Inhalt
Vorwort. III
„Design our own world ain't nobody understands“ 1
Berlin als Geburtsstätte der Loveparade
„Seid ge-engelt, passt auf euch auf “ 2
Über den Film Be.Angeled
„Er glaubt an seine Musik. Das hab ich ehrlich gesagt auch unterschätzt.“ 4
Die Technoszene: Eine Annäherung
„Man sieht zu, wie der Künstler zu nah an der Sonne fliegt.“ 6
Über den Film Berlin Calling
„All die Vollfertigen und Niedlichen in Cinemascope“ 8
Die Arbeit mit der Kamera
„Hübsches Design, wenig dahinter“ 10
Die Wirkung der Montage
„Und deine Freundin?“ 13
Wie die Regisseure mit Klischees über die Szene umgehen
„You and me and the fanatsy“ 15
Ein Fazit
Literaturverzeichnis V
Anhang VIII
II
Vorwort
Elektronische Musik bedeutet für mich eine wunderbare Traumwelt abseits von allem. Einmal bei einem Event im Club oder einem Festival unter freiem Himmel angekommen, zählt für den Moment, in dem der DJ die Lieblingsmusik spielt, nichts, als sich gänzlich in Melodie und Bässen zu verlieren. Euphorie und Melancholie steigen zeitgleich in einem auf, ein breites Lächeln entfaltet sich und manchmal verlassen sogar ein oder zwei Tränen die Augen, weil der Moment einfach zu emotionsgeladen ist, um ihn mit anderen Gesten beschreiben zu können. Ein Blick um sich verrät: Wow, den anderen Anwesenden geht es genauso. Man ist Teil eines großen gemeinsamen Ganzen und doch anders als die Masse. Tanzen mit Arme hoch und Augen zu, immer im Rhythmus. In der Musik ist ein Aufbau spürbar. Mit jeder Minute, die verstreicht, gewinnt sie mehr Energie. Und dann endlich der Höhepunkt - es wird geschrien, gesprungen und sich gegenseitig in den Armen gelegen. In solchen Augenblicken liegt das Glück im Detail und Dankbarkeit, so intensiv fühlen zu können, dominiert den Moment.
Ich bin seit nunmehr fünf Jahren aktiv in der Szene um die elektronische Musik. In dieser Zeit war ich auf unzähligen großen und kleinen Veranstaltungen im In-und Ausland und durfte diese Jugendkultur vor und hinter den Kulissen kennenlernen. Von chemischen Drogen habe ich konsequent und aus Überzeugung die Finger gelassen. Umso mehr hat es mich stets fasziniert, wie Musik es schafft, die oben beschrieben Emotionen hervor zu rufen und eine Gemeinschaft, die im Grunde nur durch dieses eine Medium verbunden ist, so zusammen zu schweißen. Mit dieser Frage scheine ich nicht allein zu sein, denn sonst hätten zahlreiche Regisseure dieses Thema nicht zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Werke gemacht. Hieraus sollen zwei Beispiele in dieser Arbeit näher beleuchtet werden: Roman Kuhns Film Be.Angeled und Hannes Stöhrs Berlin Calling. Diese beiden Filme könnten unterschiedlicher nicht sein und behandeln im Grunde doch das gleiche Thema: Die Jugendkultur um die
III
elektronische Musik. Sie betrachten eben diese von unterschiedlichen Standpunkten aus. Wie, soll der Inhalt der nachfolgenden Seiten erklären. Ich hoffe, dass ich mit dieser Arbeit einen kleinen Einblick in die von außen doch sehr verrückt wirkende Welt um die elektronische Musik geben kann, denn es steckt viel mehr hinter diesem Thema als Drogenkonsum und vorurteilsbehaftete elektronisch erzeugte Klänge.
IV
„Design our own world ain't nobody understands“ 1
Berlin als Geburtsstätte der Loveparade
Berlin: Bundeshauptstadt, Regierungssitz Deutschlands, Kulturmetropole der Republik. Zwölf Bezirke, die maßgeblich zur Entwicklung einer Jugendkultur rund um die elektronische Musik beigetragen haben. Mitte der Achtziger Jahre
trauerte die Stadt gerade noch ihrer vibrierenden Punk und Wave-Szene nach 2 , als die erste Acid-House-Welle die Stadt überflutete. Diese aus England stammende Mischung schrill quiekender, disharmonischer elektronischer Töne, gepaart mit hämmernden Piano-Passagen, führte im Jahr 1989 noch vor dem Mauerfall zur Eröffnung des ersten Berliner Clubs „UFO“. Ein Raum in einem Kreuzberger Keller, „der in einem außerirdisch anmutenden, feucht dämmrigen Grottenambiente die Mutigen der ersten Stunde“ 3 mit lauten elektronischen Klängen versorgte. Einer der dort anwesenden Urväter der gerade aufkeimenden Jugendkultur war Matthias Roeingh, der noch im gleichen Jahr als Begründer der Loveparade unter dem Namen Dr. Motte für Schlagzeilen sorgen würde. Als dann am 2. Juli 1989 in Berlin „die ersten Verrückten hinter
einem Lieferwagen mit aufgedrehter Anlage den Ku-Damm runterhopsten“ 4 , dachte keiner der 150 Mitwirkenden daran, dass hieraus einmal eine internationale Marke, ein heiß diskutierter Wirtschaftsfaktor und eine umstrittene Touristenattraktion werden würde. Mit der Loveparade tauchte ein bisher nur im Untergrund zelebriertes jugendliches Lebensgefühl ungefragt auf, machte sich lautstark öffentlich, erläuterte auf irritierte Nachfragen knapp, dass es um Friede, Freude und Eierkuchen ginge und tauchte dann wieder unter. Im
1 Kalkbrenner, Paul 2008: Sky and Sand, Berlin (Teil der Filmmusik des Filmes Berlin Calling,
erschienen beim Label Bpitch Control)
2 van Dijk, Mijk 2009: Ein Geheimzirkel erobert die Welt
http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/2150/party_im_nirgendwo.html - 1.
Juli 2009
3 Coers, Martin M. 2000: Friede Freude Eierkuchen - die Technoszene, München
4 Coers, Martin M. 2000: Friede Freude Eierkuchen - die Technoszene, München
1
Jahresturnus wiederkehrend, galt sie sogar bis zum Jahr 2000 als angemeldete und genehmigte Demonstration.
Eben in diesem Jahr ist unter den mittlerweile 1,1 Millionen Besuchern auch der Regisseur Roman Kuhn, der bislang vor allem durch Werbespots und Videoclips aufgefallen war. Zuvor war er nur einmal bei einer Loveparade: „Ich bin aber relativ schnell wieder gegangen. 50 LKWs, Hardcoretechno, nicht einmal cooles Zeug: Das musste ich mir nicht zwingend antun“, resümiert er in
einem Interview 5 . Dennoch kehrt er zurück und dreht einen Film über die inzwischen auf die Straße des 17. Juni umgezogene Parade. Kuhn möchte die Lupe auf die Beteiligten legen, da er glaubt, dass die Besucher bei der Loveparade auf einem Niveau sind, das Dinge möglich macht, die man sich sonst nicht traut. Der Film Be.Angeled wird geboren.
„Seid ge-engelt, passt auf euch auf!“ 6
Über den Film Be.Angeled
In Anlehnung an berühmte Vorbilder wie „Magnolia“ setzte Kuhn das Geschehen seines Kino-Debüts Be.Angeled in Form eines Episodenfilmes ohne klar definierte Protagonisten um: Lucie (Wiebke Bachmann) und Rosie (Joanne Grant) wollen den DJ Mark Spoon treffen, den Lucie vergöttert. Lucies Bruder Robert (Sebastian Songin) beobachtet derweil von einem Übertragungswagen aus Spoons zugekokste Tänzerin Zoe (Anna-Sarah Hartung). Als sie bewusstlos zusammenbricht, versucht er sie zu vergewaltigen. Währenddessen irrt Roberts hochschwangere Freundin Billa (Sólveig Arnarsdóttir) durch die Parade. Sie fühlt sich in Mitten der Massen bedroht und ist verzweifelt, bis der geheimnisvolle Aaron (Anatole Taubman) auftaucht. Auch der blinde Ilias (Martin Glade) wird von Aaron gerettet, der sich nach einem Streit mit seinem schwulen Freund Philip (Marius Frey) in die tobende Menge gestürzt hat. Aaron
5 Hüsig, Anke 2001: "Der Film zur Loveparade" http://rhein-
zeitung.de/on/01/06/07/magazin/news/beangeled.html - 1. Juli 2009
6 Horwedel, Christian 2001: "Trauen wir den Zuschauern doch etwas zu!"
http://www.viva.de/film.php?op=kino-extra&what=show&Artikel_ID=4085 - 1. Juli 2009 (Zitat
von Regisseur Roman Kuhn)
2
führt ihn zu Sundri (In-Sook Chappell) und beide verlieben sich. Wenig später werden Ilias und Sundri beinahe von einer U-Bahn überfahren, die von Philips Vater Günther (Holger Franke) gesteuert wird. Günther hat vor Jahren bereits einen Selbstmörder überfahren und dies noch immer nicht verarbeitet. Darüber hinaus werden die Geschichten von einigen Briten, die auf ihrem Weg zur Loveparade die Hauptstadt konsequent verfehlen, von Svenja (Kathrin Kühnel), die an ihrem HIV-positiven Exfreund Luc (Kirk Kirchberger) Rache nimmt und von Nachwuchs-DJ Lexy, der auf den großen Durchbruch hofft, erzählt.
Damit streut der Regisseur mehrere Tragödien zwischen 1,1 Millionen Besucher, 256 Tonnen Müll und 2.332 Verletzte. Sie lassen vermuten, dass die Loveparade nicht viel mit Liebe zu tun und die "Spaßgeneration" nicht viel zu lachen hat. Alle Geschichten, die der heute 52-jährige Kuhn in diesen 110minütigen Spielfilm eingebaut hat, sollten so authentisch wie möglich wirken. Und ein bisschen Wahrheit sei ja ohnehin dabei, denn: „auch wenn die Storys fiktiv sind, hat sie doch die Loveparade ausgespuckt“, kommentiert der Regisseur in einem Interview. Der größte Teil des Filmes sei direkt während der Loveparade im Jahr 2000 aufgezeichnet worden. 14 Kameras waren im Einsatz, 35-Millimeter-Film und Cinemascope-Technik. „Wir haben die Schauspieler und somit die Figuren in die Parade hineingeworfen und versucht, sie dort in der Masse aufzunehmen“, so Kuhn weiter. „Ich bin ein intuitiv arbeitender Mensch. Vieles, was sich während der Dreharbeiten spontan ergab,
versuchte ich trotzdem in den Film zu integrieren.“ 7 . Zu einem möglichst "echten" Eindruck von der Parade, sollten auch die relativ unbekannten, jungen Schauspieler beitragen. Viele Kritiker werfen Kuhn trotzdem vor, am Ziel vorbei geschossen zu sein. Sein Film sei „eine heterogene, in sich nicht geschlossene Mischung aus fantastischen Elementen, wehleidiger Nabelschau und trister Alltagswirklichkeit, deren Haltung zum soziokulturellen Phänomen der
7 Horwedel, Christian 2001: "Trauen wir den Zuschauern doch etwas zu!"
http://www.viva.de/film.php?op=kino-extra&what=show&Artikel_ID=4085 - 1. Juli 2009
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Loveparade nie so ganz deutlich wird“ 8 . Trotz vermeintlicher Leidenschaften blieben die extremen Gefühlswelten fern und unglaubwürdig 9 . Aber gerade diese extremen Gefühlswelten sind es ja, worum es bei dieser Jugendkultur geht. Elektronische Musik ist von Anfang an ein Party-Phänomen gewesen, ein Massen-Erlebnis. Ziel der vielstündigen Partys ist vor allem eines: die Ekstase. Diese „Techno-Ekstase“ braucht irrsinnig laute, hämmernde Musik, in die man eintauchen, eine Menschenmasse, in der man aufgehen, und die
totale Erschöpfung, in der man sich selbst hinter sich lassen kann 10 .
„Er glaubt an seine Musik. Das hab ich ehrlich gesagt auch unterschätzt.“ 11
Die Technoszene: Eine Annäherung
Techno-Musik mit ihren schnellen, lauten Bässen wird nicht nur gehört, sondern ganzkörperlich als Rhythmusempfindung wahrgenommen. Der Musik selbst wird dabei eine Art Drogenwirkung zugesprochen. Tanzen ist das zentrale Erlebnis, bei dem die Anhänger übereinstimmend Spaß und Entspannung suchen. Andere Party-Elemente wie Reden, Schauen, Entspannen und das Konsumieren von Getränken und Drogen, rücken dabei in den Hintergrund. Resümiert man Erlebnisberichte, so wird Tanzen zu Techno-Musik als Ausgleich, Ventil und Befreiung - von einigen sogar als eine Art „Selbsterfahrung erlebt. Mit und ohne Drogeneinnahme können hier veränderte, tranceähnliche Bewusstseinszustände erreicht werden: „Die Leute schreien,
8 Filmkritik des Verlages Zweitausendeins: http://www.filmevona-
z.de/filmsuche.cfm?wert=514975&sucheNach=titel - 1. Juli 2009
9 Filmkritik der Fachzeitschrift CINEMA:
http://www.cinema.de/kino/filmarchiv/film/beangeled,1335798,ApplicationMovie.html - 1. Juli
2009
10 Brauck, Markus und Dumke, Oliver 1999: Techno: 180 Beats und null Worte, Gütersloh
11 Stöhr, Hannes 2001: Berlin Calling, Berlin (Zitat von Corinna Harfouch in der Rolle als Prof.
Dr. Petra Paul)
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Arbeit zitieren:
Jessica Schöberlein, 2009, Wie wurde die Jugendkultur um elektronische Musik in den vergangenen Jahren filmerisch dargestellt? , München, GRIN Verlag GmbH
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