Pragmatische Erziehung
Die Philosophischen Grundlagen von Deweys Erziehungstheorie
Der Erfahrungsbegriff - und mit ihm seine gesamte Erziehungstheorie - ist die Wurzel von Deweys Philosophie. Deren Grundlinien wollen wir im Folgenden kurz beleuchten. Zusammen mit George Herbert Mean, Charles S. Peirce und Williams James gehört John Dewey zu den vier Hauptvertretern des amerikanischen Pragmatismus. Mit seiner Philosophie hat sich Dewey im Wesentlichen auf den Bereich der Erziehung und Schule konzentriert, und seine Philosophie kann man als „allgemeine Erziehungstheorie“ 7 definieren. Der Begriff der Erfahrung erhält eine neue Qualität, die eng mit der Evolutionstheorie und den experimentellen Methoden in den Naturwissenschaften zusammenhängt und eine Verbindung von Erfahrung und wissenschaftlicher Vernunft ist. Empirie und Rationalität sind danach keine Gegensätze, vielmehr liegt die „Vernunft in der Erfahrung“. 8
Dewey deutet die menschliche Erfahrung als kontinuierlichen Prozess der Wechselwirkung zwischen Mensch und Umgebung. Diese Anpassung an die Umgebung enthält sowohl eine passive“ leidende“ Seite, als auch eine aktive Seite, insofern der Mensch gestaltend auf Welt und Mitwelt einwirkt. Erfahrung in diesem aktiven Sinn äußert sich im Handeln, einem Zentralbegriff des Pragmatismus. Die Sinne nach Dewey verlieren ihren Platz als Einfallsorte des Wissens und werden „Stimuli des Handels“. 9 Sie stoßen den Prozess des Nachforschens an und ermöglichen dadurch neue Erfahrungen. Die Erfahrung ist ein Prozess eigener Verbesserung. Die vergangenen Erfahrungen werden dazu benutzt, um neue und bessere für die Zukunft zu entwerfen. Die Vernunft entsteht empirisch in Form des konkreten aktiven und planenden Denkens. „Die Vernunft experimentelle Intelligenz, die nach dem Vorbild der Wissenschaft konzipiert und bei der Schaffung sozialer Künste benutzt wird:“ 10 Die Aufgabe der Vernunft besteht darin, beim Entwurf einer besseren Zukunft zu helfen, wobei ihr Wirken durch die Erfahrung selbst überprüft und kontrolliert wird. Nicht allgemeine Prinzipien leiten den Gang, sondern nachzuprüfende Hypothesen, die in der Praxis ausprobiert und je nach Bewährung beibehalten oder revidiert und verändert werden. Idee und Ziele sind keine regulativen Prinzipien oder Wunschbilder, sondern dazu da, um realisiert zu werden. Eine „integrale Intelligenz“ 11 kann nach Dewey helfen, Ziele zu formulieren und die richtigen Schritte beim Handeln zu tun. Wissen und Erkennen werden empirisch und experimentell, eine bestimmte Art intelligent vollzogenen Handelns. Die Pädagogik muss praktisch „pragmatisch“, operativ und experimentell sein. Erziehung und Schule ermöglichen nach Deweys Überzeugung die systematische Umsetzung des
Erfahrungsprozesses, in deren Folge die kontinuierliche gesellschaftliche und sittliche Verbesserung der menschlichen Verhältnisse erreicht wird. Die Erziehung bildet somit
7 A. a. O. S. 151
8 A. a. O. S. 152
9 Weigand 2004, S.153, zitiert nach Dewey 1989, S. 133
10 A. s. O., S. 153
11 A. a. O., S. 154
den Kern des Instrumentalismus, wie Dewey seine Philosophie auch bezeichnet, denn sie ist „Instrument“ 12 zur Förderung dieses Prozesses.
Erziehung als Instrument fortschreitender Erfahrung
Dewey meint, dass Maßstab der Erziehung die Erfahrung ist. Aber nicht jede Erfahrung ist eine erzieherische. So machen die Menschen die unterschiedlichen Erfahrungen, aber diese haben für Dewey nichts mit Erfahrung zu tun. Die erzieherische Erfahrung ist nicht etwas, was einem bloß „widerfährt“, sondern immer ein bewusster Akt. Zwei Prinzipien kennzeichnen die erzieherische Erfahrung:
- das Prinzip der Kontinuität ( continuity) und
- das Prinzip der Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt (interaction). Sie sind im Unterricht gleichzeitig als didaktische Prinzipien wirksam. Beide Prinzipien stellen „das Maß für die pädagogische Bedeutung und den Wert einer Erfahrung“ 13 dar. Kontinuität der Erfahrung heißt, „dass jede Erfahrung ebenso von den vorausgegangenen Erfahrungen beeinflusst ist wie sie ihrerseits die Qualität der nach ihr folgenden Erfahrungen modifiziert“. 14 Von erzieherischen Erfahrungen ganz allgemein kann dann gesprochen werden, wenn sie Interesse beim Menschen hervorrufen sowie Initiativen, Wünsche und Ziele entstehen lassen, die auch langfristig wirksam sind. Eine auf Erfahrung gegründete Erziehung hat dafür zu sorgen, die Erfahrungen auszuwählen, die fruchtbar und schöpferisch in nachfolgenden Erfahrungen fortleben.
Das zweite Prinzip der Erfahrung in ihrer pädagogischen Funktion ist das Prinzip der Wechselwirkung, 15 wobei das Individuum den einen Faktor dieser Wechselwirkung darstellt und die Umweltbedingungen den anderen Faktor bilden. In allen Fällen findet die Erfahrung statt, in denen es zu Wechselwirkung zwischen dem Individuum und seiner Umgebung bzw. Umwelt kommt. Durch das Prinzip der Kontinuität wird etwas von der einen auf die nachfolgende Situation übertragen. Was der Einzelne in der einen Situation an Wissen und Fertigkeiten erworben, an Anregung und Motivation erhalten hat, wird zum Instrument für ein wirksames Verstehen und Behandeln der nachfolgenden Situation. Dieser Prozess dauert nach Dewey so lange wie das Leben und das Lernen fortdauern. Der einzelne Mensch ist freilich weder das Prinzip noch das Ziel von Deweys Erziehungskonzept. Die Identität der Person ist durch relative Stetigkeit im Wandel der einzelnen Handlungen und Verhaltensformen zu erkennen. 16 Es kommt so im Rahmen des schulischen Erziehungs- und Unterrichtsprozess noch auf zwei weitere Kriterien an: Logik( logic) und Psychologie(psychology). Die logische Seite der Erfahrung betrifft den Stoff, die psychologische bezieht sich auf das Kind. Beide sind aufeinander angewiesen. Das Material eines Fachs muss logisch, d. h. bei Dewey sorgfältig durchdacht, geordnet und geplant werden, so dass es dem jeweiligen Entwicklungsstand des Schülers und seinen gegenwärtigen Erfahrungen entspricht. Nur
12 A. a. O., S. 155
13 A. a. O., S. 155, zitiert nach Dewey, Erfahrung und Erziehung 1974, S. 265f.
14 A. a. O., S. 156, zitiert nach Dewey, Erfahrung und Erziehung 1974, S. 259.
15 Weigand 2004, S.156
16 A. a. O., S. 157
Arbeit zitieren:
Danka Todorova, 2005, Demokratie und Schule nach John Dewey, München, GRIN Verlag GmbH
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