1. Einleitung
Das antike Griechenland fasziniert noch heute aufgrund seiner immensen rationalen Entwicklung, Reife und Modernität. Faszinierende Kunstgegenstände wurden gestaltet, der Handel florierte und den Griechen gelang ein dauerhafter beständiger Aufbau einer Staatsform, die jedem Bürger des Stadtstaates Mitspracherecht in politischen, militärischen und öffentlichen Fragen gewährte: die Demokratie. Griechenland lebte aber andererseits von einem immensen Kulturgut, den Mythen und Riten, die jahrhundertelang überliefert wurden, zunächst verbalisiert, bald verschriftlicht und schlussendlich auch auf dem Theater einen Raum zur Darbietung fanden. Zwei entscheidende Dimensionen treffen somit in Griechenland um 500 vor Christus zusammen, die einen entscheidenden Beitrag dazu liefern, warum gerade an diesem Ort und zu dieser Zeit Theater entstehen konnte, wie wir es - betrachtet man seine Grundform - noch heute auf den Bühnen dieser Welt praktizieren: das Politische und das Kultische.
In dieser Arbeit soll nun im Folgenden zunächst ein Überblick über das antike Grie-chenland, seine mythischen Vorstellungen und seine politische Realität gegeben werden, in dem Athens Aufstieg zur politischen Großmacht skizziert wird und im Anschluss daran kultische Ursprünge der griechischen Kultur dargelegt werden. Im zweiten Teil der Arbeit erfolgt dann ein Abriss über die Entstehungsgeschichte des Theaters, in dem verschiedene Ursprungstheorien verglichen werden. Anschließend soll der Weg des Theaters von den kultischen Festen zur klassischen Tragödie nachvollzogen werden, um daraufhin auf die Aufführungspraxis der dionysischen Feste im alten Griechenland näher einzugehen.
Im dritten Teil dieser Arbeit erfolgt die Erörterung der kultischen und politischen Dimension des Theaters der Griechen, in dem die politische Kunst in der Tragödie gesucht wird, der Weg vom Ritual zum Theater nachvollzogen wird, sowie im Anschluss daran die Bedeutung des Theaters und der Feste für die Griechen untersucht wird. In einem abschließenden Fazit soll noch einmal zusammengefasst werden, welche Antworten sich auf die Fragestellung dieser Arbeit finden lassen, inwiefern das Theater der griechischen Antike politische und kultische Dimensionen besitzt und worin diese begründet werden können.
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2. Das antike Griechenland: ein Land zwischen mythischen Vorstellungen und politischer Realität
2.1 Der Aufstieg Athens zur politischen Großmacht
Um 510 vor Christus gelangte Athen, das jahrhundertelang unter seiner eigenen Schwäche gelitten hatte, nach dem Sturz des Tyrannen Peisistratos zu bis dato ungekanntem Ruhm, Reichtum und Machtbewusstsein. Grundlegend dafür war die Schlacht bei Salamis gegen die Perser 30 Jahre zuvor: die Griechen vernichteten die persischen Flotte und Athen gelang bis 510 vor Christus eine schnelle und weitreichende Entwicklung. „Nachdem es die längste Zeit kaum über die eigenen Grenzen hinaus gewirkt hatte, war es nun eine Großmacht geworden, die es mit dem Weltreich der Perser aufnehmen konnte“ (Meier 1988: 19).
Kleisthenes übernahm die Herrschaft im alten Athen und errichtete eine politische Ordnung, die eine Vorform der Demokratie darstellte und Isonomie genannt wurde. Auch, wenn Athen nicht der Vorreiter dieser neuen politischen Ordnung gewesen ist, bei der selbst die mittleren Schichten regelmäßiges politisches Mitspracherecht hatten, geriet Athen in die Weltpolitik aufgrund seiner außerordentlich großen Anzahl an Mitbürgern (vgl. Meier 1988: 17). Mithilfe der neuen Isonomie gelang es den Athenern die Polis in ein politisches Gleichgewicht zu bringen. Denn: „Angesichts der kaum einzudämmenden Willkür der Herrschenden und der potentiellen Unruhen der Beherrschten kam man darauf, daß man den Angehörigen der mittleren Schichten institutionelle Möglichkeiten geben müsse, um den Übergriffen der Adligen zu wehren“ (Meier 1988: 21).
Diese neue Regierungsform ermöglichte ein intensives Bürgerleben sowohl innerhalb der Polis als auch nach außen gewandt. Dies verwandelte die attische Bürgerschaft dauerhaft. Aufgrund dessen, dass eine breite Machtlagerung stattfand, konnte jeder einzelne Bürger der mittleren und höheren Schichten sich selbst und seiner Macht bewusst werden und diese zur Geltung zu bringen (vgl. Meier 1988: 31). Doch warum gelang diese politische Neuordnung gerade in Griechenland? Aus heutiger Sicht betrachtet, wäre keine andere Lösung denkbar gewesen. Selbst in den schwächeren krisengebeutelten Jahren Athens „wurde (…) kein Einzelner stark genug, um auf
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Dauer einer Stadt oder gar einem Gebiet die eigene Herrschaft als Lösung oktroyieren zu können“ (Meier 1988: 21). Es gab keine Monarchie und auch den Aristokraten gelang es nicht dauerhaft, die Welt in der Polis zu ordnen und so eine feste absolute Macht zu etablieren (vgl. Meier 1988: 21).
Mit dem Sturz des Tyrannen Peisistratos entledigte sich die Stadt ihres Führungsorgans und dank der Reformen des Kleisthenes fielen die Entscheidungen fortan in der Volksversammlung und dem Rat der 500. Die Demokratie in Athen begann, und, obgleich sie von Außen scharf kritisiert wurde, gewannen Athens Kleinbürger von Jahr zu Jahr politische Erfahrung und schärften ihre politische Urteilskraft (vgl. Meier 1988: 34). Athens Fortschritt im fünften vorchristlichen Jahrhundert verlief rasant. Der Handel blühte und Athen wurde zum Schmelztiegel von Handwerk, Wissen und methodischem Geschick. Rhetorik, Musik und Wissenschaft erlebten einen ersten Höhepunkt ihres Daseins und die attische Bürgerschaft wurde sich erstmals ihres Könnens bewusst (vgl. Meier 1988: 39).
Zwar ist es strittig, ob jeder Athener diesen Wandel gleichermaßen wahrnahm, dennoch soll bereits Platon in einem seiner Werke auf die rapiden Gesetzesveränderungen in Athen eingegangen sein - ein Beleg dafür, dass die Stadt sich in einem Umbruch befand (vgl. Meier 1988: 43). Die Athener begannen mit der vormaligen Isonomie und der darauf folgenden Demokratie verantwortungsvoll umzugehen und dieses System der politischen Mitsprache bewusst zu leben. Die attische Bürgerschaft hatte damit im fünften Jahrhundert vor Christus eine ganz außergewöhnliche Beschaffenheit in einer ungewöhnlichen Lage: „Zum ersten Mal in der Weltgeschichte war es dazu gekommen, daß die breiten Schichten der Bürgerschaft regelmäßige, kräftige Mitsprache und schließlich den entscheidenden Anteil an der Politik erlangten.“ (Meier 1988: 7)
Neben dem sich rasant entwickelnden politischem Alltag, lebten die Athener aber auch in einer Welt, die von Mythen, Riten, göttlicher Verehrung und heiligen Festen geprägt war. Die Organisation dieser Feste war Sache der Polis und oblag dem höchsten Staatsbeamten, dem „Archon eponymos“. Inwiefern das antike Griechen-land, insbesondere Athen, von diesen Festen und dem mythischen Glauben geprägt waren, soll im folgenden Teil der Arbeit dargelegt werden.
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2.2 Kultischer Ursprung
Der Kult, der der griechischen Kultur zugrunde liegt, hat zum einen eine mythologische zum anderen eine rituell-performative Seite. Während im Mythos ein Versuch zur Welterklärung stattfindet, mit hintergründigen Fragen nach der eigenen Herkunft, dem Sein, der Identität beziehungsweise dem „Etwas“ nach dem Tod, wird im Ritual hingegen kollektive Identität gelebt mittels gemeinsamer Selbsterfahrung in der Gruppe. Riten sind dabei ein (nahezu) spielerischer Prozess, um beispielsweise neue Bewusstseinsformen zu erlangen, jemandem zu Opfern und neue Erkenntnisse über sich und andere zu gewinnen. Fischer-Lichte sieht im Ritual noch eine ganz andere Bedeutungskomponente:
„Einerseits helfen Rituale, Grenzen zu überschreiten und Krisen zu bewältigen, andererseits
werden diese Grenzen meist erst im Ritual überhaupt erfahrbar (...) Insofern bedeutet jeder ri-tuelle Prozess zugleich Grenzüberschreitung und Grenzziehung“ (Fischer-Lichte 2005: 18). Rituale dienen neben dem Überschreiten von Grenzen demnach auch der Krisenbewältigung. Nicht ohne Grund spricht man bei Initiationsriten oftmals von einer Grenzerfahrung oder Schwellenerfahrung. Auch Turner bringt Krisenbewältigung und ritualisiertes Handeln in eine Verbindung, auch, wenn dieses Handeln sich im religiösen oder auch rechtlichen Rahmen äußern könne (vgl. Turner 1989: 144ff.). Es scheint, als werde sich das Individuum im Praktizieren eines Rituals, das beispielsweise zur Bewältigung einer Krise dienen solle, erst sich selbst und der individuellen Grenzen bewusst, um im Folgenden diese Grenze überschreiten zu können. Dem Individuum wird es daher möglich, dissonante Erfahrungen zu überwinden, um damit wieder ein Teil der Gesellschaft werden zu können. „Außerdem beinhaltet es eine Absicherung gegen die Unsicherheiten und Unvorhersehbarkeiten des alltäglichen Lebens“ (Fischer-Lichte 2005: 205 ff.).
Dieses ritualisierte Handeln ist bereits ein Vorläufer der späteren Theaterkunst. Wie das Ritual Grenzen aufzeigen und überschreiten kann, so ist auch das Theater zu dieser Schwellenreaktion in der Lage. Selbst das Schauspielen an sich kann eine Schwellenerfahrung mit sich bringen, wenn das schauspielende Individuum von der geplanten zur tatsächlich realisierten Rolle übertritt (vgl. Turner 1989: 147).
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2.3 Die Bedeutung der göttlichen Feste
Im Gegenzug zu allen Modernitäten, die die Poliskultur mit sich brachte, waren die Griechen sich der zentralen Rolle, die der Götterkult in ihrem Leben spielte, stets in hohem Maße bewusst.
„Wo immer wir Umschau halten, ob in der Literatur oder Kunst, in der Tragödie oder Komödie,
bei den Historiographen oder Rednern, auf Monumenten oder Inschriften, überall stoßen wir
auf Spuren ihrer Frömmigkeit und Kultpraxis“ (Graf 1998: 33). Die Götterverehrung war demnach stets allgegenwärtig - sowohl in den Künsten, den Wissenschaften, aber auch im täglichen politischen Leben eines attischen Bürgers. Bereits unter der Tyrannenherrschaft der Peisistratiden haben sich gemeinsame Feste in der Polis herausgebildet. Vermutlich lässt sich auch der später begründete Tragödien-Agon auf die Herrschaft von Peisistratos zurückzuführen (dazu mehr in Kapitel 3). Von großer Bedeutung war damals die Tatsache, dass auf allen Gebieten, in denen die Griechen aktiv waren und sich mit anderen maßen, zu Ehren der Götter die jeweils beste Leistung ermittelt werden sollte (vgl. Girshausen 1999: 338). Der Götterkult war daher im engsten Sinne mit der Alltagskultur verbunden. Den Göttern sollte die menschliche Tüchtigkeit unter Beweis gestellt werdenzugleich dienten diese Wettstreite zur Freude der Menschen und hatte damit gleich zwei wichtige Bedeutungen inne: Verehrung der Götter und Unterhaltung der Mitbürger. Und so lassen sich auch die später entwickelten Chor-Wettstreite zuletzt auf die Götter und ihre Zufriedenstellung zurückzuführen.
Tatsache ist, dass die Polis in einem steten Wandel lebte. Doch trotz aller Veränderungen und Inkonsistenz, herrschte eine beständige symbolische und bedeutungsvolle Aktivität vor, in welcher die Polis ihre Bevölkerung immer wieder involvierte: das Feste-Feiern (vgl. Girshausen 1999: 338). Im Athen des fünften Jahrhunderts vor Christus werden zu Ehren des Gottes Dionysos vier Feste jährlich veranstaltet: die ländlichen Dionysien, die Lenäen, die Anthesterien, sowie die städtischen Dionysien, die in ihrer Neuschöpfung auf den Tyrannen Peisistratos im sechsten vorchristlichen Jahrhundert zurückgehen (vgl. Fischer-Lichte 1990: 16). Das bedeutendste kulturelle Ereignis der Polis aber waren die letztgenannten städtischen Dionysien, die im Frühjahr eines Jahres stattfanden und zu der sich die Athener im Dionysos-Theater versammelten. Die Dionysien in Athen waren das größte und angesehenste Fest ihres Stadtstaates und sie dienten gleichzeitig der
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Arbeit zitieren:
Anja Menge, 2010, Das Theater der griechischen Antike , München, GRIN Verlag GmbH
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