Das römische Kastell Gholaia / Bu Njem
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Phase 1 (201-238 n. Chr.) 4
2.1. Die centuriones von Gholaia 4
2.2. Ein magister und der numerus conlatus 6
2.3. Die Truppenstärke und Namen der Soldaten 8
3. Phase 2 (238-259/263 n. Chr.) 8
3.1. Die garnisonierten Einheiten und der Kommandant 8
3.2. Die Dienstgrade und Aufgaben der stationierten Soldaten 9
3.3. Die Truppenstärke, die Außenposten und der Dienst am limes 14
4. Die Aufgabe des Kastells 15
5. Der vicus 16
5.1. Die Mauer und das Innere des vicus 16
5.2. Das „Bâtiment aux Niches“ 17
5.3. Graffiti aus dem vicus 19
6. Zusammenfassung 20
7. Anhang 21
7.1. Literaturverzeichnis 21
7.2. Abbildungsverzeichnis 23
7.3. Abbildungen 24
2
1. Einleitung
Das römische Kastell Gholaia (Bu Njem, Libyen), das eine Größe von 1,28 ha 1 (138 x 93 m) hat (Abb. 1), entdeckte der Brite Lyon 1819. Anfang des 20. Jhs. wurde es weitestgehend durch den Bedarf an Baumaterial für zwei nahe gelegene neuzeitliche Militärlager zerstört. Die ersten detaillierten Pläne legte Goodchild an, und ab 1967 fanden diverse französische Grabungen unter der Leitung von René Rebuffat statt. 2 Es kamen zahlreiche Inschriften, Graffiti und Siegel zu Tage, die in die Zeit zwischen 201 bis 263 n. Chr. datieren. 3 Darüber hinaus fand man 146 ostraca, davon 126 in den principia, zehn verstreut im Lager und zehn auf einer Müllhalde außerhalb des Kastells. 118 stehen in einem militärischen Kontext. Dies stellt einen einzigartigen Fund an ostraca dar. 4 Neun ostraca sind datiert: je eines auf 253 und 254 n. Chr. sowie sieben auf 259 n. Chr., die auch gleichzeitig die letzten datierten Dokumente darstellen. 5 Die meisten der Briefe, die in Bu Njem empfangen wurden, sind an den praepositus, den Kommandanten des Kastells adressiert und stammen von Außenposten. 6 Die Texte kann man in drei Kategorien einteilen: zum einen gibt es tägliche Berichte mit Datum, Mannschaftsstärke, Krankenstand, zahlenmäßigem Zustand in Bezug auf die verfügbaren Arbeiter der Einheit (teilweise mit Zuordnungen wie „ad balneum“ und „ad furnum“), zweitens Ereignisprotokolle des jeweiligen Tages und schließlich den empfangenen Briefverkehr. Die täglichen Berichte sind nur auf einen bestimmten Tag, nicht aber auf ein Jahr datiert, weswegen man daher nie mit Sicherheit sagen kann, ob einzelne Berichte aus demselben Jahr stammen. 7 Anhand dieser 62 oft nur fragmentarisch erhaltenen Tagesberichte, kann das Alltagsleben der Soldaten nachgezeichnet werden. 8
Die Errichtung von Bu Njem an einer wichtigen Karawanenroute ist - wie Gheriat el-Garbia - im Zuge der severischen Expansion zu sehen. 9 Vom 24.01.201 bis 259/263 n. Chr. gehörte Gholaia einem Netzwerk römischer Kastelle an. 10 Die ostraca bezeugen, dass das Kastell nicht als isolierter Außenposten angelegt wurde, sondern dass es als wichtiger Knotenpunkt für Observationen und als Basis für
1 Nutzbare Innenfläche: 1,15 ha.
2 Mattingly 1995, 95.
3 Rebuffat 2000, 227.
4 Marichal 1992, 4f.
5 Marichal 1979, 436.
6 Marichal 1992, 57.
7 Marichal 1979, 438ff.
8 Rebuffat 2000, 238.
9 Ruprechtsberger 1993, 14.
10 Rebuffat 2000, 228.
3
Patrouillen in einer ausgedehnten Region zu sehen ist. Die Militärzone in Tripolitanien stand seit Anfang des 3. Jhs. unter dem Oberbefehl des Legaten der legio III Augusta, der gleichzeitig Statthalter von Numidia war. 11 Der Ursprung des Namens Gholaia ist verschiedenartig überliefert. So ist ein Altar dem genio gholaiae geweiht, eine Inschrift nennt die vexillatio, die das Kastell Chol baute 12 und eine weitere Inschrift nennt den decurio alae, der der vexillationi golensi vorstand. 13 Mehrere ostraca aus den 250er Jahren weisen den Namen golas auf 14 und die Tabula Peutingeriana den Namen Chosol. 15
In dieser Arbeit wird näher auf die Besatzung, die Aufgaben und die Funktion des Kastells und des vicus von Bu Njem und seiner Außenposten aufgrund von inschriftlichen und schriftlichen Quellen eingegangen werden. In Bezug auf den vicus werden auch die archäologischen Befunde herangezogen. Die Arbeit stützt sich hauptsächlich auf die wissenschaftlichen Berichte, Beiträge und Grabungsberichte von René Rebuffat, der das Kastell in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren des 20. Jhs. eingehend untersucht hat sowie die Auswertungen von Marichal, der die zahlreichen ostraca ediert und unter wissenschaftlichen Aspekten ausgewertet hat.
2. Phase 1 (201-238 n. Chr.)
2.1. Die centuriones von Gholaia
Am 24.01.201 wurde das Kastell Gholaia von einer vexillatio der legio III Augusta errichtet 16 , und die Garnison bestand von 201 bis 238 n. Chr. 17 aus einer solchen vexillatio sowie später zusätzlich aus einem numerus conlatus unter dem Kommando eines centurio legionis. 18 Eine Inschrift, die aus dem praetorium stammt, nennt diese vexillatio unter dem centurio Iuulius Dignus, der am ersten Tag zu diesem Ort kam 19 . 20 Eine zweite Inschrift, die knapp fünf Jahre nach Bau des Kastells am nahen Jupiter Hammon-Tempel angebracht wurde, bezieht sich rückwirkend auf die Errichtung des Kastells und berichtet von der Rückkehr der vexillatio am 26.12.205. 21
11 Mattingly 1995, 84.
12 Inschrift (AE 1976,698): Speidel 1988, 100 und Rebuffat 1985b, 226.
13 Inschrift: Rebuffat 1985a, 127.
14 Rebuffat 1972/73a, 135.
15 Ebd., 139.
16 Speidel 1988, 99.
17 Nach einer Erhebung gegen den Kaiser fiel die legio III Augusta 238 n. Chr. der damnatio memoriae anheim (Mattingly 1995, 83).
18 Marichal 1979, 436.
19 Inschrift (AE 1976,700): Rebuffat 1985b, 226.
20 Rebuffat 1985b, 226.
21 Inschrift (AE 1976,698): Speidel 1988, 100 und Rebuffat 1985b, 226.
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Das Badegebäude in Gholaia wurde 202/3 n. Chr. unter dem centurio Q. Avidius Quintianus errichtet, der sich mit einem dort, auf einer grauen Kalksteinstele angebrachten Gedicht, der Nachwelt überliefert hat 22 , was einen Wechsel des Kommandanten seit der Errichtung des Kastells impliziert. 23 Für 205 n. Chr. ist der centurio Tullius Romulus bekannt, wobei der in der Inschrift genannte Titel praepositus vexillationis, einen Kommandeur einer vexillatio der Legion bezeichnete und in Tripolitanien nur für größere Kastelle verwendet wurde 24 . 25 Demnach lösten sich zwischen Januar 201 und Dezember 205 n. Chr. verschiedene vexillationes in Gholaia ab. 26
Es ist laut Rebuffat unwahrscheinlich, dass die erste vexillatio in der Zwischenzeit zu ihrer Legion in Lambaesis zurückkehrte. Eher war sie nach Vollendung des Kastells von Gholaia, weitere vier Jahre in den Wüstenoasen unterwegs um zusätzliche Außenposten zu bauen oder zu besetzen, möglicherweise zusammen mit vexillationes aus Gheriat el-Gharbia und Ghadamès. 27 Speidel, der Vergleiche aus Ägypten heranzieht, vertritt jedoch die These, dass die erbauenden Soldaten weder fünf Jahre in Gholaia blieben, noch auf weiter abseits gelegene Posten in der Wüste abkommandiert waren. Sie kehrten, so Speidel, nach maximal 18 Monaten zu ihrem Hauptlager (Lambaesis) zurück, während andere Soldaten den Dienst in Gholaia versahen. Mit „Rückkehr“ wäre die Rückkehr der aufeinander folgenden vexillationes zum Legionslager gemeint. Demnach gab es - laut Speidel - keine jahrelangen Kampagnen um Bu Njem, keine größere Okkupation von Land und keine Errichtung von Außenposten weiter südlich als Gholaia sowie keine Wüstentouren von vexillationes, die fünf Jahre oder länger gedauert hätten. Stattdessen waren vexillationes für ca. 18 Monate auf Kastelle wie Bu Njem abkommandiert, kehrten dann zum Basislager zurück, bevor sie nach einer gewissen Zeit wieder nach Gholaia abgestellt wurden. Wenn jede Wachperiode 18 Monate dauerte, wie im dokumentierten Beispiel aus Ägypten, und wenn die Anreise vom Basislager eineinhalb Monate in Anspruch nahm, also der Dienst in Gholaia dadurch auf 15 Monate reduziert war, dann wäre die vexillatio des Iuulius Dignus nach zwei anderen vexillationes, die in Bu Njem aufeinander folgten, zurückgekommen und sie hätte die genannte Inschrift ange-
22 Inschriften:Rebuffat 1985b, 226f.
23 Speidel 1988, 99ff.
24 Inschrift (IRT 920): Rebuffat 1985b, 227.
25 Mattingly 1995, 84.
26 Speidel 1988, 101.
27 Rebuffat 1972/73b, 130f.
5
bracht 28 , bevor sie Gholaia das zweite Mal verlassen hat. Demnach war Iuulius Dignus ab Januar 201 Kommandant, Q. Avidius Quintianus ab April 202, Tullius Romulus ab Juli 203 und Iuulius Dignus wieder ab Oktober 204. Die Zeiträume sind nur mutmaßlich, aber das wäre eine Möglichkeit, wie ein und dieselbe vexillatio am 24.01.201 das Kastell errichten konnte und am 26.12.205 dasselbe wieder verlassen konnte, ohne durchgehend fünf Jahre hier stationiert gewesen zu sein. Die vexillatio wurde möglicherweise aufgelöst, als sie ins Basislager zurückkam, aber bei erneutem Antritt zum Dienst in Bu Njem aus denselben Soldaten, unter demselben Kommandanten erneut zusammengestellt. 29
Bis zum Jahr 238 n. Chr. sind noch drei weitere centuriones mit Datum bezeugt sowie einer ohne Datumsangabe und einer ohne Namensnennung. 30 Letzterer wie Tullius Romulus mit dem Zusatz ex maioriario versehen, weshalb er mit diesem identisch sein könnte 31 . 32 Anzumerken sei noch, dass die centuriones von Bu Njem aufgrund mangelnder epigraphischer Evidenz, keine Schlachten und Siege feierten. Sie hatten wohl die Verantwortung über ein weitläufiges Gebiet, das sich mutmaßlich weit in den Süden und Osten erstreckte (Abb. 2). Möglicherweise unterstand auch der Außenposten Zella Bu Njem, der als Bindeglied zu den ägyptischen Oasen (u.a. Siwa) galt. 33 Auf dieser Route (Bu Njem, Giofra, Zella, Augila, Siwa) wurden römische Münzen gefunden, weswegen hier eine Verbindung impliziert wird. Scherben belegen in Zella einen römischen Einfluss ab dem 3. Jh., was wohl in Zusammenhang mit der severischen Expansion zu bringen ist. 34
2.2. Ein magister und der numerus conlatus
Neben den centuriones sind für die Phase 1 keine weiteren Offiziere und Unteroffiziere, abgesehen von einem magister, der als Untergebener des centurio im Zusammenhang mit der Restauration eines Tores im Jahr 222 n. Chr. genannt wird, bezeugt. Vielleicht handelte es sich laut Rebuffat nur um eine poetische Art, den Stellvertreter des centurio zu benennen. 35 Die Titel optio und später magister wurden Soldaten, die in der Regel den Rang eines principalis hatten und untergeordnete
28 Inschrift (AE 1976,698): Speidel 1988, 100 und Rebuffat 1985b, 226.
29 Speidel 1988, 101f.
30 Inschriften: Rebuffat 1985b, 227f.
31 Übersichtstabelle: Rebuffat 1985b, 225.
32 Rebuffat 1985b, 225.
33 Ebd., 233f.
34 Rebuffat 1969/70c, 183ff.
35 Rebuffat 2000, 231.
6
Befehls- oder Aufsichtsposten versahen, verliehen. Optio ist der ältere Begriff, welcher im 3. Jh. teilweise durch den Begriff magister ersetzt wurde. Möglicherweise wurde ein neues Amt mit diesem Titel eingeführt, oder ein altes Amt umfasste nun einen neuen Aufgabenbereich und wurde neu benannt. Es besteht die Möglichkeit, dass ein Soldat in verschiedenen Einheiten der römischen Armee im 3. Jh. wahlweise optio, magister oder custos genannt wurde, obwohl er dieselben Aufgaben versah, wie ein äquivalenter Soldat einer anderen Einheit. 36 Zur Zeit des Maximinus Thrax (235-238 n. Chr.) erschien eine numerus conlatus- Einheitin der Garnison. Sie unterstand anscheinend direkt dem Befehl des centurio, da kein eigener Kommandant genannt wird. 37 Die Präsenz dieser Einheit ist relativ unbekannt, so gibt es für die Zeit vor 235/36 n. Chr. und nach 238 n. Chr. keine Belege. 38 Ein numerus conlatus (bzw. collatus 39 ) ist - laut Mattingly - wohl nicht als einzelne Einheit zu sehen, sondern als spezieller Einheitentypus, dessen Soldaten von bestehenden Auxiliareinheiten abgezogen wurden, um eine Sondereingreiftruppe mit besonderen Fähigkeiten zu bilden. 40 Die Bezeichnung numerus konnte zwei Bedeutungen haben: zum einen wurde sie für einen ganzen Teil einer Truppe verwendet, der keiner legio, keiner ala und keiner cohors angehörte, zum anderen konnte sie ab trajanischer oder hadrianischer Zeit auch eine ethnische Einheit bezeichnen, die aus Nicht-Römern bestand. 41
Aufgrund von vier Inschriften 42 aus Nordafrika 43 , die jeweils eine numerus collatus- Einheiterwähnen, zieht Le Bohec den Schluss, dass diese Einheiten mit vexillationes zu vergleichen sind, aber im Gegensatz dazu nur aus ein paar Soldaten bestanden, die für eine klar definierte Aufgabe aus verschiedenen Einheiten oder Kastellen zusammengestellt worden sind. Die Inschriften datieren in die Zeit von Septimius Severus (193-211 n. Chr.) bis Carinus und Numerianus (283-285 n. Chr.). 44 Numeri collati sind also - laut momentaner Evidenz - auf das 3. Jh. beschränkt. Ein numerus begleitete meist eine vexillatio einer legio, einer ala oder einer cohors, aber sie konnte auch alleine agieren (z.B. El-Mahder). In Kherbet ouled Arif bestand diese
36 Breeze 1976, 132.
37 Inschrift: Rebuffat 1985b, 228.
38 Rebuffat 2000, 230f.
39 collatus von confero = zusammenfassen, zusammenstellen (Le Bohec 1979, 948).
40 Mattingly 1995, 87.
41 Le Bohec 1979, 948.
42 Inschriften: Gholaia / Bu Njem (222-235 n. Chr.): Rebuffat 1985b, 228; Si Aioun (198 n. Chr.): Le Bohec 1979, 947; Casae / El-Mahder (208 n. Chr.): Le Bohec 1979, 948; Lambiridi / Kherbet ouled Arif (283-285 n. Chr.): Le Bohec 1979, 945.
43 Le Bohec 1979, 950.
44 Ebd., 953.
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Arbeit zitieren:
Benjamin Knör, 2008, Das römische Kastell Gholaia / Bu Njem, München, GRIN Verlag GmbH
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