II
Inhaltsverzeichnis
Dank 1
Vorwort................................................................................................................................. 2
Teil I Theoretische Grundlagen
a) Phänomenologie
1 Einführung 3
1.1 Phänomene 6
1.2 Ästhetik als aísthesis 8
2 Leib und Körper 10
2.1 Non-Verbalität 14
2.2 Zwischenleiblichkeit. 16
2.3 Resonanz und Spiegelneurone. 17
3 Realität und Wirklichkeit. 19
3.1 Atmosphären. 20
4 Gedächtnis 24
4.1 Explizites Gedächtnis 24
4.2 Implizites Gedächtnis 25
5 Wahrnehmung. 29
5.1 Intentionale Wahrnehmung 30
5.2 Pathische Wahrnehmung 31
5.2.1 Ähnlichkeiten 32
5.2.2 Synästhesien. 33
5.2.3 Bewegungsanmutungen 35
5.2.4 Physiognomien als Eindruckspotenziale 35
5.3. Wahrnehmung und Bewegung 37
b) Empirische Säuglingsforschung
6 Einführung 38
7 Die Theorie des Selbstempfindens 40
7.1. Amodale Wahrnehmung. 42
7.2 Vitalitätsaffekte 45
7.3 Intersubjektivität und Affektabstimmung 46
III
Teil II Ästhetischer Ausdruck
8 Einführung 50
9 Mimesis und Poiesis - Die Erschaffung eines Phänomens 52
9.1 Der kreative Prozess 57
9.1.1 Möglichkeitsräume. 60
9.1.2 Einbildungskraft 64
9.1.3 Ausdruck 66
Teil III Kunsttherapie
10 Einführung 71
10.1 Geschichte der Kunsttherapie 75
10.2 Unterschiedlichkeit der Ansätze 82
11 Säuglingsforschung und Kunsttherapie 83
12 Phänomenologische Kunsttherapie 89
12.1 Einblicke in praktische Vollzüge. 96
12.1.1 Kleckerbilder. 96
12.1.2 Körperbilder 99
12.1.3 Gestalterische Panoramen 101
12.1.4 Sharingportraits 102
12.2 Künstlerisches Material 104
12.2.1 Ton 108
12.2.2 Zeitungspapier. 111
12.3 Patient - Werk - Kunsttherapeut 112
12.4 Die Bedeutung der Worte 118
Schlussgedanken 119
Literaturverzeichnis 122
1
Dank
Mein Dank gilt meinem Freund Christopher Kamper für seine ermutigende und kompetente Unterstützung. Sein aufrichtiges Interesse an den Themen dieser Arbeit war mir eine unschätzbare Hilfe. Ihm ist diese Diplomarbeit gewidmet.
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Vorwort
Die Kraft des Schöpferischen kann nicht genannt werden. Sie bleibt letzten Endes geheimnisvoll.
Doch ist es kein Geheimnis, was uns nicht grundlegend erschütterte. Wir sind selbst geladen von dieser Kraft bis in unsere feinsten Teile. Wir können ihr Wesen nicht aussprechen, aber wir können dem Quell entgegengehen, soweit es eben geht. Paul Klee
In der vorliegenden Diplomarbeit werde ich mich den Phänomenen des Ausdrucks in Verbindung mit der kunsttherapeutischen Praxis widmen. Grundlage aller Überlegungen wird die philosophische Strömung der Phänomenologie sein. Dementsprechend werde ich in Teil I verschiedene theoretische Vorüberlegungen darstellen und wesentliche Begriffe erläutern, die für das Verständnis einer phänomenologisch orientierten Kunsttherapie in Teil III unerlässlich sind. Teil II beschäftigt sich mit dem Ästhetischen Ausdruck im Allgemeinen, um die der Kunst und dem schöpferischen Prozess innewohnende Kraft zu verdeutlichen und schlägt damit die Brücke vom ersten zum dritten Teil.
Ergänzend werde ich die neueren Ergebnisse von Hirn- und Säuglingsforschung in diese Arbeit mit einbeziehen, da sie in vielerlei Hinsicht das empirische Äquivalent zur Phänomenologie bilden und diese ergänzen. Jene Erkenntnisse dienen einem umfassenderen Verständnis unserer frühkindlichen Anfänge und haben aus diesem Grund eine außerordentliche Bedeutung für die gestalterische, therapeutische und im Besonderen kunsttherapeutische Praxis. Für eine an der Empirie orientierten Kunsttherapie sind diese theoretischen Vorüberlegungen unerlässlich. Ebenso hat der verstehende Zugang zum Menschen und seinem Erleben, den die Phänomenologie vertritt, unmittelbar praktische Konsequenzen für die Kunsttherapie. Mein Ziel ist es, die Sinnhaftigkeit des phänomenologischen Ansatzes für kunsttherapeutische Prozesse herauszuarbeiten und damit zu klären, warum Kunsttherapie wirksam ist. Ich werde versuchen zu zeigen, dass die zugrunde liegenden theoretischen Konzepte - das Verständnis unserer Leiblichkeit - zwingend notwendig sind, um gestalterischen Ausdruck immer auch als einen leiblichen zu begreifen.
3
Eine Kunsttherapie, die den Leibbegriff zu ihrem Ausgangspunkt hat, richtet ihre Aufmerksamkeit auf Atmosphären, Gefühle, Stimmungen, kurz: das momentane „In-der-Welt-Sein“ des Klienten 1 . Befindlichkeiten werden ernst genommen und Möglichkeitsräume geschaffen, in denen diese gestalterisch zum Ausdruck gebracht werden können. In dem Prozess der künstlerischen Auseinandersetzung und des leiblichen Durchlebens kann sich die Chance zu Veränderung und Wachstum entfalten.
Obgleich der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Kunsttherapie liegt, bilden deren Grundlagen eine erhebliche Schnittfläche mit der Sozialen Arbeit: Der phänomenologischen Theorie und dem Wissen um die Bedeutung gestalterischer Prozesse ist ein beträchtliches Potenzial inhärent, das zweifellos auch ein fruchtbares Fundament für die Praxis der Sozialen Arbeit bildet.
Teil I Theoretische Grundlagen
a) Phänomenologie
1 Einführung
Die hier erläuterten Begriffe sind Gegenstand der leibphilosophischen (oder auch: „neuen“) Ästhetik und der Phänomenologie. Sie sollen für die Ausführungen über die ästhetische Praxis in Teil II sowie den kunsttherapeutischen Aspekten in Teil III die Grundlage bilden. Die Phänomenologie ist eine philosophische Strömung, die etwa seit der Mitte des 18. Jh.s bekannt ist. EDMUND HUSSERL (1859-1938) entwickelte Jahre später die Wurzeln der gegenwärtigen theoretischen Anschauungen und war der Ansicht, dass vorschnelle Deutungen zu nichts führten, sondern wir uns in der Auseinandersetzung mit den Dingen an das halten sollten, was unserem Bewusstsein unmittelbar - also phänomenal - erscheint. 2 Der Säuglingsforscher DANIEL N. STERN spricht in diesem Zusammenhang nicht
1 In der Folge werde ich von „dem Klienten, bzw. Patienten“, „dem Kunsttherapeuten“, „dem Künstler“ usw. sprechen und mich dabei immer sowohl auf männliche als auch auf weibliche Personen beziehen. Des Weiteren sei mit der Bezeichnung „Mutter“ die Bezugsperson im Allgemeinen angesprochen. Die Unzulänglichkeit dieser Übereinkünfte hoffe ich mit einer Verbesserung der Textklarheit aufzuwiegen.
2 Vgl. Betensky, 1995, 3
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nur unser Bewusstsein, sondern auch das einfache Gewahrsein von den Erscheinungen der Dinge an. 3 In der Hinwendung „zu den Sachen selbst“ 4 vollzieht sich Erkenntnisgewinn durch die sinnliche Wahrnehmung; das subjektive Erleben rückt in den Mittelpunkt. HUSSERL plädierte dafür, dass wir uns den „lebensweltlichen Vollzüge[n], die als nicht hinterfragte Grundlagen unserer Weltzugewandtheit dienen“ 5 und oft selbstverständlich erscheinen, wieder zuwenden. Weitere hier relevante Philosophen sind MAURICE MERLEAU-PONTY (1908-1961), HERMANN SCHMITZ (*1928) sowie der Psychiater THOMAS FUCHS (*1958).
Die neue Ästhetik wendet sich den subjektiven Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Atmosphärebegriff zu und betont die ästhetische Erkenntnis als aísthesis. 6 Ein an dieser Stelle bedeutsame Autor ist der Philosoph GERNOT BÖHME (*1937). Die beiden Theorien überschneiden sich in ihren Erkenntnisinhalten und entdecken etwas in der Welt, das für rein naturwissenschaftliche Anschauungen nicht zugänglich ist. 7 Sie widmen sich dem partizipatorischen - also dem (an-) teilnehmenden - Moment unseres In-der-Welt-Seins. Indem wir uns leiblich und räumlich ausdehnen können, haben wir Teilhabe an der Welt. THOMAS FUCHS erklärt, dass es sowohl für zwischenmenschliches Verstehen, als auch für das Erkennen unseres Selbst, wichtig ist, dass wir uns unserer Selbstwirksamkeit durch diese Teilhabe bewusst sind. Bezüglich der teilnehmenden Kommunikation sagt er: „Einem anderen Menschen zuhören und ihn verstehen heißt in gewissem Sinn, für den Moment‚ dieser andere zu werden’ oder ihn zu einem Teil unserer Selbst werden zu lassen, um erst dann das Geäußerte zu prüfen“. 8
Die Leiblichkeit ist die fundamentale Basis für das menschliche Erleben. „Der methodische Zugang, um das Erleben eines anderen Menschen zu erfassen, ist das Verstehen“. 9 Wie bereits oben erwähnt, stehen die Naturwissenschaften den Geisteswissenschaften gegenüber. Der Philosoph WIL- 3 Vgl.Stern, 2007 II, 27
4 Husserl in Fuchs, 2000, 26
5 Seewald, 2000, 192
6 Vgl. Böhme, 1995, 10
7 Ebd.
8 Fuchs, 2000, 24
9 Kraft, 1998, 20
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HELM DILTHEY (1833-1911) betont: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“. 10 Subjektive Erfahrung kann leiblich nachvollzogen und damit verstanden werden. Es ist jedoch kaum möglich, dieses Erleben durch Erklären (Sprache) zu vermitteln. RENATE VON SCHNAKENBURG erklärt gleichwohl, dass indem „dieses präreflexive Verstehen dem Denken zugänglich gemacht wird, […] es jedoch auch um das ‚Erklären des Verstehens’ [geht]“. 11
Es fällt vielen Menschen schwer ihre Lebenserfahrungen zu verbalisieren. Genau hier setzten leib- und ausdrucksorientierte Formen der Therapie an. Da sich unsere Erfahrungen im unmittelbaren Ausdruck spiegeln, kann so ein Zugang zum Verstehen geschaffen werden. Für diesen Zusammenhang ist hier der gestalterische, bzw. künstlerische Ausdruck substanziell. Es wird aber noch deutlich werden, dass dieser immer auch mit anderen Formen des Ausdrucks verbunden ist. In der kunsttherapeutischen Sitzung z.B. achtet der phänomenologisch orientierte Therapeut nicht nur auf das entstandene Produkt, sondern nimmt den Klienten während des Prozesses in seinen leiblichen Regungen (Atem, Bewegungen, spontanen Äußerungen) ganzheitlich wahr.
Die Phänomenologie wendet sich (entgegen der Psychoanalyse) dem Bewusstsein zu. 12 Der Begriff des Unbewussten wird von Phänomenologen als schwierig, bzw. nicht korrekt angesehen. MERLEAU-PONTY sagt, dass das Unbewusste „kein Nichtwissen - sondern vielmehr ein unerkanntes, unformuliertes Wissen [sei], für das wir nicht zuständig sein wollen“. 13 Er erklärt, dass dieses sogenannte Unbewusste „nicht in unserem Innersten zu suchen [wäre], hinter dem Rücken unseres Bewusstseins, sondern vor uns als Gliederung unseres Feldes“. 14 Hier sind die Dimensionen des gelebten Leibes und des gelebten Raumes - unsere Lebenswelt - angesprochen. Leibliche Phänomene, also Erscheinungen die unser gesamtes (Er-)Leben durchziehen, stehen im Mittelpunkt meiner Betrachtung, sie sind phänome- 10 Diltheyin Kraft, 1998, 20
11 Schnakenburg, v., 2004 II, 4
12 Vgl. Betensky, 1995, 10
13 Merleau-Ponty, 1984, 121 in Schnakenburg, v., 2003, 57
14 Merleau-Ponty, 1986, 233 in Fuchs, 2008 III, 40
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nale Realität. 15 „Subjektive Erfahrungen sind weder in der Seele noch im Gehirn zu finden, sondern erstrecken sich über den Leib, den Raum und die Welt eines Menschen“. 16 Für die Phänomenologie wesentliche Kategorien sind u.a. der gespürte Leib, Wahrnehmungen, das subjektive, affektive Betroffensein, Atmosphären im Zusammenhang mit unseren Gefühlen und die leibliche Kommunikation. Zentral ist der Gedanke, dass Subjektivität immer erst aus unserer leiblichen Betroffenheit entsteht. Indem wir wahrnehmen, sind Person und Welt, bzw. Bewusstsein und Wirklichkeit immer schon aufeinander bezogen. Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas. Wir sind unser Leib; er ist das „Medium zum Anderen und zur Welt“. 17 DESCARTES erklärte den gelebten Leib zum Schein, für ihn war der Mittelpunkt unseres Seins das reine Cogito. Er sah nur das als wirklich und wahr an, „was ich klar und deutlich denke, das heißt alles das, ganz allgemein betrachtet, was zum Inbegriff eines Gegenstandes der reinen Mathematik gehört“. 18 Er erklärt, dass „wirklich ein Unterschied zwischen mir und meinem Leib vorhanden ist und ich ohne ihn existieren kann“ 19 und trennt so Körper und Geist voneinander. In der Leibphilosophie wird dieser Cartesianismus überwunden. Die Dualismen von Körper und Geist, Innen und Außen, Denken und Fühlen, Subjekt und Objekt werden hier durch das Verständnis von unserer räumlichen Leiblichkeit zusammengeführt und gehen ineinander über. „Durch Wahrnehmung und Fühlen verbindet sich die Leiblichkeit mit der jeweiligen Umgebung“. 20
1.1 Phänomene
Der Begriff des Phänomens stammt aus dem Griechischen (fänόmeno) und meint das Sichtbare, bzw. die Erscheinung. Vom phänomenologischen Standpunkt aus betrachtet, handelt es sich dabei um Erscheinungen, die wir
15 Vgl. Stern, 2007 II, 27
16 Fuchs, 2008 I, 286
17 Schnakenburg, v., 2004 I, 25
18 Descartes, 1685, in „Aktion Mensch e.V.“, 2001, 18
19 Descartes, 1924, 167 in Schnakenburg, v., 2004, 26
20 Fuchs, 2000, 54
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leiblich wahrnehmen, d.h. sinnlich oder mit dem Geist erfassen. 21 Phänomene sind „sichtbare, berührbare und hörbare Dinge in der Welt die uns umgibt, sowie Gedanken, Gefühle, Träume, Fantasien und alles, was […] in den Bereich mentalen Erlebens gehört“. 22
FUCHS erklärt, dass der Begriff in der Phänomenologie verwendet, nicht lediglich „Erscheinung“ bedeute, sondern immer auch „das jeweilige Korrelat zu einem geistigen Akt“ gemeint ist, also „das Erscheinen von etwas [intendierender Akt] für jemand [Intendierter]“. 23 Phänomene entstehen „[…] aus der Beziehung von Subjekt und Welt, oder von Subjekt und Anderem: Als Ausdruck einer Bewegung, in der das ‚Bewusstsein’ über sich hinausgreift und sich mit dem Begegnenden durch die Fühler und Fäden der Intentionalität zusammenschließt“. 24
Erst indem wir intentional auf unser Erleben gerichtet sind, wird etwas zu einem Phänomen, „zur Gegebenheit und Erkenntnis“. 25 In dieser Arbeit soll es um die menschlichen Phänomene des Ausdrucks gehen. Der Philosoph BERNHARD WALDENFELS sagt, dass der Mensch - unser Leib - ein Grundphänomen darstellt,
„dass heißt ein Phänomen, das an der Konstitution anderer Phänomene immerzu beteiligt ist“. [...] „Das Phänomen des Leibes eröffnet keinen bloßen Gegenstandsbereich, sondern der Leib selber wirkt zurück auf die Zugangsweise, in der uns dieses oder jenes begegnet“. 26
Der Leibtherapeut UDO BAER erläutert, dass die „wahren Inhalte“ nicht lediglich in den menschlichen Tiefen verborgen sind, sondern immer schon im Ausdruck sichtbar und wahrnehmbar sind:
„Jeder Inhalt hat auch eine Form, jede verborgene Struktur hat einen Ausdruck, jede Intuition beruht auf wahrnehmbaren Signalen, jede versteckte Botschaft offenbart sich in Phänomenen und sei es in den Phänomenen des Versteckens“. 27
Phänomene zunächst einmal wahrzunehmen und die Klienten für das subjektiv empfundene Erleben in einem künstlerischen Prozess - oder z.B. für
21 Vgl. Baer, 2008, 332
22 Betensky, 1991, 167
23 Fuchs, 2000, 27
24 Fuchs, 2000, 26/27
25 Fuchs, 2000, 27
26 Waldenfels, 2000, 9
27 Baer, 2000, 332
8
bestimmte Ausdrucksspuren in einem Werk - sensibel zu machen, ist die Aufgabe der Kunsttherapie. Die Entdeckung von Phänomenen geschieht in der Verbindung von kognitivem und pathischem Akt. Ein Phänomen zu verstehen setzt leibliche Beteiligung und Anteilnahme voraus. Dann vermögen wahrgenommene Ähnlichkeiten im Ausdruck - z.B. von Farben, Formen, Strukturen, Gesten, Worten usw. - Zusammenhänge und damit Erkenntnis zu stiften.
1.2 Ästhetik als aísthesis
Das griechische Wort aísthesis bedeutet Fühlen und Wahrnehmen zugleich. Pathisches und intentionales Moment sind gleichermaßen Teil unserer Wahrnehmung. ALEXANDER GOTTLIEB BAUMGARTEN (1714-1762) definierte Ästhetik als Theorie der sinnlichen Erkenntnis und erklärte sie in seinem Werk zu einer eigenständigen philosophischen Disziplin. 28 Ästhetik als aísthesis beschäftigt nicht nur Philosophen, sondern auch Kunstwissenschaftler und -therapeuten, Psychologen sowie in der letzten Zeit auch Neurowissenschaftler. 29 Gegenstand der neuen, leiborientierten Ästhetik sind Bewegungen und Gesten, sowie die Herstellung von Atmosphären und ihre Wirkung auf den Betrachter.
Ästhetik war ursprünglich die Kunst des Schönen, doch die neue Ästhetik, die Ende der 80er Jahre einen enormen Aufschwung erfahren hat, widmet sich einem umfassenderen Verständnis von Wahrnehmung und Sinnlichkeit. Eine sinnliche Wahrnehmung meint nicht die Dinge die wir wahrnehmen, sondern das, was wir empfinden - die Atmosphären. 30 Es geht hier nicht um die Interpretation von Zeichen oder die Ergründung dessen, was uns der Künstler konkret sagen möchte bzw. was sein Werk bedeutet. Es geht um die Erfahrungen, die durch die Ästhetik einen Raum bekommen, denn unser Leib ist immer auch Medium des Schöpferischen. Durch künstlerische Prozesse haben Menschen die Möglichkeit ihre Empfindungen gestaltend nach außen zu bringen, gerade wenn Worte als Aus-
28 Vgl.Böhme, 2001, 11
29 Vgl. Dannecker, 2009, 189
30 Vgl. Böhme, 1995, 15
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drucksmittel nicht genügen bzw. wenn das Erleben gänzlich unaussprechlich ist. Die Atmosphäre eines Werkes kann zunächst im handlungsentlasteten Raum erfahren werden. Ohne den Druck des Handlungskontextes wird es möglich, die Atmosphären wahrzunehmen und zu lernen mit ihnen umzugehen.
VON SCHNAKENBURG erklärt, dass was wir in künstlerischen Werken erkennen und die Art wie sich dieser Nachvollzug gestaltet, Ästhetische Erkenntnis ist. 31 Wir können von dem Ausdruck eines Werkes berührt werden, indem wir die ihm innewohnende Gestalt mimetisch am eigenen Leib nachvollziehen. In dem Werk „Angstausbruch III“ von PAUL KLEE wird besonders deutlich, dass wir immer einen leiblichen Zustand und nicht rein sprachlichen Inhalt erkennen. 32
Aquarell 33 wegung des Leibes zerstückelt und
erstickt. Allein der Mund der Gestalt scheint noch zu einer Bewegung, einem Ausdruck des Entsetzens, fähig. Auch wenn aus dem Titel nicht her-vorgehen würde, dass es die Angst ist, die das Wesen deformiert und die innere und äußere Ganzheit und Ordnung zerstört, würde uns das Erkennen durch signifikante Ähnlichkeiten nicht schwer fallen.
31 Vgl. Schnakenburg, v., 1996, 2
32 Vgl. Schnakenburg, v., 1996, 2
33 Entnommen: http://www.kominform.at/images/articles/20080125221813577_2.jpg
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2 Leib und Körper
In unserem alltäglichen unreflektierten Leben ist das, was oft dem Geistigen, Seelischen oder Körperlichen zugeordnet wird, niemals voneinander getrennt. Wir nehmen als eine Einheit - leiblich, aus unserem Zentrum heraus - wahr. Der Leib ist nach FUCHS das „Vermögen zu sehen, zu berühren und zu empfinden“. 34 Dieses Vermögen eröffnet uns Menschen die Welt. Bezüglich der menschlichen Leiblichkeit, erklärt HERMANN SCHMITZ, dass
„hierbei nicht an den sicht- und tastbaren, anatomischer und physiologischer Fixierung zugänglichen Körper des Menschen gedacht [ist], sondern an das, was am eigenen Leibe gespürt werden kann, und im Besonderen an die ganzheitlichen und relativ beharrlichen, obwohl im Verlauf der Geschichte doch vielfach sich wandelnden und abwechselnden Atmosphären oder Klimata, in die das jeweilige leibliche Befinden mit eingetaucht ist“. 35
Atmosphären - als erster Gegenstand der Wahrnehmung - werden durch unser Vermögen zum leiblichen Spüren wahrgenommen. Unser Leib ist hierfür der Resonanzraum. 36
Die Begriffe Leib und Körper sind keinesfalls synonym zu verwenden. HUSSERL erklärt über diesen Doppelaspekt von Leib und Körper, dass es sich hierbei um zwei unterschiedliche Einstellungen, die wir Menschen zu-einander einnehmen können, handele. 37 In der primären, „personalistischen Einstellung - die unserer gemeinsamen Lebenswelt und Lebenspraxis immer zugrunde liegt“ 38 - sind wir füreinander leibliche Wesen. „Als Körper erscheinen wir einander erst in der naturalistischen Einstellung, die den Leib zu einem messbaren, in beliebiger Detailliertheit erforschbaren Naturge-genstand macht“. 39 Der gelebte Leib entfaltet sich in dem Prozess der Vermittlung zwischen den Polen von Leib und Welt. Ein Pol für sich genommen hätte keinen Bestand. 40 Innen und außen gehen ineinander über.
34 Fuchs, 2008 I, 17
35 Schmitz, 1966, X
36 Vgl. Dorner, 2004, 88
37 Vgl. Fuchs, 2008 II, 100
38 Fuchs, 2008 II, 100
39 Ebd.
40 Vgl. Fuchs, 2000, 90
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Einen Körper habe ich, aber mein Leib bin ich. Im von PLESSNER beschriebenen dialektischen Verhältnis von „Leib-Sein“ und „Körper-Haben“ 41 wird deutlich, dass der Körper objektivierbar ist. Erst in der Trennung von der immer relationalen Leiblichkeit, wird der Körper erforschbar. Er wird aus der Perspektive der Fremderfahrung erfasst - durch den (z.B. naturwissenschaftlichen) Blick von außen. Jedoch kann der Mensch so nicht in seiner Ganzheitlichkeit erfasst werden. Der gesunde Leib ist immer ein Resonanzkörper für Atmosphären und Stimmungen und durch Kontakte, Bewegungen und Übergänge mit dem außen verbunden. So liegen die Begriffe Leib und lebendig, Leben und erleben alle demselben Wortstamm („lib“, bzw. „lip“) zugrunde. 42 Unseren Leib erleben wir in der Selbsterfahrung. GERNOT BÖHME erörtert den Zusammenhang von Selbsterfahrung und Betroffenheit:
„Dabei ist das Hauptmoment, das die Selbsterfahrung von der Fremderfahrung unterscheidet, die Betroffenheit, das heißt also die Tatsache, dass der Leib mein Leib ist und ich deshalb unausweichlich mit dem, was mir von ihm widerfährt, sei es Last oder Lust, fertig werden muss“. 43
Dadurch, dass der Leib sich unserer Kontrolle entziehen kann, wird er zum Körper an den wir gebunden sind.
Das „Sich-mir-Entfremdende“ (z.B. eine Krankheit) wird zu meinem Eigenen - und folglich von meinem Selbst als getrennt erfahren. Dies verdeutlicht unsere Sprache: Ich habe einen Husten, Schmerzen etc. - aber ich bin oder fühle mich krank. Das Sein (Leiblichkeit) wird zum Haben (Körperlichkeit). BÖHME beschreibt die Integration von Leib und Körper sowie die Identifizierung mit dem eigenen Leib als Lebensaufgabe und plädiert dafür, „die Bedeutung des leiblichen Spürens zu rehabilitieren“ und „Existenzweisen einzuüben, in denen der Leib als die Natur, die wir selbst sind, gelebt wird“. 44
Nach PLESSNER ist die Fähigkeit zur Exzentrizität 45 - zur Selbstdistanzierung - die Grundlage der Reflexion. Anders als die meisten Tiere sind wir
41 Vgl. Plessner in Fuchs, 2008 I, 27
42 Vgl. Baer, 2008, 307
43 Böhme, 2003, 12
44 Böhme, 2003, 13/14
45 Vgl. Plessner in Fuchs, 2000, 264
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nicht in unserer reinen Leiblichkeit mit der Umwelt verflochten. Wir sind uns unserer selbst bewusst. Die Möglichkeit zur Reflexion entsteht erst durch das Leiden am Bruch des primären Lebensvollzugs. Durch schmerzliche Erlebnisse beginnen wir nachzudenken und entfernen uns vom unmittelbaren Vollzug der Leiblichkeit.
Im Folgenden möchte ich kurz auf die von FUCHS beschriebenen vier Er-scheinungsformen der Leiblichkeit eingehen. Der Begriff des fungierenden Leibes bezieht sich auf die sensomotorische Vertrautheit mit uns selbst und der Welt. Durch die Eingewöhnung oder Inkarnation gewöhnt sich der Säugling allmählich an seinen Körper und lernt seinen Leib zu bewohnen. Der (motorische) Gebrauch von Gegenständen wird in unser Körperschema genauso integriert wie die perzeptive Erfassung der Welt. Durch das Entstehen von Gewohnheiten sind wir in der Lage geschickt zu agieren. Das Lernen geschieht „im sozialen Kontakt - durch zunächst unwillkürliche und später zunehmend gezielte Nachahmung“. 46 Die Plastizität des menschlichen Leibes ist die Grundlage für seine Kultivierbarkeit und zugleich Voraussetzung für die kulturelle Entwicklung.
Die zweite Erscheinungsweise der Leiblichkeit ist der pathische oder affizierbare Leib. Unser Leib ist immer ein erleidender von Empfindungen. Durch unsere Betroffenheit spüren wir uns selbst, sind in unserer Leiblichkeit, die unsere Natur ist - durch leibliche Regungen, Triebe und Bedürfnisse - immer verletzlich und bedürftig. Von Anfang an sind wir ein pathischer Leib. Im „Begehren, in Lust und Unlust, in Angst und Schmerz“ 47 liegen die frühesten Wurzeln unseres Ichs. Alles Wahrnehmen ist leibliches Empfinden, also primär pathisch. Die pathischen Empfindungen werden in gnostische Wahrnehmungen übersetzt und bilden so unsere Erfahrung. GOETHE sagt treffend, dass „man sieht, was man weiß“. 48 Der mimetische oder resonante Leib ist die Voraussetzung für Intersubjektivität (gemeinsames subjektives Erleben) und damit für Empathie. Von Geburt an ist unser Körperschema auf Kontakt hin angelegt, unser Leib ist
46 Fuchs, 2008 I, 19
47 Fuchs, 2008 I, 20
48 Goethe in Fuchs, 2000, 329
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ein sozialer. In der mimetischen Nachahmung anderer sind Säuglinge in der Lage „eine wahrgenommene Mimik in ihre eigene, propriozeptive Körperempfindung“ 49 zu übersetzen. Sie verfügen über eine angeborene Ausdrucksresonanz. Grundlage dieser Fähigkeit ist das System der Spiegelneurone. Wichtig für unser Verständnis der Wahrnehmung und Resonanzfähigkeit ist, dass der eigene mit dem fremden Leib „von vorneherein als ver-wandt“ 50 erfahren wird.
Die letzte Erscheinungsform unserer Leiblichkeit ist der inkorporative oder kultivierte Leib. SARTRE erklärt hierzu wie der gelebte Leib durch den fremden Blick zum „Körper für den Anderen“ 51 wird. Ab etwa achtzehn Monaten sind Kinder in der Lage das Bild im Spiegel als ihr eigenes zu erkennen. Der Säuglingsforscher DANIEL STERN erklärt anschaulich, dass sie nun beginnen eine objektive Selbstsicht zu entwickeln. Die Kinder entdecken, dass eine Sicht „außerhalb des subjektiv empfundenen Selbst existiert“. 52 Hier wird PLESSNERS Unterschied von Körper-Haben und Leib-Sein deutlich. Der Mensch nimmt - durch den inkorporierten Blick der anderen - fremden Haltungen an; er repräsentiert sich und stellt sich dar. In-korporationen können die Hemmung der spontanen Leiblichkeit und somit Selbst-Distanzierung bewirken.
Es sei zuletzt schon einmal erwähnt, dass leiblicher Ausdruck und Kunst (-therapie) untrennbar miteinander verbunden sind. Es wird hier möglich zu den tieferen Schichten unseres primären Leib-Selbst zu gelangen. FUCHS erklärt den Unterschied zwischen dieser ursprünglichen, leiblichen Subjektivität und dem Ich-Selbst. Letzteres ist aus dem reinen Gewahrsein zu einer entfalteten Subjektivität - die sich ihrer Körperlichkeit für andere bewusst ist - geworden. 53 Unser Selbst-Bewusstsein ist ein dialektisches. Die Chance in gestalterischen Prozessen liegt darin, implizites Gewahrsein zu aktivieren
49 Fuchs, 2008 I, 23
50 Ebd.
51 Vgl. Sartre, 1962 in Fuchs, 2000, 123
52 Amsterdam, 1972; Lewis und Brooks-Gunn, 1978 in Stern, 2007 I, 235
53 Vgl. Fuchs, 2000, 294 Sobald ein Kind das Wort „Ich“ für sich selbst benutzt, anstatt seines Namens, hat es die Synthese der „zentripetale[n] Perspektive der Anderen“ und der „zentrifugale[n], eigenleibliche[n] Richtung“ vollzogen. Es ist in der Lage eine exzentrische Position einzunehmen. „Das Leib-Sein oder Leib-Selbst wird, herausgeworfen aus der ursprünglichen (Zwischen-)Leiblichkeit, zum Ich-Selbst, das einen Körper hat.“
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und erfahrbar zu machen ohne dabei Worte zu verwenden. Leiblicher, schöpferischer Ausdruck wird in Prozess und Produkt wahrnehmbar und wir können einen Kontakt zum Primären bekommen. 54
2.1 Non-Verbalität
Dass sich Kommunikation nicht nur auf der verbalen Ebene vollzieht, ist hinreichend bekannt. Studien belegen, dass der allergrößte Teil der menschlichen Kommunikation non-verbal, über psychomotorische Signale in Mimik, Bewegung und Haltung, sowie paraverbal - durch die Stimme, Betonung und den Redefluss - abläuft. 55 Diese Form der Kommunikation ist zentral für unser Erleben des Gegenübers, doch zugleich eine sehr verborgene Dimension jeglicher Beziehungen. 56
Die sogenannte „Körpersprache“ ist vielmehr Ausdruck - oder wie WAL- DENFELS esformuliert „Ausdruckssphäre“ 57 - als eine Form der Sprache. Diese analoge Kommunikation „erzeugt die gemeinsame Atmosphäre der Beziehung; sie bildet ihren tragenden Grund“. 58 Subtile Wechselwirkungen vollziehen sich im Raum der Zwischenleiblichkeit, das leibliche Befinden der Interaktionspartner verändert sich ständig. Im impliziten Gedächtnis sind diese meist nicht bewussten, dafür umso wirksameren Muster der Wahrnehmung gespeichert.
„Die non-verbale, ausdrucksvermittelte Kommunikation geht sowohl in der menschlichen Evolution als auch in der frühkindlichen Entwicklung aller sprachlichen Verständigung voraus“. 59
Genau hier liegt der Bezugspunkt zu kreativen Therapien. Präverbales, noch nicht symbolisch kodiertes Wissen, Atmosphären, das Wie des Erlebens steht für den phänomenologisch orientierten Therapeuten im Mittelpunkt. Er ist sich den Wirkungen der zwischenleiblichen Resonanz bewusst und in der Lage den (leiblichen und gestalterischen) Ausdruck seines Gegenübers sensibel wahrzunehmen. Affekte spiegeln sich im leiblichen Ausdruck eines
54 Vgl. Schnakenburg, v., 2004 I, 38
55 Vgl. Fuchs, 2003, 2
56 Vgl. Fuchs, 2003, 2
57 Waldenfels, 2000, 230
58 Ebd.
59 Fuchs, 2003, 3
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Menschen, seiner „Körpersprache“ und können folglich (über die gestalterische Ausdrucksgeste) auch in künstlerischen Werken ihren unmittelbaren Niederschlag finden.
FUCHS erklärt anschaulich, dass die menschliche Fähigkeit zu Ausdruck und seiner Resonanz (siehe auch 7.1) angeboren und lange vor der Herausbildung eines Ich-Bewusstseins sowie der Verwendung erster Worte in der Beziehung zwischen Mutter und Kind wirksam ist. 60 Diese frühen gestischmimisch-vokalen Interaktionen sind der Grundbaustein für die Entwicklung der emotional-interaktiven Schemata, für „Responsivität“ 61 und dementsprechend für ein breites Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten. Das Potenzial Gefühle auszudrücken ist mit der Geburt gegeben (auch blinde Babys zeigen Affekte) muss jedoch durch den Gebrauch in den ersten Beziehungen gemäß der Regel „Use it or lose it“ 62 „trainiert“ werden. Im sozialen Kontakt entsteht so eine neue Form von Responsivität, nämlich der „zwischenleibliche, non-verbale Dialog zwischen Mutter und Kind und schließlich der sprachliche Dialog des Sprechens und Antwortens“. 63 Besonders Künstler, kreative Erwachsene und die „Akteure“ in der Kunsttherapie versuchen den primären Ausgangspunkt des Fühlens und Denkens erneut zu entdecken. Sie „suchen nach diesem Fundament, wollen es neu erfahren und über ihr Werk einen Zugriff darauf finden“. 64 Es liegt nahe den (therapeutischen) Zugang - z.B. zu posttraumatischen Störungen, aber auch zu nicht traumatisch besetztem frühen Erleben - nicht in expliziten und verbalisierbaren Erinnerungen zu suchen, sondern über Formen des Ausdrucks. Implizite, non-verbale Prozesse können in künstlerischen Therapien „leiblich-darstellend zum Ausdruck gebracht und der Selbstwahrnehmung zugänglich werden“. 65
60 Fuchs, 2003, 6
61 Fuchs, 2009, 78 Der Begriff der Responsivität wurde von dem Phänomenologen B. Waldenfels geprägt und bezeichnet die Antwortbereitschaft, genauer: den Gestaltkreis von Reiz und Antwort.
62 Bauer, 2006, 57
63 Fuchs, 2009, 82
64 Seidel, 2007, 91
65 Fuchs, 2009, 85
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2.2 Zwischenleiblichkeit
Der Begriff der Zwischenleiblichkeit (franz. „intercorporéité“, geprägt von MERLEAU-PONTY) meint die Sphäre des „gemeinsamen leiblichen Umgangs“ 66 die uns Menschen miteinander verbindet. Wenn wir mit anderen Menschen in Kontakt treten, wirken ständig subtile Empfindungen auf uns ein, die durch die Interaktion mit dem anderen Leib entstehen. Wahrgenommene Mimik und Gestik vom Gegenüber löst Leibempfindungen in uns aus. Der Ausdruck wird zum Eindruck in uns. 67 Eigenleib und Fremdleib sind in „gelebter Gemeinsamkeit“ 68 miteinander verflochten. WALDENFELS erläutert, dass der Raum des „Zwischen“, nicht das ist „was zwischen A und B ist, sondern dieses Zwischen bezeichnet die Sphäre, die allererst zur Ausdifferenzierung von A und B führt“. 69
Ohne die einzelnen Interaktionssequenzen, das Wechselspiel der zwischenleiblichen Resonanz, differenzierend erfassen zu können, entsteht in den Subjekten ein Gefühl der Ausstrahlung des Gegenübers. Diese spezifischen Atmosphären sind „Begleiter“ von jeglichen Begegnungen. In der Zwischenleiblichkeit sind die biologische und die soziale Entwicklung von Anfang an miteinander verbunden: Natur und Kultur, Körper und Geist, Subjekt und Objekt können aus leibphilosophischer Sicht nicht länger als Dualismen verstanden werden.
THOMAS FUCHS widmet sich u.a. der Zwischenleiblichkeit von Mutter und Kind und erklärt, dass wir Menschen von Anfang an - durch die Resonanzstruktur unseres Leibes - die Fähigkeit besitzen, auf Kommunikationsangebote dialogisch einzugehen:
„Die frühkindliche Kommunikation besteht wesentlich im unwillkürlichen leiblichen Mitvollzug, in mimetischer und komplementärer Resonanz“ [...] „Gefühle sind ursprünglich im ‚Zwischen’ beheimatet, eingebettet in die leibliche Kommunikation von Mutter und Kind“. 70
66 Fuchs, 2008 I, 16
67 Vgl. Fuchs, 2003, 5
68 Waldenfels, 2000, 291
69 Waldenfels, 2000, 286
70 Fuchs, 2000, 275/ 276 Zum Ursprung der Gefühle schreibt Fuchs: „Ohne die mütterliche Resonanz bleiben dem Säugling auch seine emotionalen Regungen unwirklich. Denn er erlebt noch keine eigentlichen, intentionalen und personalen Gefühle, sondern ‚Protoaffek- te’, die nur im Kontakt mit der Mutter Richtung und Bedeutung erhalten. Den Gefühlen
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Das Phänomen des „social referencing“ wird in diesem Zusammenhang von DANIEL STERN ausführlich beschrieben. 71 Die soziale Bezugnahme ermöglicht dem Kind das Einordnen und Bewerten von Erfahrungen. Schließlich sei das treffende Zitat MERLEAU-PONTYS, welches unseren blinden Fleck der Wahrnehmung beschreibt, angeführt: „Die Anderen brauche ich nicht erst anderswo zu suchen: ich finde sie innerhalb meiner Erfahrung, sie bewohnen die Nischen, die das enthalten, was mir verborgen, ihnen aber sichtbar ist“. 72
2.3 Resonanz und Spiegelneurone
Die Neurowissenschaften bestätigen vieles von dem, was wir immer schon „wussten“ und in phänomenologischen Korrelaten bereits lange Gegenstand ist. Zwischenleibliche Prozesse - die leiblichen Resonanzen - können durch neurobiologische Entsprechungen verdeutlicht werden. JOACHIM BAUER erklärt hierfür anschaulich die Existenz der Spiegelnervenzellen im prämo-torischen Kortex unseres Gehirns.
Durch Experimente wurde belegt, dass Spiegelneurone genau dasselbe Schema im Gehirn bei eigener Ausführung und der bloßen Wahrnehmung einer Handlung aktivieren. Bei der Wahrnehmung spielt es keine Rolle, ob eine Handlung von einer Person selbst beobachtet oder ihr lediglich von einer Handlung berichtet wurde. 73 STERN schreibt hierzu: „Unser Nervensystem ist so konstruiert, dass es vom Nervensystem anderer Menschen ‚verstanden’ werden kann; aus diesem Grund können wir andere nicht nur mit unseren eigenen Augen wahrnehmen, sondern auch so, als ob wir in ihrer Haut steckten. Potentiell steht uns eine Art emotionaler Pfad offen, der direkt in den Anderen hinein führt; wir nehmen an seinem Erleben teil und lassen es in uns widerhallen, und umgekehrt gilt das Gleiche“. 74
Dieser innere, spontane (unreflektierte) Mitvollzug am eigenen Leib - die leibliche Partizipation - schließt die Innenperspektive ein und ermöglicht so ganz andere Einsichten als solche, die durch eine reflektierende, intellektuelle Analyse erreichbar wären.
fehlt noch die ‚Selbstbezüglichkeit’; der Säugling kann sich nicht freuen, sondern nur zusammen mit der Mutter Freude empfinden“. (Fuchs, 2000, 276)
71 Vgl. Stern, 2007 I, 189 siehe auch Kap. 7.3
72 Merleau-Ponty, 1974 in Fuchs, 2006, 3
73 Vgl. Bauer, 2006, 26
74 Stern, 2007 II, 89
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Durch unseren resonanten (lat. resonare = Widerhall, Mitschwingen, Mitklingen 75 ) Leib besitzen wir von Geburt an die Fähigkeit zu Mimesis und spontaner Nachahmung des Ausdrucks anderer Menschen. 76 Wir bringen mit den Spiegelneuronen die genetische Voraussetzung zu intuitiver Kommunikation, zu Empathie und Vertrauen mit. Unser angeborenes Körperschema ist auf Intersubjektivität hin angelegt, was u.a. durch die Ausdrucksfähigkeit von Babys belegt wird: Sie imitieren schon unmittelbar nach der Geburt gezielt mimische Signale, übersetzen also das Wahrgenommene „in ihre eigene, propriozeptive Körperempfindung“ 77 und entsprechende Motorik.
Wer in jungen Jahren emotionale Resonanzen durch Spiegelung der eigenen Person erfahren hat (besonders die Beziehung zwischen Säugling und Bezugsperson spielt eine entscheidende Rolle), kann eine „Theory of mind“ 78 - das intuitive Vermögen sich in andere Menschen hineinzuversetzen - entwickeln. Unsere neurobiologisch angelegte Bereitschaft zur Imitation ist die Basis für die Beziehung zur Bezugsperson und später für alle weiteren zwischenmenschlichen Beziehungen.
Doch Spiegelungen sind nicht nur das Fundament für sozialen Kontakt, sondern auch ein neurobiologisches Grundbedürfnis. Durch geglückte Spiegelungen entsteht das überlebenswichtige Gefühl der Bindung; körpereigene Opioide werden ausgeschüttet und wir empfinden körperliches und seelisches Glück. In dem inneren Mitvollzug - der spontanen Rekonstruktion der Gefühle anderer - können wir uns schwingend auf den emotionalen und körperlichen Zustand unseres Gegenübers einstimmen. Die Voraussetzung zu Empathie und ihrem Ausdruck ist das Zulassen dieser Spiegelungen in uns selbst. Wenn wir uns durch die Empfindungen anderer berühren lassen (ohne völlig im Mitgefühl aufzugehen) entfaltet sich die Möglichkeit, sie zu verstehen.
75 Franz, 2007, 64
76 Ich werde auf die Mimesis als den inneren Mitvollzug einer wahrgenommenen Gestalt im Zusammenhang mit der pathischen Wahrnehmung (Kap. 5.2) noch ausführlicher eingehen.
77 Fuchs, 2008 I, 23
78 Vgl. Bauer, 2006, 50 ff
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Nicht nur in der Begegnung mit einem Menschen, sondern auch in der Wahrnehmung der Bewegungen eines künstlerischen Werkes sind unsere leiblichen Strukturen aktiv. Aus neurowissenschaftlicher Sicht kann man sagen, dass Kunst bewusst und nicht bewusst Resonanzen in den Spiegelneuronen auslöst. 79 Wenn wir uns auf ein Werk einlassen, wissen wir meist implizit, durch atmosphärisches Wahrnehmen, „welche Stimmungen über das Kunstwerk ausgedrückt werden und können sie nacherleben“. 80 Der Maler ALFRED KUBIN beschreibt eindrucksvoll die Verbindung von Künstler, Werk und Rezipient:
„Die Handschrift eines Zeichners enthüllt manches von den seelischen Eigenschaften des Künstlers. Der Zug der Hand stellt sich unbewusst ein. Die Anziehungskraft der Handschrift zwingt verwandte Seelen zueinander. Erlebnisse der schauenden Seelen teilen sich anderen mit. Die Figuren und die Gespenster, die zeichnerisch festgehalten werden, tragen alle das Signum, den unverwechselbaren Duft als gemeinsames Erkennungszeichen für jeden, der verwandte Erlebnisse hatte […]. Was wird in uns lebendig, wenn wir die Blicke darauf ruhen lassen?“ 81
Wahrnehmung und Kommunikation von Resonanzphänomenen ist (Kunst-) therapeutischer Alltag. 82 Im gestalterischen Prozess, sowie in der Beschäftigung mit dem Werk, geht es um den Ausdruck von inneren Bildern. Solche die Sicherheit bieten, gilt es zu stärken, andere können (wieder) lockerer und offener werden und schließlich können völlig neue erzeugt werden. 83 Die Wirkung eines neuen Bildes und der Umgang mit ihm kann im handlungsentlasteten Raum zunächst erprobt werden.
3 Realität und Wirklichkeit
Einleitend sei hervorgehoben, dass - in der phänomenologischen Betrachtung - (subjektive) Wirklichkeit nicht gleichzusetzen ist mit Realität. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Sichtweisen, die besonders im ästhetischen Denken eine wichtige Rolle spielen.
79 Vgl. Franz, 2007, 67
80 Franz, 2007, 67
81 Kubin, 1977 in Franz, 2007, 67
82 In 12.3 wird auf die Beziehungen zwischen Patient, Werk und Kunsttherapeut ausführlicher eingegangen.
83 Vgl. Hüther, 2008, 17
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Die Wirklichkeit wird von unserer aktuellen Wahrnehmung bestimmt, wohingegen die Realität die dingliche Gegebenheit dahinter ist. Realität ist nicht einfach gegeben. Wir erschaffen die Realität und gerade unsere Wirklichkeit selbst, indem wir wahrnehmende und deutende Akteure unserer Lebenswelt sind. 84 Unsere Wirklichkeit konstituiert sich durch unser „be-antwortetes Wirken“, den „Gestaltkreis von spontaner Selbstbewegung und rückgemeldeter Wahrnehmung“. 85 Unser erlebender Leib ist dabei immer Bestätigung der Wirklichkeit, „für die ‚Leibhaftigkeit’ dessen was uns begegnet“. 86
Der Atmosphärebegriff ist nicht nur für unser Verständnis der Erscheinungswirklichkeit zentral, sondern gleichermaßen für die ästhetische Produktion im Allgemeinen, sowie die kunsttherapeutische Wirklichkeit im Besonderen. In der ästhetischen Erfahrung geht es immer auch um die Aus-einandersetzung mit erlebten Atmosphären. Jedes entstandene Werk ist Ausdruck der Wahrnehmung des Schöpfers von sich selbst, seiner Welt und der Beziehung zwischen ihm und seiner Welt. Gestaltungsprozesse eröffnen die Möglichkeit der Veränderung belastender innerer Bilder, indem Mimesis und Poiesis ineinander übergreifen: „Die Veränderung der Wahrnehmungsperspektive ist der Beginn der Veränderung der Wirklichkeit“. 87
3.1 Atmosphären
Atmosphären sind allgegenwärtig und doch werden sie im Alltag selten bewusst als solche wahrgenommen. Sie werden häufig übergangen, weil sich die Wahrnehmung der Menschen heute - auch beeinflusst durch die Technisierung - primär an Zeichen orientiert und nur sekundär an Personen und Dingen. Und doch ist die Atmosphäre erster - aber eben oft nicht benannter oder reflektierter - Gegenstand der Wahrnehmung. Nach HERMANN SCHMITZ sind Atmosphären ergreifende Gefühlsmächte, „randlos in den Raum ergossen.“ 88
84 Vgl. Jäger/Kuckhermann, 2004, 20
85 Fuchs, 2002 I, 169
86 Ebd.
87 Jäger/Kuckhermann, 2004, 20/21
88 Böhme, 1995, 29
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Dass Atmosphären nicht nur ein „Nebenprodukt“ sind, sondern unsere Stimmungen und Befindlichkeiten - und damit auch unsere Erfahrungenentscheidend beeinflussen, wird oftmals übergangen. Das was uns im täglichen Leben anmutet, die Hinwendung zu erlebten Atmosphären, kommt leider oft zu kurz. Nach BÖHME sind Anmutungen, also die emotionalen Wirkungen von Wahrnehmungen, „dafür verantwortlich, dass uns überhaupt etwas betrifft“. 89 Wichtig ist in diesem Kontext, dass die durch Anmutungen ausgelöste affektive Betroffenheit immer auch einen subjektiven Anteil, d.h. mit uns selbst zu tun hat. Durch unser Verhalten sind wir immer auch Mitproduzenten der Atmosphären in denen wir uns kurzzeitig befinden oder aber auch täglich leben. Anmutungen sind zwar unbestimmt, werden aber doch auf ihre je charakteristische Weise erfahren, sodass BÖHME sie als „Quasi-Subjekte“ bezeichnet. Atmosphären sind „etwas zwischen Subjekt und Objekt […], nämlich ihre gemeinsame Wirklichkeit“. 90 Mehrere Menschen können auch von einer Atmosphäre betroffen werden, sodass diese auch als quasi-objektives Gefühl bezeichnet werden kann. 91 Die Bestimmung des Charakters einer Atmosphäre spiegelt sich in unserem alltäglichen Sprachgebrauch, in den Zuschreibungen von Gefühlsattributen für Situationen und Dinge wieder. Beispielsweise kann jeder in etwa nachempfinden, wie eine fröhliche Melodie, ein majestätischer Berg oder ein trauriger Ort anmuten könnten. Jedem Wahrnehmen ist ein Spüren von Anwesenheit inhärent. Und zwar der Anwesenheit von mir selbst - dem Wahrnehmungssubjekt - und der Anwesenheit von etwas. „Die Atmosphäre ist die gemeinsame Wirklichkeit des Wahrnehmenden und des Wahrgenommenen“. 92
Dieses Spüren gleicht einem Sich-Befinden. In der Distanzierung (z.B. durch das Richten der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Aspekt) zu dieser Befindlichkeit bzw. der affektiven Betroffenheit bricht eine Atmosphäre zusammen oder wird zu etwas objektiverem, einem Ding. Dass wir
89 Böhme, 1998, 8
90 Böhme, 1998, 8
91 Vgl. Böhme, 1998, 9
92 Böhme, 1995, 34
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durch unsere Worte die feinen Unterschiede unseres Erlebens ausdrücken können, mag zum besseren Verständnis ein Beispiel von BÖHME verdeutlichen: Das Wahrnehmungsereignis „mir ist kalt“ kann durch die Distanzierung von dem eigenen Zustand zu einem „ich spüre die Kälte“ werden. Die Kälte wird zu etwas von mir (Ichpol) deutlich Abgrenzbarem, einem Zu-stand der Außenwelt (Gegenpol). Das Subjekt ist hier nicht affektiv betroffen und doch spürt es den Zustand der Außenwelt am eigenen Leibe. Mit der Feststellung „hier ist es kalt“ schreitet der Ausdifferenzierungsprozess noch weiter voran. Das Beschreiben des kalten Zustands kann sich natürlich nur auf subjektive Erfahrung stützen, wird aber als objektive Begebenheit (der „reinen“ Anwesenheit von etwas) wahrgenommen - die Atmosphäre hat sich zu einem Ding zusammengezogen. Die Anwesenheit von mir selbst ist nicht mehr ausschlaggebend. Der Charakter einer Atmosphäre - die Art und Weise wie sie affektive Betroffenheit im Subjekt auslöst - lässt sich nur bestimmen, indem man sich ihr aussetzt.
Die subjektive Stimmung ist also der Ichpol der Atmosphäre; diese in ihrer Gesamtheit besteht aber auch aus etwas von mir Getrenntem. Dieser objektivere Teil kann in zwei Erfahrungen mit Atmosphären entdeckt werden: In der Ingressions- bzw. der Diskrepanzerfahrung. BÖHME erläutert Ingressionserfahrungen als Hineingeraten in Situationen und Räume (auch im übertragenen Sinn) in denen spürbar eine bestimmte Atmosphäre herrscht und einem entgegenschlägt. Das Wahrnehmen dieser Atmosphäre ist nicht von meiner eigenen Stimmung abhängig. Sie ist von mir deutlich unterschieden, mutet mir aber auf eine besondere Weise an. Stimmungen sind immer „unbestimmt räumlich ausgebreitet“ 93 und können einem anmuten sobald man in sie hineingerät. In der Ingressionserfahrung wird deutlich, dass Atmosphären ergreifende Gefühlsmächte als räumliche Träger von Stimmungen sind.
Mit der Erfahrung von Diskrepanz als - der zweiten Möglichkeit Atmosphären zu entdecken - ist das Wahrnehmen einer von meinem eigenen Befinden unterschiedlichen Stimmung gemeint. Etwa wird eine traurige Stim-
93 Böhme, 2001, 48
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mung wird durch die gespürte Heiterkeit außerhalb meiner selbst (z.B. der eines warmen Frühlingsmorgens) durch eine entstehende Spannung modifiziert. Die Tendenz zur Umstimmung kann abgewehrt werden oder nicht, aber wahrscheinlich werde ich mir (in diesem Moment der paradoxen Erfahrung des Spürens einer Diskrepanz; des Wahrnehmens von Gefühlen die nicht meine sind) selbst fremd vorkommen. „Die Diskrepanzerfahrungen sind es, die in besonderem Maße dazu Anlass geben, Atmosphären als quasi objektive Gefühle zu bestimmen“. 94 Und doch wird eine Atmosphäre erst in der Konfrontation mit dem spürenden Subjekt - in der aktuellen Wahrnehmung - zu dem was sie ist. Bei den Phänomenen der Ingression und der Diskrepanz ist also eine Differenz zwischen subjektiver Stimmung und „äußerer“ Atmosphäre erfahrbar.
BÖHME beschreibt denjenigen Menschen als souverän, der in der Lage ist Atmosphären wahrzunehmen und zu akzeptieren, der „mit Momenten in sich zu leben versteht, deren Ursache […] [er] nicht ist“. 95 Weiter erklärt er:
„Die Souveränität des Subjekts besteht sicherlich nicht darin, alle Wirkungen von Gefühlsmächten einfach hinzunehmen. Aber um sich mit ihnen auseinandersetzten zu können, muss man sie zunächst anerkennen und auch erkennen. […] Dagegen macht die Leugnung atmosphärischer Gefühlsmächte uns unfrei - nämlich über das Unbewusste beeinflussbar - und stabilisiert die Ideologie eines autonomen Subjekts.“
Er plädiert für die Würdigung der leiblichen Wirklichkeit eines Menschen und die Rehabilitation der Atmosphären, denn diese „würde das menschliche Leben an Erfahrungen reicher machen“. 96 Atmosphären sind das eigentliche Thema der Kunst. In der Praxis der ästhetischen Arbeit (z.B. Innenarchitektur, Bühnenbildnerei, Design, Medien), in der Sozialen (ästhetischen) Arbeit sowie der Kunsttherapie, spielt die Kompetenz im Umgang mit Atmosphären - genauer: ihre Erzeugungeine wichtige Rolle. Die Intention der arrangierten Räume, Situationen und Dinge ist die affektive Betroffenheit des Subjekts. Durch die so erzeugten
94 Böhme, 2001, 48
95 Böhme, 1985, 205
96 Böhme, 1985, 206
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Tinka-Julia Merten, 2010, Phänomene des Ausdrucks in kunsttherapeutischen Perspektiven, München, GRIN Verlag GmbH
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