Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Überblick der Familiensituation aus der Arbeitsmigration
in der BRD 8
2.1 Zur Erklärung und Eingrenzung thematisch relevanter
Fachtermini 8
2.2 Die Entwicklung der Einwanderung von Arbeitern in
der BRD 10
2.3 Die aktuelle Situation von Arbeitsmigranten und deren
Familien im sozialen Gefüge der BRD 14
2.3.1 Soziales Milieu: Wohnumfeld 14
2.3.2 Arbeitslosigkeit 17
2.3.3 Einfluss der Migration auf die Familienstruktur 20
2.4 Ein Leben zwischen zwei Kulturen 22
2.4.1 Bestimmung des Kulturbegriffs 22
2.4.2 Die kulturelle Situation der Familien von Arbeits-
migranten am Beispiel der türkischen Familie 25
2.4.3 Der Islam als soziale Stütze in einem christlichen
Deutschland 26
2.4.4 Zur Rollenverteilung in einer türkischen Familie 31
2.4.5 Die Probleme türkischer Familien in der Migrationssi-
tuation 34
2.4.6 Die Funktion der Religion des Islam im christlichen
Deutschland 36
2.5 Das Paradigma Islam 40
2.5.1 Zum Bewegungsverhalten junger islamischer Mäd-
chen 40
2.5.2 Das äußeres Erscheinungsbild einer Muslima 41
2.5.3 Zur Stellung der Frau bzw. des Mannes im Islam 43
2.5.4 Zur Vereinbarkeit des Islam mit dem Sport in der
westlichen Welt 45
2.6 Zusammenfassung des ersten Kapitels 47
3. Das Dilemma zwischen zwei Kulturen 49
3.1 Der Sozialisationsbegriff 49
3.1.1 Zur Sozialisation der Familien mit Migrationshin-
tergrund 49
1
3.2 Die wichtigsten Erziehungsvorstellungen türkischer
51 Eltern 3.2.1 Respekt und Gehorsam 53 3.2.2 Religiosität 55
3.2.3 Lernen und Leistung in der Schule 56
3.2.4 Geschlechtsspezifische Erziehung der Mädchen 57
3.2.5 Geschlechtsspezifische Erziehung der Söhne 58
3.2.6 Sexualität als Thema in der türkischen Familie 58
3.3 Zusammenfassung des zweiten Kapitels 61
4. Zum Freizeitbegriff und Freizeitverhalten türkischer
Mädchen 62
4.1 Die Bedeutung des Freizeitbegriffes für türkische Fami-
lien 62
4.2 Die Freizeitgestaltung der Kinder und Jugendlichen von
Migranten
4.3 Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Freizeit-
64 aktivitäten türkischer Mädchen
5. Mögliche Problemfelder und Konfliktsituationen im schu-
65 lischen Sportunterricht
5.1 Zu den Vorschriften in der Körperkultur des Islam für
Mann und Frau 66
5.1.1 Das Problem der Partnerübungen im Sportunterricht 68
5.1.2 Problemfeld Schwimmunterricht für islamisch soziali-
68 sierte Mädchen
5.2 Hinterfragung der Integration durch den Schulsport
für Muslima 5.2.1 Zum Begriff der Integration 69
5.2.2 Sport als Integrationsdeterminante 72
5.2.3 Integration durch den Schulsport 73
6. Erhebung 75
6.1 Methodologie und Methodisches Vorgehen 75
6.2 Durchführung der Befragung 77
6.3 Auswertung des Fragebogens und Diskussion der Be-
79 funde
2
7. Allgemeine und spezielle Maßnahmen zur Bewältigung
von Konfliktsituationen und Problemfeldern im schuli-
schen Sport 89
7.1 Aspekte und Gedanken über den koedukativen Sport-
unterricht 89
7.2 Geschlechtertrennung als ausgewählte Maßnahme 90
7.3 Zur Kompetenz der Lehrkräfte 91
7.4 Zur Rolle der Sportvereine 92
8. Schlussbetrachtung 94
Literaturverzeichnis 96
Anhang 1: Erhebungsbogen 105
Anhang 2: Eidesstattliche Erklärung
3
1. Einleitung
Ereignisse, wie der 11. September, der Krieg gegen die Taliban in Afghanistan, die jahrelangen andauernden Ausschreitungen in Israel und Palästina, tragen und trugen dazu bei, dass der Islam - einer der drei größten Weltreligionen 1 - zum „Sündenbock“ des 21. Jahrhundert wurde. Auch in Deutschland ist das Bild des Islam - das zu Zeiten Goethe`s noch sehr positiv war 2 - durch sehr oft einseitig berichtende Medien negativ belastet. Diese Annahme geht aus einer Studie hervor, dessen Ergebnis von der Süddeutschen Zeitung als „ Umkehrung der Deutschen von den liberalen Werten“ betitelt wurde. Dazu befragt, äußerte sich Bundestagspräsident THIERSE von der SPD über die Befunde der Studie als „ ernüchternd und aufschreckend“. Politiker und Journalisten hätten „eine unaufgebbare Verantwortung dafür, wie über solche Gefährdeten Minderheiten geredet wird“. 3 Durch diese, zum Teil blinde und inkognitive Einstellung der Majorität in Deutschland gegenüber dem Islam - Ter-ror und Islam zu vereinen - werden in der BRD verschiedene Auslebungsweisen des Islam und die dazu gehörigen Minderheiten, vor allem die türkische Minderheit, um die geht es in dieser Arbeit, pauschal stigmatisiert. Vor allem wird der Islam an sich falsch interpretiert, schon gar nicht verstanden. Der Sufismus, um ein Beispiel zu nennen, ist ein den Massen unbekannter und friedlicher Weg des Islam. Deshalb sollte man nicht so pauschal den Islam verurteilen, da man nicht einzuschätzen vermag, was man mit der Pauschalisierung zu Nichte macht. Der Verband Der I slamischen Kulturzentren (VIKZ), - bei allgemeinen Fragen im Kontext des Islam eine gern aufgesuchte Adresse - die man als integrativ, weltoffen und tolerant einstufen kann, wird unbeachtet seiner Kompetenz in den Schatten der weltweiten Konflikte gestellt und nicht zur Kenntnis genommen. Eine noch wissenschaftlichere Auseinandersetzung und Wahrnehmung des Islam wäre angebrachter, zumal damit auch die
1 vgl.: Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (Hrsg) 1995, S. 1
2 Goethes Gedichte bezüglich des Islams sind gewisse Zeitzeugen des damaligen Re-
spekts und der Toleranz gegenüber der islamischen Religion. An dieser Stelle: „Wenn
Islam Ergebung In Gottes Willen Heisst, In Islam Leben Und Sterben Wir Alle“ . In:
Goethe: Gesammelte Werke. Geneva/Switzerland. 1994.
3 Studie des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt - und Gewaltforschung;
in: www.enfal.de/ak46.htm
4
islamischen Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland besser ver-standen werden könnten. Vor allem werden die Verhaltensweisen, Freizeit- und Sportverhalten in Schule und Sportverein türkischer Mädchen und damit verbunden, die Konfliktsituationen und Problemfelder analysiert - denen sie ausgesetzt sind - durch ein Fragebogen und Interview untersucht und schließlich nach Konsequenzen gesucht. Türkische Mädchen wurden bewusst ausgewählt, weil sie mit Abstand der größten Minderheitengruppe mit genau 1.947.938 Millionen in Deutschland angehören. 4
Durch die Migration kamen der Islam und die türkische Bevölkerung in die Bundesrepublik Deutschland, mit ihnen aber auch eine anders tradierte Kultur. All diese für die in Deutschland lebenden „Neuerscheinungen“ werden parallel mit der eigentlichen Thematik und für die Arbeit ernä hrend untersucht.
„Man rief Arbeitskräfte und es kamen Menschen“ 5 wie es MAX FRISCH auch einmal formulierte, weist deutlich auf die Problematik, mit der die Thematik dieser Arbeit eng zusammenhängt und die in ihr zur Geltung kommen wird. Die Migranten waren nicht nur Arbeiter, die nach Zahlen und Karteikarten sortiert werden konnten. Sie haben genauso wie die Einheimischen eine Lebenskultur, Religion und ein von Grund auf verschiedenes Paradigma, das sie mitgebracht haben. Die Kinder dieser Migrantenfamilien aus der Türkei - zum größten Teil mit islamischer Sozialisation - waren vor noch größere und komplexere Probleme gestellt, als Ihre Eltern. Sie hatten die Kluft zu überwinden, in zwei verschiedenen Kulturen aufzuwachsen und dennoch eine stabile Identität zu entwickeln. Für viele dieser Kinder und Jugendlichen - insbesondere der Mädchen mit Migrationshintergrund und islamischer Sozialisation -, gab es und gibt es immer noch Problemsituationen in Schule, Beruf, Familie und im Alltag. Diese Problems ituationen und Konfliktfelder, besonders im Sportunterricht, werden in dieser Arbeit primär behandelt und nach Lösungen für diese Problemsituationen gesucht.
4 siehe dazu: Statistische Bundesamt: Internetseite: link „Bevölkerung nach Nationalitä-
ten“. Vom 31.12.2002.
5 Zitiert nach: Lajios & Kiotsoukis 1984, S. 97
5
In Kapitel 1 wird die Historie der Migration den Ausgangspunkt der Analyse bilden, die ihre Entwicklung und aktuelle Situation in Deutschland berücksichtigt werden. Die Gegenwartslage von Arbeitsmigranten und deren Familien in Deutschland, das Leben eines Menschen - viel mehr eines Jugendlichen zwischen zwei Kulturen - dem Islam als Weltreligion, sollen weitere Abschnitte des ersten Teil der Arbeit gewidmet sein, die in dieser Arbeit als Voraussetzung und Vorkenntnisse der eigentlichen Thematik erklärt werden können. Denn ohne diesen historisch - sozialen Rückblick und die Einsicht in den Faktor Islam, kann man die Problemfelder und Konfliktsitua tionen, vor denen die jungen Mädchen gestellt werden, nicht erkennen und dementsprechend keine den Lebensumständen entsprechenden und akzeptablen Maßnahmen bzw. Lösungen zur Bewältigung dieser Probleme finden. Einblicke in die türkische Kultur, vor allem die Erziehungsvorstellungen türkischer Eltern, Begriffe wie Respekt, Gehorsam vor Allah und vor den Eltern, und die Einstellung der türkischen Eltern zur Bildung ihrer Kinder aus der Sicht des für sie heiligen Koran, werden weitere Unterpunkte in im zweiten Teil dieser Arbeit sein, die als Dilemma zwischen zwei Kulturen - nämlich der deutschen einheimischen und der türkischen häuslichen Kultur - benannt und bearbeitet werden. Anschließend wird im dritten Teil der Arbeit näher auf den Freizeitbegriff türkischer Migranten und dem daraus resultierenden Freizeitverhalten junger Türkinnen eingegangen. Teil 4 der Arbeit beschäftigt sich mit den Problemfeldern und Konfliktsituationen speziell im Sportunterricht, mit denen islamische Mädchen konfrontiert sind. Dabei wird auf die Berührungsvorschriften des Islam und den daraus resultierenden Problemen für weitere Sportveranstaltungen untersucht. In diesem Kapitel wird zugleich die Integrationsfunktion des Sportunterrichts und die Begriffen Integration und Assimilation berücksichtigt. Im fünften Teil der Arbeit soll anhand eines Fragebogens und in Form von Interviews kommt dem Fragebogen besondere Aufmerksamkeit zu, wobei die Schwierigkeiten bei der Befragung nicht außer acht gelassen werden. Das Ziel der Befragung und des Interviews ist es, die gesamte komplexe Lage der jungen Mädchen mit Migrationshintergrund besonders im Schul-sportunterricht klar dazustellen, um abschließend angemessene, die Le-
6
bensbedingungen und die Richtlinien des Schulsports berücksichtigende Maßnahmen für die Konflikt - und Problemsituationen zu finden. Jedoch soll die Befragung keine Repräsentativuntersuchung darstellen, sondern nur eine Tendenz aufweisen. Bei der Maßnahmenforschung in sechsten Teil der Arbeit wird nach allgemeinen und speziellen Maßnahmen zur Bewältigung der Konfliktsituationen und Problemfelder im Sportunterricht gesucht. In diesem Kapitel werden Ratschläge und Tipps, die aus der gesamten Untersuchung hervorgehen, in einer einfachen Sprache ohne weiterführende Literatur dargestellt, um dann in einer Schlussbetrachtung noch einmal persönliche Gedanken und eine persönliche Meinung zur Thematik wiederzugeben
7
2. Überblick der Familiensituation aus der Arbeitsmigration in der BRD
Wie schon in der Einleitung erwähnt, bedarf es zunächst einer differenzierten Betrachtung der politischen und sozialen Aspekte der Migration in ihrer geschichtlichen Dimension. Nur vor diesem Hintergrund ist es möglich, Konflikte und Probleme von türkischen Schülerinnen mit Migrationshintergrund im Schulalltag und besonders im Sportunterricht angemessen zu verstehen und zu bewerten. Durch die Migration, die ja in Deutschland seit über 40 Jahren besteht - bis zum Anwerbestop im Jahre 1973 - kamen nicht nur einfache Arbeiter aus überwiegend ländlichen und kulturell traditionell beeinflussten Gebieten der verschiedenen Anwerbestaaten, sondern diese Arbeiter brachten auch ihre eigenen Kulturen aus einem anderen Kulturkreis als dem mitteleuropäischen mit. Diese Kulturen wiesen von Grund auf verschieden Formen in der Art ihrer Auslebungsweisen, in ihren Werten und Normen auf. Durch diese, von mir so genannte, „Kulturmigration“ wurde der Weg für eine Vielzahl von gesellschaftlichen, beruflichen und schulischen Problem- und Konfliktfelder bereitet unter denen heute besonders junge türkische Mädchen leiden.
2.1 Zur Erklärung und Eingrenzung thematisch relevanter Fachtermini
Der Begriff „Migration“ bedeutet nach WENNING ganz allgemein eine Wanderung von Menschen sowohl im sozialen als auch im geographischen Raum. Eine Migration beinhaltet eine Verlagerung des Lebens der wandernden Menschen - Migranten - von einem Punkt A nach Punkt B, die zum Verlassen des sozialen Aktionsraumes führt 6 . Migrationsrelevante Gründe sind dabei zumeist: Armut, Arbeitslosigkeit oder politische Motivation (Unterdrückung / Verfolgung / Vertreibung). Zur einfachen Erklärung der Migration gibt es sehr viele Modelle, wie das sogenannte Push-Pull- Modell, dass der Migration einen bestimmten Grund zuschreibt, bzw. dass sie zur Verwirklichung eines Zwecks erfolgt. Das Push-Pull-Modell erklärt die Migration durch „abstoßende
6 Wenning 1996, S. 11 f.
8
Kräfte“ des Herkunftslandes, wie z.B. die Arbeitslosigkeit oder Armut, und „anziehende Kräfte“, wie Arbeitsplätze, finanzielle Absicherung, des Aufnahmelandes. Weiterhin kommt es dazu, dass Migration durch „intervenierende Hindernisse“ (z.B. Einwanderungsgesetze, f inanzielle Kosten) und durch „persönliche Faktoren“ (z.B. Alter, Familienstand) beeinträchtigt wird. 7
Man unterscheidet zwischen einer Binnenwanderung und der Ein- bzw. Auswand erung. Die Binnenwanderung ist eine Migration innerhalb des selben Landes - z.B. mussten alle türkischen Arbeitsmigranten zunächst nach Istanbul, um von dort aus nach Deutschland emigrieren zu können. Folglich enthalten eine Aus- bzw. Einwanderung eine Migration, die staatsgrenzenübergreifend ist.
Ein weiterer fundamentaler Begriff in der Migrationsthematik ist der Terminus Entsendeland, der für den Staat gebraucht wird, aus dem die Arbeitsmigranten kommen. Das Aufnahmeland hingegen ist das Land, das es den Migranten erlaubt, sich dort niederzulassen. Im Rahmen dieser Arbeit und Thematik ist Deutschland das Aufnahmeland und die Türkei das Land, aus dem die Eltern der Migrantenkinder stammen. Ein weiterer Terminus der einer Definition bedarf ist der der Arbeitsmigration: Dieser schließt die Gruppe ein, deren ursächliches Ziel der Migration die Hoffnung auf einen Arbeitsplatz und das damit verbundene finanziell bessere Leben im Aufnahmeland ist. Als Gastarbeiter werden diejenigen Migranten benannt, die in Folge der Anwerbeverträge in den 60er Jahren nach Deutschland eingewandert sind. Der Hauptgrund ihrer Migration war wie schon erwähnt, die Aussicht auf ein finanziell abgesichertes Leben. Sie hatten die Absicht, Geld in Deutschland zu verdienen, etwas zu sparen und mit den Ersparnissen wieder in die Heimat zurück zukehren. Dieses Geld sollte es ihnen dort ermöglichen z.B. ein Haus zu bauen oder Ackerland zu kaufen. All die finanziellen Erwartungen sind größtenteils Wirklichkeit geworden, jedoch wurde aus dem Pla n der Rückkehr in die Heimat eine Fiktion. Die Gastarbeiter, die nach Deutsch-land immigriert waren, haben ihre Staatsbürgerschaft beibehalten und zählten somit zu der Gruppe „Ausländer“ in Deutschland. Ausländer sind
7 vgl. Poschner 1996, S. 82
9
rechtlich gesehen keine Deutsche. Zu dieser Gruppe gehören u.a. die zu den verschiedensten Gruppen angehören können: Asylbewerber, illegale Einwanderer, Touristen, Austauschstudenten und Arbeitsmigranten und ihre Familien. 8
In dieser Arbeit wird der Begriff „Ausländer“ ausschließlich für die größte ausländische Gruppe gebraucht, die nur zu Arbeitszwecken nach Deutschland immigriert ist. Diese Gruppe wird wiederum unterteilt, da sich die ausländischen Gruppen im Hinblick auf ihre Religion, Kultur, Sprache und Nationalität unterscheiden. Die von der Gesamtzahl her größte Ausländer-Gruppe in Deutschland bildet die türkische Bevölkerung. Man muss jedoch sich im klaren sein, dass auch diese Bevölkerungsgruppe in sich wiederum heterogen ist und sich durch finanzielle, sozial-politische und sozial- int egrative Faktoren ausdifferenziert.
2.2 Die Entwicklung der Migration von Arbeitskräften in die Bundesrepublik Deutschland
Im Rückblick auf die Migration wird deutlich, dass es keine übereinstimmenden, keinen gemeinsamen Erfahrungsschatz der Migrantinnen gibt. Trotzdem kann man sagen, dass ein „Kernbestand an grundlegenden Erfahrungen [...] existiert“ 9 , der sich bei den Migrantinnen in unterschiedlichen Erscheinungsformen zeigt, und durch den sie sich von anderen Gruppen unterscheiden:
„Die Gemeinsamkeiten der Geschichte(n) und der Situation der Arbeitsmigrantenfamilien sind über die Herkunftsnationen und die unterschiedlichen ethnischen Gruppen hinweg größer, als oft vermutet oder unterstellt wird“ 10 .
Die Migration an sich bedeutet für KIEN HA eine „Wanderung zwischen den Welten“, in der die Migration als ein „Leben im Übergang“ mit ei- 8 Bendit1994, S. 15 ff.
9 Ha 1999, S. 15
10 Pfleghar 1993, Einleitung, S. 5-18
10
nem Subjekt, das „sich seine Identität durch die aktive Gestaltung kultureller Transformationen aneignet“ verstanden wird. 11 Migranten haben aber auch Fremdenfeindlichkeit seitens ihrer Aufnahmeländer erfahren. Nicht selten gab es in Deutschland rassistische Übergriffe auf Migranten seitens rechtsradikaler Gruppierungen, ein Problemfeld, dass in dieser Arbeit nicht weiter berücksichtigt wird. Es soll lediglich erwähnt werden, dass zwischen Migration und Fremdenfeindlichkeit ein „ kausaler Zusammenhang“ besteht 12
Die erste Welle der Migration nach Deutschland begann mit der Anwerbung kostengünstiger Arbeitsmigranten aus Italien im Jahre 1955, A rbeitskräfte, die zunächst besonders für die Landwirtschaft gedacht waren. Somit wurde das erste Abkommen über die Anwerbung von Arbeitskräften mit Italien getroffen. Die Zahl der damaligen Arbeitsmigranten betrug bis 1959 lediglich 50.000 Personen. 13
Mit Deutschlands verstärkten Aufbruch zu einer Industrienation wurden Arbeitskräfte aus weiteren Ländern angeworben. Verträge mit Grieche n-land (1960) und Spanien (1961) wurden als Folge dieser Wirtschaftsexpansion abgeschlossen. 14
Durch verschiedene sozio-politische Veränderungen im damaligen Deutschland - verkürzte Arbeitszeiten (45-Studen-Woche), verlängerte Ausbildung, der Bau der Berliner Mauer und die damit ausbleibende Übersiedlung aus der damaligen DDR und dem Ausbau der Bundeswehrkam es zu einem verstärkten Rückgang des inländischen Arbeitskräfteangebots, das zur Folge hatte, dass nun Verträge mit der Türkei (1961) und später mit Portugal, Tunesien, Marokko (1963) und schließlich im Jahre 1968 mit dem damaligen Jugoslawien abgeschlossen wurden. 15 Mit diesen Vereinbarungen erhofften sich sowohl das Aufnahmeland Deutschland als auch die Entsendeländer Vorteile für ihre Staaten. Diese waren für die Entsendeländer: Deviseneinnahmen, durch den Rückfluss von Einkommen die Herkunftsländer der Migranten, Qualifikation ihrer Arbeiter und Minderung der im eigenem Land bestehenden Arbeitslosig-
11 Ha1999, S. 22ff.
12 siehe hierzu: Staas 1994, S. 9
13 Wenning 1996, S. 134 ff
14 ebd.
15 ebd.
11
keit. Für das Aufnahmeland Deutschland sahen die E rwartung anders aus. Kurzfristig wollte man mit den Arbeitsmigranten fehlende Arbeitskräfte ersetzen, längerfristig gingen Staat und Wirtschaft davon aus, dass die Arbeitsmigranten „nach getaner Arbeit“ wieder in ihre Heimatländer zurückkehren würden. Dieses wurde durch die Bezeichnung der A rbeitsmigranten als„Gastarbeiter“ besonders deutlich. Sie wurden zu einer Bevö lkerungsgruppe, die von den politischen und den gesellschaftlichen Schichten nicht akzeptiert wurden. Doch es kam alles anders, als in Deutschland erwartet hatte.
Bis 1966/67 zählte man etwa eine Million Personen ausländischer Herkunft in Deutschland, von denen 46% wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Nach dem Ende der sogenannten Rezessionsphase zu Beginn der 70er Jahre betrug die Zahl der Arbeitsmigranten im Jahre 1973 ca. 2,6 Millionen. Mit ihren Familienangehörigen betrug diese Zahl ca. 3,5 Millionen. Von diesen ausländischen Personen war der Grossteil Männer, die Anfangs ohne ihre Familienangehörigen nach Deutschland gekommen waren. 16 Bei der Arbeitsmigration spricht man auch von unterschiedlichen Phasen der Migration, deren erste Phase mit dem Anwerbestopp für Bürger aus nicht EU-Staaten im Jahre 1973 endete. Der Anlass für diesen Anwerbestopp war die Anfang der 70er aufgekommene Wirtschaftsrezession als Konsequenz der Ölkrise im Jahre 1973. 17
Die damalige Bundesregierung erhoffte sich mit diesem Beschluss den kontinuierlichen Zuzug der Arbeitsmigranten nach Deutschland zu unterbinden. Dieses Ziel wurde nur sehr begrenzt erreicht. POSCHNER bezeichnet diesen Umstand als „Bumerangeffekt“. Die formale Anwerbung von ausländischen Arbeitern wurde zwar unterbunden, jedoch erreichte man anstatt des erwarteten Rückgangs der Ausländerzahlen eine verstärkte Aufenthaltsverlängerung der Arbeitsmigranten. 18 Bevölkerungsgruppen aus den (EWG-) EU-Staaten waren von diesem Anwerbestopp nicht betroffen, weil ihre Herkunftsstaaten in den Verträgen mit dem Aufnahmeland eine Option der `Freizügigkeit´ garantierten. Zudem wurde damals die politische und wirtschaftliche Lage einiger
16 Bischof & Teubner 1991: S. 35
17 Sen/Goldberg 1994, S. 20
18 Poschner 1996, S. 12
12
Herkunftsländer optimistisch angesehen. Dies hatte zur Folge, dass viele Arbeitsmigranten aus Staaten der Europäischen Gemeinschaft - z.B. Italien - und aus Staaten, bei denen eine Mitgliedschaft abzusehen war, wie Spanien, Portugal und Griechenland, die erst seit 1981 Mitglied sind, in ihre Heimat zurückkehrten. Ausländer, aus Nicht-EU-Staaten - wie der Türkei, die bis heute noch Mitgliedsstaat der EU ist - die eine wiederho lte Einreise beantragten, um in Deutschland arbeiten zu dürfen, wurde die Einreise - zumindest aus Gründen der Arbeitsplatzsuche - nicht mehr gewährt. Was folgte, hatte für die Struktur der ausländischen Bevölkerung eminente Folge n, die von Politikern nicht antizipiert wurden. Der Wille zum Daueraufenthalt wurde bei der türkischen Bevölkerung durch den Familiennachzug verstärkt. Die Zahl der türkischen Wohnbevölkerung stieg somit rapide an. Im Jahre 1990 betrug sie 1,918 Mil. , Ende 1998 sogar schon 2,1 Mil.. Damit übertraf sie die Zahl der türkischen Arbeitsmigranten aus dem Jahre 1973 (910.500) um mehr als das doppelte. Als ein Grund für diesen rapiden Zuwachs - besonders um das Jahr 1980 - muss der Militärputsch in der Türkei aus dem Jahre 1980 - bei dem es zu bürgerkriegsähnlichen Zustände kam - angesehen werden. Während die Zahl der Türken um mehr als das doppelte anstieg, ging die Anzahl der Migranten aus anderen Staaten, z.B. Griechenland oder Spanien, zurück. 19 Dieser Trend hat sich in unserer Zeit verschoben. So hat der unter anderem der Zusammenbruch der Sowjetunion dazu beigetragen, dass der Anteil der Türken an der gesamten ausländischen Bevölkerung zurückging und der Anteil der polnischen und jugoslawischen Migranten zunahm. 20 Ende 1996 lebten in Deutschland insgesamt 7,3 Millionen Ausländer bei einer Quote von 8,9 %. 21
2.3 Die aktuelle Situation von Arbeitsmigranten und ihren Familien mit im sozialen Gefüge der BRD
19 vgl. Sen & Goldberg 1994, S. 20 ff.
20 vgl. Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der Ausländer.1995, S.15
21 vgl. Statistisches Bundesamt 1997: aus Internetseite - Mitteilung an die Presse, 19.
Juni 1997
13
Die Arbeitsmigranten aus der Türkei stammten zumeist aus l ändlichen Gebieten und sahen sich mit zumeist noch größeren Problemen konfrontiert, als andere Migrantengruppen. Sie besaßen keine Sprachkenntnisse und vor allem auch keine Kenntnis in juristischen und gesetzlichen Dingen, wie z.B. Arbeitsrecht oder Mietrecht. Aus dieser „Sprachlosigkeit“ heraus, waren sie der Willkür vieler Vermieter und Arbeitgeber ausgesetzt. Viele Arbeitsmigranten bekamen beispielsweise im Rahmen von Arbeitsunfällen keine Entschädigung, oder wurden nur mit geringfügen Entschädigungen abgespeist. Ausgehend von dieser Situation wird im folgenden auf die Wohnverhältnisse der Arbeitsmigranten und ihren Familien eingegangen.
2.3.1 Soziales Milieu: Wohnumfeld
Die städtischen Ballungsräume sind die von den Migranten vorrangig bewohnten Gebiete. Hier sind es wiederum die Stadtteile, die einen überwiegend überalterten Gebäudebestand aufweisen. Die Infrastruktur dieser Wohngebiete weist ebenfalls Mängel auf. Verkehrslärm, Mangel an Grünanlagen und Kindergärten, eine schlechte Erreichbarkeit der Schulen und Sportplätzen charakterisieren häufig diese Stadtteile. 22 Trotzdem zahlen ausländische Familien für ihre oftmals kleinen und schlecht ausgestatteten Wohnungen in einem ungünstigen Wohnumfeld weit höhere Mieten als vergleichsweise deutsche Hausha lte. Zum Wohnungsmarkt haben sie nur einen begrenzten Zugang, weil sie zu der „unbeliebten Mietergruppe“ angehören. 23 Bekanntlich haben ausländische Familien im Gegensatz zu deutschen Familien eine höhere Anzahl von Familienmitgliedern und ein tendenziell geringeres Einkommen, was ebenfalls zu einer Benachteiligung bei der Wohnungssuche führt. Auch Vorurteile deutscher Vermieter - bei ausländischen Mietern könnten ihre Wohnungen an Wert verlieren - werden zu Hindernissen bei der Wohnungssuche. Aus diesem Grunde werden Wohnungen lieber an deutsche Familien vergeben, als an türkische.
22 Bischof & Teubner 1991, S. 148 ff.
23 Mehrländer/Ascheberg/Keltzhöfer 1996, S. 247.
14
Ein anderes Problem im Wohnumfeld der türkischen Familien ist die Gettoisierung. Viele Städte im Ruhrgebiet beispielsweise sind ganz deutlich mit fiktiven Grenzen (mental maps) durchzogen, die in den Wahrnehmungen der Bewohner existieren. Türkische Familien wohnen konzentrierter in bestimmten Wohngebieten, die in der Öffentlichkeit als schlechte Stadtteile gelten. 24 Die Stadt wird nach SPIECKERMANN/ SCHUBERT 25 in drei Dimensionen getrennt, die durch „ ökonomische Ungleichheit “ (Einkommen, Eigentum), „soziale Differenzen“ (Bildung, gesundheitliche Lage), „kulturelle Unterschiede“ (Nationalität und Religion) gebildet werden. In diesen schlechter gestellten Stadtgebieten, auch als „Armutsquartiere“ bezeichnet, leben auch deutsche Familien, die zur Gruppe der Arbeitslosen und der Gruppe der Sozialhilfeempfänger angehören; zusammen mit ArbeitsmigrantenInnen und ihren Familien, Flüchtlingen und AussiedlerInnen. In den innenstadtnahen Altbauanlagen und in Großsiedlungen leben Familien aus der Migration in Lagen, in denen sich die Armut besonders zeigt. Diese, als soziale Brennpunkte bezeic hnete Lebensräume, stellen für viele Kinder und Jugendliche mit Migrati-onshintergrund die primäre Konfrontation mit ihrem Umfeld dar. Diese Konfrontation führt bei einigen zu Konsequenzen, die das spätere Leben in allen Lebensbereichen entsche idend beeinflussen.BAUM bezeichnet diese Situation als eine durch sehr hohe Mietpreise oder gesetzliche Einweisung durch die Behörden erzwungene Segregation. 26 Aus den abgegrenzten Wohngebieten (räumliche Segregation) folgt durch die BewohnerInnen eine soziale Segregation, die sich durch Stigmatisierungen zeigen. „Das Wohnumfeld wird durch seine Bewohner/Bewohnerinnen geprägt und prägt seine Bewohner/ Bewohnerinnen“. 27 Dieses Zitat macht die komplizierte Lage der Migranten deutlich. Folglich kann man das Wohnumfeld als ein Gebiet bezeic hnen, in dem es schlechte Einkaufsmöglichkeiten und kaum Freizeit- und Gemeinschaftseinricht ungen gibt. Ein sehr hoher Anteil an sogenannten Problemfamilien, Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen sind dort ebenfalls anzutreffen. 28
24 Thränhardt 1994, S. 139ff.; Bischof & Teubner 1991, S. 148ff.
25 Spieckermann / Schubert 1997, S. 7.
26 Baum 1997, S. 2.
27 Boos-Nünning/ Otyakmaz/ Karakasoglu 2000, S. 18.
28 Krummacher / Waltz 1996, S. 175 ff.
15
Neben den als sozialen Brennpunkten geltenden Gebieten gibt es noch die sogenannten ethnischen Gettos, in denen ein großer Teil der türkischen Mädchen mit Migrationshintergrund aufwächst. Diese Gettos sind wiederum eindeutig abgegrenzt. Die Bewohner dieser Gebiete stammen der gleichen Nation ab, sie besitzen die gleiche Religion. Eine Subkultur ist zustande gekommen. Dies bedeutet für viele Jugendliche Mädchen nicht nur ein einfaches Aufwachsen in einem Getto, sondern zieht auch soziale Benachteiligungen mit sich.
Charakteristisch werden Ghettos als Orte der Verhinderung von Integration und als „Türkenviertel“, als Verursacher von Spannungen zwischen Deutschen und Türken, als Brutstädte von Kriminalität und sowohl politischer als auch religiöser Radikalisierung bezeichnet. Den Kindern wird ein vernachlässigtes und ein anregungsarmes Wohnumfeld angeboten, wobei der Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft in Vergessenheit gerät und nur durch Bildungsinstitute hergestellt wird. 29 Diese Familien mit Migrationshintergrund leben nicht freiwillig in einem Ghetto. Sie leben nur deshalb dort, weil sie auf dem freien Wohnmarkt keinen angemesseneren Wohnraum akquirieren konnten. Ein beachtlicher Teil dieser Familien lebt noch heute in solchen „sozial abgekommenen“ Gebieten.
Besonders die türkische Community gerät in solchen Ghettos ins Blickfeld, weil es sich bei dieser Bevölkerungsgruppe um die Größte Auslä ndergruppe handelt.
Das äußere Erscheinungsbild - Kopftuch, lange und zum Teil bunt gemusterte Röcke der älteren Frauen - trägt selbstverständlich ebenfalls dazu bei, dass diese Bevölkerungsgruppe für die Mehrheitsgesellschaft unangenehm und gewöhnungsbedürftig erscheint. Man darf natürlich nicht außer Acht lassen, dass diese Menschen auch die Nähe zu Landsleuten suchen. Die Suche der Nähe zu ihren Landsleuten und die mangelnden Möglichkeiten auf dem Wohnungsmarkt prägen das Straßenbild, in den dichtbewohnten Stadtteilen zusammen mit türkischen Kaffees, Moscheen und Kultur- oder Sportvereinen. Auch ist anzumerken, dass viele Familien bewusst günstigere Wohnungen gemietet haben, mit der Absicht spä-
29 siehedazu Wilson 1992, S. 33
16
ter mit ihrem angesparten Geld in die Heimat zurückzukehren. Im Vergleich der Häuser und Wohnungen zwischen Deutschland und der Türkei, sind die hiesigen komfortabler und räumlich gesehen größer, weil viele Migrantenfamilien aus ländlichen Gebieten der Türkei nach Deutschland emigrierten, in dene n in den Dörfern primitive Zustände vorherrschten. Dieses hat sich in der heutigen Zeit aber stark verändert. So kommt es heute häufiger vor, dass in einem anatolischen Dorf ein Mercedes Benz anzutreffen ist, man die modernsten Fernseher vorfinden kann. Zusammenfassend kann man sagen, dass
• Migrantenfamilien in den ländlichen Gebieten Deutschlands unterrepräsentiert sind 30 , und in den Großstädten leben; • viele ausländische Familien in gemieteten Geschoss- und Altbauwohnungen leben 31
• die Ausstattungen der Mietwohnungen der Migrantenfamilien im Vergleich zu deutschen Familien tendenziell schlechter sind 32 .
2.3.2 Arbeitslosigkeit
„Die Ausländer nehmen unsere Arbeitsplätze weg!“ Diese Äußerung muss nicht gerade von einem ausländerfeindlich eingestellten Bürger stammen. Auch „ganz normale“ Bürger mit deutscher Nationalität könnten sich so im Zusammenhang mit der hohen Arbeitslosigkeit in Deutsch-land zu Wort melden. Dem ist nichts entgegenzusetzen, schließlich leben wir in einem freien und demokratischen Land, in dem Meinungsfreiheit herrscht. Aber trotzdem sei die Frage gestellt: Ist das denn wirklich so? Hängt eigentlich die Arbeitslosigkeit mit der relativ hohen Anzahl von Ausländern zusammen? Stehen Erwerbslosigkeit und Migration in Abhängigkeit miteinander? Würde die Arbeitslosenquote fallen, wenn Migranten in ihre Heimatländer zurückkehren würden?
30 vgl. Thränhardt 1994, S. 45 ff.
31 ebd. S. 148
32 ebd. S. 144 ff.
17
Diese Fragen und allgemein die Situation der Arbeitsmigranten auf dem Arbeitsmarkt, sollen uns nun beschäftigen.
Betrachtet man das deutsche Arbeitsrecht, so ist der ausländische Arbeitnehmer einem deutschen Arbeitnehmer hinsichtlich der Tarif- und Urlaubsrechte gleichgestellt. Doch in der Praxis zeigt sich eine ganz andere Situation. 7,3 Millionen Ausländer waren 1999 in Deutschland registriert. Davon stammte die größte Ausländergruppe - wie schon früher erwähntaus der Türkei mit einem Anteil von 28%. 33 Rückschauend betrachtet, gab es zur Zeit der ersten Arbeitsmigrationsphase in den 1960er Jahren praktisch keine arbeitslosen Ausländer in der BRD. 34 Erst im Zuge der Öl krise kam es zu einem ersten Maximum an erwerbslosen Migranten. Die Zahl schwankte damals um die 100.000. Zu Beginn der 1980er Jahre stieg die Zahl rapide auf ca. 300.000 Arbeitslose an und sank bis Anfang der 1990er im Jahresdurchschnitt auf um die 200.000. Schließlich waren 1990 zum erstenmal über 400.000 arbeitslose Ausländer gemeldet, und 1998 sogar über 500.000. 35 Die Zahl der erwerbslosen Ausländer kann man den entsprechenden Nationalitäten zuordnen. Es ist nämlich so, dass die größte Ausländergruppe aus der Türkei am stärksten von der Arbeitslosigkeit betroffen ist. 1980 beispielsweise waren 2% der portugiesischen Erwerbspersonen ohne Arbeit, dem gegenüber standen 5,9% Arbeitslose aus der türkischen Bevö lkerungsgruppe. Diese Zahl stieg bis 1998 bei den türkischen Arbeitsmigranten auf bis zu 23,2%. Zum Vergleich stammten nur 11,6% der Beschäftigungslosen Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien. 36 Man kann also generell sagen, dass Ausländer und besonders türkische Arbeitsmigranten von der Arbeitslosigkeit in Deutschland betroffen sind, was zu weiteren sozialen Problemen führt. Die Schwierigkeit der Integration in den Arbeitsmarkt ist nur eines der Probleme, mit denen Arbeitsmigrantenfamilien und deren Kinder in Deutschland konfrontiert werden. 37 Nicht außer Betracht zu lassen ist, dass viele Arbeitsmigranten aus den Anwerbestaaten ohne jegliche Qualifikationen an ihren Arbeitsplät- 33 siehedazu: Münz und Ulrich 2000, In: Bade und Münz 2000, S 26 ff
34 Bade /Münz: Schaubild 1. Migrationsreport 2000, S. 78
35 ebd. S. 77
36 ebd. S. 78
37 ebd.
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zen beschäftigt waren. Dieses führte bei Rationalisierungsmassnahmen der Firmen meistens zu einer Entlassung dieser Arbeiter durch die Arbeitgeber. Denn welcher Arbeitgeber würde einen schlechter qualifizierten Arbeiter behalten wollen, der sich nicht in Deutsch artikulieren kann, wenn neben ihm ein deutscher Arbeiter steht. 38 In solchen Situationen achtet kein Arbeitgeber auf die Arbeitsjahre oder die persönlichen Beziehungen.
Arbeitsmigranten, die einen höheren Bildungsgrad nachwiesen, wurden aber auch dementsprechend in höheren Positionen auf dem Arbeitsmarkt eingestellt. Dies macht der Vergleich zwischen 1980 und 1999 deutlich, dass Gruppen - besonders die zweite Generation der Migrationsfamilienmit höheren Bildungsniveaus auch höhere und mittlere berufliche Positionen innehaben. 39 Trotz allem ist bei der zweiten Generation ein erhebliches Problem bei der beruflichen Integration zu sehen. 40 Nach BADE/MÜNZ kann der Schluss gezogen werden, dass der deutsche Arbeitsmarkt nicht „ethnisch segmentierbar“ ist. 41
Die Frage, ob die Migration die Arbeitslosigkeit negativ gefördert hat, ist nun geklärt. Jedoch wird im Anschluss deutlich, dass die Migration eigentlich noch mehr die immigrierenden Familien negativ beeinflusste, als die hiesige Gesellschaft mit ihrer sozialen Situation. Bekanntlich haben die türkischen Familien mit Migrationshintergrund ganz andere Familienstrukturen als deutsche Familien, sogar als andere Migrantenfamilien. Aufgrund dessen werden im Folgenden die Einflüsse der Migration auf die türkische Familienstruktur betrachtet.
2.3.3 Der Einfluss der Migration auf die türkische Familienstruktur
Die türkische Familienstruktur - die über Jahrhunderte die Struktur einer Großfamilie aufwies - ist sehr vom Islam geprägt. Zum Begriff Islam - 38 Tränhardt1994, S. 107
39 Bade/Münz 2000, S. 80
40 Poschner 1996, S. 173ff.
41 Bade/Münz 2000, S. 80
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wesentliches Element des kulturellen Selbstverständnis der Türken 42 wird im Verlauf der Arbeit weitergehender eingegangen. Hier an dieser Stelle wird nur auf einige Aspekte des Islams im Zusammenhang mit der Migration eingegangen, die durch seine religiösen Geboten und Verpflichtungen mit der einheimischen europäisch-christlichen Gesellschaft korrelieren.
Der Begriff der Familie hat bei den Türken einen sehr hohen Stellenwert. In ihr herrscht die Vermittlung gesellschaftlicher Normen und Werte, die dann zur Stabilität des Gesamtsystems der Werte beitragen soll. 43 Besonders die Bevölkerungsgruppe aus der Türkei zeigt durch ihre religiöse Zugehörigkeit zum Islam einen unübersehbaren Faktor bezüglich der Unterschiedlichkeit gegenüber anderen Einwanderergruppen. Migranten aus Italien, Spanien oder Griechenland, die eine Glaubensgemeinschaft mit der deutschen Bevölkerung bilden, haben entsprechend weniger Probleme in Glaubensangelegenheit als muslimische Bevölkerungsgruppen. Durch diese religiösen und weltanschaulichen Differenzen stoßen türkische Migranten häufig auf Probleme und Konflikte in der deutschen Gesellschaft und wirken für den Grossteil der Menschen im Aufnahmeland als fremdartig. In diesem Zusammenhang ist es richtig von einem „Kulturkonflikt“ zu sprechen, der von HERRMANN 44 bezüglich der Situation der Türken in Deutschland als „eine Angelegenheit von Deutschen und Türken“ auf einen Punkt gebracht wird.
Dies bedeutet für Migrantenkinder, dass sie ständig zwischen zwei Kulturen hin und her pendeln - dem Elternhaus und der deutschen Umwelt, was zu ernstzunehmenden Identitätsproblemen führen kann. Neben diesen Nachteilen gab es und gibt es noch heute kulturelle und ge-sundheitliche Rückschläge, die türkische Migrantenfamilien einstecken mussten.
In den ländlichen Gebieten, aus denen die meisten türkischen Familien emigrierten, herrschte eine Kindererziehung nach völlig anderen Wer-
42 siehedazu: Türkische Muslime in Nordrhein-Westfalen, 1995, S. 3
43 ebd. S.54
44 Herrmann 1992, S. 22
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ten und Normen als die Kindererziehung hierzulande. Diese Situation bedeutete für die zweite Generation der Migranten - also den Migrantenkindern - eine Konfliktsituation zwischen zwei andersartigen Gesell-schaftsformen. 45 Die Eltern, deren Kinder größtenteils in Deutschland geboren wurden, haben die Erziehungsformen aus den ländlichen Gebieten der Türkei, unter denen sie selber aufwuchsen, beibehalten und versucht, diese hier in Deutschland bei ihren eigenen Kindern anzuwenden. Zu den Erziehungsvorstellungen der türkischen Eltern wird im weiteren Verlauf der Arbeit detaillierter eingegangen.
Der angedeutete Kulturkonflikt, führte zu erheblichen psychischen Störungen besonders der türkischen Mädchen. Angst, übermäßige Sensibilität, Depressionen, Unsicherheit sind einige der psychosomatischen Störungen, die bei türkischen Mädchen zu bemerken waren. Auch Identitätskonflikte und mangelndes Selbstwertgefühl sind bei türkischen Mädchen sichtbare Indizien dieser Störungen. 46
Durch die Migration hat der türkische Arbeiter auch Vorteile erwirtscha ftet. Er hat die Möglichkeit bekommen - im Gegensatz zum Herkunftsland - mehr Geld zu verdienen, etwas anzusparen und in der Heimat ein Haus zu bauen. Diese Situation kam der türkischen Familienstruktur zu Gute, da der Lebensstandart angehoben werden konnte. Zugleich haben türkische A rbeitnehmer viel Berufserfahrung sammeln können, von der sie beim Aufbau einer Existenz im Heimatdorf Gebrauch machen konnten. Vor allem haben die Anwerbestaaten - in diesem Fall die Türkei - Devisen importieren können, die die Wirtschaft ankurbelten. 47 Die kulturellen und gesundheitlichen Verluste sind jedoch nicht mit materialistischen Gütern zu kompensieren.
Auf das Dilemma (Kulturkonflikt), in dem sich türkische Migrantenkinder befinden wird im weiteren Verlauf der Arbeit eingegangen.
45 ebd. S. 95
46 Leyer 1991, S.31 ff.
47 vgl. dazu: Meske 1983, S. 57
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Üzeyir Savurgan, 2003, Konfliktsituationen und Problemfelder von Schülerinnen aus Migrantenfamilien im Sportunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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