Inhalt
0 Einleitung. 3
1 Das Rätsel der Sprache. 4
2 Typologie. 6
2.1 Wortfolgemuster. 7
2.2 Der Ergativ - Ein evolutives Element. 9
3 Kreolsprachen und Spracherwerb. 13
3.1 Bickertons Kinder. 13
3.2 Die Sprache der Kinder und kreolische Strukturen. 16
3.2.1 Spracherwerb. 17
3.2.2 Kreolische Strukturen. 20
3.2.2.1 Das kreolische Verbalsystem. 21
3.2.2.2 Kognitive Evolution? - Wortfolgemuster. 23
3.3 Konklusion. 24
4 Der Ursprung vom Ursprung. 26
5 Bibliographie. 28
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0 Einleitung
In der vorliegenden Arbeit werde ich versuchen, spezifische linguistische Merkmale, die sich weltweit finden lassen, zu vereinen, um zu zeigen, dass - obgleich all der offensichtlichen Unterschiede heutzutage - das menschliche Sprachsystem bzgl. seiner Strukturen wahrscheinlich auf eine Art Protosprache zurückzuführen werden ließe. Zunächst werde ich eine kurzen Abriss über die Evolution der Menschheit geben, wobei diese Informationen mit der Frage »Wann und wie entwickelte sich eine artikulierte Sprache unter den Menschen?« zusammengeführt werden soll. Das zweite Kapitel wird sodann die Wortfolgemuster zum Gegenstand haben, über die wir auf ein außerordentliches Phänomen in der Evolution stoßen werden: die kognitive Evolution. Diese Etwicklung ermöglichte es schließlich, eine menschliche Kultur her-vorzubringen und die enstehenden Sprachen auf unserem Planeten sukzessive linguistisch zu markieren hinsichtlich sprachlicher Strukturmerkmale. Wir werden dabei sehen, inwiedern die Wortfolgemuster Ergebnisse der kognitiven Evolution darstellen, genauso jedoch werden wir auf Sprachen treffen, deren archaischer Charakter bis heute erkennbar ist.
Im Anschluss werden wir die Strukturen neuerer Sprachsysteme - der so genannten Kreol(en)sprachen - mit dem Spracherwerbsprozess im Kindesalter in Verbindung bringen; eine Analyse, die zeigen wird, dass Kinder eine derart enorme Kreativität besitzen, sodass eventuell sie diejenigen sind, die sich für die Tatsache, dass Kreolsprachen eine große Anzahl linguistischer Merkmale untereinander teilen, verantwortlich zeichnen. Die gesamte Arbeit über werde ich mich auf scheinbar inkohärente linguistische Merkmale konzentrieren, die im Laufe der Entwicklung unserer Spezies eine wichtige Rolle spielten und uns zu dem machten, was wir heute sind, ausgestattet mit einem komplexen und einzigartigem sprachlichen Apparat namens Gehirn. Um diese Ziele zu erreichen, werde ich im Verlaufe der Arbeit auf zahlreiche wissenschaftliche Theorien der letzten Jahre zurückgreifen.
1 Das Rätsel der Sprache
Die Vorfahren des modernen Menschen traten vor etwa sieben Millionen Jahren auf die Bildfläche 'Erde', als sich die evolutive Linie zwischen humanen Lebewesen und Schimpansen aufsplittete (cf. Arsuaga/Martínez 1999: 73). Es etablierten sich die Gattungen Sahelanthropus tschadensis und Orrorin tugenensis, die »la rama, en la que aparecerán más tarde los humanos« (Díez Martín 2006: 47) generierten. Im Laufe der Zeit bildete sich eine psychologische Fähigkeit, durch die sich die anatomisch modernen Menschen sich schließlich von den Tieren unterscheiden: die Sprache (cf. Lieberman 2006: 214).
Obgleich die verbale Kommunikationsfähigkeit zweifelsohne eine der faszinierendsten Begabungen darstellt, präsentiert sie sich bis heute als ein wahres Rätsel, auf das bisher noch keine Antworten gefunden worden sind. Aber: Wann und wie entwickelte sich Sprache?
Liebermann (2006) nimmt an, dass »[...] completely voluntary speech, complex syntax, and cognition« (215) vor ungefähr 100.000 Jahren aufkamen und mit dem Auftauchen des homo sapiens sapiens (Cro-Magnon) zusammenfielen, der ein Alter von etwa 150.000 Jahren aufweist (cf. Marean/Assefa 2005: 98ff.). Nichtsdestotrotz lässt sich die Kommunikationsfähigkeit bereits für die Vorfahren des modernen Menschen rekonstruieren. Haarmann (2006: 28ff.) nimmt an, dass der homo erectus (vor etwa 1,9-0,4 Millionen Jahren) physiologisch in der Lage gewesen sei, primitive Laute von sich zu geben. Jedoch spielte nicht allein die Physiologie eine wichtige Rolle, sondern auch die Fähigkeit zum abstrakten und symbolischen Denken (cf. Humboldt 1827-9:197ff; 1836:390, in: Lehmann (1998): 13), deren Resultate (Zeichnungen, Musik, Rituale etc.) in den Ausgrabungsstätten des Cro-Magnon-Menschen zu finden sind. (cf. Tattersall 2002, Leakey 2005: 100ff.) Liebermann (2006: 215) geht ein Stück weiter und behauptet, dass diese menschlichen Verhaltensweisen (Musik, Tanz usw.) Produkte eines Mechanismus in den Basalganglien (im Gehirn) sind - ein Areal, das eventuell auch beim Sprachlernprozess im Erwachsenenalter eine wichtige Rolle spielt. (cf. Punkt 3.1) Die Annahme, dass das mentale Leistungsvermögen ein Schlüsselpunkt darstellt, 1 führt uns somit zu der Schlussfolgerung, dass bereits der homo erectus eine gewisse Disposition zu einer Art Sprache besaß - dies wird u.a. durch Funde belegt, die in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts in einer Höhle in Aserbaidschan zutage gefördert
1 Allerdings sollte beachtet werden, dass die mentale Kapazität nicht von der Größe des Gehirns abhängig ist (cf. Leakey 2005: 96).
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wurden: Reste einer Art Zeremonie des homo erectus. (cf. Haarmann 2006: 30f.) Aber wie entwickelte sich letztlich Sprache? Da sie nach Haarmann (2006: 27) zufolge ein Produkt abstrakten Denkens darstellt, könnte geschlussfolgert werden, dass es ein evolutives Etwas gegeben haben muss, das die physiologischen und mentalen Fortschritte vereinte. In dieser Hinsicht formulierte Tattersall (2002) die These, dass die so genannten Exaptationen unseren Vorfahren erlaubten, ein linguistisches Artikulationssystem zu generieren - durch Zufall. Dem Paläoanthropologen Tattersall zufolge sind Exaptationen biologische Merkmale,
»[...] die spontan entstanden sind und zunächst nur potenziell zur Verfügung stehen, um im weiteren Verlauf der Entwicklung eine neue Funktion zu übernehmen. Das ist ein gängiges Phänomen, da viele neue biologische Strukturen aus keinem anderen Grund erhalten bleiben als dem, nicht weiter zu stören.« (Tattersall 2002)
Wenn wir dieses wissenschaftliche Ergebnis auf die neurobiologischen und linguistischen Theorien anwenden, müssen wir annehmen, dass auch das oftmals fälschlicherweise so genannte »área del lenguaje« (Obler/Gjerlow 2001: 45), das die Broca- und Wernicke-Areale beinhaltet, einzig ein Subprodukt der Evolution darstellt. Dies impliziert zugleich, dass diese spezifischen Gehirnregionen nicht Sprache generieren, sondern mit Kommunikationsfähigkeiten (passiv) betraut wurden (cf. Quaad 2007) - neue Forschungsergebnisse beweisen überdies, dass alle Gehirnregionen am Sprachprozess beteiligt sind. (cf. Wills 1996: 448) Deshalb können wir schlussfolgern, dass sich dieses linguistische System innerhalb eines »Sprachnetzwerkes« (Quaas 2007) befindet undwenn wir Tattersalls These folgen, wonach alle genetischen Neuerungen einst Exaptationen waren - wir kein einzelnes biologisches Merkmal ausmachen können (außer eventuell die Basalganglien?), das die Sprachentwicklung bei unseren Vorfahren ausgelöst haben könnte.
Da die gesamte Menschheit DNS-bezüglich miteinander verwandt ist, wie der Genetiker Cavalli-Sforza (2000: 87ff.) anhand der »Eva africana«, die vor etwa 143.000 Jahren gelebt haben soll (ib.: 90), darlegte, muss also auch unser Gehirn - das »Sprachnetzwerk« - eine einzelne Ausgangsbasis gehabt haben, und zwar im Gehirn jener »Eva africana«. Dahingehend ließe sich ableiten, dass alle homo sapiens sapiens Grundzüge dieses Sprachnetzwerk seit Anbeginn teilen, weshalb wir heutzutage auch in allen Sprachen dieser Erde identische oder ähnliche Strukturmerkmale finden - selbst wenn diese
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Sprachsysteme sich unterschiedlich entwickelt haben sollten. Und tatsächlich existieren solche archaisch-linguistischen Rückstande, auf die wir im Folgenden näher eingehen werden.
2 Typologie
Um den »Plan«, welcher unserer Sprache zugrunde liegt, skizzieren zu können, bedarf es eingehender Untersuchungen bestimmter Raster menschlicher Kommunikationssysteme. Ein Hilfsmittel, dessen wir uns dabei bedienen können, stellt die Typologieforschung dar, welche die Struktur eben jener Sprachsysteme eingehender untersucht. Gleichzeitig werden wir die kulturell-soziale Evolution der menschlichen Populationen mit einbeziehen, da bekanntlich die Sprache die wahrgenommene Umwelt reflektiert, was von Ferdinand de Saussure prägnant als Arbitrarität der Sprache bezeichnet wurde. (cf. Saussure 1981) Dies wirft unweigerlich die Frage auf, warum der Mensch seine Umwelt und damit auch seine Kultur in Worte verpacken musste: »Der Sinn, den wir durch und über unsere Sprache allem geben, was für uns existentiell von Bedeutung, ist abhängig von unseren Wahrnehmungen und Wertungen unserer Umwelt, der natürlichen und derjenigen, die wir mit unserer Kultur schaffen. Unsere Wahrnehmungen sind relativ, und damit unterliegt die sprachliche Konstruktion unserer Welt dem sog. 'linguistischen Relativitätsprinzip'.« (Haarmann 2005: 57)
Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, wird uns der von Steve Mithen geprägte Begriff der so genannten »inteligencia social« (Watson 2006: 64) helfen, die eine gesellschaftliche Struktur menschlicher Populationen konstituiert. Nach Watson (2006) lebte der homo habilis bereits in einer Gruppe von mehr als 80 Individuen (p. 64), wodurch wir vermuten können, dass es eine bestimmte gesellschaftliche Hierarchie gegeben haben musste, deren Ursprung in der so genannten kognitiven Evolution des Menschen zu suchen ist (cf. Haarmann 2006: 42), die sich - wie wir sehen werden - zugleich in der Struktur der menschlichen Sprachsysteme erhalten hat, in den so genannten archaischen Strukturelementen. (ib.: 40)
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2.1 Wortfolgemuster
»It was Greenberg [...] who first recognized word order as a potentially rich area of typological investigation. In fact, it is not an exaggeration to say that he initiated probably the most prominent and productive typology known in modern linguistics.« (Jung Song 2001: 52)
Ausgehend von der Tatsache, dass die Sprache die wahrgenommene Umwelt beschreibt, muss folglich die Sprachstruktur die Katalogisierung der verschiedenen gesellschaftlichen Hierarchien widerspiegeln. Haarmann (2004) bringt die bereits angesprochene kognitive Evolution des Menschen in Verbindung mit den, den menschlichen Sprachsystemen zugrunde liegenden Wortfolgemustern.
Angenommen, die verschiedenen frühen Hominidenspezies - und insbesondere die Vertreter der Gattung homo - begannen damit, ihre Umwelt mit lautlichen Mustern zu beschreiben, so war dies anfänglich wohl hauptsächlich mit so genannten Ein-Wort-Sätzen möglich, welche oft auch onomatopoetische Ausdrucksformen mit einschlossen; ein Stadium, das nach Haarmann (2006: 35f.) am Anfang der Sprachverwendung durch den homo erectus zu finden sein sollte und sich teilweise bis in den heutigen Sprachen erhalten habe. Es ist somit denkbar, dass sich im Zuge der sukzessiven gesellschaftlichen Entwicklungen diese einfachen Benennungsmethoden außersprachlicher Referenten als unzureichend herausstellten. Etwaige 'logistische' Probleme wie etwa bei der Organisation von Produktionsmethoden oder dem Jagen bei frühen Zivilisationen bedurften eines differenzierten Denkens, das abstraktes Planen beinhaltete, was spätestens beim homo habilis anzutreffen ist:
»En el conexto [...] resulta significativo el descubrimiento de herramientas de piedra a una distancia de hasta diez kilómetros desde la fuente de la materia prima, lo que implica que, desde H. habilis, el hombre primitivo era capaz de crear 'mapas mentales', de planear y anticiparse, de predecir el lugar en el que encontraría a sus presas y transportar hasta allí útiles con antelación.« (Watson 2006: 63)
Eine derartige Verzweigung gesellschaftlicher Strukturen bewirkte wahrscheinlich auch eine sukzesive funktionale Differenzierung der Sprache zwischen dem Subjekt (S), dem Verb (V) und dem Objekt (O), ein Merkmal, das sich - nach Haarmann (2006: 39) -vor mehr als 60.000 Jahren herausgebildet haben muss. Aber warum? Schauen wir uns ein einfaches Beispiel an: Um eine in diesen sich entwickelnden Zivilisationen einfache - sinngemäße - Anweisung wie Du bringst dem Bauern X das Saatgut Y! zum Ausdruck bringen zu können, bedurfte es einem Repertoire markierter syntaktischer Beziehungen
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zwischen den einzelnen Satzgliedern, was mit Ein-Wort-Sätzen nicht möglich gewesen wäre, zumindest nicht ohne die Hilfe deiktischer Elemente. Später werden wir sehen, wie der Fall des Ergativs ein archaisches Hilfsmittel zur Verwirklichung derartiger Beziehungen darstellt, die sich in Verbindung der kognitiven Evolution des Menschen nicht allein über die Wortfolgemuster realisieren ließen. Der amerikanische Linguist Joseph H. Greenberg untersuchte in den 1960er Jahren 30 Sprachen und fand zwei Arten von universalen Strukturen: »In other words, two different kinds of universals were proposed by Greenberg, i.e. (a) the so-called statistical or absolute universals ('all languages have a given feature x') and (b) implicational or relationship universals ('if a language has x, then it will have y').« (Andersen 1983: 7)
Diese Untersuchungen führten ihn schließlich zu den Wortfolgemustern, wobei er die Kombinationen VOS, OSV und OVS nicht mit einschloss, da diese »do not occur at all, or at least are excessively rare« (Greenberg, in: Andersen 1983: 8). Jedoch ist eben dieses seltene Auftreten Objekt-initialer Wortfolgemuster und auch der Wortfolge VOS (da das Objekt vor dem Subjekt steht) womöglich ein Indiz für das 'Überleben' archaischer
Strukturen. Das folgende Diagramm zeigt die Verteilung der Wortfolgemuster nach einer Untersuchung von 1420 Sprachen vor einigen Jahren (Haarmann 2006: 41):
Diese zwei Objekt-initialen, heute selten anzutreffenden Wortfolgemuster OVS (1,2%) und OSV (1,2%) weisen nach Haarmann (2004) eine auffallende Konzentration in ihrer geographischen Verbreitung auf. Die heute 35 existierenden Sprachen dieser Kombinationen (cf. Haarmann 2006: 122) trifft man in zwei Großregionen der Welt an:
»Dies ist einmal Südostasien (Himalaya, südostasiatischer Inselarchipel), Neuguinea und Australien, zum anderen der nördliche Teil Südamerikas (Brasilien, Kolumbien). Die größte Konzentration von Sprachen mit Objekinitialer Wortfolge findet man in Brasilien. Allein 14 Indianersprachen gehören zu dieser Kategorie, und zwar Apalaí, Asuriní, Bakairí, Hixkaryána, Jamamadí, Jaruára, Kayabí, Macuna, Macushi, Parecís, Pemon, Urubú-Kaapor, Xavánte, Yuhup [...]« (ib.: 123)
Auf Grund dieser peripheren Lokalisierung nimmt man an, dass es sich um Rückzugsgebiete handelt und die Objekt-initialen Sprachen Überreste früherer Sprachstrukturen
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bis heute konserviert haben:
»Diese periphere Verteilung vermittelt den Eindruck von Rückzugsgebieten. In Verbindung mit dem Umstand, daß diese Sprachen vo Kleinvölkern mit vorwiegend nicht-agrarischer Lebensweise gesprochen werden, liegt die Annahme nahe, daß es sich bei der Objekt-initialen Wortfolge um eine archaische Konfiguration des Stadiums 4 handelt, die heutzutage wie das Relikt einer ehemals viel ausgedehnteren Zone anmutet.« (ib.: 41)
Wie wir gesehen haben, reflektiert die menschliche Sprache die wahrgenommene Umwelt (cf. Punkt 2), was uns zur Annahme bringt, dass sich in der Wortfolge die jeweilige Lebensweise dieser Sprachgemeinschaften widerspiegeln müsste, und tatsächlich sind diese Populationen in den meisten Fällen autochthone Ethnien mit alten Wirtschafts-und Gesellschaftsformen:
»Sie haben zumeist ihre lange Tradition des Wildbeutertums bis heute aufrechterhalten. Nur wenige Gruppen haben sich an die seßhafte Lebensweise einfacher Pflanzer gewöhnt [...] und in dieses Bild uralter präagrarischer Traditionen passen archaische sprachliche Züge wie die Objekt-initiale Wortordnung.« (ib.: 123/4)
Wie können wir aber dann erklären, dass sich die Sprachen hin zu einer heute dominanten Subjekt-initialen Wortordnung entwickelt haben? Haarmann (2006) schlägt vor, dass der Grund dafür in der kognitiven Evolution des Menschen zu suchen sei, derzufolge »die Kategorie des Subjekts als handelnde Person [sich] zum Schlüsselbegriff seines Kulturschaffens entwickelt hat«. (ib.: 42)
Diese Theorie einer kognitiven Evolution im Zusammenhang mit der Differenzierung struktureller Spracheigenschaften wird später eine wichtige Rolle spielen, wenn wir uns mit dem (kindlichen) Spracherwerb und der Entstehung von Kreolsprachen beschäftigen werden. Zunächst jedoch richten wir unser Augenmerk auf das sprachliche Phänomen des Ergativs im Zusammenhang mit der geistigen und sprachlichen Entwicklung beim Menschen.
2.2 Der Ergativ - Ein evolutives Element
Wie oben besprochen bewirkte die kognitive Evolution in den Sprachen eine strukturelle Differenzierung, um den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen gerecht zu werden. Das Resultat dieser Entwicklungen spiegelt sich in den heutigen Sprachen insofern wider, als alle Sprachsysteme intransitive Sätze mit einer Nominalphrase
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(NP) und transitive Sätze mit zwei NP aufweisen. (cf. Dixon 1994) Im Folgenden werde ich mich an Dixons Klassifikationen der NP orientieren:
Es gibt viele denkbare Möglichkeiten, diese Satzkomponenten zu markieren, doch heutzutage beherrschen die (Nominativ-)Akksuativ- und Ergativ-(Absolutiv-)Konfigurationen zusammen mehr als 50% aller Sprachen. (cf. Stolz 1999) Zu den Akkusativ-Sprachen zählen u.a. Deutsch und Spanisch, zu den Ergativ-Sprachen u.a. das Baskische und das Chamoru. 2 Während in den Akkusativ-Sprachen das transitive und intransitive Subjekt gleich behandelt werden und nur das transitive Objekt mit einem Kasus versehen wird, verhält es sich bei den Ergativ-Sprachen anders:
»The term 'ergativity' is [...] used to describe a grammatical pattern in which the subject of an intransitive clause is treated in the same way as the object of a transitive clause, and differently from transitive subject.« (Dixon 1994)
Der Ergativ äußert sich demnach darin, dass das handelnde Agens markiert und somit hervorgehoben wird, während die beiden anderen NP im Absolutiv stehen, d.h. unmarkiert bleiben.
Der Ergativ tritt in zwei Formen auf: morphologisch und syntaktisch, wobei eine weitere Unterscheidung zwischen voller und gespaltener Ergativität vorgenommen werden muss, und man dabei in der Regel die gespaltene Ergativität antrifft. (cf. Stolz 1999) Während das Baskische zu den (morphologischen) voll-ergativischen Sprachen zählt (1), 3 weist die austronesische Sprache Chamoru die gespaltene (syntaktische)Variante auf (2) 4 :
(1) Gizonak (Erg. -k) Ana (Abs.) ikusi zuen atzo. Erg.-Sprache
Der Mann (Nom.) sah Ana (Akk. PAT) gestern. Akk.-Sprache
2 Im Chamoru tritt der Ergativ nur auf, wenn es ein definite Patiens im transitiven Satz gibt. (Stolz 1999)
3 Beispiel nach Haarmann (2006: 118).
4 Beispiel nach Stolz (1999).
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(2) Ha (Erg.) guayia i palao'an (Abs.) Erg.-Sprache
Er (Nom.) liebt die Frau (Akk. PAT) Akk.-Sprache
Inwiefern können wir aber von einem archaischen sprachlichen Merkmal ausgehen? Nach Haarmann (2006: 118) treten Ergativ-Konstruktionen in erster Linie in sehr alten Sprachen auf und in heutigen Sprachen, deren periphere Verbreitung weltweit zu der Annahme führt, »[...] daß es sich dabei um eine grammatisch-syntaktische Technik mit sehr langer Tradition handelt, also auf Altertümlichkeit deutet«. Und diese Annahme lässt sich in Verbindung mit der kognitiven Evolution unter Berücksichtigung der heutigen weltweiten Verbreitung von Wortfolgemustern (cf. 2.1) untermauern. Hierzu vergleichen wir im Folgenden die Sprachen Baskisch und Chamoru.
Im Baskischen geht der Ergativ - nach Stolz (1999) - dem Absolutiv immer voraus, sodass der Ergativ zugleich den Agens (transitiver Satz) darstellt, d.h. dass bei mehr als einer NP das (vermutliche) handelnde Subjekt durch einen grammatischen Marker, dem Ergativ, hervorgehoben wird (Abhebung von der Grundform Absolutiv). (cf. ib.) Aber warum wird das transitive Subjekt (O) hervorgehoben und nicht S oder gar A? Wie ich bereits aufgezeigt habe, mussten im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung die frühen Zivilisationen ihre außersprachlichen Referenten benennen können, d.h. dass zwei NP in einem (transitiven) Satz auftreten konnten. Ein einfaches Gedankenexperiment wird uns das Vorgehen vor Augen führen: (1) Mann Frau sieht/sehen. 5
Diese Kombination von Worten lässt zwei mögliche Interpretationen zu: entweder sieht der Mann (O) die Frau (A), oder die Frau (O) sieht den Mann (A). 6 Wenn jedoch in der Sprachgemeinschaft keinerlei kognitive Konventionen hinsichtlich der syntaktischen Beziehungen besteht (wie es anfangs vermutlich der Fall war), sind beide Interpretationen möglich, und somit auch etwaige Missverständnisse auf semantischer Ebene programmiert. Um dies zu vermeiden, liegt die Annahme nahe, dass man sich eines
5 Der Infinitiv (sehen) wurde von mir gewählt, da wir später in Verbindung mit den Kreolsprachen und Universalien ebenfalls auf ein ähnliches Phänomen stoßen, welches sich mit dem hier besprochenen in Verbindung bringen lässt.
6 Eine eventuelle dritte Möglichkeit, die eine passive Konstruktion vorsieht, wird hier vernachlässigt.
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Markers bediente, in unserem Beispiel des Ergativs, um die markierte Form, das Subjekt/Agens (O), welches erst im weiteren Verlauf der kognitiven Evolution zum Schlüsselbegriff des Kulturschaffens des Menschen wurde (cf. Haarmann 2006: 42), zu markieren. Wenn wir Talmy Givóns These zur »cognitive complexity« berücksichtigen,
»Cognitive complexity: The marked category tends to be cognitively more complex - in terms of attention, mental effort or processing time - than the unmarked one.« (Givón 1990, 1991; en Ludwig 2001: 405)
stellte die Subjekt-Markierung somit ein obligatorisches Resultat dar, welches den ursprünglichen kognitiven Aufwand, den eine unmarkierte Nominalphrasenkombination aufgeworfen hätte, zu umgehen wusste. Ohne eine Markierung von O müssten wir - insofern es keine kognitiven Konventionen hinsichtlich einer Wortordnung gibt - mehr Aufmerksamkeit für den Kontext aufbringen, was die geistige Auslastung erheblich erhöhen würde, und auch die »processing time«, d.h. die Verarbeitung des Inputs, würde mehr Zeit in Anspruch nehmen. Somit können wir schlussfolgern, dass das handelnde Subjekt, der Agens, beim Aufkommen von transitiven Sätzen mit mehr als einer NP in der Geschichtes der Menschheitsevolution notwendigerweise - zur kognitiven Entlastung - markiert werden musste. Demzufolge ist es wahrscheinlich, dass die Objekt-initialen Sprachen frühe Gesellschafts- und Wirtschaftsformen in den Sprachgemeinschaften widerspiegeln, wobei das handelnde Subjekt noch nicht in den Mittelpunkt des Kulturschaffens gestellt wurde, jedoch eine Markierung von O aufwiesen. Am Beispiel des Chamoru lässt sich die kognitive Entwicklung gut nachvollziehen. Die heutige Wortordnung lautet V-S-O, ein seltenes Muster (12,4%, cf. 2.1), welches auf Grund seiner ebenfalls peripheren Verbreitung in der Welt (cf. Haarmann 2006: 41) womöglich ein postarchaisches Strukturelement darstellt. Wenn man berücksichtigt, dass die Ordnung O-S-V im neutralen Aussagesatz noch heute - wenn auch selten - anzutreffen ist (cf. Haarmann 2004), kann man annehmen, dass die Entwicklung weg von einer Objekt-initialen- hin zur Verb-initialen Wortfolge das Resultat der kognitiven Evolution darstellt, 7 und das Chamoru eventuelle ehemals eine Objekt-initiale Sprache war. Die Ergativität des Chamoru liefert uns darüber hinaus noch eine weitere Information: Da diese Sprache nur eine gespaltene Ergativität aufweist - und Sprachen mit voller Ergativität seltener sind (cf. Stolz 1999) -, stellt die heutige sprachliche Differenzierungunter Berücksichtigung der obigen Überlegungen - eine Sprache mit postarchaischen
7 Die literarisch häufig genutzte S-V-O-Stellung lässt sich womöglich damit in Verbindung bringen, dass die Sprache während der spanischen Kolonisation von spanischen Jesuiten verschriftlicht wurde. (cf. Cooreman 1987)
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Zügen dar, wobei sich teilweise kognitive Konventionen in der Wortordnung herausgebildet haben, die zum größten Teil (cf. 2.2) die obligatorische Markierung des handelnden Subjekts O überflüssig machen. Die offensichtliche Tendenz der aktuellen Sprachentwicklung hin zu einer Subjek-initialen Wortordnung (S-O-V 42,5%, S-V-O 33,4%; Haarmann 2006: 41) stellt folglich den sichtbaren 'Erfolg' der kognitiven Evolution dar (cf. 2). Aus diesen Überlegungen lässt sich ein Schema entwickeln, welches chronologisch die Entwicklung der Sprachen hinsichtlich ihrer Strukturen darstellt und uns ermöglicht, grobe Schätzungen über das Alter dieser Sprachsysteme anzustellen.
O-S-V / O-V-S
3 Kreolsprachen und Spracherwerb
3.1 Bickertons Kinder
»[Die] einfache Verstandeshandlung, die überhaupt zum Verstehen und Hervorbringen der Sprache auch in einem einzigen ihrer Elemente gehört, [...] kann nicht erlernt werden, [und] muß [demnach] ursprünglich im Menschen vorhanden sein.« (Humboldt 1820: 12; en: Lehmann (1998: 13))
Die heutige Sprachforschung hält zahlreiche Theorien bzgl. der Pidgin- resp. Kreolsprachenentstehung parat, 8 von denen uns einige Aspekte, vor allem der Universalientheorie, auf der Suche nach dem 'versteckten' System der menschlichen Sprache eine Hilfe sein werden. So postuliert die von Bickerton 1981 vorgeschlagene Language Bioprogram Hypothesis, dass jedem Menschen ein so genanntes Bioprogramm dabei hilft, bei unzureichendem sprachlichen Input trotzdem ein vollständiges, auf die Bedürfnisse des Sprechers abgestimmtes Sprachsystem zu kreieren. (cf. Cook/Newson 1996) Seiner Annah-
8Cf. Holm 1988, Chaudenson 2001, Valdmann 1996, Bickerton 2004, Bechert/Wildgen 1991, McWhorter 1997, McWhorter 2003
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me zufolge wird dieses angeborene Bioprogramm jedoch nur dann aktiviert, wenn der Kreolisierungsprozess innerhalb der ersten Kreolen-Generation stattfindet, da sich der Jargon resp. das Pidgin ansonsten zu weit ausdifferenziert (cf. McWhorter 1997: 8), wodurch der Rahmen für die kulturelle Ausbeutung der biologischen Anlagen nicht mehr gegeben wäre. (cf. Bechert/Wildgen 1991: 136)
Ein oft vorgebrachter Kritikpunkt seitens von Wissenschaftlern hinsichtlich Bickertons LBH stellt die Tatsache dar, dass Kinder nicht für die Entwicklung der Kreolsprachen herangezogen werden können, da zur Zeit der Sklavenhaltung die Lebensbedingungen so schlecht waren, dass es eine hohe Sterberate gab und demzufolge Kinder selten waren (McWhorter 1997: 8; Fleischmann 1987: 69).
Jedoch spricht auch einiges für Bickertons Annahme. Bereits Psammetich I., ein ägyptischer König, vollzog vor zweieinhalb Jahrtausenden ein Sprachexperiment, wodurch er die Ur-Sprache der gesamten Menschheit zu entdecken sich erhoffte. (cf. Zimmer 2008: 7) Seiner Theorie zufolge musste es eine so genannte Protosprache geben, die allen anderen Sprachen als Basis diente, und er machte das Phrygische schließlich als Ur-Sprache aus. (cf. Bickerton 2004: 79) Diese Experiment wird von Linguisten angezweifelt, doch die Folgen eines solchen Unterfangens werden heute oft unfreiwillig 'entdeckt', und zwar bei so genannten wilden Kindern; Beispiele dafür sind die Fälle der beiden Kinder mit den Namen Genie und Kaspar Hauser.
Diese Kinder lebten in sozialer Isolation, bis sie dieser entfliehen konnten. Nachdem sie reintegriert worden waren - Kaspar Hauser mit etwa 15/16 und Genie mit 13,6 Jahren -, erwarben sie unter großer Mühe sprachliche Fertigkeiten. Sie eigneten sich einen differenzierten Wortschatz an, doch ihre Sprache war markiert durch morphologische und syntaktische Defizite (cf. Klann-Delius 1999: 67f.). Dies ist eine Folge der Isolation, in der sie sich befanden, als sie im Alter des Erstpracherwerbs gewesen waren. Ihnen standen somit »die für den Spracherwerb notwendigen Mechanismen nicht mehr zur Verfügung« (ib.: 68), da in den ersten Lebensjahren die Synapsenverbindungen im Gehirn eines Menschen getätigt werden. Das Gehirn gleicht zu dieser Zeit einem unfertigen, kognitiven 'Netzwerk' (cf. Quaas 2007), dessen Bauplan sich erst durch die sozialen und sprachlichen Erfahrungen konstituiert (cf. Tölle et al. 1991: 9ff.).
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Bei diesem Erstspracherwerb im Kindesalter wird der Input in einem neuronalen Netz-
9Dies lässt sich untermauern durch einen erbrachten, neuronal-wissenschaftlichen Beweis, insofern man nachweisen konnte, dass bei Kindern im Erstspracherwerbsalter, deren Sprachareale verletzt oder gar zerstört wurden, die Sprache sich einen neuen Platz im Gehirn sucht. Eine Tatsache, die mit einem sich selbst-konstituierenden, neuronalen 'Netzwerk' übereinstimmt (Penfield/Roberts (1959: 240), in: Singleton/Ryan (2004: 40f.)) 14
werk gespeichert. Dies geschieht so auch im Broca-Zentrum, das in erster Linie für die codificación einer Sprache zuständig ist. (cf. Anula Rebollo 2006: 21) Für jede außerhalb des Erstspracherwerbsalter erworbene Sprache (Fremdsprache) werden hingegen andere Hirnareale, die so genannten Basalganglien, in Anspruch genommen, »die dafür zuständig sind, neue Regeln zu automatisieren« (Springer 2006: 56). Auch der Harvard-Professor Philip Lieberman sieht die Basalganglien als wegweisend in der menschlichen (kognitiven?) Evolution, die als »sequence engine, regulating acts that make us human« (Tanzen, Rituale, Singen, soziale Interaktionen, etc.). (Lieberman 2006: 215) Fest steht jedoch, dass de heutige Mensch dadurch nie den Sprachstand und das Sprachgefühl erreicht, den Kinder im 'Normalfall' mit Leichtigkeit erwerben (cf. Küls), da für den genannten Fall des Sprachgebrauchs einer erlernten Fremdsprache andere Hirnmechanismen greifen (u.a. die Basalganglien), die nicht spezifisch für die Sprache, »sondern für allgemeine kognitive Fähigkeiten [fungieren]: Sie sind also zuständig für das rasche Abrufen von Gespeichertem« (Springer 2006: 55). 10 Hauser und Genie erwarben Sprache erst in ihrer Pubertät, und sie konnten sich keine perfekten Sprachkenntnisse mehr aneignen, da ihr kognitives 'Netzwerk' schon fertig war und sie später nur eine 'Fremdsprache' erlernten. Auffällig hierbei ist, dass es jedes Mal morphosyntaktische Defizite waren, die ihre Sprache markierten. (cf. Curtiss et al. 2004, caso de Genie)
Interessant hinsichtlich Kreolsprachen ist, dass diese Sprachsysteme genau auf dieser, der strukturellen Ebene, Ähnlichkeiten aufweisen. (cf. Bickerton 2004: 79) Demnach kann man annehmen, dass es für Menschen, die aus dem Alter des Erstspracherwerbs heraus sind, schwierig bis unmöglich ist, einer Sprache eine 'neue' Struktur zu geben. Folglich scheint dies Bickertons Annahme zu untermauern, dass Kinder die Sprachkreierer de Kreolsprachen sind (s.o.), denn sie sind in der Lage, dem eventuell defizitären Pidgin, welches sie als Erstsprache erwerben, eine komplexere Struktur zu verleihen, während sie sich im Kleinkindalter befinden.
Andererseits beweisen die wilden Kinder nicht, dass Erwachsene, z.B. die Sklaven, die schon eine vollständige Muttersprache besitzen, keine 'neue' Sprache mit'entwickeln' könnten, denn nach der Theorie der universal grammar Noam Chomskys 11 besäßen sie die nötigen Grundlagen dafür; doch diese 'neue' Sprache wäre - wie oben gesehen - das Produkt eines fertigen 'Netzwerks' im Gehirn, sodass die späteren Entwicklungen - z.B.
10 Ausnahmen bilden dahingehend jedoch bilinguale Kinder, die weitere Fremdsprachen mit Leichtigkeit erlernen können (cf. ib.: 56)
11 Cf. Chomsky (1970).
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Pidgins und Kreolsprachen - allesamt nach dem konzeptionellen Modell der Muttersprache (der Sklaven/Erwachsenen) enstanden wären. Wenn dies der Fall sein sollte, müssten alle Kreolsprachen, die Ähnlichkeiten untereinander aufweisen, aus Sprachen entstanden sein, die sich allesamt strukturell ähneln; jedoch wäre die Ausgangsbasis solcher strukturell ähnlicher Sprachsysteme längst kein Indiz dafür, dass diese sich auch im Sprachwandel und -kontakt ähnlich 'entwickelten', denn die Pidgins und Kreolsprachen entstanden unabhängig voneinander. Entweder wäre es folglich ein großer 'Zufall' gewesen, oder sprachliche Universalien hätten gegriffen, sodass sich alle Sprachen strukturell ähnlich, gar gleich oder zumindest in dieselbe strukturelle Richtung entwickelten. Die logische Konsequenz wäre demnach, dass womöglich doch Kinder (Kreolen) ihre defizitäre Muttersprache - das Pidgin - weiterentwickelt haben, da der kognitive 'Bauplan' fertig umgesetzt werden musste (cf. 3.2.2.1) Demnach haben sie das rudimentäre Sprachsystem (Pidgin) als Basis genommen, um das schon begonnene Zusammenfügen des 'Sprach-Netzwerks' (cf. 1) weiterzuführen. Diese Annahme würde sich schließlich mit Bickertons These decken, der die kulturelle Diversifikation dafür verantwortlich macht, die »Wesenszüge eines der Sprache zugrundeliegenden Bioprogramms« zu verdecken (Bechert/Wildgen 1991: 135). Umso sprachlich unbeeinflusster demnach die Ausgangsposition eines Kindes ist, desto höher sind die 'Spuren' eines Bioprogramms (= strukturelle Ähnlichkeit unter Kreolsprachen?). Kindern könnte somit doch eine ausschlaggebende Rolle bei der Kreolisierung zugekommen sein, und wie wir im Folgenden sehen werden, könnten bestimmte Merkmale des kindlichen Spracherwerbs erheblichen Anteil an der Herausbildung kreolischer Sprachsysteme haben.
3.2 Die Sprache der Kinder und kreolische Strukturen
In diesem Abschnitt werden einige esentielle, für die Suche nach den 'Ur-Strukturen' der menschlichen Sprachsysteme Eigenschaften näher beleuchtet. Zunächst werde ich einen kurzen Überblick geben über den kindlichen Spracherwerb, um danach bestimmte sprachliche Merkmale zwischen Kreolsprachen und der 'Kindersprache' zu vergleichen. Dabei wird die Hypothese Derek Bickertons eine entscheidende Rolle spielen.
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3.2.1 Spracherwerb
»Los psicológos y lingüístas que se enfrentan al problema de la adquisición del lenguaje se han preguntado con insistencia si este proceso es 'natural', en el sentido de estar biológicamente especificado en el genotipo humano, o, por el contrario, se trata de un proceso 'cultural', básicamente aprendido y dependiente de la elevada inteligencia humana. En la actualidad [...] [se] afirma que [...] el lenguaje humano responde a un 'instinto' innato propio y exclusivo de nuestra especie.« (Anula Rebollo 2002: 22)
Von den zwanziger bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein beherrschte der Behaviorismus die Psychologie und stellte die These auf, die die Allgemeinheit heute hinsichtlich des kindlichen Spracherwerbs wohl ad hoc formulieren würde: Kinder imitieren das, was sie von anderen Menschen hören. (cf. Zimmer 2008: 12f.) Fest steht jedoch, dass dies - so Zimmer (2008: 13ff.) - nicht der Wahrheit entsprechen kann. Auf der einen Seite formulierten Kinder schon sehr früh Aussagen, »die noch nie jemand hervorgebracht hat und die also auch nicht durch Imitation erworben werden konnten« (ib.: 13), und darüber hinaus »sind gerade 20 Prozent ihrer Äußerungen direkte Nachahmungen von Gehörtem, mit drei Jahren gar nur noch zwei Prozent«. (ib.: 13-14) Des weiteren ist auffällig, dass, obwohl Kinder meist nur einen kleinen Teil ihrer Muttersprache hören (Input), doch die gesamte Grammatik erlernen, so dass ihr Output viel größer ist als ihr Input. (cf. ib.: 16) Wie lernt ein Kind folglich seine Muttersprache?
Bis heute wurden zahlreiche Untersuchungen hinsichtlich des Spracherwerbsablaufs durchgeführt, und man weiß, dass Kinder ihre Erstsprache in bestimmten aufeinanderfolgenden Stadien er'lernen'. (cf. Springer 2006)
In den ersten Monaten des Lebens gibt der Säugling phyisologisch bedingte Laute von sich (z.B. das Weinen auf Grund von Hunger, Unbehagen, etc.), die jedoch keinerlei linguistische Aktivitäten darstellen. (cf. Anullo Rebollo 2006: 37) Mit etwa fünf Monaten beginnt das Kind, Laute hervorzubringen, und mit etwa acht Monaten erscheinen so genannte Lautverdopplungen: dada, baba, mama, papa, nana. (cf. Zimmer 2008: 36) Zu diesem Zeitpunkt tragen diese artikulierten Wörter jedoch noch keine semantische Beudeutung; der Übergang zum bedeutungstragenden Wort vollzieht sich erst zwischen dem neunten und dem dreizehnten Monat, der Phase der so genannten Ein-Wort-Sätze, auch Holophrasen genannt. (cf. ib.: 43) In diesem Stadium entsprechen einzelne Worte in den meisten Fällen ganzen Sätzen, die dem Kleinkind jedoch noch nicht zugänglich sind; so z.B. so kann das onomatopoetische Wort Wauwau
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sowohl bedeuten Da ist ein Hund, aber auch Ich will den Teddy streicheln oder Ich habe Angst vor großen Tieren. (cf. ib.) Bis zum fünfzehnten Monat wächst das Repertoire an Holophrasen auf bis zu fünfig an. Darauf folgt - bei allen Kindern auf der Welt - die so genannte Zwei-Wort-Phase, wobei dieser Abschnitt des Spracherwerbs ein interessants syntaktisches Merkmal aufweist. Zimmer (2008: 45) zufolge treten sehr häufig Konstruktionen von zwei Worten auf, deren Beziehung zueinander der eines Subjekts mit einem Prädikat/Verb beschreibt: Hund trinken (»Der Hund trinkt.«); jedoch sind auch Konstruktionen mit einem Objekt und einem Verb (Hund streicheln) anzutreffen. 12 Es werden demnach bereits in dieser Phase spätere syntaktische Beziehungen (Wortfolgemuster) angedeutet (cf. ib.), ein Erscheinung, die uns hinsichtlich der Theorie der Kreolsprachenentstehung durch Kinder noch hilfreich sein wird, vor allem wenn man berücksichtigt, dass das Kind in diesem Alter - so die Kindersprachforscherin Lois Bloomnoch kein syntaktisches Verständnis für die Sprache erworben hat (cf. ib.: 46); dies geschieht erst im Alter von zwei bis vier Jahren. (cf. Anula Rebollo 2006: 44) Es scheint daher, entweder die jeweilige Sprache der Menschen in seiner Umgebung zu imitieren, oder aber willkürlich - durch eigene uns unbekannte Sprachregeln - Worte aneinander zu reihen. (cf. ib.) Ich werde darauf später zurückkommen.
In der Folgezeit werden die kindlichen Äußerungen stets länger, indem das Kind seine ihm bekannten Worte - beinahe ausschließlich Inhalts- und kaum Funktionsworte - neu aneinanderreiht:
»Aus den Zweiwort-Äußerungen Papa schieben, Auto schieben und Papa Auto wird Papa Auto schieben - Subjekt, Objekt, Prädikat in der Terminologie der traditionellen Grammatik.« (ib.: 47)
Interessant, aparte de la tipología de orden, ist die Feststellung, dass Kinder bestimmte Arten von Inhaltsworten und Verben zuerst erlernen. Zimmer (2008: 48ff.) weist darauf hin, dass Kinder nicht von etwas sprechen, was statisch ist, sondern von beweglichen oder sich verändernden Sachen angezogen werden. Nach Greenfield/Smith (1976) bezeichnen die ersten Worte das, was sich selber bewegt, d.h. Menschen, Tiere, Fahrzeuge, etc (cf. ib.). Dazu auch Lois Bloom:
»Die Relationsinformation, über die Kinder sprechen, hat mit dem Vorhandensein, Verschwinden, Nichtvorhandensein, Wiedererscheinen eines Dinges zu tun (also der Beziehung eines Dinges zu sich selber). [...] unter
12 Des Weiteren auch Kombinationen vom Typ Subjekt-Lokativ oder Adjektiv-Substantiv. (Zimmer 2008: 45)
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den ersten Ding-Wörtern, die die Kinder lernen, sind die Namen beweglicher Objekte (etwa Menschen, Haustiere, Bälle), und die semantisch-syntaktischen Mittel werden für die Bezeichnung von Aktionsereignissen benutzt, ehe sie für statische Ereignisse verwendet werden.« (Lois Bloom, en: Zimmer 2008: 49)
Es lässt sich demnach konstatieren, dass Kinder im Alter von knapp zwei Jahren in erster Linie nicht-stativische Begriffe in seinen Wortschatz aufnehmen, ein Umstand, der uns erlauben wird, eine weitere syntaktisch-semantische Eigenheit der Kreolsprachen erklären zu können (cf. Punkt 3.2.2.1)
An diese, den Wortschatz prägende Experimentierphase schließt sich sodann eine innersprachliche Phase an, in der das Kind ab einem Alter von etwa zwei Jahren beginnt, die Verben seiner Muttersprache (falls notwendig) zu konjugieren. (cf. Zimmer 2008: 53f.) Auffallende hierbei war bei einem deutschen Mädchen die Tatsache, dass es offensichtlich nicht die häufig gehörten Flektionsendungen -st oder -t reproduzierte, sondern sehr oft die Endung -e, eine »zu Ich-Sätzen passende Form (komme), obwohl sie diese fast nie gehört hatte.
Eine weitere interessante Entwicklung beim Erstpracherwerb eines Kindes stellt der Fakt dar, dass z.B. ein deutsches Kind alle möglichen Wortstellungen in seiner Muttersprache zu hören bekommt (cf. ib.: 62), und doch im zweiten Stadium des Lernens nur noch zwei Möglichkeiten verwendet: »S-O-V (Mama Kuchen backe) und S-V-O (Mama backe Kuchen), und diese beiden wahllos.« (Harald Clahsen, a partir de Zimmer 2008: 63) Obwohl diese nicht häufiger auftreten als z.B. die Stellungen O-S-V (Das ist der Kuchen, den Mama backt), O-V-S (den Kuchen backt Mama) oder auch V-S-O (Backt Mama Kuchen?) (cf. ib.: 62), so scheint es, als würde das deutsche Kleinkind eine Subjekt-initiale Wortfolge bevorzugen. Ein weiterer Punkt, den wir im Folgenden nicht außer Acht lassen dürfen, scheint er doch den Nativismus zu unterstützen, wonach die Sprachkenntnisse dem Menschen angeboren sind (cf. ib.: 88), so wie es bereits Noam Comsky und, für uns interessant, Derek Bickerton vorgeschlagen haben.
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3.2.2 Kreolische Strukturen
"Sie [Sprache] ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen." (Humboldt 1836: 418, en: Lehmann 1998: 29)
Das Verblüffende bei der Erforschung der Kreolsprachen ist die Erkenntnis, dass all diese Sprachsysteme erstaunliche strukturelle Parallelen untereinander aufweisen, obwohl sie offensichtlich unabhängig voneinander und zu verschiedenen Zeiten entstanden (cf. Bickerton 2004: 83f.).
»Man könnte erwarten, dass alle ihre Grammatiken denen der europäischen Sprachen gleichen, doch genau das Gegenteil ist der Fall: Die Grammatiken ähneln sich untereinander, sind aber ganz verschieden von den europäischen.« (Janson 2006: 196)
Wurde im Zuge dieser Forschung anfänglich ein eigener Typus Kreolsprache - aufge-worfen von Bickerton (1981) - angezweifelt (Muysken 1988), zeigte John H. McWhorter 1998, dass Kreolsprachen drei grammatikalische Merkmale aufweisen, die in ihrer Kombination miteinander in keiner anderen Sprache zu finden sind. (Muysken: 1665, McWhorter 2005: 10) 13
Derek Bickerton stellte darüber hinaus eine gewagte Hypothese auf, wonach »das Gemeinsame der Kreolensprachen tatsächlich überall auf der Welt dem kindlichen Spracherwerb zurgundeliegen kann«. (cf. Bickerton 2004: 79) Folglich müssten - nach Bickertons Auffassung - Kreolsprachen durch die sprachliche Kreativität der Kreolen - die Nachkommen der auf den Plantagen arbeitenden Sklaven - ausdifferenziert worden sein.
Die Kinder (Kreolen) wuchsen in einer hierarchischen Gesellschaft auf, in der die Kolonialherren die herrschende Schicht darstellten, sich jedoch im Vergleich zu den Sklaven in der Minderheit befanden. Somit gab es wenige Menschen, von denen die verschiedensprachigen Sklaven eine gemeinsame Sprache hätten lernen können. Folglich ent-stand ein Pidgin, dessen Lexik sich vornehmlich an der dominanten Sprache der Kolonialherren orientierte. Den Kreolen stand somit nur das von Sprecher zu Sprecher variierende rudimentäre Pidgin als Grundlage eigener Verständigung zur Verfügung (Bickerton 2004: 79).
13 McWhorter (2005: 10): »In fact, since creoles are indisputably new languages, we are faced with a crucial question: since grammars are dynamic rather than static systems, why would we not expect there to be definable signs of youth in the structure of a new grammar? It would seem logical, in fact, that if a grammar is new, the it might be distinguishable from older gammars in terms of particular features which are known to arise only over time«: Inflectional affixation, tone, derivational noncompositionality.
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Nach Bickerton aktiviert diese Nichtzugänglichkeit eines adäquaten sprachlichen Modells beim normalen Erstspracherwerb des Kindes dessen 'genetic language blueprint' (McWhorter 1997: 7f.), das das vorhandene Pidgin zu einer vollwertigen, funktionalen Sprache weiterentwickelt, welche alle kommunikativen Bedürfnisse des Sprechers erfüllt (Bußmann 2002: 127). Das Bioprogramm entfaltet sich jedoch nur, wenn der Kreolisierungsprozess innerhalb der ersten Kreolen-Generation stattfindet (abrupte Kreolisierung), da sich das Pidgin ansonsten weiterentwickeln würde (McWhorter 1997: 8), wodurch der Rahmen für die kulturelle Ausbeutung der biologischen Anlagen nicht mehr gegeben wäre (Bechert/Wildgen 1991: 136), d.h. dass der ersten Kreolengeneration ein bereits zu ausdifferenziertes Sprachsystem zur Verfügung stünde und es folglich keine Aktivierung des Bioprogramms gäbe.
Neben den von Bickerton aufgeführten zahlreichen syntaktisch-semantischen Ähnlichkeiten unter den Kreolsprachen 14 möchte ich im Rahmen dieser Arbeit auf zwei bestimmte Aspekte näher eingehen, und zwar (1) auf die sprachliche Unterscheidung zwischen den so genannten stativischen und den nicht-stativischen Verben (cf. Punkt 3.2.2.1); und (2) auf eine bemerkenswerte typologische Erscheinung in den Sprachen der Kreolen: die Wortstellung.
3.2.2.1 Das kreolische Verbalsystem
Bei der Untersuchung von Kreolsprachen werden hinsichtlich der kreolischen Verben Unterschiede zwischen stativischen und nicht-stativischen Verben vorgenommen (cf. Punkt 3.2.1); eine Erscheinung, die wahrscheinlich auf eine kognitive Entwicklung bei der Sprachkreierung zurückzuführen ist. Schauen wir uns ein Beispiel - nach Bickerton (2004: 84/85) - Haiti-Kreol an:
14 cf. Bechert/Wildgen (1991)
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Wie uns die Übersicht zeigt, beziehen sich die Grundformen der stativischen Verben (Zustandsverben) auf die Gegenwart, wohingegen diejenigen der nicht-stativischen (Vorgangsverben) auf die Vergangenheit referieren. Des Weiteren können die Zustandsverben augenscheinlich keine Vorgänge ausdrücken, d.h. nicht-punktuelle Aspekte (Ver-laufsformen) sind nicht konstruierbar. Die kreolischen (obligatorischen) TMA-Partikeln (cf. Bickerton, en: Bechert/Wildgen 1991) finden nicht bei allen Verben Anwendung. Warum referieren nicht-stativische Verben in der Grundform auf die Vergangenheit, und warum lassen sich keine nicht-punktuellen Aspekte konfigurieren? Ein möglicher Grund für diese sprachliche Eigenschaft ist eine kognitive Entwicklung, ein der kognitiven Evolution ähnlicher Vorgang bei der Kreolentstehung. Wenn wir annehmen, dass die Kreolsprachen von der ersten Kreolengeneration 'entwickelt' wurden, müssen wir die bereits besprochenen Erstspracherwerbsstragien bei Kindern berücksichtigen (cf. Punkt 3.2.1), denen zufolge Kleinkinder Bezeichnungen außersprachlicher Gegenstände/Vorgänge zuerst erwerben, die die Eigenschaft »Bewegung« in sich tragen und somit Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Tiere, Menschen, Autos, Bälle, spielen, rennen, essen, etc. Jedoch können wir dadurch nicht ableiten, dass Kinder eben diesen (eventuell zuerst kreierten) Verben in der Grundform (in der Verben zuerst auftauchten?) unterschiedliche zeitliche resp. aspektuelle Merkmale zuweisen. Um dieses Problem lösen zu können, müssen wir uns ein einfaches Beispiel vergegenwärtigen: Eine Gruppe Menschen sehen einen Kampf zwischen einem Krieger und einem wilden Tier. Auf Grund der kognitiven Konvention Alle haben Augen und können es demnach selber sehen erübrigt sich ein so genannter 'Live-Kommentar' über dieses Spektakel, ein Ereignis, welches Vorgänge beinhaltet: kämpfen, beißen, schlagen, etc. Wenn jedoch nur ein Mann (A) diesem Vorkommnis beiwohnt, alle anderen jedoch z.B. im Dorf geblieben
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sind, muss A ins Dorf zurück, um davon zu berichten, etwa in Form von: Mann Tier beißen, Mann verletzen/töten, jeweils mit der Grundform der noch 'neuen' Sprache, wobei man das Vorgangsverb beißen in der Form interpretiert, dass es bereits passiert ist, d.h. ein vergangenes Ereignis beschreibt. Gleichzeitig muss man aber das andere Verb verletzen/töten nicht in ihrem nicht-punktuellen Aspekt interpretieren als gerade ablaufendes Ereignis, sondern als Folge eines solchen Ereignisses, d.h. als den jetzigen Zu-stand: Der Mann ist verletzt/tot. Dafür spricht auch die Tatsache, dass man einem Menschen, der z.B. eine Verletzung oder Krankheit hat, als Nicht-Wissender nicht sofort ansehen kann, wie sein Zustand ist; so dass man dabei auf eine Erklärung Wissender angewiesen ist, d.h. man bekommt einen aktuellen Zustand 'kommentiert', wodurch sich eventuell die Konvention einer Gegenwartsbeziehung kognitiv verankert hat. Wenn die Kreolkreierung demnach im Kindesalter begann, und sich dann im Erwachsenenalter dieser Kreolen fortgesetzt hat, erklärt sich demnach auch diese spezielle, allen Kreolsprachen markierende Eigenschaft von verbalen Ausdrucksmöglichkeiten.
3.2.2.2 Kognitive Evolution? - Wortfolgemuster »Creoles are strictly configurational SVO languages.« (Bickerton 1995: 1452)
Kreolsprachen haben - mit sehr wenigen Ausnahmen (z.B. das Berbice Dutch) - eine strikte Wortordnung, zumindest im neutralen Aussagesatz.
Wie ich bereits gezeigt habe, steht diese strukturelle Eigenschaft in Zusammenhang mit der erfahrenen Umwelt der Menschen, genauer gesagt mit der kognitiven Evolution (cf. Punkt 2.1). Sollte diese These der Wahrheit entsprechen, so müsste die Konstituierung einer S-V-O-Wortstellung in den Kreolsprachen sich auf ein bestimmtes kognitives 'Vorbild' zurückführen lassen. Wir haben gesehen, dass dies dadurch auseglöst worden sein könnte, indem »die Kategorie des Subjekts als handelnde Person [sich] zum Schlüsselbegriff seines [des Menschen] Kulturschaffens entwickelt hat«. (Haarmann 2006: 42) Jedoch spricht noch ein anderer Aspekt für eine solche Entwicklung: der kindliche Spracherwerb.
Unter Punkt 3.2.1 haben wir gesehen, wie bereits in der Zwei-Wort-Phase des kindlichen Spracherwerbs - also noch bevor sich ein syntaktisches Verständnis der Sprache entwickelt - sehr häufig Kombinationen vom Typus Subjekt-Prädikat zu hören sind,
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z.B. Hund trinken (»Der Hund trinkt.«) Es scheint bereits eine Bevorzugung einer Subjekt-initialen Wortstellung vorzuliegen, wobei dies umstritten ist. Des Weiteren haben wir aber auch erfahren, dass ein (deutsches) Kind nach einer Phase des Ausprobierens - obwohl er alle Möglichkeiten gehört hatte - zwei Wortstellungen bevorzugt anwendete: S-V-O und S-O-V. In beiden Fällen steht das Agens, das handelnde Subjekt, in der Anfangsposition und somit im Fokus des Kindes. Dies kann natürlich ein Zufall sein, eventuell bedingt durch die sprachliche Struktur des Deutschen. Doch wenn man in Betracht zieht, dass sich Kinder beim Erstspracherwerb bevorzugt nichtstativischen Wortschatz - sowohl bei Substantiven als auch bei Verben - aneignen, fällt die Tatsache ins Auge, dass das Agens, das Satz-initiale Subjekt (z.B. Ich oder der Name des Kindes stellvertretend für das Personalpronomen), den Sprecher selber bezeichnet; und da das bezeichnete Subjekt selber ein bewegliches und sich veränderndes 'Objekt' darstellt, müsste diesem 'Objekt' Aufmerksamkeit zuteil werden, wodurch es zum 'Subjekt' mutiert und bereits in dieser Phase eine wichtige Stellung im Leben des Kindes einnimmt.
3.3 Konklusion
»Angesichts der Tatsache, dass das Gehirn keine statische Struktur wie etwa ein Gummiball ist, sondern eine dynamische Einheit, die sich während des Heranwachsens (und bei geeigneten Stimuli sogar während des ganzen Lebens) unablässig selbst neu organisiert, scheint der Gedanke gar nicht so abwegig, dass ein rudimentärer Vorläufer der Sprache, wie wir sie heute kennen, anfangs in einer Gruppe von Kindern auf spielerische Weise entstand.« (Tattersall 2002)
Transportiert man die im Rahmen der Arbeit diskutierten Theorien in die Hypothese Derek Bickertons, o ließe sich desen Annahme untermauern, dass die Kreolsprachen - zumindest in ihren Grundzügen - in der Tat durch die Kinder, die Kreolen, entstanden sind. Der Einwand mancher Linguisten (u.a. McWhorter 1997), wonach es unwahrscheinlich wäre, dass sich die Eltern der Kreolen an deren 'neuer Sprache' orientieren, geschweige denn das Kreolische adaptieren würden, ist meiner Meinung nach nicht stichhaltig, da für die Entwicklung eines solchen Sprachsystems keine Übernahme durch die Eltern vorausgesetzt werden muss. Im Gegensatz: Kinder lernen zunächst das von ihren Eltern rudimentäre, für ihre Bedürfnisse nicht zufriedenstellende Pidgin (oder einen Jargon), so dass sie sich mit ihren Eltern verständigen können. Differenzieren sie
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nun dieses Sprachsystem weiter aus, bedeutet dies nicht, dass sie ihre Fähigkeit einbüßen, mit ihren Eltern zu kommunizieren. Die Kreolen bilden eine ausdifferenziertere Sprache, eventuell ein extended Pidgin 15 (insofern man die Theorie der nativization beiseite lässt) 16 , welches von der ersten Generation an die folgende weitergegeben wird, die diese dann schließlich zu einer vollständig-funktionellen Sprache weiterentwickelthier jedoch nicht mehr im Sinne des Bioprogramms nach Bickerton, da der zweiten Generation schon ein zu ausdifferenziertes Sprachsystem zur Verfügung steht. Dadurch ließe sich überdies erklären, warum sich trotz aller Ähnlichkeiten Kreolsprachen in vielerlei Hinsicht auch unterscheiden (Effekt der Basalganglien?); diese Sprachen sind nicht durch eine (Kinder-)Generation innerhalb kürzester Zeit 'entwickelt' worden, sondern sie sind die kontniuierliche kognitive Arbeit, die verschiedene Aspekte des menschlichen Gehirns im Laufe der Zeit verrichtet haben. Nicht vergessen dürfen wir hierbei die Aufgabe der angesprochenen Basalganglien (cf. Punkt 3.1), die den Fremdsprachenerwerb beim Erwachsenen unterstützen. Dies ließe sowohl eine Kreolentstehung durch Erwachsene, als auch durch Kinder zu, und dabei wären die Unterschiede unter diesen Sprachen auf eben die Art und Weise, wie und wo (Gehirn) sie enstanden, zurückführbar.
15 cf. Mühlhäusler (2001: 1648)
16 cf. Muysken (1996)
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4 Der Ursprung vom Ursprung
Der Ursprung der menschlichen Sprache liegt bis heute im Verborgenen. Weder wissen wir, wann, noch warum und - noch weniger - wie sie entstand/entsteht. Im Rahmen dieser Arbeit habe ich einige scheinbar unzusammenhängende Aspekte heutiger Sprachforschung (Spracherwerb), aktueller Sprachen (Kreolsprachen), Sprachen älteren Datums und anthropologischer und humangeschichtlicher Forschung zusammengeführt. Was aber können wir aus diesen Erkenntnissen ableiten, damit wir dem Ursprung der Sprache resp. der Sprachentstehung einen Schritt näher kommen? Da der Vorgang der Kreolisierung mithin dieselben Entwicklungsstadien durchläuft wie ein Kind im Erstspracherwerbsalter, können wir annehmen, dass auch die menschliche Sprache irgendwann einmal seinen Ursprung in einem plötzlichen kognitiven Schub, einer kognitiven Evolution, eines Kindes gefunden haben kann. Betrachtet man darüber hinaus, dass der heutige Mensch die Basalganglien - wie gesehen (3.1)zum Erlernen einer F r e m d s p r a c h e im höheren Alter verwendet und sie - nach Lieberman (2006: 215) - bereits in der menschlichen Evolution als »sequence engine« hinsichtlich des abstrakten/symbolischen Denkens fungierten und somit eventuell zur späteren kognitive Evolution bzgl. der weiteren (inner)sprachlichen Entwicklung einen Beitrag leisteten, lassen sich folgende Schlüsse ziehen: I. Die Basalganglien könnten einen entscheidenden Faktor für die ursprüngliche Sprachentstehung im Menschen dargestellt haben. Die Tatsache, dass sie beim heutigen erwachsenen Menschen den Fremdsprachenerwerb neben anderen zu automatiserenden, kognitiven Vorgängen unterstützen (cf. Punkt 3.1), legt den Schluss nahe, dass sie unabhängig(?) vom eigentlichen Sprachmechanismus arbeiten; sie zumindest nicht von diesem direkt abhängig sind. Folglich können sie auch ein sprachähnliches System hervorgebracht haben, welches die Basalganglien sodann 'verwalteten' und es auf andere, noch nicht genutzte Hirnareale, die so genannten Exaptationen, verlagert haben.
II. Des Weiteren könnten die Funktionen der Basalganglien im Zusammenspiel mit dem kindlichen Spracherwerb erlären, warum sich z.B. die funktionalen Unterschiede zwischen stativischen und nicht-stativischen Verben in Kreolsprachen herausgebildet haben (cf. Punkt 3.2.2.1).
III. Die kognitive Evolution - nach Haarmann (2004/2006) - erfolgt offensichtlich bis in die heutige Zeit, was am typologischen Befund zu sehen ist, dass der
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sprachliche Entwicklungstrend bzgl. der Wortstellungsmuster hin zu einer Subjekt-initialen Ordnung S-O-V / S-V-O zeigt. (cf. Haarmann 2004) IV. Des Weiteren offenbart sich uns (wahrscheinlich) die kognitive Evolution in ihrer gesamten Breite in der Entwicklung einer Kreolsprache, jedoch immer unter dem Gesichtspunkt gesehen, welche sprachlichen Voraussetzungen dem Sprachkreierer zur Verfügung standen (Input-Output-Relation). V. Bickertons These, dass Kinder mit Hilfe ihres Bioprogramms eine neue Sprache erschufen, scheint sich durch die neuen neurologischen Befunde und die in dieser Arbeit vorgenommenen Verbindungen unterschiedlicher sprachlicher Merkmale bestätigt zu haben.
Obgleich all dieser Annäherungsversuche an den »Ursprung des Ursprungs unserer Sprache« bleibt noch ein weiter Weg zu absolvieren, der sich - meiner Meinung nachtrotz aller technischen und wissenschaftlichen Innovationen wohl schließlich als unendlich erweisen wird, genauso wie man nie dem Ende oder Anfang eines Regenbogens begegnen wird: er ist imposant und sichtbar, aber er 'läuft' - wenn wir uns nähern wollenimmer weiter weg, bis in die Ewigkeit.
Das Rätsel der Sprache zu lösen bedarf wohl einer 'Unmenschlichkeit', denn wie schon der Physiker Max Planck einst bemerkte:
»Die Wissenschaft kann das letzte Geheimnis der Natur nicht lösen. Dem ist so, weil wir in dieser letzten Analyse selbst ein Aspekt der Natur sind und daher ein Aspekt des Geheimnisses, das wir zu lösen versuchen.« (Max Planck, in: Kaku 2006: 213)
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Arbeit zitieren:
Enrico Quaas, 2008, Die kognitive (R)evolution., München, GRIN Verlag GmbH
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Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
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Enrico Quaas hat einen neuen Text hochgeladen
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