„Obgleich mehr als zwei Jahrzehnte inzwischen verstrichen sind, ist dennoch die Zahl derer verschwindend gering geblieben, die sich auf der Basis der generellen Schuldanerkennung in der politischen Wirklichkeit zu orientieren vermögen. Der Schock eines drohenden totalen Wertverlustes ist noch nicht abgeklungen“ (Mitscherlichs 1967: 58). Die Mitscherlichs vermissen bei den Deutschen noch Ende der 60er Jahre die notwendige Aufarbeitung der Ereignisse des Nationalsozialismus und deren Schuldanerkennung. Welche politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen dieses Fehlen in der BRD bereits zwanzig Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches erzeugte, erwähnen sie in den letzten Abschnitten ihres Werkes „Die Unfähigkeit zu trauern“. Ich möchte nun noch ein Stück weiter gehen und schauen, wie und ob die Aufarbeitung der grausamen Verbrechen heute stattfindet. Wie bereits in meinen vorherigen Essays erwähnt, ist die Trauerarbeit der Schlüssel zur erfolgreichen Vergangenheitsbewältigung. Den Mitscherlichs zufolge, wurde die allerdings von der Mehrheit der Deutschen abgewehrt und die eigenen Taten in der NS-Zeit verleugnet. Die Deutschen zogen daraus keine auf den ersten Blick erkennbaren Nachteile, im Gegenteil: sie erlebten Wohlstand und wirtschaftlichen Aufschwung und identifizierten sich mit den Siegermächten bzw. sogar mit den Opfern (Vgl. Mitscherlich 1967: 59/60). Durch Berufung auf ihre Gehorsamsbeziehung zum Führer (Vgl. Mitscherlich 1967: 62) war ein Schuldeingeständnis ihrerseits in ihren Augen weder gerechtfertigt noch nötig. Daraus ergibt sich für die Autoren die Frage, ob eine vollständige Trauerarbeit überhaupt noch eine Chance hat oder ob es zwei Jahrzehnte später, als „Die Unfähigkeit zu trauern“ erschien, bereits schon zu spät dafür ist. Ich möchte auch hier Rückschlüsse auf heute ziehen und soweit es mir möglich ist der Frage nachgehen, ob eine Trauerarbeit im Freud`schen Sinne und eine kollektive Vergangenheitsbewältigung jemals stattfand. Aufgrund immernoch existierender Realitätsverzerrungen bei einem Teil der deutschen Bevölkerung stelle ich die These auf, dass eine Trauerarbeit bis heute nicht vollständig erfolgte.
Desweiteren stellt sich für mich die Frage, warum so viele Deutsche während des NS-Regimes den Befehlen der Nationalsozialisten blind gehorschten. Auch die Mitscherlichs stellen dazu Überlegungen an, die sie mit Freuds und LeBons Thesen zur Massenpsychologie begründen. Desweiteren beziehen sie in ihren Argumentationen Freuds Instanzenmodell (Hitler wird an die Stelle des Über-Ichs gesetzt) und den Ödipuskomplex (Hitler als Vater; sowie Ausleben der ödipalen Wünsche und Verschiebung der, dem eigentlichen Vater geltenden Aggressionen) mit ein (Vgl. Mitscherlich 1967: 61-62). Ich möchte zu Beginn kurz auf die Massenpsychologie Freuds und LeBons eingehen, um den Bezug zu den Mitscherlichs
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herzustellen, die sich mit dem Problem der Gehorsamkeit der Deutschen während der NS-Zeit beschäftigen. Danach möchte ich die, von den Mitscherlichs beschriebenen, politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der fehlenden Trauerarbeit und Schuldeingeständnisse herausarbeiten und mich mit der Meinung der Autoren, bezüglich einer zukünftigen Chance einer Trauerarbeit, auseinandersetzen und versuchen, diese Frage so weit wie möglich in die heutige Zeit zu transportieren.
„Masse“ wird in der Sozialpsychologie nicht nur als eine kollektive, unüberschaubar große Anzahl an Menschen definiert, sondern es beschreibt auch einen typischen psychischen Zustand, der durch die Veränderung des Verhaltens des Einzelnen innerhalb der Masse gekennzeichnet ist. Hierin sind sich Freud und LeBon, die sich beide mit der Massenpsychologie beschäftigten, einig. Allerdings ist LeBons Bild über die Masse, welches er 1895 in seinem Buch „Psychologie der Massen“ vorstellte, durchgehend negativ geprägt. Verächtlich sieht er sie als den „Pöbel“, in der eine gesteigerte Affektivität, die Vorherrschaft von Irrationalität und die Herabsetzung der Fähigkeit zur intellektueller und moralischer Leistung des Einzelnen und somit auch des Kollektivs besonders hervortritt. Das Individuum denkt, fühlt und handelt innerhalb der Masse anders als außerhalb, da es von einer „Massenseele“ geleitet wird. Als bedrohlich an einer Masse sieht er außerdem das gesteigerte Machtgefühl des Einzelnen innerhalb der Masse und das übertragene Gesamtinteresse an das Individuum mittels einer „Gefühlsansteckung“, da dessen Beeinflussbarkeit erhöht wird. Er ist der Meinung, der Mensch fällt dadurch auf eine frühere Entwicklungsstufe zurück, die ähnlich eines Primitiven sei. Die Unterwerfung der Einzelnen in der Masse ist demnach ein Hauptmerkmal des Massenverhaltens (Vgl. Institut für Sozialforschung 1956: 71-72). Freud kritisiert LeBons Ansatz dahingehend, dass er die Masse nicht nur negativ bewertet, da für ihn auch organisierte Institutionen (z.b. Kirche) und Bewegungen die Charakteristiken einer Masse besitzen.
Schon LeBons Ende des 19. Jahrhunderts beschriebenen psychischen Verhaltensweisen des Individuums in der Masse und demnach des Kollektivs zeigen einen Ansatz zu Erklärung des widerstandslosen Befolgens der Deutschen der grausamsten Befehle während der NS-Zeit. LeBon zufolge setzt rationales, moralisches und intellektuelles Denken aus. Auch die Mitscherlichs erwähnen die Ohnmacht der Rationalität, die die Deutschen nach der Weimarer Republik erlebten und deren „Abneigung gegen rationales Denken und die Zuneigung zum irrationalen Sendungsbewußtsein“ (Mitscherlichs 1967:75), was deren Zulauf zum Hakenkreuz bestätigt. Interessant fand ich außerdem für meine Anwendung seines Ansatzes
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an dem Massenverhalten der Nationalsozialisten, dass LeBon der Ansicht ist, dass „ihre [der
Masse] fetischistische Ehrfurcht vor der Tradition […] absolut [ist]“ (Institut für Sozialforschung 1956: 72), sowie seine Betonung der Kulturfeindlichkeit der Masse (Vgl. Institut für Sozialforschung 1956: 72). Freud beleuchtet in seinem Erklärungsansatz noch eingehender die psychischen Vorgänge des Individuums und seiner Veränderung durch die Masse. Wie ich bereits in meinem vorherigen Essay erläutert habe, erfolgte die narzisstische Selbsaufwertung der Deutschen durch die libidinös-narzisstische Besetzung Hitlers und dessen Verkörperung als ihr eigenes Ich-Ideal. Auch die Bindung der Massenindividuen an den Massenführer ist für Freud der Ausdruck einer verliebten Hingabe und der Idealisierung des Führers, der an die Stelle des Über-Ichs (somit auch des Gewissens) gesetzt wird. Damit erklärt Freud die Schwächung der Fähigkeit zum selbstbestimmten Handeln und Denken und verdrängte Triebregungen abzulegen. Die Mitglieder der Masse identifizieren sich miteinander, was zu einem „Wir-Gefühl“ fühlt, welches Außenstehende ausschließt. Freud erkennt darin zwar die Minderung der Aggressionen der Massenmitglieder innerhalb der Masse, aber dafür eine höhere Bereitschaft die Aggression auf Außenstehende oder Fremdgruppen zu projizieren. Dadurch werden die eigenen Mitglieder aufgewertet und „Fremde“ abgewertet (Vgl. Institut für Sozialforschung 1956: 74-75 und Freud 1921: 9-12). Es wird deutlich, dass sich auch Freuds Massenpsychologie nachvollziehbar am Nationalsozialismus anwenden lässt und man Parallelen zu der, von den Mitscherlichs problematisierten Abwehr der Melancholie wegen einer narzisstischen ich-idealisierten Liebe zum Führer, erkennen kann. Auch die Mitscherlichs selbst greifen auf Freuds und LeBons Erklärungen des Massenphänomens zurück, um zu verstehen, was die Deutschen „über die Grenzen des Verantwortbaren hinaustrug“ (Mitscherlich 1967: 71). So beschreiben sie, wie die Nazis die aggressiven Triebe der Masse auf „Fremde“ (Juden, bisherige Autoritäten…) außerhalb der eigenen Masse lenken bzw. verschieben, damit die libidinösen Triebe voll und ganz auf die eigenen Mitglieder gerichtet werden und zu deren Idealisierung beiträgt (Vgl. Mitscherlich 1967: 61-62, 73). Freud betonte desweiteren die Gefährlichkeit einer endgültigen Auflösung oder der Zusammenbruch einer Masse, da dann auch das narzisstisch-libidinös geliebte Objekt nicht mehr in dieser idealisierten Form existiert. Dadurch würden die aggressiven Triebe, die innerhalb der Masse unterdrückt blieben, wieder freigesetzt (Freud 1921: 75). Diesen Vorgang erwähnen auch die Mitscherlichs, die die große Enttäuschung der Deutschen über den Führer, die allerdings nicht verarbeitet, sondern verleugnet wurde, beschreiben (Vgl. Mitscherlich 1967: 64). Den blinden kollektiven Gehorsam erklären die Mitscherlichs mithilfe Freuds Theorien, denn „der psychologische Mechanismus, der einen
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Carolin Strohm, 2009, Auswirkungen der fehlenden Trauerarbeit und Schuldeingeständnisse der Deutschen nach dem Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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