Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Binäre Merkmalssemantik 4
2.1 Das Konzept. 4
2.2 Merkmalstypen 8
2.3 Anwendungen 9
2.4 Kritik 11
3. Dekompositionale Semantik nach Dowty 12
4. Konzeptuelle Semantik nach Jackendoff. 13
5. Natural Semantic Metalanguage nach Wierzbicka 13
5.1 Das Modell. 13
5.2 Anwendungen 19
5.2.1. Semantic explications 19
5.2.2. Cultural scripts 22
5.3 Kritik 23
6. Fazit und Ausblick 25
Literaturverzeichnis. 27
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1. Einleitung
Die Semantik als Teilgebiet der Linguistik beschäftigt sich mit der Untersuchung von Bedeutung, und zwar die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke. Dafür gibt es eine Vielzahl semantischer Theorien, doch fast allen ist eine Vorgehensweise bei der Beschreibung von Bedeutung gemeinsam, nämlich die der Dekomposition. Das heißt, die Bedeutung eines Ausdrucks wird untersucht und dargestellt, indem der Ausdruck in seine Bedeutungskomponenten zerlegt wird (vgl. Löbner 2003: 190). Diese Methode beruht auf der Annahme, dass sich die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks eindeutig aus der Bedeutung seiner Komponenten und aus seiner Struktur ergibt, man spricht auch vom Kompositionalitätsprinzip. Dieses Prinzip wird oft dem Logiker Gottlob Frege zugeschrieben und darum auch Frege-Prinzip genannt. Bei der Dekomposition wird nun dieser Vorgang rückgängig gemacht, um den einzelnen Bedeutungskomponenten auf die Spur zu kommen. Doch den einen wahren Weg gibt es dabei nicht.
So wie die Baumstrukturen in der Syntax eine Art sind, syntaktische Beziehungen und Eigenschaften darzustellen, so gibt es auch in der Semantik unterschiedliche Ansätze Bedeutungsbeziehungen und -eigenschaften aufzuzeigen. Vier dieser Ansätze sollen nun in dieser Arbeit vorgestellt werden. Es handelt sich dabei um die Binäre Merkmalssemantik (BMS), David Dowtys dekompositionale Semantik, Ray Jackendoffs Konzeptuelle Semantik und die Natural Semantic Metalanguage (NSM) von Anna Wierzbicka. Allein das letzte Konzept trägt es im Namen, aber im Prinzip bedienen sich alle Modelle einer Metasprache, um die entsprechende Objektsprache zu beschreiben. An dieser Stelle sollte jedoch auch nicht verschwiegen werden, dass dies eines der Grundprobleme der Semantik darstellt. Denn wenn man Sprache mit Sprache beschreibt, müsste man, wenn man logisch konsequent vorginge, die angewandte Metasprache wiederum auch selbst mit einer Metasprache beschreiben und diese dann auch wieder, usw. Da uns das nicht weiterführt, verfolgen wir dieses Problem im Folgenden nicht weiter, sondern beschränken uns allein auf die erste Ebene. Mit den vier nachstehenden Ansätzen werden zudem drei verschiedene Arten der Metasprache vorgestellt. So stellt die BMS Bedeutung mit semantischen Merkmalen dar, Dowty und Jackendoff verwenden dafür semantische Formeln und Wierzbicka bedient sich natürlicher Sprache. Mit ihren unterschiedlichen Darstellungsweisen zeigen sie jedoch nicht nur, wie Bedeutung zerlegt werden
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kann, sondern treffen auch indirekt eine Aussage darüber, wie Bedeutung in unseren Köpfen gespeichert sein könnte. In diesem Bereich sind in den nächsten Jahren aber insbesondere die Kognitionswissenschaften gefordert, weitere Aufklärung zu betreiben und die semantischen Theorien zu überprüfen.
2. Binäre Merkmalssemantik
2.1 Das Konzept
Den trivialsten Ansatz zur Darstellung von Bedeutungskomponenten bietet die binäre Merkmalssemantik. Die Methode stammt ursprünglich aus der Phonologie und wurde erstmals vom dänischen Linguisten Louis Hjelmslev im Jahre 1943 auf die Semantik übertragen (vgl. Lüdi 1985: 66). Aufbauend auf der strukturalistischen Merkmalhypothese wird angenommen, dass jedes Lexem bestimmte teilweise aus Oppositionsbeziehungen gewonnene semantische Merkmale besitzt oder nicht besitzt und somit kein nicht weiter analysierbares Objekt ist (vgl. Lüdi 1985: 71). Diese beiden Zustände werden für jedes Merkmal durch die Operatoren + und - angezeigt, man erhält also binäre Merkmale. Danach folgt das entsprechende Merkmal in Kapitälchen und das Ganze wird schließlich in eckige Klammern gesetzt. Die Dekomposition dreier zufällig ausgewählter Lexeme in (1) verdeutlicht diese Vorgehensweise:
(1) a. Frau [+BELEBT] [+MENSCH] [+WEIBLICH] [+ERWACHSEN] b. Junggeselle [+BELEBT] [+MENSCH] [-WEIBLICH] [+ERWACHSEN]
c. Fluss
Die Kombination aller semantischen Merkmale eines Lexems bildet dessen Bedeutung und grenzt es so von den anderen ab. Semantische Merkmale haben damit eine distinktive (abgrenzende, unterscheidende) Funktion. Im Gegensatz zur Prototypensemantik, die mit unscharfen Grenzen arbeitet, findet hier also eine klare Differenzierung statt. Ziel ist nicht, Lexeme vollständig zu beschreiben, sondern Wortbedeutungen voneinander abzugrenzen. Schon das „Umschalten“ eines einzigen Merkmals ergibt ein anderes Lexem. In (2) ist [±KLEIN] das distinktive Merkmal, das Fluss und Bach voneinander unterscheidet. Aber auch Homonyme wie Kiefer (‘Baum’ oder ‘Knochen’) lassen sich mit Hilfe der Merkmalssemantik differenzieren.
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Bach Diese Ausdifferenzierung kann auch stufenweise erfolgen, indem ein Lexem durch Hinzufügung weiterer Merkmale von anderen Lexemen abgegrenzt wird, wie Tabelle 1 am Beispiel von Truhe zeigt.
Tabelle 1. Stufenweise Merkmalsausdifferenzierung
Die Anwendung von Binarität in der Dekomposition ist nicht neu, sondern wurde bereits von Aristoteles entwickelt. Auf ihn geht die Struktur in Abbildung 1 zurück, welche eine grundlegende Klassifikation aller „Dinge“ vollführen und den oft nur beliebig hintereinandergereihten Merkmalen eine Hierarchie geben soll.
Abbildung 1. Bedeutungsstruktur nach Aristoteles
Quelle: Schwarz; Chur 2001: 38
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Die Auffassung, dass Merkmale systemisch organisiert sein könnten, wird auch von Forschern der Neuzeit geteilt. Angenommen wird „some form of hierarchical organization of the system of concepts that underlie the semantics of natural languages“ (Katz 1967, zitiert nach Lüdi 1985: 82). Natürlich wäre es auch möglich, statt binärer Merkmale wie [±WEIBLICH] komplementäre Merkmale zu verwenden, in diesem Fall also [WEIBLICH] und [MÄNNLICH], doch zum einen besitzt nicht jedes Merkmal ein Komplement und zum anderen lässt sich so die Anzahl der Merkmale erheblich reduzieren. Welches der beiden komplementären Merkmale nun binär verwendet wird, hängt mit der Markiertheit des Lexems zusammen. So erhält der markierte bzw. „besondere“ Fall das Pluszeichen, während der unmarkierte bzw. „normale“ Fall das Minuszeichen bekommt. Da nun deutsche Ausdrücke mit dem Merkmal [WEIBLICH] häufig mit dem Suffix -in markiert sind, ergibt die Zuordnung des Pluszeichens für diese Fälle somit auch automatisch [±WEIBLICH] als generelles semantisches Merkmal (vgl. Löbner 2003: 201). Um Missverständnisse zu vermeiden, sollte noch betont werden, dass [WEIBLICH] sich auf die Eigenschaften des beschriebenen Objektes bezieht und nicht als grammatisches Merkmal des Lexems gemeint ist.
Nun stellt sich die berechtigte Frage, welche Anforderungen ein semantisches Merkmal erfüllen muss, damit es zur Beschreibung eines Lexems verwendet werden darf. Gäbe es nämlich keine Beschränkung, ließe sich die Zuordnung von Merkmalen bis ins Unendliche fortsetzen, wie (3) zeigt.
(3) Buch [-BELEBT] [+PAPIER] [+SEITEN] [+BESCHRIFTET] [+ZÄHLBAR]
Die Lösung findet man auch hier wieder bei Aristoteles, der zwischen Essenz und Akzidenz eines Objektes unterschieden hat. Zur Essenz gehören die Teile, die das Objekt im wesentlichen ausmachen, während Akzidenz sich auf Eigenschaften bezieht, die das Objekt haben könnte, aber nicht haben muss (vgl. Schwarz; Chur 2001: 40). Die Zahl der erlaubten Merkmale wird nun beschränkt, indem festgelegt wird, dass ein semantisches Merkmal notwendig und hinreichend sein muss. Man spricht auch vom NHB-Modell, dem Modell der notwendigen und hinrei-
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chenden Bedingungen. Notwendig in dem Sinne, dass sie unabdingbar sind, um die Bedeutungsrepräsentation eines Ausdrucks aufrechtzuerhalten. Sie sind in jedem Kontext, in dem der Ausdruck verwendet wird, gültig. Alle notwendigen Merkmale sind in ihrer Gesamtheit hinreichend, d.h. erst wenn ein Objekt alle notwendigen Merkmale eines Lexems aufweist, kann es diesem zugeordnet werden (vgl. Schwarz; Chur 2001: 40). Die Bedeutung von Frau kann demnach nicht mit [HÜBSCH] oder [LANGHAARIG] beschrieben werden, da nicht alle Frauen hübsch oder langhaarig sind. Es gibt also Kontexte, in denen diese Merkmale neutralisiert werden. Ob ein Merkmal notwendig ist oder nicht, lässt sich mit der sogenannten „aber-Probe“ (Schwarz; Chur 2001: 40). feststellen. Wie wir bereits wissen, wird Frau über vier distinktive Merkmale definiert:
[+BELEBT] [+MENSCH] [+WEIBLICH] [+ERWACHSEN] (4) Frau
Um ein Merkmal zu testen, wird es in eine Aussage folgender Art gebettet:
(5) *X ist eine Frau, aber nicht menschlich.
Ergibt sich durch solch eine Aussage ein Widerspruch, gehört die getestete Komponente zu den notwendigen semantischen Merkmalen. Vorsicht ist hier bei polysemen Merkmalen geboten, denn menschlich meint hier nicht die subjektivwertende Verwendungsweise und erwachsenen steht nicht für ‘reif’. Nun eine weitere aber-Probe mit einem anderen Merkmal:
(6) X ist eine Frau, aber nicht hübsch.
Da sich hier kein Widerspruch ergibt, gehört hübsch nicht zu den wesentlichen Merkmalen von Frau. Genauso verhält es sich mit Eigenschaften wie langhaarig, klein, kompliziert oder fürsorglich.
Würde man nun das für Frau notwendige distinktive Merkmal [+ERWACHSEN] aus dem Merkmalsbündel ausschließen, würden die übriggebliebenen Merkmale nicht mehr ausreichen Frau von beispielsweise Mädchen abzugrenzen, sie wären also nicht mehr hinreichend.
Die semantischen Merkmale von Lexemen sind von Sprecher zu Sprecher übrigens nicht immer gleich, sondern hängen manchmal stark von deren Weltwissen ab. So gibt es sicher Stadtmenschen, die nicht zwischen Kuh, Ochse und Stier
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Arbeit zitieren:
B.A. Johny Varsami, 2009, Dekompositionsansätze in der Semantik, München, GRIN Verlag GmbH
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