1. EINLEITUNG 3
2. WAHRNEHMUNG ALS KONSTRUKTION. 4
2.1. Ernst von Glasersfeld und der radikale Konstruktivismus. 4
2.2. Heinz von Foerster 6
3. EINFLUSS DES SOZIALEN UMFELDS AUF KONSTRUKTIONEN 9
3.1. Die Wirklichkeit der Alltagswelt 9
3.2. Der Mensch in der Gesellschaft 11
3.2.1. Ordnung und Stabilität durch Institutionalisierung. 12
4. PROZESS DER KONSTRUKTION/PROZESS DER BEEINFLUSSUNG. 15
4.1. Interpunktion 15
4.2. Prozess der Beeinflussung. 16
5. DAS ERGEBNIS SOZIAL VERMITTELTER KONSTRUKTIONEN AM
BEISPIEL KULTURSPEZIFISCHER KRANKHEITSWAHRNEHMUNG. 18
6. SCHLUSSWORT 20
7. BIBLIOGRAPHIE 21
2
1. Einleitung
Im Laufe des Seminars „Arbeit mit Gruppen“ wurden Fragen bezüglich der
Besonderheit von Gruppen 1 , ihrer historischen Entwicklung und der Möglichkeiten, wie man sich ihnen pädagogisch nähern kann, besprochen.
Die unterschiedlichsten Fächer haben sich mit dem Phänomen der Gruppe beschäftigt: die Massenpsychologie, Soziologie, Ethologie, kognitive Psychologie und Pädagogik, um nur einige zu nennen. So verschieden wie die Fachrichtungen sind auch die Gegenstände ihrer Analysen, die über das politische Bewusstsein bis hin zu anthropologischen Determinanten von Gruppen reichen. Interessant ist, dass gerade die
Pädagogik, die seit der Reformpädagogik das Arbeiten mit Gruppen praktiziert 2 , sich kaum empirisch mit Gruppen befasst hat und befasst. Dabei ist insbesondere das Verständnis für Gruppenprozesse, deren Analyse, Befragung und Beobachtung eine wichtige Voraussetzung, um erfolgreich Methoden zu entwickeln, vermittels derer die jeweils angestrebten Ziele bei der Arbeit mit Gruppen erreicht werden können. Die Gruppenzugehörigkeit per se bewirkt noch keinen synchronen Prozessablauf bei den jeweiligen Mitgliedern. Daher ist es wichtig, die unterschiedlichen Prozesse auf Basis der Einzelglieder nach zu vollziehen. Diese Einzelprozesse sind zunächst zu ergründen, bevor man sich dem Einfluss, den die Gruppe auf das Denken ihrer Teilnehmer eventuell hat, zuwendet.
In der vorliegenden Arbeit soll deshalb im ersten Schritt die menschliche Wahrnehmung mit ihren spezifischen Mustern unter dem Blickwinkel des Konstruktivismus untersucht werden, um davon ausgehend zu beurteilen, wie das soziale Umfeld und Gruppen auf diese Konstruktionen einzuwirken vermögen. Abschließend soll an kulturspezifischen Krankheitsbildern gezeigt werden, wie die Ergebnisse sozial vermittelter Konstruktionen aussehen können.
1 Mangels einer allgemeingültigen Definition ist der Begriff der Gruppe schwer zu fassen. Die Definition von Gruppe ist immer eine Vereinbarungsfrage, d.h. sie muss immer an die jeweilige Gruppierung, die untersucht oder mit der gearbeitet wird, angepasst werden. Allerdings können nach Sader typische Bestimmungsstücke von Gruppendefinitionen als Orientierung dienen. Demnach werden Gruppen aus Lebewesen gebildet, die in Beziehung zueinander stehen, d.h. sie erleben sich als zusammengehörig, verfolgen gemeinsame Ziele, haben gemeinsame Normen und sind räumlich von anderen Individuen abgehoben (vgl. Sader 4 1994:39).
2 Generell waren Gruppen im Unterricht bis zur Reformpädagogik ein Disziplinarproblem und Störfaktor. Statt mit der Gruppe zu arbeiten wurde Einzelunterricht erteilt, während der Rest der Schüler sich mehr oder weniger unstrukturiert selbst beschäftigen musste.
3
2. Wahrnehmung als Konstruktion
Eine der Fragen, welche die abendländische Philosophie schon seit 2000 Jahren beschäftigt, ist die des epistemologischen Grundproblems wie Erkenntnis der Wirklichkeit zu erlangen und ob diese wahr ist. Folgt man den metaphysischen Realisten, die nur dann etwas als wahr betrachten, wenn es mit einer unabhängigen objektiven Wirklichkeit übereinstimmt, stößt man schnell auf weitere Schwierigkeiten, insbesondere der wie die Existenz einer objektiven Realität belegt werden kann. Da die Wahrnehmung jedoch immer vom erkennenden Subjekt abhängig und somit relativ ist, wird sich nie ein, vom erkennenden Subjekt unabhängiger, Zugang zu einer angenommenen objektiven Realität finden lassen.
In diesem Kapitel soll die Idee der Wahrnehmung als Konstruktion vorgestellt werden. Was darunter zu verstehen ist, wird anhand von Ernst von Glasersfelds Beitrag Einführung in den radikalen Konstruktivismus zum, von Paul Watzlawick herausgegebenen und kommentierten, Sammelband Die Erfundene Wirklichkeit deutlich gemacht. Wie es zu einem solchen Konstruieren von Wahrnehmung kommt, soll in einem weiteren Schritt anhand von Heinz von Foersters, im selben Band veröffentlichten, Vorlesung Das Konstruieren einer Wirklichkeit erörtert werden.
2.1. Ernst von Glasersfeld und der radikale Konstruktivismus
Ernst von Glasersfeld, der sich in die Tradition von Giambattista Vico und neben Silvio Ceccato und Jean Piaget einreiht, vertritt in seiner Einführung in den radikalen Konstruktivismus die Auffassung, dass sich Wirklichkeit nur negativ definieren lässt. Dementsprechend kann man von der Wirklichkeit nur sagen, was sie nicht ist, aber niemals was sie in positiver Formulierung darstellt. Der radikale Konstruktivismus zweifelt allerdings nicht nur daran, dass man wissen kann, was Wirklichkeit ist, sondern bestreitet auch, dass es eine objektivierbare Realität an sich überhaupt gibt: Der radikale Konstruktivismus ist also vor allem deswegen radikal, weil er mit der Konvention bricht und eine Erkenntnistheorie entwickelt, in der die Erkenntnis nicht mehr eine ‚objektive’, ontologische Wirklichkeit betrifft, sondern ausschließlich die Ordnung und Organisation von Erfahrungen in der Welt unseres Erlebens. (Glasersfeld 1981:23) Glasersfeld betont, dass der Unterschied des Konstruktivismus zu anderen Erkenntnistheorien darin liegt, dass das Verhältnis zwischen Wissen und einer vom
4
Menschen unabhängigen Wirklichkeit nicht irgendeiner Abbildtheorie entspricht 3 , sondern das Wissen metaphorisch als Schlüssel für einen Zugang zur Welt verstanden werden muss, d.h. „als Anpassung in einem funktionalen Sinn“ (Glasersfeld 1981:19). Aus diesem Grunde ist jedem Individuum nur seine eigene Realität zugänglich und es ist ihm unmöglich, etwas über die eigene Realität hinaus zu erkennen. Anstatt einer gibt es dementsprechend viele verschiedene „Wirklichkeiten“.
Erkenntnis entspricht in diesem Sinne der Suche nach passenden Verhaltensweisen und Denkarten im Gegensatz zur traditionellen Epistemologie, die unter Erkenntnis die Suche nach ikonischer Übereinstimmung mit der ontologischen Wirklichkeit versteht (vgl. Glasersfeld 1981:37).
Um diesen Punkt deutlicher zu machen, unterscheidet Glasersfeld zwischen Passen (fit) und Stimmen (match): Stimmen bedeutet, dass man ein Wissen von der wirklichen Welt, die durch das Wissen homomorph wiedergegeben wird, hat. Passen dagegen bedeutet, dass der Mensch sich durch sein Wissen seine Umwelt lediglich nutzbar und zugänglich macht, ohne zu wissen, wie diese denn nun aussieht. Der Mensch passt je nach den gegebenen Umständen sein Wissen immer wieder neu an (vgl. Glasersfeld 1981:20). Die Grundprinzipien des Glasersfeld’schen radikalen Konstruktivismus lassen sich somit wie folgt formulieren:
- Wissen wird nicht passiv aufgenommen, sondern vom denkenden Subjekt aktiv aufgebaut. Der radikale Konstruktivismus versteht unter Handeln, das Wissen aufbaut, deshalb Operieren (vgl. Glasersfeld 1981:30).
- Die Funktion der Kognition ist adaptiver Art und zielt auf Viabilität (Glasersfeld), da die „wirkliche Welt sich ausschließlich dort offenbart, wo unsere Konstruktionen scheitern“ (Glasersfeld 1981:37) - eine Tatsache die Individuen zu
neuen, besser passenden Konstruktionen animiert 4 .
3 Nach traditionellen epistemologischen Vorstellungen ist etwas, das erblickt werden kann, bevor der Blick darauf fällt, schon da, d.h. Wissen ist ein Abbild der Welt, die existiert, bevor ein Bewusstsein sie erlebt. Schon die Skeptiker jedoch kamen mit der Idee des Scheins auf, d.h. sie zweifelten die Verlässlichkeit einer Sinneswahrnehmung an. Kant steigerte diesen Skeptizismus, indem er nicht nur der menschlichen Sinneswahrnehmung misstraute, sondern auch bezweifelte, ob es das wahrgenommene Ding an sich überhaupt gibt. Eine der Hauptfragen, die der radikale Konstruktivismus zu beantworten versucht, wirft sich in Folge dessen auf: Die Frage, wie es dann möglich sein kann, dass wir dennoch eine stabile Welt zu erleben vermögen (vgl. Glasersfeld 1981:24 ff.). Glasersfeld antwortet mit Vicos Sentenz verum ipsum factum, d.h. der Mensch ist nur in der Lage das von ihm selbst gemachte zu erkennen, und seiner Schlussfolgerung, dass „wenn die Welt, die wir erleben und erkennen, notwendigerweise von uns selbst konstruiert wird, dann ist es kaum erstaunlich, dass sie uns relativ stabil erscheint.“ (Glasersfeld 1981:28)
4 Glasersfeld bemüht hier eine Analogie zur Evolutionstheorie: Genauso wenig wie man behaupten kann, dass sich Lebewesen an ihre Umwelt anpassen, kann man sagen, dass sich der Mensch an die Wirklichkeit anpasst. Stattdessen gibt die Wirklichkeit durch ihre Beschränkung des Möglichen vor, was
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- Kognition dient der Organisation der Erfahrungswelt des Subjekts und nicht der Erkenntnis einer objektiven ontologischen Realität, denn Wissen ist dann brauchbar bzw. überlebensfähig, wenn es der Erfahrungswelt standhält. Daraus allerdings den Schluss ziehen zu wollen, etwas über die Beschaffenheit der Welt aussagen zu können, hält Glasersfeld für falsch (vgl. Glasersfeld 1981:23), da das Wissen nur eine Möglichkeit des Zugangs eröffnet hat.
2.2. Heinz von Foerster
Heinz von Foerster beschäftigt sich in seinem Beitrag
Das Konstruieren einer Wirklichkeit
mit der Frage wie und weshalb Menschen ihre Wirklichkeit konstruieren. Er begründet sein, ganz in der konstruktivistischen Denklinie stehendes, Postulat: „Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung“ (Foerster 1981:40), indem er Wahrnehmung zunächst als autonom-physiologisches Produkt betrachtet: Der menschliche Sinnesapparat nimmt wahr, bearbeitet das Wahrgenommene und selektiert einzelne Sinneseindrücke - ohne das dies dem wahrnehmenden Objekt bewusst wird. Als ein Beispiel unter vielen sei hier der
blinde Fleck
vorgestellt:
Obwohl der visuelle Apparat des Menschen an der Stelle, an welcher der Sehnerv austritt, keine für die Wahrnehmung relevanten Stäbchen
und Zapfen hat, nimmt ein gesunder Mensch ein ununterbrochenes Sehfeld wahr. Das Erstaunliche am blinden Fleck ist, dass man ihn
nicht
sieht, d.h. der Sinnesapparat bereitet die visuellen Eindrücke so auf, dass sich das wahrnehmende Subjekt seines Defizits nur mittels einer spezifischen Wahrnehmungssituation bewusst werden kann (vgl. Foerster 1981:40 f.). Das wahrnehmende Individuum ist offensichtlich seinem Wahrnehmungsapparat ausgeliefert und kann, wenn es sich die Defizite nicht bewusst macht, nur inmitten dieser vorgegebenen Grenzen seine Sinneseindrücke verarbeiten. Ergänzend zu Foerster ist ein weiteres Beispiel für die physiologische Abhängigkeit von Wahrnehmung die Tatsache, dass ein artspezifischer Wahrnehmungsapparat immer unter vielen verschiedenen Reizen auswählt: Das menschliche Sehvermögen ist z.B. auf einen winzigen Teil innerhalb des Farbspektrums beschränkt. Daraus zu schließen, dass es außerhalb dieses Spektrums (wie z.B. die Röntgenstrahlen) nichts gibt, ist natürlich
existieren kann, d.h. „das Verhältnis zwischen lebensfähigen organischen Strukturen und Umwelt ist in der Tat das gleiche wie das Verhältnis zwischen brauchbaren kognitiven Strukturen und der Erlebenswelt des denkenden Subjekts.“ (Glasersfeld 1981:21)
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Arbeit zitieren:
Eva Forster, 2006, Wahrnehmung als soziales Produkt, München, GRIN Verlag GmbH
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