Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
1.1. Relevanz der Untersuchung. 4
1.2. Forschungsstand 6
1.3. Gang der Untersuchung 7
1.4. Die Krise der Demokratie. 9
2. Die Zivilgesellschaft: Theoretische Konzeptionen und Akteure 12
2.1. Begrifflichkeit und Entwicklungsgeschichte. 12
2.2. Basiskonzepte der Zivilgesellschaft 20
2.2.1. Die Konzeption der Bürgergesellschaft bei Ralf Dahrendorf. 20
2.2.2. Vertrauen und Sozialkapital 22
2.3. Akteure in der Zivilgesellschaft. 25
2.4. Demokratietheoretische Dimensionen. 29
2.4.1. Liberalismus und Republikanismus. 30
2.4.2. Deliberative Demokratietheorie bei Jürgen Habermas. 32
2.5. Staat und Zivilgesellschaft. 36
2.6. Gemeinsinn, Gemeinwohl und Freiwilligkeit 37
3. Kommunitarismus 43
3.1. Ideengeschichte. 45
3.2. Phasen kommunitarischen Denkens 46
3.2.1. Politischer Aktivismus. 48
3.2.2. Reakademisierung und kommunitarischer Liberalismus. 51
3.3. Praktische Beispiele der Umsetzung kommunitarischen Denkens. 52
3.4. Zwischenfazit. 53
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4. Der Dritte Sektor 55
4.1. Definition und Abgrenzung 55
4.1.1. Akteure im Dritten Sektor 56
4.1.2. Staat und Dritter Sektor 60
4.2. Finanzierung und wirtschaftliche Bedeutung des Dritten Sektors 63
5. Stiftungen 66
5.1. Definition. 66
5.1.1. Geschichte 66
5.1.2. Stiftungsformen 68
5.1.3. Zielsetzungen von Stiftungen 70
5.2. Bürgerstiftungen in Deutschland 72
5.3. Das Konzept der Bürgerstiftung „von Bürgern für Bürger“ 74
5.3.1. Die Dienstleistungsfunktion der Bürgerstiftung. 78
5.3.2. Handlungsfelder von Bürgerstiftungen 79
5.3.3. Rechtsformen der Bürgerstiftung 82
5.3.4. Organe der Bürgerstiftung 85
5.3.5. Finanzierung von Bürgerstiftungen 87
5.4. Bürgerstiftungen in der Zivilgesellschaft 89
5.5. Handlungsgrenzen von Bürgerstiftungen 94
6. Schlussbetrachtungen. 99
7. Anhang. 101
7.1. Merkmale der Bürgerstiftung 101
7.2. Literaturverzeichnis 103
3
1. Einleitung
1.1. Relevanz der Untersuchung
In der praktischen Politik sowie in Wissenschaft und Öffentlichkeit hat das Thema Bürgerschaftliches Engagement und der damit verbundene Begriff des Gemeinwesens in der jüngeren Vergangenheit hohe Relevanz erfahren. Eigens um die Strukturen und Projekte von bürgerschaftlichem Engagement zu untersuchen bzw. neue Wege zur Unterstützung zu ergründen, wurde eine Enquetekommission des Deutschen Bundestages eingesetzt, die sich im Jahre 2000 konstituierte und 2002 ihren Abschlussbericht vorlegte. Ergebnis dieser Untersuchung war, die Empfehlung der Förderung von bürgerschaftlichen Engagements durch das Parlament, eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit und eine Neuordnung der wechselseitigen Beziehungen zwischen Staat, Markt und Bürgergesellschaft bzw. Zivilgesellschaft zu definieren. 1 Zudem betonten hochrangige Politiker die Bedeutung dieses Konzeptes und plädierten für eine Unterstützung der Akteure, um bürgerschaftliches Engagement weiter zu fördern. „Bürgerschaftliches Engagement stärkt die Zivilgesellschaft. Es schafft soziale Bindungen, trägt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei und fördert die Lebensqualität und den sozialen Fortschritt" 2 , so Familienministerin Ursula von der Leyen im Februar 2007. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte in ihrer Regierungserklärung im November 2005 kommunitarische und bürgerschaftliche Elemente. „Die Anerkennung des Nächsten in der Gemeinde, im Wohngebiet, in der Schule oder im Betrieb - das alles hat etwas damit zu tun, ob wir das schaffen, was wir oft eine lebendige Bürgergesellschaft nennen. Das ehrenamtliche Engagement ist ein unersetzbarer Bestandteil
1 Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestags (Hrsg.): Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft, Opladen, 2002. 2 http://www.bmfsfj.de/Kategorien/Presse/pressemitteilungen,did=95170.html, (Zugriff am 11.06.2008)
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dieser Bürgergesellschaft.“ 3 Auch ihr Vorgänger, Bundeskanzler Gerhard Schröder, hatte zu seiner Amtszeit die demokratische Relevanz des bürgerschaftlichen Engagement betont. 4 Ob diese Betonung bzw. Rekapitulierung bürgerschaftlicher Elemente in der Gesellschaft als ein Ausdruck eines neuen Politikstils verstanden werden kann, also als ein staatlich gefördertes ‚Mehr an Demokratie’, oder ob sie als Reduzierung bzw. Auslagerung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen vor dem Hintergrund der Überlastung dieser Systeme zu verstehen ist darüber kann nur spekuliert werden und dies kann daher nicht ein seriöser Teil dieser Untersuchung sein. Bürgerstiftungen von Bürgern für Bürger sind ein Ausdruck dieses bürgerschaftlichen Engagements. Ziel der Untersuchung ist es daher zu zeigen, dass diese Bürgerstiftungen ein integraler, dass heißt wesentlicher und vor allem integrierender Bestandteil des Gemeinwesens sind. Durch ihre innere Verfasstheit können sie nicht nur bürgerschaftliches Engagement fördern, in ihren Projekten das Gemeinwesen stärken, sondern auch Schulen der Demokratie sein. Vor diesem Hintergrund ist es essentiell, die Begriffe Zivilgesellschaft, Kommunitarismus und Dritter Sektor umfassend zu untersuchen, um die Legitimation und Funktion der Bürgerstiftung darstellen zu können.
Die erste Bürgerstiftung Deutschlands gründete sich 1996 in Gütersloh, und auch in anderen Städten wurde seitdem das Modell der Bürgerstiftung aufgegriffen. Doch warum wurde seit Mitte der 1990er Jahre diesem Bereich soviel Aufmerksamkeit und Interesse zuteil? In den modernen demokratischen Verfassungsstaaten Europas (hier besonders Großbritannien und Deutschland) erlangte der Begriff der Zivilgesellschaft (auch im Zusammenhang mit dem kommunitarischen Konzept) vor dem Hintergrund der systemimmanenten Krisen und der fortschreitenden Globalisierung neue Aufmerksamkeit und wurde zu einem gesellschaftspolitischen Konzept erklärt. Zu diesen Krisen zählten (und
3 http://www.bundesregierung.de/nn_1502/Content/DE/Regierungserklaerung/2005/11/2005-11-30-regierungserklaerung-von-bundeskanzlerin-angela-merkel.html, (Zugriff am 14.07.2008) 4 Schröder, Gerhard: Die zivile Bürgergesellschaft, in: Frankfurter Hefte/Neue Gesellschaft, Jg. 47, Heft 4, 2000.
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zählen) die Überlastung der Sozialsysteme, die fehlenden Möglichkeiten von direkter politischer Partizipation der Bürger und die damit einhergehende Politikverdrossenheit. Bürgerstiftungen sind ein Konzept, dass mit regionaler Fokussierung das Stiften demokratisiert, partizipatorische Elemente betont, integrierend wirkt und damit das Gemeinwohl stärkt. In diesem Zusammenhang können die Triebkräfte der zunehmenden Verbreitung und die gesamtgesellschaftliche Relevanz von Bürgerstiftungen als eine Ausprägung von bürgerschaftlichem Engagement verstanden werden.
1.2. Forschungsstand
Da das Konzept der Bürgerstiftung und der Fokus auf den Gemeinsinn ein noch relativ junges Phänomen darstellen, ist die Forschung in Deutschland auf diesem Gebiet allenfalls noch am Anfang. 5 Die Bertelsmann Stiftung als Herausgeber hat durch das Handbuch für Stiftungen und das Handbuch für Bürgerstiftungen zwei Bände vorgelegt, die der Relevanz dieses Themas Rechnung tragen, und hat damit die Entwicklung der Bürgerstiftungen in Deutschland auch durch Förderprogramme wesentlich unterstützt. Diese beiden Bände können als Standardwerke zu allen Aspekten der Stiftungsarbeit gelten. „Die Bertelsmann Stiftung hat sich deshalb in den letzten Jahren verstärkt darum bemüht, die organisatorische Entwicklung von Bürgerstiftungen zu professionalisieren und so einen Beitrag zum Aufbau einer effektiven und nachhaltigen Infrastruktur für bürgerschaftliches Engagement auf lokaler Ebene zu schaffen.“ 6 Zudem bietet der vom Bundesverband Deutscher Stiftungen herausgegebene Band Bürgerstiftungen in Deutschland einen guten Überblick über die Entwicklung von Bürgerstiftungen.
5 Anheier, Helmut: Das Stiftungswesen in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme in Zahlen, in: Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.): Handbuch Stiftungen, Gütersloh, 2003, S. 50. 6 http://www.buergerstiftungen.de/cps/rde/xchg/SID-0A000F0A-D28A700E/buergerstiftungen/hs.xsl/2103.htm, (Zugriff am 10.09.2008)
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Hinsichtlich der Zivilgesellschaft oder des Dritten Sektors sind jedoch umfangreichere Forschungsergebnisse vorgelegt worden. Zu nennen sind hier stellvertretend Ansgar Klein mit seinem Standardwerk Der Diskurs der Zivilgesellschaft, Annette Zimmer mit verschiedenen Beiträgen, u. a. zur Dritte-Sektor Forschung, und Rupert Graf Strachwitz als Vertreter der Stiftungswesen-Forschung und der Zivilgesellschaftsdebatte. Gleiches gilt für das Konzept des Kommunitarismus, das in der vorliegenden Arbeit, neben anderen Ansätzen, als Erklärungsmuster für das Entstehen von Bürgerstiftungen dienen soll. Dieses Konzept wurde seit Ende der 1980er Jahre in der Forschung umfassend diskutiert. Als wichtigste Vertreter dieses Forschungszweiges können für den angelsächsischen Bereich Amitai Etzioni, Michael Walzer, John Rawls und Charles Taylor genannt werden. Aus dem deutschsprachigen Bereich sind hier stellvertretend Walter Reese-Schäfer und Axel Honneth zu erwähnen. Ebenfalls umfangreich ist der Forschungsstand bezüglich des Liberalismus bzw. Republikanismus hinsichtlich deren philosophischer Grundlagen, Strömungen und Entwicklungsgeschichte. Die Geschichte von Stiftungen im Allgemeinen sowie ihre Verortung im Rechtsgefüge der Bundesrepublik Deutschland sind ebenfalls umfangreich dokumentiert.
1.3. Gang der Untersuchung
Ziel dieser Untersuchung ist es zunächst festzustellen, welchen Veränderungen moderne westliche Demokratien unterworfen sind und welche Möglichkeiten für die Stärkung und Wiederbelebung demokratischer Elemente daraus abgeleitet werden können. In diesem Zusammenhang wird die historische, philosophische und politische Dimension der Bürgergesellschaft bzw. der Zivilgesellschaft analysiert. Hierbei wird die Entwicklungsgeschichte dargestellt und die demokratietheoretische Ver-ortung dieses Konzeptes erklärt. Diese eingehende Untersuchung ist für das Verständnis der Legitimation der Bürgerstiftung unerlässlich. Zudem lassen sich aus diesen Konzeptionen, wie z. B. der deliberativen Demo-
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kratie, Handlungsalternativen für die Stabilisierung von demokratischen Systemen ableiten.
Die Arbeit der Bürgerstiftungen ist dem zivilgesellschaftlichen Konzept zugeordnet. Damit nehmen Bürgerstiftungen in ihrer Funktion und Legitimation wesentliche Aufgaben für die Gestaltung des Gemeinwesens wahr. Bei dieser Auswertung werden die zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen analysiert und die Begriffsgeschichte wird entsprechend beurteilt. Zudem werden Wechselwirkungen mit anderen Akteuren und Organisationen der Zivilgesellschaft untersucht und dabei der Bereich der Funktion und der Legitimation klar abgegrenzt. Vor dem Hintergrund der Förderung bürgerschaftlichen Engagements wird das Konzept des Kommunitarismus vorgestellt, um Gemeinsamkeiten mit dem Selbstverständnis von Bürgerstiftungen herauszuarbeiten, denn dieses Konzept betont die Unterstützung von gemeinschaftlichen bzw. regionalen Bezugspunkten und damit die Stärkung von Gemeinsinn und Demokratie durch die Wiederbelebung des republikanischen Bürgerideals. Dabei werden zunächst die Entwicklungsgeschichte und die politischen Grundlagen betrachtet, um dann den praktischen Nutzen des Konzeptes zu untersuchen.
In der folgenden Analyse wird dann gezeigt, welche inhaltlichen und aufgabenspezifischen Unterschiede zwischen der Zivilgesellschaft und dem Non-Profit-Sektor festzustellen sind. Diese Untersuchungen dienen dazu, die Verortung des Konzeptes der Bürgerstiftung in diesen Sphären festzustellen. Auf der Zivilgesellschaftskonzeption basieren beide Leitfunktionen von Bürgerstiftungen. Für die Beurteilung der Bürgerstiftung und ihre besondere Rolle für das Gemeinwesen ist eine Abgrenzung von anderen Stiftungsformen oder anderen Ausprägungen bürgerschaftlichen Engagements notwendig. Hierbei wird die Rolle von Bürgerstiftungen im Bereich der Zivilgesellschaft und ihr Betätigungsfeld vorgestellt. Diese Zusammenhänge werden untersucht, um die Leistungen der Bürgerstiftungen für das Gemeinwesen vor diesem Hintergrund zu beurteilen und die Grenzen bzw. die Konflikte dieses Konzeptes aufzuzeigen.
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1.4. Die Krise der Demokratie
Die Ursachen der Krise der westlichen Demokratie seit den 1980er Jahren sind zahlreich, komplex und stehen häufig miteinander in einem Zusammenhang. Der Glaube an den Allmachtsanspruch des Staates und die Blütezeit des Wohlfahrtsstaates konnten sich vor dem Hintergrund der sich ändernden Rahmenbedingungen nicht mehr behaupten. „Es gab Zeiten, da war in der Tat der Staat der Kristallisationspunkt aller Ideen schlechthin. Heute ist das nicht so.“ 7
Den noch von Fukuyama nach dem Zusammenbruch der totalitären Staaten Osteuropas in den 1990er Jahren postulierten Sieg von liberalen Demokratien als einzige und gerechte Systemalternative und das damit ver-bundene Ende der Geschichte 8 konnten die Probleme der westlichen Demokratien in ihrer inneren Verfasstheit nicht verbergen. Die westlichen Gesellschaften waren durch die Fokussierung auf den Individualismus und die gleichzeitige Vernachlässigung von sozialen Bindungen in der Gesellschaft gekennzeichnet. 9 Die Legitimation des Staates wurde durch diese Prozesse ganz entscheidend geschwächt, denn diese Werteorientierungen verbanden sich mit demographischen und ökologischen Problemen, die zu einer allgemeinen sozialen Ungleichheit führten. Diese Entwicklungen hatten Auswirkungen auf die staatliche Legitimation gegenüber einer Mehrheit der Bevölkerung. Die zusätzliche Einbindung der Nationalstaaten in transnationale wirtschaftliche und politische Bündnisse bzw. Kooperationen ist von den lokalen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen bei den Bürgern scheinbar abgekoppelt und führt daher zu Ablehnung und verstärkter regionaler Abgrenzung. „Die Gefahren für die Demokratie im 21. Jahrhundert kommen auf leisen Sohlen. Die Krise hat einen geräuschlosen Charakter. Sie besteht in der schleichenden Auszehrung von innen: wachsende Distanz des Bürgers zum
7 Strachwitz, Rupert Graf: Der Staat will sich reformieren - wo bleibt eigentlich der Bürger?, in: Frankfurter Rundschau, 11.02.2004.
8 Fukuyama, Francis: Das Ende der Geschichte, München 1992, S. 14.
9 Beck, Ulrich: Risikogesellschaft, Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/Main, 1986, S. 205 ff.
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Staat, schwindende Bindung, Entsolidarisierung, Reduzierung des Sorge-horizontes auf die persönliche Betroffenheit. Die Erosion von Gemeinschaftsbindungen und der Vertrauensverfall gegenüber Institutionen, Verluste an Orientierungsbedingungen sind übersehbar. Die Demokratie sieht sich mit der Auflösung ihrer politisch-kulturellen Grundlagen konfrontiert.“ 10
Diese institutionelle Argumentation richtet sich gegen die systemimmanenten abstrakten Freiheitsrechte in einer globalisierten, immer rationaler werdenden Welt, die die demokratischen Institutionen aushöhlen. 11 Die Abgabe von Souveränitätsrechten der Nationalstaaten an supranationale Institutionen ist verbunden mit einem Vertrauensverlust der Bürger in diese Institutionen. Diese Institutionen sind oft nicht durch nationalstaatliche Willensbildungsprozesse legitimiert, 12 oder die Prozesse sind so abstrakt, dass sich die Bürger diesen Willensbildungsprozessen durch Wahlverdrossenheit entziehen. Die Demokratie ist deshalb nicht wie zur Zeit des Kalten Krieges durch Bedrohungen von außen, sondern vielmehr durch ihre fehlende innere Legitimation gefährdet. Gerade das Konzept der westlichen liberalen Gesellschaft „[...] mit seiner spezifischen Emphase von Individualismus, Marktwirtschaft und seiner auf Recht und Institutionen basierenden politischen Herrschaftsform ist auf moralische, wertmäßige Kontexte angewiesen, wie sie von Traditionen, gemeinsamen Wertevorstellungen oder einer Zivilreligion gestiftet sind.“ 13 Um die Demokratie also zu revitalisieren und zu stabilisieren, müssen ihre legitima-torischen Prozesse belebt werden. Dies bedeutet unter anderem, Assoziationen zu schaffen oder zu stärken, die öffentliche Beteiligung am demokratischen Prozess ermöglichen, und gleichzeitig eine politische Erziehung zu generieren, die diese Prozesse dauerhaft unterstützt. Die Begrün- 10 Weidenfeld,Werner (Hrsg.): Demokratie am Wendepunkt, Die demokratische Frage als Projekt des 21. Jahrhunderts, Berlin 1996. S. 10.
11 Hauchler, Ingomar; Messner, Dirk; Nuscheler, Franz, (Hrsg.), in: Globale Trends 2004/2005, Frankfurt/Main, 2003, S. 14.
12 Schmalz-Bruns, Rainer: Zivile Gesellschaft und reflexive Demokratie, in: Forschungsjournal neue soziale Bewegungen, Jg. 7, Heft 1, 1994, S. 22.
13 Vorländer, Hans: Der ambivalente Liberalismus oder: Was hält die liberale Demokratie zusammen? in: Zeitschrift für Politik, 42. Jg., Heft 3, 1995, S. 253.
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dungszusammenhänge von Demokratie und liberaler Gesellschaft, also die politische Ordnung, sollten bei diesem Ansatz aber nicht vernachlässigt werden. Zu diesen Prämissen zählen die Gewaltenteilung und die damit verbundene Beschränkung von Macht und die Wahrung von Grundrechten. Diese Grundzüge einer politischen Ordnungskonzeption, „[...] in der die individuelle Freiheit und Rechtsgleichheit durch bestimmte Prozeduren und Institutionen gesichert werden“ 14 , sollte dabei als Grundlage dienen.
Vor diesem Hintergrund ist das Konzept der Zivilgesellschaft ein „[...] politisches Ordnungsmodell neuer sozialer Bewegungen. Sie dient ihnen als konzeptioneller Begründungsrahmen radikaldemokratischer Reformpolitik in liberalen Demokratien.“ 15
Bürgerstiftungen agieren in dieser Sphäre. Um ihren Beitrag für das Gemeinwesen beurteilen zu können. ist die Untersuchung der Charakteristik des Konzeptes der Zivilgesellschaft und der ihr immanenten politiktheoretischen Konzepte unerlässlich. Vertrauen und Kooperation müssen somit für den Einzelnen einfacher gestaltet werden, denn es ist nicht ausreichend, ein demokratisches Institutionengefüge zu installieren, sondern es bedarf mündiger und geschulter Bürger, die Demokratie aktiv zu gestalten.
14 Vorländer, Hans: Der ambivalente Liberalismus. oder: Was hält die liberale Demokratie zusammen? in: Zeitschrift für Politik, 42. Jg., Heft 3, 1995, S. 263. 15 Klein, Ansgar: Der Diskurs der Zivilgesellschaft, Opladen, 2001, S. 19ff.
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2. Die Zivilgesellschaft: Theoretische Konzeptionen
und Akteure
2.1. Begrifflichkeit und Entwicklungsgeschichte
Der Zivilgesellschaftsbegriff hat durch seine rund 2500 Jahre alte Geschichte eine beachtliche Tradition erfahren und ist nunmehr in theoriegeschichtlicher Hinsicht und auch im Hinblick auf seine aktuellpolitische Relevanz zu neuer Bedeutung gelangt. Diese Bedeutung zeigt sich u. a. in der Konzeption von politischen Programmen, die eine Reaktivierung von bürgerlichen und zivilgesellschaftlichen Tugenden fordern.„Das Modell Bürgergesellschaft kann auch künftig nur funktionieren, wenn ein gewisses Maß an Gemeinsinn und Bürgertugend vorhanden ist. Dazu werden Wertbezüge bereitgestellt, die bis an die Wurzeln der okzidentalen Stadt zurückreichen.“ 16
Dieser Begriffsgeschichte und ihrer gesellschaftlichen Einordnung und Beurteilung wird im Folgenden vor dem Hintergrund der Thematik dieser Arbeit nachgegangen. Denn Bürgerstiftungen agieren in der Sphäre der Zivilgesellschaft funktional und haben gleichzeitig ihre legitimatorischen Wurzelen in diesem Konzept. 17
Die Begrifflichkeiten Zivilgesellschaft und Bürgergesellschaft werden oft in einem Bedeutungszusammenhang benutzt. Koselleck/Stierle verorten die Veränderung der Begrifflichkeiten mit der Wende 1989 und verbinden die Veränderung mit der Betonung der „[...] zivilisatorischen Kraft einer rechtlich verfassten liberalen Wirtschaftsgesellschaft.“ 18
16 Frey, Manuel: Stiftungen in der Bürgergesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 9, 2008, S. 38.
17 Garonzik, Elan: Community Foundations and Civil Society, in: Bertelsmann Foundation (Hrsg.): Community Foundations in Civil Society, Gütersloh, 1999. S. 16 ff. 18 Koselleck, Reinhart; Schreiner, Klaus: Von der alteuropäischen zur neuzeitlichen Bürgerschaft, in: Koselleck, Reinhart; Schreiner, Klaus (Hrsg.): Bürgerschaft, Stuttgart, 1994, S. 13.
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Der Begriff Zivilgesellschaft ist daher bei Kocka mit dem Begriff der Bürgergesellschaft gleichzusetzen. „Aus der Sicht des Historikers haben Begriffe der sozialen und politischen Sprache Karrieren. Aus randständiger Lage steigen sie auf, gewinnen Verbreitung, werden vielleicht zu Schlüsselbegriffen, bevor sie verblassen und wieder randständig werden. Bürgergesellschaft ist solch ein Begriff: Er steht in einer Phase der Hochkonjunktur, wobei manche von Bürgergesellschaft, andere von Zivilgesellschaft sprechen. Ich gebrauche die beiden Begriffe synonym.“ 19 (so auch bei Klein 20 , Roth 21 u. a.) Dieser Einordnung und Definition schließt sich der Verfasser an und sie wird im Folgenden auch als Grundlage für die Argumentation angenommen.
Grundlegend kann festgestellt werden, dass dem Konzept der Zivilgesellschaft kein theoretisches Ideenleitbild oder ein klassisches Modell immanent ist. Eher ist das Konzept als Muster in einer bestimmten Tradition verortet, die aber mit der Begrifflichkeit der Zivilgesellschaft unterschiedliche Erklärungsansätze verbindet. Schmidt bezeichnet den Begriff sogar „[...] als schwammig, als Allzweckwaffe im wissenschaftlichen, politischen und journalistischen Tagesgeschäft.“ 22
Sachße 23 hingegen beschreibt die Zivilgesellschaft als traditionsreiches, normatives Konzept, das der politischen Gemeinschaft die Möglichkeit der kritischen Selbstreflexion bietet. Durch diese Eigenschaft kann das Konzept der Zivilgesellschaft die Aufgabe wahrnehmen, Reformbedarf in der gesellschaftlichen Entwicklung darzulegen und damit gleichzeitig neue Perspektiven für Gerechtigkeit und Demokratie aufzuzeigen. In der Historie zum Beispiel wurde der Begriff zivil als Antonym für militärisch verwandt. Hettling sieht deshalb in dieser Entwicklung zum einen
19 Kocka, Jürgen: Die Rolle der Stiftungen in der Bürgergesellschaft der Zukunft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 14, 2004.
20 Klein, Ansgar: Der Diskurs der Zivilgesellschaft, Opladen, 2001, S. 19 ff. 21 Roth, Roland: Bürgerschaftliches Engagement - Formen, Bedingungen, Perspektiven, in: Zimmer, Annette; Nährlich, Stefan: Engagierte Bürgerschaft, Opladen, 2000, S. 29. 22 Schmidt, Jürgen: Zivilgesellschaft, Reinbek bei Hamburg, 2007, S. 11. 23 Sachße, Christoph: Traditionslinien bürgerschaftlichen Engagements, in: Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestags (Hrsg.): Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft, Opladen, 2002, S. 23.
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eine „[...] antietatistische Komponente [...]“ und zum anderen die „[...] alte Frontstellung zwischen Obrigkeit und sich selbst regulierender Gesellschaft.“ 24 Denn die Zivilgesellschaft ist auch bei Kocka der Ort „[...] gesellschaftlicher Selbstorganisation zwischen Staat, Ökonomie und Privatheit [...]“ 25 und damit geeignet, reformerisches Potential in die gesellschaftliche Debatte einzubringen und Veränderungen anzustoßen. Eine andere Begriffserklärung kann durch die Übersetzung aus dem angloamerikanischen Sprachraum hergestellt werden. Zivilgesellschaft leitet sich demnach aus dem Begriff der civil society ab und bildet damit eine Grundlage für ein Konzept, das im Kapitel 3 noch vertiefend untersucht wird.
Heute ist der Begriff der Zivilgesellschaft daher eher positiv besetzt und verbindet damit bürgerliche Tugenden in der Tradition der Bürgerlichen Gesellschaft.
Dieser Ansatz, der auf Aristoteles zurückgeht, bezeichnet die Gemeinschaft von Bürgern, die als freie und gleiche Bürger in einer Gesellschaft verbunden sind und gleichzeitig der von ihnen selber getragenen, politischen Herrschaftsform unterworfen waren. Dieses Konzept der civic rekurriert sich auf die Idee der antiken griechischen Polis und war prägend für italienische Stadtstaaten des Mittelalters. Demnach sind in dem Konzept der Zivilgesellschaft gleichzeitig der Republikanismus der Selbstregierung und der Liberalismus der Selbstgesetzgebung präsent. In der Tradition der Überwindung des Naturzustandes zugunsten von Freiheit und Gerechtigkeit steht die Beurteilung von Zivilgesellschaft bei Locke. Dabei steht Locke nicht in der Tradition Hobbes, der den Naturzustand als Ort der Zerstörung begreift. 26 Für Locke sind wir „[...] aufgrund des Be-
24 Hettling,Manfred: Bürgerlichkeit und Zivilgesellschaft, in: Reichardt, Sven; Jessen, Ralph; Klein, Ansgar (Hrsg.): Zivilgesellschaft als Geschichte, Wiesbaden, 2004, S. 45. 25 Kocka, Jürgen: Das Bürgertum als Träger von Zivilgesellschaft, in: Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestags (Hrsg.): Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft, Opladen, 2002, S. 16.
26 Locke, John: Zwei Abhandlungen über die Regierung, in: Euchner, Walter, (Hrsg.): John Locke, Frankfurt/Main, 1992, S. 203.
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sitzes natürlicher Rechte dazu bestimmt, eine Gemeinschaft zu bilden“ 27 , die auch vor und nach der Zustimmung zu einem Gesellschaftsvertrag ihre Gültigkeit behält. „John Locke hatte kein Problem mit der Beziehung von civil government und civil society; die beiden gehören zusammen. Wo die Verfassung der Freiheit herrscht, ist die Bürgergesellschaft das normale Lebensmedium der Menschen.“ 28 Freiheit ist bei Locke also der Schutz des Individualismus vor staatlicher Willkür, und schließt eine Sicherung des Eigentums und die Auslebung von individueller Autonomie ein. Diese Sphäre ist für Locke die „[...] politische oder bürgerliche Gesellschaft.“ 29 Hier sind diese Freiheiten garantiert, die eine individuelle Lebensgestaltung auch in wirtschaftlicher Hinsicht zulassen. !!! % !!! "' ! ++ !!&--"! !#$ (,, // ! " $" 13,, "!!&"" & !!!++ # # ++ $ )!& " $!# !!!! $++ "!!! #-- "! $++ ) ! ! "! "!&& ! "!!'!++ $ "!!" !!,. 20 )- !++! !!$++$" '!$!" &!,,
In der Aufklärung wurde dieses Verhältnis grundsätzlich verändert. Die Bürgerliche Gesellschaft und der Staat wurden nach der Theorie des frühbürgerlichen Liberalismus getrennt und einander entgegengesetzt. Die eine Sphäre bildete der Staat mit der politischen Herrschaft und die
27 Taylor, Charles: Der Begriff der bürgerlichen Gesellschaft im politischen Denken des Westens, in: Brumlik, Micha; Brunkhorst, Hauke (Hrsg.): Gemeinschaft und Gerechtigkeit, Frankfurt/ Main, 1993, S. 129.
28 Dahrendorf, Ralf: Der moderne soziale Konflikt, München, 2004, S. 71. 29 Locke, John: Zwei Abhandlungen über die Regierung, in: Euchner, Walter, (Hrsg.): John Locke, Frankfurt/Main, 1992, S. 254.
30 Taylor, Charles: Der Begriff der bürgerlichen Gesellschaft im politischen Denken des Westens, in: Brumlik, Micha; Brunkhorst, Hauke (Hrsg.): Gemeinschaft und Gerechtigkeit, Frankfurt/ Main, 1993, S. 130.
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andere die Bürgerliche Gesellschaft, die durch Staatsfreiheit, Politikferne und ökonomische Herrschaft gekennzeichnet war.
Insofern ist der moderne Diskurs der Zivilgesellschaft eng mit dem politischen Liberalismus verbunden. „Im liberalen Konzept ist die Rolle der Politik negativ: als Hilfe und Schutz des Individuums vor dem Einfluss des Staates. [...] Das liberale Konzept wird somit staatsfixiert im Sinne negativer Freiheiten und passiver Garantien verstanden (Lassalles ‚Nachtwächterstaat’ oder Nozicks ‚Minimalstaat’).“ 31 Weitere Autoren, die in dem Prinzip der Zivilgesellschaft das Idealbild menschlichen Handelns wahrnahmen, waren u. a. Ferguson, Kant und Montesquieu. „Worüber Montesquieu spricht, wenn er von der politischen Tugend in den Republiken handelt, wird deutlich. Die Regierenden in den Republikenentweder die Aristokratie oder alle Bürger in der Demokratie - müssen bereit sein, partikulare Interessen um des Gesamtwohls willen hintanzustellen.“ 32 Unter dem Eindruck eines absolutistischen Staates war der Begriff der Zivilgesellschaft damit positiv besetzt und wurde mit Freiheit, der Herrschaft des Rechts und einer Abkehr vom Obrigkeitsstaat verbunden.
In diesem Bedeutungszusammenhang sind Tocquevilles Visionen der Vereinigungen und Assoziationen als einziges „[...] Bollwerk gegen einen sanften Despotismus [...]“ 33 zu verstehen. Tocqueville befasste sich in seinem Aufsatz Demokratie in Amerika 34 u. a. mit der Frage, wie in egalitären Demokratien die Macht und der Einfluss von Despoten zurückgedrängt werden können. Tocqueville war der Ansicht, dass die Gleichheit der Bürger und die Demokratie auch gleichzeitig eine Gefahr für die persönliche Freiheit darstellten. Zusätzlich verstand Tocqueville „[...] die
31 Stecker, Christina: Nonprofit-Sektor, Sozialkapital, Zivilgesellschaft, in: Nitschke, Peter (Hrsg.): Die freiwillige Gesellschaft, Frankfurt/Main, 2005, S. 34.
32 Hereth, Michael: Montesquieu über die beste unter den gegebenen Umständen mögliche Verfassung, in: Münkler, Herfried (Hrsg.): Bürgerreligion und Bürgertugend, Baden-Baden 1996, S. 271. 33 Taylor, Charles: Der Begriff der bürgerlichen Gesellschaft im politischen Denken des Westens, in: Brumlik, Micha; Brunkhorst, Hauke (Hrsg.): Gemeinschaft und Gerechtigkeit, Frankfurt/ Main, 1993, S. 143.
34 Tocqueville, Alexis de: Über die Demokratie in Amerika, in: Mayer, Jacob P. (Hrsg.): Alexis de Tocqueville: Werke und Briefe, Stuttgart, 1959.
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maßlose Gier nach Reichtum, die übersteigerte Unabhängigkeitsliebe als große soziale Gefahr [...]“ 35 Tocquevilles Erkenntnis war, dass die Möglichkeit der Isolation der Machthaber gegenüber den Individuen die Einschränkung der Eigenständigkeit und Freiheit zur Folge hat und damit ihre individuellen bzw. wirtschaftlichen Interessen beschränkt werden. „Das ist der Nährboden für eine Zentralisierung der Gewalten und den immer umfassenderen Eingriff in alle Lebensbereiche, auch und gerade in solche, die zum ureigensten Bereich der Freiheit gehören.“ 36 Als empirischer Befund diente ihm das Beispiel der Französischen Revolutionen, die nach dem Versuch der Demokratisierung von Gegenrevolutionen und Putschen geprägt war. Amerika hingegen attestierte Tocqueville eine stabile Demokratie trotz des überaus schwachen Zentralstaates. 37 Gründe für diese Entwicklung waren die Aufgabenverteilung der Sphären Markt, Staat und der politischen Gesellschaft. Diese Gesellschaft kennzeichnete eine lokale Selbstverwaltung und ein freiwilliges Engagement in vielen Bereichen. „Da ist es nicht ein Teil des Volkes, der den Zustand der Gesellschaft verbessern will; das ganze Volk befasst sich damit. Es handelt sich nicht nur darum, für die Bedürfnisse und Bequemlichkeiten einer Klasse, sondern aller Klassen zugleich zu sorgen.“ 38 Diese Sphäre der Zivilgesellschaft (oder der Gemeinde wie sie Tocqueville als kleinste Zelle der Zivilgesellschaft nannte 39 ) war der Ort, wo sich die Bürger aktiv politisch beteiligen konnten. Kommunale Angelegenheiten wurden lokal organisiert, so dass sich kein übermächtiger, die Freiheit einschränkender Staat etablieren konnte. Durch diese gelebte Demokratie wuchs ihre Akzeptanz und die Freiheit wurde nicht als Last oder Bedrohung empfunden. Neben der Bundesstaatlichkeit und den unabhängigen Gerichten, so ar-
35 Tocqueville,Alexis de: Über die Demokratie in Amerika, in: Mayer, Jacob P. (Hrsg.): Alexis de Tocqueville: Werke und Briefe, Stuttgart, 1959, S. 328.
36 Pesch, Volker: Alexis de Tocqueville, in: Massing, Peter; Breit, Gotthard, (Hrsg.), Demokratie-theorien, Schwalbach/Taunus, 2003, S. 155.
37 Pesch, Volker: Alexis de Tocqueville, in: Massing, Peter; Breit, Gotthard, (Hrsg.), Demokratie-theorien, Schwalbach/Taunus, 2003, S. 152.
38 Tocqueville, Alexis de: Über die Demokratie in Amerika, in: Mayer, Jacob P.(Hrsg.): Alexis de Tocqueville: Werke und Briefe, Stuttgart, 1959, S. 279.
39 Tocqueville, Alexis de: Über die Demokratie in Amerika, in: Mayer, Jacob P.(Hrsg.): Alexis de Tocqueville: Werke und Briefe, Stuttgart, 1959, S. 66ff.
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gumentiert Tocqueville, „[...] finde ich in den Gemeindeeinrichtungen, die dadurch, dass sie den Despotismus der Mehrheit mäßigen, zugleich dem Volk den Sinn für Freiheit und die Kunst des Freiseins beibringen [...]“ 40 die Gründe für die Erhaltung des demokratischen Staatswesens. Durch diese Prozesse bildete sich eine Balance zwischen den unterschiedlichen Sphären. Diese Einteilung in die verschiedenen Sphären und die starke Zivilgesellschaft, die durch ihre Regelfunktionen einen übermächtigen Staat und damit die Möglichkeit der Despotie verhinderte, waren für Tocqueville die ausschlaggebenden Gründe für die stabile Demokratie in den USA. „Von allen Freiheiten ist die Gemeindefreiheit, die sich so schwer gründen lässt, zugleich am meisten den Einbrüchen der Gewalt ausgesetzt. Die Gemeindeeinrichtungen vermögen, auf sich selbst angewiesen, gegen eine zupackende und starke Regierung kaum anzukämpfen; sollte sie sich erfolgreich verteidigen, so müsse sie voll entfaltet sein und mit den nationalen Denkweisen und Gewohnheiten verwoben sein.“ 41 Gerade diese Einschätzung Tocquevilles und die Analyse der Gefährdung der Demokratie sind heute durchaus aktuell und bilden eine wichtige normative Grundlage der Zivilgesellschaftsdiskussion. 42 Gerade die Warnung vor der Ausweitung von staatlichen Befugnissen in alle Lebensbereiche als Gefährdung der Demokratie und die Befürwortung von Bürgerengagement und Partizipation für die Stärkung der Demokratie sind durchaus zeitgemäße Herausforderungen moderner Gesellschaften. In der Moderne wurde die Rückbesinnung auf den Begriff der Zivilgesellschaft in den 1970er und 1980er Jahren besonders mit den Staaten des Ostblockes verbunden. Durch diese Ereignisse ist auch eine Begriffsänderung von Bürgergesellschaft zu Zivilgesellschaft im deutschsprachigen Raum festzustellen (zum Beispiel Schmidt). 43 Durch ein Aufbegehren von
40 Tocqueville, Alexis de: Über die Demokratie in Amerika, in: Mayer, Jacob P.(Hrsg.): Alexis de Tocqueville: Werke und Briefe, Stuttgart, 1959, S. 331.
41 Tocqueville, Alexis de: Über die Demokratie in Amerika, in: Mayer, Jacob P. (Hrsg.): Alexis de Tocqueville: Werke und Briefe, Stuttgart, 1959, S. 67 f. 42 Klein , Ansgar: Der Diskurs der Zivilgesellschaft, Opladen, 2001, S.292 f. 43 Schmidt, Jürgen: Zivilgesellschaft, Reinbek bei Hamburg, 2007, S. 11. auch bei Klein, Ansgar: Der Diskurs der Zivilgesellschaft, Opladen, 2001, S. 19 und andere.
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‚unten’ gegen die vormundschaftlichen und totalitären Strukturen der Regime wollten engagierte Bürger in der Tradition bürgerlicher Gesellschaften gegen diese Missstände und die Einschränkung von Freiheit vorgehen bzw. protestieren. Dabei waren durch die verschiedenen Ausgangslagen und Umstände unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt worden. „Während in Polen vor allem ein reformpolitischer und strategischer Zugang zum Begriffsverständnis dominiert, prägen in der Tschechoslowakei ethische und in Ungarn ökonomische Gesichtspunkte die Debatte.“ 44 (ausführlicher bei Schwertmann 2006 und Klein 2001)
Dahrendorf beschreibt deshalb diese Handlungen im Kontext der Zivilgesellschaft als „ [...]vielleicht einzige Quelle der wirksamen Opposition gegen autoritäre und totalitäre Herrschaft [...]“. 45 Ausgehend von dieser Wiederentdeckung des Konzeptes der Zivilgesellschaft in Osteuropa waren noch andere, wesentlichere Gründe ausschlaggebend für die Renaissance dieser Begrifflichkeit in Westeuropa. In den modernen demokratischen Verfassungsstaaten Europas erlangte der Begriff der Zivilgesellschaft vor dem Hintergrund der schon in der Einleitung beschriebenen systemimmanenten Krisen und der fortschreitenden Globalisierung neue Aufmerksamkeit und wurde zu einem gesellschaftspolitischen Konzept erklärt. 46 Diese Krisen führten zu einer Politikverdrossenheit, zu einer damit verbundenen Schwächung der Legitimation der Demokratie und gleichzeitig zu einem Umdenken in der politischen Administration. „Hervorzuheben ist, dass die Debatten um Bürgergesellschaft und bürgerschaftliches Engagement einerseits als Versuch der Politik anzusehen sind, Auswege aus aktuellen Krisensituationen zu finden. Sie sind die Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag unter den Bedingungen einer globalisierten Wirtschaft und einer individualisierten Gesellschaft.“ 47 Ziel dieser Suche sollte die Mobilisierung von zi-
44 KleinAnsgar: Der Diskurs der Zivilgesellschaft, Opladen, 2001, S. 38. 45 Dahrendorf, Ralf: Der moderne soziale Konflikt, München, 1994, S. 70. 46 Schröder, Gerhard: Die zivile Bürgergesellschaft, in: Frankfurter Hefte/Neue Gesellschaft, Jg. 47, Heft 4, 2000, S. 200 ff
47 Priller, Eckhard: Zum Stand empirischer Befunde und sozialwissenschaftlicher Theorie zur Zivilgesellschaft und zur Notwendigkeit ihrer Weiterentwicklung. in: Enquete-Kommission „Zu-
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vilen Akteuren darstellen. In diesen Kontext sind auch die Bürgerstiftungen als eine Ausprägung von bürgerschaftlichem Engagement zu verstehen.
2.2. Basiskonzepte der Zivilgesellschaft
2.2.1. Die Konzeption der Bürgergesellschaft bei Ralf Dahrendorf
Dahrendorf verfolgt in seiner Argumentation drei wesentliche Merkmale der Bürgergesellschaft. Erstens zeichnet sich die Bürgergesellschaft durch eine Vielfalt der Elemente bzw. Organisationen aus, in der sich die Bürgergesellschaft manifestiert. Zudem ist diese Durchdringung vieler Bereiche der Bürgergesellschaft ein Ausdruck von Pluralität und Freiheit, weil durch diese Vielfalt die Interessen aufgeteilt sind und keine Mehrheit die Rechte von Minderheiten unterdrücken kann. „Es gibt eine Fülle von Organisationen und Institutionen, in denen Menschen Dimensionen ihrer Lebensinteressen realisieren können.“ 48 In diesen verschiedenen Organisationen ergeben sich die Möglichkeiten des Engagements in unterschiedlichsten Tätigkeitsbereichen. Dieses Engagement ist geprägt durch monetäre Zuwendungen, durch ehrenamtliche Tätigkeiten oder durch andere Formen der Unterstützung. Zweites Merkmalspektrum für die Bürgergesellschaft bei Dahrendorf ist die Voraussetzung, dass ein Handeln in sozialer Selbstorganisation und durch eine Unabhängigkeit von staatlichen oder parteinahen Einflüssen gewährleistet ist. „Dabei ist unter Autonomie vor allem die Unabhängigkeit von einem Machtzentrum zu verstehen.“ 49 Ebenso wichtig wie die wirtschaftliche Autonomie ist die innere demokratische Verfasstheit der Institutionen und Gruppen.
Drittes Merkmal für das Funktionieren der Bürgergesellschaft sind die Zivilcourage und der Bürgersinn als Handlungstugenden. Diese Eigen-
kunftdes Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestags (Hrsg.): Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft, Opladen, 2002, S. 40. 48 Dahrendorf, Ralf: Der moderne soziale Konflikt, München, 1994, S. 69. 49 Dahrendorf, Ralf: Der moderne soziale Konflikt, München, 1994, S. 69.
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schaften werden nach Dahrendorfs Argumentation nicht vom Staat oder anderen Institutionen oktroyiert, sondern aktiv von der Bürgerschaft durch die innere Verfasstheit und die Tugenden gelebt. Hier ist deutlich ein idealisiertes Menschenbild Voraussetzung in Dahrendorfs Überlegungen. Daher nimmt bei Dahrendorf die politische Bildung und Erziehung in Assoziationen eine hohen Stellenwert ein, um dadurch eine aktive Öffentlichkeit zu generieren. 50
Im Gegensatz zur globalisierten Zentralisierung der Entscheidung in der Sphäre Staat wird die Entscheidungsfindung im zivilgesellschaftlichen Modell im lokalen Rahmen getroffen. Bestimmender Vorteil ist der unmittelbare Kontakt zu Problemlagen, der zu konkreten, den lokalen Bedingungen angepassten Lösungsmöglichkeiten führen kann. Voraussetzung für diese Handlungsoptionen sind die Struktur und die innere Verfasstheit der Zivilgesellschaft. Prägend dabei ist das Fehlen von langwierigen Aushandlungsprozessen in verschiedensten Gremien oder durch Gesetzgebungsprozesse, wie sie in der Sphäre Staat mitunter zu Hemmnissen und politischem Stillstand führen. Zudem ist durch zivilgesellschaftliches Handeln eine höhere Geschwindigkeit in der Realisierung von Projekten erreichbar, die durch staatliches Handeln aufgrund der strukturbedingten Komplexität nicht möglich ist. Simple Beispiele hierfür können Nachbarschaftsinitiativen nach Naturkatastrophen sein (Flutkatastrophe in Deutschland 2002) oder Bürgerinitiativen, die mit bunten Ideen und Initiativen ortsbezogen gegen die Verbreitung rechten Gedankenguts vorgehen. Diese Methoden und Möglichkeiten beschreiben auch eine eigene ‚Gesetzgebung’ in der Zivilgesellschaft, die durch die Projektbezogenheit und den lokalen Bezug ursprüngliche demokratische Werte vermittelt und stärkt. Dieser Lernprozess hat dann unmittelbare Auswirkungen auf das Vertrauen in demokratische Prozesse. Diese Voraussetzungen sind auch für die Konzeption der Bürgerstiftung prägend.
50 Massing, Peter: Ralf Dahrendorf, in: Massing, Peter; Breit, Gotthard, (Hrsg.), Demokratietheorien, Schwalbach/Taunus, 2003, S. 232.
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Dahrendorf unterscheidet überdies ausschließlich zwischen der staatlichen und der zivilgesellschaftlichen Sphäre. „Kleine und mittlere Unternehmen sind ebenso Bestandteile der Bürgergesellschaft wie Stiftungen, Vereine und Verbände.“ 51 Begründung für diese Analyse ist das private Eigentum, das Dahrendorf als Voraussetzung für autonomes Handeln sieht. Demnach sind private finanzielle Mittel nötig, um zivilgesellschaftlich handeln zu können. Damit grenzt er sich in seiner Argumentation deutlich von anderen Autoren ab, die eine Einteilung in Wirtschaft bzw. Markt, Staat und Zivilgesellschaft vornehmen. Zum Beispiel verorten Kocka 52 , Stecker 53 , Klein 54 und Priller 55 die Zivilgesellschaft außerhalb der Sphären Markt und Staat, weil sie das Konzept als Gegenmacht zum Staat begreifen. 56 Hetting ergänzt diese Trennung in seiner Argumentation folgerichtig und merkt dazu an, dass diese Unterscheidung zwar sinnvoll sei, warnt aber gleichzeitig vor einer Entpolitisierung der Dimension der Zivilgesellschaft. Deshalb sollten die Wechselwirkungen und Konflikte zwischen den verschiedenen Sphären bei der Beurteilung und der Analyse mit berücksichtigt werden. 57 Außerdem kann argumentiert werden, dass die Politisierung nicht vernachlässigt werden sollte, da die eben beschriebe ‚Gesetzgebungsfunktion’ und Demokratisierung mit ihren unmittelbaren Folgen einen Kern der Zivilgesellschaft darstellt.
2.2.2. Vertrauen und Sozialkapital
Aus diesen beschriebenen Assoziationen und dem gemeinschaftlichen Handeln in Verbindung mit den Regeln und Normen, die dieses Handeln
51 Dahrendorf, Ralf: Der moderne soziale Konflikt, München, 2004, S. 69. 52 Kocka, Jürgen: Die Rolle der Stiftungen in der Bürgergesellschaft der Zukunft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 14, 2004, S. 3 - 7.
53 Stecker, Christina: Nonprofit-Sektor, Sozialkapital, Zivilgesellschaft, in: Nitschke, Peter (Hrsg.): Die freiwillige Gesellschaft, Frankfurt/Main, 2005, S. 38. 54 Klein Ansgar: Der Diskurs der Zivilgesellschaft, Opladen, 2001, S. 261. 55 Priller, Eckhard: Zum Stand empirischer Befunde und sozialwissenschaftlicher Theorie zur Zivilgesellschaft und zur Notwendigkeit ihrer Weiterentwicklung. In: Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestags (Hrsg.): Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft, Opladen, 2002, S. 39.
56 Stecker, Christina: Nonprofit-Sektor, Sozialkapital, Zivilgesellschaft, in: Nitschke, Peter (Hrsg.): Die freiwillige Gesellschaft, Frankfurt/Main, 2005, S. 38.
57 Hetlting, Manfred: Bürgerlichkeit und Zivilgesellschaft, in: Jesse, Ralph (Hrsg.): Zivilgesellschaft als Geschichte, Wiesbaden, 2004, S. 45 f.
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in einem sozialen Gefüge bestimmen, kann der Begriff soziales Kapital 58 oder Sozialkapital 59 abgeleitet werden. Diese Einschätzung geht auf eine Untersuchung von Robert Putnam 60 zurück, die sich auf theoretische Konzepte von Bourdieu 61 und Coleman 62 stützt. Putnam untersuchte in Italien die Messbarkeit von Sozialkapital. Zudem stellte er in seinen Untersuchungen fest, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen einem ausgeprägten Gemeinschaftswesen, einer akzeptierten Regierung und wirtschaftlicher Prosperität gibt. 63 Die Begrifflichkeit des sozialen Kapitals grenzt sich daher vom klassischen Kapitalbegriff dahingehend ab, dass mit Sozialkapital kein Geldwert gemeint ist, der einen Eigentümer hat und damit einklagbar wäre. „Der Begriff "soziales Kapital" signalisiert, dass Handlungsmöglichkeiten und gesellschaftliche Anerkennung nicht nur von Eigentum (ökonomisches Kapital) und Wissenskompetenzen (kulturelles Kapital), sondern auch von der Qualität sozialer Beziehungen abhängen. Er bezeichnet in der Regel die sozialen Netzwerke, das wechselseitige Vertrauen und die Anerkennung geteilter Normen, von denen Individuen, Gruppen oder ganze Gesellschaften profitieren.“ 64 Dieses Konzept beschreibt zudem den Wert von sozialen Bindungen und die Werte, die in diesen Beziehungsgeflechten geschaffen werden. Soziales Kapital entsteht durch die Interaktion in einer Gruppe und wird nur in engen sozialen Netzen gebildet. „Die wichtigste Form des sozialen Kapitals sind Verpflichtungen und Erwartungen. Für diese ist das Vertrauensverhältnis zentral.“ 65 Auf dieser Basis von Vertrauen können gemeinschaftliche Interessen leichter verfolgt werden. Dies wiederum erleichtert den
58 Pankoke, Eckart: Sinn und Form freien Engagements, in: Münkler, Herfried; Fischer, Karsten (Hrsg.): Gemeinwohl und Gemeinsinn, Rhetoriken und Perspektiven sozialmoralischer Orientierung, Band 3, Berlin, 2002, S. 265 ff.
59 Stecker, Christina: Nonprofit-Sektor, Sozialkapital, Zivilgesellschaft, in: Nitschke, Peter (Hrsg.): Die freiwillige Gesellschaft, Frankfurt/Main, 2005, S. 27 ff. 60 Putnam, Robert (Hrsg.): Gesellschaft und Gemeinsinn, Gütersloh, 2002. 61 Bourdieu, Pierre: Praktische Vernunft, Frankfurt/Main, 1998. 62 Coleman, James: Grundlagen der Sozialtheorie, Band I und II München, 1995. 63 Putnam, Robert: Making Democracy Work: Civic Traditions in Modern Italy. Princeton, 1993. 64 Haus, Michael: Zivilgesellschaft und soziales Kapital im städtischen Raum, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 03, 2005, S. 26.
65 Stecker, Christina: Nonprofit-Sektor, Sozialkapital, Zivilgesellschaft, in: Nitschke, Peter (Hrsg.): Die freiwillige Gesellschaft, Frankfurt/Main, 2005, S. 29.
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Aufbau von Netzwerken und stärkt damit die Motivation von sozialem und bürgerschaftlichem Engagement. „So erhöht das soziale Kapital, etwa als Beziehungsreichtum, nicht nur die individuelle Lebensqualität, sondern fördert als öffentliches Gut zugleich Kräfte der gesellschaftlichen Entwicklung.“ 66 Dieser gesellschaftliche Nutzen spiegelt sich auch in der dann höheren Bereitschaft zur politischen Partizipation wider. Gleichzeitig ist nach diesem Konzept dann die ‚Höhe’ des Sozialkapitals in einer Gesellschaft ausschlaggebend für die soziale und kulturelle Leistungsfähigkeit. Wie schon gezeigt, haben Organisationen der Zivilgesellschaft, in denen Sozialkapital durch Netzwerke als Ressource gebildet wird, nicht nur gesamtwirtschaftliche Bedeutung, sondern vor allem erhebliches Potential für die Zivilgesellschaft selbst. Demnach hat die Förderung von assoziativen Aktivitäten nicht nur für die Beteiligten selbst positive Effekte, sondern hat auch eine Außenwirkung und damit gesamtgesellschaftliche Relevanz. Dabei sollten die Unterschiede zwischen Gemeinnützigkeit, ehrenamtlicher Tätigkeit und Sozialkapital beachtet werden. „Soziales Kapital bezieht sich auf soziale Netzwerke unterschiedlicher Form, insbesondere auf Netzwerke aus Individuen der Gesellschaft. Ehrenamtliche Tätigkeit [...] ist zwar Teil des sozialen Kapitals, aber nicht alles soziale Kapital stützt sich auf Ehrenamtlichkeit.“ 67 Netzwerke können zum Beispiel nach dem kommunitarischen Konzept (siehe Kapitel 3) auch in der Nachbarschaft entstehen und positive Auswirkungen auf die Lebensqualität haben. Aus dieser Sichtweise wird in diesen Netzwerken Vertrauen aufgebaut, das natürlich bei der Gründung eines Vereins oder einer Stiftung von substantieller Bedeutung sein kann. Dieses Vertrauen, das sich in diesen assoziativen Aktivitäten bildet, ist demnach eine Voraussetzung für die Gründung einer Bürgerstiftung. In diesem Handlungs-
66 Pankoke,Eckart: Sinn und Form freien Engagements, in: Münkler, Herfried, Fischer Karsten (Hrsg.): Gemeinwohl und Gemeinsinn, Rhetoriken und Perspektiven sozialmoralischer Orientierung, Band 3, Berlin, 2002, S. 283.
67 Putnam, Robert: Soziales Kapital, in: Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestags (Hrsg.): Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft, Opladen, 2002, S. 260.
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MA Sven Sochorik, 2008, Bürgerstiftungen als integraler Bestandteil des Gemeinwesens, München, GRIN Verlag GmbH
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