Die Auswirkungen von funktionalem Analphabetismus auf das Selbstkonzept
1 Einleitung 3
2 Definition von Analphabetismus 4
2.1 Allgemeines 4
2.2 primäre Analphabeten 5
2.3 sekundäre Analphabeten 5
2.4 funktionaler Analphabetismus 6
2.5 Verbreitung in Deutschland 7
3 Entwicklung des Selbstkonzepts 9
3.1 Allgemeines 9
3.2 Das Säuglingsalter 10
3.3 Die Kindheit 10
3.4 Das Jugendalter 12
3.5 Das Erwachsenenalter 12
3.6 Das hohe Erwachsenenalter 14
4 Hilfsangebote für funktionale Analphabeten 15
4.1 Die Motivation 15
4.2 Die klientenzentrierte Gesprächsführung 16
4.3 Das Case Managment 17
5 Schlussteil 18
6 Literaturverzeichnis 20
2
1 Einleitung
Udo Friedrichsen ist 27 Jahre alt. Er ist einer von schätzungsweise vier Millionen funktionaler Analphabeten in Deutschland. Seine Kindheit war geprägt von gesundheitlichen Problemen. Er war als Kind häufig krank und verpasste daher wiederholt den Schulunterricht. Seine Mitschüler hänselten ihn oft, da er kleiner und schwächer war als sie. Sein sozialer Kontakt bestand entweder aus Missachtung oder Schlägereien. Er hatte große Schwierigkeiten im Lernstoff mitzukommen und als er sich gerade an eine Lehrerin gewöhnt hatte, blieb er in der dritten Klasse schon zum zweiten Mal sitzen. Die neue Lehrerin kümmerte sich nicht um ihn, bedachte ihn nur hin und wieder mit abwertenden Blicken und Kommentaren.
Auch zu Hause erging es ihm nicht besser. Er wurde auch von seinen Geschwistern gehänselt und der Vater brüllte ihn nur an. Seine Mutter war von ihrer Hilflosigkeit überwältigt und weinte nur noch, während seiner Grundschulzeit. Also konnte er von zu Hause auch keine Hilfe erwarten. Ihm wurde dieselbe Aufmerksamkeit zuteil wie in der Schule und mit der Zeit kapselte er sich immer mehr ab. Schließlich gab er die Hoffnung auf, in der Schule noch irgendetwas zu lernen. Er saß seine Schulpflicht ab und verließ die Schule dann ohne Hauptschulabschluss. Doch nach der Schule fand er keine Lehrstelle, da seine Zeugnisse zu schlecht waren. Er machte ein Berufsvorbereitungsjahr, doch lesen und schreiben lernte er hier auch nicht. Schließlich fand er eine Stelle als Hilfsarbeiter bei einer Baufirma. Hier kam er nur selten mit Schrift in Berührung. Die wenigen Schilder an den Maschinen hatte er sich während der Einweisung eingeprägt. Da er keine Straßenschilder lesen konnte, hatte er den Weg zu seiner Arbeit auswendig gelernt. Wenn er Formulare für Behörden ausfüllen musste, bat er immer seine Freundin um Hilfe. Doch als Udo arbeitslos wurde, verließ sie ihn. Es wird immer schwieriger für ihn Arbeit zu finden, denn einfache Jobs werden immer seltener. Aber das vorrangige Problem ist, dass er gar keine Bewerbungen schreiben kann. Und in seinem Umfeld weiß niemand, dass Udo funktionaler Analphabet ist. 1
1 Informationen aus: Giere, U. 2005, S. 10
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Wie kann man so ein Leben führen? Diese ständige Hilflosigkeit? Dieses Versteckspiel? Immer das Gefühl nicht voll und ganz am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, immer die Vorstellung minderwertiger zu sein als andere.
Warum, frage ich mich hier, warum lernen diese Menschen nicht einfach lesen und schreiben?
Die Antwort ist in ihrer Biographie zu finden. Sie haben meist nur negative Lernerfahrungen, die oft so stark mit Misserfolg, Geringschätzung, Enttäuschungen assoziiert werden, dass sie wirklich davon überzeugt sind, dass sie nicht lesen und schreiben können.
Ich möchte in meiner Hausarbeit einen Einblick in die psychischen Ursachen geben, die funktionale Analphabeten davon abhält, ihr Leben zu verändern. Beginnen möchte ich mit einem Überblick über die verschiedenen Arten von Analphabetismus und ihrer Verbreitung in Deutschland, um dann auf Aspekte des Selbstkonzeptes einzugehen, die bei funktionalen Analphabeten dazu führen sich minderwertig zu fühlen. Schlussendlich möchte ich einige Hilfestellungen darlegen, die diesen Menschen aus ihrer Situation heraus helfen könnten.
Ziel meiner Arbeit ist es aufzuzeigen, warum es so schwer für Analphabeten ist, aus ihrem „Versteck“ herauszukommen, um lesen und schreiben zu lernen und damit wieder ein vollwertiges, aktives Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. Denn mir selbst ist es, bevor ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, selbst sehr schwer gefallen, das zu verstehen.
2 Definition von Analphabetismus
Um erst einmal auf das nun zu diskutierende Thema einzustimmen, möchte ich eine kleine Einführung geben. Bevor ich mich überhaupt mit dem Thema der Auswirkungen von funktionalem Analphabetismus auf das Selbstkonzept beschäftige, sollte zunächst geklärt werden, was Analphabetismus ist und vor allem was einen funktionalen Analphabeten ausmacht.
2.1 Allgemeines
Analphabeten gab es schon immer, doch der Wandel der Gesellschaft hat sie erst zur Randgruppe gemacht. Vor wenigen Jahrhunderten gab es vom
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Verhältnis nicht weniger Analphabeten, als es heute gibt. Es war damals keine notwendige Bedingung lesen oder schreiben zu können, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Als im 17. Jahrhundert die Schulpflicht in Deutschland eingeführt wurde, rückte die Schriftsprache immer mehr in den Mittelpunkt. Seit dieser Zeit haben es Analphabeten immer schwerer ihr Leben zu organisieren und aktiv Teil der Gesellschaft zu sein. Doch erst Ende des 20. Jahrhunderts wird Analphabetismus in Deutschland wieder ein zentrales Thema. Die ökonomische Krise bringt immer mehr Menschen zum Vorschein, die nicht lesen und schreiben können. Der Abbau von Arbeitsplätzen erhöht den Konkurrenzkampf und die Bedeutung von formalen Grundkenntnissen wächst. Außerdem gibt es zunehmend weniger Neben- oder Hilfsjobs, bei denen lesen und schreiben nicht unbedingt erforderlich ist. Zu dieser Zeit zeigte sich auch, dass die bislang gültige Definition von Analphabeten in Deutschland überholt war.
2.2 primäre Analphabeten
Nur noch ein geringer Anteil der Analphabeten in Deutschland erfüllt die internationalen Kriterien eines typischen Analphabeten. „Menschen die aufgrund von körperlichen oder anderen Behinderungen keine Schriftsprachenkenntnisse erwerben können (…) Eine weitere Gruppe der totalen Analphabeten stellen jene Ausländer dar, die in ihrem Heimatland keine Schule besuchen konnten und dann nach Deutschland immigriert sind (..) Wenn jemand wegen fehlendem Schulbesuch nie lesen und schreiben gelernt hat, spricht man von primären Analphabeten.“ 2
2.3 sekundäre Analphabeten
Die zweite Art ist dadurch gekennzeichnet, dass die Schriftsprache vermieden, nicht benutzt wird, was zum Entlernen der Sprache führt. Diese Gruppe bezeichnet man als sekundäre Analphabeten. „Sekundärer Analphabetismus liegt vor, wenn nach mehr oder weniger erfolgreichem Erwerb der Schriftsprache während der Schulzeit in späteren Jahren ein Prozess des Verlernens einsetzt und Kenntnisse und Fähigkeiten verloren gehen, wodurch eine Unterschreitung des gesellschaftlich bestimmten
2 Döbert, M. & Hubertus, P. 2000, S. 20
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Mindeststandards eintritt. Damit ist der sekundäre Analphabet ein Sonderfall des funktionalen Analphabetismus.“ 3
Das heißt, wenn man sich nicht kontinuierlich mit der Schrift auseinandersetzt, kann es sein, dass man Erlerntes wieder vergisst.
2.4 funktionaler Analphabetismus
Die in Deutschland am häufigsten auftretende Form ist der funktionale Analphabetismus. Es ist sehr schwierig, eine geeignete Definition für diese Art zu finden.
So definiert sie die UNESCO: „ Funktionaler Alphabet ist eine Person, die sich an all den zielgerichteten Aktivitäten ihrer Gruppe und Gemeinschaft, bei denen Lesen, Schreiben und Rechnen erforderlich sind und ebenso an der weiteren Nutzung dieser Kulturtechniken für ihre eigene Entwicklung und die ihrer Gemeinschaft beteiligen kann.“ 4
Zutreffender finde ich jedoch eine andere Definition von F. Drecoli: „Funktionaler Analphabetismus bedeutet die Unterschreitung der
gesellschaftlichen Mindestanforderungen an die Beherrschung der Schriftsprachen, deren Erfüllung Vorraussetzung ist zur sozial streng kontrollierten Teilnahme an schriftlicher Kommunikation in allen Arbeits- und Lebensbereichen.“ 5
Festzuhalten ist, dass man die Trennung von funktionalen Analphabeten und alphabetisierten Menschen nicht global ziehen kann. Man muss sie für einzelne Länder festlegen, je nachdem wie hoch die Anforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache im jeweiligen Land sind. Eine Person kann in einem Land als alphabetisiert gelten und wenn sie in ein weiterentwickeltes Land immigriert ist sie funktionaler Analphabet. So könnte es vielen Ausländern gehen die nach Deutschland kommen.
Von einer Industrienation wie Deutschland, in der eine neunjährige Schulpflicht herrscht, vermutet man eine geringe Anzahl von funktionalen Analphabeten.
3 Döbert, M. & Hubertus, P. 2000, S. 23
4 Döbert, M. & Hubertus, P. 2000, S. 21
5 Döbert, M. & Hubertus, P. 2000, S. 21
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Arbeit zitieren:
Marianne Stein, 2005, Die Auswirkungen von funktionalem Analphabetismus auf das Selbstkonzept, München, GRIN Verlag GmbH
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