Autor : Gottfried Drywa (MA)
Musikwissenschaft / Neuere Deutsche Philologie Hauptseminar : Friedrich Nietzsche : Rezeption in der Literatur Technische Universität Berlin 2007
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Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 5
1.1 Biographische Aspekte des Gedichts 6
II. Analyse und Interpretation 8
2.1 Bedeutung des formalen Aufbaus bei Gottfried Benn 8
2.2 Struktureller Aufbau und syntaktische Besonderheiten 10
2.3 Die Sprechersituation und Fokalisierung 12
2.4 Das „Verlorene Ich“ 13
2.5 Das Verlorene und die Metapher des Mangels als
Willensvoraussetzung 28
III. Literaturverzeichnis 31
IV. Anhang 33
Gottfried Benn „Die Gitter“
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Abstract
Das Gedicht „Verlorenes Ich“ von Gottfried Benn thematisiert den Zustand der Orientierungslosigkeit einer Person in einem nach allen Dimensionen undefinierbaren Raum. Es trägt dahingehend autobiographische Züge. Dabei werden als Ursache des Zustandes der Verlust der Bedeutungen von Zeit, Raum und der gesellschaftlichen Bindung genannt. Die wissenschaftliche Ausdeutung der Welt mittels Naturwissenschaft und Philosophie ist ein weiterer Grund für das Verlorensein des „Ich’s“. Die psychische wie auch physische Gewalt der Resultierenden ist Ursache der Resignation des „Ich’s“ und gibt Anlass zur Klage. Der thematische Abschluss und auch Lösungsansatz des Konfliktes wird vollzogen in der sehnsuchtsvollen Hinwendung des Autors zu christlich-abendländischen Grundwerten. Das Bekenntnis zu dieser Tradition ist eine der Hauptaussagen des Gedichtes. Stilistisch werden thematische Zielpunkte des Gedichts mittels syntaktischer, formaler und struktureller Instrumentarien herausgearbeitet.
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Gottfried Benn „Verlorenes Ich“
I. Einleitung
Die vorliegende Arbeit umfasst die formale, strukturelle und inhaltliche Analyse und Interpretation des Gedichts „Verlorenes Ich“ von Gottfried Benn. Dabei stehen die intratextuellen Bezüge und ihre Konstruktion ebenso im Vordergrund, wie die formale Struktur von Wort- und Textbedeutung. Die semantische Ebene der Worte, wie sie in zum Teil sehr generalisierter Weise in verschiedenen Analysen der Gedichte und anderer Werke Gottfried Benns findet 1 , stellt dabei jedoch keinen brauchbaren Anwendung
Interpretationsschlüssel dar. Dieser liegt vielmehr in der Summe oder dem dynamischen Zusammenwirken von bennscher Form- und Metatextebene begründet. So grundsätzlich dieser Zusammenhang für die Analyse und Interpretation von Lyrik allgemein gelten mag, ist er doch für die Gedichte Gottfried Benns in einem von Benn selbst definierten gesamtphilologischen Umfeld stilbildend und schulemachend. Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche sind für das Verständnis dieses gesamtphilologischen Umfeldes vor dem Hintergrund philosophischer Standards ein sehr grundlegender Anker in Bezug auf die Geisteswelt Gottfried Benns, wie sie die Analysierbarkeit dieses Gedichtes aber auch vieler weiterer Werke und die Aussagekraft einer solchen Analyse betrifft. „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ 2 , „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“, „Zur Genealogie der Moral“ 3
1 Max Rychner suchte bereits 1949 in einer Gruppenklassifikation von Wortbedeutungen einen generalisierbaren Analyseansatz zur Sprache Gottfried Benns. Ein Versuch, der allein durch die fehlende Abgrenzung von allgemeiner und bennbezogener Wortbedeutung schwer verifizierbar erscheint, da die Bedeutung eines Wortes sich mit ihrer Anwendung - also im Rahmen des kontextuellen Spannungsfeld von inter- und intratextueller Kommunikationändert. Ein Stilmittel, wie es für Benn grundlegend ist.
2 Friedrich Nietzsche Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik Reclam 1986 / weitere Literatur : Barbara von Reibnitz Ein Kommentar zu Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik Metzler 1992
3 Friedrich Nietzsche Zur Genealogie der Moral Reclam 1988
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Gottfried Benn „Verlorenes Ich“
von Friedrich Nietzsche und „Sein und Zeit“ 4 von Heidegger bilden dabei die wesentliche Begleitliteratur. Ihre intertextliche Betrachtung folgt daher in Annäherung der Frage nach dem Welt- und Seinsbegriff bei Gottfried Benn mit der Zielsetzung der Konstituierung allgemeiner Diskussionsansätze zu dieser Thematik. Besondere biographische und zeithistorische Einflüsse auf Gottfried Benn und seine Lyrik werden einbezogen, sofern sie für das Verständnis des Gedichtes relevant sind oder doch mindestens Mutmaßungen über eine relevante Analysevorgabe zulassen. Ein weiteres Augenmerk gilt der kritischen Betrachtung des bisherigen Stands der Rezeption dieses Gedichtes selbst. Dies betrifft die Diskussion des „Welt-“ Begriffes ebenso, wie den der „Klage“. Der Weltbegriff Gottfried Benns als Grenz- bzw. Horizontphänomen und das im Gedicht selbst in Anlehnung an Heidegger formulierte „In der Welt sein“ sucht hier vor allem die Dialektik der Subjekt-Objekt-Relation aufzulösen, die in Tradition Decartres für Benn nicht mehr rezipierbar erscheint. An dezidierter Stelle werden diese gesamtphilosophischen Fundamente der Analyse der Metaphernparadoxien des Gedichtes wegweisende Impulse geben. Ebenso werden die nihilistischen wie auch die rein christlichen Analyseansätze diskutiert und bewertet. Zugunsten einer vereinfachten Übersicht soll im Folgenden statt von Versen von Zeilen gesprochen werden. Das erübrigt das zählen der Strophen und Verse, weshalb das Gedicht auch durchgehend nummeriert ist.
1.1 Biographische Aspekte des Gedichts
Das Gedicht „Verlorenes Ich“ entstand 1943 und zählt zu einer Sammlung von 22 weiteren Gedichten, die alle im selben Jahr veröffentlicht wurden 5 . Es
4 Martin Heidegger Sein und Zeit Niemeyer 2006
5 Gottfried Benn ließ sie auf eigene Kosten drucken. Gunner Decker, „Gottfried Benn - Genie und Barbar“ Eine Biographie, Aufbau-Verlag S. 340
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Gottfried Benn „Verlorenes Ich“
beschreibt einen durchaus autobiographischen Gemütszustand, der das Leben und das künstlerische Schaffen Gottfried Benn’s in den 40iger Jahren erklären kann. In einem Brief aus dem Jahr 1941 bekennt Benn: „Mir geht es körperlich so mässig, dass ich kaum noch leben kann. Das Altern, das Herz, die Schlaflosigkeit, die Depressionen, die völlige Isoliertheit, die ununterbrochene innere Spannung, sich zu halten, auch sich zu verbergen, alles dies zusammen ist kaum erträglich“. 6 Die gesellschaftliche Isolation Benn’s wird rezeptionsgeschichtlich zum Einen mit seinem Sympathisieren mit den Nationalsozialisten auf der einen Seite und seiner künstlerischen Nähe zum Expressionismus auf der anderen Seite erklärt. 7 Darüber hinaus ist aber auch die psychische Verfassung Gottfried Benn’s in den Kriegsjahren ein wesentlicher Aspekt, der mit der Einstellung seiner unmittelbaren Umgebung zu seiner Person zu unterscheiden ist. So mied Benn selbst zum großen Teil den Kontakt zu Kollegen und Verwandten - eine Art selbstgewählter Isolation 8 . Pikant an der Entstehung dieser Gedichte ist darüber hinaus die Tatsache, dass Gottfried Benn sie in seiner Tätigkeit als „Oberstabsarzt der Wehrmacht“ im Bendlerblock geschrieben hat 9 . Welche Einflüsse der Ort und die wenn selbst nur mittelbare Nähe zu entscheidungstragenden Strukturen der NS-Führung gehabt haben mag, kann nicht Gegenstand dieser Arbeit sein, wenn doch der Umstand für die gedankliche Welt dieser Gedichte Mutmaßungen zulässt.
6 Gottfried Benn, „Doppelleben“ GW S. 269
7 Trotz seiner anfänglichen Sympathien für den Nationalsozialismus wurde Benn in den Jahren 1934-1937 als Kulturbolschewist immer wieder angeklagt bis Heinrich Himmler diese Anfeindungen unterband.
8 Gottfried Benn, „Doppelleben“ GW S. 107
9 Gunner Decker, „Gottfried Benn - Genie und Barbar“ Eine Biographie, Aufbau-Verlag S. 340
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Gottfried Benn „Verlorenes Ich“
II. Analyse und Interpretation
2.1 Bedeutung des formalen Aufbaus bei Gottfried Benn
Bei der Analyse der Lyrik Gottfried Benn’s ist seine Einstellung zu formalen Aspekten sehr interessant und zudem auch wegweisend für das Verständnis seiner Werke. Die Grenzen, die Benn damit seiner eigenen dichterischen Freiheit von Beginn an setzt, sind Voraussetzung und gedankliches Prinzip für die Ausformung und Gestaltung inhaltlicher Präzision, wie auch ihrer bewusst eingesetzten Ambiguität. Gottfried Benn ist dennoch kein Formalist - im Gegenteil: „Eine Isolierte Form, eine Form an sich, gibt es ja gar nicht.“ Im folgenden Zitat aus „Probleme der Lyrik“ (1951) äußert sich Gottfried Benn selbst zu Fragen der Form, des sprachlich-emotionalen Ausdrucks und zu den Zusammenhängen von formaler und inhaltlicher Struktur eines Gedichts :
„ [...] die Form ist ja das Gedicht. Die Inhalte eines Gedichtes, sagen wir Trauer, panisches Gefühl, finale Strömungen, die hat ja jeder, das ist der menschliche Bestand, sein Besitz in mehr oder weniger vielfältigem und sublimem Ausmaß, aber Lyrik wird daraus nur, wenn es in eine Form gerät, die diesen Inhalt autochthon macht, ihn trägt, aus ihm mit Worten Faszination macht. Eine isolierte Form, eine Form an sich, gibt es ja gar nicht. Sie ist das Sein, der existentielle Auftrag des Künstlers, sein Ziel“ 10
Gottfried Benn trennt zunächst den Inhalt eines Gedichts von seiner Form und stellt heraus, dass es vor allem der formale Aufbau und die Strukturierung eines Textes sind, die ihn zur Lyrik erhebt. Dabei ist der Inhalt keinesfalls sekundär, wie es vielleicht ein formalistischer Ansatz vermuten ließe. Dennoch ist Inhalt per se eine kaum spezifische Qualitätsgröße, da prinzipiell alles von jedem in
10 Gottfried Benn: Probleme der Lyrik, in: Lyriktheorie. Texte vom Barock bis zur Gegenwart, hg. v. Ludwig Völker, Stuttgart 1990, S. 357-365 / S 363f.
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Gottfried Benn „Verlorenes Ich“
beliebiger Weise thematisiert werden könne. Daher mache erst eine angemessene Form, nach Benn, „diesen Inhalt autochthon“. Die Sensitivität eines inhaltlichen Anliegens wird dadurch nicht geschmälert - seine gezielte Wirkung erhält, wie im Falle der Lyrik dieser Inhalt jedoch erst durch die spezifische Form des Gedichtes. Dies bedeutet zum einen, dass die Form generell einen wesentlichen Einfluss auf inhaltliches Verständnis besitzen muss und dass es eine Wachstumsrichtung von Form als Fundament zum Inhalt, vielleicht auch im Sinne einer hierarchischen Struktur, geben könnte. Mindestens ist die Form eines Textes im Stande, den Inhalt zu präzisieren, ihm eine sogar metatextliche Richtung zu geben und seine Wirkung zu verschärfen. Sicherlich kann ein solcher Ansatz keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, da der Ursprung von Inhalt im Allgemeinen nicht ausschließlich in seiner formalen Präsentation begründet liegt, was der Ansatz einer inhaltlichen Autochtonie der Form impliziert, dennoch liegt in diesem Postulat Gottfried Benns ein Stück weit auch ein Bekenntnis zu gedanklicher Disziplin, Strenge und bewusst angestrebter Funktionalität in den eigenen Äußerungen. Spätestens an dieser Stelle entfernt sich Gottfried Benn von seinen phasenweise nihilistischen Einflüssen. Benn formuliert abschließend mit Bezug zu Martin Heidegger : „Sie ist das Sein, der existentielle Auftrag des Künstlers, sein Ziel“. Das „Sein“ und „Seiende“ kann hier als Anspielung auf „Sein und Zeit“ 11 von Heidegger gewertet werden, wonach der Inhalt den kontextuellen Horizont des Künstlers darstellt, den er mit dem tatsächlich Existierenden beschreibt. In diesem Sinne ist die Form das „Sein“. Der Inhalt ist im Sinne Nietzsches Repräsentant dionysischer Subjektivität, wohingegen die Form eine reale Größe darstellt und in seiner apollinischen Strenge begrenzt und begrenzend wirken kann.
11 Thurnher, Wandlungen der Seinsfrage : zur Krisis im Denken Heideggers nach "Sein und Zeit". Tübingen, Attempto Verlag 1997
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Arbeit zitieren:
MA Gottfried Drywa, 2007, Die verlorene Welt, München, GRIN Verlag GmbH
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