Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Einige einführenden Gedanken zur Methodik. 3
3. Finanzmärkte, Warenmärkte und die aktuelle Krise. 5
3.1 Finanzmarkt-Kapitalismus 5
3.2 Die aktuelle Finanzkrise. 8
3.3 Ein erster Versuch der Kategorisierung 12
4. Theoretische Anreicherung des Vorwissens 13
4.1 Simmels erkenntnistheoretische Grundlagen. 13
4.2 Markt, Tausch und Geld. 15
4.3 Der marxistische Schatz. 19
4.4 Zinsen bei Marx 21
5. Der historische Vergleich 24
5.1 Englands Ökonomie im Jahr 1847 24
5.2 Ein zweiter Ordnungsversuch 27
6. Resumé 28
7. Literaturverzeichnis. 31
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1 Einleitung
„When the rest of the world are mad, we must imitate them in some measure.“ 1 Das Zitat stammt nicht von der Wall Street der vergangenen Jahre, sondern es entsprang der „South Sea Bubble“ aus dem Jahr 1720. Doch die aktuelle Krise unterscheidet sich semantisch nicht sehr von der lang vergangenen, „ersten internationalen Krise.“ 2 Der ehemalige „Citigroup“-CEO Chuck Prince, immerhin die größte Bank der Welt zur zitierten Zeit, sagte noch 2007, dass man eben solange zum Tanz aufstehen müsse, wie die Musik spiele. 3 In Anbetracht des folgenden Jahres und den Verlusten gerade auch der von ihm geführten Bank, ähneln sich die Zitate doch auffallend. Dieses kurze Beispiel verdeutlicht, worin die Intention der vorliegenden Arbeit liegt: Es sollen Gemeinsamkeiten zwischen Vergangenheit und Gegenwart herauskristallisiert werden. Dabei muss sich allerdings auf einen bestimmten Aspekt des vielschichtigen Problemfeldes konzentriert werden - die monetären Prämissen ökonomischer Krisen. Solch eine Störung, die abhängige Variable, wird hier möglichst allgemein als ein Absinken der Produktion des betrachteten Merkmalträgerseinmal die gesamte westliche Welt, mit besonderem Fokus auf den USA; zum anderen das historische Großbritannien - verstanden.
Damit ist schon gesagt, was den Kern dieser Arbeit ausmacht: Eine Fallstudie von zwei Krisen, mit deren Hilfe eine übergeordnete Struktur durch einen stetigen Wechsel von Theorie und Empirie deduziert werden soll. Auf diese Weise kann in die „Tiefe des Falls“ gegangen werden. Es wird versucht, die beiden Fälle, die aktuelle Finanzkrise und die Krise in England 1847, mit einem gemeinsamen Grundsatz zu untersuchen. Ziel ist es schließlich möglichst gesetzesähnliche Generalisierungen auf einem theoretisch integrierten Fundament formulieren zu können. Die Iteration, d.h. der Wechsel zwischen empirischen Test und unterstützender bzw. weiterführender Induktion, soll dabei zur Methode erhoben werden. Das Problem der geringen Generalisierbarkeit, das klassische „kleine N“-Problem, soll dabei nicht verschwiegen werden. 4 Damit klingt an, was diese Arbeit nicht beansprucht: Es kann keine Ausschließbarkeit geleistet werden. In dem Sinne, dass die zu identifizierenden monetären Prämissen als hinreichende, nicht als notwendige Ursachen zu verstehen sind. Ökonomische Krisen können auf mannigfaltige Weise zu Stande kommen, durch Kriege, Revolutionen oder Naturkatastrophen, die hier aber nicht miteinbezogen werden. Treten jedoch die noch zu benennenden Faktoren in einer bestimmten Ausprägung und Kombination
1 Carswell (1960), S. 161. Zitiert nach: Kindleberger (1978), S. 29.
2 Kindleberger (1978), S. 120.
3 Vgl. http://www.handelsblatt.com/politik/nachrichten/maerkte-und-monster;2079756;2
4 Vgl. Rueschemeyer (2003), S. 316 - 318.
2
auf, kann es, zumindest für die beiden hier untersuchten Fälle, als evident gelten, dass eine Wirtschaftskrise folgt. Denn trotz des Bemühens, möglichst komplexe notwendige Ursachenkonstellationen zu benennen, kann dabei, wie für den Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaften typisch, kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden. Die Eindeutigkeit besteht deshalb darin, dass die Krisen unter den zu identifizierenden Prämissen aufgetreten sind. Man kann daraus aber nicht ableiten, dass sie unter denselben Bedingungen immer erscheinen müssen.
Die Arbeit verfolgt somit als Hauptziel eine Kategorisierung von Voraussetzungen ökonomischer Krisen. Daneben sollen aber die theoretischen „Werkzeuge“ eine besondere Rolle spielen. Dergestalt, dass mit Hilfe der beiden hier verwendeten Klassiker, Georg Simmel und Karl Marx, theoretisch hergeleitete und empirisch belastbare Strukturen und Abstraktionen von sozialen Phänomenen erkannt werden können. Implizit wird damit durch die Anwendung als theoretisches Instrumentarium gleichzeitig auch die Relevanz der Klassiker unterstrichen. Im folgenden Kapital soll die im Lauf der Arbeit eingeschlagene Vorgehensweise weiter präzisiert werden.
2 Einige einführenden Gedanken zur Methodik
Die konventionelle Darstellungsform 5 von sozialwissenschaftlichen Untersuchungen simuliert einen linearen Ablauf von Erkenntnisgewinnung. Das zustande kommende Ergebnis ist aber in solchen Fällen mindestens teilweise ein Resultat der Form und keine tatsächliche Wiedergabe des Forschungsprozesses. Dieser bewegt sich nämlich normalerweise nicht in hypothesentestender Weise deduktiv von Theorie zu Empirie. 6 Vielmehr ist der Weg zur Erkenntnis voll von Umwegen, Sackgassen und kontroversen Gedankengängen. Er führt von ad hoc Beobachtungen über Fetzen theoretischer Literatur zu empirischen Betrachtungen und wieder zurück zur Theorie, nur um mit beträchtlichem Zweifel gestärkt zur Empirie zurück zu kehren. Kurz gesagt - es ist ein ständiger iterativer Prozess, der sich am besten im genuin geisteswissenschaftlichen Begriff des „hermeneutischen Zirkels“ ausdrücken lässt. Ein so stattfindendes, ständiges neues Bewerten der Welt stellt der Biologe Rupert Riedl in den Mittelpunkt seiner Methodologie. Möglichst hohe Isomorphie ist das Ziel des
5 Diese kann in der Fünfheit von Einleitung; Theorie; Empirie; Analyse; Schluss ausgedrückt werden.
6 Wenn dem tatsächlich so wäre, dann könnte man zumindest den Sozialwissenschaftlern die Gabe der
Vorhersehung unterstellen. Sonst ist es nur schwerlich zu begreifen, warum fast ausschließlich Bestätigungen
der Ausgangshypothesen in der Literatur zu finden sind.
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Zusammenhangs von Welt und Erkenntnis. 7 In seiner evolutionären Erkenntnistheorie führt er dabei durch die Explikation der „angeborenen Lehrmeister“ 8 - also den humanen a priori der Wahrnehmung - als notwendige Voraussetzung von Wissen die Standpunkte von Rationalisten und Empiristen zusammen. Wissen ist ohne Erwartungshaltungen, ohne Entscheidungshilfen (auch soziale Formen wie Rituale, Einstellungen, etc.), letztlich ohne Vorwissen nicht möglich. 9 Aber Wissen, oder besser Erkenntnis im wissenschaftlichen Sinne, ist auch nur dann denkbar, wenn sie Erfahrung entstammt. 10 So kann man die in der Forschungsgeschichte meist stringent getrennten Methoden der Induktion und Deduktion zur Synthese bringen. Riedl drückt dies in der Metapher eines „universellen Schraubenprozesses“ 11 aus. In dessen Verlauf wird mit Hilfe möglichst reichhaltigen Vorwissens eine abstrahierende, vom Einzelfall weggehende Hypothese, eine Erwartung, gebildet. Diese wird, aus der Grundgesamtheit aller Fälle, an den Bekannten getestet. 12 Mit anderen Worten: Es wird versucht Erwartung anhand von Erfahrung zu falsifizieren, also bewusst nach Irrtümern im eigenen Denken, ganz im Sinne von Karl Popper, zu suchen. Dabei bleibt aber der meist unsichtbare induktive Teil der Erwartungsbildung nicht weiter im Dunkeln, sondern wird ans Licht gebracht. Eine auffallende Ähnlichkeit zu Simmels erkenntnistheoretischen Ideen soll vorerst nur kurz angedeutet werden - denn auch jener meinte einen solchen zweiseitigen Prozess, als er von „begrifflich entgegengesetzten Erkenntnisprinzipien [durch die] die Einheit der Dinge […] praktisch und lebendig [wird]“ 13 , sprach.
So wird deutlich, welcher iterative Ablauf im Folgenden eingeschlagen wird: Zunächst soll versucht werden das soziologische Vorwissen, das die Wahrnehmung der aktuellen Krise strukturiert hat, in einem kurzen theoretischen Teil darzustellen, auch unter Einbezug klassischer ökonomischer Konzepte. Anhand dessen gliedert sich der anschließende Überblick der Finanzkrise. Der theoretische Beginn wird gewählt, weil die Wahrnehmung der Krise nicht einem leeren Behältnis gleicht, sondern mit einem gewissen soziologischen und wirtschaftlichen Verständnis erfolgt. Gleichsam einen Filter, der nicht alle Elemente in ein Behältnis kommen lässt, sondern vorab selektiert. Dieser Selektionsprozess und die Vorprägung des Autors sollen durch das Kapitel 3.1 transparent gemacht werden.
7 Vgl. Riedl (1985), S. 44.
8 Ebd., S. 56.
9 Ebd., S. 62ff.
10 Es wird hier von graduell wahrheitsähnlichen Aussagen als Wissen ausgegangen. Für eine ausführliche
Betrachtung des Sujets „Wahrheitsähnlichkeit“ vgl. Schulze (2008a).
11 Riedl (1985), S. 53.
12 Vgl. ebd., S. 102ff.
13 Simmel (1991), S.13.
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Aus Theorie und Empirie der Finanzkrise werden erste allgemeine Kategorien zum Ablauf einer Krise entwickelt, bevor abermals auf die theoretische, induktive Erwartungsebene gewechselt wird, um das semantische Arsenal der Klassiker zu erforschen. Namentlich Georg Simmel und Karl Marx werden mit ihren Einsichten über Märkte und vor allem Geld vorgestellt und für die weitere Analyse benutzt. Dies dient gleichzeitig dem Zweck zu sehen, ob beide Theoretiker Anwendung in der aktuellen Krise finden können. Abschließend wird das dann hoffentlich reichhaltige Vorwissen und die entwickelte Erwartungshaltung an der für Marx prägenden Krise von 1847 in England getestet, um mögliche historische Parallelen explorieren zu können. Historische, singuläre Ereignisse bzw. Prozesse werden so einer neuen Abstraktionsebene und damit Struktur zuordenbar. Durch die Transparenz des induktiven Gedankenvorgangs wird eine möglichst hohe Objektivität der Wirklichkeits-Reproduktion erreicht, wobei aber die Relativität bzw. Perspektivität der Aussagen durch gedankliche Vorprägungen nie gänzlich vermieden werden kann. 14 Dennoch soll der Versuch des Verstehens eine erkenntniserweiternde „Rund-um-Beleuchtung“ des zugrunde liegenden Gegenstandsbereichs, der Entstehung ökonomischer Krisen, ermöglichen.
3 Finanzmärkte, Warenmärkte und die aktuelle Krise
3.1 Finanzmarkt-Kapitalismus
Um sich der aktuellen globalen Finanzkrise überhaupt nähern zu können muss zuerst von der unwahrscheinlichen Dichte an Einzelereignissen abstrahiert werden. Sonst besteht die Gefahr einer bloßen historischen Beschreibung. Hierzu hilft ein erster Blick auf die Struktur der aktuellen Finanz- und Warenmärkte unter Berücksichtigung des monetären Fokus. Beide Märkte sind dabei seit den 70er Jahren und insbesondere seit dem Zusammenbruch des internationalen Währungssystems von Bretton Woods durch einen immer stärker werdenden Wettbewerb gekennzeichnet. In dieselbe Zeit fallen zudem erste Konkurse internationaler Finanzinstitute und damit einhergehende Anstrengungen der Politik zur weltweiten Harmonisierung von Regulierungen. 15 Gleichzeitig nahm die Zahl an Finanzinstrumenten stetig zu, was eng mit dem sprunghaften Anstieg der Kommunikationstechnik und den damit verbundenen Möglichkeiten immaterieller Geldflüsse zusammenhängt. Gemeinsam bildeten diese Faktoren die Grundlage für die Überwindung der nationalen Grenzen durch das Kapital. Aber erst das Ende des Kalten Krieges verursachte eine nicht da gewesene Beschleunigung
14 Vgl. Schulze (2008b).
15 Vgl. Lütz (2002), S.282f.
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des Geldes, vorher exkludierte Märkte wurden relativ plötzlich in den Weltmarkt inkludiert. 16 Seitdem werden immer kolossalere Summen an den Finanzmärkten umgesetzt - allein am Derivatemarkt 17 waren im Juni 2007 etwa 516 Billionen Dollar investiert. Zum Vergleich: Das Weltinlandsprodukt von 2006 betrug lediglich 66 Billionen. 18 Die Finanzprodukte übertreffen das real Erwirtschaftete demnach um ein Vielfaches. Man kann von zwei ausdifferenzierten Märkten sprechen: Einem Warenmarkt der realen Güterproduktion und einem Finanzmarkt, der die Versorgung des ersteren mit Liquidität gewährleisten soll. Dies geschieht über die Noten- bzw. Zentralbanken, die dem Finanzmarkt bestimmte Geldmengen zur Verfügung stellen. Dabei sind Offenmarktoperationen das wesentliche Mittel zur Durchführung der Geldexpansion bzw. -kontraktion. Ein Beispiel dafür ist der Ankauf von Staatsanleihen zur Ausweitung der Liquidität. Auf diesem Weg steigt die Geldmenge, was zu einem wachsenden Angebot und somit zu einem geringeren Preis der Ware „Geld“ führt, wodurch der nominale Zinssatz sinkt. Die Zentralbanken agieren also über den Markt. Käufer (bzw. Verkäufer) von solchen staatlichen Schuldverschreibungen sind Banken, institutionelle Anleger oder andere Investoren. Sie dienen als Intermediäre. Über diesen Mechanismus können die Zentralbanken den Leitzins bestimmen, d.h. zu welchem Satz sich Banken bei ihnen Geld leihen können. Je höher der Leitzins ist, desto geringer ist tendenziell die abgerufene Kreditmenge und somit die zur Verfügung stehende Menge an Finanzmitteln. 19
Was passiert mit diesem freigesetzten Geld? Beide oben erst kurz differenzierten Märkte verfahren unterschiedlich damit. Am Warenmarkt werden vergangene Produktionsprozesse und deren Ergebnisse, die Waren, bewertet. Bei den Finanzmärkten dagegen stehen zukünftige Zahlungsversprechen im Mittelpunkt. 20 In Beziehung gesetzt heißt das: Die reale Produktion investiert das vom Finanzmarkt erhaltene Geld in die Warenherstellung. Die Waren wiederum werden anschließend auf dem Warenmarkt angeboten. Zur Bestimmung einer Bewertung des finalen Produktionsprozesses ist dabei der marxistische Begriff des Gebrauchswertes nützlich, der hier „die Gesamtheit des Produktionsprozesses“ 21 umfassen soll. Dass heißt sowohl technische Kompetenzen als auch praktisch relevante Einflüsse wie die Motivation oder Erfahrung der Mitarbeiter werden im Gebrauchswert einer Ware neben
16 Vgl. Gilpin (2001), S. 5-13.
17 Derivate sind Ableitungen von Basiswerten wie Aktien, die zu einem festen Preis gehandelt werden
können und somit als Risikoversicherung gegen Marktschwankungen dienen sollen.
18 Vgl. Dore (2008), S. 1099.
19 Vgl. Samuelson/Nordhaus (1998), S. 586 - 594.
20 Vgl. Windolf (2005), S. 25f.
21 Ebd., S. 26.
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Arbeit zitieren:
Raphael Heiberger, 2009, Monetäre Prämissen ökonomischer Krisen, München, GRIN Verlag GmbH
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