Einleitung
„Sie wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner sozialdemokratischen Partei hinkriegen. Machen Sie sich da nix vor“ 1 , sagte Gerhard Schröder in der so genannten Elefantenrunde am 18. September dieses Jahres. Dies war eine Aussage, welche eine Zäsur in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands darstellt, denn noch nie hat - trotz der Nachwahl in Dresden - ein feststehender Verlierer einer Bundestagswahl 2 öffentlich den Wahlsieg für sich proklamiert.
Welche Intention verfolgte Schröder? Welche Wirkung erreichte er? Ich werde versuchen diese Fragen aus einer systemtheoretischen Perspektive heraus zu beantworten: mein Schwerpunkt wird dabei vor allem auf dem Wechselspiel von Schröders Aussagen und der Reaktion in den Medien liegen. Zudem werde ich den Einfluss dieser Reaktion auf das darauf folgende Verhalten Schröders genauer betrachten, was eine Reihe von Annahmen impliziert. So werden die verbalen Entgleisungen Schröders als singuläres Ereignis gesehen, die nicht dem Zufall oder sonstigen externen Ereignissen zugerechnet werden, sondern Teil einer bestimmten „Systemrationalität“ 3 4 sind. Aus dieser Prämisse folgt nun, dass Schröder als ein wichtiger Akteur des politischen Systems behandelt wird und nicht als individuelles psychisches System, weswegen er auch der Logik/ dem Code des politischen Systems folgt 5 . Diese Annahmen bringen wiederum die Wechselwirkungen bezüglich Politik und Massenmedien ins Spiel. Die „strukturelle Koppelung“ 6 der beiden Systeme miteinander geschieht hauptsächlich über „das Medium der öffentlichen Meinung“ 7 , welches in nicht unerheblichem Maße von den Massenmedien geprägt wird.
Angriffe Schröders gegenüber den ihm in der Vergangenheit so oft positiv geneigtem System der Massenmedien zeigen die enge Verbundenheit und reziproke Abhängigkeit beider Systeme voneinander 8 , da sowohl die Politik auf die Massenmedien als Verbreitungsmedium zurückgreifen muss, als auch andersherum Politik als notwendiger „Stoff“ vor allem für den
1 http://www.ftd.de/tm/me/22871.html?nv=cd-rss-1220 (14.12.05 um 14.30 Uhr)
2 Anm.: mit ca. 450.000 Stimmen weniger als die Union; Der Spiegel. Nr. 39. S. 44.
3 Luhmann, Niklas( 2000): Die Politik der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S.128. Im folgendem abgekürzt durch die Sigle: PG.
4 Anm.: Die Differenz zwischen System und Umwelt soll sowohl bejaht als auch verneint werden.
5 „die öffentliche Aufmerksamkeit und die politische Personalselektion (…) zunehmend an Personen orientiert“ PG, S.376.
6 Def.: die Irritationen eines autopoetischen Systems durch Umweltbedingungen, welche keinerlei determinierende Wirkung haben, sondern nur Umweltbedingungen zur Geltung bringen sollen(wodurch die Autonomie des Systems gestärkt wird) vgl. PG, S.373.
7 PG, S.311.
8 vgl. Luhmann, Niklas(2004): Die Realität der Massenmedien. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. S.124. Im folgendem abgekürzt durch die Sigle: RM.
2
„Programmbereich“ 9 Nachrichten dient. Auf diesen Zusammenhang einzugehen und das Verhalten des damaligen Bundeskanzlers einer systemtheoretischen Analyse zu unterziehen, wird das Ziel dieses Essays sein.
Hauptteil
Die Systeme „Massenmedien“ und „Politik“ sind beides ausdifferenzierte Teilsysteme unserer Gesellschaft 10 , die nach den jeweiligen binären Codes „Information/Nicht-Information“ 11 bzw. „Macht/keine Macht“ 12 arbeiten. Sie zeichnen sich vor allem durch ihre Autopoiesis aus. Diese Fähigkeit wird auch als Selbstreferenz bezeichnet, das System erfasst Umweltirritationen, verarbeitet diese und inkorporiert sie im Anschluss in systemeigene Ressourcen 13 , womit eine operative Schließung des Systems einhergeht. Das wiederum führt zu einer klaren Unterscheidung von System und Umwelt 14 . Beide operativ sich selbst reproduzierenden Systeme versuchen nun „Erfolg“ im Luhmannschen Sinne 15 über ihre „symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien“ 16 ihre Codes - zu haben. Diese Codes haben nun immer einen positiven und einen negativen Wert, denn die Anschlussfähigkeit von Operationen und damit die Reproduktion des Systems, hängt vom Positivwert ab, wohingegen der Negativwert als „Reflexion der Bedingungen, unter denen der positive Wert eingesetzt werden kann“ 17 , dient. In anderen Worten braucht ein System den Negativwert, um zu „wissen“, was nicht zum System gehört, was also der Umwelt zuzurechnen ist. In letzter Konsequenz wäre ohne einen Negativwert keine Differenz zwischen System und Umwelt möglich.
Die Massenmedien konstruieren durch ihre Selektion von relevanter Information Realitätdiese Tätigkeit ist keine Exklusive für sie, aber sollte ihre eigentliche Funktion sein 18 . Jene ist aber immer eine Realität, die durch ein System und dessen Operationen generiert wurde: es ist immer eine „eigene Konstruktion“ 19 . Man kann in diesem Zusammenhang von einer Realitätsverdopplung sprechen, denn die Massenmedien können über sich oder über etwas Externes kommunizieren, sie können also zwischen Selbst- und Fremdreferenz
9 RM, S.51.
10 vgl. RM, S.22 und Münch, Richard.2004. Soziologische Theorie.Band 3: Gesellschaftstheorie S.212.
11 RM, S.36.
12 vgl. PG, S.18ff.
13 vgl. Münch, Richard.2004. Soziologische Theorie.Band 3: Gesellschaftstheorie, S.207.
14 vgl. PG, S.114.
15 vgl. Luhmann, Niklas(1981):Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation , S.26f.
16 Luhmann, Niklas(1981):Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation, S.28.
17 RM, S.35.
18 vgl. RM, S. 183
19 RM, S.27.
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unterscheiden 20 . Die Themen repräsentieren die Fremdreferenz der Kommunikation. Die Massenmedien greifen solche, von der Umwelt erzeugten Sachverhalte auf (oder eben nicht). Sie klären innerhalb des Systems, ob ein Thema und damit Kommunikation fortgesetzt wird. Über Themen - vor allem des Programmbereichs Nachrichten - erreichen die Massenmedien alle anderen Systeme der Gesellschaft, so auch die Politik 21 . Aber nicht nur die Massenmedien erreichen die Politik, sondern die Politik benutzt die Massenmedien im Wortsinn, als (Massen-)Mittel, um Realität aus ihrer Sichtweise zu schaffen. Gerhard Schröder war sich dieses Zusammenhangs und der Wirkung seiner Aussagen als Bundeskanzler dem Anschein nach immer bewusst. Es soll ihm hier ein „systemisches Kalkül“ für sein ganzes politisches Handeln unterstellt werden, was ihm den Titel „Medienkanzler 22 “ einbrachte. Schröder befriedigte immer wieder den Bedarf der Massenmedien nach „new information“ 23 , da durch den hohen Streuungsgrad der Massenmedien einmal verbreitete Informationen als in der Gesellschaft bekannt angesehen werden und sich daran ein ständiger Bedarf nach neuen Informationen anschließt 24 . Trotz der engen Verbindung der beiden Systeme ist es aber keinesfalls selbstverständlich, dass jede Kommunikation eines politischen Akteurs, also jede Irritation des Mediensystems, es tatsächlich auf die Agenda schafft, davor stehen die „Selektoren“ 25 für Nachrichten, die Themen auf möglichst breite Verständlichkeit hin auswählen.
Schröders Auftritt erfüllte gleich mehrere der Selektionsbedingungen, wodurch diese sich selbst verstärken konnten 26 :
1) Er befriedigte den Zwang zur Neuheit, indem er eine Zäsur der Nachkriegsgeschichte verursachte.
2) Der Bevorzugung von Konflikten in den Medien begegnete er dadurch, dass er einem vom Wähler abgeschlossenen Urteil über Sieger und Verlierer wieder Zukunft gab, indem er das Wahlergebnis durch eine neuartige Rechenweise relativierte. Auf diesem Wege bezog er die Differenz von Wahlergebnis und letzter Umfrage, sowie die Persönlichkeitswerte mit ein. Hinzu kam noch seine neue Betrachtungsweise, die CDU/CSU nicht als Fraktionsgemeinschaft zu sehen 27 .
20 vgl. RM, S.15.
21 vgl. RM, S.29.
22 Die Tageszeitung, Nr. 6846, S.18.
23 RM, S.44.
24 vgl. RM, S.43
25 RM, S.58.
26 vgl. RM, S.72.
27 vgl. Der Spiegel, Nr.39, S. 45.
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Arbeit zitieren:
Raphael Heiberger, 2006, Eine systemtheoretische Analyse von Gerhard Schröders Medienauftritt und dessen Wirkung in der „Elefantenrunde“ 2005, München, GRIN Verlag GmbH
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