1 Einleitung
Hanif Kureishi zeichnet in seinem Roman The Buddha of Suburbia (The Buddha) eine Vielzahl von Figuren, die so unterschiedlich sie auch sein mögen, eines gemeinsam haben: Sie sind alle auf der Suche nach sich selbst. Es sind die Geschichten von Migranten der 1. Generation, die trotz ihres starken Anpassungswillens die Sehnsucht nach der (imaginären) Heimat nicht verlieren; die Geschichten von ihren in England geborenen Kindern, die sich in England zu Hause fühlen, aber denen aufgrund ihres „ethnischen Erbes“ von außen ein Gefühl der Zerrissenheit, des in-between auferlegt wird; und es sind auch die Geschichten von Figuren ohne Migrationshintergrund, die sich in einer schnell wandelnden Welt nach Stabilität und Beständigkeit sehnen. Kureishi beschreibt damit ein vielfältiges Bild vom Leben im postkolonialen und postmodernen London der 70er, in dem das Leben gekennzeichnet zu sein scheint von der Suche nach einem place of belonging. Diese Suche nach einem place of belonging wird angeregt, weil in der Postmoderne alte stabile Sinnstrukturen, an denen sich das Individuum fest orientieren konnte, ins Wanken geraten und weil durch weltweite Globalisierungsprozesse kulturelle Systeme, die einst den Mythos von Reinheit und Einheit aufrechterhalten und dadurch dem Individuum eine eindeutige kulturelle Verortung geben konnten, stärker äußeren Einflüsse ausgesetzt werden. Dieser Prozess des sich wandelnden Gesellschaftsbildes wird in The Buddha widergespiegelt. Kureishi Figuren sind das Produkt der postkolonialen Ära. Sie sind hybride Konstrukte, weil sie durch eine Vielzahl von kulturellen Einflüssen und Identitäten gekennzeichnet sind. In ihrem hybriden Status fordern sie einheitliche nationale Systeme, „reine“ in sich geschlossene kulturelle Systeme und binäre Identitätsmuster heraus.
Eine Figur, die mehrere Kulturen in sich trägt und damit als hybrid bezeichnet werden kann, ist Karim. Anhand dieser Figur soll aufgezeigt werden, wie die Außenwelt mit der sich wandelnden Wirklichkeit der postkolonialen Zeit umgeht. Es soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit hybride Subjekte als solche gesellschaftlich anerkannt und nicht nur als inbetweens oder half-castes betrachtet werden. Schließlich soll untersucht werden, inwieweit es Karim gelingt in einer durch dichotome Denkmuster geprägten Außenwelt seine kulturellen Hintergründe in ein positives hybrides Selbstkonzept zu vereinen. Dazu soll zunächst im ersten Teil der Arbeit erläutert werden wie sich das Konzept der Identität im Laufe der Zeit verändert hat. Diese Nachverfolgung ist wichtig, um zu begreifen, welche Prozesse zur Fragmentierung des postmodernen Subjekts beigetragen haben und was Identität in der Postmoderne bedeutet. Anschließend soll aufgezeigt werden, welche
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Bedeutung die nationale Identität für die Identifikation des Einzelnen hat und wie die weltweiten Globalisierungs- und Migrationsprozesse nationale Kulturen beeinflusst haben. Da im Zuge dieser Prozesse sich ein grundlegender Wandel fester und einheitlicher Identifikationskategorien vollzogen hat, soll im Anschluss daran das Konzept der Hybridität von Homi K. Bhabha erläutert werden, Das Konzept beschreibt die Hybridisierung ethnisierter und nationalisierter kultureller Formen und Praxen und bietet neue Identifikationsmuster für hybride Subjekte. Diese Ausführungen sollen die theoretische Grundlage der Arbeit bilden.
Im zweiten Teil der Arbeit erfolgt eine Analyse des Primärtextes. Die Analyse beschränkt sich auf die Figur von Karim. Zunächst wird dargestellt wie die Umwelt auf Karim, der eine englische Mutter und einen aus Indien stammenden Vater hat, reagiert. Darauf anschließend soll dargestellt werden wie Karim mit seinem „ethnischen Erbe“ umgeht und ob er dieses positiv in sein Selbstbild integrieren kann.
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2 Die Fragmentierung der Identität in der Spätmoderne
Die Kulturkritikerin Kobena Mercer äußert in ihrem Aufsatz „Welcome to the Jungle“ (1990), dass „Identität nur in ihrer Krise zum Problem (wird).“ 1 Vergleicht man die Diskussionen in den Gesellschaftstheorien, die seit den 90er Jahren vermehrt über die Frage der Identität geführt werden, so kann man sagen, dass Identität tatsächlich in eine Krise geraten ist. Dabei beschränkt sich die Frage nach der Identität nicht nur auf wissenschaftliche Diskurse; auch das moderne Individuum scheint sich verstärkt auf die Suche nach dem „eigenen Ich“ zu begeben. Dieses Thema, die Suche nach dem eigenen Ich, wird von Hanif Kureishi in The Buddha of Suburbia (The Buddha) aufgegriffen. Anhand vielfältiger Charaktere wird dargestellt, wie die einzelnen Charaktere sich auf die Suche begeben und je nach ethnischem Hintergrund, je nach Klassen- oder Geschlechtszugehörigkeit mit unterschiedlichen Problemen konfrontiert werden.
Es stellt sich die Frage, warum gerade in der heutigen Zeit das Thema Identität sowohl für die Wissenschaft als auch für die Gesellschaft und das Individuum so viel Relevanz erfährt, zumal das Konzept der Identität keine neuzeitliche Erfindung ist. Um eine kurze Antwort auf diese Frage zu geben, sei noch einmal auf Kobena Mercer hinzuweisen, die in ihrem Aufsatz weiter fortführt, dass „Identität nur in ihrer Krise zum Problem (wird), wenn einiges von dem, was gesichert, kohärent und stabil erschien, durch die Erfahrung des Zweifels und der Unsicherheit verworfen wird.“ 2 Demnach scheint sich ein Wandel vollzogen zu haben, durch den stabile und kohärente Ordnungen und Systeme ins Wanken geraten sind und eine Krise der Identität ausgelöst haben. Dieser Wandel hat „die zentralen Strukturen und Prozesse moderner Gesellschaften“ verschoben und „die Netzwerke unterminiert, die den Individuen in der sozialen Welt eine stabile Verankerung gaben.“ 3
Um herauszufinden, wie es zu einer Krise der Identität, die von mehreren Theoretikern auch als „Dezentrierung“, „Fragmentierung“ oder „Zerstreuung“ (Hall 1994, Laclau 1990) bezeichnet wird, gekommen ist, soll im Folgenden skizziert werden, welche historischen Prozesse zu dieser „Dezentrierung des Subjekts“ geführt haben. Dabei wird auf das Essay „Die Frage der kulturellen Identität“ von Stuart Hall (1994) Bezug genommen. Hall skizziert
1 Kobena Mercer: “Welcome to the Jungle,” in: Rutherford, Jonathan: Identity. London: Lawrence & Wishart, 1990, 43.
2 ebd., 43.
3 Stuart Hall: „Die Frage der kulturellen Identität,“ in: ders.: Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg: Argument Verlag, 1994, 180.
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in seinem Essay drei Konzepte von Identität, anhand derer er veranschaulicht, wie es zu einer Dezentrierung des Subjekts gekommen ist.
Während in vormodernen Gesellschaften das Selbstbild des Einzelnen geprägt war durch ein religiös geprägtes Weltbild, das verhinderte, dass sich der Einzelne als souveränes eigenständiges Individuum wahrnahm, sind im Zeitalter der Aufklärung grundlegende Veränderungen eingetreten, die zum Zerfall des religiös geprägten Weltbildes und zum Aufstieg des modernen Rationalismus geführt haben. Gegründet auf seiner Fähigkeit zur Vernunft und zum Denken, steht das Individuum als „rationales, reflektierendes und bewusstes Subjekt“ seitdem im Zentrum der Identitätskonstruktion. Es herrscht die Auffassung, dass das Individuum mit sich selbst identisch ist, d.h. es entwickelt sich um einen stabilen Ich-Kern, der sich im Laufe des Lebens verändern könne, aber im Kern immer gleich bleibe und damit die Identität des Individuums auszeichne. 4
Erst der symbolische Interaktionismus um Mead und Cooley hat zur Entstehung der Figur des soziologischen Subjekt beigetragen. In ihm liegt die Annahme begründet, dass das Individuum sich nicht nur um einen stabilen Ich-Kern entwickelt, sondern in Interaktion mit und abhängig von Anderen geformt werde. In dieser Sicht ist die Interaktion zwischen Individuum und Gesellschaft ausschlaggebend für die Identitätskonstruktion: “(…) dieses [Ich] wird in einem kontinuierlichen Dialog mit den kulturellen Welten außerhalb´ und den Identitäten, die sie anbieten, gebildet und modifiziert.“ 5 Ausgangspunkt dieser Annahme ist die zunehmende Komplexität der modernen Welt, in der das Individuum verstärkt in Interaktion mit der Außenwelt trete. Als entscheidend ist dabei festzuhalten, dass die Identitätskonstruktion an die Stabilität der „kulturellen Welt“ gebunden wird. „Identität verklammert das Subjekt mit der Struktur. Sie stabilisiert sowohl die Subjekte als auch die kulturellen Welten, die sie bewohnen, und macht sie beide auf reziproke Weise einheitlicher und vorhersehbar.“ 6 Wenn aber die Stabilität der kulturellen Außenwelt durch den strukturellen und institutionellen Wandel des 20. Jahrhunderts entstabilisiert wird, dann wirken sich diese Entstabilisierungsprozesse entscheidend auf die Identitätsformierung aus. Hierin sieht Hall die Gründe für die Entstehung des postmodernen Subjekts. Die Vorstellung einer einheitlichen und stabilen Identität wird durch den Wandel der „kulturellen Landschaft von Klasse, Geschlecht, Sexualität, Ethnizität, ´Rasse` und Nationalität“, in der das Individuum einst fest verortet war, fragmentiert. Dadurch gerät das Individuum verstärkt in Identitätskrisen. Ernesto Lacau (1990) benutzt für die Auswirkungen des strukturellen
4 Vgl., Hall, 181.
5 ebd., 182.
6 ebd., 182.
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Wandels des späten zwanzigsten Jahrhundert den Begriff der „Zerstreuung“ (dislocation). Er argumentiert, dass sich postmoderne Gesellschaften durch Destabilisierungsprozesse kennzeichnen, die zu einer Zerstreuung der Gesellschaften führen, denn ihre Struktur und Identität formiert sich nicht mehr um ein Zentrum herum, sondern setzt sich aus „einer Vielfalt von Zentren“ zusammen. Diese Zerstreuung hat nach Lacau eindeutig positive Züge, denn sie eröffnet dem Individuum eine Vielzahl von neuen Identifikationsmöglichkeiten. 7 Das postmoderne Subjekt wird wie folgt definiert: „In dem Maß, in dem sich die Systeme der Bedeutung und der kulturellen Repräsentation vervielfältigen, werden wir mit einer verwirrenden, fließenden Vielfalt möglicher Identitäten konfrontiert, von denen wir uns zumindest zeitweilig mit jeder identifizieren können.“ 8 Das Individuum hat demnach nicht eine festgelegte und anhaltende Identität, sondern kann aus den verschiedenen kulturellen Repräsentationssystemen, die es umgeben, seine Identität(en) kontinuierlich neu bilden und verändern. Diese Vielzahl an Identifikationsmöglichkeiten prägt das postmoderne Subjekt. Im Folgenden soll untersucht werden wie sich der strukturelle Wandel des späten 20. Jahrhunderts auf die kulturelle Identität ausgewirkt hat.
3 Kulturelle Identität im Wandel der Zeit
3.1 Nationale Zugehörigkeit als identitätsstiftendes Merkmal
Nachdem dargestellt wurde, wie das Subjekt sich im Laufe der Geschichte von einem einheitlichen zu einem fragmentierten Subjekt entwickelt hat, soll der Frage nachgegangen werden, wie dieses Subjekt mit kollektiven kulturellen Identitäten verklammert ist. Dabei soll am Beispiel der nationalen Identität aufgezeigt werden, welche Auswirkungen der strukturelle Wandel in der Spätmoderne auf die kollektive kulturelle Identitätsbildung hat. Nach Ernest Gellner macht die Zugehörigkeit zu einer Nation einen wesentlichen Bestandteil menschlicher Identität aus:
Der Mensch braucht eine Nationalität, so wie er eine Nase und zwei Ohren haben muß; das Fehlen einer diesen beiden Attribute ist zwar nicht unvorstellbar und mag von Zeit zu Zeit vorkommen, aber nur als Ergebnis eines Unglücks: Es ist selbst eine Art Unglück. All dies erscheint offensichtlich, obwohl es leider falsch ist. Daß es jedoch so offensichtlich als wahr erscheint, ist tatsächlich ein Aspekt oder auch vielleicht der Kern
7 Vgl. Ernesto Laclau: New reflections on the revolution of our time. London: Veso, 1990. 40 f.
8 Hall, 183.
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des Problems des Nationalismus. Der Tatbestand, eine Nation(alität) zu besitzen ist kein inhärentes Attribut der Menschlichkeit, aber es hat diesen Anschein erworben. 9
Demnach wird der Mensch nicht mit einer nationalen Identität geboren. Nation bzw. nationale Identität ist vielmehr eine „vorgestellte Gemeinschaft“ (Anderson 1998) oder „eine Erfindung, wo es sie vorher nicht gab“ (Gellner 1964). Auch Hall definiert Nation nicht nur als politisches Gebilde, sondern als „ein System kultureller Repräsentationen“:
Nationale Identitäten konstruieren Identitäten, indem sie Bedeutungen der Nation herstellen, mit denen wir uns identifizieren können; sie sind in den Geschichten enthalten, die über die Nation erzählt werden, in den Erinnerungen, die ihre Gegenwart mit ihrer Vergangenheit verbinden und in den Vorstellungen, die über sie konstruiert werden. 10
Nationale Kulturen sind Diskurse bzw. Erzählungen, die erst Identitäten konstruieren. Dabei werden die Erzählungen durch die Betonung der Ursprünge der Nation und ihrer Kontinuität, ihrer Traditionen und einer gewissen Zeitlosigkeit, gekennzeichnet. Differenzen und Brüche werden „durch die Ausübung kultureller Macht ‚vereinigt’“ 11 , so dass die kulturelle Repräsentation einer ursprünglichen einheitlichen und authentischen nationalen Identität aufrechterhalten werden kann.
Nation wird demnach als etwas Fiktives und Konstruiertes beschrieben, das jedoch in seiner Fiktivität eine der einflussreichsten Quellen kollektiver Identität zu sein scheint und sogar eine der Hauptquellen der modernen Identität darstellt. 12 Der Grund dafür ist, dass die Identifikation mit einer Nation dem Einzelnen eine gewisse Kontinuität und ein Gefühl der Gruppenzugehörigkeit sichert. Zwei Menschen gehört einer Nation an, wenn sie dieselbe Kultur oder Ethnizität 13 teilen. Die Einheit einer nationalen Kultur wird dabei durch die Konstruktion eines äußeren Anderen, dem gegenüber Grenzen gezogen werden, gebildet. 14
9 Ernest Gellner: Nationalismus und Moderne. Hamburg: Rotbuch-Verlag, 1995, 15.
10 Hall, 201.
11 ebd., 206.
12 Vgl. ebd., 199.
13 Ethnizität wird verstanden als ein Zugehörigkeitsgefühl, „das sich zunächst an kulturellen Kriterien wie einheitlicher Welterfahrung, Wertesystem, Beziehungs- und Handlungsmuster orientiert und erst in zweiter Linie durchökonomische, soziale, generations- oder geschlechtsspezifische Kriterien bestimmt ist.“ Vgl. Doris Teske: Cultural Studies GB. Berlin: Cornelsen 2002, 175.
14 Vgl. Erel Umut: „Grenzüberschreitungen und kulturelle Mischformen als antirassistischer Widerstand,“ in: Gelbin, Cathy/Konuk, Kader/Piesche, Peggy (Hrsg.): Aufbrüche: Kulturelle Produktionen von Migrantinnen, Schwarzen und jüdischen Deutschen Frauen. Königstein: Ulrike Harms Verlag, 1999, 173.
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2008, Hybride Identitätskonzepte in "The Buddha of Suburbia", München, GRIN Verlag GmbH
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