Inhaltsverzeichnis
1 Ein Einblick in die literarische Onomastik 3
2 Funktionen der literarischen Onomastik 5
2.1. Phonetisch motivierte Namen 5
2.1.1 Klangsymbolische Namen 5
2.1.2 Betonungsmuster 6
2.1.3 Alliteration. 7
2.2 Inhaltlich motivierte Funktionen. 7
2.2.1 Der redende Name 7
2.2.2 Identifizierung 8
2.2.3 Illusionierung. 8
2.2.4 Charakterisierung. 9
2.2.5 Akzentuierung und Anonymisierung. 10
2.2.6 Ästhetisierung. 11
2.2.7 Mythisierung. 11
3 Ausgewählte Namensbeispiele 12
3.1 Die Menschen: Karl Konrad Koreander und Bastian Balthasar Bux 12
3.2 Atréju, Artax und Fuchur. 14
3.3 Die Kindliche Kaiserin und Mondenkind. 16
3.4 Die Dame Aiuóla. 17
3.5 Die Boten: Ückück, Wúschwusul, Pjörnrachzarck 18
3.6 Mythologische Figuren 19
4 Fazit 20
5 Quellen. 21
2
1 Ein Einblick in die literarische Onomastik
„Der Name ist in einem literarischen Kunstwerk nur ein Wort unter vielen, aber sicher
eines der auffälligsten, wenn nicht sogar das auffälligste. Mehr noch als seine sprachliche
Eigenart hebt ihn seine Aura hervor.“ 1
Was Lamping hier so treffend mit „Aura“ betitelt, nennt sich bei anderen Namensforschern „Ausdruckswert“ 2 , „Eintrittsmöglichkeit in ein kollektives Gedächtnis“ 3 oder gar „ungewöhnliche Kraft“ 4 . Die Botschaft hinter diesen Bezeichnungen ist dieselbe: Namen sind etwas Besonderes. Doch warum ist das so? Um Wesen und Objekte in der Wirklichkeit und in der Literatur zu benennen und zu kennzeichnen, müssen diese Eigennamen (Propria) erhalten, damit der Identifizierungs- sowie der Individualisierungsprozess in Gang kommen kann, denn „[mit] dem Benennen im Namensgebungsakt beginnt nach alter Auffassung die eigentliche Existenz des Menschen.“ 5 Betrachtet man Propria jedoch nüchtern, so handelt es sich dabei lediglich um „sprachliche Zeichen für Personen, Siedlungen, Fluren, Tiere, Objekte, Institutionen und anderes mehr, [die] einen gewichtigen Teil der Struktur einer Sprache [darstellen].“ 6 Und obwohl man sich bereits in der alten Antike mit dem Eigennamen beschäftigte, bildete sich die Onomastik erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer Teildisziplin der Sprachwissenschaft heraus. 7 Mit zunehmender und intensiverer Beschäftigung etablierten sich innerhalb dieser Forschungsrichtung diverse Zweige, wie die Psycho, Sozio-, Kontakt- aber auch die literarische Onomastik. 8 Propria gelten bei Letztgenanntem als unverzichtbare Strukturelemente, die ihr Potential jedoch erst im Zusammenspiel von Leser, Autor und Text entfalten können. 9 Seitdem jedoch der Rezipient mit in die onomastische Analyse einbezogen wurde, ist die literarische Namenskunde oft dem Vorwurf der individuellen Spekulation ausgesetzt. Unterschiedliches Vorwissen, die eigene Erwartungshaltung und nicht zuletzt die Medien beeinflussen den Leser beim Rezipieren eines Werkes und üben somit auch Einfluss auf die darin enthaltenen Eigennamen aus. 10 Eine Möglichkeit sich dieser Willkür zu entziehen ist die Vermischung von sprach- und literaturwissenschaftlichen Aspekten, da Name und Text im wechselseitigen Verhältnis zueinander stehen. Zum einen „hebt [die Linguistik die] Eigenschaften des Eigennamens als
1 Lamping, Dieter: Bonn 1983, S. 9
2 Trost, Pavel: 1986, S. 22
3 Stiegler, Bernd: München 1994, S. 192
4 Tynjanov, Jurij: München 1969, S. 429
5 Debus, Friedhelm: Stuttgart 2002, S. 13
6 Debus, Friedhelm: Stuttgart 2002, S.9
7 Debus, Friedhelm: Stuttgart 2002, S.11
8 Sobanski, Ines: Leipzig 1999, S. 13f
9 Sobanski, Ines: Leipzig 1999, S. 22
10 Sobanski, Ines: Leipzig 1999, S. 7
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Sprechzeichen hervor und richtet sich auf seine formale und inhaltliche Beschreibung“ 11 , zum anderen „betrachtet [die Literaturwissenschaft] vorrangig die spezifisch literarischen Funktionen des Namens.“ 12 Was entsteht ist eine Verbindung zwischen Linguistik und Literaturwissenschaft, die es dem Leser gestattet den Namen als sprachliches Zeichen wahrzunehmen und ihn im Folgenden als künstlerisches Machwerk des Autors zu interpretieren. Sozusagen ein Spagat zwischen Denotat und Konnotat. Hierbei zeigt sich einmal mehr, dass der Autor ein ausgeprägtes Geschick im Umgang mit der lebendigen Sprache besitzen muss, denn je sorgfältiger und klüger dieser bei der Erfindung vorgeht, umso leichter weckt er im Rezipienten eine Imagination der benannten Figur. Daher ist es nicht verwunderlich, dass man auf die „(Er)Findung [...] der Namen […] besondere Sorgfalt verwendet [und sie] nicht selten als schwierig empfunden [wird].“ 13 Dabei stehen dem Autor verschiedene Mittel zur Verfügung, die im zweiten Punkt dieser Arbeit explizit erläutert werden. Zwar beschäftigt sich meine Ausarbeitung vorwiegend mit den literarischen Funktionen der Namensgebung, lässt allerdings aus oben genannten Gründen auch die sprachwissenschaftlichen nicht außer acht. Ziel ist es einige Propria aus Michael Endes Werk Die unendliche Geschichte zu analysieren und somit einen Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis der literarischen Onomastik herzustellen. Aufgrund der ungeheuren Vielfalt an Namen beschränkten sich meine Beobachtungen ausschließlich auf wenige, ausgewählte Anthroponyme (Personennamen). Auf eine Darlegung der Toponyme (Ortsnamen) wird verzichtet. Da Endes Buch Pflichtlektüre des Seminars gewesen ist lasse ich von einer Inhaltszusammenfassung ab und zitiere lediglich die für die Charakterisierung der Figuren erforderlichen Textpassagen.
11 Sobanski, Ines: Leipzig 1999, S. 27
12 Sobanski, Ines: Leipzig 1999, S. 27
13 Debus, Friedhelm: Stuttgart 2002, S. 40
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2 Funktionen der literarischen Onomastik
Die Funktionen, die ich hier vorstellen möchte, sind nur eine geringe Auswahl der nahezu zahllosen Aufgaben, die ein Name erfüllen kann. Ich habe dabei die phonetischen und literarischen Eigenschaften in zwei gesonderten Punkten aufgeführt und werde an dieser Stelle noch keine Beziehung zu Endes Roman herstellen, sondern zuerst die theoretischen Grundlagen legen, um sie später an praktischen Beispielen wieder aufzugreifen.
2.1. Phonetisch motivierte Namen
Namen sind zunächst einmal, wie schon erwähnt, sprachliche Zeichen. Daher lassen sich alle Anthroponyme nahtlos in Bühlers Organon Modell eingliedern, denn sie erfüllen „seine Darstellungsfunktion, indem [sie] als Symbol für ein Individuum [stehen]“, fungieren als Symptom, das „Aufschluss über den Sprechenden [...] als Namensbenutzer [gibt]“ und wirken als Signal auf den Angesprochenen (in diesem Sinne auf den Leser). 14 Sprachliche Zeichen haben nun verschiedene expressive Möglichkeiten um auf den Leser zu wirken. Drei Lautstrukturen, die eine Transponierung von Bedeutung erlauben, sind im Folgenden vorgestellt.
2.1.1 Klangsymbolische Namen
Unter klangsymbolischen Namen sind jene Anthroponyme zu verstehen, die durch ihre Lautgestalt Charaktereigenschaften und/oder Äußerlichkeiten der jeweiligen Figur suggerieren, obwohl die Phoneme an sich nicht bedeutungstragend sind. 15 Das liegt unter anderem daran, dass man Namen, die im täglichen Sprachgebrauch unüblich sind, semantisch zu erfassen versucht um ein Bild zu evozieren. Dass man dies automatisch tut zeigt eine von mir durchgeführte Studie mit 500 befragten Schülern im Unterrichtsfach DSW 16 von 2005. Es ging darum sich fünf verschiedene Stimmen anzuhören und sich dabei eine etwaige Vorstellung vom Sänger zu machen. Obwohl man sich natürlich nicht mit den anderen absprechen durfte, deckten sich die Ergebnisse der einzelnen Schüler auf erstaunliche Weise. Worauf ich mit dieser Anekdote hinaus will ist Folgendes: Genau wie eine dunkle, rauchige Stimme an einen großen, grimmigen Mann denken lässt, suggerieren dunkle Vokale wie „u“ oder „o“ und harte Konsonanten wie „t“ oder „k“ genau dasselbe. Nicht umsonst enthalten viele typische Mädchennamen ein zartes „i“ oder ein klares, weibliches „a“. Jedoch ist hier
14 Sobanski, Ines: Leipzig 1999, S. 29
15 Sobanski, Ines: Leipzig 1999, S. 65
16 Denken, Sprache, Wirklichkeit; ein Mischfach aus Biologie, Deutsch und Geographie.
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einzuwenden, dass dieses System zumeist nur in dem Gebiet funktioniert, in deren Sprache der Autor seine Bücher verfasst, da für andere Länder ebenso andere Vorstellungen gelten. Einen speziellen Status unter den klangsymbolischen Namen nehmen die Onomatopoetika ein. Es handelt sich dabei um Lautmalerei, die sich auf bestimmte Eigenheiten des Referenten bezieht 17 und die in der Kinderliteratur besonders gern für Tiernamen verwendet wird. Onomatopoesie ist wesentlich leichter zu interpretieren, als bloße Klangsymbolik, denn Wörter wie „Platsch“ oder „Minz und Maunz“ geben einen viel deutlicheren Einblick in ihr Wesen und ihre Bedeutung, als ein völlig unbekannter Ausdruck wie „Tokor“. 18 Zwar mag man durch den harten Klang und die dunklen Vokale erahnen, dass es sich um etwas Böses oder Geheimnisvolles handelt, aber es bleibt lediglich bei diesem unbestimmten Gefühl, das durch zusätzliche Beschreibungen bestätigt oder dementiert werden muss.
2.1.2 Betonungsmuster
Das Verlangen, sich Namen mit einer bestimmten Anzahl von Silben und einer festgelegten Betonung heraus zu suchen, wird den Autor eines erzählenden Textes wohl weniger befallen als einen Dichter. Dennoch möchte ich es hier nicht unerwähnt lassen, denn auch damit lässt sich Bedeutung übermitteln. So hat man herausgefunden, dass es für Jungen- und Mädchennamen gewisse Betonungsmuster und bevorzugte Laute gibt, die manchmal sogar unbewusst angewendet werden. 19 Die meisten weiblichen Namen enthalten drei Silben oder mehr und sind vorwiegend auf der zweiten Silbe betont, wohingegen Jungennamen durch Ein- oder Zweisilbigkeit sowie Erstsilbenbetonung gekennzeichnet sind. So hätte ein Autor beispielsweise die Gelegenheit seinem gutmütigen männlichen Hauptdarsteller einen Namen mit weiblicher Betonung zu geben, um seine sanfte und feminine Seite zu demonstrieren oder einer etwas rabiaten weiblichen Figur einen Namen mit männlicher Betonung, um ihre burschikose Seite zu unterstützen. Zugegeben erscheint es für Prosaisches eher müßig nach einem solchen Muster vorzugehen, vor allem da es bessere Wege gibt um eine solche Bedeutung zu übertragen. Allerdings können diese Merkmale im Reim durchaus tragend für die phonetische Struktur eines Gedichtes sein. 20
17 Bußmann, Hadumod: Stuttgart 2002, S. 484
18 Welcher im Übrigen frei erfunden ist.
19 Sobanski, Ines: Leipzig 1999, S. 74
20 Aschenberg, Heidi: Tübingen 1999, S. 55
6
Arbeit zitieren:
Dany Knechtel, 2009, Die literarische Onomastik und ihre Funktionen an ausgewählten Namensbeispielen aus Michael Endes „Die Unendliche Geschichte“, München, GRIN Verlag GmbH
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