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INHALTSVERZEICHNIS
I) E i n l e i t u n g S e i t e 3
II.) Leben und Arbeit von Milena Jesenská in den Jahren 1937-1944 Seite 4
a) „Sie sind die lebendigen Zeugen einer großen Seite 4
Vergewaltigung und einer mächtigen Lüge“ - Prag als Zentrum
der antifaschistischen Emigration
b) „Und die Deutschen drillten die Jugend in den Turnhallen Seite 8
darauf , die Rechte zu heben“ - Vom „Anschluss“
Österreichs bis zur Zuspitzung vor dem Münchener Abkommen
c) „Aber nicht wir sind es, die diesen Frieden gemacht haben.“ Seite 12
- Milena Jesenská in der „Zweiten Republik“
d) „Nie habe ich so viele Menschen schweigen gehört“ - Seite 13
Die Besatzungszeit vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs
e) „Das Wort FREIHEIT ist in feurigen Buchstaben in unseren Seite 18
Herzen eingeschrieben“ - Milena Jesenská nach dem deutschen
Angriff auf Polen
f) „Sie vermochte es, mit ihrer Spontanität die Menschen Seite 24
mitzurei ßen. “ - Das Konzentrationslager Ravensbrück
III.) Zusammenfassung Seite 26
IV.) Literaturverzeichnis Seite 28
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I.) EINLEITUNG
Milena Jesenská ist bisher in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Und wenn, dann meist als Empfängerin von Kafkas berühmten „Briefen an Milena“. Allein die Tatsache, dass sie selbst schon in den 20er Jahren viele Feuilletons in Prager Zeitungen veröffentlichte, wurde bisher in weiten Teilen der Forschung kaum wahrgenommen. Und eine weitere, sehr wichtige Zeit ihres Wirkens geriet ebenso in den Hintergrund: Milena Jesenskás Leben ab 1937, als sich die politische Lage in Europa und insbesondere in der Tschechoslowakei immer weiter zuspitzte. In dieser Zeit war Jesenská für die Prager Zeitschrift Pítomnost tätig. Vor allem in Prag erfreuten sich ihre politischen Reportagen einer großen Leserschaft. Und um genau diese Artikel soll es hier gehen: Ziel der Hausarbeit ist es, Milena Jesenskás Arbeit vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse in der Tschechoslowakei und in Europa zu betrachten. Für die Tschechoslowakei war es eine sehr schwierige Zeit mit vielen Spannungen und Krisen: Zunächst ist hier die Entwicklung Prags zu einem Zentrum der antifaschistischen Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland zu nennen, und das bereits Mitte der 30er Jahre. Nach dem für viele schockierenden Münchener Abkommen 1938 waren es nun auch Tschechen, die zur Flucht gezwungen waren. Das nur ein halbes Jahr darauf nächste schicksalhafte Ereignis war die Besetzung der verbliebenen Gebiete des tschechischen Teils des Landes im März 1939. Und als dann zu Beginn des Zweiten Weltkrieges Polen von deutschen Truppen überfallen wurde, war auch eine für Verfolgte oft lebensrettende Emigration aus dem „Protektorat“ kaum mehr möglich.
Wie gestaltete sich nun Milena Jesenskás Arbeit während dieser schicksalhaften Ereignisse? In dieser Hausarbeit kann zwar keine komplette Analyse ihrer zahlreichen Artikel in diesen Jahren erfolgen, jedoch soll an vier ausgewählten Einzelbeispielen aus den wichtigsten Phasen dieser Zeit versucht werden, ihre journalistische Tätigkeit zu beleuchten. Wie reagierte sie in ihren Artikeln auf die zunehmende Bedrohung durch die Nationalsozialisten? Lassen sich Parallelen zwischen den Reportagen aus den jeweiligen Jahren erkennen oder lässt sich vielleicht sogar eine Entwicklung beobachten? Wie reagiert Jesenská nach der Besetzung Prags auf die deutsche Zensur der Presse? Nach dem Verbot der Pítomnost arbeitete sie für die Widerstandsgruppe „V boj“ und schrieb auch hier Artikel. In welcher Art und Weise verfasste sie diese?
Natürlich ist es notwendig, bei einer solchen Analyse auch Milenas Leben in dieser Zeit genauer zu betrachten. Dabei werden in dieser Hausarbeit wichtige biographische Aufarbeitungen als Quelle verwendet: Neben der Biografie Jesenskás von Alena Wagnerová auch das Werk Margarete Buber-Neumanns. Sie war eine Mitgefangene und enge Freundin
4
Milenas im Konzentrationslager Ravensbrück. Eine der bedeutendsten Kennerinnen des Lebens von Milena Jesenská ist Marie Jirásková. Die Literaturwissenschaftlerin arbeitet am Prager „Institut für Zeitgeschichte“ und hat durch die Befragung wichtiger Zeitzeugen (etwa Joachim von Zedtwitz in der Schweiz) sowie die intensive Auswertung der vorliegenden Quellen bisher nicht bekannte Fakten aus Milena Jesenskás Leben herausgefunden. In ihrem Buch untersucht sie auch Aktenbestände, die erst Mitte der 90er Jahre wiederentdeckt wurden. Es handelt sich um Unterlagen des „Fonds deutscher Prozesse“, die in den 50er Jahren von DDR-Behörden an die Tschechoslowakei weitergegeben wurden und seitdem versiegelt und der Forschung unzugänglich aufbewahrt worden waren. Darunter befindet sich auch die Akte des Strafverfahrens gegen Milena Jesenská in Dresden, die einen für die Forschung äußerst interessanten Einblick in die Vorgehensweise der Gestapo wie auch die Umstände der Verhaftung Milena Jesenskás bieten kann. 1
Diese Hausarbeit soll durch die Analyse der ausgewählten Artikel Jesenskás vor dem Hintergrund ihres Werdegangs und der politischen Ereignisse dazu beitragen, dem Leser ein Gesamtbild des Wirkens dieser engagierten Frau von 1937 an bis zu ihrem Tod 1944 zu vermitteln.
II.) LEBEN UND ARBEIT VON MILENA JESENSKÁ IN DEN JAHREN 1937-1944
a) „Sie sind die lebendigen Zeugen einer großen Vergewaltigung und einer mächtigen Lüge“ 2 - Prag als Zentrum der antifaschistischen Emigration
Als Milena Jesenská 1937 ihre ersten Artikel über die bedrohliche Lage in Europa schrieb, hatte sie ihre Arbeit bei der Pítomnost gerade erst begonnen. Ihre vorherige Tätigkeit bei der kommunistischen „Svt Prace“ hatte sie abrupt beendet, nachdem es 1936 zum endgültigen Bruch zwischen ihr und der kommunistischen Partei gekommen war 3 . Dieses Ereignis sollte noch Auswirkungen auf die Zukunft der Journalistin haben, insbesondere auf die Zeit im Konzentrationslager Ravensbrück und auf ihr dortiges Verhältnis zu kommunistischen Mitgefangenen. Nachdem es Jesenská aufgrund der nun folgenden Arbeitslosigkeit auch materiell schlecht ergangen war, begann sie Anfang 1937, wichtige Aspekte ihres Lebens radikal zu ändern. Zunächst befreite sie sich durch eine Entziehungskur von der Medikamentenabhängigkeit, die bisher ihr Leben negativ beeinträchtigt hatte. Wagnerová sieht darin eine wichtige Voraussetzung für Jesenskás mutige Arbeit der kommenden Jahre: Sie
1 Jirásková, S. 8
2 „Gestrandete Menschen“, In: Alles ist Leben, S. 163
5
mache die Entziehungskur, „[...] als ob sie wüsste, dass sie sich in der Zeit, die ihr bevorsteht, den „Luxus“ der Drogenabhängigkeit nicht wird leisten können 4 “. Der nächste für Jesenská positive Schritt sei, so Wagnerová, dann der Beginn der Arbeit für die Pítomnost gewesen. Dies habe nicht nur das Ende ihrer Arbeitslosigkeit bedeutet, sondern auch den Beginn einer Tätigkeit, die Milenas Fähigkeiten entsprochen habe, nämlich „aktuelle, gründlich recherchierte Reportagen [zu] schreiben 5 “. Vergleicht man die Thematik der folgenden Reportagen mit einigen Themenbereichen, zu denen sie noch in den Jahren zuvor bei anderen Zeitschriften geschrieben hatte, also etwa für eine Moderubrik, so ist schon eine positive Entwicklung zu erkennen - Die Pragerin konnte ihre vielfältigen Fähigkeiten und ihr mutiges Engagement nun viel eher zur Geltung bringen. Wenn man die bedrohliche politische Situation 1937 betrachtet, ist dazu auch schon bald Gelegenheit: Nachdem bereits direkt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland die ersten Emigranten in die Tschechoslowakei gekommen waren, hatte sich Prag nun zu einem Zentrum der Emigration antifaschistisch eingestellter Deutscher entwickelt. Jesenská selbst baute sich in dieser Zeit wichtige Kontakte zu Emigrantenkreisen in Prag auf: So hatte sie in der Redaktion der Pítomnost den ehemaligen Herausgeber der „Weltbühne“ in Wien, Willi Schlamm, kennengelernt. Schlamm, selbst Jude, Exkommunist und Antifaschist, verschaffte Jesenská nun Kontakte zu weiteren Emigranten in Prag 6 . Über die Thematik der Emigration schrieb Milena Jesenská im Oktober 1937 die Reportage „Gestrandete Menschen“ für die Pítomnost, in der sie die dramatische Lage dieser Flüchtlinge eindrucksvoll darstellt. Als ein erstes Beispiel für ihre Werke in diesen Jahren soll an dieser Stelle nun die Reportage genauer beleuchtet werden: Zu Beginn ihres Artikels zeigt Jesenská auf, dass es für sie noch keineswegs bloße Routine ist, als Journalistin über das große Leid anderer Menschen zu berichten. In dieser Einleitung klingt das fast wie eine Entschuldigung: „Ich musste ihnen wie ein Mensch vom anderen Ufer vorkommen, der mit seinem Bleistift das Maß ihres Leidens festhält. Ich stand beschämt vor ihnen, denn mich erwartete ein freundliches Heim, Arbeit und ein Morgen“. Doch auch ihre eigene Sicherheit, ihr „freundliches Heim“, erscheint im folgenden langfristig bedroht: Es wird deutlich, dass Jesenská auch für die Tschechoslowakei eine mögliche Gefahr sieht („Sollte aber der Boden meiner eigenen Heimat dereinst unter der vernichtenden Explosion erbeben, die ihre Heimat erschütterte [...]“ 7 ). „Um wen es geht“ - in diesem erklärenden Teil ist es zunächst einmal auffällig, dass die Autorin statistische Zahlen über Anzahl und soziale wie
3 Wagnerová, S. 147
4 ebd. S. 150
5 ebd. S. 151
6 ebd. S. 155f
7 „Gestrandete Menschen“, In: Alles ist Leben, S. 153
6
politische Zusammensetzung der Emigranten voranstellt 8 . Statistiken und Erklärungen, wie sie so oder ähnlich sicherlich auch in anderen Berichten zu finden und somit relativ bekannt waren. Was Milena Jesenskás Pítomnost-Artikel aber so besonders macht, wird im folgenden deutlich: So schildert sie zunächst die Geschichte der Hilfe für die Flüchtlinge in der Tschechoslowakei, die in der ersten Zeit durch sogenannte „Patronate“ spontan und unbürokratisch von der einfachen Bevölkerung versorgt worden seien. Es bleibt aber nicht bei dieser Situation: Im folgenden übt Jesenská Kritik an bürokratischen Hindernissen, die die Lage der Emigranten erheblich erschwerten. In diesem Zusammenhang nennt sie zunächst das Arbeitsverbot, das den Flüchtlingen auferlegt wurde: „Der Mensch, der seine Arbeit verloren hat, möchte sich auch gern durch etwas Arbeit für seinen Teller Kartoffelsuppe erkenntlich zeigen. Er nähme dadurch niemandem ein Einkommen weg, denn der Hausherr würde für diese Arbeit doch niemanden einstellen“ 9 . Dass selbst die simpelsten Arbeiten für die Flüchtlinge verboten seien, und das ohne einen ersichtlichen Grund, ist für Jesenská nicht hinnehmbar. Und im Rahmen dieser Kritik ist noch ein Aspekt zu nennen, mit dem die engagierte Journalistin über das bloße Darstellen der Statistiken hinausgeht: So schildert sie im folgenden das schockierende Schicksal einzelner Emigranten. Sie beschreibt genau die Hintergründe dieser Einzelfälle, und diese ergeben ein viel eindrücklicheres Bild als die zu Anfang genannten Zahlen. So nennt sie etwa den Fall von „Josef B.“, der bisher durch die sogenannten „Patronate“ und die Hilfsbereitschaft der einfachen Bevölkerung Unterstützung fand und nun aus nicht nachvollziehbarer bürokratischer Willkür heraus in das weit entfernte Iglau weitergeschickt wird, und das trotz der Intervention zahlreicher örtlicher Abgeordneter und Bürger. „Man stelle sich nun den Flüchtling vor, zum zweiten Mal um sein tägliches Brot gebracht, wie er Kilometer auf Kilometer zu Fuß zurücklegt, um in einen Ort zu gelangen, den er nicht kennt, in dem er nie war, wo er jedem fremd ist, und wo es eine Menge deutscher Henleinanhänger gibt, die seine wie unsere Feinde sind“ 10 , kritisiert Milena Jesenská die offensichtliche bürokratische Willkür. Auf diese Weise nennt sie mehrere Fälle als Beispiele: Etwa auch den des „jüdischen Emigranten M.“, der kurz vor dem lange ersehnten Wiedersehen mit seiner Frau an einem Treffpunkt an der Grenze nur wegen einer Lapalie, in diesem Fall wegen nicht ganz korrekter Reisepapiere, von der tschechoslowakischen Polizei sogar inhaftiert wird 11 . Die Festnahme eines offensichtlich unschuldigen Menschen, die noch dazu ein Familiendrama zur Folge hat - ein Vorgang, auf den die Leser bereits an dieser Stelle verständnislos reagiert haben werden. Noch unverständlicher wird die bürokratische Willkür, wenn der Emigrant nun durch einen Hungerstreik gegen seine beklemmende Situation zu protestieren versucht und nur deshalb, so die Schilderung, sogar
8 vgl. ebd. S. 154f
9 ebd. S. 156
10 ebd. S. 156f
7
seine Ausweisung droht. Nur eine viel zu kurze Frist von 14 Tagen sei ihm, so Jesenská, gewährt worden, um nach Amerika auszuwandern. Selbst bei einem unwahrscheinlichen Erfolg dieses Versuches bedeute dies eine Trennung der Familie.
Als weitere Form der Flüchtlingsunterbringung schildert Jesenská die Unterbringung in „Wohnkollektiven“. Und auch hier stellt sie äußerst kritisch dar, wie die Realität, die sie bei ihren Recherchen angetroffen hat, aussieht: „Es sieht dort so aus: Kahle Räume mit sechs bis acht Eisenbetten, ohne Bettwäsche, hier und da ein Schrank aus Kisten gezimmert“ 12 . Darüber hinaus müssten die Menschen noch eine völlig übertriebene Miete für diese menschenunwürdige Unterkunft zahlen. Mit äußerst detaillierten Beobachtungen ihrer Recherchen führt Jesenská ihre Schilderung aus, und kritisiert die Not der Menschen. Sehr eindrücklich ist etwa auch ihre Beschreibung einer jungen Frau, die lange in Deutschland verhaftet war und von den dortigen Bedingungen berichtet: „Was heißt das: Kleinigkeiten? Nun, Schläge mit dem Lineal auf den Kopf, Schläge auf die Gelenke. Das sollen Kleinigkeiten sein? Freilich - und wieder dieses unbeschreibliche Lächeln - freilich, das sind in Deutschland Kleinigkeiten. Haben Sie ein Kind? Ja. Das klingt ganz leise und hart. Wo? In Deutschland. Haben Sie Angst um das Kind? Schulterzucken.“ 13 Gerade diese detaillierte Schilderung des Gespräches mit der Frau dürfte ihre erschreckende Wirkung beim Leser nicht verfehlt haben. Durch ihre genauen Beobachtungen schafft es Jesenská bei diesem und den anderen Beispielen, die Realität aufzuzeigen, die ihren Recherchen zufolge wirklich hinter den bloßen Statistiken steht. Um so bedrückender empfindet man als Leser dann natürlich die angesprochenen bürokratischen Hindernisse, oder etwa die Tatsache, dass sich das Spendenaufkommen für die Emigranten von Jahr zu Jahr verringerte. 14 Auch diese Statistik, die Jesenská hier anspricht, stellt wiederum einen Gegensatz zu der Schilderung der bedrückenden Einzelschicksale dar. „Dieses Häuflein Vertriebener kann uns lehren, was das Hakenkreuz ist: sie sind die lebendigen Zeugen einer großen Vergewaltigung und einer mächtigen Lüge. Mit ihrem Körper legen sie hier unter uns Zeugnis ab [...]“ 15 , schreibt Jesenská abschließend und genauso eindrücklich. Und sie stellt konkrete politische Forderungen, etwa die Aufhebung des Arbeitsverbotes. Insgesamt beweist Milena Jesenská mit dieser Reportage über das Schicksal der Emigranten also schon, wie sie durch detaillierte Recherchen und Beobachtungen und eine entsprechende Darstellung in ihren Artikeln in der Lage ist, den Lesern die beklemmende Situation genau vor Augen zu führen. Ihre Reportage zählt sicherlich zu den eindrücklichsten Schilderungen über Emigrantenschicksale in dieser Zeit.
11 ebd. S. 158f
12 ebd. S. 160
13 ebd. S. 161
14 ebd. S. 163
15 ebd. S. 163f
Arbeit zitieren:
Volker Mohn, 2002, Milena Jesenská in den Jahren 1937 bis 1944, München, GRIN Verlag GmbH
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