Gliederung
Einleitung 3
1. Ursprung der halq al-qur’ān - Doktrin 5
1.1. Ğahm ibn S afwān und der Aufstand des al-H ārit ibn Suraiğ 5
1.2. Verbindung zur Trinitätslehre 7
1.3. Verbindung zum Neoplatonismus 8
1.4. Zusammenfassung 10
2. Die Mih na und ihre Folgen 12
2.1. Die politische Krise des Kalifats 12
2.2. halq al-qur’ān als Staatsdoktrin 13
3. halq al-qur’ān in frühen häresiographischen Schriften 16
3.1. Exkurs: Die Sekte der Ğahmiyya 16
3.2. halq al-qur’ān bei Ah mad ibn H anbal 17
3.3. halq al-qur’ān bei Utmān ibn Sa īd ad-Dārimī 18
Fazit 20
Literatur 22
2
Einleitung
„Ever since the end of the great Trial (…) instituted by the Caliph al-Ma’mūn (…), the thesis that the Koran is “the speech of God, uncreated (…)” has been a firmly established part of the Sunnite creed. (…) While this discussion from the time of the mih na on is well documented (…), the examination of the origins of the controversy and its development until the mih na is severely hampered by the lack of contemporary sources and the reticence and often ambiguity of later sources.” 1 Wann und wodurch es zur Entstehung der halq al-qur’ān - Doktrin gekommen ist, konnte bislang nicht abschließend geklärt werden. Üblicherweise wird sie auf den persischen Maulā Ğahm ibn S afwān bzw. dessen möglichen Lehrmeister Ğa‘d ibn Dirham zurückgeführt, die beide in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts gelebt haben. 2 Watt setzt den Entstehungszeitpunkt dieser Doktrin hingegen etwas später an. Er hält es für wahrscheinlicher, dass Bišr al-Marīsī (gest. 833) diese Doktrin als erstes formuliert hat, da die Frage der Erschaffenheit des Korans seiner Meinung nach um die Mitte des 8. Jahrhunderts noch nicht thematisiert worden war. 3 Diese Ansicht hat einiges für sich und die Möglichkeit, dass es sich bei der Darstellung der Ansichten Ğahm ibn S afwāns um Rückprojektionen späterer Gelehrter handeln könnte, wird auch von Josef van Ess nicht ausgeschlossen. 4
Madelung schreibt, dass die ältesten Schriften über die halq al-qur’ān - Doktrin aus der Zeit um die Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert stammen. 5 Dies entspricht in etwa der Zeit, in der Bišr al-Marīsī gewirkt hat. In jedem Fall scheint er maßgeblich an der Verbreitung dieser Doktrin beteiligt gewesen zu sein. Zu dieser Zeit soll die Übersetzung griechischer Texte bereits begonnen haben, so dass er hierdurch beeinflusst worden sein könnte. 6
Dies ist zwar möglich, doch unwahrscheinlich. Denn in Bezug auf die griechische Philosophie hat Frank die Nähe der halq al-qur’ān - Doktrin - wie auch anderer Standpunkte, die Ğahm ibn S afwān zugeschrieben werden - zu neoplatonischen Gedanken nachgewiesen. Obgleich es schon zu Lebzeiten Bišr al-Marīsīs Übersetzungen griechischer Texte gegeben haben mag, so begann doch die Übersetzung
1 Madelung: creation of the Koran, S. 504.
2 Frank: The neoplatonism, S. 396; Sourdel: Medieval Islam, S. 70f, Wolfson: Kalam, S. 265f.
3 Watt: Early Islam, S. 178f; Watt/ Marmura: Der Islam II, S. 147.
4 Ess: Theologie und Gesellschaft Bd. 2, S. 496.
5 Madelung: creation of the Koran, S. 504.
6 Watt: Early Islam, S. 178.
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der griechischen Neoplatoniker erst in der Mitte des 9. Jahrhunderts mit al-Kindī und al-H imsī. 7
Was für Bišr al-Marīsī gilt, dass gilt natürlich in viel stärkerem Maße auch für Ğahm ibn S afwān. Dieser lebte in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts und somit gut 100 Jahre vor der Übersetzung der Neoplatoniker. Wie kann er also von ihnen inspiriert worden sein? Oder liegt der Ursprung dieser Doktrin doch woanders? Wolfson sieht tatsächlich eine Verbindung der halq al-qur’ān - Doktrin zur christlichen Trinitätslehre, bzw. zu christlich-muslimischen Disputen hierüber in der Frühzeit des Islams. 8 Im Folgenden sollen die Ursprünge der halq al-qur’ān - Doktrin und ihre Entwicklung dargestellt werden. Mit Ausnahme von Watt, der sich in dieser Sache aber nicht eindeutig festlegt, wird Ğahm ibn S afwān als Begründer dieser Doktrin anerkannt. Daher sollen zunächst einmal die wenigen Informationen, die man über ihn hat dargestellt werden und spezifischer erläutert werden, was er unter halq al-qur’ān verstanden hat. Anschließend sollen die Theorien von Frank und Wolfson dargestellt und untersucht werden.
Anhand der Mih na soll dann die weitere Entwicklung dieser Doktrin bis in die Mitte des 9. Jahrhunderts nachvollzogen werden. Da sich meist nur in häresiographischen Schriften Hinweise auf diese Doktrin finden, wird im letzten Teil ihre Darstellung in zwei häresiographischen Werken verglichen.
Zuletzt noch ein Hinweis zur Transkription. Namen und geografische Bezeichnungen werden, soweit sie im Deutschen gebräuchlich sind, in ihrer deutschen Schreibweise wiedergegeben. Soweit nicht anders angegeben richten sich Datumsangaben nach dem gregorianischen Kalender.
7 Frank: The neoplatonism, S. 395.
8 Wolfson: Kalam, S. 237-241.
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1. Ursprung der halq al-qur’ān - Doktrin
1.1 Ğahm ibn S afwān und der Aufstand des al-H ārit ibn Suraiğ Über die Person Ğahm ibn S afwāns ist nur wenig bekannt. Sein Geburtsjahr ist ebenso wenig bekannt, wie sein Herkunftsort. Als gesichert gilt indes, dass er ein in Khorasan lebender persischer Maulā war, dem es gelang, sich eine mehr oder weniger gleichwertige Stellung innerhalb der muslimischen Gemeinde zu erarbeiten. 9 Im Jahre 745/46 10 ließ ihn der Kalif hinrichten, nachdem er sich am Aufstand des al-H ārit ibn Suraiğ beteiligt hatte. 11 Ihm soll Ğa‘d ibn Dirham in der Formulierung der halq alqur’ān - Doktrin vorangegangen sein.
Kaum etwas ist über diesen Ğa‘d ibn Dirham bekannt. Ebenso wie Ğahm ibn S afwān, war auch er ein persischer Maulā der im Irak lebte. Sein Vater soll noch ein Kriegsgefangener der arabischen Eroberungsfeldzüge gewesen sein. 12 Über seine theologischen Ansichten ist kaum etwas bekannt, außer, dass sie sich in etwa mit denen Ğahm ibn S afwāns deckten. Jedoch ist die Quellenlage „so miserably little that one can draw no conclusions as to the nature of the purported dependence“. 13 Doch selbst diese Schlussfolgerung ist nicht gesichert. Zwar gibt es eine Überlieferung, der zufolge Ğa‘d ibn Dirham sogar mit Ğahm ibn S afwān verwandt gewesen sein soll, 14 doch ist nicht gesichert, ob sich die beiden jemals begegnet sind. So sollen sie in Kūfa miteinander zusammengekommen sein. Es ist aber auch möglich, dass Ğahm ibn S afwān Khorasan niemals verlassen hat. 15 Bezüglich eines möglichen Zusammentreffens in Kūfa gibt es keine Informationen darüber, wann dieses Treffen stattgefunden hat, wie lange es dauerte, oder in welchem Alter sich beide befanden. 16 Bevor nun näher auf sein Verständnis der halq al-qur’ān - Doktrin eingegangen wird, soll kurz auf die gesellschaftliche Situation Khorasans und Transoxaniens zu Lebzeiten Ğahm ibn S afwāns eingegangen werden. Diese Gebiete wurden erst spät durch die Araber erobert. Transoxanien konnte erst zu Beginn des 8. Jahrhunderts eingenommen werden und blieb noch lange Zeit eine religiös sehr heterogene Provinz. 17 Zu dieser Zeit
9 Ess: Theologie und Gesellschaft Bd. 2, S. 493.
10 Madelung nennt das Jahr 745, bzw. 128 H. als Todesjahr, während Watt das Jahr 746 angibt, Madelung: creation of the Koran, S. 505; Watt/ Marmura: Der Islam II, S. 144. Eine möglicherweise irrtümliche Umrechnung des Jahres 128 H. in den gregorianischen Kalender ist wenig wahrscheinlich, denn Pavlin nennt als Todesjahr 127 H., Pavlin: Sunni kalām, S. 106.
11 Madelung: The early Murji’a, S. 33f.
12 Ess: Theologie und Gesellschaft Bd. 2, S. 450ff.
13 Frank: The neoplatonism, S. 396.
14 Madelung: creation of the Koran, S. 505, Fn 3.
15 Ess: Theologie und Gesellschaft Bd. 2, S. 453, 494.
16 Frank: The neoplatonism, S. 396.
17 Haq: Indian and Persian, S. 53.
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konnten die Lokalgouverneure der Randprovinzen noch sehr stark unabhängig vom Kalifenhof agieren. Dies ergab sich auch aus der besonderen Situation des ständigen Grenzkrieges gegen ungläubige Stämme und Reiche. Lokale Richter wurden durch die Gouverneure ernannt, was letztendlich dazu führte, dass sich die Rechtsprechung eher an den Erfordernissen und Vorgaben des jeweiligen Gouverneurs orientierte, als an denen des Kalifen. 18
Dies führte 718/19 und nochmals 728/29 zu Protesten der dort lebenden Mawālī gegen den Gouverneur. Sie forderten die Gleichstellung mit den arabischen Muslimen und die Befreiung von der Kopfsteuer, welche sie als Muslime nicht mehr entrichten mussten, die jedoch weiter von ihnen erhoben wurde. 19 Hierbei wurden sie durch murği’itische Gruppen unterstützt, die sich für eine gerechtere Behandlung der Mawālī stark machten. In den Jahren 728/29 kam es zu einem ersten kleinen Aufstand der dortigen Murği’a, dessen Anführer jedoch verhaftet wurden. 20 Da sich die Situation der Mawālī auch in den folgenden Jahren nicht grundlegend verbesserte, 21 brach schließlich 735/36 ein großer Aufstand der Murği’a unter al-H ārit ibn Suraiğ aus. In diesen Aufstand diente ihm Ğahm ibn S afwān als Sekretär und eine Art religiöser Ideologe. 22 Es spricht vieles dafür, ihn als einen frühen Mutakallim zu bezeichnen. Diese waren der Ansicht, dass bestimmte Verse im Koran durch logische Argumentation interpretiert werden müssten. Hierzu zählten sie auch die Verse, in denen von Attributen Gottes die Rede ist. 23 In diese Debatte muss auch die halq al-qur’ān - Doktrin, so wie Ğahm ibn S afwān sie formuliert hat, eingeordnet werden. So soll er gesagt haben, dass Allāh nicht spricht und niemals gesprochen hätte, da er hierzu Organe benötigte, die er nicht hat, denn Allāh sei „different from his creation in every aspect“. 24 Ğa‘d ibn Dirham wird nachgesagt, derselben Ansicht gewesen zu sein. 25 Doch wie konnte der Koran offenbart werden? Indem Ğahm ibn S afwān den Anthropomorphismus ablehnte und erklärte, dass Allāh durch seine Einzigartigkeit und Verschiedenheit von seiner Schöpfung schlechthin nicht durch menschliche Attribute beschrieben werden könne, bzw. diese auch nicht habe, 26 geriet er in den Verdacht, in Wirklichkeit den Koran als göttliche Offenbarung abzulehnen. Dieser Verdacht wurde
18 Sourdel: Medieval Islam, S. 59.
19 Madelung: The early Murji’a, S. 33.
20 Madelung: Religious trends, S. 15-17.
21 Ess: Theologie und Gesellschaft Bd. 2, S. 492f.
22 Madelung: The early Murji’a, S. 33-35.
23 Pavlin: Sunni kalām, S. 105f.
24 Madelung: creation of the Koran, S. 506.
25 ad-Dārimī: Kitāb ar-radd ‘ala al-ğahmiyya, S. 349f.
26 Frank: The neoplatonism, S. 402.
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Arbeit zitieren:
Florian Heydorn, 2008, Halq al-qur'an - Genese einer frühislamischen Häresie, München, GRIN Verlag GmbH
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