Bildnachweis Deckblatt
Deutsches Bundesarchiv, Bild 101I‐022‐2927‐26 Urheber: Mittelstaedt, Heinz Datum: 21. Juni 1943
Titel: Russland, Generäle Hoth und v. Manstein
Zusatz: Sowjetunion.‐ Unternehmen "Zitadelle", Generäle bei Besprechung, links Generaloberst Hermann Hoth, rechts Generalfeldmarschall Erich von Manstein; PK 637 Gliederung 1. Fragestellung Seite 3 2. Operative Handlungsfreiheit Seite 3
3. Nutzung des Raumes in Tiefe und Breite Seite 4
4.Indirektes Vorgehen gegen Flanke und Rücken Seite 6 5. Das Schwerpunkt‐Prinzip Seite 7
6. Synchronisation der Gesamtoperation und Jointness Seite 8 7. Führen durch Auftrag Seite 9 8. Fazit und Ausblick Seite 10
1. Fragestellung
Das Ziel des vorliegenden wissenschaftlichen Aufsatzes ist es, diejenigen traditionellen Elemente der Erich von Mansteinischen Philosophie des operativen Denkens und Planens herauszustellen, aus denen Erkenntnisse und Folgerungen für das planerische Vorgehen und Führen von modernen „Joint Operations“ gezogen werden können.
Mit dem Begriff „Philosophie“ sollen dabei zwei Dinge zum Ausdruck kommen: Erstens beschreibt der Tatbestand „eine Philosophie haben“ eine Gesamtheit von Einstellungen und Haltungen, Handlungsmaximen und Begründungen einer Person für ihr ganz bestimmtes Verhalten. Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, diese Grundlagen des Führungshandelns bei von Manstein aufzuspüren und für das heutige Operative Denken und Planen nutzbar zu machen. Zweitens bringt der Begriff „eine Philosophie haben“ zum Ausdruck, dass Operative Führung ein Kunst ist; folglich sucht diese Arbeit, die Techniken eben dieser Führungskunst herauszuarbeiten und für die Planung und Führung moderner Joint Operations dienlich zu machen. Bei alldem meint der Begriff „Philosophie“ all jene nur schwer zähl‐ oder messbaren Faktoren und Sachverhalte, wie Intuition und operative Kreativität, Initiative, gedankliche Flexibilität und Risikobewusstsein, die allesamt nur beschreibend erfasst werden können. Die Herausstellung dieser Philosophie sucht also die große Linie bei von Manstein, losgelöst von der Regelhaftigkeit einer rein taktischen Analyse. Die vorliegende Studie beschränkt sich auf die Auswertung des Sichelschnitt‐Planes von 1940 und des Gegenschlages der Heeresgruppe Süd im Jahre 1943. Es sind diese beiden Schlachten - oder genauer: die ihnen zugrundeliegende Operationsplanung auf deutscher, in der Hauptsache auf von Mansteinischer Seite - die aus Sicht des Generals a.D. Graf von Kielmannsegg einzig das
Ausnahmeprädikat „glänzend“ verdienen. 1
Für den besonderen Aspekt von Joint Operations dient eine Analyse des Krieges auf der Halbinsel Krim vom Mai/Juni 1942. 2
Mit der Auswahl dieser drei gewählten Ereignisse werden unterschiedliche Entscheidungssituationen exemplarisch herangezogen: Bei den Planungen des Sichelschnittplanes in der Zeit von Oktober 1939 bis Mai 1940, also in der „relativen Ruhe eines Sitzkrieges“ 3 , war der Zeitdruck nicht so groß und damit die Umstände der Entscheidungsfindung nicht so schwierig wie in den beiden anderen Beispielen. Die Untersuchung dieser drei Ereignisse erfolgt unter Betrachtung folgender Faktoren: Operative Handlungsfreiheit, Nutzung des Raumes in Tiefe und Breite, Indirektes Vorgehen gegen Flanken und Rücken, Schwerpunkt‐Prinzip, Synchronisation der Gesamtoperation/Jointness, sowie Führen durch Auftrag. 2. Operative Handlungsfreiheit
Einen wesentlichen Erfolgsfaktor für das Gelingen des Gegenschlages am Donec 1943 sehen die Militärhistoriker Klein und Frieser darin, dass infolge einer Neuordnung der Befehlsstruktur Generalfeldmarschall von Manstein zum Oberbefehlshaber der neuen Heeresgruppe Süd ernannt und ihm dadurch die ungeteilte Verantwortung für die Operationsführung übertragen worden sei. Als Hitler im Februar 1943 in jener denkwürdigen Besprechung im Hauptquartier von Mansteins in
1 Klein, F./Frieser, K.‐H.: Mansteins Gegenschlag am Donec. Operative Analyse des Gegenangriffs der Heeresgruppe Süd im Februar/März 1943, in: Militärgeschichte, H. 9 (1999), S. 12
2 Hayward, J.: A Case Study in Early Joint Warfare. An Analysis of the Wehrmacht´s Crimean Campaign of 1942, in: The Journal of Strategic Studies, Vol. 22, No. 4 (1999), S. 103‐130
3 Syring, E.: Erich von Manstein - Das operative Genie, in: Smeiser, R./Syring, E. (Hrsg.), Die Militärelite des Dritten Reiches, 2. Aufl., Berlin 1998, S. 334
Zaporož´e vor der Wahl stand, entweder das Donec‐Becken oder das Donec‐Becken und zusätzlich eine ganze Heeresgruppe zu verlieren, musste er unter dem Druck der Ereignisse hier und jetzt dem Feldmarschall notgedrungen operative Handlungsfreiheit zubilligen. Damit war die wichtigste Voraussetzung für einen ernstgemeinten Versuch der Rettung der Ostfront geschaffen. 4 Auch in der Vorbereitung des Westfeldzuges gibt es Belege für die außergewöhnlich starken Spannungen zwischen Hitler und von Manstein in puncto der ungeteilten Verantwortung für die Operationsführung, aus Angst vor einer Bloßstellung und aufgrund eines immer wieder hervortretenden Misstrauens gegenüber dem Deutschen Generalstab 5 , griff Hitler in die laufende Operation ein. Frieser führt in diesem Zusammenhang aus: „Hitler erging es wie einem amateurhaften Schachspieler, dem eher durch Zufall der gleiche geniale Schachzug gelingt wie einem Großmeister (diesem jedoch aufgrund eines viel komplexeren Denkprozesses) und der nun glaubt, auch er sei ein großer Meister. Doch als er seinem Generalstab, der die Partie schon gewonnen hatte, ins Handwerk pfuschte und die Panzer vor Dünkirchen stoppen ließ, bewahrte er die britische Armee vor dem ‚Schachmatt‘“. 6
Zwischenfolgerung 1: Angesichts immer weiter entwickelter Technologien wird es zunehmend einfacher werden, über alle Führungsebenen hinweg auf den letzten Mann und das letzte Fahrzeug „durchzugreifen“. Politik unterliegt hierbei der Verführung eines Mikromanagements, das sich im Detail verliert und damit eine konsequente Delegation verhindert. Was dabei verloren gehen kann, ist die Kreativität der Führung und das Vertrauen in die Fähigkeiten zu Operativer Führung der nächsten Ebene.
3. Nutzung des Raumes in Tiefe und Breite
Als Konsequenz aus der Forderung nach Überlassung der Handlungsfreiheit resultierte für von Manstein ganz zwangsläufig der Anspruch, im Hinblick auf Kräfte, Raum und Zeit frei operieren zu können. Der Frontbesuch im Februar 1943 bei von Manstein machte Hitler deutlich, dass die von seiner Entscheidung losgelöste Nutzung des Raumes in Tiefe und Breite für von Manstein unabdingbar war. Hitler selbst dachte nur statisch und aus einem Mangel an geistiger Wendigkeit heraus gab es für ihn nur ein „Halten um jeden Preis“, wohingegen von Manstein „ein Meister der beweglichen Operationsführung war … der den Raum als Waffe nutzte“. 7
Die einzige Möglichkeit, mit der siebenfachen Überlegenheit der russischen Panzerkräfte während des Gegenschlags am Donec im Februar 1943 fertig werden zu können, habe darin, so Frieser, mit Hilfe einer wendigen Operationsführung, den Gegner in die Tiefe des Raumes zu locken, ihn vorzeitig an den Kulminationspunt 8 heranzuführen und ihn in den empfindlichen Flanken anzugreifen. 9 Von Mansteins bewegliche Operationsführung umfasste dabei folgendes Vorgehen: Räumung schwer zu haltender Frontbögen, stattdessen Beziehen günstiger Verteidigungsstellungen in der Tiefe, ferner der Tausch von Raum gegen Reserven. Durch Geländeverzicht und Zurücknahme der Front verkürzte
4 Klein, F./Frieser, K.‐H., a.a.O., S. 14
5 Kershaw, I.: Hitler, Stuttgart 2000, S. 394f, 606f, 699, 714, 721,, 752
6 Frieser, K.‐H.: Blitzkrieg‐Legende. Der Westfeldzug 1940, 2. Aufl., München 1996, S. 94
7 Klein, F./Frieser, K.‐H., a.a.O., S. 14
8 Clausewitz, C.: Vom Kriege, 19. Aufl., Bonn 1989, S. 879, siehe auch Tashjean, J.E.: Smolensk 1941. Zum Kulminationspunkt in Theorie und Praxis, in: Die Operative Idee und ihre Grundlagen, Herford 1989, S.39‐52
9 Klein, F./Frieser, K.‐H., a.a.O., S. 14.d.
Arbeit zitieren:
Harry Horstmann, 2010, Mansteins „Philosophie“, München, GRIN Verlag GmbH
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