Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
1.1. Zielsetzung. 2
1.2. Methode und Leitfragen. 4
1.3. Forschungsstand. 6
2. Das Nachleben von Villa und Zapata. 8
2.1. Nachleben im „postrevolutionären Alltag“ Mexikos. 9
2.1.1. Nachleben im PRI-Establishment. 10
2.1.2. Nachleben im Volk (El Pueblo) 26
2.2. Nachleben in Mexikos Schulbüchern. 42
2.3. Nachleben im Film. 48
2.3.1. „Viva Zapata “ (1952) 49
2.3.2. „Pancho Villa: Mexican Outlaw“ (2003) 56
3. Fazit. 63
4. Quellen- und Literaturverzeichnis. 66
4.1. Quellen. 66
4.2. Literatur 66
1. Einleitung
1.1. Zielsetzung
Im Jahr 2010 findet das hundertjährige Jubiläum der Mexikanischen Revolution statt. Mexikanische Historiker betonen in ihren Arbeiten oft, dass dieses Ereignis, noch vor der russischen Oktoberrevolution von 1917, die erste bedeutende Revolution des 20. Jahrhunderts war. Tatsächlich war es für Mexiko ein einschneidendes historisches Großereignis, das die Geschichte des Landes bis heute entscheidend mitprägt. 1 Zwischen 1910 und 1920 fand jedoch nicht eine in sich geschlossene Revolution statt, sondern mehrere Revolutionskämpfe, zwischen verschiedenen Akteuren mit unterschiedlichen Zielen. 2 Aber auch die Phase zwischen 1920 und 1940, als institutionalisierte Revolution bezeichnet, war in ihrer Bedeutung mindestens genauso entscheidend wie die erste bewaffnete Revolutionsphase. In ihr wurde das Fundament für das postrevolutionäre Mexiko gelegt. 3 Dieser Institutionalisierungsprozess, der ab 1920 von der siegreichen Revolutionsgruppe der Sonorenser 4 geführt wurde, zeichnet sich durch zwei wichtige Schritte aus. Zum einen gelang der sonorensischen Führung der Aufbau einer neuen, auf Revolutionsgedankengut basierenden mexikanischen Identität. Die „Erfindung“ der so genannten Mexicanidad, als neue Kulturidentität des Landes, betonte vor allem die mestizische Identität der Nation und die Errungenschaften der Revolution. Zum Ausdruck brachten diese Mexicanidad v.a. die berühmten Mauerbilder von Künstlern wie Rivera, Orozco und Siqueiros. 5 Zum anderen fand neben der kulturellen Erneuerung der Gesellschaft von oben, eine entscheidende politische Weichenstellung für die Zukunft statt. Es wurde eine Revolutionspartei gegründet, die als korporatistische Einheitspartei funktionierte. 6 Achtzig Jahre ununterbrochene PRI-
1 Vgl.Vincent T. Gawronsky, The Revolution is Dead. ¡Viva la Revolución! The Place of the Mexican Revolution in the Era of Globalization, in: Mexican Studies / Estudios Mexicanos, Vol. 18, No. 2 (Summer, 2002), S. 363-397, S. 366.
2 Vgl. Manfred Mols, Mexiko im 20. Jahrhundert: politisches System, Regierunsprozeß und politische Partizipation, Paderborn u.a. 1983 (2. unv. Aufl.), S. 66.
3 Vgl. Hans Werner Tobler, Die Mexikanische Revolution: Gesellschaftlicher Wandel und politischer Umbruch 1876-1940, Frankfurt a.M. 1984, S. 367-379.
4 Diese Gruppe hatte ihren Ursprung in der Nordwestmexikanischen Provinz Sonora. Ihre zwei wichtigsten Führer waren Alvaro Obregón und Plutarco Elías Calles.
5 Vgl. Gerhard Sommerhof, Christian Weber, Mexiko, mit 55 Tabellen, Darmstadt 1999, Vincent T. Gawronsky, The Revolution is Dead, insb. S. 368f.
6 1929 wurde die PNR (Partido Nacional Revolucionario) gegründet. 1938 fand eine Unbenennung/Reorganisation in PRM (Partido de la Revolución Mexicana) statt und 1946 die noch heute gültige Unbenenung in PRI (Partido Revolucionario Institucional), Vgl. Hans Werner Tobler, Die Mexikanische Revolution, S. 407ff. / 601ff. / 618ff.
2
Herrschaft war die Folge dieser postrevolutionären Weichenstellung der Sonorenser. 7 Auf den beiden Säulen, Mexicanidad und Einheitspartei, basierte die Legitimität des postrevolutionären Staates, weil die Mehrheit der mexikanischen Bevölkerung an der Revolution teilgenommen hatte und in verschiedene Sektoren der Einheitspartei eingegliedert wurde.
Beim Betrachten dieser Entwicklung ist bemerkenswert, dass der sozialreformerische Flügel der Revolution, die sog. Konventionalisten, von Francisco Villa und Emiliano Zapata repräsentiert, auf diesen Institutionalisierungsprozess Anfang der 20er Jahre keinen direkten Einfluss mehr hatten. Ihre Bewegungen bzw. „Armeen“, División del Norte (Villa) und Ejército Libertador del Sur (Zapata), die seit 1910 unabhängig von-einander v.a. für Land, Wasserrechte und soziale Gerechtigkeit kämpften, waren bereits vom liberal-konservativen Revolutionsflügel (Konstitutionalisten) ausgeschaltet worden. Ihre Forderungen waren in der neuen Revolutionsverfassung von 1917 nur teilweise aufgenommen worden, und militärisch hatten sie ihren Gegnern 1920 kaum noch etwas entgegenzusetzen. Beide Männer waren besiegt und ermordet worden. 8 Ihre so-zialreformerischen Forderungen wurden in abgeschwächter Form durchgeführt. Im postrevolutionären Mexiko herrschte danach für viele Jahre eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs, des Wachstums und der politischen Stabilität. Erst ab dem Ende der sechziger Jahre konnte das Land nicht mehr an die Erfolge des so genannten Milagro Mexicano 9 anknüpfen. Auch das Einheitssystem begann seine Legitimität einzubüßen und allmählich zu zerfallen. Heute, einem Jahr vor dem 100. Revolutionsjubiläum, ist die Situation Mexikos katastrophal. Der Massenarmut in der Bevölkerung, die immer mehr Menschen zur Auswanderung in die USA zwingt, und der im Land sich drastisch steigernden Kriminalität (Mexiko-City gilt heutzutage als eine der gefährlichsten Städte der Welt mit hohen Entführungsquoten), summiert sich seit Neuestem ein blutiger Drogenkrieg. Immer mehr Gebiete sind von den Kriegen zwischen den rivalisierenden Kartellen und den Ordnungskräften, die die Lage kaum in den Griff bekommen, betroffen. Ein ernüchterndes Panorama im Vorfeld der Jubiläumsfeiern, das Anlass zum Nachdenken gibt.
7 Die PRI regierte ununterbrochen bis zum Jahr 2000, als der rechtskonservativen PAN-Partei der Machtwechsel gelang.
8 Zapata wurde am 10. April 1919 in Chinameca in einen Hinterhalt gelockt und erschossen. Villa akzeptierte 1920 eine Amnestie der Sonorenser und zog sich als Hazienda-Besitzer aus der Politik zurück. Man gab ihm und einem Teil seiner Anhängerschaft die Hazienda Canutillo in seiner Heimatprovinz Durango. Am 20. Juli 1923 wurde er bei einem Anschlag auf seinen Wagen von mehreren unbekannten Männern im Dorf Parral erschossen.
9 Diese mexikanische Wachstumsphase, die vor allem durch den Industrialisierungsprozess gekennzeichnet war, wurde als das „mexikanische Wunder“ bezeichnet.
3
Auch wenn es anachronistisch erscheinen mag, fällt es schwer keine Vergleiche zu ziehen. Obwohl die sozio-politische Lage heute eine ganz andere ist, waren sowohl 1910 als auch heute ein großer Teil der Mexikaner von Armut und Perspektivlosigkeit betroffen. Erinnert sich Mexiko heute noch an seine zwei „Sozialreformer“ von damals (die gewiss von der heutigen Lage ihres Landes enttäuscht wären)? Sicherlich ein guter Anlass, sich im Vorfeld des Jubiläums mit Francisco Villa und Emiliano Zapata zu beschäftigen. Dies soll aber aus einer Perspektive geschehen, die nicht ihr Handeln zum Gegenstand hat, sondern das der Nachwelt in Bezug auf sie. Villa und Zapata können, zumindest was ihren Bekanntheitsgrad und ihre Wirkung angeht, als die wichtigsten Akteure der Mexikanischen Revolution bezeichnet werden. Sie sind zu Symbolen eines 10jährigen Revolutionsprozesses geworden, obwohl ihre „Armeen“ im selben oft nur untergeordnete Rollen spielten. 10 Mit dieser Arbeit möchte ich ihre Stellung als Erinnerungsorte der Mexikanischen Revolution im nachfolgenden Zeitverlauf (1919/23-2010) aufarbeiten und analysieren. Diese Analyse soll anhand ihrer so genannten posthumous careers 11 stattfinden, also mittels der Untersuchung ihres jeweiligen „Nachlebens“ bzw. - freier übersetzt - ihres „Post-Mortem-Werdegangs“.
1.2. Methode und Leitfragen
Der Begriff Erinnerungsort („lieux de mémoire“) stammt vom französischen Historiker Pierre Nora:
Mit Orten also haben wir es zu tun, doch mit vermischten, mutierenden, mit Zwitter-orten, dicht gesponnen aus Leben und Tod, Zeit und Ewigkeit - in einer Spirale des Kollektiven und des Individuellen, des Prosaischen und des Sakralen, des Unbewegten und des Beweglichen, einer Folge ineinander verschlungenen Möbiusringe. Denn auch wenn die grundlegende Existenzberechtigung eines Gedächtnisortes darin liegt, die Zeit anzuhalten, der Arbeit des Vergessens Einhalt zu gebieten, einem bestimmtem Stand der Dinge festzuhalten, den Tod unsterblich zu machen, dem Immateriellen greifbare Form zu geben […], um das Höchstmaß an Sinn in einem Mindestmaß von Zeichen einzuschließen, so ist doch klar, daß die Gedächtnisorte […] nur von ihrer Fähigkeit zur Metamorphose leben… 12
10 Die von früheren Historikergenerationen vertretene Sicht der Mexikanischen Revolution als reiner Agrarkonflikt, der von den Landmassen ausging (jeweils unter der Führung von Villa und Zapata im Norden und im Süden), wurde zeitweise von einer neuen revisionistischen Sicht überholt, die entscheidende Wirkung bürgerlicher Impulse betonte (Madero, Carranza, Obregón, Calles). Mittlerweile kommt es jedoch wieder zu Sichtweisen der Revolution als ein Agrarkonflikt mit starkem Einfluss der Massen. Vgl. Brunk, Samuel, Emiliano Zapata: Revolution and Betrayal in Mexico, Albuquerque 1995, S.236f. Zur Mexikanischen Revolution im Allgemeinen und ihren Interpretationen siehe: Gilly, Adolfo (Hg. u.a.), Interpretaciones de la revolución mexicana, México-City 1979, und: Knight, Alan, The Mexican Revolution (2 Bände), Lincoln 1986 und 1990.
11 Der Begriff stammt von Samuel Brunk, The Posthumous Career of Emiliano Zapata: Myth, Memory, and Mexico’s Twentieth Century, Austin 2008.
12 Pierre Nora, Zwischen Geschichte und Gedächtnis, Frankfurt a.M. 1998, S. 33.
4
Erinnerungsort bezeichnet demnach jeden Ort materieller wie auch immaterieller Natur, der zum Kondensationspunkt für das kollektive Gedächtnis von menschlichen Gemeinschaften wird. 13 Es sind die Erinnerungen des Einzelnen, mit denen seiner Gruppe zusammenaddiert, die das kollektive Gedächtnis ergeben. 14 Dort wo sich Erinnerungen, aufgrund hoher symbolischer Aufladung (sowohl im positiven als auch im negativen Sinne), verdichten oder „kondensieren“, entstehen Erinnerungsorte. Wichtigste Voraussetzung für einen Erinnerungsort ist dessen symbolische Bedeutung, die ihm einen ikonischen Charakter verleiht. Hinzu kommt als grundsätzliche Voraussetzung für einen Ort der Erinnerung die Absicht etwas im Gedächtnis festhalten zu wollen. 15 Der relevante Bekanntheitsgrad und die daraus resultierende herausragende Stellung innerhalb einer Gemeinschaft (z.B. Nation, Familie, Fans eines Fußballvereins, etc.) wirken identitätsstiftend, denn Gedächtnis und Erinnern gehört zu den wichtigsten menschlichen Grundbedürfnissen. Eine Gemeinschaft ohne Gedächtnis verfügt über keine Identität. Es ist der Überschuss an symbolischer Bedeutung und nicht die materielle Gegenständlichkeit die einen Erinnerungsort ausmacht, und daher ist der Begriff lediglich als Metapher zu verstehen. Ihre Bedeutung ist gleichzeitig materiell, symbolisch und funktional. Dies bedeutet, dass ein Erinnerungsort diese drei Kategorien gleichzeitig zu erfüllen hat. 16
Was lässt sich demnach als Erinnerungsort bezeichnen? Das Spektrum ist breit gefächert, und reicht von klassischen greifbaren Gegenständen wie Denkmälern (z.B. Freiheitsstatue), Gebäuden (z.B. Wembley-Stadion), Personen (z.B. Mahatma Gandhi), bis zu abstrakten Elementen, wie Ereignissen (z.B. Mondlandung), Institutionen (z.B. Inquisition), Liedern (z.B. die Marseillaise) oder Mythen (z.B. das Paradies). Eine wichtige Eigenschaft von Erinnerungsorten ist ihre wechselhafte Beständigkeit. Die kollektive Erinnerung an einen Ort oder an ein Ereignis kann im Laufe der Zeit verloren gehen, indem sich dessen symbolische Bedeutung verflüchtigt oder in Vergessenheit gerät. Darüber hinaus kann sich auch die Bedeutung eines Erinnerungsortes verändern. Eine Generation kann beispielsweise einem Ereignis so gegenüberstehen, wie es die nächste dann nicht mehr tut. Oder es können auch innerhalb einer Gemeinschaft verschiedene Erinnerungshaltungen gegenüber einem Erinnerungsort geben, so dass der dann „doppelt“ existiert. 17 Nora spricht von Erinnerungsorten als „russische Puppen der
13 Vgl. Etienne Francois, Hagen Schulze (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte, München 2001, S. 15f.
14 Vgl. Ebd., S. 13f.
15 Vgl. Pierre Nora, Zwischen Geschichte und Gedächtnis, S. 32.
16 Vgl. Ebd., S. 32.
17 Vgl. Etienne, Francois, Hagen Schulze (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte, S. 16.
5
Bedeutung“. 18 Sie sind niemals statisch oder einseitig und können eben verschachtelt vorkommen.
Kommt man nun wieder auf die Mexikanische Revolution, auf Villa und Zapata zurück, stellt sich die Frage, inwiefern diese die Kriterien des Erinnerungsorts erfüllen. Sowohl wegen ihrer hohen symbolischen Bedeutung, die zur Verdichtung ihres Andenkens im kollektiven Gedächtnis führte, als auch durch ihre identitätsstiftende Wirkung erfüllen sie eindeutig die Kriterien eines Erinnerungsortes. Für Mexiko wird deutlich wie wichtig das Ereignis „Revolution“ für das Land und dessen kulturelle Entwicklung war, denn daraus entstand nicht nur ein neues politisches System, sondern auch die Mexicanidad als neues Kulturkonstrukt. Um die Gültigkeit des Ereignisses für ihre Gegenwart zu unterstreichen werden die Mexikaner im Jahr 2010 ein großes Jubiläum feiern. Weitere Kriterien eines Erinnerungsortes wie „Revolution“, „Villa“ oder „Zapata“ können (müssen nicht!) beispielsweise Zeitbeständigkeit bzw. Wandelbarkeit sein. Im Verlauf der Arbeit sollen diese Aspekte besonders berücksichtigt werden. Die Erinnerungsorte Villa und Zapata sollen unter Berücksichtigung von drei Leitfragen untersucht werden: 1. Wie entwickelten sich beide „Orte“ im Zeitverlauf? (bzw. wie wurde ihr Platz im kollektiven Gedächtnis „aufgebaut“? Von wem wurde es aufgebaut? Wie entwickelte sich die Erinnerung an Zapata und Villa?) 2. Wer und wann verwendete die Erinnerungsorte für welchen Zweck? Fand eine Benutuzung der Mythen Villa und Zapata im gesellschaftlich-politischen Streit statt? 3. Inwiefern unterscheiden sich Villa und Zapata als Erinnerungsorte? (Es ließe sich denken, dass die Geschichte beider als Erinnerungsorte analog verläuft; dem ist aber nicht so!). Als Untersuchungsfeld dient das Nachleben beider Revolutionäre, jene Zeit in der ihr Mythos nicht mehr ihrem Einfluss unterlag, sondern von anderen gestaltet wurde. Dabei wird davon ausgegangen, dass sie sich ihren „Legendenstatus“ zum Teil bereits durch ihre Taten zu Lebzeiten erworben hatten. Dabei soll es nicht um einen synoptischen Vergleich zwischen Villa und Zapata gehen, sondern die Untersuchung der posthumous careers von beiden beschäftigt sich mit relevanten Feldern der Mythenkonstruktion, wie dem gesellschaftliche Alltag, der Literatur und den Filmen.
1.3. Forschungsstand
Villas und Zapatas Nachleben sind eng mit Mexikos postrevolutionärem politischen Prozess verknüpft. Die meisten Untersuchungen beziehen sich auf den Zeitraum
18 Pierre Nora, Zwischen Geschichte und Gedächtnis, S. 35.
6
zwischen 1920 bis Anfang 2000, als die PAN-Regierung an die Macht kam. Dafür unterteilt man meistens die verschiedenen politischen Perioden anhand der Präsidenten. 19 Es gibt allerdings nur wenige historische Darstellungen, die die Nachleben in ihrer Gesamtheit zum Gegenstand haben. Brunks Werk von 2008 ist die aktuellste und umfassendste Darstellung in Bezug auf Zapata. Auch Stephens (2001) kulturhistorische Studie über den Zapata-Kult in Chiapas und Oaxaca bietet eine ausführliche Analyse zur Entstehung des Phänomens, mit einer regionalen Vertiefung. Zu Villa fehlen noch analoge Werke, obwohl Katz (1998) in seiner großen Komplettbiographie auch kurz auf die Umstände von dessen Nachleben eingeht. Ansonsten bieten Womack (1972) und Brunk (1995) in ihren Zapata-Biographien Informationen zu seinem Nachleben. Braddy (1960) und Brandt (1964) analysieren in ihren Aufsätzen das Phänomen Villa und die Geschichte rund um dessen Grabschändung. Von Gilbert stammt eine ausführliche und gut recherchierte Schulbuchanalyse zu Zapata, zu der es jedoch kaum andere Vergleichswerke gibt. Andere Werke sind thematisch enger eingegrenzt, wie beispielsweise die von Boyd (1979), Bullock (1982) und Parra (2005), und untersuchen die Nachleben im literarischen Bereich. Parras Werk bietet eine hervorragende Analyse literarischer Werke über Villa, die auch über seinen politischen Stellenwert in der sonorensischen Phase und im Cardenismo Auskunft gibt.
Kulturwissenschaftliche Betrachtung über den Stellenwert der Mexikanischen Revolution in der Gesellschaft findet man bei Vaughan (1997) und Gawronsky (2002), während man komplette historische Darstellungen und Analysen des Revolutionsverlaufes vor allem bei Tobler (1984) und Knight (1986) findet. Noras kulturwissenschaftlicher Ansatz der Erinnerungsorte (1984) scheint sich in der mexikanischen Historiographie noch nicht durchgesetzt zu haben. Auch gibt es von mexikanischen Autoren noch keine Untersuchungen wie die neueste von Brunk (2008). Will man deshalb die Nachleben (posthumous careers) von beiden Revolutionären skizzieren, dann muss auf eine Vielzahl verschiedenartiger Werke zurückgegriffen werden. Ein sinnvoller Ansatz wäre auch, die oral history, in Form von Befragung der Menschen zu Zapata und Villa, was im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht zu leisten geht. Der kulturwissenschaftlichen Historiographie steht auf diesem Gebiet noch einige Arbeit bevor.
19 Siehe dazu Fußnote 31.
7
2. Das Nachleben von Villa und Zapata (1919/23 - 2010)
Francisco „Pancho“ Villa und Emiliano Zapata waren bereits zu Lebzeiten zu Legenden geworden. 20 Ihre Namen waren während der bewaffneten Revolutionsphase (1910-1920) innerhalb Mexikos den meisten Menschen bekannt. Auch das Ausland interessierte sich zunehmend für diese inner-mexikanische Auseinandersetzung, bei der lange nicht deutlich wurde wer mit wem, wofür und gegen wen kämpfte. Vor allem Villa und Zapata als Anführer von „Volksarmeen“, die sich mehrheitlich aus armen Bauern und Landarbeitern zusammensetzten, standen im Fokus des Interesses. Das lag auch an ihrem auffälligen Äußeren, sowie an ihren kontroversen Charakteren. Schließlich waren beide sog. „Volksführer“ (Caudillos), deren Macht über die Massen besonders auf ihrer charismatischen Ausstrahlung beruhte. Spätestens gegen Ende 1914 als Villa und Zapata Seite an Seite in das von Präsident Carranza verlassene Mexiko-City einmarschierten, und ihre Kräfte es für wenige Monate besetzten, hatten sie sich als eigenständiger Revolutionsflügel etabliert. Eines der symbolträchtigsten Revolutionsbilder ist ihr gemeinsames Foto im Präsidentenpalast: Villa thront in seiner schwarzen Generalsuniform lustig strahlend auf dem Präsidentenstuhl, während Zapata in seiner typischen Charro-Tracht 21 mit ernsten Blick an seiner Seite sitzt, auf den Knien ein riesiger Sombrero. Sie werden von einer großen Anhängerschar umringt. 22 In den zehn Jahren bewaffneter Revolutionsphase kämpfte Villa in Nord- und Zapata in Südmexiko, jeweils gegen wechselnde Gegner. Wegen ihren Schlachten, ihren Handlungen aber vor allem durch ihr langes Durchhaltevermögens im Kampf wurden sie zu lebenden Legenden. Beide starben in jungem Alter: Zapata mit 39 und Villa mit 45. Beide wurden durch Komplotts ihrer Gegner ermordet; bei beiden bedeutete ihr Tod zugleich das Ende ihrer militärischen Bewegungen. Vom einfachen Volk verehrt und von den Mittel- und Oberschichten gehasst und gefürchtet, war ihr Leben jedoch nur ein kurzes Vorspiel im Vergleich zur Wirkung, die sie in ihren respektiven „Nachleben“ entfalteten. Diese „Nachleben“ werden in den drei nun folgenden kulturrelevanten
20 Vgl. Samuel Brunk, Remembering Emiliano Zapata: Three Moments in the Posthumous Career of the Martyr of Chinameca, in: The Hispanic American Historical Review, Vol. 78, No. 3 (Aug. 1998), S. 457-490, S. 463.
21 Als Charro bezeichnet man in Mexiko den Cow-Boy vom zentralen Hochland. Seine typische Tracht besteht aus engen Hosen mit silbernen Knöpfen an den Seiten, dazu eine enge Jacken und der typische große Sombrero. Um den Hals trägt er meistens ein krawattenähnliches buntes Tuch. Zapata bevorzugte als Pferdezüchter dieses elegante Outfit vom Lande, das er vor allem bei offiziellen Anlässen stolz trug. Es gibt kaum Bilder von ihm mit den typischen Calzones, den Wollhosen die die Campesinos zum arbeiten trugen. Als Charro wollte er seinen ländlichen Ursprung und seine Identität betonen, und wurde ein wesentlicher Bestandteil seiner ikonischen Darstellung.
22 Vgl. Samuel Brunk, The Posthumous Career of Emiliano Zapata: Myth, Memory, and Mexico’s Twentieth Century, Austin 2008, S. 3.
8
Abschnitten untersucht, um Villa und Zapata als Erinnerungsorte der Mexikanischen Revolution darzustellen und deutlich zu machen, was sie für die Mexikaner und das Ausland bedeuten.
2.1. Nachleben im „postrevolutionären Alltag“ Mexikos
Dieser Abschnitt bezieht sich auf die Zeit nach der bewaffneten Revolution ab 1920. Mit den Jahren 1919 bzw. 1923 beginnt, parallel zum Institutionalisierungsprozess der Sonorenser, das Nachleben von Zapata und Villa. Mit ihrem Ableben fängt ihre „Entwicklung“ zu Erinnerungsorten der Mexikanischen Revolution an. Diese Entwicklung findet im gesellschaftlichen Alltag statt, und lässt sich aus zwei Perspektiven auf die Toten differenzierter darstellen: einerseits der des politischen Establishments (von Oben) und andererseits aus der des einfachen Volkes (von Unten). Warum gilt das so? Denis Gilbert räumt Zapata einen einzigartigen Status ein, den man in ähnlicher Weise auch für Villa gelten lassen könnte: „[…] Zapata is unique among national heroes: he is at once an official icon and a notorious subversive.” 23 Diese „doppelte Dimension“ der Erinnerungsorte macht eine differenzierte Betrachtung nötig. In erster Linie geht es dabei um den Stellenwert des Erinnerungsortes für die jeweilige Gruppe. Für jede von ihnen stellen sich spezifische Untersuchungskriterien. Beim Establishment geht es vor allem um dessen posthume Bewertung von Villas und Zapatas Rolle innerhalb der Revolution: wie ging die neue Führungselite des Landes mit ihren Gebeinen um? Wurden sie in die „Revolutionsfamilie“ aufgenommen und zu Leitmotiven der neuen Mexicanidad gemacht? Fanden ihnen zu Ehren besondere Rituale statt? Bemächtigte man sich ihrer Namen und Andenken zwecks politischer Legitimierung? Das Volk hält die Erinnerung vor allem anhand von Mythen und Geschichten wach. Davon gibt es, besonders für Villa, eine ganze Menge. Auch die typischen Corridos geben Aufschluss über das Volkserinnern: Wie wurden beide gesehen bzw. als was wurden sie wahrgenommen? Wurden für Villa und Zapata Museen oder Kultstätten eingerichtet? Verwendeten bestimmte Volksgruppen ihre Namen zu bestimmten Absichten? All diese unterschiedlichen Erinnerungskategorien bestimmen den gesellschaftlichen Alltag beider Nachleben.
23 Dennis Gilbert, Emiliano Zapata: Textbook Hero, in: Mexican Studies / Estudios Mexicanos, Vol. 19, No. 1 (Winter, 2003), S. 127-159, S. 128.
9
2.1.1. Nachleben im PRI-Establishment
In ihren Heimatprovinzen und den umliegenden Regionen hatten Zapata und Villa als Volksführer ihre Autorität, ihre Rekrutierungsgebiete und gewissermaßen einen „Heim-vorteil“ im Kampf gegen ihre Gegner. 24 Das verlieh ihren Bewegungen einen regionalen Charakter. In den Städten dagegen, wo die bürgerlichen Mittelschichten dominierten, galten beide als blutrünstige Banditen, die die hasserfüllten Massen gegen die Ober- und Mittelschichten in Mexiko-City mobilisierten. Die bürgerliche Presse gab ihnen Namen wie „Attila des Südens“ oder „Centaur des Nordens“. 25 Als es Carranza 1919 gelang Zapata in Chinameca (einem kleinen Ort in Morelos) in eine Falle zu locken und zu ermorden, atmete die Hauptstadtpresse erleichtert auf: der Unruhestifter aus dem Süden war endlich beseitigt worden. Nun konnte man alle Kräfte gegen Villa im Norden mobilisieren und die Revolution der armen Massen beenden. Die Leiche Zapatas wurde prozessionsartig auf einem Pferd, von Süden nach Norden, durch die Dörfer Morelos nach Cuautla gebracht. Die Campesinos sollten sehen, dass ihr großer Anführer tot war. Carranza war jedoch dagegen, seine Überreste in die Hauptstadt zu schicken, weil ihm damit einen zu wichtiger Status eingeräumt würde. 26 Um die Tat landesweit zu beweisen fotografierte man Zapatas Leichnam und schickte die Bilder nach Mexiko-City. Die Abbildungen erschienen binnen weniger Tage in allen mexikanischen Zeitungen. Zapata wurde dann unter staatlicher Aufsicht (der seiner Mörder) und im Beisein der konsternierten Bevölkerung von Morelos auf schlichte Weise im Dorf Cuautla beigesetzt. 27 Anders erging es Villa, der erst nach der bewaffneten Revolutionsphase starb. Als 1923 Unbekannte in Parral einen Anschlag auf seinen Wagen
24 Zapata war primär in Morelos (seine Heimatprovinz) und den südlichen Provinzgürtel um Mexiko-City stark. Dort verkörperte er für die Landbevölkerung den Volksführer, der für die Landrückgabe kämpfte. Seine Bewegung bestand fast vollständig aus Campesinos (Bauern) indianischen bzw. mestizischen Ursprungs. Interessanterweise blieben seine „Kämpfer“ während des gesamten Revolutionskonflikts Bauern, die während den Guerilla-Kampfhandlungen in ihre Dörfer zurückkehrten um ihren Acker zu bearbeiten. Die politischen Forderungen des Zapatismus basierten im wesentlichen auf die Landrückgabe der Haziendas an die Bauern. Später kamen auch Forderungen nach Enteignungen zwecks Landzuteilung an Landlose Bauern hinzu. Villas Kerngebiet war der mittlere Norden Mexikos (v.a. seine Heimatprovinz Durango und Chihuahua). Seine Bewegung gilt in der Forschung als heterogener im Vergleich zu der von Zapata. Sie bestand im wesentlichen aus ländlichen Unterschichten. Auch Villas Kampfmotive scheinen diffuser und weitreichender zu sein als bei Zapata. Bei Villa spielte weniger die Agrarkomponente eine Rolle, sondern eine allgemeine Abschaffung des Hazienda-Systems, mehr soziale Gerechtigkeit für die Armen und die Abschaffung der Schuldknechtschaft. Seine División del Norte war im Vergleich zu Zapatas Ejército Libertador del Sur was die Organisation und die Kampftaktik angeht sehr verschieden (was v.a. an den geographischen Unterschieden zwischen Norden und Süden liegt). Villas División war eher mit einer klassischen Armee zu vergleichen, die Frontalschlachten im flachen Gelände bevorzugte. Außerdem verwendete Villa Artillerie und benutzt Züge zur Fortbewegung seiner Truppen. Zapata kämpft im bewaldeten Hochland auf unwegsamem Gelände. Daher wendet er die Guerilla-Taktik an, die es ihm erlaubt mit weniger Männer im „heimischen“ Gelände Überraschungsangriffe auszuführen.
25 Vgl. Samuel Brunk, The Posthumous Career of Emiliano Zapata, S. 28-40, v. a. 33.
26 Vgl. Ebd., S. 42.
27 Vgl. Ebd., S. 42f.
10
verübten, war er schon seit drei Jahren stolzer Hazienda-Besitzer und „im Ruhestand“. Man geht aber heute davon aus, dass es Obregón und/oder Calles waren, die den Befehl zum Mord gaben, weil sie eine Rückkehr Villas in die Öffentlichkeit fürchteten. 28 Villa hatte sich während seiner kurzen Zeit als Gouverneur von Chihuahua dort ein Mausoleum bauen lassen. Der neue Gouverneur Henríquez weigerte sich aber ihn dort bestatten zu lassen. 29 Deshalb wurde der kleine Friedhof von Parral über viele Jahre zu seiner Ruhestätte. Jedoch nicht zur endgültigen, da in den noch kommenden Jahren sowohl die Erinnerung als auch die Überreste Villas eine Rolle spielen sollten. Was nach dem Tod beider Revolutionsführer geschah, war die Verbreitung zwei regional verankerter Mythen über das ganze Land; und das geschah innerhalb nur weniger Jahre. 30 Während vor ihrem Tod ihre Autorität und Annerkennung eher regional begrenzte war wuchs sie nun über diese Grenzen hinaus. Dieser Ausbreitungsprozess über das gesamte Land ist eng mit Mexikos soziopolitischer Entwicklung verzahnt und lässt sich mit Hilfe einer vierstufigen Periodisierung anschaulich machen. 31 1920 besiegten die Sonorenser, als Anführer einer breiten politischen Koalition der auch die besiegten Zapatisten angehörten, ihren ehemaligen Verbündeten Präsident Carranza. Ihnen sollte, als „Architekten“ des nachrevolutionären Konsolidierungsprozesses, die Aufgabe zukommen, Zapata und Villa einen neuen offiziellen Status zu geben. Das neue Establishment behandelte beide Männer auf sehr unterschiedliche Wiese. Der ehemalige Verlauf der Revolutionskämpfe war in erster Linie für die Haltung von Alvaro Obregón und Plutarco Elías Calles zu Zapata und Villa ausschlaggebend. 1915 siegte die Anti-Huerta-Koalition, um kurz darauf in zwei Lager zu zerfallen: Obregón und Calles verbündeten sich mit Carranza gegen das Bündnis von Villa und Zapata. 32 In den darauf folgenden Kämpfen zwischen Konstitutionalisten und Konventionalisten, wurde Villa im Norden ihr direkter Feind, gegen den sie mehrere blutige
28 Vgl. Friedrich Katz, The Life and Times of Pancho Villa, Stanford 1998, S. 771-782.
29 Vgl. Friedrich Katz, Life and Times of Villa, S. 788f.
30 Vgl. Samuel Brunk, The Posthumous Career of Emiliano Zapata, S. 58.
31 Die nachrevolutionäre Geschichte Mexikos lässt sich in vier Perioden aufteilen: 1. 1920-1934/35: Konsolidierungsphase durch die Sonorenser unter Álvaro Obregón und Plutarco Elías Calles; 2. 1934/35-1940: Vollendung der Institutionalisierten Revolution durch eine Phase sozialer Reformen unter Lázaro Cárdenas; 3. 1940-1968: Milagro Mexicano als eine Zeit der kapitalistischen Anpassung und der industriellen Entwicklung, die zu mehreren „Wohlstandsjahren“ führt; 4. 1968-2000: Krise des nachrevolutionäres Einheitssystems der PRI-Partei durch Legitimitätsverlust in der Bevölkerung, Wirtschaftskrisen und neoliberale Wende. 2000 beendet der Wahlsieg der rechts-konservativen PAN-Partei die 80jährige Herrschaft der nachrevolutionären Einheitspartei. 2006 siegt die PAN bei den Wahlen erneut.
32 Konstitutionalisten gegen Konventionalisten; die Sonorenser, angeführt von Obregón und Calles, hatten lange Zeit zwischen Carranza und Villa/Zapata gestanden. Letztlich schlossen sie sich, v.a. wegen den größeren ideologischen Schnittmengen, Carranzas Lager an. Dieser Schritt senkte die Waage entscheidend für den Sieg der Konstitutionalisten.
11
Schlachten führten. Gleichzeitig wurde Zapata von Carranzas Truppen im Süden allmählich besiegt. Obregón und Calles standen Zapata aufgrund dieser Ausgangsposition wesentlich offener gegenüber als Villa, der ihren langjährigen Erzfeind im Norden verkörperte. Wie Katz treffend bemerkt, hätte eine Anerkennung Villas durch Obregón und Calles eine Schmälerung ihrer militärischen Leistungen bedeutet. 33 Dies wirkte sich unmittelbar darin aus, dass man von offizieller Seite Zapata schnell in die neue Staatsideologie zu integrieren versuchte, während man Villa für die nächsten Jahre ignorierte. Er wurde während der gesamten Herrschaft der Sonorenser bis ca. 1935 von der offiziellen Revolutionserinnerung ausgeschlossen, indem man ihn z.B. bei Revolutionsfeiern nicht nannte, ihm keine Mahnmale/Statuen widmete und weder seinem Geburts- bzw. Todesdatum gedachte. 34 Man verweigerte ihm auch die Bestattung an seinem Wunschort. Als 1926 Unbekannte sein Grab in Parral öffneten und die Leiche enthaupteten (sein Kopf tauchte nie wieder auf), handelte die Justiz nur langsam und zögerlich; obwohl es mehrere Indizien und einen Verdächtigen gab. 35 Auch war Villa, was seine Person und Taten angeht, umstrittener als Zapata. Die Ablehnung eines brutal-gewalttätigen Menschen, der im Revolutionsverlauf mehrmals durch blutige Aktionen aufgefallen war (z.B. Massenhinrichtungen von Gefangenen, Überfall auf die US-Stadt Columbus 1916, etc.), lässt sich daher seitens der Mittel- und Oberschichten gut nachvollziehen. Das System von Calles 36 wollte die städtischen Mittelschichten zu Hauptträgern der postrevolutionären Ordnung machen. 37 Unter diesem politischen Vorzeichen war Erinnerung an Villa der Sache nicht dienlich. Seine offizielle „Karriere“ als Erinnerungsort begann daher, im Vergleich zu anderen Revolutionären wie Madero, Zapata Carranza oder Obregón, die schnell in die „Revolutionsfamilie“ aufgenommen wurden, erst später.
Dagegen hatte Zapata, wegen fehlenden „Kampfkontakt“ mit Obregón und Calles, wie bereits erwähnt, eine günstigere Ausgangslage als Villa. Obregón begriff schnell, dass die postrevolutionäre Konsolidierung nur erreicht werden konnte wenn man die Ursachen für die Revolution beseitigte. Eine dieser Ursachen war die Agrarfrage in Morelos gewesen, als deren Sprachrohr Zapata galt. Während seiner Amtszeit begann
33 Vgl. Friedrich Katz, Life and Times of Villa, S. 790.
34 Vgl. Ebd., S. 790.
35 Vgl. Haldeen Braddy, The Head of Pancho Villa, in: Western Folklore, Vol. 19, No. 1 (Jan. 1960), pp. 25-33. Die Geschichte um die Enthauptung von Villas Leiche ist voller Mythen und Legenden umwoben.
36 Plutarco Elías Calles regierte von 1924 bis 1928 (Obregón als Vorgänger von 1920 bis 1924). Zwischen 1928 bis 1935 blieb Calles als Revolutionsführer im Hintergrund und ließ Marionetten-Präsidenten regieren. Diese Phase bezeichnet man als das Maximat (maximato).
37 Vgl. Max Parra, Writing Pancho Villa’s Revolution, 2005, S. 14.
12
Obregón dort die Agrarreform voranzutreiben. Als Begleiterscheinung dieser Landverteilung kam es dann auch zur staatlichen Übernahme bzw. allmählichen Anpassung des regionalen Zapata-Kults. Man erhoffte sich durch dieses Vorgehen den regionalen Zapata-Kult zu bremsen und die Zapatisten so in das neue System zu integrieren. 38 Dafür musste ein neuer Zapata-Mythos von nationalem Ausmaß geschaffen werden, mit genug identitätsstiftender Wirkung um die Mexicanidad zu festigen. Seine allmähliche Eingliederung in die „Revolutionsfamilie“ legitimierte letztendlich sowohl Zapata selbst (nach dem Motto „er hatte Recht“) sowie auch seine Bewegung. 39 Nun galt er nicht mehr als „Attila des Südens“, sondern avancierte langsam aber stetig in den 20er und 30er Jahre zu einem der „Gründungsväter“ des postrevolutionären Einheitsstaats. 40 Zapata verlieh dem neuen mexikanischen System und seinen Machthabern Legitimität, und diese Aufgabe sollte der Zapata-Mythos über viele Jahre erfüllen. Er wurde in staatlichem Auftrag auf Diego Riveras berühmten Wandbildern abgebildet, immer als „Vertreter“ der Agrarrevolution. 41 Die Todesfeiern zum Jahrestag seiner Ermordung, die in Cuautla jeden 10. April stattfanden, wurden schnell zur Bühne staatlicher Selbstlegitimierung. 42
Samuel Brunk unersuchte die verschiedenen Trauerfeiern und ihre Symbolik im Zeitverlauf. In den 20ern und 30ern wird deutlich, wie sich der organisatorische Aufwand, sowie die Beteiligung von Hauptstadtpolitiker, jedes Jahr etwas intensiviert. 43 Laut Brunk gibt es vom ersten Jahrestag 1920 keine Zeugnisse, was auf eine schlichte und familiäre Zeremonie hindeutet (zum dem Zeitpunkt war Carranza noch an der Macht). Aber bereits im Jahr darauf wird der 10. April in Morelos zum Volkstrauertag erklärt. An Zapatas Grab sprechen die intellektuellen „Hauptstadt-Zapatisten“ Díaz Soto y Gama und Landwirtschaftsminister Villarreal. 44 1922 schickt Präsident Obregón eine Militärkapelle und Vertreter mit einem Blumenkranz. 1923 wird es aufwendiger; neben
38 Vgl. Samuel Brunk, The Posthumous Career of Emiliano Zapata, S. 65: Die ersten die sich 1920 Obregón anschlossen waren die zwei wichtigsten Anführer der Zapatisten Gildardo Magaña und Genovevo de la O.
39 Es fand eine symbiotische Konkordanz statt: Zapatistische Intellektuelle schlossen sich dem neuen Regime an und erhielten dafür Positionen im Staat: Vgl. Samuel Brunk, The Posthumous Career of Emiliano Zapata, S. 65.
40 Vgl. Ebd., S. 83.
41 Eine gute Übersicht von Mexikos Wandbildern erhält man u.a. in: Diego Rivera, Ausstellungen 1986/88 in den USA, Berlin 1987. Wand Bild Mexiko - Katalog zur Ausstellung „Horizonte 82 - Lateinamerika“ der Nationalgalerie Berlin, Berlin 1982. Antonio Rodriguez, Der Mensch in Flammen: Wandmalereien in Mexiko, Dresden 1967.
42 Brunk betont jedoch, dass die frühen Trauerfeiern in Morelos nicht vom Staat organisiert wurden, sondern von den Zapatisten und den Provinzpolitikern aus Morelos (Magaña, De La O, etc.). Diese luden dann die Persönlichkeiten aus Mexiko-City ein. Für die Sonorenser war es eine gute Gelegenheit die Beziehungen mit den Zapatisten zu normalisieren, und sich den Zapata-Mythos anzueignen: Vgl. Samuel Brunk, Remembering Emiliano Zapata, S. 465f.
43 Vgl. Samuel Brunk, The Posthumous Career of Emiliano Zapata, S. 67-72.
44 Vgl. Ebd., S. 68.
13
Arbeit zitieren:
Juan Esteban Zorzin, 2009, Emiliano Zapata und Francisco Villa als Erinnerungsorte der Mexikanischen Revolution, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Juan Esteban Zorzin hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare