I. Einleitende Worte
Den zweiten Teil meines ersten Praxissemesters habe ich im Bereich der Seniorenberatung beim Amt für soziale Angelegenheiten absolviert. Zentral beschäftigte ich mich in dieser Zeit die Frage, wie die Altersphase im 21. Jahrhundert, im Zuge der Globalisierung und Individualisierung, gesellschaftlich gestaltet ist.
Welche Anforderungen stellt der Lebensabend an den älteren Menschen? Inwieweit finden Senioren in dieser Lebensphase öffentliche Unterstützung und entspricht diese Hilfestellung auch deren Bedürfnissen und Erwartungen? Der Fall - die Gestaltung der Altersphase im Sinne von Optionen der Entwicklung eines Lebensentwurfs im Lebensalter - wurde theoretisch reflektiert, in einen objektiven Rahmen eingebettet und mit Hilfe empirischer Daten belegt und analysiert.
Der erste Teil der Ausarbeitung gibt einen kurzen Überblick darüber, welchen Status der ältere Mensch in den unterschiedlichen Kulturen einnahm und wie ›Alter‹ aktuell definiert wird.
Der Prozess des Älterwerdens in der Moderne birgt Chancen, als auch Risiken; diese werden im zweiten Teil der Darstellung elaboriert. Die psychosoziale Situation älterer Menschen wird mit Hilfe verschiedener Texte von Frau Dr. Cornelia Schweppe, Diplompädagogin und Sozialwissenschaftlerin, illustriert. Dem sozialen Wandel und den brüchig gewordenen traditionellen Familien- und Orientierungsmustern wird im ersten Teil der folgenden Ausarbeitung besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Der Inhalt des Handlungsfeldes der Praxisstelle in der Seniorenberatung beim Amt für soziale Angelegenheiten bezieht sich zentral auf die Beratung der Möglichkeiten ambulanter Unterstützung älterer Menschen; die konkrete Darstellung der Sachbereiche erfolgt im vierten Abschnitt. Wie die Seniorenhilfe derzeit gesellschaftlich arrangiert ist, welche objektiven Möglichkeiten geboten sind, wie und wo Seniorenhilfe rechtlich verankert ist und welche professionellen Hilfen und Angebote für ältere Menschen bereitstehen, wird in den darauf folgenden Absätzen charakterisiert. Die theoretischen Erkenntnisse aus den Texten und der Einbettung des Falls in den gegenwärtig objektiv gegebenen Kontext wurden durch statistische Daten
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und qualitativ empirische Materialien (eigene Aufzeichnungen während Hausbesuchen) ergänzt. Diese Daten bieten eine Folie, auf der die Vorstellung der älteren Generation und das Erleben zweier Seniorinnen beschrieben und analysiert wird.
Die Reflexion der vorliegenden Texte veranschaulicht, dass die Biographie älterer Menschen eine der wichtigsten Ressource darstellt, Zugang zu deren Erwartungen und Bedürfnissen zu erhalten und gleichzeitig die Basis darstellt, gemeinsam mit den Betroffenen einen neuen Lebensentwurf als Zukunftsperspektive zu erarbeiten.
Aus der Analyse der empirischen Daten konnte herauskristallisiert werden, dass die Wohnsituation, in Bezug auf der Herstellung oder Aufrechterhaltung der Autonomie der Lebenspraxis älterer Menschen, eine entscheidende Rolle spielt. Ein Umzug in eine stationäre Einrichtung bedeutet für viele nicht nur alte Gewohnheiten aufzugeben und sich in einem neuen sozialen Umfeld einzuleben, sondern auch Abbruch gewachsener Sozialbeziehungen.
II. Alter ist Ernte - Zur Gestaltung der Altersphase und institutioneller Hilfsangebote
1. Der ältere Mensch in der Gesellschaft
Altern wurde in verschiedenen gesellschaftlichen Epochen differenziert betrachtet und das Ansehen älterer Menschen unterlag in der Geschichte gravierenden Wandlungen.
Es folgt ein kurzer geschichtlicher Abriss über die Stellung des älteren Menschen in unterschiedlichen Kulturen und Epochen. Dem Begriff ›Alter‹ wird sich genähert durch Darstellung naturwissenschaftlicher als auch sozialwissenschaftlicher Betrachtungsweisen, welche ein differenziertes Bild des ›Alters‹ aufzeigen.
1.1 Zur Geschichte ›des älteren Menschen‹ in Kultur und Gesellschaft Unterschiedliche Deutungsmuster verschiedener Kulturen lassen mannigfache Umgangsformen mit dem ›Alter‹ entstehen. Die Hebräer verehrten die Alten, die Griechen dagegen schätzten Jugend und Schönheit und die Römer fürchteten sogar das Alter. Altentötung und Missachtung ist in manchen Kulturen ebenso
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selbstverständlich, wie Achtung und Ehrung älterer Menschen in anderen Kulturen gepflegt werden.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war das Alter mit Verfall, Abbau und Rückbildung früherer Fähigkeiten verbunden; Altsein bedeutete Vergangenheit, Krankheit und Tod.
Der Umgang mit älteren Menschen war damals abhängig von der Schichtzugehörigkeit. Erst im 18. Jahrhundert wurde das Alter mit Weisheit, Klugheit und Erfahrungswissen verbunden und den Menschen wurde in Familie und Gesellschaft eine besondere Stellung eingeräumt. Die Sozialgesetzgebung im 19. Jahrhundert brachte erstmals auch gesetzlich abgesicherte Ansprüche - wie beispielsweise die Altersversicherung - für ältere Menschen. Seit dieser Zeit ist jedoch das Jungsein wieder zu einem besonders erstrebenswerten Lebensentwurf, der auf Zukunft und Fortschritt ausgerichtet ist, geworden; die Älteren und deren Erfahrungen verlieren mehr und mehr an Ansehen (vgl. Thiele 2001, S. 11 ff.). Im 21. Jahrhundert scheint - der über Jahre hinweg gewachsene Generationenvertrag - moralisch aufgehoben. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass ältere Menschen bis zum Tod in ihren Familien bleiben, dort ihren Platz finden und ihren Beschäftigungen nachgehen können. Hinzu kommt, dass Altsein negativ besetzt ist, die Alten mehr geduldet sind, als dem kapitalistischen Gesellschaftssystem nützlich. Ältere Menschen können in der Postmoderne offenbar keine Leistung erbringen - im Gegenteil: die Gesellschaft muss für sie, scheinbar ohne Gegenleistung, finanziell aufkommen (vgl. Thiele, S. 12 ff).
Der ältere Mensch passt nur schwer in das Kosten-Nutzen-Denken der westlichen Leistungs- und Technologiegesellschaft, welche immer mehr auf Gewinnmaximierung, statt moralischem Handeln ausgerichtet ist. Nicht zu vergessen ist, dass die Stigmatisierung und Missachtung - das ››Nicht-mehrgebraucht-sein‹‹ - sich in das Selbstbild der Älteren einpflanzen könnte; der Kampf um Anerkennung wäre damit verloren. Was bleibt, wenn immer mehr Verwandte und Bekannte sterben und die wachsende Einsamkeit steigt? Woran sich orientieren, wenn sich der gewohnte Tagesablauf sukzessive verändert und ein neuer Lebensentwurf im Alter fehlt?
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Wie kann die Autonomie der älteren Menschen wieder hergestellt werden, wenn deren Vergangenheit und wertvolle Lebenserfahrungen im schnellen gesellschaftlichen Wandel und technologischen Fortschritt nicht mehr von Bedeutung sind? Auf das »Vergessen der eigenen Biographie« (Riemann) kann nur Entfremdung folgen. Im Zustand dieses Spannungsverhältnisses leidet der Mensch am Sozialen; er leidet unter mangelnder Anerkennung und unter dem nicht vorhandenen neuen Lebensentwurf - der fehlenden Perspektive für sein Altwerden.
Wenn identitätsstiftende Beschäftigungen fehlen und Vergangenes an Bedeutung verloren hat, verliert der Mensch auch das Gefühl von »Einheitlichkeit und Kontinuität« (Erikson).
Die zentrale Frage, die daraus folgend gesellschaftlich zu beantworten ist, lautet: wie können wir die Altersphase in das gesellschaftliche System einbinden, so dass sowohl auf individueller, als auch auf gesellschaftlicher Ebene Zufriedenheit erzielt werden kann? 1.2 Elaborierung des Begriffs ›Alter‹
Etymologisch stammt der Begriff ›Alter‹ von ›alt‹, ›hoch in Jahren‹, ›vorausliegend‹, ›reich an Lebensjahren‹. Der Begriff ›Alter‹ ist auch gleichbedeutend mit ›Lebenszeit‹, ›Lebensabend‹, ›Lebensabschnitt‹. Ernst Bloch kreierte 1987 den Satz: »Das Alter ist Ernte«. Altern ist ein langfristiger, lebensgeschichtlicher Prozess, ein dynamischer Vorgang, der Reifung und Verfall gleichermaßen beinhaltet. Altern ist Veränderung und Wandlung, mit sehr differenzierten psychologischen, biologischen und biographischen Auswirkungen.
Häufig wird ›Alter‹ als eine Lebensperiode der über 60jährigen beschrieben und das Erreichen des Pensionsalters wird als der Lebensabschnitt markiert, der das Altsein charakterisiert.
Durch die Koppelung der Pensions- und Rentenzahlungen an ein bestimmtes Alter, etablierte sich ein Ruhestandsalter, das von nun an als Eintritt in die Altersphase galt. Die Altersphase ist damit eine chronologisch definierte, sozialpolitisch abgesicherte und - vom Berufsleben »befreite« Lebensphase. Die gesellschaftliche Zuschreibung spielt bei der Betrachtung des soziologischen Altersbegriffs eine zentrale Rolle. Dieser gesellschaftlich
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vermittelte Begriff befasst sich mit der Veränderung des Status, der Rolle und der Position des älteren Menschen in der Gesellschaft.
Alter ist jedoch kein einheitlicher Begriff; er ist sowohl relativ, als auch vielfältig und differenziert zu betrachten. Biologisch setzt altern mit dem Verlust organischer Fähigkeiten ein.
Rein psychologisch betrachtet ist man ›so alt, wie man sich fühlt‹. Das Erleben, das subjektive Empfinden spielt also eine zentrale Rolle. Demnach ist die Unterscheidung zwischen dem chronologischen, biologischen, soziologischen und psychologischen Alter bedeutungsvoll und ›Alter‹ zentral eine Lebensphase, deren Bestimmung von der Betrachtungsweise abhängig ist. Die sozialwissenschaftliche Altersdefinition bezieht sich auf die Veränderung sozialer Bindungen, der Familie, der Netzwerke, der Wohnsituation, des Einkommens, der gesundheitlichen Verhältnisse und nicht zuletzt der Beschäftigung. Eine ganzheitliche Sicht ist gefragt, die den unterschiedlichen Altersbegriffen adäquat Rechnung tragen kann (vgl. Thiele 2001, S. 18ff.). Sozialpädagogisches Handeln heißt daher, differenzierte Kenntnisse bezüglich des Alterns zu haben. Altern ist ein außerordentlich variabler Prozess; nicht alle Menschen altern in gleicher Weise oder nehmen dies auf gleiche Art wahr. Ödipus beschreibt den Lebenslauf und das Altern wie folgt: ›Ein schwaches und kraftloses Kind krabbelt auf seinen Händen und Füßen. Ist es erstarkt, so geht der Mensch in der Mitte seines Lebens nur auf seinen Füßen. Ist der Lebensabend angebrochen benötigt der Mensch eine Stütze und nimmt einen Stab zu Hilfe‹. Wenn auch jeder altert, so ist Altern dennoch ein individueller Prozess (vgl. Thiele 2001, S. 33). Professionelles Handeln, könnte den Stab darstellen, den der ältere Mensch eventuell am Abend seines Lebens benötigt. 2. Die Altersphase als ›riskante Freiheit‹ Das Phänomen der Individualisierung trifft auch Menschen, die ihren Lebensentwurf bereits gestaltet hatten und (bereits zum größten Teil) gelebt haben. Individualisierung meint, »dass Menschen aus traditionellen Bindungen und Zwängen entlassen werden, sich nicht mehr auf vorgezeichnete Lebenswege verlassen können und traditionelle Lebensverläufe obsolet werden« (Schweppe 1996, S. 15).
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Arbeit zitieren:
Sabine van Rissenbeck, 2007, "Alter ist Ernte" - Zur Gestaltung der Altersphase und institutioneller Hilfsangebote, München, GRIN Verlag GmbH
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