1. Einleitung
Das Wirtschafts- und das Erziehungssystem beobachten sich gegenseitig - aber aus einem zwiespältigen Blickwinkel. Während die Wirtschaftswelt als kalt, mächtig und sehr konsistent erscheint, dringt für den Betrachter des Erziehungssystems nur eine Fassade geprägt von Nestwärme und Instabilität nach außen. Das Spannungsverhältnis zwischen den beiden Systemen ist immer nur ein Spiegelbild der Verhältnisse, die momentan im Land vorherrschen. Sind diese gut, nimmt die Spannung zwischen Wirtschaft und Bildung ab, ist aber Konfliktpotential oder Ressourcenknappheit gegeben, betrachten sich beide misstrauisch. Aber eine Querele zwischen den beiden Systemen ist immer gegeben: Die Arbeitgeber mokieren sich über die unqualifizierte Ausbildung der Schulabsolventen und die Schulen bemängeln wiederum die finanzielle Unterstützung der Bildungseinrichtungen. Schulen und Firmen scheinen in verschiedenen Sphären zu operieren - so viel kann der Außenstehende aus den systemexternen Reaktionen der zwei Systeme schließen. Aber ist dies wirklich so? Liegt die Ursache dafür nicht im systeminternen Denken?
Ebenjenes erschwert es dem Erziehungssystem und der Wirtschaft einen Kontakt ohne Kontroversen und mit sinnvoller Zusammenarbeit zu finden. Es ist zu konstatieren, dass beide Systeme sich weitgehend darüber im Unklaren sind, wie viele Aufgaben und Möglichkeiten sie gemeinsam haben. Das Schlagwort ist und bleibt „Lernen“, sowohl für die Wirtschaft, als auch für das Erziehungssystem, denn wer auf dem heutigen unsicheren Arbeitsmarkt seinen Job behalten will, hört nie auf damit. Eine weitere Vermutung meinerseits lautet, dass eine zu große Fixierung des Erziehungssystems auf die Politik vorliegt. Deshalb werde ich statt dieser Beziehung die Korrelation mit der Wirtschaft in meiner Hausarbeit untersuchen. Niklas Luhmanns „Systemtheorie“ bietet sich für eine Analyse dieses Zusammenhangs an, da die Erklärung von gesellschaftlichen (System-)Funktionen und deren gegenseitige Beeinflussung eine der Stärken der Systemtheorie sind. Zudem hat Luhmann selbst schon früh auf die Bedeutung der Beziehung zwischen Erziehung und Wirtschaft hingewiesen: „Ihre wohl wichtigsten Ziele sucht die Erziehung im Verhältnis zum Wirtschaftssystem“ 1 .
Zunächst werde ich systemtheoretische Grundlagen des Erziehungssystems (2.1) erörtern, bevor ich dann das gesamte Erziehungssystem aus Luhmanns Sicht darstellen werde (2.2-2.6). Das Wirtschaftssystem werde ich aus Gründen des Umfangs weniger ausführlich darstellen (3.1, 3.2). Zum besseren Verständnis werde ich erst die Selektionsprobleme im
1 Niklas, Luhmann. Schriften zur Pädagogik, S.214.
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Erziehungssystem allein beschreiben (4.1), um dann zum eigentlichen Fokus der Arbeit zu kommen - der Selektion als Schnittstelle zwischen Erziehung und Wirtschaft. In Bezug auf dies, werde ich mir die Frage stellen, ob Selektion die eigentliche Funktion der Erziehung ist (4.2, 4.3).
2. Das Erziehungssystem
2.1 Systemtheoretische Grundlagen des Erziehungssystems
Die Systemtheorie hat nach Luhmann hat einige gesellschaftstheoretische Grundannahmen, die hier in aller Kürze dargestellt werden sollen:
1. Der Mensch erlebt die Welt als komplex, weshalb er nach zumindest minimaler Ordnung strebt, welche er wiederum durch soziale Systeme erreichen kann. Solche Systeme erfassen, verarbeiten und reduzieren die Komplexität der Welt für den Menschen 2 .
2. Auch die Gesellschaft an sich ist ein solch soziales System, welches sich vor allem dadurch auszeichnet, dass es operativ geschlossen ist. Es reproduziert sich ausschließlich durch seine eigenen Operationen und wird auf diesem Wege von der Umwelt abgrenzt. Solche Systeme nennt man autopoietisch (Selbstreferenz entspricht) 3 .
3. Autopoietische Systeme unterscheiden ständig zwischen System und Umwelt, zwischen eigen und fremd. Deshalb wird auch das „stets mitlaufende Undefinierte“also die Systemumwelt - als Fremdreferenz bezeichnet 4 .
4. Diese Operationen, die durch Systembildung letztlich soziale Ordnung konstituieren, sind nur durch Kommunikation möglich 5 .
5. Die primären Subsysteme - wie das Erziehungssystem - dieses „universellen“ Systems Gesellschaft werden nach den jeweiligen spezifischen Funktionen hin ausgebildet 6 . 6. Allen psychischen und sozialen Systemen liegt das Medium „Sinn“ zugrunde; psychische Systeme operieren mit „Gedanken“, soziale Systeme mit „Kommunikationen“ 7 .
2 Münch, Richard. Soziologische Theorie. Bd 3:Gesellschaftstheorie, S.181-183.
3 Vgl. Luhmann, Niklas. Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S.13.
4 Vgl. Münch, Richard. Soziologische Theorie. Bd 3:Gesellschaftstheorie, S.200.
5 Vgl. Luhmann, Niklas. 1981.Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation. In: Soziologische Aufklärung.
Bd. 3. Opladen. S.15-17.
6 Vgl. Luhmann, Niklas. Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S.13ff.
7 Münch, Richard. Soziologische Theorie. Bd 3:Gesellschaftstheorie, S.187.
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Nachdem erste Fundamente der Luhmannschen Systemtheorie vorgestellt wurden, soll nun der Blickwinkel auf das Erziehungssystem spezifiziert werden. Das Erziehungssystem ist ein ausdifferenziertes Funktionssystem der Gesellschaft, welches nach den binären Code „besser/schlechter“ arbeitet, der relativ zu den Chancen des Lebenslaufes der inkludierten Person gesehen werden muss. Der Code des Erziehungssystems hat sowohl einen positiven Wert, „besser“, als auch einen Negativen, „schlechter“. Der positive Wert ist für die Anschlussfähigkeit und somit für die Reproduktion des Systems zuständig, wohingegen der Negativwert der Reflexion einer bestimmten Kommunikation dient, damit das System „weiß“, was zur Umwelt gehört und was nicht 8 .
Solche Codes sind wichtige Erkennungsmerkmale von autopoetischen Systemen, da die Codes nicht im luftleeren Raum operieren, sondern ein Ausdruck der Spezialisierung der Funktionen eines Systems sind 9 . Das Erziehungssystem als ein autopoetisches System zeichnet sich vor allem durch seine operative Geschlossenheit aus, d.h. das System erfasst Umweltirritationen, verarbeitet diese und inkorporiert sie im Anschluss in systemeigene Ressourcen. Das wiederum führt zu einer klaren Unterscheidung von System und Umwelt und somit zur Autonomie des Systems 10 .
Die Gesellschaft musste zunächst, um das Erziehungssystem als ein solches autopoetisches Funktionssystem anzusehen, mit der „Vorherrschaft der Familien in Fragen der Erziehung“ 11 brechen und das Erziehungssystem von der „Welt der Erwachsenen unterschieden“ 12 werden. Solch eine Ausdifferenzierung im systemtheoretischen Sinn meint, dass sich ein System nur reproduzieren kann, wenn es sich von seiner Umwelt unterscheidet und damit eine Umwelt erst entstehen lässt, was als „Beobachtung erster Ordnung“ bezeichnet wird. In diesem Moment der Beobachtung kann das System aber sich selbst nicht sehen, was zu einem „blindem Fleck“ 13 führt. Dieser „Blindheit“ kann durch eine Beobachtung zweiter Ordnung, einem so genannten „’re-entry’ im Sinne von Spencer Brown“ 14 begegnet werden, indem man als Beobachter einen unterscheidbaren anderen Beobachter beobachtet.
2.2 Sozialisation und Erziehung
Nach Klärung der systemtheoretischen Zusammenhänge der Systemgenese, soll es nun um die speziellen Eigenschaften des Erziehungssystems gehen.
8 Vgl. Künzli, Benjamin. Soziologische Aufklärung der Erziehungswissenschaften, S.63.
9 Vgl. Künzli, Benjamin. Soziologische Aufklärung der Erziehungswissenschaften, S.63.
10 Vgl. Münch, Richard.2004. Soziologische Theorie.Band 3: Gesellschaftstheorie, S.207ff.
11 Luhmann, Niklas. Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S.111.
12 Luhmann, Niklas. Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S.111.
13 Münch, Richard. Soziologische Theorie.Band 3: Gesellschaftstheorie, S.201.
14 Luhmann, Niklas. Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S.113.
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Bei einer Betrachtung des Erziehungssystems stößt man zuallererst auf die Frage, was ist „Erziehung“ an sich eigentlich? Es handelt sich für Luhmann um „eine intentionale Tätigkeit, die sich darum bemüht, Fähigkeiten von Menschen zu entwickeln und in ihrer sozialen Anschlussfähigkeit zu fördern“ 15 . Die Betonung der absichtlichen Handlung schafft einen deutlichen Unterschied zu der „ohnehin und unvermeidliche[n] Sozialisation“ 16 . Luhmann trennt also beide Begriffe strikt voneinander, indem er auf der einen Seite Erziehung als einen gesellschaftlichen Prozess, der durch Kommunikation vonstatten geht und andererseits die Sozialisation als einen durch Handlung und Nachahmung vorangetriebenen Prozess psychischer Systeme sieht 17 . Mit anderen Worten, Sozialisation findet bei psychischen Systemen, also Personen statt und Erziehung in sozialen Systemen. Erziehung ergänzt sozusagen die Sozialisation, sie erweitert die Handlungs- und Kommunikationsfähigkeit der Akteure.
2.3 Medium und Form
Aus diesem Zusammenhang ergibt sich unmittelbar die Funktion des Erziehungssystems. Erziehung soll Personen nämlich dazu befähigen, auch in „nichtstandardisierten Situationen“ 18 Kommunikation fortsetzen und so die Anschlussfähigkeit eines Systems aufrechtzuerhalten zu können.
Wie aber können sich Personen Dinge, die noch nicht passiert sind, vorstellen? Wie kann zum Beispiel ein Bildhauer in einen Marmorblock eine Skulptur sehen? Diesen Fragen der „Zukunftsungewissheit“ 19 will Luhmann mit den Begriffen „Medium“ und „Form“ begegnen. Das Medium des Erziehungssystems ist für ihn „Lebenslauf“, wobei jeder individuelle Lebenslauf eine Form im Medium Lebenslauf darstellt, je nach den persönlichen Erfahrungen, nach den Ereignissen, die einem mehr oder weniger zufällig, auf jeden Fall aber unvorhersagbar widerfahren. Deshalb können Lebensläufe auch immer nur erklärt bzw. beschrieben, nie prognostiziert werden. Die Personen sind jetzt aber nicht wahllosen Ereignissen hilflos ausgeliefert, denn sie können sich durch Erziehung „Wissen“ aneignen. Wissen ist im Erziehungssystem immer individuell und „eine Form, die den Lebenslauf Chancen gibt oder auch, wenn sie fehlt, Chancen verbaut“ 20 . Man kann mit Wissen den
15 Luhmann, Niklas. Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 15.
16 Luhmann, Niklas. Soziologische Aufklärung Bd. 4, S.178.
17 Vgl. Luhmann, Niklas. Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 52 f.
18 Luhmann, Niklas. Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S.81.
19 Luhmann, Niklas. Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S.96.
20 Luhmann, Niklas. Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S.98.
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Arbeit zitieren:
Raphael Heiberger, 2006, Die Koppelung von Erziehung und Wirtschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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