INHALTSVERZEICHNIS
Stabsaufgaben in der Antike. 3
Ratgeber und Stäbe in der neueren Geschichte. 5
Niccolo Machiavelli (1469 - 1527) 6
Lazarus von Schwendi (1522-1583) 7
Justus Lipsius (1547-1606) 10
Stabsfunktionen im Dreißigjährigen Kriege. 13
Stabsarbeit und Stabsfunktionen bis 1806 - Vor allem in Preußen. 16
Geistige Vorarbeit Friedrich des Großen 17
Anf änge modernen Stabsdenken in Preußen. 21
Anregungen von außen 25
M ängel in der oberen Führungsschicht 31
Scharnhorsts Wirken im preußischen Dienst bis zur Heeresreform 33
Der Generalstab als Ergebnis der preußischen Heeresreform 35
Die Ära Moltke - und die Zeit bis 1918 46
Generalstab bis 1945 59
Generalstab in der Bundeswehr 71
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leine Geschichte der Stabsarbeit
Stabsaufgaben in der Antike
Die Auseinandersetzungen der Völker in der Antike haben einst den Lehrstoff der Gymnasien stärker beeinflusst, als es heute für richtig gehalten wird. Die Persönlichkeit der Feldherrn wurde im Unterricht meist eingehend gewürdigt. Von ihren »Stäben« war dabei nicht die Rede.
Der Grund hierfür könnte darin liegen, dass schon damals »Generalstabsoffiziere keine Namen« hatten, wie es Generaloberst v. Seeckt für moderne Verhältnisse formuliert hat. 1 Es könnte aber auch sein, dass es Stäbe oder etwas Ähnliches noch nicht gegeben hat.
Gegen die letztere Auffassung könnte die Tatsache sprechen, dass die Aufgaben, die heute einem Stabe übertragen werden, im Grunde auch in der Antike schon gestellt waren. So betont der chinesische Feldherr Tzun-Su in seinem »Traktat über die Kriegskunst« 2 bereits gegen Ende des fünften Jahrhunderts v. Chr. die entscheidende Bedeutung der Truppenversorgung für die Operationen. Zur Frage der Feindaufklärung schreibt er:
»Die Tätigkeit der Spione ist im Kriege von allergrößter Wichtigkeit; sie bildet die Voraussetzung für den richtigen Einsatz der Armee . . .« 3
Hinweise für eine Stabsarbeit im modernen Sinne lassen sich allerdings diesem interessanten Werk nicht entnehmen. Es ist anzunehmen, dass dieser chinesische Feldherr Gehilfen vorwiegend für »ausführende« Tätigkeiten, jedoch kaum für solche der Planung oder gar der Beratung herangezogen hat.
Der Grieche Xenophon vermittelt durch seine um 400 v. Chr. verfasste »kyropaideia« wertvolle Einblicke in griechische und persische Auffassungen seiner Zeit. Die Erziehung des jungen Kyros, von der das Werk handelt, ist weitgehend auf seine spätere Feldherrnaufgabe ausgerichtet. Dabei ist die Taktik nur ein Teilproblem: »… welchen Nutzen böte dem Heere die Taktik ohne die Lebensmittel, welchen, wenn es nicht gesund ist, oder, wenn es nicht gehorcht? ...« 4
1 Hans v. Seeckt, Gedanken eines Soldaten, Verlag für Kulturpolitik Berlin, 1929, S. 159
2 Sunzi - Die Kunst des Krieges, Droemer Knaur, Herausgeber James Clavell, München 1988
3 Ebenda.
4 Xenophon, Kryopaideia, Buch I, Kapitel 6, Abs. 14
Xenophon geht davon aus, dass König Kyros alles selbst lernen soll. Nur so kann er die Zügel in der Hand behalten. Die Gehilfen in seiner Umgebung erhalten von ihm ihre Aufträge. Sie sind auf ausübende Funktionen beschränkt. Auch hier weist nichts auf eine Stabsorganisation hin.
Es dürfte kaum möglich sein, derart ausgeprägte Feldherrnpersönlichkeiten wie Alexander den Großen, Hannibal, Scipio, Caesar und andere auf einen Nenner zu bringen. In einer Hinsicht aber waren sie einander ähnlich: in der Festigkeit, das als richtig Erkannte kraftvoll durchzusetzen. Ein Stab als Organisation war hierzu nicht nötig, Gehilfen konnten nur die Funktion von Werkzeugen beanspruchen. Für einen »Chef des Stabes« im modernen Sinne gab es neben derart dynamischen Individuen keinen Platz. 5 Eine mit dieser Stellung verbundene Delegierung von Teilbefugnissen wäre auch stets gefährlich gewesen: der Ehrgeiz konnte einen solchen »Stabschef« dazu verleiten, die Machtbefugnisse zum Sturze seines Herrn zu missbrauchen. Die Furcht vor einem Missbrauch der Macht spielt in der Geschichte mehrfach eine Rolle. Man denke u. a. an den täglichen Wechsel im Oberkommando, der für die Konsuln des alten Rom festgelegt war - trotz aller damit verbundenen Nachteile. Dieses Misstrauen schildern u. a. Machiavelli 6 , Bacon 7 und auch Schlieffen. 8 Man kann von Ausnahmen nicht auf die allgemeinen Gegebenheiten schließen. Auch in der Antike hat es häufig Gehilfen gegeben, die einen militärischen Führer zu beraten hatten. Dies traf insbesondere dann zu, wenn mit dem Erbe der Herrschaft das Feldherrnamt verbunden war, die entsprechende Begabung aber fehlte. Von einer »Stabsorganisation« lässt sich auch dann noch nicht sprechen. Es handelte sich dabei eher um eine Delegierung von Machtbefugnissen, die - auf die Dauer gesehen - nicht immer von Vorteil war.
Neben den Funktionen von Gehilfen für Nachschub, Verwaltung, Aufklärung usw. und neben Beratern in taktischen Fragen gab es aber auch in der Antike bereits technische Fachleute in der Umgebung des militärischen Führers. Sie hatten sich vor allem mit dem Befestigungswesen zu befassen sowie mit Belagerungsmaschinen und Brückenbau. Ohne derartige Spezialisten hätte Alexander die Belagerung der Seefestung Tyros nicht in Angriff nehmen können. Auch Caesar hatte solche »Ingenieure«, z. B. für seinen Brückenschlag über den Rhein.
5 H. v. Seeckt, a.a.O., S. 157/158
6 Niccolo Machiavelli, Il Principe; am Ende des XXIII. Kapitels
7 Francis Bacon, Essays, Dieterische Verlagshandlung, Wiesbaden, Abschnitt „Über das Beraten“, S.
90 ff.
8 Graf A. v. Schlieffen, Gesammelte Schriften, E.S. Mittler&Sohn, Berlin 1913, I. Bd, S. 447
Die Aufgaben, die heute durch Stäbe bearbeitet werden, waren zum großen Teil schon in der Antike gegeben. Von diesen Funktionen eine Anregung für moderne Stabsarbeit und für ein Zusammenspiel im Sinne neuzeitlicher Stabsorganisation ableiten zu wollen, dürfte jedoch zu weit führen.
Ratgeber und Stäbe in der neueren Geschichte
Der Sprung von der Antike in die Neuere Geschichte mag gewagt erscheinen. Er ist aber berechtigt, da von »Stabsarbeit« in der langen Zwischenzeit kaum die Rede sein kann.
Völkerwanderung - eine Epoche nomadisierender, bewaffneter Stämme, in denen sich eine Wehrstruktur, wie sie aus der Antike bekannt ist, nur selten nachweisen lässt.
Mittelalter - eine Zeit der Ritterkämpfe. Die Schlacht löst sich im Allgemeinen in Einzelkämpfe, genauer: in einzelne Zweikampfe auf. 9 Nur selten tritt eine nach taktischen Grundsätzen aufgestellte und geführte Streitmacht auf europäischen Schlachtfeldern in Erscheinung. Wo aber eine Führung geschlossener Verbände nicht gegeben ist, scheidet auch jede Form von »Stabsarbeit« aus. Vielleicht könnte eine nähere Untersuchung des asiatischen Militärwesens in der Zeit des Dschingis-Khan für die Geschichte der Stäbe ergiebig sein. 10 Die Erfolge, die hier mit großen Truppenmassen in ausgedehnten Operationsräumen erzielt wurden, lassen immerhin Rückschlüsse auf eine straff geführte Organisation zu. Beginn der Neueren Geschichte. Langsam gewinnen geschlossene Haufen zu Fuß gegenüber den Rittern an Bedeutung. Erneut treten Führungsprobleme auf. In der Umgebung der regierenden Fürsten befassen sich kluge Männer mit politischen und in zunehmendem Maße auch mit militärischen Fragen. Von Haus aus sind sie meist keine Militärs.
Mit »Stabsarbeit« im engeren Sinne hat auch dies eigentlich nichts zu tun. Viele Überlegungen und Vorschläge dieser Männer haben aber für die Entwicklung des europäischen Wehrdenkens weit über ihre Zeit hinaus Bedeutung gewonnen. Die politische Lage zwang diese Berater, sich mehr mit Fragen einer schlagkräftigen Streitmacht als mit denen einer friedlichen Verwaltung zu befassen. So wuchsen
9 Vgl. H. Stegemann, Der Krieg - sein Wesen und seine Wandlung; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart
1939, Bd. 1, S. 253 f.
10 Ebenda. A.a.O., S. 271 f, sowie Michael Prawdin, Tschingis-Khan, Der Sturm aus Asien, DVA
Stuttgart
notwendigerweise »zivile« Berater in die Rolle von Ratgebern auf militärischem Gebiet hinein.
Niccolo Machiavelli (1469 - 1527)
Die Gedanken, die der einst vielgelesene, in unserer Zeit weniger gerühmte Florentiner über militärische Fragen niedergelegt hat, verdienen noch heute Beachtung. Sie beschäftigen ihn in seinem Werk über die Kriegskunst ebenso wie in den »Discorsi« und in seinem bekannten »Il Principe«. 11 Ohne besondere Vorbildung hat sich Machiavelli so sehr mit dem Militärwesen befasst, dass er selbst als militärischer Planer und auch als Führer von Truppen wirken konnte. So beschäftigte er sich z. B. mit Problemen des Söldnertums. 12 Schlechte Erfahrungen regten ihn dazu an, die Pflicht der Bürger zur Verteidigung ihrer Interessen, ihrer Besitztümer, ihrer Freiheit zu begründen. Den Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht, ausgehend von der Geschichte der griechischen Stadtstaaten, für die Neuere Zeit wieder belebt zu haben, ist sein Verdienst. Machiavelli hat sich außerdem so eingehend in die Militärgeschichte vertieft, dass er auch in Einzelfragen mitreden und Ratschläge erteilen konnte. In seinem Principe führt er u.a. aus, wie der Feldherr sich ständig in der Beurteilung des Geländes für einen bestimmten Kampfzweck üben soll. 13
Einzelheiten zur Funktion militärischer Stäbe wird man bei ihm vergeblich suchen. Zu seiner Zeit kannte man - bezogen auf seinen örtlichen Wirkungsbereich in Italiennur relativ kleine Heere, die leicht vom Feldherrn überblickt und dirigiert werden konnten. Der Rücksichtslosigkeit, mit der die Machtkämpfe damals ausgefochten wurden, trägt Machiavelli Rechnung. Er fühlte sich verpflichtet, seinem Fürsten entsprechende Ratschläge zu erteilen. Nur in der persönlichen militärischen Tüchtigkeit, in den eigenen Feldherrnfähigkeiten seines Fürsten will er die Garantie für den Bestand der Macht begründet wissen. Es lag ihm daher fern, seinem Fürsten militärische Berater oder Gehilfen zu empfehlen. Machiavellis Einfluss auf das moderne Wehrwesen ist kaum je bestritten worden.
Weniger bekannt dürfte es aber sein, dass sich bei ihm bereits ein Kerngedanke moderner Führung findet. Im zweiten Buch der »Discorsi« heißt es:
11 Siehe hierzu außer Il Principe auch: N. Machiavelli, Gedanken über Politik und Staatsführung,
Alfred Körner Verlag, Stuttgart 1954, sowohl Rowohlts Monographie, Machiavelli (Band 17)
12 Il Principe, XII. Kapitel
13 Ebenda, XIV. Kapitel
»… Die Römer gaben ihren Heerführern immer unbeschränkte Vollmachten. Es ist beachtenswert, mit welchen Machtbefugnissen die Römer ihre Konsuln, Diktatoren und Befehlshaber ausstatteten ... Der Senat behielt sich nichts weiter vor als das Recht, neue Kriege zu erklären und Friedensschlüsse zu bestätigen. Alles andere war dem Gutdünken und der Macht des Konsuls anheimgestellt. Hatten Volk und Senat einen Krieg beschlossen, ... so überließen sie alles Übrige dem freien Ermessen des Konsuls. Er konnte eine Schlacht liefern oder nicht, er konnte diese oder jene Stadt belagern, ganz wie es ihm gut schien. Wer sich dieses Verfahren richtig überlegt, wird es außerordentlich klug finden. Denn hätte der Senat einen Konsul genötigt, im Kriege bei jedem Schritt nach seinen Aufträgen zu verfahren, so hatte dieser den Krieg mit weniger Umsicht und Eifer geführt. … Überdies hätte der Senat sich genötigt gesehen, in einer Sache raten zu wollen, die er nicht übersehen konnte. Wenngleich im Senat lauter kriegserfahrene Männer saßen, so waren sie doch nicht an Ort und Stelle, kannten infolgedessen die zahllosen Einzelheiten nicht, die zu einem guten Rat nötig sind, und hatten daher mit ihren Ratschlägen eine Menge Fehler gemacht... Ich erwähne diesen Punkt umso lieber, als ich sehe, dass die heutigen Republiken, wie Venedig und Florenz, andere Ansichten darüber haben. Wenn ihre Heerführer, Proveditoren und Kommissare eine Batterie einzubauen haben, so wollen sie darüber orientiert sein und ihren Rat erteilen.. . .« 14 Machiavelli schildert diese Grundgedanken römischer Regierungsauffassung, weil er von ihrer Zweckmäßigkeit überzeugt ist und sie auch in seiner Umgebung angewandt wissen mochte. Eine solche Methode ist nicht auf das Führungsverhältnis Regierung - Militärkommando beschränkt. Unter dem nicht ganz korrekten, aber seit langem eingebürgerten Begriff der »Auftragstaktik« ist diese Methode zu einer grundlegenden Maxime im Führungsdenken des preußischen Generalstabes geworden. Sie ist heute in den modernsten Vorschriften mehrerer Armeen zu finden und gilt als Regel auch für Führungsverfahren in Wirtschaft und Politik. 15
Lazarus von Schwendi (1522-1583)
Persönlichkeit und Bedeutung des Schwaben Lazarus von Schwendi, »Ihrer Römischen Kaiserlichen Majestät Rat und Feldoberst«, sind in unserer Zeit wenig bekannt. Es ist hier nicht der Platz, auf den Werdegang und die Tätigkeit dieses vielseitigen Mannes näher einzugehen. 16 In seinen hinterlassenen Schriften, vor allem im »Kriegsdiskurs« hat er immerhin Gedanken geäußert, die zur Entwicklung des Militärwesens in Europa wesentlich beigetragen haben. Die Zustände, die Schwendi zum Nachdenken über Verbesserungen angeregt haben, unterschieden sich im Allgemeinen von denen in der Umgebung Machiavellis.
14 N. Machiavelli, Gedanken über Politik und Staatsführung, S. 134/135
15 Vgl. Kapitel IX.
16 S. Johann König, Lazarus von Schwendi, Verlag Georg Schmid, Schwendi 1934, Auf diesem Werk
fußen die weiteren Ausführungen.
Ähnlich jedoch lagen sie in der Frage des Söldnerwesens. Schwendi war von seinem Florentiner Kollegen beeinflusst, wenn auch er den Wehrdienst seiner Landsleute höher einschätzte als den heimatloser Söldner.
Schwendi sieht die Landesverteidigung bereits als ein vielseitiges Problem, in dem Fragen der Finanzen, der Militärorganisation, der Verwaltung, des Befestigungswesens, der Ausbildung, der Führung usw. zu berücksichtigen sind. Dieses Problem lässt sich nach seiner Auffassung nur als Ganzes lösen, nicht aus der Sicht eines Teilgebietes. Auch Schwendi war von Haus aus nicht Soldat, sondern ein akademisch gebildeter Verwaltungsmann, der sich als Rat seines Kaisers mit dem Militärwesen als einem entscheidenden Gebiet der Staatsführung zu befassen hatte. In seinen Schriften entdeckt man Andeutungen von verschiedenen »Stabsfunktionen«. So meint er, dass man zur zuverlässigen Verwaltung des Heeres eines »Oberstkriegskommissars« bedarf, ebenso eines »Oberstmustermeisters, der Untermeister und der verschiedenen Regimentskommissare«, die alle »guter Erfahrung und Ansehens« sein müssen. In der »Kriegsbestallung« erwähnt Schwendi nicht weniger als 27 »Kriegsämter« und führt dazu aus:
»Der Krieg steht nicht allein auf redlichen Leunten, sonder auf guter Ordnung und Außtheilung der Underregiment. Darumb sollen alle Emptr wol bestellt und zu den hochsten Emptr nicht allein redIiche erfahrne Leut gekieset werden, sonder die, so Regiment und Ordnung Iieb haben und im selben dem Kriegsherrn trewlich beyfallen und beystehen und beynander nit hassen und verfolgen ...« 17 Und an andere Stelle:
»GleichfaIIs ist dem Kriegsherrn hoch von nöthen, dass aile Emptr, vom höchsten biß auffs wenigst, vollkommentlich und gnugsam bestellt und nichts dran gespart und unterlassen werde, und soll sich ein Kriegsherr hüten, einer Person viele Emptr aufzuerlegen. Gute und gnugsame Bestallung und Versehung der Emptr ist die meist Grundveste allen guten Regiments und Ordnung im Krieg ...« 18
Wenn man auch in die Tätigkeitsbereiche dieser »Emptr« im Einzelnen keinen Einblick gewinnt, so gibt doch Schwendis Empfehlung Hinweise. Eine gute Zusammenarbeit zwischen den Inhabern der »Emptr« hielt er für besonders wichtig. Eine Gliederung innerhalb des »Stabes« - wie man heute sagen würde - dürfte kaum bestanden haben. Daher war man bestrebt, entstehende Reibungen durch sorgfältige Auswahl der Persönlichkeiten zu vermeiden.
Die folgenden Auszüge aus Schwendis Werk erinnern hinsichtlich der Bedeutung der Spionage an Tsun Zu, hinsichtlich der anderen Gedankengänge an Machiavelli:
17 König, a.a.O., S. 90
18 Ebenda, S. 90/91
»Im Krieg ist der Obsieg das Ziel, wer den erlangt, der hat das Best und unangesehen wie die Ursachen und Mittel seyen, so machts doch der Außgang alles gut, und es mus gut sein, solang als man den Sieg in Händen behält, das ubrig urthailt Gott zu seinerzeit ...«
». .. Mit Verrätherey, guter Kundschafft und Gelt verreicht und erhalt man etwa mehr im Krieg, dann mit der Faust und dem Gewalt ...«
»Tugent, Auffrichtigkeit, Trew und Glaub ist hoch zu loben, aber im Krieg ist übersehen, sich betruegen lassen, uberwunden werden, und darnider liegen der gröst Schad und Schand, die kein Rew oder Entschuldigung zulasset. Darumb braucht man nicht allein Tugent, sondern auch List, Geschwindigkeit, Untrew, Betrug, Verrätherey, und alles was man kann, den Sieg und Obhand zu erhalten ...«
». . . Niemand soll sich schewen Wol und Recht zu thun, und sein meisten Vorsatz und Vertrawen darauff zu stellen. Dann das wehret und besteht zum längsten: Doch ist Trug gegen Trug nothwendig zugebrauchen ...« 19
In unserer Zeit, in der eine brav aufgenommene und mit deutscher Gründlichkeit vertiefte »reeducation« das nüchterne Nachdenken über das Wesen des Krieges zuweilen verdrängt hat, mutet Schwendis Empfehlung etwas fremd an. Dass im Krieg »der Obsieg das Ziel« ist, hat man lange nicht mehr gelesen. Erst 1964 erschien die Veröffentlichung eines berufenen Fachmannes, in der es heißt: »… wo auch immer im Kriege ... Soldaten auf Soldaten stießen, muss der entschlossene Wille sie beseelen, den Feind zu besiegen. Dazu müssen sie erzogen werden, auch wenn sie den Krieg verabscheuen ...« 20
Schwendi schließt sich nicht allen Auffassungen Machiavellis an. Für Machiavelli bedeutet z. B. die Kirche vor allem einen der Machtfaktoren, mit denen man politisch zu rechnen hat. Schwendi kann sich einen anderen Standpunkt erlauben. So misst er dem Wirken der Feldgeistlichen und der Übung der Frömmigkeit in der Truppe große Bedeutung bei. 21
Auch seine Gedanken über die Persönlichkeit des Feldherrn verdienen Beachtung. Zum Feldherrn, meint er, ist ein Mann zu bestellen, »... der deß Kriegs erfahren, listig und bedächtig sey, gegen den Feind voller Muths und Hertzhaftigkeit, gegen dem Kriegsvolk voll Ernst, doch mit Bescheidenheit, in fürfallender Noth oder Gelegenheit voller Raths, Vernunft und Behendigkeit zu allen Dingen, voller Wackerkeit, Arbeit und Mühsamkeit ...«, der in Not und Gefahr »... lieber redtlich zu sterben bereit, dann hernach in Schanden und Unehren zu leben ...« 22 Eine Einrichtung von »Stäben« in Truppenverbänden lässt sich auch aus Schwendis Schriften nicht entnehmen. Angesichts der Größe und Gliederung der Truppenteile
19 Ebenda, S. 89
20 Heinz Karst, Bild des Soldaten, Harald Boldt Verlag, Boppard/Rhein 1964, S. 13
21 König, a.a.O., S. 91
22 Ebenda, S. 91
bestand dazu noch kein Anlass. Das schließt stabsähnliche Funktionen natürlich nicht aus.
Schwendis Schriften fanden eine für seine Zeit große Verbreitung. Nachhaltiger aber ist der Einfluss, den seine Gedanken durch das von ihm verfasste »Kaiserliche Kriegsrecht« von 1570 für die Folgezeit ausgeübt haben. Die schwedischen Kriegsartikel Gustav Adolfs gehen fast ausnahmslos darauf zurück. 23 Über diese schwedische Wehrverfassung aber fand Schwendi'sches Gedankengut Eingang bei vielen Armeen.
Justus Lipsius (1547-1606) 24
Noch weniger als Machiavelli und Schwendi war dieser holländische Professor Soldat. Er hat auch nicht als Berater eines gekrönten Hauptes oder eines anderen Mächtigen gewirkt. Dennoch ist sein Werk für die Entwicklung des europäischen Wehrwesens von einer Bedeutung, die wenig bekannt ist. Mit Stabsarbeit oder einer Forderung von Stabsfunktionen in einer Armee hat sein Wirken nicht unmittelbar zu tun. Der Geist, der von seinem Werk ausstrahlte, war aber die Voraussetzung dafür, dass sich ein modernes Führungsdenken entwickeln konnte. Lipsius gelangte durch seine historischen und philosophischen Forschungen zu grundlegenden Auffassungen über Soldatentum und Führerschaft, die zur Überwindung des Tiefpunktes dienen konnten, in dem die Soldateska der Landsknechtszeit verharrte. Die Lagerordnung und die alte Manipularphalanx der Römer sowie die gefechtsmäßigen Exerzierformen mit ihren Kommandos waren die eine Basis für Neuerungen. Zum anderen erwies sich das Denken der Stoa, wieder belebt durch die Bewegung des Neustoizismus - (die Lipsius wesentliche Antriebe verdankt) - ergänzt durch Ideen des Jesuitentums und des Calvinismus, als geeignete Grundlage eines Ethos für die Führungsschichten in Staat und Armee. In umfangreichen Werken hat Lipsius, wahrscheinlich im Auftrag der Generalstaaten der Niederlande, politische und militärische Fragen behandelt. Seine wissenschaftliche Arbeit wurde zur Anregung für Moritz von Nassau-Oranien, der an der Universität in Leiden zu Füßen des Professors saß. Als »Generalkapitän der Niederlande« hatte er dann die Möglichkeit, diese Gedanken mit seinen Vettern
23 Ebenda, S. 86, sowie u.a. bei E. v. Frauenholz, Das Gesicht der Schlacht, Union Deutsche
Verlagsgesellschaft, Stuttgart o.J., S. 51
24 Siehe hierzu Gerh. Oestreich, Der römische Stoizismus und die oranische Heeresreform, in:
Historische Zeitschrift, Bd. 176, Heft 1, 1953; Gerh. Oestreich, Soldatenbild, Heeresreform und
Heeresgestaltung im Zeitalter des Absolutismus, in: Schicksalsfragen der Gegenwart, Bd. 1,
Tübingen 1957.
zusammen weiter zu entwickeln, um sie schließlich durch die »Naussau-Oranische Heeresreform« in die Tat umzusetzen.
Aus dieser Heeresreform ein Beispiel. Es mag überraschen, dass erst mit Übernahme der aus dem lateinischen Text übersetzten Kommandos das Exerzieren in die moderneren Heere Eingang gefunden hat. Aus dem holländischen Wortlaut erfolgten erst später weitere Übersetzungen in die französische, spanische, englische und deutsche Sprache. Exerzierdrill war damals noch Gefechtsdrill: die so gedrillte Truppe ist schneller aufmarschiert - also gefechtsbereit - und vollendet die Ladebewegungen der Handfeuerwaffen rascher. Sie vermag daher im gleichen Zeitraum öfters zu feuern als der Gegner. Mögen auch die Preußen es später zur Perfektion in diesen Dingen gebracht haben: sie haben weder das Exerzieren noch die Kommandos erfunden! Das friderizianische Heer basiert auf der Oranischen Heeresreform - so gut wie die anderen Armeen des Absolutismus. 25 Doch diese Seiten der durch Lipsius' Werk zustande gekommenen Reform interessieren hier weniger. Wichtiger ist, dass er ein Berufsethos begründet hat, das schließlich für die gesamten Offizierkorps der damals bedeutenden Armeen verbindlich geworden und im Grunde für einen Großteil der heutigen Offizierkorps verpflichtend geblieben ist.
Die Umgliederung der Verbände für den Gefechtszweck brachte eine starke Vermehrung der Offizierstellen in der Truppe mit sich. Für sie wurden Regeln entwickelt, die u.a. auf Leitgedanken Ciceros aufbauten: Auswahl und Disziplin. Dazu verlangte Moritz ein geistiges und ethisches Niveau als Voraussetzung für die Übernahme von Führungsaufgaben. Eine bestimmte Grundkenntnis der Mathematik wird zur Lösung militärischer Aufgaben für erforderlich gehalten, außerdem die Kenntnis der lateinischen Sprache: um die Werke der Antike, auf denen die »neue« Gefechtsführung basierte, im Urtext lesen zu können. Der Vorkämpfer- und Haudegentyp, der bisher als Idealtyp eines Landsknechtsführers galt, wurde langsam aber methodisch durch ein neues Berufsbild verdrängt, aus dem sich schließlich der über die nationalen und sprachlichen Grenzen hinaus verbindliche Typus des Offiziers entwickelte. Freilich verging bis dahin noch geraume Zeit. Die Ursprünge aber gehen auf die Nassau-Oranische Heeresreform zurück, die ohne das Werk des Gelehrten Lipsius nicht denkbar ist.
25 Zu Beginn seiner »General-Principia vom Kriege« schreibt Friedrich der Große 1753: „… Die
Römische Kriegs-Disziplin, welche jetzo nur noch bey Uns subsistiret …“ (Friedrich der Große,
Militärische Schriften).
Erst dieser neue Typ des militärischen Führers, in dem sich das Ethos wohlverstandenen christlichen Rittertums mit dem der Stoa vereinigt, in dem der umsichtige, zum selbständigen Denken und Handeln befähigte Menschenführer ebenso angelegt ist wie der mutige und geschickte Vorkämpfer, erlaubte die weitere Entwicklung zum modernen Wehrwesen. Das Denken ist beim Militär nun nicht mehr einzelnen Außenseitern überlassen, sondern eine der Grundforderungen für die Erfüllung von Führungsaufgaben. Die Theorie erhält ihren festen Platz neben der Praxis.
Dass die erste Kriegsschule Europas 1617 im nassauischen Siegen gegründet wurde, hat hierin seinen Grund.
Zwei Gedanken sollen hier noch angeführt werden. Der eine betrifft die Stabsarbeit im engeren Sinne. Auch in diesem Zeitabschnitt europäischer Wehrgeschichte war sie noch nicht erforderlich. Mit der Forderung nach ethischen und geistigen Zügen im Offizierberuf ist aber die Voraussetzung dafür geschaffen, eines Tages Träger einer sinnvollen Stabsarbeit auszuwählen und heranzubilden. Darin liegt die Bedeutung, die Lipsius auch im engeren Sinne unserer Betrachtungen verkörpert. Der andere Gedanke zieht eine Parallele zur Bundeswehr.
Schon Lipsius verkörpert den Wissenschaftler, der sich bemüht, sein Wissen für die Modernisierung des Wehrwesens zur Verfügung zu stellen, den Gelehrten von hohem Rang, der sich in das Wesen des Soldatentums in Vergangenheit und Gegenwart hineingearbeitet hat. Er hat die enge Verbindung von politischer Notwendigkeit und militärischer Zweckmäßigkeit erkannt und zum Inhalt der Lebensarbeit gewählt - im stoischen Pflichtgefühl für die Gemeinschaft des eigenen Volkes.
Schon damals hat also die Verbindung zwischen Regierung und Wissenschaft, aber auch zwischen Wissenschaft und Militär zu einer guten Lösung geführt. Das Militärwesen war und ist nicht ausschließlich die Domäne des Soldaten. Als Teil des staatlichen Lebens, nur zu oft als der wichtigste, zog und zieht es immer wieder die Aufmerksamkeit derer auf sich, die sich mit den öffentlichen Angelegenheiten zu befassen haben.
Das Militär war im 15. und 16. Jahrhundert keineswegs überall das zuverlässige Machtinstrument der Staatsführung, das es seiner Natur nach hatte sein sollen. Die Versuche von drei bedeutenden Männern, die aus dem Süden, der Mitte und dem Norden des europäischen Raumes kamen, hierin Wandel zu schaffen, waren eine
notwendige Folgerung aus den bestehenden Verhältnissen. Freilich, ein unmittelbarer und durchgreifender Einfluss auf das Wehrwesen, etwa eine grundsätzliche Änderung des Landsknechtssystems, war keinem von diesen drei Neueren beschieden. Das Grauen des Dreißigjährigen Krieges lag noch in der Zukunft. Aus der Entwicklung der modernen Wehrformen sind die Namen Machiavelli, Schwendi und Lipsius aber nicht wegzudenken.
Stabsfunktionen im Dreißigjährigen Kriege
Gustav Adolf von Schweden war der Fürst und Feldherr, der die Lehren und Formen der Nassau-Oranischen Heeresreform am vollkommensten übernommen, nachgeahmt und weiterentwickelt hat. Verbesserung der Heeresgliederung, wesentliche Verstärkung sowie bessere Auswahl und sorgfältigere Ausbildung des Offizierkorps und die Heranziehung der Landeskinder zum Waffendienst sind die hauptsächlichsten Punkte der schwedischen Heeresreform. Eine Wehrverfassung regelte das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen. Dass diese Wehrverfassung fast ausschließlich auf das »Kaiserliche Kriegsrecht« und damit auf Gedanken des Schwaben Lazarus von Schwendi zurückgeht, wurde bereits erwähnt. Gustav Adolf hat ferner die einzelnen Waffengattungen modernisiert. Vor allem ging es ihm dabei um eine stärkere Betonung der Feuerkraft gegenüber der Stoßkraft bei der Infanterie, um eine Verbesserung der Artillerie in Beweglichkeit, Tragweite und Feuergeschwindigkeit, um die Erhöhung der Angriffswucht der Gefechtskavallerie und um die Aufstellung besonderer Pioniertruppen.
Das hatte zur Folge, dass erfahrene Führer dieser verschiedenen Waffengattungen als fachliche Berater in die Umgebung des Feldherrn gezogen wurden. Damit erfährt der Stab hinsichtlich Größe und Funktionen eine beachtliche Erweiterung. 26 Für die Berechnung von Märschen, für das Aussuchen und Vermessen von Lagern, für die Anlage von Befestigungen, für die Feindaufklärung und natürlich für Versorgung und Verwaltung waren auch in der schwedischen Armee bereits Gehilfen vorhanden. Das »Zusammenwirken der Waffen«, dem bereits Alexander der Große einen Teil seiner Erfolge verdankte, dass dann durch Georg von Frundsberg unter Einbeziehung der Feuerwaffen modernisiert wurde, wird damit systematisch fortentwickelt. Der Einfluss dieser Fachberater musste sich auch auf die Taktik auswirken. Nunmehr wird sich der Befehlshaber über die Möglichkeiten und Grenzen
26 S. hierzu u.a. J.D. Hittle, The Military Staff, Harrisburg/Pens. 1944, S. 36
der verschiedenen Waffengattungen von Fall zu Fall informieren, bevor er sich »entschließt«.
Außerdem gab es bei Gustav Adolf bereits einen Chef der Aufklärungstruppen. Diese Aufgabe war nur in engem Einvernehmen mit dem Gehilfen zu lösen, bei dem die »Feindnachrichten« gesammelt und gesichtet wurden. Es ist unvermeidlich, dass man an dieser Stelle sagt, was man wissen will. Ob nun der Befehlshaber die Feindaufklärung persönlich angesetzt hat, ob er der Tätigkeit seines Gehilfen eine gewisse Selbständigkeit eingeräumt hat, oder ob gar der Chef der Aufklärungskräfte selbst eine Art Stabsfunktion in Personalunion ausüben konnte, lässt sich nicht mehr feststellen.
Das Anwachsen der Stabsfunktionen lässt vermuten, dass sich eine gewisse Teilung und Abgrenzung der Aufgabengebiete als erforderlich erwiesen hat. (Für die Ansicht, dass im Hauptquartier des Schwedenkönigs bereits die Tätigkeit eines »Chefs des Stabes« wahrgenommen wurde, konnten Anhaltspunkte nicht entdeckt werden. Auch General James Donald Hittle zitiert lediglich eine Auffassung, wonach der schwedische General Kniphausen eine Art »Chef des Stabes« gewesen sei, der er sich jedoch nicht anschließen möchte.) 27 Eine wirkliche Führung war im Allgemeinen nur bis zum Beginn des Gefechts möglich. Der Überblick über die weitere Entwicklung der Gesamtlage ging meist bald verloren. Der Befehlshaber konnte nur übersehen, was in seinem Blickfeld lag. Oft übernahm er den Befehl am entscheidenden Punkt. So befehligte auch Gustav Adolf in seiner letzten Schlacht nur einen Flügel und fiel im Handgemenge. Soweit vor der Schlacht eine Koordinierung der Stabsfunktionen erforderlich war, wurde sie vom Befehlshaber persönlich wahrgenommen. Die Bedeutung der Stabsfunktionen trat während des Dreißigjährigen Krieges allmählich in den Vordergrund. Bei der Truppenversorgung konzentrierte sich die Aufgabe allerdings eher auf die Verteilung als auf die Beschaffung. In seiner »Geschichte des Dreißigjährigen Krieges« erwähnt Friedrich Schiller die Auffassung der damaligen Zeit, »dass der Krieg den Krieg ernähren müsse«. Er führt Wallenstein als Beispiel an und schreibt: »Je mehr man das Heer verstärkte, desto weniger durfte man um den Unterhalt desselben bekümmert sein.« 28
Die Neuerungen in der schwedischen Armee, vor allem in Gliederung, Kampfweise und Stabsfunktionen, haben die Entwicklung anderer europäischer Armeen
27 Ebenda, S. 36/37
28 Friedrich Schiller: Der Dreißigjährige Krieg, Kindler Verlag, Hrsg. Golo Mann 1985
beeinflusst. Kontingente verschiedener deutscher Stämme kämpften unter Gustav Adolf. Bernhard von Weimar führte die schwedische Tradition weiter und wurde unter anderem auch zum Lehrmeister Henri de la Turennes 29 . Letzterem dürfte kaum alles neu vorgekommen sein, da er jahrelang unter seinem Onkel, dem Prinzen von Oranien, in der holländischen Armee gedient harte. Unmittelbare Einflüsse beider Heeresreformen, der Nassau-Oranischen wie der schwedischen, auf die französische Armee finden so ihre Erklärung. Auch britische Verbände haben unter Gustav Adolf gefochten. Sie nahmen ihre Erfahrungen mit zurück über den Kanal. Der Spanische Erbfolgekrieg machte die Militärs weiterer europäischer Staaten mit den Reformideen vertraut, die im Grunde über die Oranier auf den Leidener Professor zurückgingen.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg wandelte sich das Bild des europäischen Militärs erneut. Nur ein Teil der Reformen, von denen hier die Rede war, konnte verwirklicht werden. Trotz der Warnungen Machiavellis und Schwendis blieb das Söldnertum die übliche Wehrform. Verhältnismäßig kleine, weil sehr teure stehende Heere lösten die Landsknechtshaufen ab. Viele Mängel in der Struktur von Streitkräften, die das Denken Machiavellis bewegt haben, traten infolge neuer Formen von Ordnung, Disziplin und Vorgesetztenverhältnis weniger in Erscheinung. Das ging allerdings auf Kosten der ethischen Grundgedanken, die einzelne verantwortungsbewusste Landesherren zuvor entwickelt hatten. So waren die Verhältnisse wahrend der Zeit des Absolutismus gegenüber den Idealen der hier zitierten Militärdenker in mancher Hinsicht ein Rückschritt. Als Vorteil mag man dagegen anführen, dass Kriege als eine Sache der Souveräne das Leben des Bürgertums möglichst wenig berühren sollten.
Wie erwähnt, waren solche stehenden Heere eine recht kostspielige Sache. Dass in einzelnen Ländern der Verkauf von Landeskindern in ausländische Kriegsdienste die Kosten für die eigene Prestigearmee decken musste, ist bekannt. Die Folge war, dass man die so mühvoll gewonnenen und gedrillten Soldaten nur ungern aufs Spiel setzte. So entwickelte sich die fast spielerische Form von Manöverkriegen, in denen man eher versuchte, den Gegner in eine ungünstige Position hineinzumanövrieren, als ihn zur Schlacht zu stellen. Man glaubte, in einer mathematisch zu berechnenden Strategie den »Stein der Weisen« gefunden zu haben. Die Tätigkeit der Offiziere, die in mathematischen Kenntnissen ihren Kameraden überlegen waren und schon bisher
29 (1611-1675) Franz. Heerführer und Marschall Frankreichs. Im Dreißigjährigen Krieg
Oberbefehlshaber der französischen Truppen in Süddeutschland.
für Marschberechnungen, Lagervermessen usw. im Stabe Verwendung fanden, gewann an Bedeutung. Man bezeichnete diese Gruppe von Offizieren als »Generalquartiermeisterstab«.
Stabsarbeit und Stabsfunktionen bis 1806 - Vor allem in Preußen
Die »Stabstätigkeit« oder besser: »Gehilfentätigkeit«, von der bisher die Rede war, zeigt weder zeitlich noch örtlich ein einheitliches Bild. Dazu waren die leitenden Persönlichkeiten, ihre Auffassungen von der Führung, der Zustand der jeweiligen Streitkräfte, der Bildungsstand der Führungsschicht, die soziologische und politische Entwicklung innerhalb der Völker und andere maßgebende Umstände zu verschieden. Aber erst das Verständnis für diese Erscheinungsformen schafft die Voraussetzung, sich in die weitere Entwicklung zum Generalstabsdienst hineinzudenken.
Dafür, dass vornehmlich die Entwicklung in Preußen behandelt werden soll, sind lediglich sachliche Gründe maßgebend.
Zur Entwicklung der militärischen Führung mit Stäben haben Armeen verschiedener Nationen in stetem Wechsel ihren Beitrag geliefert. Die preußische Armee aber hat das Verdienst, die Grundgedanken moderner Generalstabstätigkeit entwickelt und in einer zweckmäßigen Form verwirklicht zu haben.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg behielt Kurfürst Friedrich-Wilhelm von Brandenburg, der »Große Kurfürst« als erster deutscher Fürst Soldaten als stehendes Heer unter den Fahnen. Innerhalb dieses Heeres gab es bereits einen »Generalquartiermeister«. Diese Einrichtung geht auf ein Vorbild in der schwedischen Armee zurück. Man kannte auch schon den Begriff »Generalstab«. Darunter verstand man allerdings die Generale und hohen Beamten in ihrer Gesamtheit. 30 Der Generalquartiermeister und seine Gehilfen hatten sich damals mit der Landesbefestigung zu befassen. Die enge Verbindung zwischen Generalquartiermeisterdienst und Landesbefestigung hat sich bis in die Zeit der preußischen Heeresreform erhalten. Fast alle anderen Arbeitsgebiete, die nach späterer Auffassung zum Aufgabenbereich des Generalstabes gehören, wurden zunächst noch im »Generalkriegskommissariat« bearbeitet, welches erst im Falle eines Krieges zusammentrat. 31
30 Bonsart von Schellendorf, Der Dienst des Generalstabes, E.S. Mittler&Sohn, Berlin1905, S.9
31 Ebenda, S.11
Innerhalb des Quartiermeisterdienstes der brandenburgisch-preußischen Armee ergab sich allmählich eine bestimmte Rangordnung. Man unterschied Generalquartiermeister, Generalquartiermeisterleutnants, Oberquartiermeister,
Generalstabsquartiermeister und Stabsquartiermeister. Diese Amtsbezeichnungen galten nur für den Aufgabenbereich. Mit entsprechenden Dienstgraden hatten sie nichts zu tun.
Geistige Vorarbeit Friedrich des Großen
Untersucht man die Entwicklung des Quartiermeisterdienstes, des Vorläufers des Generalstabes, während der Regierungszeit Friedrichs II. von Preußen, so könnte man im ersten Augenblick enttäuscht sein. Er hat, so sehr er in vielen anderen Dingen seiner Zeit voraus war, die Sache des Generalstabes in institutioneller Hinsicht nicht besonders gefördert, Mit den Aufgaben des Quartiermeisterdienstes hat er sich nicht mehr befasst als mit Neuerungen auf anderen militärischen Gebieten. Der Grund hierfür ist darin zu sehen, dass Friedrich in genialer Weise die Begabung eines Generalstabschefs und die Arbeitskraft mehrerer Generalstabsoffiziere mit den besten Anlagen des umsichtigen Feldherrn sowie mit den Fähigkeiten des hervorragenden Staatsmannes in seiner Person vereinigte. 32 Friedrich hatte kaum gewusst, welche Aufgaben er seinem Generalstab hätte übertragen sollen. Eine Menge von Schriften, Erlassen, Instruktionen, Testamenten usw. bringt die Eigenart seines Denkens so deutlich zum Ausdruck, dass man feststellen darf: in der Weite seines Geistes hat alles seinen rechten Platz und sein eigenes Gewicht; er verliert selten das Ganze aus dem Auge, innerhalb des Ganzen aber verfügt er über eine erstaunliche Kenntnis des Details. Über den Mangel an Bildung und Denkvermögen in seinem Offizierkorps ist Friedrich sich durchaus im Klaren. Er weiß, dass nur wenige seiner Offiziere höheren Aufgaben gewachsen sind. Daher ist er frühzeitig bemüht, begabte Offiziere herauszufinden und so zu fördern, dass sie eines Tages die für die Übernahme verantwortlicher Stellen erforderliche Eignung besitzen. Viele der Gedanken, die Friedrich in seinen Schriften niedergelegt hat, sind noch heute lesenswert. Einige Beispiele: Auch heute besteht die Grundlage jedes taktischen Unterrichts in der Beurteilung der Lage « (- der eigenen ebenso wie der des Feindes und des Geländes -) und dem daraus abzuleitenden Entschluss, der
32 Ebenda, S. 11, auch: H. V. Seeckt, Gedanken eines Soldaten, S. 157
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Harry Horstmann, 2009, Kleine Geschichte der Stabsarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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