Inhalt
I. Hämozentrisums und mimetische Rivalität
Einleitung
A. Franz Rosenzweig
B. Ernst Jünger
Übergang
II. Martin Heidegger
Schluss
3
I. Hämozentrismus und mimetische Rivalität
Einleitung
Dem weit verbreiteten Buch Victor Klemperers 'LTI, Notizbuch eines Philologen' 1 ist ein Motto vorangestellt. Es lautet:
„Sprache ist mehr als Blut
Franz Rosenzweig“
Eine genauere Quellen- und Datumsangabe zum Spruch fehlt. Wer an der Aussage Rosenzweigs und ihrem Kontext interessiert ist, wird auf eine lange Reise geschickt. Schliesslich wird er fündig. Rosenzweig schreibt kurz vor seinem Tod im Dezember 1929am 6. Oktober - folgenden Brief an seine Mutter:
„Liebe Mutter, über N.N.'s Wort wundre ich mich. Mein Deutschtum wäre doch genau was es ist, auch wenn es kein Deutsches Reich mehr gäbe... Sprache ist doch mehr als »Blut«...“ 2
Der Brief ist nicht vollständig abgedruckt. Die Auslassungszeichen stammen von den Herausgebern. Immerhin wird klar, dass der Leitspruch von Klemperers Buch nicht in der statischen Apodiktizität von Rosenzweig geäussert wurde, in der er dann erscheint: Das Wort 'doch' wird ebenso weggelassen wie die Anführungszeichen bei »Blut«. Ausserdem erhellt der Zusammenhang, dass die Aussage auf das Deutschtum Rosenzweigs bezug nimmt; indem er deutsch schreibt - versichert sich der Jude Rosenzweig - ist die Sprache doch mehr als »Blut«.
Im Kapitel 'Zion' nimmt Klemperer bezug auf den Spruch Rosenzweigs. Er erwidert dort einem Freund mit dem er auf Tauschfuss stand, der ihm also gelegentlich Kartoffeln und winzige Fleisch- und Gemüsemengen brachte und der ihn - Klemperer - wiederholt auf sein gebliebenes Deutschtum ansprach:
„[...] aber eine Art deutscher Stamm, das könnte, rein geistig genommen, wirklich auf unsereinen zutreffen, ich meine Leute, deren Muttersprache deutsch und deren ganze Bildung deutsch ist. »Sprache ist mehr als Blut!«. Ich kann sonst wenig mit Rosenzweig anfangen, dessen Briefe mir Geheimrat Elsa gegeben hat - aber Rosenzweig gehört ins Buberkapitel, und wir halten bei Herzl.“
Worauf ihm der Tauschfreund antwortet:
„Es hat keinen Zweck, mit Ihnen zu reden, Sie kennen Herzl nicht. Sie müssen ihn kennenlernen, das gehört jetzt notwendig zu Ihrer Bildung, ich will sehen, Ihnen etwas von ihm zu verschaffen.“ 3
Das Gespräch verfolgt Klemperer tagelang. Er kramt sein geringes Wissen über Herzl und
Das Buch erschien nach dem 2. Weltkrieg und liegt bereits in der 22. Auflage vor (Stuttgart 2007). LTI steht für Lingua Tertii 1
Imperii - Sprache des Dritten Reiches.
F. Rosenzweig, Der Mensch und sein Werk. Gesammelte Schriften. Bd. I.2, S. 1237 2 V. Klemperer, LTI, S. 274 3
4
die zionistische Bewegung zusammen, erinnert sich an eine Begegnung in München, an eine Vortragsreise nach Prag, wo er, noch vor dem ersten Weltkrieg, einige Stunden mit zionistischen Studenten im Kaufhaus zusammen sass -, aber all dies nur, um sich desto sicherer zu sein:
„Aber was ging das mich, was ging das Deutschland an?“ 1
Schliesslich bringt ihm der Freund zwei Bände von Herzl, die Zionistischen Schriften und den ersten Band der Tagebücher, beide 1920 und 1922 im Jüdischen Verlag erschienen. Klemperer: „Ich habe sie mit einer Erschütterung gelesen, die an Verzweiflung grenzte“. Er notierte in sein Tagebuch:
„Herr, beschütze mich vor meinen Freunden! In diesen zwei Bänden lässt sich bei entsprechendem Willen Beweismaterial für vieles finden, was Hitler und Goebbels und Rosenberg gegen die Juden vorbringen, es bedarf dazu nicht übermässiger Geschicklichkeit im Auslegen und Verdrehen.“ 2
Die Verwirrung des Philologen steigt. Wie soll er die beobachtete „gedankliche, sittliche, sprachliche Ähnlichkeit des Messias der Juden mit dem der Deutschen“ 3 einordnen? Wohin gehört das „sprachliche Zusammenklingen der beiden“ 4 , die Reden vom Führer, die Handlung des Entrollens der nationalsozialen Fahne, die Beschwörung des Volks:
„Wieder und wieder Übereinstimmungen der beiden - gedankliche und stilistische, psychologische, spekulative, politische, und wie sehr haben sie sich gegenseitig gefördert!“ 5
Klemperer stösst in seinen Beobachtungen auf das Phänomen der mimetischen Rivalität zwischen Judentum und Deutschtum. 6
A. Franz Rosenzweig
Ich richte mein Interesse im folgenden - dem Thema entsprechend - lediglich auf das, was man Rosenzweigs 'spekulative Soziologie des jüdischen Volkes' (M. Brumlik) genannt hat. Sie findet sich im ersten Buch des dritten Teils seines Hauptwerks, dem Stern der Erlösung 7 . Die Gleichsinnigkeit des Anfangs- und Schlusssatzes des Buches weist auf die in sich geschlossene Einheit dieser Partie des Sterns hin.
Das Buch beginnt:
„Gepriesen sei, der ewiges Leben gepflanzt hat mitten unter uns. Inmitten des Sterns brennt
Ebd., S. 275 1 Ebd., S. 280 2 Ebd., S. 281 3 Ebd., S. 283 4 Ebd., S. 284 5
Er selbst sieht Herzl und Hitler als Erben einer 'verkitschten Romantik' - eine allzu schnelle und kurzschlüssige Antwort, wie er 6
selbst weiss (vgl. dazu: ebd., S. 284).
F. Rosenzweig, Der Stern der Erlösung, Ffm. 1988. S. 331-372. Erstausgabe 1921, bzw. 5681 nach jüdischer Jahreszählung. Im 7
folgenden SE; die Ausgaben sind seitenzahlidentisch.
5
das Feuer.“
So beginnt ein Hymnus. Rosenzweig hat später, nach der Niederschrift des Sterns, Gedichte und Hymnen des Jehuda Halevi in die deutsche Sprache übertragen 1 . Hier beginnt er das Buch mit dem Titel 'Das Feuer oder das ewige Leben' mit einer Lobpreisung des lebens- und feuerspendenden Gottes. Er fährt fort:
„Das Kernfeuer muss brennen ohne Unterlass. Seine Flamme muss sich ewig aus sich selber nähren. Es begehrt keiner äusseren Nahrung. Die Zeit muss machtlos an ihm vorüberrollen. Es muss seine eigene Zeit erzeugen. Es muss sich selbst ewig fortzeugen. Es muss sein Leben verewigen in der Folge der Geschlechter, deren jedes das nachkommende erzeugt, wie es selber hinwiederum von den Vorfahren zeugt. Das Bezeugen geschieht im Erzeugen.“
Von einem sich selbst nährenden und seine eigene Zeit erzeugenden Feuer wird gesprochen. Die erzeugte Zeit ihrerseits legt sich als verewigende auf die Folge der Geschlechter. Hier liegt der Keim dessen, was man (etwas unartig) die 'spekulative Soziologie' Rosenzweigs genannt hat. Doch ist der Schritt deutlich: Von der Lobpreisung des Gottes geht der Gedanke über das ewig sich fortzeugende Feuer zur erzeugt-zeugenden Zeit und weiter zum ewigen Geschlecht. Rosenzweig fährt fort:
„Es gibt nur eine Gemeinschaft, in der ein solcher Zusammenhang ewigen Lebens vom Grossvater zum Enkel geht, nur eine, die das „Wir“ ihrer Einheit nicht aussprechen kann, ohne dabei in ihrem Innern das ergänzende „sind ewig“ mitzuvernehmen. Eine Gemeinschaft des Bluts muss es sein, denn nur das Blut gibt der Hoffnung auf die Zukunft eine Gewähr in der Gegenwart.“ 2
Hier spricht Rosenzweig den Gedanken zum ersten Mal aus, den er im folgenden wieder und wieder variieren wird: Die Einheit der Gemeinschaft der Juden erhält ihre letzte und erste, ihre a-temporale Rechtfertigung der Ewigkeit durch ein Vernehmen, das auf ein eigenes Inneres hin offen ist - und dieses Innere, das das gesprochene 'Wir' erst zur Ganzheit fügt, ist das Blut.
»Aber wir - sind ewig«: Mit dieser nur an das anwesende Publikum gerichteten Wendung schloss Hermann Cohen seine letzte Vorlesung an der Lehranstalt in Berlin 3 . Die Wirkung, die Cohens Worte auf Rosenzweig ausübten, kann kaum überschätzt werden. Auch im Stern führt er sie - das 'Wir' nun gross geschrieben - als des Meisters letzter Schluss an 4 . Hier aber tun sich Welten auf. Niemals hätte Cohen der Verwendung seiner Worte in dem oben zitierten Sinne zugestimmt. Niemals hätte er es zugelassen, dass einer seiner Schüler den zweiten Teil des von ihm gesprochenen Satzes auf die dunkle Substanz des Blutes 5 zurück
F. Rosenzweig, Gesammelte Schriften Bd. IV.1, Sprachdenken im Übersetzen, Hymnen und Gedichte des Jehuda Halevi. - Vgl. 1
dazu auch die Bemerkung bzgl. einer Übertragung des Sterns ins Hebäische: „Gebs Gott, dass der, der sie unternimmt, auch deutsch kann. Hölderlinsch, meine ich natürlich.“ (GS I.2, S. 903) SE, S. 331 2
F. Rosenzweig, Zweistromland (Berlin/Wien 2001), S. 207: „Den Vortrag über Platon und die Propheten, [...], schloss ein 3
stürmisch aufjubelndes »Aber wir - sind ewig«. Es war das letzte Wort, das er [Cohen] von seinem Katheder in der Aula der Lehranstalt gesprochen hat. / In der Niederschrift fehlt es. Auch das gehört zum Wesen dieser Worte. Er sprach sie nicht, sie wuchsen aus ihm hervor und überwuchsen ihn.“ Vgl. die Anmerkung S. 240: „ich [Rosenzweig] war selbst zugegen.“ SE, S. 281:„Dies siegende Aber - „Aber Wir sind ewig“ hat unser grosser Meister als seiner Weisheit letzten Schluss 4
ausgerufen, als er das letzte Mal vor Vielen über das Verhältnis seines Wir zu seiner Welt sprach. Die Wir sind ewig; vor diesem Triumphgeschrei der Ewigkeit stürzt der Tod ins Nichts. Das Leben wird unsterblich im ewigen Lobgesang der Erlösung.“ SE, S. 338. Der 'Bestand des Volks' und die 'Unvergänglichkeit seines Lebens' sind „im Schöpfen der eigenen Ewigkeit aus den 5
dunklen Quellen des Blutes“ gesichert.
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Arbeit zitieren:
Dr. Markus Semm, 2010, Hämozentrismus und mimetische Rivalität, München, GRIN Verlag GmbH
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Markus Semm hat einen neuen Text hochgeladen
Rolf Keller Lieber Herr Dr. Semm, seit dem 7. März 2010 sind viel Wasser die Limmat runtergeflossen und wesentlich wertvollere Substanzen durch (wissens)durstige Kehlen. Mit anderen Worten: Ein neuer wegweisender Text Ihrerseits wäre also durchaus angesagt. Profund natürlich, versteht sich. Tiefstgründige Gedanken sollen neuesten Forschungsergebnissen zufolge übrigens auf Velos mit Aussenbordmotor Höchstflüge erleben. On the road. Flor Rellek
am Saturday, August 13, 2011
Rolf Keller Ich kommentiere doch nicht meine eigenen Ergüsse von unsterblicher Brillanz. Wo sind wir denn....
am Saturday, August 13, 2011
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