördert werden. Daher gibt es keine vorgegebene Modulabfolge, sondern die Patienten bestimmen das Thema der nächsten Stunde eigenständig durch Mehrheitsentscheid. Einzig die Grundstruktur der einzelnen Sitzungen ist vorgegeben (vgl. Tabelle 1).
Tabelle 1: Aufbau einer Trainingsstunde (60 Minuten)
4
Jede Stunde beginnt mit einer kurzen Begrüßungsrunde, in der jeder sagt, wie es ihm im Moment geht. Am Ende dieser Begrüßungsrunde steht das Wiederholen der folgenden Genussregeln (Koppenhöfer, 2004, S. 25): 1. Genuss braucht Zeit 2. Genuss muss erlaubt sein 3. Genuss geht nicht nebenbei 4. Genuss ist Geschmackssache 5. Weniger ist mehr 6. Ohne Erfahrung kein Genuss 7. Genuss ist alltäglich
Zudem sollen die Patienten zu jeder Stunde Materialien mitbringen, die zur letzten Stunde passen und berichten, warum sie gerade diese mitgebracht haben. Dies gewährleistet, dass sich die Patienten mit den Erfahrungen aus der Gruppenstunde bewusst auseinandersetzen.
Die Vorstellung der Materialien erfolgt nach dem Ende der Begrüßungsrunde. Jeder Patient darf etwas mitbringen, jedoch wird niemand dazu gezwungen. Gerade wenn eine Gruppe neu gestartet wurde, bringen Patienten selten Materialien von Zuhause mit. Hat sich die Gruppe jedoch erst einmal etabliert und haben die Gruppenteilnehmer erlebt, dass das Mitbringen von Materialien bei den anderen auf positive Resonanz stößt, steigt die Zahl der Patienten, die Materialien mitbringen stetig an. Dabei ist es unerheblich, dass gerade im teilstationären Kontext, in dem dieses Programm entwickelt wurde, die Patienten in der Gruppe häufig wechseln. Die Neuzugänge werden von den „Altmitgliedern“ meist gut aufgenommen und gewöhnen sich so schneller in die Gruppe ein. In der zweiten Hälfte der Gruppenstunde wird ein neuer Sinnesbereich vorgestellt. Gerade beim Vorstellen der physiologischen Grundlagen des Sinnesbereichs ist es nicht Ziel, detaillierte Informationen zu vermitteln. Meist ist es für die Patienten interessanter, einen Grobüberblick zu bekommen und auf Kuriositäten (z.B. Blinder Fleck beim Auge) kennenzulernen. Wir wollen Interesse wecken und keine Biologen ausbilden.
Nach der Vermittlung der physiologischen Grundlagen wird den Patienten der Sinn anhand verschiedener Sinnesübungen nähergebracht. Dabei sollte man durchaus Kreativität walten lassen. Die Übungen, die in den nachfolgenden Kapiteln vorgestellt werden, sind nur als Beispielzusammenstellung. Bauen Sie kleine Highlights in die Übungen ein. Denken Sie daran, dass es um Genuss geht. Ein gutes Essen wird ja auch nicht nur nach Rezept gekocht und dann auf den Teller geworfen, sondern verfeinert und garniert.
Die Gruppenstunde schließt mit einer Rückmelderunde ab. Die Patienten geben eine kurze Rückmeldung wie es ihnen nach der Gruppenstunde geht und können hier auch eigene Ideen für künftige Sinnesübungen vorschlagen. Zudem wird über das Thema der nächsten Gruppenstunde abgestimmt.
5
3. Modul I - Riechen
3.1. Physiologische Grundlagen
Über den Geruchssinn analysiert der Mensch seine Umwelt in vielfältiger Weise. Der Geruchssinn beeinflusst dabei sogar unsere Gefühlswelt und unser Sozialverhalten. Nicht umsonst gibt es den Ausspruch „Ich kann jemanden nicht riechen!“.
Beim Riechen werden kleine flüchtige Moleküle von den Riechzellen unseres Riechepithels wahrgenommen. Der Mensch verfügt über 10 Millionen Riechzellen und kann mit seinem Gesuchssinn 10 18 verschiedene Duftstoffe auseinanderhalten. Dabei nehmen wir jedoch nicht das individuelle Molekül als Einheit war, sondern das Zusammenspiel der unterschiedlichen Moleküle erweckt in uns einen Sinneseindruck. Wir nehmen zum Beispiel nicht die ca. 20 verschiedenen Duftstoffe eines guten Kaffees isoliert wahr, sondern kreieren aus diesem Zusammenspiel der Duftstoffe den Sinneseindruck „Kaffeeduft“. Eine wichtige Funktion des Geruchssinns ist die Warnung vor toxischen Substanzen. Denn gerade für diese sind wir besonders empfindlich. So löst der Geruch von Schwefelwasserstoff in uns direkt ein Gefühl des Ekels aus, was auch sinnvoll ist, da dieser Stoff in der Natur ein Produkt von Fäulnisprozessen ist. So beschreiben viele auch den Geruch von Schwefelwasserstoff als Geruch von „faulen Eiern“.
Doch auch andere emotionale Inhalte oder Erinnerungen können durch den Geruchssinn ausgelöst werden. So denken viele beim Geruch von „4711 Kölnisch Wasser“ sofort an den Kirchenbesuch in der Kindheit oder beim Geruch von Zimt an das Plätzchenbacken zur Weihnachtszeit.
6
3.2. Themenvorschläge
3.2.1. Gerüche raten
Material: Filmdöschen (oder kleine Gläschen mit Schraubverschluss, da das Plastik
der Filmdöschen einen Eigengeruch besitzt), Watte (oder ein kleines Stück Baumwollgewebe, da auch Watte einen wahrnehmbaren Eigengeruch besitzt), Gewürze, Duftöle oder sonstige geruchsintensive Substanzen Vorbereitung: Eine kleine Menge der geruchsintensiven Substanz wird im
Filmdöschen (oder kleinen Gläschen) gelagert und mit Watte (oder Baumwollgewebe) bedeckt. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass keine parfümierte Watte verwendet wird, da diese die spätere Sinneserfahrung erschwert oder gar unmöglich macht. Die Watte dient alleine dazu, den Blick auf das geruchsintensive Material zu versperren und es so unmöglich zu machen, dieses alleine am Aussehen zu erkennen. Die Filmdöschen sollten mit einer Nummer versehen werden und auf einer Liste notiert werden welche Substanz in welchem Döschen lagert. Durchführung: Die Filmdöschen werden einzeln und nacheinander im Stuhlkreis
herumgereicht. Jeder öffnet das Filmdöschen und riecht daran. Er macht sich Gedanken darüber, welche Substanz sich im Döschen befindet. Dabei gibt er noch keine Tipps ab, sondern reicht das Döschen zum nächsten Patienten weiter.
Wenn das Döschen einmal die Runde im Stuhlkreis gemacht hat, raten die Patienten, welche Substanz sich im Döschen befindet, bzw. wenn sie den Geruch nicht zuordnen können, woher sie den Geruch kennen. Nachdem jeder seinen Tipp abgegeben hat, wird aufgeklärt, welche Substanz sich im Filmdöschen befindet. Jedem Patienten steht es frei, nochmals am Döschen zu riechen oder etwas zu dem Geruch zu sagen (z.B. ob er bestimmte Erinnerungen mit dem Geruch verbindet - „Riecht wie das Parfüm meiner Frau.“…).
Wenn keine Patienten mehr Anmerkungen zum Geruch haben, wird das nächste Filmdöschen mit einem neuen Duft herumgereicht und die Prozedur wiederholt sich.
3.2.2. Geruchsmemory
Material: Filmdöschen, Watte, Gewürze, Duftöle oder sonstige geruchsintensive
Vorbereitung: Wie bei der Übung „Gerüche raten“ werden die Filmdosen präpariert.
Nun müssen jedoch für jeden Geruch 2 Filmdosen vorliegen. Jede Filmdose soll mit einer Nummer codiert sein, wobei die Zuordnung der Gerüche zu den nummerierten Dosen zufällig sein soll, da ansonsten die Zuordnung der Duftspaare alleine über die Nummerierung möglich wäre.
7
Hinweis: Diese Übung eignet sich erfahrungsgemäß eher für kleinere Gruppen von
Durchführung: Bei dieser Übung werden die einzelnen Filmdosen auf einen Tisch
gestellt. Die Teilnehmer der Übung platzieren sich um den Tisch herum. Anders als beim normalen Memory werden hier zuerst von einem Teilnehmer zwei Dosen ausgewählt. Er riecht an der ersten Dose und gibt sie den anderen Teilnehmern, so dass auch diese an der Dose riechen können. Dann wird ebenso mit der zweiten Dose verfahren. Nachdem alle an den Döschen gerochen haben, werden die Teilnehmer gefragt, ob sie der Meinung sind, dass die Gerüche gleich sind oder sich unterscheiden. Sind sie gleich, so werden die Duftproben aus dem Spiel genommen, wenn nicht, so werden sie zurückgelegt. Dann nimmt der nächste Teilnehmer ein Döschen, riecht daran und gibt es durch die Runde. Die Runde entscheidet dann, ob dies ein neuer Geruch ist, oder dieser Geruch bereits in einem anderen Döschen vorhanden war. Sollte dies der Fall gewesen sein, so wird dieses zweite Döschen ausgewählt und das Geruchspaar miteinander verglichen. Handelt es sich wirklich um ein Geruchspaar, so wird auch dieses aus dem Spiel genommen, wenn nicht, so wird es zurück an seinen alten Platz gestellt.
So wird immer weiter verfahren, bis alle Duftpaare korrekt zugeordnet sind. Ob alle Düfte korrekt zugeordnet wurden, lässt sich über die Codierung der Döschen feststellen. Sollten Fehler bei der Zuordnung von Duftspaaren stattgefunden haben, lohnt es sich, sich mit diesem Paar intensiver in der Runde zu beschäftigen und zu überlegen, wie es zu dieser Fehlzuordnung kam (z.B. Warum ähneln sich die Düfte so?; Wo gibt es doch kleine Unterschiede in den Düften?)
3.2.3. Gerüche und Erinnerung
Material: Filmdöschen, Watte, markante Duftstoffe
Vorbereitung: Wie bei der Übung „Gerüche raten“ werden die Filmdosen präpariert.
Dabei sollten Duftstoffe gewählt werden, mit welchen man selbst typische Erinnerungen verbindet, denn meist sind es gerade diese Düfte, mit denen Andere auch ähnliche Gerüche verbinden.
Durchführung: Bei dieser Übung werden wiederum in einer Filmdose oder in einem
kleinen Glasfläschchen Duftstoffe auf Watte oder einem Baumwollgewebe aufgebracht. Diesmal sollten Duftstoffe gewählt werden, mit denen man typische Erinnerungen verbindet (z.B. „4711 Kölnisch Wasser“ mit Kirchenbesuch, Zimt mit Weihnachtsplätzchen, …). Die Duftproben werden im Kreis herumgereicht und jeder Teilnehmer darf daran riechen. Dann können die Teilnehmer Erinnerungen berichten, die sie mit diesem Duft verbinden. Ziel ist es hierbei zum einen für die Verknüpfung von Geruch und Gedächtnis zu sensibilisieren und zudem
8
darzustellen, dass viele der typischen Verknüpfungen eines Dufts mit einer Erinnerung von den anderen Patienten geteilt werden. Nach der eigentlichen Geruchsübung bietet sich eine Diskussion darüber an, ob es noch andere Gerüche, außer den bereits erlebten, gibt, mit denen von den Teilnehmern Erinnerungen verbunden werden.
3.2.4. Wie riecht was?
Material: -keins- (Anschauungsbeispiele jedoch möglich)
Vorbereitung: Diese Übung kann als reine Imaginationsübung durchgeführt werden,
jedoch kann es auch sinnvoll sein manche Duftbeispiele als reales Anschauungsmaterial vor Ort zu haben, um so die Imaginationen des Dufts mit der Realität zu vergleichen.
Hinweise: Diese Übung bietet sich besonders in Gruppen an, die bereits
Erfahrungen mit Imaginationsübungen haben. Da die Übung Ruhe und Konzentration benötigt, ist sie nicht für jede Gruppenzusammensetzung geeignet. So wird sich z.B. ein Patient in einer manischen Phase kaum auf eine intensive Imaginationsübung einlassen können. Anders als bei praktischen Sinnesübungen wird über die Durchführung einer Imaginationsübung nicht in einem Abstimmungsverfahren entschieden, sondern eine Imaginationsübung wird nur durchgeführt, wenn alle Teilnehmer der Runde sich darauf einlasse können und wollen. Es bietet sich an die Anzahl der Imaginationsübungen auf 1 bis 2 zu begrenzen, da die Übungen an sich eine gewisse Konzentriertheit erfordern.
Für eine Imaginationsübung sollte im Gruppenraum eine ruhige und entspannte Atmosphäre herrschen. Störende Außeneinflüsse sollten im Rahmen der Möglichkeiten ausgeschaltet werden und ein weiches Licht den Raum durchfluten.
Durchführung: Die Teilnehmer sitzen mit geschlossenen Augen im Stuhlkreis und
ihnen wird eine kleine Geschichte vorgelesen, die sie sich dann lebhaft vorstellen sollen (z.B. eine Wanderung über eine Sommerwiese nach einem Regenschauer). Nach Abschluss der Imaginationsübung werden die Teilnehmer gebeten zu beschreiben, wie Regen riecht und ob sie sich diesen typischen Geruch vorstellen konnten.
9
4. Modul II - Hören
4.1. Physiologische Grundlagen
Wenn wir an Hören denken, dann kommt uns direkt das Ohr in den Sinn. Dabei verbinden viele Menschen mit dem Ohr das Außenohr mit seiner Ohrmuschel als das Sinnesorgan des Hörens. Dabei hat das Außenohr mit der Ohrmuschel selbst für das Hören keine notwendige Funktion. Es dient einzig der Weiterleitung der Schallwellen ins Innenohr, wo der eigentliche Vorgang des Hörens stattfindet und erhöht in einem geringen Rahmen die Sensibilität für hohe Frequenzen. Das Mittelohr umfasst das Trommelfell und einen kleinen luftgefüllten Raum, in dem die kleinsten Knochen unseres Körpers liegen (Hammer, Amboss und Steigbügel), die die Schallwellen vom Trommelfell zum Innenohr übertragen. Der Steigbügel ist dabei mit einer Länge von 2,6 - 3,4 Millimetern und einem Gewicht von 2 - 4,3 Milligramm der kleinste Knochen.
Das Innenohr umfasst die Schnecke, das wie ein Schneckenhaus gewundene flüssigkeitsgefüllte Hörorgan. In diesem sind 20.000 Haarzellen über die gesamte Oberfläche verteilt und leiten Schwingungen an den Hörnerv weiter. Dabei können Frequenzen von 16 bis 20.000 Hertz vom Menschen wahrgenommen werden, während ein Hund zum Beispiel Frequenzen von 15 bis 40.000 Hertz wahrnehmen kann und eine Fledermaus sogar Frequenzen von 2.000 bis 150.000 Hertz. Besonders sensibel ist das menschliche Gehör für Frequenzen von 3.000 Hertz, die besonders in Babygeschrei stark vertreten sind. Zudem liegt die Lautstärke eines Gesprächs zwischen Erwachsenen meist bei ca. 60 Dezibel, während es Babygeschrei mühelos auf 90 Dezibel bringen kann.
Die Anzahl der Haarzellen des Ohres ist über das ganze Leben hinweg konstant. Bei sehr lauten Geräuschen (z.B. laute Musik aus dem MP3-Player) können einzelne Haarzellen geschädigt werden. Bei ausreichend Ruhepausen regenerieren sich diese wieder, bei wiederholter Schädigung durch laute Geräusche sterben sie jedoch unwiederbringlich ab. Man kann dies mit einer Wiese vergleichen, über die man geht. Gräser werden durch den Druck der Füße abgeknickt, richten sich jedoch nach einiger Zeit wieder auf. Läuft man jedoch ständig über denselben Weg einer Wiese, so sterben dort die Gräser ab und zurück bleibt nur der nackte Boden. Beim Gehör führt eine andauernde Schädigung der Haarzellen auch zu einem Absterben und zu Lärmschwerhörigkeit führen.
10
4.2. Themenvorschläge
4.2.1. Geräusche raten
Material: CD mit verschiedenen Geräusche
Vorbereitung: Im Internet finden sich Datenbanken mit verschiedenen Geräuschen,
die dort kostenlos im mp3-Format heruntergeladen werden können (z.B. www.tonarchiv.de).
Durchführung: Den Patienten werden die kurzen Sounddateien mit den
Geräuschen einzeln vorgespielt. Beim Zuhören sollen die Patienten darauf achten, ob sie das Geräusch kennen und vielleicht sogar benennen können, was zu hören ist. Reihum raten die Patienten, welches Geräusch sie gerade gehört haben.
Wenn alle Patienten einen Tipp zum Geräusch abgegeben haben, soll die Gruppe überlegen, welcher Tipp am ehesten zutrifft. Die Gruppe kann sich das Geräusch, wenn sie will, auch mehrmals anhören. Wenn die Gruppe sich auf einen Vorschlag geeinigt hat, wird aufgelöst, um welches Geräusch es sich gehandelt hat. Dann folgt das nächste Geräusch.
4.2.2. Musikstücke erraten
Material: CD mit verschiedenen Musikstücken
Vorbereitung: Auf einer CD werden die verschiedenste Musikstücke gespeichert.
Hierbei sollte ein möglichst weites Spektrum an Musik abgedeckt werden. Hinweis: Es geht nicht darum, dass jeder in der Gruppe jedes Stück mag, sondern
dass die Gruppenteilnehmer erleben, wie die verschiedensten Musikstücke auf sie wirken.
„Genuss ist Geschmackssache“ ist eine der Genussregeln und nirgendwo wird dies deutlicher als beim Musikstücke erraten, wo der eine Heavy Metal sofort als Gekreische abtut, während der nächste vom Klang der Musik schwärmt.
Durchführung: Den Patienten werden kurze Ausschnitte aus Musikstücken
vorgespielt. Sie sollen überlegen, ob sie das Musikstück erkennen. Vielleicht sogar den Titel oder Interpreten benennen können. Zudem können bestimmte Erinnerungen, die sie berichten, mit dem Musikstück verbinden (z.B. Musikstück lief, als ich meinen jetzigen Mann in der Disko kennenlernte).
11
4.2.3. Verhörer
Material: CD mit Musikstücken, in denen Verhörer vorkommen
Vorbereitung: Auf einer CD werden Musikstücke gespeichert, in denen Verhörer vorkommen. Eine Quelle für solche Stücke ist z.B. das Buch „Der weiße Neger Wumbaba“ (Hacke & Sowa, 2005). Auch im Internet findet man reichhaltige Informationen zu diesem Thema und auch die Originaltexte der Lieder sowie die Verhörer.
Durchführung: Den Patienten wird vor dem Anhören des Stückes gesagt, welchen Text man als Verhörer dort wahrnehmen kann. Dann wird ihnen das Stück vorgespielt. Im Anschluss diskutieren die Gruppenteilnehmer darüber, ob sie den „falschen“ Text des Verhörers wahrgenommen haben oder den Originaltext erkannt haben.
12
5. Modul III - Sehen
5.1. Physiologische Grundlagen
Für den Menschen stellt das Auge eines der wichtigsten Sinnesorgane unseres Körpers dar, denn wir nehmen ca. 80 Prozent aller Informationen über unsere Umwelt mittels des Sehens wahr. Ca. 50 Milliarden Nervenzellen und damit etwa die Hälfte aller Nervenzellen in unserem Gehirn sind ständig mit der Verarbeitung der vom Auge gelieferten Sinneseindrücke beschäftigt. Der Mensch nimmt elektromagnetische Strahlung im Wellenlängenbereich von 380 bis 780 nm wahr und kann damit ungefähr 150 verschiedene Farbtöne unterscheiden sowie aus diesen ungefähr 500.000 Farbempfindungen kombinieren. Unser Auge besteht aus einer flüssigkeitsgefüllten Hohlkugel mit einem Gewicht von 7,5 g und einem Durchmesser von 2,3 cm. Das Auge ist von einer Lederhaut umhüllt, die es schützt. An der Augenvorderseite wird die Lederhaut durch eine durchsichtige Hornhaut unterbrochen. Licht durchdringt die Hornhaut und wird durch die Augenlinse ins Innere des Auges geleitet. Der Lichteinfall wird dabei durch die Iris reguliert. Durch die Veränderung der Iris wird die Pupille bei schwachem Lichteinfall größer und bei starkem Lichteinfall kleiner. Dieses Phänomen kann man sehr gut beobachten, wenn man sich im dunklen Badezimmer vor den Spiegel stellt und dann das Licht anschaltet. Man nimmt wahr, wie sich die Pupille beim Aufflammen des Lichts sofort beginnt zusammenzuziehen.
Das Licht trifft im hinteren Teil des Auges auf die Netzhaut, auf der sich ungefähr 130 Millionen lichtempfindliche Sinneszellen befinden. Diese werden unterteilt in Stäbchen, welche für die Wahrnehmung der Helligkeit sensibel sind und somit nur ein Schwarz-Weiß-Bild liefern und Zapfen, welche die Farben grün, rot und blau wahrnehmen. Nur 5 Prozent der Sinneszellen der Netzhaut sind Zapfen. Die Stäbchen sind ungefähr 1.000mal empfindlicher als Zapfen und nehmen selbst sehr schwaches Licht wahr. Da bei sehr schwachem Licht jedoch nur die Stäbchen aktiv sind und diese nur Schwarz-Weiß-Bilder liefern sehen wir in der Dämmerung nur Grautöne - oder wie der Volksmund sagt: „Nachts sind alle Katzen grau!“. Die Stelle des schärfsten Sehens ist die Fovea centralis, die Sehgrube, dort befinden sich auf einer Fläche von einem Quadratmillimeter mehr als 140.000 Sinneszellen.
13
5.2. Themenvorschläge
5.2.1. Optische Täuschungen
Material: Sammlung von optischen Täuschungen, eventuell Beamer und Laptop
Vorbereitung: Eine Sammlung von optischen Täuschungen erstellen und
Informationen über die physiologischen Hintergründe der Täuschung suchen. Patienten sind oft sehr interessiert daran zu erfahren, wie die Täuschungen zustande kommen.
Durchführung: Die optischen Täuschungen werden im Stuhlkreis entweder einzeln
herumgereicht oder bei entsprechender Ausstattung via Notebook und Beamer für alle sichtbar an die Wand projiziert. Jeder Patient sagt, was er dort sieht und welche ungewöhnlichen Beobachtungen er beim Betrachten des Bildes gemacht hat.
Nachdem jeder seine Erfahrungen berichtet hat, wird aufgeklärt, worin die optische Täuschung bestand. Bei der Verwendung eines Beamers wird die Täuschung anhand des projizierten Bildes erklärt, ansonsten muss das Bild nochmals durch die Runde gegeben werden. Dabei sollten die Patienten raten, wie die Täuschung zustande kommt.
Es folgt eine Aufklärung über die physiologischen Hintergründe der optischen Täuschung. Dann wird das nächste Bild der Gruppe präsentiert.
5.2.2. Zaubertricks
Material: variiert
Vorbereitung: Eine Weiterentwicklung des Themas „Optische Täuschungen“. Dieses Thema ist zwar ziemlich arbeitsintensiv, da der Therapeut verschiedene Zaubertricks erlernen muss, aber dies gehört auch zu den Themen, welche die beste Resonanz erzielen
Durchführung: Den Patienten werden verschiedene Zaubertricks vorgeführt. Sie beobachten aufmerksam den Ablauf des Tricks und sollen erraten, wie er funktioniert.
Zudem werden die Patienten gefragt, ob sie ähnliche Tricks kennen und vielleicht sogar den einen oder anderen Trick vorführen können. Die Patienten werden zudem motiviert, zur nächsten Stunde selbst Tricks vorzubereiten und diese zu zeigen.
14
5.2.3. Suchbilder
Material: Sammlung von Suchbildern, Beamer und Laptop
Vorbereitung: Es bietet sich bei dieser Übung an, verschiedene Suchbilder in eine Präsentation einzubauen, die dann per Beamer an die Wand projiziert wird. Dies ermöglicht es allen Teilnehmern der Gruppe gleichzeitig mitzuraten. Durchführung: Die Suchbilder werden via Beamer an die Wand projiziert. Die Patienten versuchen dann, die Unterschiede in den Bildern zu finden. Es hat sich gezeigt, dass es günstig ist, die Anzahl der zu findenden Unterschiede einzublenden. Dies erhöht die Dynamik in der Gruppe, da die Gruppe gemeinsam auf das Ziel, alle Unterschiede zu finden hinarbeitet. Wichtig ist, dass Bilder mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden verwendet werden. Die Variation des Schwierigkeitsgrads soll dazu führen, dass keine Patienten kontinuierlich über- oder unterfordert werden.
5.2.4. Bilder, Erinnerungen und Emotionen
Material: Sammlung von Bildern
Vorbereitung: Verschiedene Bilder werden aus Zeitschriften oder dem Internet zusammengesucht und auf Pappe aufgeklebt. Die Bilder sollten eine Maximalgröße von 10 x 10 cm aufweisen. Zudem hat es sich als günstig erwiesen, wenn alle Bilder gleich groß sind. Zwar ist dies nicht unbedingt notwendig, aber erfahrungsgemäß werden in Gruppen bei Bildern mit unterschiedlicher Größe zuerst die großen Bilder gewählt, während die kleinen Bilder kaum Beachtung finden.
Durchführung: Die Bilder werden auf dem Boden verteilt und die Patienten können sich die verschiedenen Bilder in den ersten 10 Minuten in Ruhe anschauen und sich ein Bild aussuchen, mit welchem sie positive Erinnerungen verbinden oder welches positive Emotionen in ihnen auslöst. Nach 10 Minuten wird dann in der Runde die Möglichkeit gegeben, sein Bild vorzustellen. Hierbei soll darüber berichtet werden warum man gerade dieses Bild gewählt hat und was man mit diesem Bild verbindet. Wie bei ähnlichen Übungen auch, muss niemand etwas zu seinem Bild sagen.
Nachdem eine Person ihr Bild vorgestellt hat, dürfen die anderen Patienten auch etwas zu dem Bild sagen, wenn sie eigene Erinnerungen oder Emotionen mit dem Bild verbinden.
Wichtig ist bei dieser Übung, dass die Patienten dazu angehalten werden Bilder zu wählen, mit denen sie positive Emotionen verbinden. Gerade bei Patienten mit einer eher hysterischen Persönlichkeitsstruktur besteht die Gefahr, dass sie Bilder wählen, die sie nutzen können, um durch dramatische Geschichten die Aufmerksamkeit der Gruppe auf sich zu
15
ziehen (z.B. Patientin wählt das Bild eines Segelschiffes auf dem Meer und kommt über den Mast des Schiffes, der sie an die Stange beim Tabledance erinnert, zum Bericht über den Missbrauch durch ihren Vater, der ja auch oft in Tabledance-Bars war).
16
6. Modul IV - Schmecken
6.1. Physiologische Grundlagen
Unsere Zunge wird bei Jugendlichen von 8.000 Geschmacksknospen bedeckt, welche fünf verschiedene Geschmacksrichtungen wahrnehmen können. Diese Geschmacksrichtungen sind süß, sauer, salzig, bitter und umami. Mit zunehmendem Alter sinkt die Zahl der Geschmacksknospen, so dass Erwachsene nur noch über ca. die Hälfte der Geschmacksknospen verfügen, so dass sie z.B. süß nicht mehr so intensiv wahrnehmen, wie Kinder und Jugendliche. Geschmacksknospen haben eine Lebensdauer von nur 5 bis 20 Stunden und werden nach dieser Zeit erneuert.
Während die ersten vier Geschmacksrichtungen jedem bekannt sind, ist umami der Geschmack von Glutamat, der meist als pikant oder würzig beschrieben wird. Die Geschmacksknospen sind auf der Zunge in verschiedenen Bereichen angeordnet, welche sensibel für einen spezifischen Geschmack sind. In der Abbildung 3 werden für die vier bekanntesten Geschmacksrichtungen die sensiblen Bereiche auf der Zunge markiert.
Jede der vier Geschmacksrichtungen hat dabei eine spezifische Funktion, die früher unser Überleben gesichert hat. Der Geschmack salzig ließ uns Mineralien wahrnehmen, die für unseren Körperstoffwechsel überlebensnotwendig sind. Der Geschmack sauer warnt uns z.B. vor unreifem Obst oder verdorbener Nahrung. Der Geschmack süß weist uns auf Kohlehydrate als wichtigste Energielieferanten des Körpers hin und der Geschmack bitter weist normalerweise auf ungenießbare Lebensmittel hin.
Wir können uns jedoch auch über diese Funktionen des Geschmacks hinwegsetzen. So lehnen Kinder z.B. noch Lebensmittel mit Bitterstoffen ab, da bei ihnen noch die angeborene Bedeutung der Warnung vor Ungenießbarem greift. Bei Erwachsenen kann jedoch bitterer Geschmack durchaus als etwas Positives empfunden werden - z.B. wenn man ein Glas Bitterlemon trinkt. Scharf ist übrigens kein Geschmack, sondern ein Hitze- oder Schmerzreiz, der z.B. bei Chilischoten durch den Wirkstoff Capsaicin, einem Alkaloid, hervorgerufen wird. Es muss aber nicht immer die Zunge sein, mit der Geschmack wahrgenommen wird. Schmetterlinge haben z. B. Geschmacksrezeptoren an ihren Füßen, so dass sie beim Landen auf einer Blüte sofort deren Geschmack und ihre Nahrungstauglichkeit überprüfen können.
17
6.2. Themenvorschläge
6.2.1. Echter Geschmack und künstliche Aromen
Material: benötigt werden natürliche Substanzen (z.B. Ananas oder Pfirsich) und
deren künstliche Gegenstücke (z.B. Gummibärchen mit Ananasgeschmack oder Pfirsicheistee)
Vorbereitung: Es sollten kleine Proben der natürlichen Substanzen und deren
künstlichen Gegenstücke vorbereitet werden. Es genügen kleine Mengen, da sich die Patienten nur auf den Geschmack der natürlichen und künstlichen Substanz vergleichen sollen. Es bieten sich auch an etwas klares Wasser und Gläser bereitzuhalten, so dass man zwischen den Durchgängen den Geschmack neutralisieren kann.
Durchführung: Den Patienten wird eine Probe gezeigt und sie werden gebeten zu
beschreiben, wie diese wohl schmecken würde (z.B. Wie schmeckt Ananas?). Dann probieren die Teilnehmer zuerst ein echtes Ananasstück und dann werden ihnen Vergleichsproben gereicht, die auch nach Ananas schmecken sollten (z.B. Dosenananas oder Gummibärchen mit Ananasgeschmack). Die Patienten sollen vergleichen, ob diese unterschiedlichen Proben wirklich ähnlich schmecken oder ob z.B. der Geschmack von Gummibärchen mit Ananasgeschmack sich grundlegend vom Geschmack echter Ananas unterscheidet.
6.2.2. Wie schmeckt was?
Material: kleine Anschauungsbeispiele
Vorbereitung: Passend zur Imaginationsübung werden entsprechende
Durchführung: In einer Imaginationsübung wird den Patienten suggeriert, dass sie
eine bestimmte Substanz probieren. Sie sollen im Anschluss schildern, ob sie während der Imaginationsübung eine Idee davon erhalten haben, wie diese Substanz schmeckt. Dann wird ihnen die Geschmacksprobe zum Vergleich gereicht.
Besprochen wird, ob der während der Imaginationsübung aus der Erinnerung rekonstruierte Geschmack mit dem realen Geschmack deckungsgleich war oder ob Unterschiede bestanden. Sollten Unterschiede bestanden haben, so wird diskutiert wie diese zustande gekommen sein könnten. Z.B. kann jemand der Pfirsichgeschmack nur von Pfirsischeistee kennt eine komplett falsche Vorstellung entwickeln, wie ein natürlicher Pfirsich schmeckt. In diesem Fall wird während der Imaginationsübung der Eindruck erweckt, als ob ein Pfirsich eine extreme Süße besitze, welche mit der natürlichen Süße eines Pfirsichs nicht übereinstimmt.
18
7. Modul V - Tasten
7.1. Physiologische Grundlagen
Unser Körper ist mit ca. 1,5 bis 2 Quadratmetern Haut bedeckt, welche ein Gewicht von ca. 3 bis zu maximal 10 kg haben kann. Sie versetzt uns in die Lage Berührung, Druck, Spannung und Temperatur wahrzunehmen. Aufgrund des Tastsinns können wir vielfältige Informationen über einen Gegenstand erfassen. Wir können alleine durch Tasten einen Eindruck seiner Größe, seiner Form, seines Gewichts und seiner Oberfläche erhalten.
Die Vater-Pacinischen Körperchen übermitteln uns Informationen über großflächige Berührungen, während die Merkelschen Tastzellen auf genau lokalisierte Berührungen reagieren. Die Merkelschen Tastzellen sind besonders sensibel an unserer Zungen- und Fingerspitze, wo wir zwei gleichzeitige Berührungen in einer Entfernung von 1,1 bzw. 2,5 mm noch als zwei Einzelberührungen wahrnehmen können. Auf der Oberarmmitte werden zwei gleichzeitige Berührungen erst ab einer Entfernung von 76,7 mm als zwei Einzelberührungen wahrgenommen. Liegen die Berührungen näher beieinander, so werden sie nur als eine Berührung wahrgenommen.
Für die Empfindung von Wärme verfügen wir über die Ruffinischen Endbüschel, von denen wir etwa 25.000 besitzen. Kälte nehmen wir durch die Krauseschen Endkolben wahr, von denen wir etwa 250.000 besitzen.
Auf einem Quadratzentimeter Haut können sich bis zu 170 Schmerzrezeptoren, bis zu 100 Druckrezeptoren, bis zu 15 Thermorezeptoren und bis zu 2 Dehnungsrezeptoren befinden.
19
7.2. Themenvorschläge
7.2.1. Gegenstände raten I
Material: eine Kiste mit einer Greiföffnung an der Vorderseite und einer Klappe an
der Rückseite; verschiedene Gegenstände zum Ertasten
Vorbereitung: Es wird eine Kiste vorbereitet werden, an deren Vorderseite sich ein
Loch befindet, durch das man in den Innenraum greifen kann. Das Loch sollte mit Tuch verhangen sein, so dass man nicht ins Innere der Kisten schauen kann. An der Rückseite befindet sich eine Klappe, durch die man kleine Gegenstände ins Innere der Kiste legen kann.
Durchführung: In der Kiste wird ein Gegenstand deponiert. Einer der Patienten
greift durch die Öffnung ins Innere der Kiste und beschreibt dann, wie sich der Gegenstand anfüllt. Er darf dabei nur Eigenschaften des Gegenstands benennen aber keine Funktionen oder gar den Namen des Gegenstands. Die Patienten sollen aufgrund der Beschreibung erraten, um welchen Gegenstand es sich handeln könnte.
Z.B. wird im Inneren der Kiste ein Vorhängeschloss deponiert. Der Patient beschreibt dieses als kühlen, wahrscheinlich metallischen Gegenstand, der schnell beim Betasten Körperwärme annimmt. Der untere Teil des Gegenstands besteht aus einem kleinen Quader mit einer Höhe von ca. 2 bis 3 cm, einer Breite von ca. ½ cm und einer Länge von ca. 4 cm. An der oberen Fläche des Quaders ist eine gebogene ca. ½ cm starke Metallstange angebracht, die auf der linken Seite der Oberfläche beginnt und sich bis zur rechten Seite spannt. In der Mitte am Punkt der stärksten Biegung ist der Abstand vom Bogen zum Quader ca. 3 cm. An der Unterseite befindet sich in der Mitte der Fläche eine kreisförmige Vertiefung, durch die ein Schlitz läuft.
Es bietet sich an, den anderen Patienten Papier und Stifte auszuhändigen, so dass sie aufschreiben oder aufmalen können, was sie gerade beschrieben bekommen haben. Nach Beendigung der Beschreibung können alle raten, um welchen Gegenstand es sich handelt oder anhand von Zeichnungen zeigen, wie sie ihn sich vorstellen.
7.2.2. Gegenstände raten II
Material: kleine Säckchen; verschiedene Gegenstände zum Ertasten
Vorbereitung: Es werden verschiedene Gegenstände in kleinen Säckchen
deponiert. Die Säckchen sollten groß genug sein, dass man hineingreifen und die dort deponierten Gegenstände erfühlen kann. Durchführung: Die Säckchen werden im Kreis herumgereicht. Die Teilnehmer
können entscheiden, ob sie in das Säckchen hineingreifen wollen, oder,
20
wenn sie sich davor scheuen, versuchen durch den Stoff des Säckchens hindurch den Gegenstand zu erfühlen (was natürlich um einiges schwieriger ist, da keine Details wahrgenommen werden können und auch die Oberflächenbeschaffenheit nicht erfühlt werden kann). Nachdem der Inhalt eines Säckchens von jedem Patienten einmal befühlt wurde, darf jeder Teilnehmer einen Tipp abgeben, was sich im Säckchen befindet. Die Antworten werden miteinander verglichen und besonders interessant ist, wie der einzelne Patient zu seinem Tipp gekommen ist (z.B. aufgrund des Materials des Gegenstandes oder eines typischen Merkmals seiner Oberfläche). Am Ende der Übung wird der Gegenstand allen Teilnehmern präsentiert, man spricht über seine Eigenschaften und welche dieser Eigenschaften von den Patienten korrekt erkannt wurden. Dann wird das nächste Säckchen herumgereicht.
7.2.3. Gegenstände raten III
Material: kleine Säckchen; verschiedene Gegenstände zum Ertasten
Vorbereitung: Es werden verschiedene Gegenstände in kleine Säckchen
Durchführung: Die Übung ähnelt der Übung „Gegenstände raten II“, nur dass hier
der Schwierigkeitsgrad höher ist, da nur die Form der Gegenstände ertastet werden kann, während die Struktur der Gegenstände nicht mehr wahrnehmbar ist, da sie in den Säckchen eingenäht sind.
21
8. Evaluation
Bisher liegen nur Daten zur Zufriedenheit der Gruppenteilnehmer mit der Genussgruppe vor (Hölzel, 2009).
In unserer ersten Evaluation zeigte sich bei den Patienten eine signifikante Verbesserung der Stimmung vor der Gruppenstunde im Vergleich zu nach der Gruppenstunde (t(df=69)=5,224; p<0,01).
Als positiv empfanden die Teilnehmer die Sinnesübungen (45,7 %), die gute Gruppenatmosphäre (21,4 %), den Humor in der Gruppe (14,3 %) und die Informationen über Wahrnehmungsprozesse (8,6 %). Im Hinblick auf negative Erfahrungen in der Genussgruppe gaben 2,9 % der Patienten an, dass die Sinnesübungen ihnen eigene Defizite deutlich gemacht haben (z.B. der depressive Patient, der aufgrund von Konzentrationsstörungen der Übung Suchbilder nicht folgen kann und gleichzeitig weiß, dass er eigentlich dazu in der Lage sein müsste). Dies zeigt, dass es wichtig ist, das Material für die Übungen so zu wählen, dass die Teilnehmer weder über- noch unterfordert werden.
Ein zweiter Kritikpunkt bezog sich auf störende Außengeräuschen, die besonders beim Themenbereich Hören als unangenehm empfunden wurden (7,1 %). Günstig wäre für die Gruppenstunde ein Raum, der etwas abgelegen vom Stationsalltag ist. In unserer Tagesklinik liegt der Gruppenraum in unmittelbarer Nähe zur Patientenküche, was dazu führt, dass man während der Genussgruppe die normalen Geräusche des Stationsalltags als Hintergrundgeräusche wahrnimmt. Gerade bei Übungen, die ein aufmerksames zuhören erfordern, stellen diese Hintergrundgeräusche einen großen Störfaktor dar.
22
Literatur
Hacke, A. und Sowa, M. (2005): Der weiße Neger Wumbaba - Kleines Handbuch des Verhörens. München: Kunstmann.
Hölzel, H. (2009): Genuss- und Sinnestraining in der (teil)stationären psychiatrischen Behandlung. Psych. Pflege Heute. 15: 28-30. Stuttgart: Thieme. Koppenhöfer, E. (2004): Kleine Schule des Genießens -Ein
verhaltenstherapeutisch orientierter Behandlungsansatz zum Aufbau positiven Erlebens und Handelns. Lengerich: Pabst Science Publishers Lutz, R. (1996): Euthyme Therapie. In: Margraf, J. (Hrsg.). Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Berlin: Springer.
Lutz, R. und Koppenhöfer, E. (1983): Kleine Schule des Genießens. In: Lutz R. (Hrsg.). Genuss und Genießen. Weinheim: Beltz.
23
Zum Autor
Heiko Herbert Hölzel ist Fachpsychologe für klinische Psychologie und Psychotherapie sowie Gesundheitspsychologie.
Er promovierte 2006 an der Universität des Philosophen Konstantin in Nitra (Slowakei) mit einer Arbeit zum Übersichtsarbeit zur Philosophie des Suizids und den Behandlungsmöglichkeiten suizidaler Patienten zum Doktor der Philosophie (PHDr). 2009 folgte eine Promotion zum Doktor der Humanbiologie (Dr. biol. hum.) an der Universität Ulm mit einer Arbeit über die Ausbildungsbedingungen der Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.
Aktuell ist er in einer Tagesklinik für Psychiatrie und Psychotherapie als klinischer Psychologe tätig.
Bitte des Autors
Sie halten hier ein kleines Handbuch in den Händen, welches Sie kostenfrei aus dem Internet bezogen haben. Vielleicht haben Ihnen die Übungen gefallen und Sie wollen eine ähnliche Gruppe selbst durchführen. Dabei werden Ihnen womöglich Ideen zu neuen Übungen kommen. Für jegliche Hinweise zur Weiterentwicklung dieses kleinen Handbuchs wäre ich Ihnen dankbar.
Sie können mir Verbesserungsvorschläge, Anmerkungen,… über folgende Email-Adresse zukommen lassen: heikohoelzel@web.de.
Nur durch Ihre Mithilfe ist es möglich dieses kostenfreie Handbuch weiter auszuarbeiten.
24
Arbeit zitieren:
Heiko Herbert Hölzel, 2010, Die Welt bewusster erleben, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Was bedeutet „Fürsorge für uns selbst“?
Die sokratische Selbstbildung ...
Philosophie - Philosophie der Antike
Seminararbeit, 22 Seiten
Das Leben eines frühkindlichen-autistischen Kindes und die Therapiemög...
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Facharbeit (Schule), 17 Seiten
Wovon reden wir, wenn wir von ...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
"Bloß" Aristoteliker? Kritische Untersuchung der Aristoteles...
Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Charisma in der Fundamentalismusstudie von Martin Riesebrodt
Hausarbeit, 13 Seiten
Schizophrenie - Chancen und Risiken einer medikamentösen Behandlung
Facharbeit Biologie
Facharbeit (Schule), 23 Seiten
Heiko Herbert Hölzel hat den Text Die Welt bewusster erleben veröffentlicht
Heiko Herbert Hölzel hat einen neuen Text hochgeladen
Eine Jahreszeit mit allen Sinnen erleben - im Sommer
Die Natur erleben, kochen und ...
Claire Singer
Zur therapeutischen Relevanz d...
Christiane Neuen, Ingrid Riedel, Hans-Georg Wiedemann
0 Kommentare