Nagarjunas Hauptwerk, Mulamadhyamaka-Karikas, Merkverse der mittleren Lehre (abgekürzt: MMK), ist 1997 in einer anspruchsvollen deutschen Übersetzung erschienen. (3) Der Indologe Claus Oetke hat für die Übersetzung viele interessante Verbesserungsvorschläge gemacht, die von mir berücksichtigt worden sind. (4) Nagarjuna ist der Begründer der philosophischen Schule des mittleren Weges, Madhyamaka. Der mittlere Weg stellt einen spirituellen und philosophischen Weg dar, der extreme metaphysische Konzepte vermeiden möchte, ganz besonders die Konzepte des substantiellen Denkens in ihren verschiedenen Formen. In Nagarjunas Hauptwerk MMK wird der mittlere Weg folgendermaßen beschrieben: "24.18 Das Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit (pratītyasamutpāda), dies ist es, was wir ‚Substanzlosigkeit‘ (sunyata) nennen. Das ist (aber nur) ein abhängiger Begriff; gerade sie (die Substanzlosigkeit) bildet den mittleren Weg".
Nagarjunas Philosophie besteht hauptsächlich aus zwei Aspekten. Zum einen aus der Darlegung eines eigenen Wirklichkeitsbegriffs, nach dem die grundlegende Wirklichkeit keinen festen Kern hat und nicht aus unabhängigen, substantiellen Grundbausteinen, sondern aus Zwei-Körper-Systemen besteht, deren materielle oder immaterielle Körperwechselwirken. Dieser Wirklichkeitsbegriff wird einem der Schlüsselbegriffe der traditionellen Metaphysik Indiens dichotomisch entgegengestellt:
svabhava [eigenes Sein]. Zum anderen aus Hinweisen auf die inneren Widersprüche von vier extremen Wirklichkeitsbegriffen, die nicht ausführlich, sondern nur in ihren Prinzipien dargestellt werden. Allerdings kann man leicht erkennen, auf welche Denkweisen sich diese Prinzipien beziehen und das ist wichtig, denn dabei geht es gerade um unsere extremen metaphysischen Denkweisen, die es uns nicht gestatten, die Wirklichkeit zu erkennen. Es geht nicht nur um eine Auseinandersetzung mit der traditionellen Metaphysik Indiens. Diese vier extremen Ansätze beziehe ich auf die substantiellen I, substantiellen II, holistischen und instrumentalistischen Denkweisen der modernen Welt.
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Um diese Denkweisen wirkungsvoll unterlaufen zu können, muss man sie als solche erste einmal erkannt haben. Deswegen sollen sie hier ohne Vollständigkeitsanspruch in kurz gefasster Form skizziert werden: 1. Idealismus. A. Die Welt der Ideen. Platon hatte zwei Formen des Seins unterschieden. Er unterschied besonders im zweiten Teil des 'Parmenides' Einzeldinge, die alles, was sie sind, nur durch Teilhabe sind und insofern kein eigenes Sein haben, und Ideen, die ein eigenes Sein haben. Die Ideen sind unveränderlich, sich slbst ewig gleich, von nichts anderem abhängig, durch sich selbst existierend. Sie sind der Daseinsgrund für alles andere, die immaterielle Grundlage der Welt, in der wir leben. Diese dualistische Trennung der Welt wurde von der traditionellen Metaphysik übernommen. Seit Kant hat die traditionelle Metaphysik an Boden verloren. Allerdings sind ihre zentralen Begriffe, wie Idee, Sein, Substanz, durch substantielle Denkweisen moderner Naturwissenschaftler ersetzt worden. Nun sollen Atome, Elementarteilchen, Energie, Kraftfelder, Naturgesetze, invariante Strukturen, Symmetrien der Daseinsgrund für alles andere sein.
2. Idealismus. B. Die Welt der Einzeldinge. „Die Materie für sich allein existiert nicht, zur Wirklichkeit wird sie erst durch die Ideen erweckt, die in ihr anwesend sind“, Georgi Schischkoff (Hg.), Philosophisches Wörterbuch, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1991, Seite 704 Auch der moderne Subjektivismus gehört dazu. Er reduziert die Welt der Ideen und die Welt der Einzeldinge auf den dualistischen Gegensatz von Subjekt & Objekt. „Subjektivismus. Die durch Descartes eingeleitete 'Wendung zum Subjekt', d.h. die Lehre, daß das Bewußtsein das primär gegebene sei, alles andere aber Inhalt, Form oder Schöpfung des Bewußtseins. Den Höhepunkt dieses Subjektivismus stellt der 'Idealismus' Berkeleys dar. Als gemäßigter Subjektivismus dieser Art kann der Kantianismus betrachtet werden“, Georgi Schischkoff, op.cit., Seite 704 3. Holismus. Der dritte Ansatz versucht dem verhängnisvollen Entweder-Oder-Schema der ersten beiden Ansätze zu entgehen, indem er die beiden Körper zu einem Ganzen fusionieren läßt, bei dem es genau genommen
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keine Teile mehr gibt, nur eine Identität, es ist alles eins. Das Ganze wird verabsolutiert und mystifiziert, es wird zu einer selbständigen Einheit, die unabhängig von ihren Teilen besteht. Ganzheit wird nun offenbar als etwas Konkretes verstanden, so als ob das Ganze ein Erfahrungsbegriff sei. Als eine philosophische Grundhaltung aller großen Epochen der europäischen Philosophiegeschichte ist dieser Ansatz mit den Namen Thomas von Aquin, Leibniz, und vor allem mit Schelling verbunden und durch David Bohm für die Quantenphysik vertreten. 4. Instrumentalismus. Der vierte Ansatz besteht in einer Zurückweisung oder Ignorierung der Existenz von Subjekt & Objekt. Statt den einen oder den anderen Ansatz zu bevorzugen oder beide zusammen, weist dieser metaphysische Ansatz beide zurück. Die Frage nach der Wirklichkeit ist für ihn belanglos oder sinnlos. Der Instrumentalismus ist modern, klug [beispielsweise in der Person des Philosophen Ernst Cassirers] und manchmal auch etwas spitzfindig. Es ist schwer, sich ihm zu entziehen. Er besteht darin, als eine Fortsetzung des Subjektivismus Denken als ein Denken in Modellen, als eine Informationsverarbeitung zu betrachten und sich nicht mehr wirklich darum zu kümmern, über welche Phänomene die Informationen informieren. Das ist ein Problem, das er vom Subjektivismus geerbt hat, über den der Philosoph Donald Davidson schreibt: "Hat man sich erst einmal für den cartesianischen Ausgangspunkt entschieden, weiß man - wie es scheint - nicht mehr anzugeben, wofür die Belege eigentlich Belege sind".(5).
Instrumentalismus ist ein Sammelbegriff, er bezeichnet unterschiedliche wissenschaftstheoretische Auffassungen, die darin übereinkommen, menschliche Erkenntnis insgesamt oder wissenschaftliche Begriffsbildungen, Sätze und Theorien nicht bzw. nicht primär realistisch, als Wiedergabe der Struktur der Wirklichkeit, sondern als Resultat menschlicher Interaktionen mit der Natur zum Zweck erfolgreicher theoretischer und praktischer Orientierung anzusehen. Für den Instrumentalismus sind Theorien nicht Weltbeschreibungen, sondern Instrumente zur systematischen Ordnung und Erklärung von Beobachtung
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und zur Prognose von Tatsachen. (6) In Kurzform wird der instrumentalistische Ansatz von dem experimentellen Physiker Anton Zeilinger wiedergegeben. Zeilinger sagt in einem Interview: "In der klassischen Physik sprechen wir von einer Welt der Dinge, die irgendwo das draußen existieren, und wir beschreiben diese Natur. In der Quantenphysik haben wir gelernt, dass wir da sehr vorsichtig sein müssen. Die Physik ist letztlich nicht die Wissenschaft über die Natur, sondern die Wissenschaft von den Aussagen über die Natur. Die Natur selbst ist immer eine geistige Konstruktion. Niels Bohr hat das einmal so gesagt: Es gibt keine Quantenwelt, es gibt nur eine quantenmechanische Beschreibung". (7)
Nagarjuna stellt diese vier extremen Wirklichkeitsbegriffe in einem Schema dar, das in Sanskrit 'catuskoti', in griechisch 'Tetralemma' genannt wird. In Kurzform könnten sie vielleicht folgendermaßen formuliert werden: Die Dinge entstehen nicht substantiell, 1. weder aus sich selbst heraus, 2. noch aus etwas anderem heraus, 3. nicht aus beidem, 4. aber auch nicht ohne eine Ursache. Dahinter stehen
Wirklichkeitsbegriffe, die sich, wie gesagt, auf substantielle, holistische und instrumentalistische Denkweisen der modernen Welt beziehen lassen. Es wird schwer sein, einen modernen Menschen zu finden, der nicht auf seine Art einen dieser vier extremen Ansätze vertritt. Das macht die Aktualität der Philosophie Nagarjunas aus.
Nagarjuna hat keineswegs nur den objektiven Idealismus zurückgewiesen, um dann im Nihilismus oder im subjektiven Idealismus zu landen, wenngleich dies vielfach gegen ihn behauptet wurde. Er hat auch nicht das dualistische Entweder-Oder-Denken zurückgewiesen, um bei einem dritten Ansatz, dem des Holismus, der Identität oder der Ganzheit anzukommen, was manchmal wohlwollende Interpreten von ihm sagten. Auch hat er nicht den Holismus zurückgewiesen, um bei einer vierten Denkweise, beim
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Instrumentalismus stehen zu bleiben, was manchmal moderne Interpretenin der Nachfolge des Philosophen Ludwig Wittgensteins meinen. Denn dassind gerade die vier extremen metaphysischen Ansätzen, die von Nagarjuna systematisch zurückgewiesen werden. Bereits der erste Vers der MMK verdeutlicht nicht nur das ganze Dilemma, sondern das ganze Tetralemma unseres Denkens, er lautet: "MMK 1.1 Nirgendwo finden sich jemals irgendwelche Dinge, seien sie aus sich selbst oder aus anderem oder aus beidem oder ohne irgend eine Ursache entstanden".(Oetkes Übersetzung)
Diesen Vers kann man als die hauptsächliche Aussage der MMK auffassen: Die Zurückweisung von vier extremen metaphysischen Ansätzen, die sich nicht mit dem abhängigen Entstehen der Dinge vereinbaren lassen. Der 'Rest' der MMK wäre dann nichts anderes, als eine Erläuterung dieses Verses. Deswegen ist eine sorgfältige Betrachtung angebracht. Was ist die Aussage dieses Verses, dass sich nichts finden läßt, dass es nichts gibt, dass nichts existiert? Wollte Nagarjuna die Außenwelt leugnen? Wollte er zurückweisen, was offensichtlich ist? Wollte er die Welt, in der wir leben, infrage stellen? Wollte er bestreiten, dass man überall irgendwelche Dinge finden kann, die irgendwie entstanden sind? Wenn ein Ding nicht aus sich selbst heraus entstanden ist, dann muss es doch aus etwas anderem entstanden sein, so könnte man einwenden, wenn man unter dem Begriff 'entstehen' das empirische Entstehen der Dinge meint. Welche Bedeutung hat der Begriff 'entstehen'? In einem anderen Text gibt Nagarjuna selber einen Hinweis zum Verständnis dieses Begriffs. Er schreibt in seinem Werk Yuktisastika (YS), 19: „Was abhängig von diesem und jenem entstanden ist, das ist nicht substantiell entstanden. Was nicht substantiell entstanden ist, wie kann man es wörtlich (nama) 'entstehen' nennen?" „39. Was aus einer Ursache entstanden ist und was ohne Bedingungen nicht dauerhaft bleibt, sondern verschwindet, wenn die Bedingungen nicht vorhanden sind, wie kann es als 'existieren' verstanden werden?“(8) Mit dem Entstehen der Dinge ist also nicht ihr empirisches, sondern ihr substantielles Entstehen gemeint. Wenn Nagarjuna an vielen anderen
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Arbeit zitieren:
Christian Thomas Kohl, 2010, Ein Quantum Buddhismus, München, GRIN Verlag GmbH
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