Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Bankenstruktur in Deutschland 4
3. Die Aufgabe der Privatbanken. 6
4. Der Finanzmarkt-Kapitalismus 7
5. Deutsche Privatbanken aus der Sicht des AGIL-Schemas von Talcott Parson. 11
5.1 Die Grundlagen der funktionalistischen Theorie. 11
5.2 Das AGIL-Schema 15
5.3 Das System "Bank" und seine vier Funktionen 19
6. Empirische Überprüfung. 25
6.1 Ausführung der Hypothese. 25
6.2. Überprüfung der These anhand der Deutschen Bank und der Commerzbank. 26
7. Fazit 32
Literaturverzeichnis. 34
Literatur 34
Zeitschriften 35
Dokumente im Internet. 35
Internetquellen 36
2
1. Einleitung
Das ökonomische System der Bundesrepublik Deutschland ist lange Zeit als ein partikulares Wirtschaftssystem angesehen worden und erhielt folglich auch eigene Bezeichnungen wie „rheinischer Kapitalismus“ 1 . Dieses System einer im Inneren eng vernetzten und nach außen relativ geschlossenen Wirtschaft befindet sich wie alle sozialen Phänomene in einem ständigen Wandel. Doch durch die Internationalisierung der Finanzmärkte hat dieser Prozess enorm an Fahrt gewonnen, was die institutionellen Arrangements der ehemaligen „Deutschland AG“ in Turbulenzen bringt. Vor allem die Bedeutung der Privatbanken als ehemals strategisch zentraler Akteur hat sich reduziert und die entscheidende Rolle der drei großen Privatbanken für die heimischen Unternehmen nimmt durch die Internationalisierung mehr und mehr ab. 2 Wie orientieren sich also die drei großen deutschen Privatbanken in der "Deutschland AG a.D." 3 ?
Um diese Kernfrage soll sich meine Hauptseminararbeit drehen, wozu folgende These formuliert wird: "Je mehr eine Bank auf dem internationalen Parkett tätig ist, desto bedeutsamer ist das Investment Banking und desto unbedeutender ist das Kundengeschäft". Die These impliziert eine tendenzielle Spezialisierung der Privatbanken unter dem Einfluss der Internationalisierung, was eine Abkehr vom institutionalisierten Prinzip der Universalbank bedeuten würde. Zur Untersuchung dieses Zusammenhangs wird zunächst ein allgemeiner Überblick über die Bankenstruktur in Deutschland gegeben, bevor ihre Aufgaben mit Hilfe der luhmannschen Systemtheorie näher beleuchtet werden. Mit ebenjener Theorie soll dann auch die Frage, was genau die Internationalisierung der Finanzmärkte ausmacht, beantwortet werden. Der eigentliche theoretische Fokus soll aber auf einer anderen Systemtheorie liegen - dem AGIL-Schema von Talcott Parson. Nach einer Hinführung mittels der Grundbegriffe des Funktionalismus und der Darstellung des Schemas versuche ich im eigentlichen Hauptteil der Arbeit, ein vergleichbares und interpretierbares Muster von Banken zu verfassen. Dieses erarbeitete Schema ist als Idealtyp zu verstehen, weswegen die empirischen Beobachtungen und deren funktionale Einteilung in dem darauffolgenden
1 Streeck, Wolfgang; Höpner, Martin (2003): Einleitung: Alle Macht dem Markt? In: Streeck, Wolfgang;
Höpner, Martin Alle Macht dem Markt? Fallstudien zur Abwicklung der Deutschland AG. Frankfurt/New
York:Campus Verlag, S.13. Im Folgenden abgekürzt durch Sigle: Streeck, Höpner: AMdM.
2 Vgl. Bayer, Jürgen (2003): Deutschland AG a.D.: Deutsche Bank, Allianz und das Verflechtungszentrum des
deutschen Kapitalismus. In: Streeck, Höpner: AmdM, S. 125ff
3 Ebd., S.118
3
Kapitel bloße Annäherungen an die Wirklichkeit sind - etwas anderes lässt die Veränderlichkeit, Unschärfe und Komplexität des Gegenstandsbereichs der Soziologie auch gar nicht zu.
Die drei wichtigsten deutschen Privatbanken sind Deutsche Bank, Commerzbank und Dresdner Bank. In meiner Analyse werde ich nur die ersten beiden berücksichtigen, da die Dresdner Bank ein hundertprozentiges Tochterunternehmen der Allianz SE ist und somit die Entscheidungsfindungen der Bank nicht unabhängig erfolgen. Darüber hinaus soll aus zwei Gründen nur der (Quasi-)Jetzt-Zustand in Form öffentlich zugänglicher Daten aus dem Jahr 2006 betrachtet werden: Zum einen wegen des zur Verfügung stehenden Umfangs und Ressourcen dieser Arbeit, zum anderen wegen den weitreichenden Implikationen, die eine zeitextensive Analyse mit sich bringen würde, wie zum Beispiel die Sicherstellung der Kommensurabilität der Daten.
Es soll also in dieser Arbeit versucht werden eine allgemeine soziologische Theorie als Vergleichsmaßstab zur Bestätigung oder Widerlegung obiger These zu verwenden, um so einen möglichen Bruch in dem konsensuellen System der deutschen Banken erkennen zu können.
2. Die Bankenstruktur in Deutschland
Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs orientierten sich die Banken in Deutschland wie die restlichen Akteure der deutschen Wirtschaft an dem Leitbild der "sozialen Marktwirtschaft". In dieser besonderen Prägung des Kapitalismus nahmen sie eine zentrale Rolle ein, waren aber zugleich auch bestimmten (Umwelt-)Bedingungen jenes „organisierten Kapitalismus“ 4 unterworfen. 5
Solche entscheidenden Voraussetzungen waren für die Banken eine stabile monetäre Umwelt, die vornehmlich durch die kontinuierliche Arbeit der Bundesbank erzeugt und erhalten wurde, sowie ein durch die Politik gesetzter Rahmen, innerhalb dessen sich die Banken miteinander im Wettbewerb befanden. 6 Der Wettbewerb unterlag dabei weitgehend der Selbstregulierung der Banken, welche ihnen wiederum - zusätzlich zu ihrer zentralen Stellung in der Wirtschaft
4 Streeck, Wolfgang; Höpner, Martin (2003): Einleitung: Alle Macht dem Markt? In: Streeck, Höpner: AmdM,
S.16
5 Vgl. Streeck, Wolfgang (1999): Korporatismus in Deutschland. Zwischen Nationalstaat und Europäischer
Union.
Frankfurt/New York:Campus, S.15-17
6 Vgl. Story, Jonathan. Walter, Ingo (1997): Political economy of financial integration in Europe. Manchester:
Manchester University Press, S.162f.
4
- großen Einfluss einräumte. Diese Vormachtsstellung der ansässigen Banken führte zu einer fast kompletten Schließung des deutschen Markts gegenüber ausländischen Wettbewerbern. Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg führten die ökonomischen Mangelerfahrungen großer Teile der Gesellschaft zu einer Präferierung von langfristigen Investitionen gegenüber kurzfristigem Konsum. Jene Akzentuierung von Stabilität und Dauerhaftigkeit zeigte sich im weiteren Verlauf auch anhand der Interdependenz zwischen Banken und Unternehmen: Die für Deutschland charakteristische "Hausbank" entsteht, was bedeutet, dass das Kapital von Unternehmen fast ausschließlich von den Banken zur Verfügung gestellt wird. Die Möglichkeit der Kapitalbeschaffung über den Finanzmarkt wird hingegen kaum genutzt. 7 Anhand der Kreditnehmer lassen sich denn auch zwei Gruppen von Banken unterscheiden: Die "Universalbanken" und die "spezialisierten Banken" 8 . Zu Letzteren gehören spezifische Bankengruppen wie Hypotheken- und Postbanken, die im Folgenden vernachlässigt werden, da sie sich vornehmlich mit Spezialkrediten beschäftigen. "Universalbanken" hingegen bieten Bankgeschäfte möglichst breit gefächert an, so können sie ein Portfolio von privaten Girokonten über Kreditvergaben bis hin zu Wertpapiergeschäften offerieren. 9 Diese Universalbanken stehen in Deutschland auf einem Fundament aus drei Säulen: Privatbanken, Sparkassen und Volksbanken.
Die beiden zuletzt genannten stellen größtenteils Finanzmittel für private Akteure und kleinere Unternehmen zur Verfügung. Da sehr viele Repräsentanten der Politik in Aufsichtsräten und sonstigen Gremien von Volksbanken und Sparkassen vertreten sind und auch das Erreichen von leitenden Funktionen nur mit Hilfe der Politik möglich ist, wurden diese öffentlich-rechtlichen Institutionen oftmals benutzt, um unter ihrem Deckmantel Industriepolitik zu betreiben. 10
Im Fokus dieser Arbeit soll nun aber der Zweig der privaten Banken stehen. Wie schon in der Zeit ihrer Gründung zwischen 1870-1872 waren sie auch nach dem zweiten Weltkrieg die "Financiers" der industriellen Expansion Deutschlands. Sie pflegten enge Beziehungen zu ihren Kunden, was sich durch die vielen Sitze in Aufsichtsräten großer deutscher Unternehmen manifestierte. Die deutschen Banken setzten gemäß der "Aufholattitüde" auf
7 Vgl. Coleman, William D. (1996): Financial Services, Globalization and Domestic Policy Change. London:
Macmillan, S.123-125
8 Canals, Jordi (1994): Competitive Strategies in European Banking. Oxford: Clarendon Press, S.84
9 Vgl. Büschgen, Hans Egon (1997): Universalbankensystem versus Trennbankensystem: Vor- und Nachteile.
In: Der Bürger im Staat, Heft 1, S.17
10 Vgl. Story, Jonathan. Walter, Ingo (1997): Political economy of financial integration in Europe. Manchester:
Manchester University Press, S.166f.
5
langfristiges Unternehmenswachstum, was eine geringere Renditenschwelle für Investitionen impliziert. Von den Wertpapiermärkten wird solches Verhalten meist mit einem Kursabschlag sanktioniert, da hier kurzfristige Ziele in den Vordergrund rücken, wie später noch ausgeführt wird. Bis in die 80er Jahre wird diese korporatistische Variante praktiziert, bevor die Zeiten der Deutschland AG langsam zu Ende gehen. 11
3. Die Aufgabe der Privatbanken
Welche Funktionen erfüllten die privaten Banken im deutschen Korporatismus? Zunächst lässt sich festhalten, dass sie in erster Linie dazu dienten, Marktteilnehmer mit Zahlungsmitteln zu versorgen. Auf diesem Wege sorgten die Privatbanken für die Zahlungsfähigkeit der Unternehmen. Als Gegenleistung wurden sie mit Zahlungsversprechen entlohnt und nahmen somit das Risiko etwaiger Zahlungsunfähigkeit auf sich. Da sie die ökonomische Zukunft zwar bis zu einem gewissen Grad prognostizieren, aber nicht mit Sicherheit vorhersagen konnten, lag die Grenze der Risikozumutbarkeit proportional zu ihrer „Katastrophenschwelle“ 12 . Mit anderen Worten: Je günstiger die finanziellen Voraussetzungen einer Bank für einen Kredit oder eine Beteiligung waren, desto höher liegt diese Schwelle und desto eher wird ein Kredit gewährt.
Unter dem Aspekt der Risikobeurteilung müssen die Marktteilnehmer ihresgleichen und damit auch sich selbst beobachten - wie es Luhmann als Beobachtung der Beobachter beschreibt - um sich nach dem Verhalten der anderen richten zu können. Für die Banken hängt von dem Verhalten und Beobachtungen der Marktteilnehmer ihr eigenes Risiko ab: Es bleibt ein Geschäft des bestmöglichen Umgangs mit der Unsicherheit, mit möglichen zukünftigen Schäden. 13 Wird der Schaden auf eine Entscheidung zurückgeführt, sprechen wir vom "Risiko" derselbigen; wird der Schaden auf die Umwelt zurückgeführt, sprechen wir von "Gefahr". Die Unterscheidung von Risiko und Gefahr wird den Beobachtungsebenen erster und zweiter Ordnung gerecht, weil so nicht nur der direkte Beobachter (= erster Ordnung), sondern auch der Beobachter der Beobachter (= zweiter Ordnung) die Unsicherheit fokussieren und beobachten kann. 14 Jene Unterscheidung bildet ein hilfreiches Gedankengerüst, wenn man die Herausforderungen der deutschen Banken betrachtet: Die
11 Vgl. Streeck, Wolfgang; Höpner, Martin (2003): Einleitung: Alle Macht dem Markt? In: Streeck, Höpner:
AmdM, S.25f.
12 Luhmann, Niklas (1991): Soziologie des Risikos. Berlin: Walter de Gruyter&Co, S.11
13 Vgl. Luhmann, Niklas (1991): Soziologie des Risikos. Berlin: Walter de Gruyter&Co, S. 187-197
14 Vgl. Luhmann, Niklas (1991): Soziologie des Risikos. Berlin: Walter de Gruyter&Co, S.30f.
6
Internationalisierung des Finanzmarkts bedeutet "Gefahr" für die Banken, wodurch wiederum "Risiko" auf der Akteursebene produziert werden kann und vice versa. Die "Gefahr" der Internationalisierung der Finanzmärkte brach jedoch nicht plötzlich durch die veränderten Anforderungen in die deutsche Finanzwelt herein - dieser Akt vollzog sich langsam und schleichend. Wie sich im Folgenden die Umwelt der Banken verändert hat, soll nun im nächsten Kapitel dargestellt werden.
4. Der Finanzmarkt-Kapitalismus
Der Begriff Internationalisierung wird hier ausdrücklich nicht mit dem der "Globalisierung" gleichgesetzt, da Letzterer sich nicht auf die beiden "Variablen" der Internationalisierung der Güter- und Finanzmärkte beschränken lässt, sondern noch eine Pluralität von weiteren Faktoren mit sich bringt. So spielen zum Beispiel auch neue Kommunikationsmittel, eine wiedererlangte Vielsprachigkeit oder eine Internationalisierung fast aller gesellschaftlichen Bereiche eine ähnlich relevante Rolle. Aus dieser Masse an möglichen Einflussfaktoren soll hier die Internationalisierung des Finanzmarkts herausgegriffen und näher betrachtet werden. Seit den 70er Jahren und insbesondere seit dem Zusammenbruch des internationalen Währungssystems von Bretton Woods im Jahr 1973 gibt es einen immer stärker werdenden Wettbewerb im internationalen Kreditgeschäft. In dieselbe Zeit fallen zudem erste Konkurse internationaler Institute und damit verbundene Anstrengungen der Politik zur internationalen Harmonisierung von Regeln für Bank. 15 Gleichzeitig gab es eine zunehmende Zahl an Finanzinstrumenten, wie zum Beispiel Derivate und einen sprunghaften Anstieg der Kommunikationstechnik. Zusammen bildeten diese Faktoren die Grundlage für die Überwindung der nationalen Grenzen durch das Kapital. Erst das Ende des Kalten Krieges mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 brachte aber ein wirklich neues internationales Wirtschaftssystem hervor, in dem vorher exkludierte Märkte in den Weltmarkt inkludiert wurden. Seitdem wurden gigantische Summen - allein mit Währungskäufen und -verkäufen wurde in den späten 90ern ein Volumen von $1,5 Billionen Dollar am Tag erreichtumgesetzt. 16 Diese monetäre „skyrocket“ verwandelte das internationale Finanzsystem völlig. Die nationalstaatlichen Hürden für Finanzinvestments galten nicht länger. Das ehemals „geduldige Kapital“ der Banken und Kleinanleger wurde zum kurzlebigen
15 Lütz, Susanne (2002): Der Staat und die Globalisierung von Finanzmärkten. Frankfurt: Campus, S.282f.
16 Vgl. Gilpin, Robert (2001): Global Political Economy. Understanding the International Economic Order.
Princeton, New Jersey: Princeton University Press, S.5-13
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Arbeit zitieren:
Raphael Heiberger, 2008, Deutsche Privatbanken und die Internationalisierung der Finanzmärkte, München, GRIN Verlag GmbH
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