„Die Unfähigkeit zu Trauern“ ist eine bedeutende Abhandlung der Mitscherlichs über die Verhaltensweisen der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, die sie aus sozialpsychologischer Sicht zu erklären versuchen. Damit greifen sie die nach dem Nationalsozialismus auffällige eigene kollektive Art der Vergangenheitsbewältigung der deutschen Bevölkerung auf. Ich möchte mich hierbei auf die ersten Seiten des Buches (Seite 1 bis 36) konzentrieren, welche in einem Vorwort, einer Vorbemerkung und aus zwei Anfangskapiteln gliedern. Da mir beim Lesen aufgefallen ist, dass sich die Mitscherlichs neben sozialpsychologischen Auffälligkeiten der Deutschen im Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit auch auf zeithistorische, politische und gesellschaftliche Besonderheiten beziehen und diese auch aufeinander beziehen, habe ich meinen Schwerpunkt besonders auf diesen Zusammenhang gelegt und die Fragestellung „Besteht ein Zusammenhang zwischen den apolitischen Verhaltensweisen und der Abwehr von Trauerreaktionen der Deutschen nach dem Nationalsozialismus?“ formuliert. Von den Mitscherlichs übernehme ich die These, dass ein Zusammenhang besteht und sie deshalb das Ziel verfolgen, mit ihrem Werk „einigen Grundlagen der Politik mit Hilfe psychologischer Interpretation näherzukommen, der Interpretation dessen, was Poltik macht, nämlich menschlichen Verhaltens in großer Zahl“ (Mitscherlich 1967: 7).
Nach der Niederlage des Dritten Reiches blieb der deutschen Bevölkerung nicht viel erhalten - nicht nur materiell, sondern vor allem von ihrem eigenen Selbstverständnis und kollektiver Identität als Deutsche. Mit dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus brach auch ihr Ich-Ideal zusammen, da sie eine narzisstische Objektbeziehung zu Hitler aufgebaut haben. Diese psychischen Prozesse untersuchen die Mitscherlichs nicht anhand individueller Fälle von Tätern oder Mitläufern, sondern in großen Gruppen. Somit werden keine einzelnen Täter hervorgehoben, sondern es wird von den „Deutschen“ gesprochen. Dies wirkt anfangs sehr pauschalisierend, sogar biologisierend. Doch beim weiteren Lesen wird deutlich, dass die Autoren diese Absicht nicht verfolgen. Abgesehen von den Deutschen, die im Dritten Reich verfolgt wurden, verbindet die deutsche Bevölkerung ihre Geschichte, dass, was sie im Nationalsozialismus erfahren haben, unabhängig davon, inwieweit sie selbst aktiv an den Verbrechen beteiligt oder „nur“ Mitläufer waren. Ebenfalls erleben sie nach 1945 als deutsche Nation (zumindest in der BRD im damaligen Westdeutschland) erstmals Demokratie und all die Freiheiten, die sie mit einschließt. Dies ist der Ausgangspunkt, der deutlich macht, weshalb die Autoren von den „Deutschen“ sprechen, um demnach die kollektiven psychischen Prozesse zu untersuchen und sie in Verbindung zu dem gemeinsamen politischen
2
und gesellschaftlichen Erleben zu bringen. Sie sind sich bewusst, dass „ihre Versuche der Verallgemeinerung […] von Reaktionen, die bei Personen sonst sehr unterschiedlichen Charakters dennoch übereinstimmend verlaufen, zunächst auf Hypothesen
beruhen“ (Mitscherlich 1967: 19). Ihre These ist, dass die Deutschen keine Trauerreaktionen zulassen, da sie das Erlebte verdrängen, beschönigen oder ganz verleugnen. Dabei geht es ihnen nicht nur um die Trauer um die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen, sondern vor allem erörtern sie die Unfähigkeit zu Trauern um „ihren“ Führer Adolf Hitler. Es fand keine psychische Verarbeitung der eigenen Vergangenheit und der eigenen Handlungen statt. Die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen erfolgte durch Verdrängung oder Verleugnung. Somit gestehen sie sich auch aus Angst und aus Scham keine Schuld ein. Die Schuld war für sie unerträglich und damit entstand eine Verjährung ohne Trauerarbeit bis die Personen, die den Nationalsozialismus miterlebt haben, aussterben. Allerdings gibt diese Generation den nachfolgenden Generationen ihre unverarbeiteten Erlebnisse in beschönigter oder veränderter Form weiter. Darin sehen die Mitscherlichs auch die Gefährlichkeit der intergenerationalen Weitergabe von den Geschehnissen und Halbwahrheiten. Um dies zu verhindern müssen die älteren Generationen allerdings ihre eigene Vergangenheit durcharbeiten und verarbeiten ohne in Schuldangst zu verfallen, die in einer Selbstzerstörung endet. Die Folgen dieser Zeit sollten in realistischer Weise anerkannt werden und nicht in illusionären Vorstellungen und Ansprüchen münden. Den Autoren zufolge ist dies aber nie erfolgt, da Abwehrreaktionen gegen eine emotionale Verarbeitung stattfanden (Vgl. Mitscherlich 1967: 16). Man wollte die deutsche Niederlage nicht wahrhaben, da man noch in dem Glauben war, einer „überlegenen Rasse“ anzugehören. Die nationalsozialistische Ideologie führte zu einer Ich-Aufwertung der Deutschen. Sie fühlten sich nicht nur überlegen und unbesiegbar, sondern hatten ebenfalls das Gefühl, dass ihre Taten, also auch ihre Verbrechen, gerechtfertigt seien und sie kein schlechtes Gefühl zu haben brauchen, da sie gehorsam das taten, was man von ihnen verlangte. Hitler fungierte somit als ihr Gewissen. Als die NS-Ideologie zusammenbrach und man erkennen musste, welche Verbrechen sie getan haben, wollten sie es nicht wahrhaben und zeigten Abwehrreaktionen. Diese Abwehrmechanismen haben desweiteren eine Reaktionsträgheit zur Folge. Auch die Auseinandersetzung mit gegenwärtige Probleme wird abgewehrt. Die Mitscherlichs merken an, dass diese Reaktionsträgheit sich deshalb in unserem gesamten politischen und sozialen Organismus bemerkbar macht (Vgl. Mitscherlich 1967: 17). Hier möchte ich meine anfangs erwähnte These bzw. Fragestellung anknüpfen und den Zusammenhang zwischen den psychischen Prozessen und dem politischen Desinteresse der Deutschen mit Hilfe der Thesen
3
Arbeit zitieren:
Carolin Strohm, 2009, Besteht ein Zusammenhang zwischen den apolitischen Verhaltensweisen und der Abwehr von Trauerreaktionen der Deutschen nach dem Nationalsozialismus?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Carolin Strohm hat den Text Besteht ein Zusammenhang zwischen den apolitischen Verhaltensweisen und der Abwehr von Trauerreaktionen der Deutschen nach dem Nationalsozialismus? veröffentlicht
Carolin Strohm hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare