1. Einführung
1.1 Thema
Thema der vorliegenden Arbeit ist, wie Menschen mit Down-Syndrom durch ihre Behinderung in Sprechen und Sprache sowie anderen Bereichen eingeschränkt sind und welche Konsequenzen das auf die Kommunikation haben kann. Die Arbeit baut zum Teil auf Recherchen auf, die ich im Rahmen eines Vortrages im Seminar „Sprachliche Beeinträchtigungen und ihre kommunikativen Folgen“ im Sommersemester durchgeführt habe.
Nach einem kurzen einführenden Überblick über die Ursachen des Down-Syndroms und ihre Entdeckung innerhalb dieses Kapitels werden solche physiologischen Störungen eingehender betrachtet, die eine direkte Auswirkung auf das Sprach- und Sprechvermögen haben. Sie werden in die zwei Bereiche Ohr und Gaumen/Mundraum unterschieden. Anschließend werden solche Störungen thematisiert, die die Lexik, die Syntax und die Pragmatik betreffen. Diese wurden von den vorherigen abgetrennt, weil sie auch auf kognitive Beeinträchtigungen zurückgeführt werden können. Im Anschluss daran werden die weitreichenden Folgen dieser Störungen im Hinblick darauf bewertet, welchen Einfluss sie auf Kommunikation nehmen können und wie diese durch das Down-Syndrom gestört werden kann. Abschließend werden in einem Resümee die Erkenntnisse dahingehend zusammen gefasst, welche Möglichkeiten der Verständigung sich hieraus ergeben.
1.2 Ursachen und Störungsbild
Erstmals eingehender beschrieben wurden Menschen mit den heute als typisch angesehenen Merkmalen des Syndroms 1866 vom englischen Arzt John Langdon Down (Deutsches Down-Syndrom Infocenter 2009). Aufgrund der äußeren Ähnlichkeiten der Betroffenen mit der „Rasse der Mongolen“ nannte Langdon Down die generelle Erscheinungsform der Merkmale „Down-Syndrom“ (Weber, Rett 1991, S. 13). Die eigentlichen Ursachen der Störung wurden erst später festgestellt. In den 1960er Jahren entdeckte der Franzose Lejeune, dass es sich beim Störungsbild um die Folge von genetischen Anomalien handelt. Er untersuchte Kinder mit den zutreffenden Eigenschaften und beobachtete dabei, dass die Kinder mit Down-Syndrom in jeder Zelle 47 Chromosomen statt der üblichen 46 haben. Das Chromosom Nr. 21 ist dabei dreifach in jeder Zelle vorhanden, statt wie üblicherweise zweimal. Diese Entdeckung führte zur Bezeichnung Trisomie 21(Deutsches Down-Syndrom Infocenter 2009). Die Ursache für diese Anordnung wurde dann auf den Befruchtungsprozess verortet. 2 | Seite
Bei der Vereinigung der elterlichen Keimzellen befinden sich in einer Keimzelle nur halb so viele Chromosomen wie in den anderen Zellen. In der Ei- und Samenzelle befinden sich jeweils 23 Chromosomen. In den betroffenen Fällen enthält eine der Keimzellen ein zusätzliches Chromosom. Dadurch entsteht bei der Befruchtung eine neue Zelle mit 47 anstelle von 46 Chromosomen. Wenn dieses zusätzliche Chromosom eines der Nr. 21 ist, kommt das Kind mit dem Down-Syndrom zur Welt (Deutsches Down-Syndrom Infocenter 2009). Später wurden unterschiedliche Formen der Trisomie 21 bestimmt: Non-Disjunction-Trisomie, […] Translokations-Trisomie und Mosaik-Trisomie (Weber, Rett 1991, S. 17), auf deren Einzelheiten und Unterschiede hier jedoch nicht weiter eingegangen werden soll. Die Folgen des Down-Syndroms für die Betroffenen sind weitreichend. Bereits Langdon Down nannte in seiner Veröffentlichung zehn markante Merkmale, inzwischen sind deutlich mehr morphologische und funktionelle Besonderheiten beschrieben worden. Betroffen ist unter anderem das Aussehen der Betroffenen: Größe, Gewicht, Auffälligkeiten im Bereich der Kopfform, der Augen und der Ohren. Desweiteren treten organische Schäden wie Herzfehler, Magen- und Darmstörungen oder Veränderungen am Skelettsystem häufig auf. Auch die geistigen Fähigkeiten der Kinder mit Down-Syndrom weisen eine enorme Streubreite auf. Die Schwere des Down-Syndroms reicht von schwerer Behinderung bis zu hin zu Fällen von fast durchschnittlicher Intelligenz (Deutsches Down-Syndrom Infocenter 2009). Die unterschiedlichen genetischen Bedingungen erzeugen eine große Heterogenität der konkreten Beeinträchtigungen im Einzelfall (Wilken 2000, S. 13).
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2. Sprache und Sprechen
Aus den medizinischen Anomalien resultieren vielfältige Beeinträchtigungen nicht nur in motorisch-funktionellen Bereichen. Es sind vor allem auch resultierende Unterschiede im kognitiv-sozialen und sprachlichen Bereich zu verzeichnen, welche die Interaktions- und Kommunikationsfähigkeit der vom Down-Syndrom Betroffenen einschränken (Wilken 2000, S. 58).
Insofern werden im Folgenden zunächst einige typische physiologische Störungen vorgestellt, welche direkten Einfluss auf die Sprechfähigkeit bei Menschen mit Down-Syndrom haben. Diese können dann im Anschluss im Hinblick auf ihren Einfluss auf die generelle Kommunikationsfähigkeit betrachtet werden.
2.1 Sprachliche Störungen durch Beeinträchtigungen des Hörens
Das Hören ist für das Erlernen einer Sprache von großer Bedeutung. Folglich kann eine Beeinträchtigung des Hörens die Sprachentwicklung hemmen. Bei Kindern mit Down-Syndrom liegen oftmals orofaziale Beeinträchtigungen vor, wobei die Ohren häufig betroffen sind. Auch wenn das zunächst nicht augenscheinlich sein mag, so können letzten Endes Veränderungen des Hörorgans zunächst zu sprachlichen und in letzter Konsequenz auch zu kommunikativen Schwierigkeiten führen.
Untersuchungen zu den Auffälligkeiten des Ohrs sind Gegenstand zahlreicher Publikationen. Die Ohren werden als meist klein, tief liegend und einfacher geformt beschrieben (Wilken 2000, S. 34). Die Ohrmuscheln können dabei plump, wenig modelliert und klein ausfallen (Rett 1977, S. 39). Weiterhin stehen die Ohren meist ab und das Ohrläppchen ist klein und nicht selten angewachsen. Hier jedoch interessieren vorwiegend die Funktionalität des Hörapparates sowie daraus womöglich resultierende Schwierigkeiten. Rett weist darauf hin, dass die äußeren Abweichungen die Funktion nicht beeinträchtigen (Rett 1977, S. 39). Da allerdings häufig auch die Gehörgänge und inneren Teile des Ohrs kleiner und verengt sind, was durch einen insgesamt kleineren Kopf verstärkt wird, kann es zu einer verminderten Schalleitung im Gehörgang kommen (Storm 1995, S. 97).
Bei ca. 60% der Kinder mit Down-Syndrom tritt eine Schwerhörigkeit ständig oder rezidivierend auf (Wilken 2000, S. 34). Dabei handelt es sich vorwiegend um eine Schalleitungsstörung, welche meist im Bereich eines Hörverlustes von 20-55 dB liegt (Storm 1995, S. 94). Geringere Hörstörungen fallen bei jüngeren Kindern meistens kaum auf, Wilken hebt aber die potentiell enormen Auswirkungen auf den Spracherwerb hervor (Wilken 2000, 4 | Seite
S. 34). Die für das Sprachproduzieren und -verstehen wichtige Differenzierung von Konsonanten kann aufgrund dessen erschwert sein (Wilken 2000, S. 34). Diese Problematik hat Konsequenzen für das Erlernen und Unterscheiden von Wörtern. Zahlreiche Wörter erzeugen durch Austausch nur eines Phonems ein völlig anderes semantisches Gehalt. Wenn dieses Phonem schon rein akustisch nicht von anderen unterschieden werden kann, ergeben sich daraus schnell Kommunikationsstörungen, da Vorstellungen und Konzepte aktiviert werden, die vom Sender gar nicht beabsichtigt waren. Das kann schwierige kommunikative Situationen hervorrufen, die viel Verständigungsarbeit brauchen, um aufgearbeitet und geklärt zu werden. Ähnlich ist die Situation bei der Deklination: Numerus, Genus und Kasus sind teilweise nur durch ein Phonem markiert. Wenn dieser Unterschied nicht gehört werden kann, wird das Erlernen von Grammatik zu einer ungleich schwereren Aufgabe, da Regelhaftigkeiten mangels Differenzierungsvermögen nur schwer erkannt werden können. Dabei gestaltet sich dieser Prozess durch unterschiedliche kognitive Voraussetzungen schon ohnehin kompliziert.
2.2 Beeinträchtigungen durch Fehlbildungen bei Gaumen und Mundraum
Aufgrund der verringerten Größe der Schädelknochen (Penrose, Smith 1966, S. 12), liegt bei Menschen mit Down-Syndrom häufig ein enger Gaumen mit hohen, ausgeprägten Gaumenfalten vor (Wilken 2000, S. 76). Dieser hat eine Stufenform und weist eine Verdickung der Innenseiten des Zahnkammes auf (Castillo Morales, Brondo 1998, S. 70). Durch die geringe Größe des Mundraumes, die Form und Lage des Gaumens sowie die Unterentwicklung des Kiefers können spezielle Sprachstörungen auftreten. Häufig treten Gaumenspalten auf, „die zu speziellen Beeinträchtigungen beim Sprechen führen“ (Wilken 2000, S. 76). Solche Beeinträchtigungen beinhalten vorwiegend Artikulationsstörungen und ausgeprägte Nasalierung. Es liegen also nicht nur sprechsprachliche Beeinträchtigungen auf der rezeptiven Seite, sondern auch solche die Produktion betreffend vor. Weitere die Sprachproduktion beeinträchtigende Fehlbildungen sind auf Verformungen des Gaumensegels zurückzuführen. Dieses ist schlaff und relativ inaktiv (Haberstock 1992, S. 6). Zwar ist das Gaumensegel in der Länge normal, allerdings genügt eine normale Länge des Gaumensegels nicht aus. Es muss für das Sprechen genügend beweglich sein, da ohne die sogenannte phonatorische Hebung die Länge nebensächlich ist (Arnold 1970, S. 649). Die Bewegungsabläufe des Gaumensegels weisen bei Menschen mit Down-Syndrom eine mehr oder minder deutliche Beeinträchtigung auf (Wilken 2000, S. 77). Dadurch entstehen Veränderungen bei der Lautbildung, „die sich u.a. in einer oft ungenügenden Differenzierung 5 | Seite
Arbeit zitieren:
Anne Barthel, 2009, Das kommunikative Erscheinungsbild bei Personen mit Down-Syndrom, München, GRIN Verlag GmbH
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