Inhalt
1. Einleitung. 3
2. Grundsätzliches zur Idylle. 6
2.1. Idylle vs. Utopie 10
2.2. Die Charakteristika der Idylle und des Idyllischen. 11
2.2.1 Verhältnis zur jeweils gegenwärtigen Zeit und Gesellschaft. 11
2.2.2 Der Konstituierung von Antagonien. 13
2.2.3 Die Sehnsucht nach einer kosmischen Ordnung. 14
2.2.4 Die Verknüpfung des Lebens mit der Natur 15
2.2.5 Der locus amoenus 16
3. Der Untergang der Idylle 17
4. Die Idylle im Realismus. 22
4.1 Die Idylle bei Adalbert Stifter 24
4.1.1 Das Idyllische in Granit 26
4.1.2 Die gestörte Idylle in Granit 30
5. Die Idylle im Heimatfilm 34
5.1. Eine Wunderrepublik entsteht 35
5.2. Heimatkunstbewegung, Bergfilm und Volksfilm und ihr Einfluss auf den Heimatfilm 37
5.3. Die Aufgaben des Nachkriegs Heimatfilmes 41
5.4. Die Darstellung des Landlebens 42
5.5. Der Schwarzwald im Heimatfilm 44
5.5.1. Der Heimatfilm Das Schwarzwaldmädel 44
5.5.2. Die Darstellung des Schwarzwaldes 46
5.6. Typisch Heimatfilm. 47
5.6.1. Der locus amoenus im Heimatfilm 48
5.6.2. Die Emotionalisierung des Milieus 50
5.6.3. Die Verfälschung der Realität im Heimatfilm 51
6. Der kritische Heimatfilm und die Dekonstruktion der Idylle. 55
6.1. Die Dekonstruktion der dörflichen Idylle im Film Jagdszenen aus Niederbayern. 56
6.2. Die Themen des kritischen Heimatfilms. 58
7. Zusammenfassung. 60
8. Literaturverzeichnis 64
8. 64
2
2
1. Einleitung
Sumatra, 25. Dezember 2004. Es war ein wunderschöner Tag im Urlaubsparadies, die Menschen tummelten sich am Strand und genossen ihren Weihnachtsurlaub in der Sonne. Alles scheint in Ordnung, doch in 2300 Metern Tiefe unter dem Meer setzt ein Seebeben eine Tsunamiwelle mit einer Geschwindigkeit von 700 m pro Sekunde in Bewegung. Sumatra, 26. Dezember 2004. Ein weiterer Tag im Urlaubsparadies. Der Morgen beginnt friedlich, wie schon der Tag zuvor. Die Sonne scheint, auch heute sind wieder zahlreiche Familien am Strand. Plötzlich zieht sich das Meer zurück, um kurz danach in Form einer riesigen Welle das Land zu überschwemmen. Die Katastrophe beginnt, tausende Menschen sterben in den Fluten, ein ganzer Landstrich ist zerstört und weltweit sind die Menschen schockiert und fassungslos. Nicht nur, weil die Katastrophe in menschlicher Hinsicht unermesslich ist, auch weil sich eine Idylle in einen Ort der Zerstörung verwandelt hat. Mit diesem kurzen Abriss über die Geschehnisse des 26. Dezember 2004 sind wir schon mitten im Thema: Der Mensch und die Idylle. Ist sie vorhanden und nicht in Gefahr, geht es uns gut. Wird sie gestört oder gar zerstört, sind wir erschüttert. Doch sorgen genau diese Störeffekte in der Geschichte der Idylle für Veränderungen, die sie bis heute zum Gegenstand der Forschung machen.
Der erste Teil dieser interdisziplinären Arbeit für die Bereiche Neuere Deutsche Literatur und Kunstgeschichte wird sich vor allem mit der Idylle in der Literatur beschäftigen. In ihm wird zunächst untersucht, was das Charakteristische der Idylle ist und was die Topoi der Idylle sind, denn durch sie wird die Idylle erst charakterisiert und erlangt auch in den Bearbeitungen Wiedererkennungswert. Anschließend geht es darum, wie sich die Idylle des Spätbarocks weiterentwickelte, nachdem sie als eigentliche Gattung an Popularität verlor. Dem vorangestellt sei eine Analyse, was an der klassischen Idylle bemängelt wurde, also weshalb sie in ihrer überlieferten antiken Form nicht mehr relevant war und durch Neubearbeitungen des Idyllenthemas abgelöst wurde. Diese Neubearbeitungen können nicht systematisch untersucht werden, weil ihr Umfang den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Deshalb wird das Idyllische beispielhaft anhand herausragender Bearbeitungen des Themas erläutert, wobei ein besonderes Augenmerk auf Adalbert Stifter gelegt wird, der das
3
Idyllische in den Realismus einbrachte. Der Idyllengehalt soll hier anhand seiner Erzählung Granit 1 analysiert werden.
Im zweiten Teil der Arbeit beginnt dann die fächerübergreifende Auseinandersetzung mit dem Thema der Idylle. Nach einem Blick auf die historischen Umstände, in denen der Heimatfilm der Nachkriegszeit seine Hochphase erlebte und einer Analyse der Wurzeln des Heimatfilms, wird der Umgang des Heimatfilms mit dem Landleben genauer betrachtet, insbesondere am Beispiel des Schwarzwaldes im Film Das Schwarzwaldmädel. Abgeschlossen wird der Abschnitt über den Heimatfilm der Nachkriegszeit mit einer Analyse der Charakteristika. In direktem Zusammenhang mit dem Heimatfilm der Nachkriegszeit ist der sogenannte Anti‐Heimatfilm der 60er und 70er Jahre, auch kritischer Heimatfilm genannt, zu sehen. Er demaskierte die Idylle und entlarvte die negativen Elemente des idyllischen Land‐ und Dorflebens. Anhand der Filme Jagdszenen aus Niederbayern und Die armen Leute von Kombach wird erläutert, was das Typische für diese Gattung Heimatfilm ist und wie er sich von den klassischen Idyllen unterscheidet, bzw. wie er die Idyllen dekonstruiert.
Das den hier aufgeführten Bearbeitungen zugrundeliegende Thema der Idylle im Spätbarock und der Aufklärung soll im ersten Teil nur angeschnitten werden. Es findet vor allem Erwähnung bei der Frage, warum die klassische Idylle als Gattung scheiterte. Im Bereich der Grundlagenforschung, die diese Arbeit nicht leisten kann, sei deshalb vor allem auf das Standardwerk Idylle 2 von Renate Böschenstein‐Schäfer verwiesen, die sich eingehend mit der Tradition der Idylle, angefangen in der Antike bis ins 20. Jahrhundert, beschäftigt. Auch Die Idylle von Gessner bis Voss 3 von Gerhard Hämmerling ist in dieser Hinsicht aufschlussreich. Einen interessanten historischen Überblick, welche Diskussionen über die Idylle geführt wurden, liefert der von Helmut J. Schneider herausgegebene Band in Deutsche Idyllentheorien im 18. Jahrhundert 4 . Für den Umgang mit der Idylle im Realismus sind besonders das Buch Gestörte Idyllen 5 von Jens Tismar und Ordnung - Raum - Ritual 6 , herausgegeben von Sabina Becker u. Katharina Grätz, relevant. Sie zeigen auf, welche
1 Adalbert Stifter: Granit. In: Ders.: Bunte Steine. Ein Festgeschenk 1852. Leipzig: Reclam Verlag, 1965.
2 Renate Böschenstein‐Schäfer: Idylle. 2. Aufl. Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung: Stuttgart, 1977.
3 Gerhard Hämmerling: Die Idylle von Gessner bis Voss. Frankfurt am Main/Bern: Lang Verlag, 1981.
4 Deutsche Idyllentheorien des 18. Jahrhunderts. Hgg.v. Helmut J. Schneider. Tübingen: Narr‐Verlag, 1988.
5 Jens Tismar: Gestörte Idyllen. Leipzig: Hanser Verlag, 1973.
6 Ordnung - Raum - Ritual. Hgg.v. Sabina Becker u. Katharina Grätz. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2007
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Veränderungen die Idylle durch den Einfluss des Realismus erfuhr. Das Standardwerk zum Thema Heimatfilm liefert Willi Höfig mit seinem Band Der deutsche Heimatfilm 1947 ‐ 1960 7 , der einzigen großen und umfassenden Auseinandersetzung mit dem Heimatfilm, der durch seine Nähe zum Trivialfilm immer noch nicht den Stellenwert innerhalb der Wissenschaften erfährt, der ihm zusteht. Aus diesem Grund ist wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema immer noch rar und Titel, die zu diesem Thema veröffentlicht werden, finden nur selten Eingang in die wissenschaftlichen Bibliotheken, was u.a. auch bei der Recherche zu dieser Arbeit problematisch war. Noch weniger aktuelle Literatur gibt es zum kritischen Heimatfilm. Hier konnte zwar nur auf wenig wissenschaftliche Literatur zurückgegriffen werden, wie zum Beispiel der Band Fluchtpunkt Provinz 8 von Daniel Alexander Schacht, sowie auf einzelne Aufsätze, was jedoch die Chance zur eigenen Analyse der Filme eröffnete.
7 Willi Höfig: Der deutsche Heimatfilm 1947 ‐ 1960. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag, 1973.
8 Daniel Alexander Schacht: Fluchtpunkt Provinz. Der neue Heimatfilm zwischen 1968 und 1972. Reihe: Film‐ und Fernsehwissenschaftliche Arbeiten. Hgg.v. Karl‐Dietmar Möller u. Hans J. Wulff. Münster: Maks Publikationen, 1991. 5
2. Grundsätzliches zur Idylle
Wenn man von der Idylle spricht, spricht man im Grunde von zwei unterschiedlichen Phänomenen. Zum einen bezeichnet das Wort einen schönen Ort, meist in der Natur gelegen. Dieses Verständnis entspricht dem alltäglichen Sprachgebrauch. Zum anderen bezeichnet der Begriff eine literarische Gattung, die ihre Hochzeit vor allem in der Aufklärung hatte und deren Wurzeln in der antiken Dichtung liegen 9 . Die Eingrenzung der Gattung kann allerdings nicht eindeutig gezogen werden, weil sie sehr eng mit anderen literarischen Phänomenen wie Schäfergedicht oder Ekloge verbunden ist. Eine exakte Definition der Idylle bzw. deren Abgrenzung von anderen Gattungen blieben selbst die Poetiken der Perioden, in denen die Idylle ihre Hochzeit hatte, schuldig. So betitelte Gottsched in seiner Critischen Dichtkunst das entsprechende Kapitel mit „Von Idyllen, Eklogen und Schäfergedichten“ 10 . Georg Jacobi benannte einen Aufsatz mit dem Titel „Ueber das Schäfergedicht, sonst Ekloge oder Idylle genannt“ 11 und Johann Bernhard Basedow schrieb in seinem Lehrbuch prosaischer und poetischer Wohlredenheit „Die Schäfergedichte heißen zuweilen auch Pastorale, Idyllen und Eclogen.“ 12
Der Grund für diese Verallgemeinerung liegt darin, dass man es innerhalb der Bukolik mit verschiedenen Bearbeitungen ein und desselben Gebietes zu tun hat, und zwar der idyllischen Landschaftdarstellung. Zu diesem Schluss war auch Christian Heinrich Schmid, Professor für Poesie und Beredsamkeit, gekommen, der allein für die Bukolik elf verschiedene Unterarten aufzählt. Deren Unterschiede bewertet er jedoch als so minimal, dass er wieder verallgemeinernd zusammenfasst: „Schäfer‐, Hirten‐, bukolische Gedichte, Pastorale, Eklogen, Idyllen sind nur verschiedenen Namen einer Art von Poesie; und die Distinctionen, die einige darunter machen, sind von wenig Nutzen.“ 13 Angesichts dieser Ungenauigkeit bezüglich der Nomenklatur unter Literaturwissenschaftlern verwundert es umso weniger, dass selbst Poeten ihre Probleme damit hatten, ihre Werke exakt zu
9 Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Aufl. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 2001. S. 365.
10 Renate Böschenstein‐Schäfer: Idylle. 2. durcHgg.und erg. Aufl. Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung: Stuttgart, 1977. S. 5. Künftig als ‚Böschenstein‐Schäfer 1977‘ mit Angabe der Seitenzahl zitiert.
11 Gerhard Hämmerling: Die Idylle von Gessner bis Voss. Frankfurt am Main/Bern: Lang 1981. S. 12. Künftig als ‚Hämmerling 1981‘ mit Agabe der Seitenzahl zitiert.
12 Johann Bernhard Basedow: Lehrbuch prosaischer und poetischer Wohlredenheit in verschiedenen Schreibarten und Werken zu academischen Vorlesungen. Kopenhagen 1756. Zit. n. Hämmerling 1981, S. 12.
13 Christian Heinrich Schmid: Theorie der Poesie nach den neuesten Grundsätzen und Nachricht von den besten Dichtern nach den angenommenen Urtheilen. Leipzig, 1768. S. 265. 6
benennen. Deshalb gibt es zahlreiche mit Idylle betitelte Werke, die jedoch eher einer anderen Gattung angehören und lediglich idyllische Motive aufnehmen. Johann Adolf Schlegel missachtete diesen Zug vieler Poeten, die „in der Gabe zu einer leichten Schreibart, in der Gabe der Naivität, in der Gabe lebhaft zu schildern, in der Gabe in der Beobachtung der Natur sich bis ins Kleine herabzulassen, […] eine vorzügliche Geschicklichkeit zur Ekloge, und gleichsam einen besonderen Beruf dazu in sich zu entdecken glaubte.“ 14 Wer etwas von sich hielt und an der Hochkonjunktur teilhaben wollte, betitelte sein Werk deshalb mit Idylle. Die Idylle als Gattung selbst wurde vor allem durch Salomon Gessner berühmt, dessen Werke sich bis nach Frankreich ausbreiteten und das in einer Zeit, als eigentlich Frankreich literarisch federführend war 15 .
Das Problem der ungenauen Abgrenzung liegt jedoch auch in der Vorgehensweise der damaligen Literaturwissenschaftler, die in ihren Poetiken weniger nach einer exakten poetologischen Unterscheidung, als vielmehr nach Gemeinsamkeiten der Gattungen suchten. Doch selbst über die Art und das Ausmaß dieser Gemeinsamkeiten bestand keine Einigkeit. Der anonyme Verfasser eines Zeitungsartikels schrieb im Jahr 1787 über das Problem der Gattungsbestimmung, dass die Gemeinsamkeiten der Dichtungsarten vor allem im Ton der Gedichte zu finden ist. Bezüglich Funktion, Inhalten und Formen seien sie jedoch „himmelweit verschieden“ 16 . Johann Georg Sulzer veröffentlichte noch im selben Jahr seine Theorie der Dichtkunst, in der er die hauptsächlichen Gemeinsamkeiten in den Topoi der idyllischen Dichtungsarten sieht. Er schreibt, dass idyllische Werke „vielfältig sein [können], episch, dramatisch und lyrisch. Wir haben in der That in allen drey Hauptgattungen schöne Muster.“ 17 Schon während der Hochphase der Gattung wurde also darauf aufmerksam gemacht, dass es auch um die gemeinsame Motivik in verschiedenen Variationen - hier Muster genannt -geht. Diese Vorstellung wurde auch noch im 19. Jahrhundert vertreten, als die eigentliche Gattung der Idylle zunehmend an Bedeutung verlor und sich in idyllische
14 Johann Adolf Schlegel: Von dem eigentlichen Gegenstande der Schäferpoesie. In: Batteaux […] Einschränkung der schönen Künste auf einen einzigen Grundsatz. Aus dem Französischen übersetzt, und mit verschiednen eignen und damit verwandten Abhandlungen versehen. Leipzig: Weidmannsche Handlung, 1751. S. 391, zit. n. Deutsche Idyllentheorien des 18. Jahrhunderts. Hgg.v. Helmut J. Schneider. Tübingen: Narr‐Verlag, 1988. S. 112.
15 Wilhelm Creizenach: Geßner, Salomon (Dichter). In: Allgemeine Deutsche Biographie. Hgg. v. der Historischen Kommission bei der Bayrischen Akademie der Wissenschaften, Band 9. Leipzig: Duncker & Humblot, 1879. S. 124.
16 Hämmerling 1981, S. 15. Künftig ‚Schneider 1988‘ zitiert mit Angabe der Seitenzahl. 17 Johann Georg Sulzer: Theorie der Dichtkunst. München, 1787. S. 155. 7
Motive, die weiterhin Verwendung fanden, auflöste 18 . Auch Gottfried August Bürger sah den Berührungspunkt der idyllischen Literatur in den Motiven, die vom Dichter „bald beschreibend, bald lyrisch, bald erzählend, bald dramatisch“ 19 vorgetragen werden konnten. Sulzer und Bürger nennen hier die entscheidende Neuerung im Umgang mit der Idylle. Nicht mehr der an der Antike orientierte Ton war ausschlaggebend, um das Werk als Idylle einzuordnen, sondern die darin vorkommende Motivik. Dies hatte Auswirkungen auf viele andere literarische Gattungen und Hegel stellt fest, dass „besonders bei uns Deutschen das Epos idyllisch geworden [ist], nachdem sich die eigentliche Idylle in ihrer süßlichen Sentimentalität und Verwässerung zugrunde gerichtet hat.“ 20
Die Idylle spaltete sich also in Segmente auf, die in vielerlei Gattungen Eingang fand, so zum Beispiel in eine idealisierte Landschaftsdarstellung, in eine private von der Welt abgewandten Lebensweise, wie wir sie bei Ludwig Tieck finden, als Zeichen eines künstlerischen Wirkungsbereiches wie bei Eduard Mörike oder als reaktionäre die Zeit kritisierende Gegenentwürfe, wie bei Heinrich Heine 21 . Helmut J. Schneider unterscheidet deshalb im Sprachgebrauch folgerichtig zwischen der Idylle als Gattung und dem Idyllischen, das „ein Bündel von Gattungsmerkmalen“ 22 ist, die auch außerhalb der historischen Gattung auftreten können und darüberhinaus literarische Erscheinungen bezeichnen und auch noch nach dem Verschwinden der Gattung weiterleben 23 .
Eine grundlegende Neuinterpretation der Idylle - und das ist entscheidend für die Weiterentwicklung der Idylle im 19. Jahrhundert - fand in Schillers 1795 veröffentlichtem Traktat zur Gattungsproblematik Über naive und sentimentale Dichtung statt. Damit löste er eine weitreichende, die Gattung betreffende Diskussion aus, die sich auf dichtungs‐ und geisteswissenschaftlicher, zum Teil auch kulturwissenschaftlicher Ebene ausbreitete 24 . Er sah in der Idylle nämlich eine Idee oder auch Haltung und weniger eine Gattung. Um zu verstehen, welche Bedeutung die Schillersche Sichtweise der Idylle für den weiteren Verlauf
18 Vgl. Hans Ulrich Seeber: Idylle und Modernisierung in der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Bonn: Bouvier Verlag Herbert Grundmann, 1986. S. 9 und S. 13f [künftig ‚Seeber 1986‘ zitiert mit Angabe der Seitenzahl], sowie Metzler Literatur Lexikon. 3. Aufl., Verlag J. B. Metzler: Stuttgart/Weimar, 2007. S. 341.
19 Gottfried August Bürger: Lehrbuch der Ästhetik. 2. Bd. Berlin: 1825. S. 266.
20 Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik III. In: Ders.: Gesammelte Werke. Bd. 15. Hgg.v. Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel. Frankfurt: Suhrkamp Verlag, 1970. S. 414.
21 Seeber 1986, S. 9. 22 Schneider 1988, S. 11.
23 Auch Gero von Wilpert weist in seinem Sachwörterbuch der Literatur auf diesen Unterschied hin. A.a.O. S, 365.
24 Böschenstein‐Schäfer 1977, S. 5. 8
der Gattungsdiskussion hatte, muss man zunächst die von ihm beschriebene Dilemmata der Idylle, wie sie bisher produziert worden war, näher betrachten.
Schiller sah in der Sehnsucht nach Natur eine übergeordnete Empfindungsweise, die die Gattungsgrenzen der Idylle nicht nur sprengt, sondern für eine völlige Neuorientierung sorgt. Während sich die Idyllen des Spätbarock und der Aufklärung vor allem an Inhalt und Form der antiken Idyllen orientierten und somit in die Vergangenheit gerichtet waren 25 , propagierte er, dass sich die Idyllenautoren an der Gegenwart bzw. der Zukunft orientieren sollen. Arkadien hingegen steht symbolisch für den längst verlorenen Einheitszustand und stellt deshalb für die Menschen im Jetzt einen unerfüllbaren Zustand dar. Anstatt den Menschen ein unerreichbares Arkadien und damit eine vermeintliche Flucht aus der nicht idealen Realität zu anzubieten, solle sich der Autor vielmehr
[…] die Aufgabe einer Idylle [machen], welche jene Hirtenunschuld auch in Subjekten der Kultur und unter allen Bedingungen des rüstigsten, feurigsten Lebens, der ausgebreitetsten Denkens, der raffinirtesten Kunst, des höchsten gesellschaftlichen Verfeinerung ausführt, welche mit einem Wort, den Menschen, der nun einmal nicht mehr nach Arkadien zurück kann, bis nach Elysium führt. 26
Prominentes Gegenbeispiel ist Gessner mit seiner Orientierung an den aus der Antike stammenden Idyllen Theokrits. Er ist - auch in Schillers Augen - einer jener Autoren, die sich mit ihren Idyllen in die Vergangenheit richten und vom goldenen Weltalter fabulieren, das aber nie real werden kann, weil es vergangen und damit uneinholbar verloren ist. Gessners Hinwendung zur Vergangenheit und Schillers Hinwendung zum Diesseits spiegeln die späten Folgen der der Querelle des Anciens et des Modernes wieder und Schillers Traktat Über naive und sentimentale Dichtung markiert den Höhepunkt dieser Diskussion, bei der sich Schiller vehement für das Genie ausspricht und nicht für die Nachahmung der Antike 27 . Dass die Antike durchaus das gleiche Ziel verfolgte, wie die moderne Kunst, spricht Schiller ihr nicht ab. Für ihn ist die Wiederholung antiker Muster aber nicht mehr zeitgemäß. Die moderne Kunst muss dieses Ziel mit eigenen Mitteln erreichen, denn der Mensch ist nicht mehr im
25 „Sie stellen unglücklicherweise das Ziel hinter uns, dem sie uns entgegenführen sollten, und können uns daher bloß das traurige Gefühl eines Verlustes, nicht das fröhliche der Hoffnung einflößen.“ Friedrich Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Schillers Werke. Nationalausgabe, Band 20, Philosophische Schriften, Teil 1. Weimar 1962. S. 496.
26 Ebd. S. 472.
27 Schiller forderte noch mehr, was Gessners Idyllen nicht zu leisten vermochten. „Weil sie nur durch Aufhebung aller Kunst und nur durch Vereinfachung der menschlichen Natur ihren Zweck ausführen, so haben sie höchsten Gehalt für das Herz, allzuwenig für den Geist, und ihr einförmiger Kreis ist zu schnell geendigt.“, in: Schillers Werke. A.a.O., S. 496. 9
Natur‐, sondern im Kulturzustand. Schiller spricht mit seinen Gedanken einen weiteren Aspekt der Idyllendiskussion an und zwar den des Gegensatzes von Idylle und Utopie.
2.1. Idylle vs. Utopie
Jean Paul unterscheidet - wie Schiller - zwischen zwei Sichtweisen des Idyllischen. Die eine ist die nach Innen gewendete, die andere die nach Außen gerichtete Perspektive, zur besseren Unterscheidung hier als Idylle und Utopie bezeichnet. Jean Paul zufolge gibt es zwei unterschiedliche Menschengruppen. Die Einen, das ist jene Art Mensch, „den bürgerliche Stürme - das Genie, das artistische bewegen - kurz, jeder Mensch mit einem großen Entschluss oder auch nur mit einer perennierenden Leidenschaft“ 28 und der deshalb nach Höherem strebt. Er besitzt eine höhere gesellschaftliche Position und dieser Zustand erlaubt es ihm, sein Glück in der Utopie oder auch Vision zu finden, weil er durch die privilegierte soziale Stellung eine Chance hat, diese Wunschvorstellungen in die Realität umzusetzen 29 . Dann gibt es auch noch die anderen Menschen. Diese Menschen stellen das Gros der Gesellschaft dar. Es sind die Arbeiter, Angestellten und Beamten, die Menschen, die „im Fischkasten des Staates stille stehen und nicht schwimmen sollen“. Für sie weiß Jean Paul als besten Rat gegen die psychische Verkümmerung, „die engere und beschränkende Umwelt durch Phantasie in eine Region zu verwandeln, die sich auszukundschaften lohnt.“ 30 Indem das Kleine und Unscheinbare poetisch überhöht wird, verwandelt sich das an sich Gewöhnliche in etwas Besonderes und erhält somit einen Zauber, der die Realität erträglicher macht. Die Menschen können „ersehen, daß ihr Tropfe [sic] Burgunder eigentlich ein rotes Meer, der Schmetterlingsstaub Pfauengefieder, der Schimmel ein blühendes Feld und der Sand ein Juwelenhaufe ist“ 31 . Jean Paul benutzt für diese zwei Sichtweisen die Bilder des Höhenflugs und des Nestbauens. Während die Helden gleich einem Adler den Höhenflug antreten, bleiben die anderen am Boden und bauen ihr Nest 32 . Schiller entspricht mit seiner Vorstellung, die er in Über naive und sentimentale Dichtung
28 Jean Paul: Quintus Fixlein. In: Jean Pauls Werke. Hgg.v. Paul Herrlich. Erschienen in der Reihe Deutsche National Litteratur, Hgg.von Joseph Kürschner, Bd. 131,2. Berlin/Stuttgart: Spemann Verlag, 1890, S. 5.
29 Jens Tismar: Gestörte Idyllen. Leipzig: Hanser Verlag, 1973. S. 31. Künftig ‚Tismar 1973‘ zitiert mit Angabe der Seitenzahl.
30 ebd.
31 Jean Paul: Werke, a.a.O., S. 5.
32 Tismar 1973, S. 29f. 10
publik macht, den Ersteren, den ‚Helden‘. Sie imaginieren sich eine bessere Welt, um sie sodann zu erstreben, während der Großteil der Bevölkerung sich jedoch in seine kleine heile Welt der Idylle zurückzieht 33 . Ernst Bloch bringt dieses Verhältnis auf den Punkt, wenn er sagt, dass „Arkadien nirgends so groß oder ganz vorhanden“ war, sondern es rücke vielmehr
trotz aller Abschlagszahlungen durch Gärten, mit arkadisch gemeinter Naturmuse darin, unablässig in utopische Gegend ein. Das ist eben das Wichtigste in unserem Zusammenhang: der Unterschied des arkadischen Bilds, als eines aus der Gesellschaft eher herausfallenden, und des eigentlich sozialutopischen als eines die Gesellschaft immanent‐konstruktiv verbessernwollenden. Zugleich aber ist alles vom arkadischen Archetypus beeinflußt, entspannend, aber auch bedeutenswert. 34
Schillers Idee der Idylle hat eindeutig sozialutopische Züge, auch wenn er das Wort Utopie direkt nicht benutzt. Dennoch geht es ihm darum, das utopische Potential im Alltag der Menschen zu erkennen und produktiv zu nutzen, anstatt sich flüchtend weiterhin in Arkadien zu tummeln. Auf das Verhältnis der Idylle zur jeweiligen Gegenwart der Menschen soll in folgendem Kapitel Bezug genommen werden.
2.2. Die Charakteristika der Idylle und des Idyllischen
Die Idylle und später das Idyllische haben bestimmte Eigenschaften, die charakteristisch sind, einen hohen Wiedererkennungswert besitzen und auch nach dem Absterben der eigentlichen Gattung immer wieder Eingang finden in die Literatur. Um einen Wiedererkennungswert zu erlangen, müssen Strukturen und Inhalte derart überbetont werden, dass der Leser sie sofort in ihrer Eigenart erfassen kann. Unterstützend bei diesem Prozess wirken Techniken, die eine solche Strukturierung ermöglichen, wie die Auswahl, die Vereinfachung, die Imitation, die Isolierung und Verstärkung von Motiven.
2.2.1 Verhältnis zur jeweils gegenwärtigen Zeit und Gesellschaft
Unbestritten in der Literaturwissenschaft ist die Tatsache, dass idyllische Dichtung immer einen realen Gesellschafts‐ und Zeitbezug hat 35 . Literatur wendet sich immer an das gegenwärtige Publikum und folgt damit - zumindest im Allgemeinen - auch dem Geschmack
33 Renate Böschenstein‐Schäfer spricht hier von einer „statische[n] Weltauffassung der Idylle“. A.a.O. S. 13.
34 Ernst Bloch: Arkadien und Utopien. In: Klaus Garber: Europäische Bukolik und Georgik. Wege der Forschung Bd. 355. Darmstadt 1976. S. 4. Künftig als ‚Garber 1976‘ zitiert mit Seitenangabe.
35 Vgl. Garber 1976, S. VIIff, ebenso Tismar 1973, S. 10f, sowie Norman Gronke: Idylle als literarisches und soziales Phänomen. Frankfurt/M., 1987. S. 19ff. Künftig als ‚Gronke 1987‘ zitiert mit Seitenangabe. 11
seines Publikums 36 . Von daher lassen sich aus der beliebten und vielgelesenen Literatur für die jeweilige Zeit Rückschlüsse ziehen. Dabei ist festzustellen, dass die Vorliebe überhaupt für die Idylle keiner bestimmten Epoche allein zugeschrieben werden kann, was später für die Idylle des Realismus und den Heimatfilm der Nachkriegszeit noch genauer geklärt werden muss. Seit der Mensch sich von der Natur und damit vom Naturzustand entfremdet hat zugunsten eines kultivierten Lebens in Gesellschaft - dieser Vorgang wird erstmals von Rousseau beschrieben 37 - versucht er, diesen Einheitszustand mit sich und der Natur wieder herzustellen, angesichts der ständigen Entzweiung. Für das 18. Jahrhundert bedeutete dies konkret, dass das deutsche Bürgertum angesichts des herrschenden Absolutismus zu politischer Machtlosigkeit verurteilt war. Die Ideale der Aufklärung waren zwar präsent, konnten aber in der Gesellschaft nicht umgesetzt werden.
Diese Lücke zwischen bürgerlichen Humanitätsidealen und der gesellschaftlichen Realität versuchte man mit der Illusion eines ‚natürlich‘ Lebens, das den bürgerlichen idealen entsprach, zu füllen 38 , denn statt einem Leben in der Natur erlebte der Mensch die Entzweiung von der Natur und ihn erwarten Machtansprüche, Neid, Konkurrenzdenken und Gefangenheit in gesellschaftlichen Strukturen. Die Kunst wurde zum Gegenentwurf der Realität und konnte den Menschen all das bieten, was sie im echten Leben entbehren mussten. Die idyllische Welt, die entworfen wird, ist ein Zufluchtsort für alle „mit der Gegenwart zerfallenen, in ihrer geistigen und materiellen Existenz bedrohten Elemente“ 39 . Diesem Invasionsraum inhärent ist die Kritik an der Gegenwart, denn durch die Charakteristika der als ideal empfundenen fiktiven Welt wird aufgezeigt, an was es in der Realität mangelt. Theodor Adorno beschreibt diesen Vorgang, bei dem sich die Kunst dadurch spezifiziert, indem sie sich von dem scheidet, woraus sie wurde 40 . Das, woraus die Kunst wurde, ist die Gesellschaft, in der der Mensch lebt und die ihm als nicht ideal erscheint, sei es durch die sozialen Umstände, die historischen Gegebenheiten, Krieg,
36 Man könnte hier einwenden, dass Literatur erst Geschmack formt. Diese Argumentation entspricht der Marketing‐Formulierung, dass man Bedürfnisse erst schaffen muss, um diese dann zu erfüllen. Inwieweit sich das auf die Literatur übertragen lässt, kann hier nicht geklärt werden. Jedoch lässt sich verallgemeinernd sagen, dass Literatur dann am erfolgreichsten ist, wenn die Inhalte oder die Form dem jeweiligen Zeitgeschmack entsprechen. Dieser Meinung ist auch Jens Tismar, vgl. Tismar 1973, S. 10f.
37 Dieser Diskurs ist in ideologischer Hinsicht nicht unproblematisch, was an dieser Stelle jedoch nicht weiter ausgebaut werden kann. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass der Gedankengang Rousseaus für diese Epoche maßgeblich war.
38 Vgl. Gronke 1987, S. 10.
39 Arnold Hauser: Sozialgeschichte der Kunst und Literatur. Bd. II. München: Beck Verlag, 1953. S. 182.
40 Theodor W. Adorno.: Ästhetische Theorie. Hgg.v. Rolf Tiedemann. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1970. S. 12. 12
Gewalt, Industrialisierung, Armut oder Entfremdung. Aus diesem Grund leistet die idyllische Literatur ein Gegengewicht, das - je nach Zeit - variiert wird, um sich den Wünschen der Gesellschaft anzupassen.
2.2.2 Der Konstituierung von Antagonien
Idyllen leben nicht nur davon, dass sie einen offensichtlichen Gegenpol zur Realität bieten sollen, in ihnen selbst werden auch Gegensätze geschaffen. Immer wiederkehrende Antagonien sind Einfachheit vs. Komplexität, Natur vs. Kultur, idyllischer vs. nicht‐idyllischer Raum bzw. ganz einfach Stadt vs. Land 41 . Diese Gegenüberstellungen haben vorrangig eine Funktion: Sie entwerten das eine, während sie das andere idealisieren. Dadurch wird der ideale Charakter des Idylls noch einmal transzendiert, indem ihm ein negatives Bild entgegengestellt wird. Schlegel äußert sich zur Dichotomie Stadt vs. Land, bei der das Ideale des idyllischen Bildes erst vollkommen wirkt, indem man Bilder des Stadtlebens daneben stellt, weil diese dadurch, indem „sie von jenen so lebhaft abstechen, die Schönheit derselben desto mehr zu heben dienen.“ 42
Salomon Gessner, der berühmteste Idyllendichter, kommt gleich in den ersten Sätzen des Vorworts zu seinen Idyllen darauf zu sprechen und schreibt „Oft reiß ich mich aus der Stadt los, und fliehe in einsame Gegenden, dann entreißt die Schönheit der Natur mein Gemüt allem dem Ekel und allen widrigen Eindrücken, die mich aus der Stadt verfolgt haben;“ 43 . Die Stadt muss immer wieder als Gegenbild dienen, obgleich es auch im Umfeld der Stadt idyllische Momente geben konnte, was spätestens in der bürgerlichen Idylle Goethes, Hermann und Dorothea, gezeigt wurde:
41 Seeber 1986, S. 8.
42 Johann Adolf Schlegel: Von dem eigentlichen Gegenstande der Schäferpoesie. In: Batteaux […] Einschränkung der schönen Künste auf einen einzigen Grundsatz. Aus dem Französischen übersetzt, und mit verschiedenen eignen und damit verwandten Abhandlungen versehen. Leipzig: Weidmannsche Handlung, 1751. S. 391, zit. n. Schneider 1988, S. 119.
43 Salomon Gessner: Idyllen. Kritische Ausgabe, hrsg. von E. Theodor Voss, Stuttgart: Reclam, 1973. S. 15. Künftig als ‚Gessner 1973‘ zitiert mit Angabe der Seitenzahl.
44 Johann Wolfgang von Goethe: Hermann und Dorothea. Braunschweig: Vieweg Verlag, 1830. S. 105. 13
Sogar das Thema Krieg fand hier seinen Eingang. Nachdem anfangs ein negatives Gegenbild die Idealisierung der Idylle unterstützen sollte, wurden bald schon negative Aspekte als dramaturgischer Kontrapunkt eingesetzt. Sie sollten dem idyllischen Raum zu mehr Spannung verhelfen und dem Leser einen emotionalen Mehrwert schaffen, indem sie das Geschehen nicht mehr eintönig fortlaufen ließen, sondern gezielt damit brachen. Dies war vor allem für die idyllischen Elemente innerhalb der Literatur des Realismus kennzeichnend, wodurch die Idylle selbst weiterentwickelt wurde. Später in den Heimatfilmen der Nachkriegszeit wurde die Bedrohung zum Spiel, um das Happy End mit allerlei Zwischenfällen aufzuhalten und hinauszuzögern.
2.2.3 Die Sehnsucht nach einer kosmischen Ordnung
Der französische Philosoph Guy Debord unterscheidet zwischen zwei Zeitformen, die für das Verständnis der Idylle wichtige Erkenntnisse liefern. Die erste Form, die er als die ursprüngliche beschreibt, ist das Verständnis von Zeit, das Nomadenstämme haben. Sie beschreibt er als von den Jahreszeiten unabhängige Menschen, die gerade aufgrund dessen, dass sie nicht vom Zyklus der Natur, sondern nur von ihrem persönlichen Willen abhängig sind, frei umherziehen können und aus diesem Grund in einer „inhaltslos‐trägen Freiheit“ 45 leben. Doch dann wurde der Mensch sesshaft und aus dieser ursprünglichen Zeit entwickelte sich die zyklische Zeit, denn der Mensch orientierte sich jetzt an den Jahreszeiten. Das hatte zur Folge, das aus einem nomadenhaft einförmigen Leben ein zyklisches Leben wurde, das den Menschen zwar eine feste Zeiteinteilung auferlegte, ihnen jedoch auch die Möglichkeit gab, durch die Kenntnis der Zeitabschnitte - namentlich der Jahreszeiten -, sowie durch Arbeitsaufteilung und Organisation den immer wiederkehrenden Zyklen ein Mehrwert abzuringen. Diese zyklische Zeit ist eine Zeit, in der noch keine schriftlichen Aufzeichnungen gemacht wurden. Deshalb wird sie nicht als etwas Vergängliches erfahren, sondern als etwas, das ewig wiederkehrt. 46 Der heutige Mensch lebt jedoch in einer Zeit, die sich von diesem natürlichen Zyklus abgewandt hat.
Stattdessen lebt er in einer Gesellschaft, die sich dem Kapitalismus verschrieben und ihm folgend eine ganz eigene zeitliche Dynamik hervorgebracht hat, die sich nicht mehr an den
45 Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Übers. v. Jean‐Jacques Raspaud. Edition Nautilus. Hamburg: Verlag Lutz Schulenburg, 1975. S. 26.
46 Vgl. natur.ereignis - Idylle nach Stifter. Hgg.v. Thomas Werner Duschlbauer und Peter Klimitsch. Gesellschaft zur Förderung zeitgenössischer Literatur, Kunst und Kultur. Linz: Edition für angewandte Texte, 2005. S. 16. 14
Arbeit zitieren:
M.A. Carolin Moosmann, 2008, Die Entwicklung der Idylle in Literatur und Film, München, GRIN Verlag GmbH
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