1. Einleitung
In den 1970er Jahren wurde die Fachdidaktik erheblich ausgeweitet, um die in den Universitäten ausgebildeten Lehrer auf die Wirklichkeit ihres Berufsfeldes besser vorzubereiten und ihnen einen Einblick in die Praxis zu geben. Um die fachwissenschaftliche Theorie durch den fachdidaktischen Praxisbezug zu ergänzen, wurden bundesweit Fachdidaktikerstellen an den Hochschulen geschaffen, besetzt mit besonders qualifizierten Praktikern oder engagierten Habilitierten. Allerdings kam es zu einem Theorie-Praxis-Problem: die Fachdidaktik war in den letzten dreißig Jahren nur beschränkt in der Lage, einerseits Anschluss an die etablierten Wissenschaften zu finden, andererseits die Lehramtsstudierenden und PraktikerInnen zufrieden zustellen. So ist über die Zeit eine Fülle von fachdidaktischen Konzepten entstanden. Die historische und gegenwärtige gesellschaftliche Situation und die Vielfalt der Entwicklungen haben natürlich auch die Sportdidaktik beeinflusst und divergierende Strömungen in der Sportdidaktik hervorgebracht, die ihre Schwerpunkte unterschiedlich setzen. Nach PROHL werden drei große Strömungen der Sportdidaktik unterschieden: Die pragmatisch-qualifikatorische Strömung (Vertreter: Söll, Hummel, Kurz), die kritisch-emanzipatorische Strömung (Dietrich/Landau, Ehni, Hildebrandt/Laging, Funke-Wieneke) und die sogenannte Spaß oder Kultur Strömung (Schwier, Wopp). Das Sportdidaktik Konzept, welches die Grundlage für unser Seminar bildete, war das der Handlungsfähigkeit nach KURZ. Er wird der pragmatisch- qualifikatorischen Strömung zugeordnet, welche PROHL folgendermaßen beschreibt: „Insgesamt ist die pragmatisch-qualifikatorische Strömung der Sportdidaktik dadurch gekennzeichnet, dass sie das Unterrichtsfach „Sport“ aus der Sachstruktur des gesellschaftlichen Sports begründet. Dabei steht die Frage der Auswahl der Unterrichtsinhalte, also „was“ im Sportunterricht gemacht werden soll, im Mittelpunkt des didaktischen Interesses. Insofern unterliegt dieser Strömung der Sportdidaktik. ein materiales Bildungskonzept des Sportunterrichts.“ 1
1 Prohl, R. (1999), Grundriß der Sportpädagogik, Wiebelsheim, S. 115.
In meiner Hausarbeit möchte ich zunächst einleitend aufzeigen, wie sich ein fachdidaktisches Konzept definiert und wodurch es charakterisiert wird. Es bildet die Grundlage für den Hauptteil- das Handlungskonzept nach KURZ, speziell die Sinnperspektive „Soziales Miteinander- Kooperieren, Wettkämpfen, sich Verständigen“. Das Handlungskonzept nach KURZ findet beispielsweise im Lehrplan Nordrhein-Westfalens Anwendung. Deshalb möchte ich der Frage nachgehen, welchen individuellen und pädagogischen Sinn den einzelnen Perspektiven zu Teil wird und vor allem wie man diese Sinnperspektiven im Schulsport implementieren und umsetzen kann. Abschließend werde ich auf die Ziele und Inhalte der Sinnperspektive des sozialen Miteinanders eingehen. Besonders das „soziale Lernen“ im Sportunterricht steht im Mittelpunkt. Was bedeutet „soziales Lernen“ und warum eignet sich gerade der Sportunterricht als Medium der Sozialerziehung? All diese Fragen möchte ich im Folgenden beantworten.
2. Definition und Charakteristik Sportdidaktischer Konzepte
Konzepte kann man als theoretische Entwürfe von Praxis verstehen. Sie verfolgen den Zweck, der Praxis Handlungsorientierungen zu geben und Möglichkeiten und Grenzen des Lernens und Lehrens aufzuzeigen. In der Praxis findet nicht immer eine bewusste Orientierung an Konzepten statt, dennoch folgt die Praxis impliziten Konzepten. Die bewusste Herausstellung von Konzepten dient also der Reflexion eigener oder beobachteter Praxis. BALZ gibt eine Definition von fachdidaktischen Konzepten, welche sich direkt auf den Sportunterricht bezieht: „Unter einem fachdidaktischen Konzept [wird] ein systematischer gedanklicher Entwurf verstanden, der für die pädagogische Gestaltung des Schulsports bestimmte Ziele, Inhalte und Methoden empfiehlt.“ 1
Zusammenfassend beschreiben folgende charakteristische Merkmale didaktische Konzepte:
1 Balz, E. (1992), Fachdidaktische Konzepte oder: Woran soll sich der Schulsport orientieren?
Sportpädagogik, 16 (2), S. 13/14.
• Konzepte geben Auskunft darüber, wie eine Sache in der Institution vertreten sein soll und antworten meist auf bestimmte Probleme einer Institution mit konstruktiven Lösungsvorschlägen.
• Konzepte zeigen Orientierungen, Möglichkeiten und Grenzen über das methodische/lehrende Handeln auf und verdeutlichen diese durch Praxisbeispiele.
• Konzepte stellen Normen auf, welche beurteilen, was im Sinne dieses Konzepts „richtig“ und „gut“ ist (besitzen normativen und präskriptiven Charakter).
• Die Konzepte konkurrieren miteinander und grenzen sich voneinander ab, dadurch besitzen sie jeweils eigene Anhängerschaften. 1
3. Das Konzept der Handlungsfähigkeit nach KURZ
KURZ beschreibt die Aufgabe der Sportpädagogik folgendermaßen: „Wenn ich auf eine ganz einfache Formulierung bringen sollte, was ich für den Auftrag der Sportpädagogik halte, dann könnte es diese sein: „Menschen zu zeigen, dass und wie Sport glücklich machen kann“. Dabei heißt für mich „zeigen“ erfahren und bedenken lassen und „glücklich machen“ Element eines sinnerfüllten Lebens sein. Und dazu gehört gerade für junge Menschen auch die Erfahrung der erfüllten Gegenwart, die ich mit dem Begriff des Spiels verbunden habe.“ 2
Dietrich KURZ hat ein pragmatisches Konzept entwickelt, in welchem zwar auch die Sache „Sport“ im Mittelpunkt steht, aber vor allem näher erörtert wird, welche Sinnperspektiven das sportliche Handeln inne hat. So entsteht ein Konzept des mehrperspektivischen Sportunterrichts, welches es den Schülern ermöglicht, auf unterschiedliche Art und Weise einen subjektiven Sinn im Sport treiben zu finden und diese in ihrem Tun motivieren kann. GREßMANN beschreibt die Ziele und Inhalte der Mehrperspektivität wie folgt:
1 Vgl. Laging, R. u.a. (2006), Vorlesung: Allgemeine und spezielle Ansätze zur Vermittlung von
Bewegung, Spiel und Sport. Zugriff am 12.03.2009 unter: http://www.uni-marburg.de /fb21/sportwiss/
mitarbeiter_seiten/laging/lehrmaterial_laging/vl_allgemeine_spezielle_Ansaetze_didaktik/vl_m4_blatt_
3
2 Kurz, D. (2009), Vom Sinn des Sports. Abschiedsvorlesung am 27.02 2009. Zugriff am 12.03. 2009
unter: http://www. Schulsport-nrw.de/info/news08/pdf/d_kurz_vom_sinn_des_sports.pdf
"Mehrperspektivität meint nicht, wie wir alle wissen, eine schulisch sinnvolle größere Zahl an Sportarten, sondern die Vielfalt der sogenannten Sinnrichtungen, der Grundmuster, unter denen Menschen sinnerfüllt und damit motiviert heute Sporttreiben. Es ist den Schülern also nachdrücklich zur Erfahrung zu bringen, dass es jeweils etwas anderes ist, ob man Sport gemäß der Sinnrichtung Leistung / Wettkampf betreibt oder seinen Sinn in einem Sporttreiben des geselligen Miteinanders sieht, während es wieder anderen Sinn macht, Sport als Feld von Wagnis und Abenteuer oder als Gesundheitsstärkung zu erfahren. Vor allem die sechs Sinnrichtungen nach Dietrich Kurz sind hier bekanntlich zum fachdidaktischen Allgemeingut geworden." 1
Die Leitidee des Konzeptes ist eine Erziehung zum Sport durch den Sport. Dabei hält KURZ fest, dass sich im Sportunterricht bestimmte Sinnperspektiven erschließen lassen. Ziel dieser ist es, den Schülern eine Handlungsfähigkeit im Sport zu vermitteln, das heißt vor allem die Fähigkeit auszuprägen, die einen verantwortlichen Umgang mit der Sinnvielfalt und Ambivalenz des Sports ermöglicht (Sport im weiten Sinne). Weiterhin soll der Umgang mit dem eigenen Körper in zunehmender Selbstständigkeit und Selbstverantwortung gefestigt werden. Dies geschieht indem die Schüler Sinnbezüge entdecken und sinnerfüllten, mehrperspektivischen Sportunterricht erfahren. Vor allem soll an die Erwartungen und Motive der Schüler anknüpft werden, um sie auch außerhalb der Schule für Sport zu motivieren. Dabei nimmt dieses Konzept eine komplementäre Funktion gegenüber der Gesellschaft ein.
Den Sinnperspektiven lassen sich nach KURZ auch bestimmte pädagogische Perspektiven zuordnen. „Ihr didaktischer Zweck ist es ja, nebeneinander verschiedene Deutungen des Sports kenntlich zu machen, die der Sportunterricht erschließen sollte.“ 3 Genauer gesagt werden die sportlichen Aktivitäten daraufhin untersucht, inwiefern sie pädagogisch wertvoll sein können und mit welcher individuellen Sinngebung die Jugendlichen ihr Sporttreiben begründen. Die pädagogischen Perspektiven bieten sowohl
1 Geßmann, R. (2000), Überlegungen zu den Thüringer Sportlehrplänen. In: Körpererziehung 50(2000)
2, S. 81.
3 Neumann, P.; Balz, E. (2004): Mehrperspektivischer Sportunterricht. Orientierung und Beispiele,
Schorndorf, S.66.
Arbeit zitieren:
Cathleen Berbig, 2009, Die Sinnperspektive "Soziales Miteinander" nach KURZ, München, GRIN Verlag GmbH
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