Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG. 4
2. DIE FELDER 6
3. DER HABITUS DER EINZELNEN AKTEURE 7
3.1. DER HABITUS DES KINDES HOLL. 8
3.2. DER HABITUS DER DIENSTBOTEN. 12
3.3. DIE GESCHICHTLICHKEIT DES HABITUS. 13
4. DIE VIER KAPITALARTEN 14
4.1. ÖKONOMISCHES KAPITAL 15
4.2. KULTURELLES KAPITAL. 16
4.3. SOZIALES KAPITAL. 18
4.4. SYMBOLISCHES KAPITAL 19
5. PHYSISCHE UND SYMBOLISCHE GEWALT. 19
6. RESÜMEE. 22
7. LITERATURVERZEICHNIS. 23
7.1. PRIMÄRLITERATUR. 23
7.2. SEKUNDÄRLITERATUR 23
3
1. Einleitung
Franz Innerhofer (1944 - 2002) gilt mit seinem Erstlingsroman „Schöne Tage“, mit dem er 1974 im Residenz Verlag in Salzburg debütierte, als der „österreichische Elendsrealist“ der 70er-Jahre. Mit seiner autobiographischen Leidensgeschichte lag er im Trend der Zeit, der das Aushängeschild „Neue Subjektivität“ trug, seine „Anti-Heimat-Prosa“ wurde von Lesern und Rezensenten nicht zuletzt wegen ihres hohen Grades an Authentizität und des gesellschaftskritischen Charakters überaus hoch geschätzt.
Um diesen Text nun auf literatursoziologischer Basis untersuchen zu können, wird Pierre Bourdieus (1930 - 2002) Habituskonzept, die Grundlage seiner ethnosoziologischen Studien in Algerien, aufgegriffen und anhand der drei zentralen Kategorien Feld, Habitus und Kapital gezeigt, dass soziologisches Arbeiten mit diesem literarischen Text möglich ist. Zur Begründung, soziologisch relevantes Material aus der Autobiografie Innerhofers zu entnehmen, stütze ich mich auf die Analysen zur Authentizität des Romans, vorrangig auf Kuzmics/ Mozetiþ (2004), welche die soziologische Qualität und Gültigkeit der Beschreibungen Innerhofers durch Textvergleiche empirisch überprüfen konnten 1 . Die Geschichte Holls ist zeitlich und örtlich fixiert und erhebt nicht nur deshalb Anspruch auf Authentizität, sondern vor allem wegen der Übereinstimmung mit der Biografie des Autors. Das Werk Innerhofers wird den Ansprüchen eines historischen Dokuments gerecht, vielmehr geht es darüber hinaus, denn durch seine Detailliertheit in der Schilderung gibt es Informationen über sehr differenzierte psychische Zustände und gesellschaftliche Zusammenhänge, was dem soziologischen Erkenntnisgewinn zusätzlich zu Gute kommt.
Wie auch Bourdieu schon in Flauberts „L’Education sentimental“ 1999 die implizite und verborgene Anwendung eines Feldkonzepts entdeckte, soll diese Arbeit ein Versuch sein, Bourdieus Theorie und Habituskonzept in den sozialen Strukturen des literarischen Werkes Innerhofers wiederzufinden und mit ihrer Hilfe eine Verbindung aus „externer“
1 Vgl. Helmut Kuzmics; Gerald Mozetiþ: Literatur als Soziologie. Zum Verhältnis von literarischer und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Konstanz: UVK 2003, S. 277 - 283.
Vgl. auch Sylvia Szely: HEIMAT / BILDER. Lektüre dreier österreichischer Romane aus den siebziger und achtziger Jahren. „Schöne Tage“ (Franz Innerhofer - Fritz Lehner), „Herrenjahre“ (Gernot Wolfgruber - Axel Corti), „Der Stille Ozean“ (Gerhard Roth - Xaver Schwarzenberger). Wien: Ed. Praesens 1998, S. 29 - 38.
4
und rein werkimmanenter Analyse herzustellen. Die Anwendbarkeit der Feld-Konzeption auf die Autobiografie ist zielführend, weil in dieser das Feld des Autors erkannt wird. 2
Zu Beginn wird das gesellschaftliche Milieu des Romans in mögliche Felder ausdifferenziert, anschließend im Hauptteil auf die beiden Kategorien „Habitus“ und „Kapital“ eingegangen, habituelle Muster der Akteure im Detail aufgezeigt und die relevanten Kapitalformen in den jeweiligen Gruppen beschrieben. Den Abschluss bildet eine Analyse jener sozialen Machtstrukturen, welche das Funktionieren des ländlichbäuerlichen Feldes garantieren.
2 Vgl. Kuzmics/Mozetiþ, Literatur als Soziologie, S. 55f.
5
2. Die Felder
Um im Anschluss „Schöne Tage“ im Detail zu analysieren, möchte ich vorausgreifend auf Bourdieus Begriff „Feld“ eingehen. Mit Feldern sind jene geschlossenen Bereiche gemeint, in die sich der soziale Raum im Laufe der Geschichte ausdifferenziert und die strukturähnlichen Charakter aufweisen. In Innerhofers Roman ist es dieser ländlichbäuerliche Raum, der als „ökonomisches Feld“ bezeichnet werden kann, da er vorrangig nach ökonomischen Prinzipien ausgerichtet ist. Das „Lebens-/Familienfeld Bauernhof“ ist gleichzeitig Arbeitsfeld und orientiert sich an dieser Ökonomie. Weiters kann ein „Bildungsfeld Schule“ und die Kirche als Beispiel eines „religiösen Feldes“ bestimmt werden. Die Ausdifferenzierung in diese drei Hauptfelder ist keine zwingende, sondern lediglich ein Versuch, die Bereiche zu beschreiben, durch die die dauerhaften Dispositionen der einzelnen Akteure im Laufe der Sozialisation geprägt werden und in denen die einzelnen Kapitalarten ihre Wirkung entfalten. Diese drei Felder generieren eigene Kampf- und Machtstrukturen und haben eine strenge hierarchische Ordnung gemein.
Die „Schule als verhaltensnormierende Instanz“, welche bei Panofsky schon als wichtigste Institution zur Habitusbildung angegeben wird 3 , spielt in Innerhofers autobiografischem Roman eine bedeutende Rolle. Die Felder sind als „relativ autonom“ 4 zu sehen, diese Autonomie ist dadurch begrenzt, dass sich die Machtstrukturen der einzelnen Felder ähneln und die Hierarchieverhältnisse zwischen den Feldern ähnlich sind. Der Grad der Autonomie der beiden Felder Schule und Bauernhof wird beispielsweise am Habitus der Leibeigenenkindern am ersten Schultag deutlich. Diese leiden unter der kulturellen Diskontinuität zwischen den verschiedenen Kommunikationssystemen der Schule und des Elternhauses, was sich in Verängstigung und sprachlicher Unsicherheit äußert. 5 Am Beispiel des örtlichen Pfarrers ist ebenfalls zu sehen, dass die dauerhaften Dispositionen, die verinnerlichten Verhaltensmuster, in jedem Feld spezifisch sind und so eine höhere Autonomie der Felder garantieren:
3 Vgl. Joseph Jurt: Bourdieu. Stuttgart: Philipp Reclam 2008. (= Reclam Taschenbuch. 20319.) S. 62.
4 Vgl. ebda, S. 122.
5 Vgl. Maria Zeyringer: Franz Innerhofer: Schöne Tage. Intermediale Analyse von Roman, Drehbuch und Verfilmung in Hinblick auf sozio- und psycholinguistische Aspekte. Graz, Dipl.-Arb. 1990, S. 99.
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Arbeit zitieren:
Michaela Nocker, 2009, Franz Innerhofer: „Schöne Tage“ , München, GRIN Verlag GmbH
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