Auf den Seiten 36 bis 57 in der „Unfähigkeit zu Trauern“ veranschaulichen die Mitscherlichs die Abwehr der psychischen Trauerarbeit der Deutschen nach 1945 anhand drei klinischen Fallbeispielen aus der Praxis. Wie bereits in meinem ersten Essay erwähnt, waren und sind die Deutschen nicht in der Lage um den Verlust ihrer eigenen, in der NS-Zeit erlebten Überlegenheit, noch um „ihren“ Führer zu trauern. Trauer ist aber notwendig um den Verlust eines verlorengegangenen Objektes, zu dem eine libidinöse oder narzisstische Beziehung bestand, zu verarbeiten. Die Mitscherlichs führen hierbei einen neuen Begriff ein, indem sie von der „erfolgreiche[n] Abwehr einer Melancholie der Massen“ sprechen (Mitscherlich 1967: 36).
An dieser Stelle möchte ich an meinen ersten Essay anknüpfen, worin ich mich mit den Mitscherlichen Thesen der Abwehr der Trauerreaktionen der Deutschen und dessen sozialpsycholgischen Folgen für das Individuum selbst, aber auch auf den gesellschaftlichen und politischen Schaffungsprozess nach der NS-Zeit auseinandergesetzt habe. Nun möchte ich den Fragen nachgehen, warum die Mitscherlichs die These von der Abwehr einer Melancholie hier in den Mittelpunkt rücken und wie sich diese Abwehr im Verhalten der Deutschen nach 1945 äußert. Außerdem werde ich die Rolle der Melancholie in dem ausgebliebenen Trauerprozess und in der besonderen Bindung der Deutschen zu Hitler und den Idealen des Nationalsozialismus mit Hilfe der Theorien zur Trauerarbeit von Freud, sowie den klinischen Fallbeispielen der Mitscherlichs, ausarbeiten. Es soll nicht nur der Zusammenhang zwischen der Trauer und der Melancholie erläutert werden, sondern ebenfalls, in welcher Beziehung das narzisstische Selbst - in diesem Fall das Ich-Ideal der Deutschen im Dritten Reich - zur Melancholie steht.
Bevor ich eine These formuliere, werde ich zunächst klären, was man unter den Begriffen Trauer und Melancholie versteht. Dazu stütze ich mich auf die Abhandlung „Trauer und Melancholie“ (1917) von Sigmund Freud. Auf den ersten Blick äußeren sich die beiden emotionalen Verstimmungen gleich: das Interesse, die Motivation und die Liebesfähigkeit gehen verloren; ein Gefühl des Schmerzes; Lustlosigkeit (Vgl. Freud 1992: 174). „Die Melancholie entlehnt […] einen Teil ihrer Charaktere der Trauer“ (Freud 1992: 180 f.), allerdings ist das Hauptsymptom einer Melancholie im Gegensatz zur Trauer ein erniedrigtes Selbstwertgefühl, das heißt, das Ich-Gefühl wird herabgesetzt. Die Störung des Selbstgefühls ist bei der Trauer nicht zu finden. Das liegt daran, dass der Melancholiker um den Verlust des eigenen Ich-Ideals und deshalb in erster Linie um sich selbst trauert. Dies geschieht meist nach dem Verlust eines geliebten Objektes, welches der Trauernde nicht nur libidinös,
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sondern vor allem narzisstisch besetzt hat. Das Objekt muss keine Person, sondern kann auch eine Idee sein. Es muss auch nicht gestorben sein, denn der melancholische Gefühlszustand stellt sich schon ein, wenn die narzisstisch besetzte Person als Liebesobjekt verschwunden ist. Wenn das Objekt eine Idee ist, überkommt ihm die Melancholie, wenn die Idee aufhört zu existieren. Oft weiß der Melancholiker allerdings gar nicht, was er genau verloren hat, was ihm umso schwerer macht, seine Trauer gezielt auf das Verlorene zu richten. Meist erhebt er Selbstvorwürfe, die in Wirklichkeit Vorwürfe gegen das verlorene Liebesobjekt sind. Der Trieb, alles Lebende am Leben festzuhalten, wird schwächer bis hin zur Selbsterniedrigung. Es wird deutlich, dass der Objektverlust zugleich einen Ich-Verlust des Melancholikers bedeutet. Freud weist dabei auf ein Teil des Ichs hin, welches den anderen Teil kritisch bewertet und jenes zum Objekt nimmt (Vgl. Freud 1992: 175-178). Er spricht hier von einer „vom Ich abgespaltene[n] kritische[n] Instanz“, die selbstständig agieren kann (Freud 1992: 177). Ausgangspunkt einer Melancholie ist die Kränkung oder Enttäuschung seitens des Libidoobjektes. Freud beschreibt diese Kränkung der Objektbeziehung als Misserfolg, wenn die Libido, die nun von dem einstigen Liebesobjekt abgezogen wird, nicht auf ein neues verschoben, sondern in das eigene Ich zurückgezogen wird. Somit identifiziert sich das Ich mit dem Objekt, überträgt dessen schlechte Seiten auf sich und beurteilt sich selbst dementsprechend. (Vgl. Freud 1992:179). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Trauer aus dem Verlust eines libidinös besetzten Objektes resultiert, während die Melancholie die Folge des Verlustes eines libidinös-narzisstisch besetzten Objektes ist. Was es heißt, wenn ein Objekt narzisstisch geliebt wird und wo der Narzissmus bei den Deutschen nach 1945 eine Rolle spielt, werde ich später näher erläutern.
Nachdem ich näher auf die Begriffe Trauer und Melancholie eingegangen bin, werde ich nun Freuds Abhandlung an den Thesen der Mitscherlichs anwenden bzw. diese miteinander verbinden, um zu klären, warum die Mitscherlichs in der „Unfähigkeit zu trauern“ von einer „Abwehr der Melancholie“ (Mitscherlich 1967: 36) sprechen. Wie bereits in meinem ersten Essay erwähnt, waren die Nachkriegsdeutschen von einer gewissen Indolenz, Reaktionsträgheit, Anteilnahmslosigkeit und einer emotionalen Abstumpfung gekennzeichnet. Meine These übernehme ich demnach von den Mitscherlichs: „mit dieser Abwendung der inneren Anteilnahme für das eigene Verhalten im Dritten Reich wurde ein […] kaum zu bewältigender Verlust des Selbstwertes und damit der Ausbruch einer Melancholie vermieden“ (Mitscherlich 1967: 38).
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Die Mitscherlichs übernehmen in ihrem „Paradigma einer Psychohistorie“ (Mitscherlich 1967: 5) Freuds These, dass die „krankhafte Steigerung der Trauer die Melancholie [ist]“ (Mitscherlich 1967: 37). Bevor ich näher darauf eingehe warum nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs alle Voraussetzungen für eine Melancholie gegeben waren, aber die Mitscherlichs trotzdem keine Anzeichen für melancholische Symptome ausmachten, möchte ich zunächst darstellen, wie sich der politische Alltag im Verhalten und psychisch in den Nachkriegsdeutschen widerspiegelt. Dazu werde ich kurz die klinischen Fallbeispiele der Mitscherlichs von Deutschen, die den Nationalsozialismus erlebt haben, widergeben.
Die erste Person, die die Mitscherlichs vorstellen und nur kurz R. nennen, sah sich selbst nie als Nazi. Er lebte in einer gut bürgerlichen Familie und war in der Hitlerjugend aktiv. In seiner späteren Behandlung erinnerte er sich, wie er von verseuchtem Wasser krank wurde und sich deshalb kaum noch an die letzten Kriegswochen erinnern konnte. Wie sich erst einige Zeit später herausstellte, war es eine normale diarrhoische Erkrankung. Allerdings tauchten bei R. Erinnerungen aus dieser Zeit auf, in denen er trotz gutbürgerlicher Erziehung Dänen drohte, die antinationalsozialistische Äußerungen gegen die deutschen Besatzer richteten. Eine andere vergessene Erinnerung beinhaltete eine, unter anderem von ihm durchgeführte Requirierung einer Wohnung einer jüdischen Familie, die er nicht kannte und von denen er nicht wusste, was mit ihnen passieren wird. Es zeigt sich, wie sehr R. dem Kollektivglauben des Nationalsozialismus anhing, ohne es sich selbst jemals einzugestehen. Diese früher alltäglichen Situationen erlebte R. damals emotions- und einfühlungslos, weshalb die Erinnerungen daran auch sehr blaß sind. Auch das spätere Erinnern daran bleibt beziehungs- und affektlos (Vgl. Mitscherlich 1967: 46-50).
Ein weiterer Patient ist Q., der seine persönliche Verbundenheit zum Nationalsozialismus zwar nicht leugnet, seine Taten und Überzeugungen aber durch seine Berufung auf Gehorsam legitimiert. Er war bei der SS und bei der Polizei. Oft litt er an einer Darmerkrankung, die erstmals auftrat, als er sich der sexuellen Ablehnung seiner Frau bewusst wurde. Sie verhielt sich ebenfalls sehr passiv gegenüber allem was er tat und widersprach ihm nie. Auch er widersetzte sich keinen Befehlen und sieht heute noch alle damaligen Vorgänge als „rechtens“ an. Es zeigt sich eine starke Abhängigkeit von seiner Mutter, die aus gegenseitigem Erniedrigen und Befehlen besteht. So vermisst man auch bei Q. ein Schulderleben, eine Einfühlung in andere Personen, Mitgefühl und Gewissenskonflikte. (Vgl. Mitscherlich 1967: 50-55).
E. war schon während der Naziherrschaft ein relativer Gegner des Regimes und äußert immer
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Carolin Strohm, 2009, Abwehr einer Melancholie der Massen, München, GRIN Verlag GmbH
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