INHALTSVERZEICHNIS
1 Der Roman „Die Fälschung“ von Nicolas Born 3
1.1 Nicolas Born - Abriss über Leben und Werk 4
1.2 Erläuterung der historischen Rahmenereignisse 9
1.3 Strukturierende Inhaltsangabe 11
1.4 Laschen in seinen Beziehungen zu anderen Figuren 13
1.4.1 Laschen - Hoffmann 13
1.4.2 Laschen - Rudnik 14
1.4.3 Laschen - Greta, die Kinder 16
1.4.4 Laschen - Ariane 17
1.5 Die Parallele zwischen Krieg und Liebe 19
1.6 Die Fälschung als Ursache der Persönlichkeitskrise 21
1.7 Die Krankheit Laschens und die Bruchstellen in seiner Entwicklung als
Durchbruchsversuche zur Wirklichkeit 27
2 Journalismus als Verfälschung - das Problem der journalistischen Wirklichkeitsdar-
stellung unter besonderer Berücksichtigung des sogenannten Kriegsjournalismus 33
2.1 Schilderung der Grundthematik in Hinblick auf die
Manipulierbarkeit von Medien 34
2.2 Das Ideal der unabhängigen Medien zur kritischen Überwachung des
politischen Tagesgeschehens 35
2.3 Wirklichkeitsverzerrung im redaktionellen Prozess 38
2.4 Medien als meinungsbildendes Instrument mit Hauptaugenmerk auf
die emotionale Massensteuerung in der Kriegsberichterstattung 40
2.4.1 Die Rolle von PR-Agenturen bei der bewussten medialen
Manipulation zur Vorbereitung von Kriegen und zur einsei-
tigen Darstellung kriegerischer Handlungen 40
2.4.2 Emotionale Mobilmachung: Der Krieg in den Köpfen. Das Ent-
stehen von Nationenbildern unter dem Einfluss von Medien 44
2.4.3 Der „Nicht-Bericht“: Verschwiegene Kriege und der Fokus der
Aufmerksamkeit westlicher Medien 47
Anhang 51
Literaturverzeichnis 51
Anlagen 54
Der folgende erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Roman „Die Fälschung“ von Nicolas Born. Neben dem Verhältnis, in dem der Protagonist zu den anderen Figuren des Textes steht, liegt vor allem die „Fälschung“ selber sowie die Entwicklung, die der Protagonist im Verlauf des Buches durchlebt, im Mittelpunkt der Abhandlung. Sie beschränkt sich somit im Wesentlichen auf inhaltliche Aspekte und sieht von einer formal-stilistischen Analyse ab, wobei insbesondere die Komposition, also die Erzählstruktur des Werks, sowie die Semantik der Räume genügend Anhaltspunkte für eine tiefergehende Untersuchung bieten würden.
Im Vordergrund steht das Verhältnis des Protagonisten zu seiner journalistischen Tätigkeit, zu seiner (Un-)Wirklichkeitserfahrung und die daraus resultierende Berufs- und Lebenskrise.
1.1 NICOLAS BORN - ABRISS ÜBER LEBEN UND WERK
Nicolas Born wurde am 31. Dezember 1937 als Klaus-Jürgen Born in Duisburg geboren. Er ist das erste Kind von Hans-Werner Born (* 18.11.1905, † 30.10.1978) und Helene Born (geb.
Wieger, * 8.3.1914). Sein Vater ist Polizeibeamter und arbeitet bei der Autobahnpolizei in Duisburg, seine Mutter ist bis zur Eheschließung als Filialleiterin eines größeren Lebensmittelgeschäfts angestellt. 1939 wird der Vater an eine Stelle als Dorfpolizist ins beschauliche Praest bei Emmerich versetzt. Inzwischen ist Helene Born wieder schwanger. Infolge von Komplikationen verbringt sie einen Teil der Schwangerschaft zusammen mit Klaus-Jürgen bei ihren Eltern in Essen-Altenessen. Nach der Geburt seiner Schwester Christa am 22.12.1939 zieht Klaus-Jürgen zusammen mit seiner Mutter zum Vater nach Praest nahe der holländischen Grenze, wo er seine frühe Kindheit verbringt.
Ein Jahr später schon, 1940, wird sein Vater zur Wehrmacht eingezogen und muss an der Ostfront in Russland kämpfen. Er wird bald zurück in den Polizeidienst in Praest gerufen, wo er allerdings in französische Kriegsgefangenenschaft gerät. Erst 7 Jahre später, im Jahr 1947, kehrt er zurück zu seiner Familie.
Ab 1944 besucht Born die Volksschule in Praest. Kurze Zeit ist er Gymnasiast in Emmerich, die Eltern können auf Dauer allerdings das Schulgeld nicht aufbringen. Nach einem erneuten Umzug nach Essen geht er dort mit seiner Schwester von 1944 bis 1952 auf die Hölteberg-Volksschule, wo er nach 8 Jahren mit dem Volksschulabschluss die Schulzeit beendet. 1950 war die Familie außerdem aus der Wohnung, wo sie zur Untermiete wohnten, in ein selbst gebautes Haus in Essen-Altenessen, Siedlerweg 2, gezogen.
Mit vierzehn Jahren beginnt Klaus-Jürgen 1952 auf Vermittlung des Vaters in der Klischee-Anstalt Vignold eine Lehre als Chemigraph, die er 1955 abschließt. Schon in dieser Zeit beginnt
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er, erste Schreibversuche zu unternehmen. Er arbeitet 8 Jahre lang als Chemiegraph bzw. Klischeeätzer. Bei hohen handwerklichen Ansprüchen muss er Klischees, also Druckplatten für Plakate und Zeitungsfotos herstellen. Während diesen acht Jahren bildet sich auch seine politische Haltung heraus, er wird Mitglied der SPD und der IG Druck und Papier. Außerdem singt er im „Singerkreis Essen“.
In den Jahren 1957/58 beschäftigt er sich in einer Art literarischem Club zusammen mit seinen freunden Alfred Timmer und Dieter Hartenstein, einem Gewerkschafter, autodidaktisch mit Literatur. Zu dieser Zeit reist Born viel: 1956 in die Schweiz und nach Italien, 1957 mehrere Monate per Anhalter nach Sizilien und auf den Balkan, 1958 nach Griechenland, in die Türkei und nach Syrien, wieder per Anhalter. Ohne die Absicht, zu studieren, legt er die Begabtensonderprüfung für Lehramtsstudiengänge für die Primarstufe ab, bei der er seinem Prüfer Prof. Glaser wegen seiner außerordentlichen Fähigkeiten im Fach Deutsch auffällt. Seine Versuche, eine Volontariatsstelle bei der Rheinischen Post oder dem Essener Tageblatt zu bekommen, scheitern.
1959 trifft er zum ersten Mal sein Vorbild Ernst Meister, mit dem ihn fortan eine feste Freundschaft, die bis an sein Lebensende halten soll, verbindet. 1961 erscheint in Meisters Reihe „Texte junger Lyriker“ in den Ruhr-Nachrichten als erste lyrische Veröffentlichung Borns Gedicht „Haltend die Standarte“. Im selben Jahr, am 20.10.1961, heiratet er die Büroangestellte Christel Martinc (mit vollem Namen Wilhelmine Christine Martinc), geb. 1.1.1939. Das junge Ehepaar wohnt anfangs in der oberen Etage des Bornschen Elternhauses auf dem Siedlerweg. Nur ein halbes Jahr später, am 24.5.1961 kommt die gemeinsame Tochter Undine zur Welt.
In einem Brief vom 5.11.1962 berichtet Born Johannes Bobrowski, dass er an einem Roman arbeite. 43 Seiten seien bereits geschrieben. In den Folgejahren kommt es vermehrt zu Treffen mit Bobrowski, teilweise zusammen mit Hannelies Taschau, Martin Kurbjuhn und Walter Hoppe. Der Kreis trifft sich außerdem mit Ernst Meister in Hagen. Zu dieser Zeit denkt Born darüber nach, seinen Vornamen zu ändern, was er gegenüber Else Meister äußert. Er entschließt sich dazu, fortan unter dem Namen Nicolas Born zu veröffentlichen. Im Februar 1963 ziehen Born und seine Ehefrau mit Undine nach Essen-Holsterhausen. Von seinem Roman sind mittlerweile 70 DIN A4-Seiten fertig. Von November 1963 bis April des nächsten Jahres wird Born als Stipendiat zum Literarischen Colloquium der Ford-Foundation nach West-Berlin eingeladen - auf Empfehlung Ernst Meisters und Hans Benders. Daraufhin kündigt Born bei seiner Firma in Essen und entscheidet sich für den Weg des freien Schriftstellers. In Berlin bewegt er sich in den jungen literarischen Kreisen und macht Bekanntschaft mit vielen jungen Schriftstellern, insbesondere Christoph Buch und Hermann
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Peter Piwitt, die zu engen Freunden Borns in Berlin werden. 1964 folgen dann die ersten Veröffentlichungen seit „Haltend die Standarte“: die Resultate seines Berlinaufenthalts erscheinen in der Dokumentation „Prosaschreiben“, in der Zeitschrift „Akzente“ wird „Der Boxkampf“ vorab gedruckt. In der Anthologie „Jahresring“ werden außerdem die Gedichte „Stunde“ und „Wiederholung“ veröffentlicht. 1963 ist also ein richtungsweisendes Jahr für Born, geprägt vom Aufbruch: die Kündigung seiner Anstellung, der Aufenthalt in Berlin, die Kontakte zu Schriftstellerkollegen, der Bekanntenkreis Ernst Meisters. Im April 1964 kehrt Born nach Essen zurück, um sich von seiner Frau zu trennen, seine Sachen zu holen. Er zieht nach Berlin. Dort beginnt er, seine Existenz als freier Schriftsteller aufzubauen, wohnt eine Zeit lang in Räumen des Literarischen Colloquiums am Wannsee, in Folge dessen in verschiedenen Wohnungen. Er überarbeitet das Manuskript seines ersten Romans, der „Der zweite Tag“ heißen soll und im Jahr darauf bei Kiepenheuer & Witsch erscheint. Vom 10. bis zum 12. September 1964 ist Born zudem auf Einladung Hans Werner Richters in der Gruppe 47 zu Gast, um aus „Der Zweite Tag“ zu lesen. Kurze Zeit nach Erscheinen distanziert sich Born allerdings vom Roman, möchte ihn nicht mehr gedruckt sehen. Er bekommt 1965 dennoch den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstler. Im Mai 1965 können ihn Hans Werner Richter und Günter Grass dafür gewinnen, mit anderen jungen Autoren für das „Wahlkontor deutscher Schriftsteller Berlin“ zu schreiben, welches Willy Brandt und die SPD den Sommer über im Wahlkampf unterstützt. 1966 sendet der WDR sein Hörspiel „Schnee“, in Zeitschriften und Sammelbänden erscheinen weitere Prosatexte. Am 29.4.1966 wird seine erste Ehe mit Christel Martinc geschieden. Im Dezember 1966 tritt er aus der SPD aus, nachdem diese eine große Koalition mit der CDU/CSU eingegangen ist. Born bezieht eine Wohnung in Berlin Charlottenburg, kurze Zeit später erscheint sein erster Lyrikband unter dem Titel „Marktlage“. Am 2.6.1967 schreibt Born zusammen mit Peter Schneider und Klaus Roehler die erste Protestresolution gegen die Berichterstattung der Springerpresse und das Vorgehen der Polizei. Sein Gedicht „Berliner Para-Phrasen“ zirkuliert auf Flugblättern der aufkeimenden Studentenbewegung und bringt ihm den unerwünschten Ruf eines politisch engagierten Autors ein. Er ist Mitinitiator des Boykottaufrufs gegen Springer und plant ein Stück über die Machtergreifung der Obristen in Griechenland. Trotz seines Engagements für die außerparlamentarische Linke fühlt sich Born als „linker Schriftsteller“ dennoch in die Ecke gedrängt und beschränkt auf seine politischen Ansätze. Er wehrt sich dagegen, von Gruppierungen und Parteien vereinnahmt zu werden. Sein Gesamtwerk kann dem „Neuen Subjektivismus“ zugeordnet werden, einer Gegenströmung zur politisch motivierten Literatur, die den Fokus weg vom „Kollektiv“ der Gesellschaftskritik zurück auf das Individuum und dessen Probleme, die dann durchaus mit Problemen des Kollektivs zusammenhängen dürfen,
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aber nicht auf diese beschränkt sind, richtet. Am 7./8.10.1967 nimmt er an der letzten Tagung der Gruppe 47 in der Pulvermühle teil. 1968 schreibt Born Rezensionen und erste theoretische Texte, veröffentlicht einzelne Gedichte, unter ihnen auch politische wie „Fünfzehnte Reihe“ in der Anthologie „gegen den krieg in vietnam“. Er nimmt am Internationalen Vietnam-Kongreß in der TU Berlin teil, beteiligt sich aktiv an den Protesten gegen die Notstandsgesetze. Am 12.11.1968 heiratet er die Kinderärztin Irmgard Masur, mit der er für ein Jahr nach Nürtingen in der Nähe von Stuttgart zieht, da diese dort eine Stelle als Assistenzärztin bekommen hat. Im Juli 1969 nimmt er mit Michael Krüger an einer Tagung jugoslawischer Schriftsteller in Maribor teil. Daraufhin tritt er einen einjährigen USA-Aufenthalt an: auf Einladung der University of Iowa nimmt er von September 1969 bis August 1970 am International Writer’s Workshop teil und macht Bekanntschaft mit Robert Creely, Allen Ginsberg, Frank O’Hara und Kenneth Koch.
Nach „Zerstörung eines Hauses“ 1969 sendet der WDR 1970 sein drittes Hörspiel „Innenleben“, Kiepenheuer und Witsch veröffentlicht den Gedichtband „Wo mir der Kopf steht“. Aus dieser Zeit stammt auch sein Wunsch nach „schönen Gedichten“, er wendet sich also ab von der Festlegung auf Gesellschaftskritik als einzigen Zweck von Literatur. Im Mai 1970 reist er erneut in die USA, diesmal zusammen mit seiner Frau Irmgard, und trifft dort erneut Frank O’Hara. Ende 1970 verschlägt es die Borns nach Gailingen bei Schaffhausen in der Schweiz, im November kommt außerdem die gemeinsame Tochter Rike-Marie zur Welt. 1971 schreibt Born dann Beiträge für die linksorientierte Zeitschrift „konkret“, außerdem sendet der NDR sein Hörspiel „Übungen in einer Fremdsprache“. Anfang 1971 ziehen Nicolas und Irmgard nach Berlin, wo sie eine neue Stelle gefunden hat.
1972 wechselt Born dann zum Rowohlt-Verlag, wo sein Gedichtband „Das Auge des Entdeckers“ erscheint. Im August unternimmt er eine Reise mit Rolf Haufs nach Jugoslawien. Im Herbst lernt er Peter Handke auf der Frankfurter Buchmesse kennen, die Freundschaft intensiviert sich und wird 1975 sehr innig werden, als beide in der Jury für den Petrarca-Preis sitzen. Von Oktober 1972 bis August 1973 erhält er das Villa-Massimo-Stipendium in Rom, wo er unter anderem Rolf Brinkmann begegnet. Noch von Rom aus kaufen er und Irmgard 1972 ein Bauernhaus in Langendorf im Wendland. 1973 erscheint das Kinderbuch „Oton und Iton“ in der Reihe roro-rotfuchs, außerdem publiziert er unter dem Titel „Schwache Bilder einer anderen Welt“ erstmals einen Essay. In der ersten Ausgabe des „Literaturmagazins“, dessen Mitherausgeber er kurze Zeit später wird, erscheint „Täterskizzen“. Die Sammlung „Rezepte für Friedenszeiten“ in der DDR enthält mehrere Gedichte Borns. Er erhält zudem den Förderungspreis Literatur zum Kunstpreis Berlin. Im Sommer wird schließlich seine dritte Tochter geboren: am 27.5.1973 erblickt Katharina das Licht der Welt. Nach der Rückkehr aus
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Rom wird das Bauernhaus ausgebaut, in das sich Born bis zum endgültigen Umzug aus Berlin zum Schreiben zurückzieht. „Die erdabgewandte Seite der Geschichte“ entsteht. 1974 folgen weitere „Texte für Kinder“ sowie ein Essay für das Literaturmagazin und ein Rundfunkbeitrag unter dem Namen „Radikale Ente“. 1975 übersetzt Born in einer LBC-Edition die Wannsee-Gedichte von Wong May aus dem Englischen. Er kann mit „Die Phantasie an die Macht“ und seiner Antrittsrede vor der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz in zwei wichtigen Texten seine Positionen vorbringen, außerdem schreibt er mit „Stilleben einer Horrorwelt“ einen Nachruf auf den verunglückten Rolf Dieter Brinkmann. Eine weitere Erzählung wird von der RIAS Berlin und vom Saarländischen Rundfunk gesendet. Auf einem vom 8. bis zum 18. Juli 1975 stattfindenden „Künstlertreff“ lernt er Kai Hermann kennen, seines Zeichens Stern-Reporter im Libanon-Krieg. Hermann wird später die Vorlage für den Protagonisten in der Fälschung sein. Born wird nun Mitherausgeber des Literaturmagazins, Jurymitglied zur Verleihung des Petrarca-Preises und Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur sowie Gastdozent für Gegenwartsliteratur an der Gesamthochschule/ Universität Essen.
1976 erscheint schließlich „Die erdabgewandte Seite der Geschichte“ bei Rowohlt. Im Juni erfolgt die Verleihung des Petrarca-Preises an Ernst Meister und Sarah Kirsch, bei der Born die Laudatio auf seinen alten Mentor Ernst Meister hält.
Am 3.9.1976 muss Born miterleben, wie das restaurierte Bauernhaus einen Tag nach dem Umzug von Berlin infolge von Dachdeckerarbeiten bis auf die Grundmauern abbrennt. Die Borns wohnen in Folge dessen einige Zeit bei H.C. Buch.
1977 engagiert sich Born politisch aktiver, mit seinem Brief „Eins ist dieser Staat sicher nicht: Ein Polizeistaat“ distanziert er sich aber deutlich von den radikaleren Teilen der wütenden Linken und setzt sich verstärkt gegen Atomkraft ein, so hält er am 12.3.1977 eine Rede in Gorleben und unterzeichnet mit Grass, Buch u.a. das Plädoyer „Keine Atommülldeponie in Gorleben und anderswo“. 1977 erhält er den Literaturpreis der Stadt Bremen, macht Ende des Jahres eine Lesereise durch die Schweiz und die BRD. Im Rowohltverlag erscheint 1978 eine Sammelausgabe seiner Gedichte, außerdem reist er Anfang des Jahres für zweieinhalb Monate zu Recherchen für seinen Roman „Die Fälschung“ nach Beirut. Im Mai kaufen er und Irmgard wiederum ein Haus in Breese im Wendland, im Herbst unternimmt er zusammen mit Peter Rühmkorf eine Lesereise nach Österreich und Ungarn. Ab dem 1.9.1978 wird Born Stadtschreiber in Bergen-Enkheim. Im Oktober dann stirbt sein Vater. Im Dezember ziehen sie in das neue Haus in Breese ein, wo Born beginnt, ein altes Backhaus im Garten wieder aufzubauen, das er als Schreibwerkstatt nutzen wollte. Im März zeigen sich erste Krankheitssymptome, unheilbarer Lungenkrebs wird festgestellt. Im Sommer wird er noch an
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der Lunge operiert, lässt sich mit Bestrahlungen behandeln. Im August verbringt er einen Urlaub mit Rolf Haufs und Günter Grass in Dänemark. Am 31.8.1979 dann zeigt er sich das letzte Mal öffentlich beim Stadtschreiberfest in Bergen-Enkheim. Im September / Oktober unterzieht er sich erneut Operationen, wirkungslos. Kurz vor seinem Tod erscheint sein letzter Roman, „Die Fälschung“. Am 5.12.1979 erhält er in Abwesenheit den Rainer-Maria-Rilke-Preis für Lyrik. Zwei Tage später stirbt er im gerade fertig gestellten Haus in Breese. Er wird nach eigenem Wunsch auf einem Friedhof direkt vor dem Elbdeich beerdigt. Nach seinem Tod erscheint noch der Gedichtband „Die Welt der Maschine“, außerdem wird der letzte Roman „Die Fälschung“ von Volker Schlöndorff in Beirut verfilmt.
1.2 ERLÄUTERUNG DER HISTORISCHEN RAHMENEREIGNISSE
Der Rahmen, in dem sich der Roman „Die Fälschung“ abspielt, ist der Bürgerkrieg im Libanon Ende der Siebziger Jahre. Grundlegend war der Konflikt zwischen christlichen, pro-westlichen maronitischen Milizen und muslimischen, palästinensischen, nationalistischen, teils linken bis hin zu kommunistischen Kräften.
Nachdem bewaffnete PLO-Einheiten 1970 aus Jordanien vertrieben worden waren, suchten sie Zuflucht im Libanon, wo sie von muslimischen libanesischen Gruppen aufgenommen wurden und Unterstützung erhielten. Als Auslöser der Gefechte gilt gemeinhin der Angriff maronitischer Phalangisten 1 auf einen mit Palästinensern besetzten Bus 1975. In Folge dessen kam es in Beirut zu bewaffneten Kämpfen zwischen Phalangisten und PLO-Kämpfern. In den ersten Kriegsjahren war der Bürgerkrieg im Wesentlichen ein Kampf aus linken und muslimischen Kräften, die die christlich-maronitische und pro-westliche Dominanz unter Staatschef Camille Chamoun im Libanon beenden wollten, und der christlichen „Libanesischen Front“, der Zusammenschluss der Verteidiger des status quo. Im Verlauf des Krieges kam es vermehrt zu Auseinandersetzungen innerhalb der beiden Lager, so lieferten sich bspw. sunnitische und schiitische Milizen oder pro-syrische und pro-iranische Kräfte innerhalb des muslimischen Lagers bewaffnete Kämpfe. In der Libanesischen Front konnten sich ihrerseits die faschistischen Phalangisten unter Pierre Gemayel durchsetzen. Immer wieder kam es zum Eingreifen weiterer Staaten, so besetzte bspw. 1976 Syrien mit 20.000 Soldaten den Libanon, um einen Sieg der linken-muslimischen Gruppen zu verhindern. Am 18.01.1976 kam es zum „Massaker von Karantina“, bei dem christliche Milizen ein muslimisches Elendsviertel Beiruts
1 Anm.: der Name „Phalangisten“ wurde von der Falange Espanola übernommen, einer ultranationalistischen, faschistischen und antikommunistischen Bewegung im spanischen Bürgerkrieg, die später den Kern der Staatspartei des Diktators Franco bildete.
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mit syrischer Rückendeckung überrannten und zwischen 1000 und 1500 Zivilisten ermordeten. In Folge dessen entschlossen sich viele Bewohner Beiruts, in die Stadtteile umzuziehen, die von Milizen ihrer eigenen Religion kontrolliert wurden. Die daraus resultierende Aufspaltung in das christliche Ost-Beirut und das muslimische West-Beirut wird von Laschen an vielen Stellen aufgegriffen. Als Reaktion auf Karantina kam es zum „Massaker von Damur“, ein Vergeltungsschlag der PLO für Karantina. Die christliche Stadt Damur wurde eingenommen, Häuser geplündert und verbliebene Bewohner erschossen. Schätzungen sprechen von ca. 330 ermordeten Zivilisten. Laschen und Hoffmann sind Zeuge des Massakers und erleben die Erschießung eines Christen und dessen Sohns. 1978 kam es zu Vergeltungsaktionen seitens Israels gegen PLO-Kämpfer im Südlibanon, woraufhin die UNO Israel zum Rückzug zwang. Gleichzeitig versperrten UNO-Truppen der PLO die Rückkehr in den Südlibanon, wo nun christliche Milizen, die eng mit Israel zusammenarbeiteten, das von ihnen kontrollierte Gebiet zum „Freien Libanon“ ausriefen. 1982 gab es eine weitere israelische Offensive, anfänglich mit der Zielsetzung, die Grenze zwischen Südlibanon und Israel zu schützen und die PLO im Südlibanon zu zerschlagen. Im Verlauf der Intervention änderte sich die Zielsetzung, Ziel war nun die komplette Zerschlagung der PLO-Strukturen im Libanon. Die israelischen Truppen drangen bis nach Beirut vor und umlagerten den Westteil der Stadt, wo sich die Kommandozentrale der PLO und 10.000 PLO-Kämpfer befanden. Es gelang ihnen, die PLO zum Rückzug aus dem Libanon zu zwingen, gleichzeitig wurde allerdings der Führer der maronitischen Phalangisten Bachir Gemayel, Sohn von Pierre Gemayel und christlicher Präsident des Landes, ermordet. Die Phalange-Milizen richteten daraufhin ein Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Shatila und Sabra an. Die Schätzungen bezüglich der Toten gehen weit auseinander, sie liegen zwischen 460 und 2500 ermordeten palästinensischen Flüchtlingen. Die Phalangisten waren auf Geheiß der israelischen Armee in die Lager vorgedrungen, mit der Anweisung, „dort nach Waffen zu suchen“. Der als gemäßigter geltende Bruder des ermordeten Bachir, Amin Gemayel, wurde Präsident. Er konnte allerdings weder mit der neu aufgebauten libanesischen Armee das Land unter Kontrolle bekommen, noch erfolgreiche Friedensgespräche führen. Verhandlungen in der Schweiz führten ebenso wenig wie das sogenannte „Abkommen vom 17. Mai 1983“ zwischen USA, Israel und Libanon zu einem Erliegen der Kämpfe. Unter seiner Führung verloren die Phalangisten auch innerhalb der Libanesischen Front an Einfluss. Nachdem sich die israelische Armee 1985 teilweise aus dem Südlibanon zurückgezogen hatte, entstand dort ein Machtvakuum, in das zunächst die prosyrische Hisbollahmiliz und die pro-iranische Amalmiliz vorstießen. Währenddessen kam es in Sabra und Shatila und diesmal noch in Buri el-Baraineh zum sogenannten „1. Lager-Krieg“, bei dem sich PLO und die pro-iranischen Amalmilizen Gefechte lieferten. 1982 wurde erneut eine
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internationale Armee aus USA, Frankreich, Großbrittanien u.a. in den Libanon geschickt, musste bei Bombenanschlägen jedoch heftigste Verluste verzeichnen (23.10.1983: bei zwei gleichzeitigen Anschlägen kamen 241 US-Soldaten und 58 Franzosen ums Leben). Die Truppen wurden daraufhin wieder abgezogen. Weil kein neuer Präsident gewählt wurde, ernannte Amin Gemayel 1988 Michael Aoun, den christlichen General der neuen libanesischen Streitkräfte zum Regierungschef. Eine muslimische Gegenregierung wurde ausgerufen und die Zersplitterung des Landes in von den verschiedenen Gruppen beherrschte Gebiete war nicht mehr aufzuhalten. Die libanesische Armee zerfiel wieder und entwickelte sich zurück zur Miliz. Das Abkommen von 1990, das besagte, dass die Parlamentssitze paritätisch zwischen Christen und Muslimen aufzuteilen seien, boykottierte Aoun. Er rief zum „Freiheitskrieg“ gegen das muslimische Syrien auf, wurde sich mit seinen maronitischen Mit-Milizen-Führern nicht einig in der „Syrienfrage“. Es kam zu Kämpfen innerhalb des maronitischen Lagers, bis die von Aoun befehligten Einheiten im Oktober 1990 von der syrischen Armee vernichtend geschlagen wurden. Ein 1991 unter syrischem Druck geschlossener „Kooperationsvertrag“ machte den Libanon für 15 Jahre quasi zum syrischen Protektorat.
Der Bürgerkrieg forderte 90.000 Todesopfer, 150.000 Verletzte. 20.000 Menschen gelten als Vermisst und geschätzte 800.000 flohen.
1.3 STRUKTURIERENDE INHALTSANGABE
Der Roman „Die Fälschung“ handelt von dem westdeutschen Journalisten Georg Laschen, der von seiner Hamburger Redaktion in den Libanonkrieg geschickt wird, und dort in eine tiefe Lebenskrise stürzt, die an den Grundfesten seiner Existenz rüttelt und ihn schließlich ohne Antwort auf die nach Frage der Überwindbarkeit der Widersprüche, die ihn in diese Krise gestürzt haben, resigniert nach Deutschland zurückkehren lässt.
Nachdem Laschen und der Fotograph Hoffmann bereits Anfang Dezember in Beirut waren, werden sie erneut dorthin geschickt, um über die Entwicklungen im libanesischen Bürgerkrieg zu berichten. Nach ihrer Ankunft machen sie sich von ihrem schicken Hotel aus auf durch die staubigen Straßen Beiruts, in denen besonders nachts der Bürgerkrieg wütet, wärmen alte Kontakte neu auf und versuchen, sich einen Eindruck von der Situation vor Ort zu verschaffen, an Informationen zu gelangen und Interviewpartner zu finden. Schon auf ihren ersten Streifzügen geraten sie dabei in Gefechte und begeben sich in Lebensgefahr. In einem Stripclub lernen sie Rudnik kennen, einen alten Deutschen Piloten, der seinen Lebensabend in Beirut
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verbringt und ihnen ein Interview mit „Exzellenz Tony“, einem christlichen Feudalherren, arrangiert. Die Fahrt zu Tony ist eine von drei Exkursionen, die Laschen unternimmt. Die zweite Fahrt geht nach Damur, wo ein Vergeltungsschlag seitens der PLO für das Massaker von Karantina angekündigt ist. In der Tat werden Laschen und Hoffmann in Damur Zeuge eines Massakers. Die Szene hat in der Komposition des Romans größere Bedeutung, hier stößt Laschen an die Grenzen seiner Wahrnehmungskategorien, die erlebte Wirklichkeit ist der Erfahr- und Beschreibbarkeit entzogen. Er gerät durch seine Aufgabe, neutral über den Krieg zu berichten, in ein Dilemma, das ihn nach den Grenzen der Realität tasten und seine eigene Tätigkeit hinterfragen lässt. Er empfindet seine Berichte über die Ereignisse als Wirklichkeitsverzerrungen, als Fälschungen. Die journalistische Krise weitet sich aus auf die gesamte Person Laschen, sodass diese in eine existenzielle Krise gerät. Die Krise äußert sich in einer Fieberkrankheit, an der Laschen während des Libanonaufenthaltes leidet. Sowohl vor Abfahrt in Deutschland mit der Frau von Hoffmann, als auch jetzt in Beirut hat Laschen Affären, in denen er seine eigene Frau Greta betrügt. Die deutsche Botschaftsmitarbeiterin Ariane Nasser kennt er noch vom letzten Libanonaufenthalt, und wieder trifft sich Laschen regelmäßig mit ihr und verbringt Nächte bei ihr. Für seine gescheiterte Beziehung in Deutschland glaub er in Ariane die Erlösung gefunden zu haben. Er plant, bei ihr zu bleiben und seine Frau sowie seine zwei Kinder zu verlassen. Zusammen mit ihr unternimmt er auch die dritte Exkursion: sie fahren in ein christliches Kloster, wo Ariane ein Baby adoptiert, um sich den Traum vom Mutterglück zu erfüllen. Als Laschen erklärt, er wolle bei Ariane bleiben, stellt diese ihm ihren Freund Ahmed vor und stellt klar, dass sie nicht mit Laschen zusammenleben will.
Nach dem Verlust Arianes als Fixpunkt irrt Laschen durch die Straßen Beiruts. Hoffmann ist mittlerweile auf Weisung aus Deutschland zurückgeflogen, während Laschen sich für eine Verlängerung des Aufenthaltes entschieden hat. Er gerät in Gefechte und muss in einen Schutzkeller fliehen, in dem sich Zivilisten verstecken. Dort macht er ein einschneidendes Erlebnis: er wird, am Boden liegend, von einem schweren Menschenkörper überwältigt und kann sich nur mithilfe seines Messers von der Last befreien. Ob er den anderen Menschen wirklich umgebracht hat, bleibt offen - für Laschen ist die Szene neben den Erfahrungen in Damur und der Affäre mit Ariane das einschneidenste Erlebnis für seine Entwicklung. Letzten Endes entschließt er sich, zurück nach Deutschland zu fliegen, wo er seine Stelle in der Redaktion kündigt und schließlich zu seiner Familie zurückkehrt. Nach dem Libanon-Aufenthalt hat er mit dem Traum an die Wirklichkeit gebrochen. Auch wenn er die Illusion nicht überwinden kann, lebt er nun immerhin in dem Wissen, Teil einer riesigen Fälschung zu sein.
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1.4 LASCHEN IN SEINEN BEZIEHUNGEN ZU ANDEREN FIGUREN
Ein umfassendes Bild des Menschen Laschen lässt sich in Bezug auf die ihn umgebenden Figuren des Romans zeichnen. Aus seinen sozialen Beziehungen heraus kann dann eine Charakteristik des Protagonisten selbst abgeleitet werden.
1.4.1 LASCHEN - HOFFMANN
„Wahrscheinlich hatte er es nötig, jede Gefühlsäußerung, auch jeden Gedanken, der über das knapp Notwendige hinausging, zu verachten.“
Den stärksten Kontrast zu Laschen bildet sein Fotograph Gerd Hoffmann. Der hat, im Gegensatz zu Laschen, seine Aufgabe immer klar vor Augen und will sie bestmöglich erfüllenfür ihn ist der Krieg eben nur sein Arbeitsplatz, wo er seine Pflicht erfüllt - moralische Bedenken oder Zweifel sind ihm fremd. Ein verbrannter Leichnam ist für ihn eben kein Mensch, der eine Geschichte und trauernde Angehörige hinterlässt und gleichzeitig die Perversität eines Krieges darstellt, sondern bloßes Motiv für ein gutes Foto. Er kann, im Gegensatz zu Laschen, „hinsehen“ 2 , nämlich durch das Objektiv seiner Kamera - „objektiv und seelenlos“ 3 . Für ihn macht es keinen Unterschied, ob er zu den olympischen Spielen geschickt wird, um jubelnde Menschen zu fotografieren, oder in einen Krieg, um verstümmelte Menschen zu fotografieren. Sein Auftrag lautet ganz klar „gute Fotos“, d.h. Fotos, die Sensation erregen, und nicht unbedingt Fotos, die die Realität widerspiegeln, und Hoffmann hat damit überhaupt kein Problem. Auf der einen Seite stellt er Szenen, die sich seiner Meinung nach besonders gut für Fotos eignen, auf der anderen Seite sind ihm viele Ereignisse auch nicht „schrecklich genug“, als dass er sie fotografieren würde. Er fälscht seine Berichterstattung also ganz offensichtlich, im Gegensatz zu Laschen treibt ihn das aber nicht in einen Widerspruch, sondern gehört für ihn zum Berufsbild. Die Artikel von Laschen empfindet er nur als lästige Illustration seiner Bilder, die seiner Meinung nach für sich sprechen und wirken.
Auch in Bezug auf Frauen stellt Hoffmann einen Antagonisten zu Laschen da. Er hat kein Verständnis für die Beziehung Laschens mir Ariane, für ihn haben Frauen und die Beziehungen zu ihnen nur einen „Nutzen“ und sind von sehr eindimensionaler Beschaffenheit. Er sieht kein
2 Appelt, Hedwig: Die leibhaftige Literatur. Das Phantasma und die Präsenz der Frau in der Schrift, 1988, S. 58
3 Ebda., S. 58
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Problem darin, inmitten von an einem Krieg verzweifelnden Menschen die Nacht zusammen mit Rudnik in Stripclubs zu verbringen und sich von den „Girls“ verwöhnen zu lassen Besonders gut kommt die Diskrepanz der unterschiedlichen moralischen Verfasstheiten von Laschen und Hoffman zur Geltung, als ein palästinensischer Offizier den Befehl gibt, einen Mann, der vor den Augen der Beiden aus seinem Haus geholt wurde, und dessen Sohn zu erschießen. Laschen versucht, die Hinrichtung zu verhindern, er will (vergeblich) direkt eingreifen, der „Mensch in ihm“ veranlasst ihn also dazu, zu versuchen, Beteiligter des Krieges zu werden. Hoffmann dagegen lässt alles geschehen und dokumentiert die Erschießung minutiös mit seiner Kamera. Als Laschen eingreifen will, hindert Hoffmann ihn daran. Mit den Worten „Ich habe alles drauf. Ich habe die Bilder“ 4 offenbart er dem Leser seine Gefühlskälte. Anders als Laschen hat Hoffmann sich seinen Auftrag als „Schutzschild“ bewahrt, den er vorschiebt - Laschen dagegen fühlt sich nicht mehr als klassischer Berichterstatter und hat deswegen auch die Objektivität und Gefühlsferne nicht mehr als Maxime, die ihn bei gleichzeitiger unmittelbarer Nähe zum Erlebten vor einer Berührung schützen würde. Allgemein ist für alles Schwache, Zweifelnde an Laschen, seine Ohnmacht und Abwesenheit Hoffmann der direkte Gegenpart. Durch seine „Stärke und unmissverständliche[ ] Anwesenheit“ 5 , jederzeit sein „eigener Mittelpunkt“ 6 und ganz klar auch in
„Mit dem Zweifel hatte er nichts zu schaffen. Alle Zweifel waren Laschens Zweifel. Und der zweifellose Hoffmann wirkte nur, nämlich einfach und männlich.“ 7
charakterisiert, kann man ihm klar die Funktion des Antagonisten zu Laschen zuschreiben, der dessen Krise durch seine Klarheit und seinen Pragmatismus verdeutlicht und gleichzeitig auch als Sinnbild für die Redaktion in Hamburg und die gesamte deutsche Öffentlichkeit verstanden werden kann. In eine Reihe mit Hoffmann lassen sich auch die amerikanischen Beat-Reporter stellen, deren „Unanfechtbarkeit“ 8 Laschen bewundert.
1.4.2 LASCHEN - RUDNIK
„Wer ist schon zum Vergnügen hier wie ich.“
Ähnlich Hoffmann ist auch Rudnik ein Gegengewicht zu Laschen. Laschen selbst spricht über Rudnik von „einem Ungeheuer, von einem Deutschen, als von einem im Grunde
4 Born, Nicolas: Die Fälschung, 1979, S. 180
5 Ebda., S. 22
6 Ebda., S. 22f.
7 Ebda., S. 23
8 Ebda., S. 178
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ungeheuerlichen Menschen, der hier, zwielichtig, Beziehungen unterhielt und, den Eindruck empfinde er (Laschen, Anm. d. Verf.) ganz stark, auf eine Stunde, auf seine Stunde warte“ 9 . Als lupenreiner Opportunist versucht er, überall mitzumischen und unterhält Verbindungen zu Vertretern aller Kriegsparteien. Ebenfalls ohne moralisches Verantwortungsbewusstsein verkauft er Fotographien von Massakern, bewundert den Despoten und Kriegsverbrecher Tony und beurteilt die Benutzung einer Waffe als „furchtbar einfach“ 10 . Er biedert sich jedem und allem an und hofft dadurch an Informationen zu kommen, die ihm an anderer Stelle nützlich sein könnten.
Rudnik ist für Laschen der Inbegriff jener Gefühlskälte, die er selbst vortäuschen muss, aber niemals wirklich empfinden möchte. Der „Realist“ Rudnik verkörpert also für ihn genauso wie Hoffmann die absolute, die „mörderische“ 11 Objektivität, mit dem Unterschied, dass Rudnik nicht dazu verpflichtet wäre, „die Augen nie zu verschließen“ 12 . Laschen bezeichnet ihn als „Hüllenmensch“ 13 und hat nichts als Verachtung für ihn übrig:
„Einen solchen Menschen könnte ich töten, dachte Laschen, aus Rache dafür, daß er sich so gut auf die Realität einstellt, aus Rache dafür, daß er soviel gesehen, aber doch kaum etwas empfunden hat. (…) Der hatte die Menschenverachtung voraussetzungslos“ 14 .
In der Tat spricht aus dem ehemaligen Piloten Rudnik die Menschenverachtung, wenn er bspw. fragt, ob sich die „Damur-Sache“ 15 denn „gelohnt“ 16 hätte - er meint damit die auf seine Empfehlung unternommene Fahrt nach Damur, wo Laschen und Hoffmann Zeugen eines schrecklichen Massakers wurden.
Laschen attestiert dem Realisten Rudnik, „nur irgendein umgeleitetes Interesse an Pornographischem“ 17 zu haben. Als „scheußliches Fossil, ein etwas heruntergekommenes, gebrochenes, schäbiges und schnüffelndes Deutsches Reich“ 18 liegt die Vermutung nahe, dass dieses „Monster“ 19 ein ehemaliger Luftwaffenpilot ist, der sich seinen Lebensabend damit versüßt, eine möglichst wichtige Rolle im Libanon-Krieg zu spielen.
9 Ebda., S. 83
10 Ebda., S. 116
11 Ebda., S. 167
12 Ebda., S. 167
13 Ebda., S. 167
14 Ebda., S.167
15 Ebda., S. 167
16 Ebda., S. 167
17 Ebda., S. 227
18 Ebda., S. 227
19 Ebda., S. 227
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1.4.3 LASCHEN - GRETA, KINDER
Laschens Verhältnis zu seiner Ehefrau ist durch und durch zerrüttet, bis zum Ende des Romans ist nicht klar, ob die Ehe fortbestehen wird oder ob sich Laschen dagegen entscheiden wird. Ihre Beziehung ist insofern besonders, da sie zwar mit ihren Kindern zusammen wohnen und leben, allerdings zumindest Greta Laschen verlassen hat. Die beiden betrügen sich gegenseitig, und Greta „hatte ihn seit Jahren immerfort verlassen. Wenn sie wusste, daß seine Heimkehr bevorstand, verreiste sie“ 20 . Nach anfänglicher Harmonie und Liebeseuphorie, in der die beiden Kinder entstanden und das Haus gekauft wurde, reduzierte Laschen die Beziehung zu Greta auf eine Selbstverständlichkeit. Er hat sich ihr gegenüber „verschlossen, lieblos und gemein und brutal verhalten“ 21 und sich mit der Gewissheit, sie letzten Endes zu lieben und ihr das letzten Endes auch zeigen zu wollen 22 zufrieden gegeben. Greta kontert diese Verschlossenheit wiederum mit Abwesenheit, Affären. Eine zentrale Bedeutung in ihrer Beziehung kommt der Elblandschaft zu, in die sie gezogen sind. Anfangs war der Umzug vor allem der Wunsch Gretas. Mit der Zeit lernt auch Laschen die Umgebung und ihr gemeinsames Leben darin schätzen, als er es lieb gewonnen hat, hat es für Greta jedoch schon jeglichen Reiz verloren und sie reist viel, flüchtet also, ohne allerdings den Mut zu haben, einen konsequenten Bruch herbeizuführen. Später stellt sich Laschen vor, in dieser Landschaft begraben zu sein - „was ihm durchaus nicht unangenehm war“ 23 .
Er fühlt sich nicht mehr als Teil seiner Familie, er erscheint gar als Ausgestoßener, Fremder, als er beschreibt:
„Und Greta schaute den Kindern zu, die Bilder aus Illustrierten schnitten, Verena bügelte, das Gesicht noch glatter als sonst, kein Fältchen, keine Pore. Er selbst lief da stumpf herum, Fett um die Augen, band die Rosen fest an die Stäbe mit allem Gefühl, das er hatte.“ 24
Seine Sorgen bezüglich der Familie zu Hause konzentrieren sich größtenteils auf die Kinder - er hat längst akzeptiert, dass die Ehe zerbricht, jedoch will er nicht, dass ihre beiden Kinder darunter leiden müssen:
„Vielleicht waren sie ihm hineingeraten in die Liebesmühe, die er sich, genussvoll und schmerzlich, mit Greta machte.“ 25
20 Ebda., S. 63
21 Ebda., S. 133
22 Ebda., S. 133
23 Ebda., S. 143
24 Ebda., S. 91
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Sein Verhältnis zu seinen Kindern ist zwar innig, doch nicht besonders tiefgründig, nicht unerschütterlich echt:
„Genau kam er nicht hinter seine Gefühle für die Kinder (…), das waren nur solche Gelegenheiten, Anfälligkeiten, die er ergriff, Zuneigung rundum zu verteilen, so ein bisschen war das nur, aus sicherer Entfernung, keine richtige Liebe, keine wahre Verantwortlichkeit, eben nur Zuneigung, wie sie ihm kam und mit der er sie leicht verfehlen konnte.“ 26
Dennoch fühlt sich Laschen noch hingezogen zu Greta, gerade wenn er so weit weg ist von ihr, und erst dann wird ihm der eigentliche Wert der Beziehung bewusst.
„Und Greta konnte nicht wissen, daß ihn, wenn er weit weg war, Anfälle von Treue geradezu schüttelten, nein, Treue war nicht ganz richtig, es waren Anfälle von Hilflosigkeit ohne sie, richtig, und deshalb auch von Sehnsucht“ 27 .
Laschen weiß, dass „seine Schwierigkeiten mit ihr (…) in Wirklichkeit seine Schwierigkeiten mit sich selbst“ 28 sind, und dass das Verhältnis zu dieser unerreichbaren Fremden 29 an einem Punkt angekommen ist, wo sich keine neuen Wege mehr auftun werden und so diese (Nicht)Beziehung fortan stagniert.
„All die Möglichkeiten, die lange und selbstverständlich in ihrem ehelichen Verhältnis, das nie ein eheliches hätte werden dürfen und auch nicht wirklich geworden war, geruht hatten, waren still, nach und nach abhanden gekommen.“ 30
1.4.4 LASCHEN - ARIANE
Die zentrale Frauenfigur im Roman ist Ariane. Appelt zieht den Querverweis auf die mythische Königstochter Ariadne und schreibt der Born’schen Ariane analog dazu die Funktion zu, Laschen aus dem Labyrinth Beiruts hinauszuführen 31 . In der Tat ist die Figur Ariane so angelegt, dass Laschen in ihr die Möglichkeit eines Neuanfangs sieht und in sie, die sie wahrhaftig ist und im Gegensatz zu ihm (im Leben) Anwesende ist, seinen Wunsch nach einem einfachen Dasein
25 Ebda., S. 49
26 Ebda., S. 49
27 Ebda., S. 49f.
28 Ebda., S. 8
29 Ebda., S. 33
30 Ebda., S. 33
31 Appelt, Hedwig: Die leibhaftige Literatur. Das Phantasma und die Präsenz der Frau in der Schrift, 1988, S. 68f.
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im Gegensatz zu seinem „Dabeisein ohne Dasein“ hineinprojiziert. Mithilfe von Ariane stellt Born so verschiedene Lebensformen in seinem Werk gezielt gegeneinander. Laschen deutet selbst an, dass ihm sehr wohl bewusst ist, dass Ariane nur eine Funktion hat:
„Vielleicht war diese Liebe auch keine wahre, sondern die billige Liebe eines Menschen, der auseinandergebrochen ist, und da fliegt sein Mund durch die Verhältnisse auf Erden und beteuert ganz aufgebracht, daß er eine bestimmte Frau liebt und mit ihr leben will.“ 32
Gegen Ende des Romans wird diese Einsicht dann noch klarer kommuniziert, als Laschen einräumt:
„Ariane in Beirut hätte so manche andere Frau sein können - in jedem Fall hätte er sich in sie verliebt.“ 33
Sie ist für ihn Bezugs- und Fluchtpunkt in der vom Krieg zerrütteten Stadt genauso wie in der vom scheinbaren Frieden zerrütteten Beziehung zu Greta. In einer Beziehung und auf lange Sicht einem Leben mit ihr sieht er die Möglichkeit, auszubrechen aus seinem bisherigen Leben und all den damit verbundenen Widersprüchen. Er spricht bspw. von dem „Wunsch zu entkommen und schnell, auf kürzestem Wege, bei Ariane zu sein.“ 34 In den Glauben, durch Ariane wirklich zu werden, steigert sich Laschen kontinuierlich hinein, er malt sich die zukünftige Beziehung detailliert aus, und „wenn er nach längerer Zeit auch wieder an Greta und die Kinder inständig dachte, dann war auslösend ein besonderes Gefühl des Grolls gegen Ariane gewesen.“ 35
Dieser Versuch, sich an ihr zu „erneuern“, scheitert letztlich nicht an einer vorgeblichen Konkurrenz durch ihren Freund Ahmed, sondern daran, dass Laschen seine Teilnahmslosigkeit gar nicht mehr überwinden kann, aus seiner Beobachterposition gar nicht mehr heraus kann. Den Wunsch, teilzuhaben an ihrem Leben in Bezug auf das Kind, das er auch als das seine empfindet - war er es doch, der sie begleitet hat bei der Adoption - verwehrt sie ihm, vielmehr tauscht sie ihn ein gegen das Kind und schickt ihn fortan immer öfters mit Hinweis auf das Kind weg. Laschen erahnt diesen „Tausch“ bereits auf der Heimfahrt von dem Kloster, wo Ariane das Kind adoptiert hat:
„Und gleichzeitig wehrte er sich gegen eine Veränderung, deren Folgen er erst ahnen konnte, aber schon sehr befürchten mußte.“ 36
32 Born, Nicolas: Die Fälschung, 1979, S. 216
33 Ebda., S. 290f.
34 Ebda., S. 189
35 Ebda., S. 229
36 Ebda., S. 158
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Durch den einseitigen Nutzen, den eine Beziehung zu Ariane für Laschen hätte, nämlich die „Erneuerung“ seiner selbst an ihr, er ihr aber auf der anderen Seite nichts geben kann und sich nur an ihr „bereichern“ will, hat eine ernsthafte Beziehung von Anfang an keine Legitimation.
1.5 DIE PARALLELE ZWISCHEN KRIEG UND LIEBE
Die beiden Motive Krieg und Liebe, von denen der Roman in vielen Facetten lebt, stehen in einer engen Verbindung zueinander.
Schon ohne den Kontext des Romans sind Krieg und Liebe zwei Kontraste, die sich gegenüberstehen, und so ein antagonistisches Verhältnis zueinander haben. Die Tatsache, dass Laschen aus dem Familienfrieden in Deutschland erst in ein tausende Kilometer entferntes Kriegsgebiet reisen muss, um sich der Entfremdung von seiner Frau und der in Trümmern liegenden Beziehung bewusst zu werden, lässt ebenfalls auf eine Abhängigkeit der beiden Thematiken schließen.
So zieht Laschen in einem Brief an Greta die direkte Verbindung zwischen seiner Beziehung und dem Krieg: Er schreibt davon, dass nach seiner Ankunft in Beirut alles „ruhig und beruhigt“ 37 ist, aber gleichzeitig jeden Moment droht, in die Luft zu gehen.
„Hier ist es ruhig nach unserer Ankunft, aber ich fühle, dass alles Ruhige und Beruhigte jederzeit
- das hat auch mit dir zu tun - explodieren kann. Obwohl ich noch keinen Schuss gehört habe, kein fernes Grollen.“ 38
Er stellt die Beobachtung also sofort in Bezug - „das hat auch mit dir zu tun“ - zu ihrer Beziehung. Er schreibt, der zu zerbersten drohende Frieden in ihrer Beziehung sei unerträglich
- „was einer entsetzlichen Erkenntnis gleichkomme“ 39 . Die Alternative zu Frieden kann ja nur Krieg sein, und Greta und er trauen sich nicht, diesen „Gedanken (…) zu Ende [zu] denken“ 40 , da er mit der Erkenntnis enden würde, dass der „unerträgliche“ Frieden, den sie sich geschaffen haben, künstlich ist und zwangsweise gewaltsam durchbrochen werden müsste. Dass dieser künstliche Frieden, der sich über ihre Beziehung legt und tiefer liegende Zerrüttungen verdeckt, eine weitere Fälschung darstellt, sei hier nur am Rande erwähnt.
Auch in Hinblick auf Ariane werden Krieg und Liebe immer wieder in eine Verbindung gebracht.
37 Ebda., S. 19
38 Ebda., S. 19
39 Ebda., S. 19
40 Ebda., S. 19
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Wie aus 1.4.4 hervorgeht, bildet Ariane für Laschen einen Fluchtpunkt in den Kriegsgeschehen und Laschen versucht, sich an ihr zu „reproduzieren“. Er blendet in ihrer Anwesenheit den Krieg und alle damit verbundenen Schrecken aus und schwebt im luftleeren Raum, um umfassend mit allem neu zu beginnen. Inmitten des tobenden Krieges besucht Laschen regelmäßig Ariane. Bei einem dieser Besuche zeigt sich die Verschleierung der Realität, die er mit Ariane zusammen betreibt:
„Die Zypressen waren so schön dunkel und kraus, das grüne Gras glänzte, und da standen die geflochtenen Baststühle. Arianes Gesicht lag so blond in ihrem Haar, ihre Waden schimmerten. (…) Sind das nicht glorreiche Tage, sagte sie.“ 41
Während vor ihrem Haus zum selben Zeitpunkt gerade Menschen auf der Straße krepieren, spricht sie von „glorreichen Tagen“. Laschen spielt mit bei dieser zynischen Lüge und antwortet: „Dafür, dass Winter ist und Krieg, ist es ein Spott“ 42 , wobei ihm gar nicht eine Relativierung der Kriegsschrecken unterstellt sei, vielmehr zeigt sich in dieser Aussage die verschleiernde Wirkung der Beziehung zu Ariane, die ihn sowohl den Krieg im Libanon, als auch den bröckelnden Frieden mit Greta, der vielleicht eher als „kalter Krieg“ bezeichnet werden könnte, verdrängen lässt.
Krieg auf der einen und Liebe in Gestalt Laschens Beziehungen zu Frauen auf der anderen Seite sind also eng miteinander verknüpft - der „kalte Krieg“ zwischen ihm und Greta, der in der Ankunft Laschens in Beirut widergespiegelt wird, und die Beziehung zu Ariane, durch die er versucht, die brüchige Beziehung zu Greta, also den drohenden „Krieg“, sowie den realen Krieg im Libanon zu verdrängen.
41 Ebda., S. 129
42 Ebda., S. 129
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1.6 DIE FÄLSCHUNG ALS URSACHE DER PERSÖNLICHKEITSKRISE
Das zentrale Thema des Romans, das schon im Buchtitel genannt wird, die „Fälschung“, erweist sich als ein vielschichtiges Konstrukt, das übergreift auf alle Lebensbereiche Laschens.
Vordergründig ist diese Fälschung journalistischer Natur, d.h. der Journalist Laschen empfindet seine eigenen Kriegsberichte als Verfälschung der Tatsachen. Laschen verfälscht aber nicht Kriegsereignisse dahingehend, dass er Zahlen, Fakten oder Handlungen objektiv falsch wiedergibt - seine Artikel sind inhaltlich richtig. Vielmehr werden die Kriegsgräuel, die Schrecken, die Morde und Massenerschießungen, die Laschen erlebt, in seinen Berichten auf bloße Fakten reduziert, in Sprache „gepresst“ und so handhabbar, umgänglich gemacht:
„Trotzdem waren die Sätze leer, er hatte darin nichts fühlen können, sie erfassten nicht, griffen nicht auf was er gemeint hatte, das ging bis in die Wörter, die ihm entleert, hohl vorkamen, so als hätten sie über Nacht ihren Nutzen verloren“ 44 .
Die entsetzlichen Ereignisse verkommen zu einer Randnotiz, die der Leser zu Hause in der Kaffeepause oder auf dem Weg zur Arbeit wie nebenher zur Kenntnis nimmt - er ist informiert, das reicht ihm. Laschen jedoch, der den Krieg vor Ort miterlebt, kann nicht anders, als durch dieses „Zurechtschreiben“ in einen Widerspruch zu geraten: auf der einen Seite der tobende Krieg mit all seinen barbarischen Unmenschlichkeiten, auf der anderen Seite seine Leserschaft zu Hause, die möglichst unberührt bleiben möchte und ja nicht mit hineingezogen werden will in diese „andere Welt“, nur aufschreit bei besonders großen Sensationen und für die Empörung letztlich auch nur unterhaltenden Wert hat - und Laschen dazwischen, der als „Bindeglied“ die notorische Fülle an Verbrechen in eine „ewige Ereignisfrische“ 45 verwandeln und eine Brücke zwischen Beirut und Hamburg bauen muss. Dieses Reduzieren der Ereignisse auf Sprache einerseits und das „Aufpolieren“ zu Sensationen andererseits empfindet Laschen als Verfälschung der von ihm erlebten Realität. Seine Berichte werden den Tatsachen nicht gerecht, eben weil sie sich auf eine bloße Aufzählung derselben beschränken und diese zwanghaft durch Sprache, also eindimensional, vermitteln, „übersetzen“ müssen.
43 Ebda., S. 90
44 Ebda., S. 128
45 Ebda., S. 220
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Ein weiterer Aspekt dieser „Fälschung“ ist die der Berichterstattung immanente Neutralität. Die Maxime des objektiven Schreibens schiebt sich
„als dicke Betrachterwand aus Glas vor sein Sehen (…), so dass sein Sehen verödete. Es war fortan ein bezugsloses Sehen, er hätte auch sagen können, ein reines Sehen.“ 46
Laschen will nicht über Massenerschießungen aus Sicht eines gefühllosen Etwas schreiben, nicht den „Menschen“ in sich ausblenden, und wünscht sich das Zugeständnis einer Subjektivität in seiner Berichterstattung. Alles Wesen seiner journalistischen Tätigkeit beschränkt sich auf ein bloßes Sammeln und „Ins-Album-Kleben“ von Kriegsgräuel und Menschenleiden. Derjenige mit dem umfassendsten und dem vollständigsten Album, mit den schockierendsten Fotos und den reißerischsten Texten dazu gilt als der beste Journalist. Er erkennt, dass er nicht wirklich die Aufgabe hat, seinen Lesern den Krieg näher zu bringen, sondern dass er vielmehr
„für Geld ein Entsetzen lieferte, für das es eine Nachfrage gab, eine unersättliche. Immer mehr Leute wollen immer mehr wissen über ihren eigenen Stellvertreterkrieg.“ 47
Der Krieg ist überhaupt erst die Grundlage für seine Arbeit, die Bedingung, von der er profitiert, und Laschen ist genauso Teil des Krieges. Als „Werkzeug der Leser“ 48 verkauft er also Kriegsgräuel auf einem Markt, genauso wie ein Bäcker Brot oder ein Angler seine Fische. Seine journalistische Tätigkeit verkommt zur Ware, um weiter sein Berufsfeld zu erfüllen 49 ist er gezwungen, Fälschungen zu produzieren.
Gleichzeitig ist Laschen aber nach wie vor Entsandter seiner Hamburger Redaktion und an sich nur passiver Betrachter, also formal Unbeteiligter. Er gehört weder einer der kämpfenden Kriegsparteien an, noch ist er ein Zivilist auf der Flucht oder einer der Plünderer. Dennoch muss er über all das so gut als möglich berichten, wobei er die Gefühle und Gedanken der Handelnden ja nur vermuten kann, nur ableiten aus ihren Handlungen. Er hat das Gefühl, dem Leid nicht gerecht zu werden, wenn er über die staubige Realität des Bürgerkrieges schreiben soll, ohne ihn am eigenen Leib erlebt zu haben, wenn er von Erschießungen berichten soll, ohne jemals eine Waffe in der Hand gehabt zu haben. Die Wirklichkeit zu kopieren, anstatt seine eigene Wirklichkeit auf dem Papier zu kreieren, erweist sich ihm als unlösbare Aufgabe. Er sagt von sich selbst:
„Ich müsste, damit etwas wieder richtig wird, kämpfen und fallen und berichten dabei, in der richtigen Gefahr leben und darin umkommen erst einmal, in der Angst leben und daran sterben,
46 Ebda., S. 187f.
47 Ebda., S. 187
48 Ebda., S. 188
49 Ebda., S. 188
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an der großen Angst. Mich aufstellen lassen in Brigaden, letzten Aufgeboten. Und das nicht für einen Sieg, für eine Gerechtigkeit, sondern nur dafür, dass die Grammatik wiederkehrt, dass nur dieser verfluchte Zustand zu Ende geht“ 50 .
Auch ganz praktisch fälscht Laschen seine Berichte offensichtlich immer wieder, in dem er bspw. Ereignisse, die ihm selber als unwichtig erscheinen, weglässt, mit der Vermutung, den Leser würden sie ebenfalls nicht interessieren. Auch durch die Auswahl dessen, wovon er berichtet, verfälscht er ja schon die Realität, indem er nicht ein umfassendes und vollständiges Bild der Lage zeichnet, sondern Einblicke gewährt und anhand von Einzelschicksalen versucht, dem Leser den Krieg näher zu bringen. An anderen Stellen liest Laschen Berichte von Ereignissen, die er nicht mitbekommen hat, und schreibt daraus seinen eigenen Artikel, in dem er vorgibt, vor Ort gewesen zu sein, und fälscht sozusagen mit den Informationen aus den Berichten seiner Kollegen, die ja in seinem Verständnis ebenso verfälscht sein müssen. Der eigentliche Widerspruch, in dem Laschen zum Fälschen gezwungen wird, ist allerdings die völlige Betäubung seiner Wahrnehmung, die sich angesichts der schrecklichen Ereignisse bemerkbar macht: Laschen ist wirklich so weit, dass er bei den schlimmsten Beobachtungen nicht etwa vor Entsetzen (innerlich) aufschreit, und daran verzweifelt, dass er seine Empörung in den Artikeln unterdrücken muss, sondern dass er keine Empfindungen mehr wahrnimmt und wirklich als bloßes Betrachterauge taub die Ereignisse registriert.
„Und wo waren die Gefühle, die Wahrheiten des eigenen Körpers geblieben, die Schmerzen, das heillose und untröstliche Mitgefühl, die, wenn schon, ohnmächtige Wut, die wütende Trauer um das Leben der Welt, um das Leben von dir selbst, Laschen, die dich niederwerfen müsste in den Staub.“ 51
Das Unterordnen unter die „Gier nach Schrecken“ 52 der Leser verdrängt also nach und nach alles Menschlichte in Laschen, der sich „unter Aufbietung von Kräften an Gefühle erinnern und sie simulieren“ 53 muss. Er ist, obwohl anwesend, nach wie vor Unbeteiligter und muss eine Beteiligung vortäuschen, „erfälschen“. „So empfindlich du auch geblieben bist, von Kindheit an, so bist du als ein Berichterstatter zu einem empfindungslosen Monstrum geworden.“ 54 Laschen kann sich selber nicht mehr erkennen und verzweifelt ob der Gefühlskälte, der Unbetroffenheit, die er bei sich selbst bemerkt. Er ertappt sich selber dabei, wie er in seinen Artikeln mit Kriegsgräueln hantiert als wären sie alltäglich: „Er hatte schon eine Beschreibung des täglichen Betriebs auf dem Platz gemacht, vor Tagen schon, und brauchte jetzt nur noch
50 Ebda., S. 129
51 Ebda., S. 188
52 Ebda., S. 218
53 Ebda., S. 188
54 Ebda., S. 186
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das neue Massaker mit einzubauen“ 55 . Er will nicht ein sensationsgeiles, menschenverachtendes Werkzeug sein wie etwa Hoffmann, und kann nicht glauben, dass er kaum mehr fühlt: „Laschen, pochte auf sein Entsetzen angesichts von Unmenschlichkeit. Es war das Entsetzen des Herrn aus Deutschland.“ 56 Laschen versucht diese ungekannte Härte eines Profis, der nichts an sich herankommen lässt, zu überspielen, in dem er sich selbst anlügt und so seine Selbstzweifel abspeist: Er hat für die Kriegsgräuel nichts übrig außer „ein paar zu Hause einstudierte[r] Entrüstungsposen. Spesen. Du könntest auch gleich sagen: Entrüstungsspesen.“ 57 Laschen ist von sich selbst angewidert. Auch das aufkeimende Mitleid mit den Kriegsopfern, respektive der Groll und die Wut, den er gegenüber Kriegstreibern und den hinter diesem Stellvertreterkrieg stehenden Staaten hegt, verkommt zu vorgetäuschter und deshalb geheuchelter Moral, da er nichts gegen das Leid vorzubringen hat außer seinen Berichten, die an der Lage nichts ändern:
„Du kleiner, du fetter, du verkommener Sophist, was du machst, das ist und bleibt Zerstreuung, da kannst du noch so konkret werden, es ist von Anfang an zerstreut. Du hast recht mit den Feudalfamilien, doch dass du damit recht hast, macht es nur noch schlimmer, weil du keine Kraft dagegen aufbietest.“ 58
Doch die Fälschung, die Laschen betreibt, ist vielschichtiger und bezieht sich nicht allein auf sein journalistisches Schaffen. Vielmehr spielt sich unter der Oberfläche, der offensichtlichen Fälschung des Journalisten Laschen, eine weitere, persönlichere Fälschung ab: Laschen entfernt sich über das gesamte Buch immer weiter von seiner Familie in Deutschland, fasst schließlich den Entschluss, in Beirut zu bleiben, und kehrt am Ende doch zu Greta und seinen Kindern zurück, wodurch er seine Entscheidung und alle persönlichen Gründe dafür verleugnet.
Die Entwicklung Laschens weg von seinem Leben in Deutschland hin zu einem neuen Bewusstsein, die darin gipfelt, dass er sich entschließt, in Beirut zu bleiben und mit Ariane zu leben, ist Ausdruck davon, dass sich „etwas in ihm grundsätzlich verändert habe“ 60 . Laschen
55 Ebda., S. 139
56 Ebda., S. 187
57 Ebda., S. 194
58 Ebda., S. 194f.
59 Ebda., S. 305
60 Ebda., S. 291
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muss viele tausend Kilometer von zu Hause wegkommen, um sich der Entfremdung zwischen ihm und Greta bewusst zu werden.
In demselben Maße, in dem er sich von seinem eigentlichen Beruf angewidert zurückzieht, entfernt er sich auch von seiner Familie. Er will also mit seinem Journalistenleben in Deutschland nichts mehr zu tun haben und gleichzeitig mit dem damit untrennbar verwobenen Familienleben - die journalistische Krise wird zu einer Persönlichkeitskrise, die Ablehnung seiner beruflichen Existenz führt zur Ablehnung seines kompletten bisherigen Umfelds. Das führt so weit, dass er versucht, die Erinnerung an sein gesamtes Leben bis zu dem Zeitpunkt zu verdrängen, zu leugnen. Laschen will noch einmal „neu anfangen“, da er seine Beziehung mit Greta als Fälschung wahrnimmt - gefälschte Gefühle, gefälschtes Glück, gefälschte Harmonie. Auf der Suche nach sich selbst, in die ihn seine journalistische Schaffenskrise stürzt, kommt er nicht umhin, auch seine Beziehung zu Greta zu hinterfragen. Er kommt zu dem Schluss, dass sie nur noch aus Bequemlichkeit existiert und nicht, weil sie einander so sehr lieben, zu dem Schluss, dass alte Liebe längst begraben ist unter einem Haufen von Alltagssorgen und Gewohnheit. „Die alten Liebesgefühle waren eingeschlossen, und neue gab es nicht“ 61 , „wie eine Frau, wie seine oder irgendeine Frau, die es zufällig an seine Seite verschlagen hatte“ 62 . In ihrer (beidseitigen) Frustration betrügen sie sich gegenseitig, im Wissen, dass der andere das gleiche tut. Aus Frustration wird Verachtung. Ähnlich der (nicht vorhandenen) Empfindungen angesichts von Kriegsleiden spürt Laschen beim Gedanken an eine Trennung von Greta keine Trauer, keinen Kummer ob der zerbrochenen Beziehung. Auch die schon geplanten Besuche seiner Kinder sieht er trocken und emotionslos. Gewissermaßen sind die Beziehung zu Greta und seine Arbeit in Deutschland für ihn eine Last, die ihn daran hindert, die Wahrheit zu schreiben, oder, anders gesagt, die Ursache für sein Fälschen: die (vorerst) endgültige Trennung von Greta, also die Entscheidung, im Libanon zu bleiben, empfindet Laschen als ungemeine Befreiung, die sich auch in seinem Schreiben niedersetzt - alles ist auf einmal „richtig“, Laschen muss sich nicht mehr hinter Masken (oder Glasscheiben) verstecken. Vor diesem Hintergrund erscheint die Rückkehr zu Greta am Ende des Romans zumindest als große Selbstverleumdung, um nicht zu sagen Selbsttäuschung - oder eben Fälschung. Dass Laschen den Ausweg aus seiner Sackgasse in der Rückkehr zu Greta sieht, zeugt von einer Angst vor dem nicht definierbaren Neuen (wobei die Fortführung der Beziehung zu Greta auch Neuanfang heißt), von einem Hang zum Vertrauten.
„Er hatte nur den Argwohn, dass alle anderen genau die gleichen Empfindungen und Trostlosigkeiten durchmachten. «Durchmachten» wie eine Krankheit. Er wäre gerne
61 Ebda., S. 294
62 Ebda., S. 295
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augenblicklich bei Greta und den Kindern gewesen, heraus aus dieser Windstille und Spurlosigkeit.“ 63
Doch die Rückkehr zu Greta ist kein Zurückfallen in alte Muster: Laschen kommt verändert, weil bewusster, aus dem Libanon zurück und die Beziehung steht vor einem Neuanfang.
„Die Kündigungsfrist war, dem Vertrag nach, ein Vierteljahr lang, vielleicht genug Zeit, ein neues Leben zu entwerfen oder das alte mit allen Gewohnheiten jedenfalls nicht mehr weiterzuführen.“ 64
Laschen wartet auf das „Aha-Erlebnis“, auf einen Bruch, der den Neuanfang besiegelt, altes aus der Welt und Platz für neues schafft. Gleichzeitig merkt er, dass ein völliger Kollaps nichts an der Fremde, die zwischen Greta und ihm herrscht, ändern würde:
„Für eine Weile rastete die Idee ein, es müsse ihm etwas passieren, ein Anschlag auf ihn, aber warum? Ein seelischer Zusammenbruch, der sich, damit es bemerkt würde, als körperlicher Zusammenbruch äußerte - warum? Er konnte soeben gestorben sein, ohne dass sich etwas geändert hatte.“ 65
Laschens Rückkehr endet schließlich in der Frage nach dem Sinn seiner Existenz, und somit auch nach dem Neuanfang, der seiner Existenz neuen Sinn geben würde. Er sehnt sich nach dem „Wissen[ ] das zugleich ein Nichtwissen war, in dem er den Damur-Artikel geschrieben hatte“ 66 . Diesen Zustand hatte Laschen allerdings zu dem Zeitpunkt erreicht, als er sich für den Libanon und gegen Greta entschieden hatte. Nach der kompletten Loslösung von Zwängen und Verantwortungen zu Hause („wie schön es wäre, wenn er für alle drei eine große und umfassende Verantwortung spürte. Bei «Verantwortung» fühlte er sein Gesicht hart und stumpf in die kalte Luft hinausragen.“ 67 ) entfesselt sich auch sein Schreiben und entfaltet sich zu bisher ungekannter Vielfältigkeit, losgelöst von jeder Rechenschaftspflicht gegenüber einem vermeintlichen Leser. Diese „fiebrige, alle Tore öffnende Schreibwut“ 68 versucht er jetzt zurückzuerlangen durch die Rückkehr zu Greta, also genau das Gegenteil der ursprünglichen Ursache.
In diesem Versuch, Sinn zu finden, verleiht Laschen schließlich seinen gemachten Fälschungen eine Allgemeingültigkeit, er generalisiert sie: „Die Wirklichkeit als bloß simulierte Wirklichkeit, der Bericht darüber ein bloß simulierender Bericht“ 69 - jetzt spricht er von „Erinnerungen an das
63 Ebda., S. 303
64 Ebda., S. 304
65 Ebda., S. 306
66 Ebda., S. 308
67 Ebda., S. 310
68 Ebda., S. 219
69 Ebda., Klappentext
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Leben, die das Leben selbst geworden waren“ 70 . Er attestiert somit der Gesamtheit, eine riesige Farce zu sein und nur Abbild einer verschütteten Wirklichkeit. Die Flucht zurück in diese allgegenwärtige Fälschung ist „kein befreiender Ausweg [...], sondern ein Weitermachen aus Ohnmacht“ 71 . Hinter dieser Aussage verbirgt sich gleichzeitig Laschens Lebensweise 72 : „Ein Weiterleben, das ein Weiterlesen war, […], ein Dabeisein ohne Dasein.“ 73
1.7 DIE KRANKHEIT LASCHENS UND DIE BRUCHSTELLEN IN SEINER ENTWICKLUNG ALS DURCHBRUCHSVERSUCHE ZUR WIRKLICHKEIT
Sowohl berufliche, als auch persönliche Krise äußern sich unmittelbar im Gesundheitszustand Laschens: er leidet unter Fieberschüben. Laschen unternimmt allerdings keine Anstrengungen, gesund zu werden, da er längst erkannt hat, dass das Fieber nur Symptom der Widersprüche, denen er ausgesetzt ist, letztlich Symptom seiner existenziellen Krise ist. Die Krankheit liefert ihm sozusagen den Beweis, dass er sich in einer Persönlichkeitskrise befindet, welche wiederum beweist, dass die Fälschung, in der er lebt, entgegen seiner Natur ist, und er sich ihr nicht unterordnet und ohne es zu merken Teil der Fälschung wird, sondern sie aufdeckt und aufzulösen versucht. Die Krankheit ist der greifbare Beweis, dass Laschen in Widerspruch zur Fälschung steht und sich ihr nicht anpassen möchte. Das innere „Zerrisenwerden“ äußert sich in der physischen Krankheit und offenbart das Menschliche in Laschen. Die Krankheit bewahrt Laschen seine Menschenwürde vor sich selbst.
„Laschen war froh, dass er krankt geworden war an der Unbeteiligtheit und der Verantwortungslosigkeit des Berichterstattens.“ 74
Die Krankheit birgt gleichzeitig aber auch die Möglichkeit des Ausbruchs, da sie ihm seine „ganze Selbstentferntheit (…), den ganzen Lebensverlust“ 75 vor Augen führt. Laschen wünscht sich gar eine Verschlimmerung des Zustandes: „Er wollte es zu Ende bringen, und sei es nur, um
70 Ebda., S. 309
71 Kremp, Jörg-Werner: Inmitten gehen wir nebenher. Nicolas Born: Biographie, Bibliographie, Interpretationen, 1994, S. 333
72 Ebda., S. 333
73 Born, Nicolas: Die Fälschung, 1979, S. 54
74 Ebda., S. 167f.
75 Ebda., S. 172
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es hinter sich zu haben. Er wollte auch, dass es mit ihm noch schlimmer komme.“ 76 Im direkten Bezug auf diese Aussage erklärt Laschen die Trennung von Greta und das Verlassen seiner Kinder für „sehr wahrscheinlich“ 77 , die Krankheit veranlasst ihn also dazu, konkret nach Ausbruchsmöglichkeiten aus seiner Persönlichkeitskrise zu suchen. Gegen Ende des Romans kommt Laschen noch einmal auf die Krankheit zu sprechen, als er sagt:
„Manchmal war die Krankheit ganz flach und gewöhnlich, eine Gesundheit beinahe, wenn er nämlich las und der Text ihm erschien als poröse, wabenartige, geraffte und gekürzte Wirklichkeit, als die Wirklichkeit, und das, was wirklich geschah oder geschehen war, war die Illustration davon.“ 78
Laschen arrangiert sich also mit der Krankheit und kann sie nicht beheben, da er die Widersprüche dahinter, die die Ursache der Krankheit sind, nicht beheben kann. Übertragen heißt das, dass Laschen sich mit der allgegenwärtigen Fälschung, die ihn umgibt, arrangieren muss. Einer der letzten Sätze des Romans,
„«Das Problem» strahlte nicht mehr auf alles andere. Und für sich genommen wurde es nicht lösbar, aber furchtbar erträglich.“ 79
bringt diese Anpassung auf den Punkt. Obwohl er daran scheitert, die Widersprüche zu beheben und Wirklichkeit zu erfassen, ist er sich jetzt zumindest darüber bewusst, Fälscher zu sein:
„Ich habe keine Angst davor, mein Leben zu fälschen, nur Angst davor, dass ich es eines Tages nicht mehr bemerke“ 80 .
Laschen hat also während seinem Libanonaufenthalt eine Entwicklung durchgemacht. Auch wenn die Widersprüche nicht aufhebbar sind, so sind sie ihm durch die Krankheit zumindest bewusst geworden.
Er wollte endlich etwas aushalten, nicht mehr nur seine Weltferne mitten in Ereignissen. Der Sinn sollte zurückkehren, notfalls auch als schreiende Sinnlosigkeit.“
Die Entwicklung wird am Deutlichsten an einigen Bruchstellen des Romans:
76 Ebda., S. 172
77 Ebda., S. 172
78 Ebda., S. 295
79 Ebda., S. 317
80 Ebda., S. 260f.
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Während Laschen mit Rudnik und Hoffmann in einem Restaurant zu Abend isst, überfällt ihn das Fieber. Der sowieso schon geschwächte und angewiderte Laschen wird dadurch aber nicht etwa noch misslauniger, sondern erlebt regelrechte euphorische Momente: das Fieber lässt ihn Arianes Nähe spüren, auf eine Frage Rudniks antwortet Laschen nur mit einem breiten Grinsen. Der Krieg erscheint ihm als „nicht mehr ganz gefährlich und nicht mehr ganz wirklich“ 81 , Laschen schildert das Kriegsgeschehen auf fast schon romantische Art und Weise, und durchlebt daraufhin ein wahres Glücksgefühl: „Laschen saß im dunklen Zimmer am Fenster, die nicht enden wollende Musik durchwob ihn ganz, und er betrachtete den Widerschein des Feuers am Himmel.“ 82 Die Krankheit lässt ihn also neue Empfindungen und Gefühle erleben. Ganz konkret benennt Laschen jetzt „diesen Knick in seiner Lebenskurve“ 83 . Die Entwicklung weg von seiner ursprünglichen Verfassung zeigt sich auch in dem endgültigen Losreißen von jeglicher journalistischer Pflichterfüllung: nachdem er sich eine Zukunft mit Ariane in einem harmonischen Zusammenleben ausgemalt hat („Er strickte und häkelte für das Kind. Er fotografierte sie beide mit der Polaroid-Kamera, die er Ariane geschenkt hatte.“ 84 ), und diese Entfernung von Greta ist ja auch bedingt durch die Krankheit, meint er, sich entschlossen zu haben, in Beirut zu bleiben. Er fühlt sich nicht mehr gebunden an seine Auftraggeber, an die Vorstellungen und Erwartungen an ihn aus Deutschland. „Es war ihm ganz egal, und auch die Leser sollten ihm gestohlen bleiben, selbst wenn sie schrien vor Unbefriedigung.“ 85 Diese einstweilige Loslösung schlägt sich auch in seinem Empfinden nieder, der Kellner in einem Restaurant ist für ihn „etwas Bestimmtes (…), im Gegensatz zu all den sorgfältigen Spurenverwischern“ 86 . Er fühlt sich gefestigt und bereit, „auch einen Zwischenfall, ein erschütterndes Ereignis zu bestehen.“ 87 Daraufhin beschließt er, am nächsten Tag Greta „eine Regelung mit den Kindern vorzuschlagen“ 88 . Laschen wird also sehr konkret, die (vermeintliche) Entscheidung, bei Ariane zu bleiben, gibt ihm Halt und Stärkung. Die strikte Durchplanung seines zukünftigen Lebens erweist sich jedoch als Träumerei: nachdem er seine Pläne fertig hat, bemerkt er „Vogelkäfige, geradezu eine Hierarchie aus Käfigen. Er hatte den Vögeln darin schon minutenlang zugeschaut.“ 89 Die Festlegung auf den Libanon erweist sich denn auch als wacklig, Laschen nimmt sie schließlich zurück:
81 Ebda., S. 119
82 Ebda., S. 119
83 Ebda., S. 117
84 Ebda., S. 204
85 Ebda., S. 206
86 Ebda., S. 207
87 Ebda., S. 207
88 Ebda., S. 207
89 Ebda., S. 208
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„Und je näher er dem Haus kam, desto unpassender schienen vorhin die Überlegungen gewesen zu sein, und nach und nach nahm er in Gedanken alles zurück.“ 90
Auf seinen Irrwegen durch die Straßen Beiruts, in denen der tobende Bürgerkrieg vor nichts Halt macht, ist Laschen wieder unwirklich und wie ein Wandelnder in einer Spielzeugwelt. Er taucht nicht ein in das Geschehen, sondern erlebt es wie auf einer Kinoleinwand. Er hadert mit sich selbst und ist verunsichert, kraftlos, stellt sich in Frage, wirr, krank. Auch der Besuch bei Ariane gegen deren Willen ist Ausdruck seiner Verzweiflung. Er wird getrieben auf der Suche nach einem Ausweg.
Nach der Nacht mit Ariane fasst er ein weiteres Mal den Beschluss, im Libanon und bei ihr zu bleiben, diesmal ernst gemeinter. Daraufhin wirkt Laschen in seinem Handeln klar, gesund und kräftig, er fasst und findet sich und geht die Beziehung mit Ariane strukturiert an: „Alles musste sich entwirren und in den Wiederholungen regelmäßig werden“ 91 . Auf der Suche nach einem Ausweg, den er ja jetzt gefunden zu haben glaubt, ist er selbst nun die treibende Kraft. „Nun begann eine gute Phase, in der ihm auch alles gelingen würde. Es hatte mit Ariane zu tun, mit ihrer Kraft, ohne dass sie ihm ihre Kraft etwa geliehen hätte, die lag ganz in ihr und blieb in ihr.“ 92 Er hat einen neuen Sinn für das Leben in der Stadt entwickelt und empfindet so etwas wie Frühlingsgefühle:
„Er mochte die Stadt eigentlich“ 93 , „(…) in der Sonne zwischen den ausschwärmenden Leuten. Als Rudnik ihm etwas sagte, hörte er nicht zu, lächelte ihn aber von der Seite an. Sie betraten eine kleine Café-Bar und setzten sich an einen der kleinen Tische vor dem mit Ornamenten bemalten Schaufenster.“ 94
Der Bruch, den der Entschluss darstellt, zeigt sich am Deutlichsten in der darauf folgenden Schreibwut Laschens: zum ersten Mal (das gleichzeitig das einzige Mal bleibt) erlangt Laschen durch das Schreiben eine Vollkommenheit und kann in seinem Text Realität wiederfinden. Der Bruch öffnet Laschen eine Tür zur Wirklichkeit (in die er jedoch keinen Fuß bekommt). Im „Hochgefühl der Wahrheit“ 95 erlebt er eine ganz andere „Qualität des Schreibens“ 96 , die sich jenseits journalistischer Raster befindet: Als charakterisierendes Merkmal des „neuen“ Schreibens nennt Laschen zentral die „Moral“ 97 . Darin zeigt sich erst das wahre Ausmaß des Bruches mit seiner Vergangenheit. Er entwickelt für den Moment ein „einheitlich
90 Ebda., S. 209
91 Ebda., S. 209
92 Ebda., S. 221
93 Ebda., S. 223
94 Ebda., S. 223
95 Ebda., S. 241
96 Ebda., S. 220
97 Ebda., S. 220
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zusammengefasste[s] Körpergefühl“ 98 , er empfindet sich selbst also als wirklich. Diesen euphorischen Zustand, in dem er bei sich selbst eine nie gekannte Zufriedenheit mit dem Geschriebenen feststellt, ist allerdings nicht Durchbruch zur Wirklichkeit, sondern einmaliges Erlebnis, er kann nicht mehr als einen „kurzen Blick durch den Türspalt“ erhaschen, bevor die Tür wieder zufällt. Der Grund dafür liegt darin, dass Laschen an der Entscheidung, mit seinem bisherigen Leben abzuschließen, nicht festhält. Schlussendlich kehrt er zu Greta zurück, weil er erkannt hat, dass „der alte männliche Versuch, sich durch Frauenliebe erneuern zu lassen“ 99 , lediglich ins Abseits führt. 100
Auch die Reaktion auf seine endgültige Abkehr von Ariane insgesamt kann als Bruch in Laschens stetiger Lebenskrise gesehen werden: nach der Aufgabe des letzten Fixpunktes in Beirut (das Schutzschild der Berichterstattung hat er schon längst verloren) ist er völlig orientierungslos, einzig die Suche nach sich selbst hält ihn noch dort. Vorsätzlich „war nur Ariane etwas Bestimmtes, das er unbedingt doch noch erreichen musste.“ 101 Dass er auch nach der Entscheidung gegen Ariane noch nicht abreist, ist Beweis dafür, dass es ihm in Wirklichkeit um die Erreichung seiner selbst geht. So befindet er sich auf einer Selbstsuche durch die vom Krieg durchsäte Nacht. Er experimentiert mit sich selbst, führt sich an die Grenzen des Erträglichen und nimmt dabei keine Rücksicht auf seinen Körper. Auch auf der journalistischen Ebene sucht er im Erlebnis seine Bestimmung: „Laschen wollte sich nicht töten lassen, wollte aber unvorsichtig sein wie die amerikanischen Kollegen.“ 102
Der zweite wirklich große Bruch in der stringenten Lebenskrise Laschens, in der er unmittelbar in den Kontakt zur Wirklichkeit zu gelangen versucht, stellt sich als Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod dar. Von heftigen Feuergefechten überrascht, muss Laschen in einen Keller flüchten, in dem Zivilisten Schutz suchen. Während unter andauerndem Artilleriebeschuss Deckenteile abstürzen, fällt ein „fremder Körper“ 103 auf den liegenden Laschen, ein Ellenbogen schiebt sich ihm vors Gesicht, eine Hand versperrt ihm die Sicht. In seiner Ausweglosigkeit sticht Laschen mit seinem Messer zu und befreit sich so von dem Fremdkörper. Er wird hier also für einen kurzen Moment selbst Handelnder und greift aktiv in das Geschehen ein, ja ist sogar gezwungen dazu, und profitiert direkt vom Tod eines anderen. Er ist für wenige
98 Ebda., S. 222
99 Bosse, Heinrich/ Lampen, Ulrich A.: Das Hineinspringen in die Totschlägerreihe. Nicolas Borns Roman „Die Fälschung“, 1991, S. 110
100 Kremp, Jörg-Werner: Inmitten gehen wir nebenher. Nicolas Born: Biographie, Bibliographie, Interpretationen, 1994, S. 313
101 Born, Nicolas: Die Fälschung, 1979, S. 253
102 Ebda., S. 251
103 Ebda., S. 271
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Augenblicke Beteiligter des Bürgerkrieges. Diese Beteiligung wird jedoch gleich wieder entschieden relativiert, um nicht zu sagen ausgeschlossen - Laschen hegt sofort nach der „Tat“ erhebliche Zweifel, ob er wirklich jemanden umgebracht hat:
„Dass er wirklich zugestochen hatte, blieb dabei sehr schemenhaft, während er sich an die Umstände, den Ort und die Geräusche genau erinnerte.“ 104
Auch, ob der „fremde Körper“ überhaupt noch am Leben gewesen war, als er auf Laschen fiel, wird hinterfragt:
„Immer deutlicher kehrte das Gefühl zurück, das gestern viel zu flüchtig gewesen war, dass nämlich durch die Welle des Luftdrucks eine Leiche auf ihn gestürzt war“ 105 .
Später erwähnt Laschen noch: „Er hatte keinen alten Muslim ermordet, aber irgendwo war jetzt ein lebloser Körper, und darin steckte sein Messer“ 106 . Durch das sofortige Hinterfragen der „Tat“ (und Laschen kommt zu dem Schluss, dass er nicht eingegriffen hat) wird der vermeintliche Versuch, die Grenze zur Wirklichkeit zu überschreiten, zunichte gemacht.
Somit verschließt sich Laschen der letzten Gewissheit, die er antreffen kann, der Wirklichkeit des Todes, zu der er versucht hat, gewaltsam vorzudringen. Laschen kann die Sicherheit seiner Beteiligung und somit seinen Kontakt mit der Wirklichkeit nicht halten. Die Genugtuung, „heimlich dazuzugehören“ 107 , die „ausgekochte[ ] Freude“ 108 über seine „Einmischung“ 109 ist angesichts dessen heuchlerisch und eine Lüge sich selbst gegenüber.
Interessant ist hierbei noch die Position, in der Laschen vermeintlich aktiv wird: er liegt am Boden. Früher im Roman erwähnt Laschen: „Am aktivsten fühle er sich tatsächlich im Liegen.“ 110 So eröffnet sich ihm das Zusammenspiel aus einem Übergewicht von Passivität und marginaler Aktivität. „Alle seine Möglichkeiten kamen dann dicht an ihn heran und lösten sich, wenn er sie ganz deutlich vor sich sah, auf in Bedeutungslosigkeit, die so furchtbar stark war, viel stärker als er.“ 111 sagt Laschen weiter von sich.
So scheitert auch der zweite ernsthafte Versuch, sich aktiv zu beteiligen und dadurch den Kreislauf der allgemeinen Fälschung zu durchbrechen, wirklich zu werden.
104 Ebda., S. 274
105 Ebda., S. 274
106 Ebda., S. 289
107 Ebda., S. 275
108 Ebda., S. 275
109 Ebda., S. 275, im Original in Anführungszeichen
110 Ebda., S. 264
111 Ebda., S. 264
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TEIL 2
JOURNALISMUS ALS VERFÄLSCHUNG - DAS PROBLEM DER
JOURNALISTISCHEN WIRKLICHKEITSDARSTELLUNG UNTER
BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG DES SOGENANNTEN
KRIEGSJOURNALISMUS
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In Borns Roman wird die journalistische Wirklichkeitsthematik im Groben auf den Wirklichkeitsanspruch des Journalisten und die Erfüllbarkeit einer objektiven Berichterstattung sowie die Erwartungshaltung der bundesdeutschen Öffentlichkeit reduziert. Diese beiden und darüber hinaus weitere Aspekte des Problems der journalistischen Wirklichkeitsdarstellung sowie eine kritische Auseinandersetzung mit dem sogenannten Kriegsjournalismus im Einzelnen bilden den zweiten Teil der Arbeit. Weil eine umfassende Bearbeitung aller Arten und Facetten von Medien diesen Rahmen vollends sprengen würde, beschäftigt sich der folgende Text vordergründig mit den gängigen Formen Zeitung und Fernsehen. Zusätzlich werden allgemeingültige Aussagen über die Rolle und Funktion von Medien an sich getroffen. Bezüglich der Formen von Wirklichkeitsverfälschung liegt das Hauptaugenmerk auf der Manipulierbarkeit von Medien sowie auf der Manipulierung der öffentlichen Meinung durch Medien bei der Untersuchung des Phänomens des „Kriegsjournalismus“ im Speziellen.
2.1 SCHILDERUNG DER GRUNDTHEMATIK IN HINBLICK AUF DIE
MANIPULIERBARKEIT VON UND DURCH MEDIEN
Der „moderne Staat“, sich berufend auf die frühen römischen und griechischen Demokratien, wird wesentlich durch das Prinzip der Gewaltenteilung charakterisiert. Durch eine Trennung von Legislative, Exekutive und Judikative soll ein Maximum an Gleichheit und Freiheit bei gleichzeitiger bestmöglicher Machtbegrenzung garantiert werden. Seit einiger Zeit werden die Medien, insbesondere die Massenmedien, als „vierte Gewalt im Staat“ häufig dieser Aufzählung nachgeschoben 112 - eine kritische Auseinandersetzung mit dieser „vierten Gewalt“, die (größtenteils) nicht demokratisch legitimiert und kontrolliert ist, ist also nötig und wäre auch in einem breiten gesellschaftlichen Diskurs wünschenswert. Gerade in unserer Zeit, die oft als „Informationszeitalter“ bezeichnet wird, und spätestens mit dem Auftreten von Kriegen, deren Entstehung durch Massenmedien erst möglich wurde und die medial im wahrsten Sinne des Wortes „ausgeschlachtet“ wurden, erscheint diese Debatte als überfällig.
112 Vgl. dazu: „Durch ihre Unabhängigkeit vom Staat sind Massenmedien eine wichtige kritische Instanz gegenüber Regierungen, Verwaltungen, öffentlichen Einrichtungen (...); sie werden aufgrund ihrer Kontrollfunktion auch als vierte Staatsgewalt bezeichnet.“ Merten, Klaus/ Schmidt, Siegfried J./ Weischenberg, Siegfried (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, 1994, S. 443
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ÜBERWACHUNG DES POLITISCHEN TAGESGESCHEHENS
Idealerweise haben Medien die Rolle der unabhängigen, objektiven Beobachter inne, die alle wirtschaftlichen, kulturellen und vor Allem politischen Entwicklungen kritisch mitverfolgen, analysieren und dem Publikum zur Verfügung stellen - man erhofft sich davon eine Kontrolle insbesondere der politischen Institutionen durch die Öffentlichkeit, sprich die breite Bevölkerung. 113 Dieses Ideal wird von verschiedenen Seiten - teils bereits durch in der Natur der Medien verankerte Grundproblematiken, teils gezielt und offensiv durch Interessensvertreter - angegriffen und vernachlässigt, verdrängt oder völlig über Bord geworfen.
Ein wesentlicher Aspekt, der schon aus der ökonomischen Beschaffenheit von Massenmedien resultiert, ist der der wirtschaftlichen Zielsetzung. Zumindest in Bezug auf Zeitungen, private Fernsehsender und überregionale Radiostationen kann mit Fug und Recht von Großkonzernen gesprochen werden. In deren Natur als profitorientierte Unternehmen liegt nun mal die Kapitalakkumulation, also das Anhäufen von Profit. Wenn man nun davon ausgeht, dass es sich hierbei nicht um Beträge in der Größenordnung von Kleinwägen, sondern um Summen handelt, die unsere Vorstellungskraft sprengen 114 , liegt die Vermutung nahe, dass das Ideal einer neutralen Berichterstattung schnell zugunsten einer tendenziellen Berichterstattung, die den eigenen Interessen dienlich und somit den hauseigenen Profit steigert, verworfen wird. Der Sensationsjournalismus des Boulevards ist hierbei nur die offensichtlichste Form der Unterordnung der journalistischen Qualität unter die Verkaufszahlen (respektive die Einschaltquote). Auch bei anerkannten Qualitätszeitungen lässt sich die Richtigkeit der These beweisen: Im sogenannten „Hochhausstreit“ konnte man in der Süddeutschen Zeitung 2004 eine regelrechte Kampagne gegen das Bürgerbegehren, das forderte, eine Begrenzung der Bauhöhe auf 100m für Hochhäuser in München einzuführen, bewundern. Das Bürgerbegehren wurde angenommen, der Süddeutsche Verlag musste die Planungen für sein neues
113 Vgl. die Definition der Aufgabe von Journalismus im „ABC des Journalismus“: „Massenmedien sollen politische Entscheidungen und gesellschaftliche Vorgänge transparent machen, um die Bildung einer öffentlichen Meinung zu ermöglichen.“ Mast, Claudia, ABC des Journalismus. Ein Leitfaden für die Redaktionsarbeit, 1994, S.90
114 Der Axel-Springer-Konzern verzeichnete bspw. 2007 einen Gewinn von 422 Mio. Euro, Internetpräsenz der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, abgerufen am 28.01.2010: http://druck.verdi.de/tiefdruck/tiefdruck/infos_hintergruende/prinovis
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Verlagsgebäude mit einer Höhe von 146m verwerfen. Das mittlerweile fertig gestellte Hochhaus misst nur noch 99,95m. 115
In einer Einführung die die Kommunikationswissenschaft heißt es zu dieser „Doppelmoral“ der Medien:
„Marktwirtschaftlich organisierte Mediensysteme besitzen einen Doppelcharakter: Einerseits werden Presse und Rundfunk als soziale Institutionen verstanden, andererseits sind die Medien eine Industrie und dienen somit - im weitesten Sinne - (wirtschaftlichen) Einzelinteressen. Einerseits sind sie [...] philosophischen Werten verpflichtet, wie z.B. Vernunft, Freiheit, Wissen, Mündigkeit. Andererseits sind die Medien und ihre Journalisten an praktisch-pragmatische Vorgaben und Zielen wie
Reichweite, Konkurrenz, Redaktionsschluß, Professionalität und Karriere orientiert.“ 116
Ein weiterer Punkt ist die hohe Zentralisierung von einzelnen Verlagshäusern und Zeitungen zu wahren „Medienmogulen“: Betrachtet man die bundesdeutsche Medienlandschaft, so stellt man fest, dass der Großteil der erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften in den Händen einiger weniger Großverleger liegt. Durch Töchterunternehmen oder Gesellschaften mit mehrheitlicher Beteiligung des Mutterkonzerns getarnt, wird so der Eindruck erweckt, es mit einer unabhängigen, vielfältigen Fülle an Medien zu tun zu haben. Bspw. das Verlagshaus Burda veröffentlichte 2008 allein in Deutschland 75 verschiedene Zeitschriften, weltweit sogar 261 Titel 117 . 1997 hatten die fünf größten deutschen Verlagsgruppen einen Marktanteil von 42% an Tageszeitungen, von denen allein 23,7% auf den Axel-Springer-Konzern entfielen 118 . In der Fernsehlandschaft ist das Bild noch extremer - scheinbar unabhängige und konkurrierende Fernsehsender gehören zu ein und demselben Mutterkonzern, wie dies bspw. bei RTL und VOX der Fall ist: beide gehören zu Bertelsmann. Bei der Pro7Sat1 Media AG ist es das selbe Spiel: mit Pro7 und Sat1 gehören zwei der größten deutschen privaten Fernsehsender zu der Aktiengesellschaft, ferner noch Kabel eins, N24 und 9Live. Der Gründer der AG, Leo Kirch, galt als einer der größten und einflussreichsten Medienunternehmer Deutschlands und wurde unter anderem durch seine Freundschaft zu Bundeskanzler Helmut Kohl bekannt, dem er in
115 Artikel aus der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung: „Hochhaus-Bürgerbegehren - 100 Meter und nicht höher“, sueddeutsche.de, 19.11.2004, , abgerufen am 28.01.2010: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/375/365194/text
116 Merten, Klaus/ Schmidt, Siegfried J./ Weischenberg, Siegfried (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, 1994, S. 451
117 Internetpräsenz der Burda Verlagsgruppe, abgerufen am 28.01.2010: http://www.hubert-burda-media.de/geschaeftsfelder/magazine/starke_titel__11709 Anmerkung: 1992 trat die Jury des Nicolas-Born-Preises geschlossen zurück, nachdem der mit 10.000 DM notierte Preis von Hubert Burda finanziert werden sollte. Sie setzte so ein Zeichen für die Praxis einer Berichterstattung, die „Information, Aufklärung und Wahrung der Menschenwürde zu ihrem Anliegen“ macht, Werte, denen insbesondere die Burda-Titel „Super“ und „Super Illu“ nicht gerecht würden. „Protest gegen Burda!“, Süddeutsche Zeitung, 09.03.1992
118 Bundeszentrale für politische Bildung: Informationen zur politischen Bildung - Massenmedien, 3. Quartal 1998, S. 24
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Folge der CDU-Spendenaffäre großzügige Geldgeschenke machte und bei dessen Hochzeit er Trauzeuge war. Solche Verknüpfungen von Medienunternehmen und Politik sind ebenfalls keine Seltenheit: erst 2008 verzeichnete die CDU auf ihrem Konto Spenden in Höhe von 60.000 Euro seitens der Bertelsmann AG. 119 Weiterer Beweis für die Monopolbildung in der Medienlandschaft war der Versuch von Leo Kirch und Bertelsmann-Vorstand Michael Dornemann, 1998 beim digitalen Pay-TV eine Kooperation der beiden Konzerne, also der KichGruppe und der Betelsmann AG, zu schaffen und somit faktisch den gesamten Pay-TV-Markt unter sich aufzuteilen. Leo Kirch kontrollierte zu dem Zeitpunkt über Beteiligungen einen Großteil der deutschen Medienlandschaft sowie des europäischen Marktes, die Bertelsmann AG war 1998 „mit Abstand größter Medienkonzern Europas“ 120 121 , dem von vielen Seiten immer wieder politische Nähe zu Marktradikalen vorgeworfen wurde, was sich vor allem in den Aktivitäten der Bertelsmann-Stiftung äußerte. Das Vorhaben wurde von EU-Kommissar Karel von Miert verboten.
Der als konservativ geltende deutsche Publizist, Journalist und Mitbegründer der FAZ, Paul Seth, äußerte sich 1965 in einem Leserbrief im Spiegel zur Monopolisierung des Medienmarktes folgendermaßen: „Da die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben, immer kleiner. Damit wird unsere (die der Journalisten, Anm. d. Verf.) Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher.“ 122 Dem vorangegangen war seine wohl berühmteste und als „Leitzitat“ diesem Teil der Arbeit vorangestellte Aussage „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ 123
Auch Querverbindungen unter den Medienriesen sind vorhanden, so sind bspw. Springer und Burda mit jeweils 16% am Radiosender Antenne Bayern beteiligt. 124
Durch die Profitmaximierung als oberste Zielsetzung, die hohe Zentralisierung scheinbar unabhängiger Zeitungen sowie Verbindungen zwischen Medienunternehmern und Vertretern
119 Süddeutsche Zeitung vom 26.01.2010, Statistik auf S. 6
120 Bundeszentrale für politische Bildung: Informationen zur politischen Bildung - Massenmedien, 3. Quartal 1998, S. 25
121 Im Geschäftsjahr 2008 konnte die Bertelsmann AG einen Umsatz von 16,12 Mrd. Euro verzeichnen und lag damit im Ranking der größten Medienkonzerne der Welt auf Platz 7, innerhalb von Deutschland auf Platz 1. Zahlen aus: Hintergrund - Das Nachrichtenmagazin: Medien, Macht, Manipulationen, 3. Quartal 2009, S. 3
122 Sethe, Paul: Frei ist, wer reich ist. Leserbrief an das Nachrichtenmagazin SPIEGEL, 05.05.1965 Weiter im Text heißt es: „Das Verhängnis sitzt tiefer. Es besteht darin, daß die Besitzer der Zeitungen den Redaktionen immer weniger Freiheit lassen, daß sie ihnen immer mehr ihren Willen aufzwingen.“ und „Aber wer nun anders denkt, hat der nicht auch das Recht, seine Meinung auszudrücken? Die Verfassung gibt ihm das Recht, die ökonomische Wirklichkeit zerstört es. Frei ist, wer reich ist. Das ist nicht von Karl Marx, sondern von Paul Sethe. Aber richtig ist es trotzdem.“
123 Ebda.
124 Hintergrund - Das Nachrichtenmagazin: Medien, Macht, Manipulationen, 3. Quartal 2009, S. 5
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der Politik ist eine komplett unabhängige und interessensfreie Berichterstattung, die als einzige das Ideal der kritischen Überwachung des politischen Tagesgeschehens und der objektiven Meinungsbildung erfüllen würde, schwer vorstellbar. 125 Nichtsdestotrotz gibt es Bestrebungen seitens des Staates, die Gefahren der interessensbehafteten Berichterstattung einzudämmen. Durch verschiedene Maßnahmen, zu denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk zählt, wird versucht, dem entgegenzusteuern. 126
Ferner sind Medien keine frei im luftleeren Raum schwebenden Institutionen, sondern abhängig von Unternehmen, die Werbung schalten. Bestes Beispiel für diese Abhängigkeit ist der „Werbeboykott“ Aldis gegenüber der Süddeutschen Zeitung 2004: Nach einem kritischen Bericht über Arbeitsbedingungen bei Aldi und die Schwierigkeiten bei der Gründung von Betriebsräten kündigte Aldi alle Werbeverträge mit dem Süddeutschen Verlag, wodurch der SZ Einnahmen im Gesamtwert von 1,5 Mio. Euro fehlten 127 . Werbung stellt also ebenfalls ein Druckmittel dar, mit dem von außen Einfluss auf die unabhängige Berichterstattung genommen werden kann.
2.3 WIRKLICHKEITSVERZERRUNG IM REDAKTIONELLEN PROZESS
Der eigentliche Teil journalistischer Arbeit, nämlich der Produktionsprozess eines Beitrags, kann ebenfalls Schauplatz von „Verfälschung“ der Wirklichkeit werden. Auf dieser Ebene spielt sich auch in Nicolas Borns Roman der Großteil der journalistischen Fälschungen ab. Noch bevor ein Journalist beginnt, einen Artikel zu schreiben, muss festgelegt werden, über was er schreibt. Diese Entscheidung, die gerade in den politischen Ressorts großer Tageszeitungen die Information und die Meinung großer Teile der Bevölkerung betrifft, ist automatisch schon eine Verzerrung der Wirklichkeit: Dadurch, dass über Thema A berichtet wird, über Thema B gar nicht oder nur am Rande, wird Thema A mehr Wichtigkeit
125 Hans Magnus Enzensberger äußerte sich folgendermaßen zur Unabhängigkeit der Medien: „Ein unmanipuliertes Schreiben, Filmen und Senden gibt es nicht. Die Frage ist daher nicht, ob die Medien manipuliert werden oder nicht, sondern wer sie manipuliert. Ein revolutionärer Entwurf muß nicht die Manipulateure zum Verschwinden bringen; er hat im Gegenteil einen jeden zum Manipulateur zu machen.“ Hans Magnus Enzensberger, „Baukasten zu einer Theorie der Medien“, in: Kursbuch, 1970, Nr. 20, S. 166
126 Wobei angemerkt werden muss, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk zwar unabhängig von privatwirtschaftlichen Unternehmerinteressen agieren kann und nicht auf Quoten angewiesen ist, seine (Chef-)Redakteure allerdings von der Politik eingesetzt werden und somit wiederum abhängig sind. Für Aufsehen sorgte der jüngste Eklat um ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, der der CDU/CSU-Mehrheit im Verwaltungsrat des Senders zum Opfer fiel.
127 Internetpräsenz der „Netzzeitung“, abgerufen am 28.01.2010: http://www.netzeitung.de/medien/282375.html
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zugesprochen und ist in der öffentlichen Meinung später präsenter. „Über 99 % aller Nachrichten (…) gelangen nie vor das Auge des Lesers, weil sie als zu unbedeutend, zu fragmentarisch, zu polemisch oder - nach den jeweils herrschenden Vorstellungen - zu unsittlich aussortiert werden.“ 128 Weil kein Medium über unendlich Platz und unendlich viele Journalisten, die die Fülle an Nachrichten verarbeiten könnten, verfügt, ist es gezwungen, nach wie auch immer gearteten Kriterien auszusortieren. Selbst wenn alle Artikel objektiv richtig sind, kann durch gezielte Selektion und Ignorierung bestimmter Themen das öffentliche Meinungsbild manipuliert werden. Eine solche Manipulation durch Selektion wirft bspw. Günter Wallraff in seinem Buch „Der Aufmacher“ der Bild-Zeitung vor. 129 Der Journalist selber steht vor dem Problem, die verschiedenen Positionen so ausgewogen wie möglich zu erläutern und dadurch so wenig Wertung wie möglich einfließen zu lassen. Gleichzeitig muss er jedoch die unterschiedliche Relevanz, die verschiedene Argumente haben, berücksichtigen. Verlässt er diesen schmalen Pfad, muss er sich vorwerfen lassen, tendenziös zu berichten.
Und nicht zuletzt die Sprache ist entscheidendes Kriterium einer objektiven Berichterstattung: durch Worte mit positivem oder negativem Beigeschmack kann ein Journalist in eine Richtung schreiben, die dann die Meinung des Lesers beeinflusst. Bei Übersetzungen der Natur der Sache immanent, ist dieser Aspekt besonders bei kritischen Punkten bedeutend: indem sie „eine ihren Interessen dienende politische Sprachregelung“ 130 anstreben, können Interessensverbände oder Politiker durch Sprache ihren Positionen in der breiten Gesellschaft normative Kraft verleihen. „Bestimmte Worte (...) müssen zum allgemeinen Sprachgut werden, dann gewinnen sie selbst eine politisch und ideologisch organisierende Funktion.“ 131 Wie der Journalist selber noch unzähligen Prozessen unterworfen ist, die ihn allesamt an der neutralen Darstellung der objektiven Gegebenheiten hindern können, zeigt Nicolas Born an seinem Protagonisten Laschen. Hingewiesen sei hier nur auf die fehlende Beteiligung am Geschehen durch die Rolle des passiven Beobachters, auf die Parteilichkeit des Journalisten aufgrund seines Menschenverstandes und seines Gerechtigkeitsempfindens und auf die Herausforderung, Katastrophen und traumatische Erlebnisse in Worte zu fassen und durch Sprache zu vermitteln.
128 Steffens, Manfred: Das Geschäft mit der Nachricht, 1971, S. 9ff. Paul Sethe bemerkt 1967 zum selben Thema in einem Brief an den damaligen Chefredakteur des Stern, Henri Nannen: „unsere, große Presse, die Meister der Verfälschung durch Auslassen“.
129 Wallraff, Günther: Der Aufmacher, 1977, S. 9. Günther Wallraff arbeitete in den sechziger Jahren sogar undercover bei Bild, um die manipulierenden, informationsverfälschenden Praktiken dort aufzuzeigen.
130 Klaus, Georg: Die Macht des Wortes. Ein erkenntnistheoretisch-pragmatisches Traktat, 1968, S. 47
131 Ebda., S. 47
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2.4 MEDIEN ALS MEINUNGSBILDENDES INSTRUMENT MIT HAUPT-AUGENMERK AUF DIE EMOTIONALE MASSENSTEUERUNG IN DER KRIEGSBERICHTERSTATTUNG
„Die Nachrichten kamen im vollen Kampfanzug der knalligen Schlagzeilen, der serienweise ausgebreiteten, bluttriefenden Fotos und grausigen Videofilme daher. Dahinter steckte die klare Absicht, Regierungen zu militärischem Eingreifen zu zwingen.“ 132
Die Tatsache, dass Medien nicht unbedingt unabhängige und neutrale Organe sein müssen, hat die Gefahr einer Manipulation durch Medien selber zur Folge - die Gefahr des Missbrauchs ihrer immensen Kraft als tonangebendes Organ einer Gesellschaft. Als Multiplikator haben ihre Stimmen besonders großes Gewicht, unter Umständen können sie so statt passiver Beobachterrolle eine aktiv handelnde Kraft der Politik eines Landes sein. Durch das vorgebliche Berichten über eine Sache können sie gezielt die Meinung großer Teile der Bevölkerung bezüglich der Sache beeinflussen und unter Umständen sogar die Sache selbst verändern und so in das Geschehen eingreifen. In Bezug auf Kriege wird so Medien oft eine Mitschuld am Entstehen und an der Legitimierung von Kriegen nachgesagt. Als Multiplikator einer einseitigen, tendenziösen und vor allem emotional aufgeladenen Meinung können sie Ressentiments hervorrufen, Vorurteile bedienen, Stimmungen schüren und anheizen und letztlich Meinungen auf eine breite gesellschaftliche Basis heben oder sogar konsensfähig machen. 133 Der Umstand, dass Schreckensmeldungen aus Kriegsgebieten auf jeden Fall die Verkaufszahlen steigern, sich also positiv auf die Gewinne eines Medienunternehmens auswirken, sollte zu denken geben. Je illustrer die Schlagzeilen bebildert, je detaillierter die grausamen Berichte und je trauriger die Augen des kleinen Jungen auf der Titelseite, der seine komplette Familie im Bombenhagel verloren hat, desto größer der Absatz der Zeitungen im bundesdeutschen Alltag.
2.4.1 DIE ROLLE VON PR-AGENTUREN BEI DER BEWUSSTEN MEDIALEN MANIPULATION ZUR EINSEITIGEN DARSTELLUNG KRIEGERISCHER HANDLUNGEN
„I watch CNN --nobody gets killed. I watch Al-Jazeera - it's like tragedy.“ 134
Als treue Gehilfen in der Kriegsvorbereitung und -begleitung haben sich sogenannte PR-
132 Brock,Peter: „Dateline Yugoslavia: The Partisan Press“, in: Foreign Policy, Winter 1993/ 1994, Nr. 93, S. 153
133 Edward Bernays, einer der Gründerväter der US-amerikanischen PR-Industrie, spricht von „Technik des Konsens“, der amerikanische Medienkritiker Walter Lippmann sprach sogar von der „Fabrikation des Konsens“. Zitiert aus: Chomsky, Noam, Pirates and Emperors, 2002, S. 47
134 Aussage eines arabischen Teilnehmers der Studie „Show the Truth and Let the Audience Decide: A Web-Based Survey Showing Support among Viewers of Al-Jazeera for Use of Graphic Imagery”. Journal of Broadcasting & Electronic Media, 1.6.2007
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Agenturen erwiesen („PR“ für „Public Relations“), deren Aufgabe die Herstellung von Beziehungen zwischen Verbänden, Unternehmen, Parteien usw. untereinander auf der einen sowie mit Kunden, Privatpersonen, Arbeitnehmern, Wählern usw. auf der anderen Seite ist. Verständnis und Sympathie gegenüber einem Unternehmen oder gegenüber einer Partei und ihren Entscheidungen zu erwecken ist Ziel von PR-Arbeit, oft auch Öffentlichkeitsarbeit genannt. In kriegerischen Konflikten werden von allen beteiligten Seiten solche PR-Agenturen beauftragt, um eine Version der Geschehnisse in der Öffentlichkeit zu verankern, die ihren Interessen dienlich ist. 135 Der französische Schriftsteller Jonathan Littell, Autor des Bestsellers „Die Wohlgesinnten“, äußert sich in seinem „Georgischen Reisetagebuch“ über seine Reise in den Kaukasus im August 2008 folgendermaßen zur Rolle solcher PR-Agenturen im Georgienkrieg:
„Konkurrierende Versionen, denen sehr reale politische Interessen zugrunde liegen, werden durch einen aufwendigen, mehr oder weniger raffinierten PR-Apparat - das, was man früher Propaganda nannte - unterstützt. Auf der russischen Seite bleiben die Methoden ziemlich primitiv: Während die Bürger, da der Kreml die Presse fast vollständig kontrolliert, kaum eine Alternative zur offiziellen Version der Ereignisse haben, ist diese für ausländische Beobachter wenig überzeugend, so wenig wie die ursprüngliche Anschuldigung des ‚Völkermords’. Auf der georgischen Seite dagegen bedient man sich modernster Methoden. So hat die Regierung eine belgische PR-Firma, Aspect Consulting, damit beauftragt, ihre Sicht der Außenwelt zur Kenntnis zu bringen. Der Firmengründer Patrick Worms, den die russischen Medien ‚den belgischen Meister der schwarzen PR’ getauft haben, hat in jeder wichtigen europäischen Hauptstadt eine Arbeitsgruppe eingerichtet und setzt täglich eine Flut von Informationen und Schönfärbereien in die Welt, die die offizielle Version glaubhafter machen soll.“ 136
Die 50 Mitarbeiter von Aspect Consulting in Tiflis schickten während den fünf Kriegstagen rund 70 Pressemitteilungen an alle wichtigen westlichen Medien. Die Pressemitteilungen waren Musterstücke für emotionsgeladene, einseitige Darstellungen: „Russland attackiert nach wie vor Zivilbevölkerung“, „Besetzung Georgiens“, dazu noch ein bisschen Angstschüren vor einer Gefährdung der „europäische[n] Energiezufuhr durch russische Bomben nahe der Pipelines“ und eine Prise menschliche Katastrophe - „russische Blockade eines humanitären Schiffes mit
135 Diese Einschätzung teilt mittlerweile schon die Deutsche Journalisten Union (dju) in der Gewerkschaft ver.di: „Glaubwürdige Informationen (u. a. publiziert in der "Süddeutschen Zeitung" und in der "Frankfurter Rundschau") berichten über die Beauftragung von PR-Unternehmen durch die US-Administration. Ziel sei es, die weltweite Öffentlichkeit und ihre Medien bei der Wahrnehmung und Interpretation militärischer Aktionen zu beeinflussen. Die dju lehnt derartige Irreführungs-Kampagnen entschieden ab. Sie bedeuten nach den Worten ihres kommissarischen Vorsitzenden Manfred Protze eine "Talibanisierung" der Öffentlichkeit. Kriegführende Mächte in aller Welt betreiben seit jeher Propaganda für sich. Das bedeutet die Unterdrückung oder Fälschung von Informationen, die als schädlich für die Ziele der Urheber angesehen werden. Demokratie verträgt sich grundsätzlich nicht mit Desinformation. Gezielte staatliche Irreführung zerstört die Glaubwürdigkeit aller gemeinschaftlichen Einrichtungen.“ Irreführung der Öffentlichkeit im Anti-Terror-Krieg zerstört demokratische Standards. Pressemitteilung der Deutschen Journalisten Union (dju) vom 26.02.2002
136 Littell , Jonathan: Georgisches Reisetagebuch, 2008
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Weizen“ 137 - fertig ist die Schreibvorlage für die westlichen Medien. Dass die „Berichte“ von russischen Jets, die im Tiefflug Tiflis bombardierten oder von russischen Truppen, die Gori eingenommen hätten, schlicht falsch waren, störte im Nachhinein niemanden - ihren Zweck hatten sie erfüllt, nämlich Russland als verbrecherischen Brandstifter darzustellen und zur Inkarnation des „Bösen“ hochzudämonisieren, während Georgien gemeinhin als „Opfer der russischen Aggression“ gesehen wurde. Wie solche „Presseinformationen“ ihren Weg in als seriös geltende Blätter finden, legte Helmut Volpers im Auftrag der Landesmedienanstalt NRW in einer Studie zur Verschmelzung von journalistischem Schreiben und PR-Arbeit offen, indem er bewies, dass vermehrt Beiträge von PR-Agenturen getarnt als Beiträge von Redakteuren veröffentlicht würden. 138
Ein anderes Beispiel für die enorme Wirkung, die PR-Agenturen auf den Verlauf von Kriegen haben können, ist die „Brutkasten-Story“ im Vorfeld des ersten Golfkriegs: Nachdem über mehrere Monate hinweg verschiedenen Zeitungen darüber berichtet hatten, dass im besetzten Kuwait irakische Soldaten in einem Krankenhaus 312 Babys aus ihren Brutkästen genommen hätten und auf dem kühlen Krankenhausboden hätten sterben lassen, nahm sich die von der US-Regierung beauftragte PR-Agentur Hill & Knowlton (zu deren Kunden u.a. auch die Türkei, China und Indonesien zählten) der Sache an. Sie arrangierte eine Präsentation vor dem Arbeitskreis für Menschenrechte im amerikanischen Kongress, bei der zwei
Organisationen zu Worte kamen: Amnesty International (die seit mehreren Monaten vergeblich mit Hinweisen auf Menschenrechtsverletzungen in Kuwait im Weißen Haus um Aufmerksamkeit baten) und die Organisation „Bürger für ein freies Kuwait“, hinter der sich niemand anderes als Hill & Knowlton verbargen. Hill & Knowlton präsentierten ein 15jähriges kuwaitisches Mädchen, das unter Tränen von den angeblichen Ereignissen berichtete: „Ich tat freiwilligen Dienst im Al Addan-Hospital (...). Während ich dort war, sah ich die irakischen Soldaten bewaffnet in das Krankenhaus kommen und in den Raum gehen, wo 15 Babys in Brutkästen lagen. Sie nahmen die Babys aus den Brutkästen, nahmen die Brutkästen mit und ließen die Babys auf dem kalten Fußboden zurück, wo sie starben.“ 139 Amnesty International wurde in der Anhörung als „Glaubwürdigkeitskatalysator“ missbraucht. Das 15jährige kuwaitische Mädchen war in Wahrheit die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Drei Monate später setzten Hill & Knowlton noch eins drauf: im Plenarsaal des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen wurde ein Video präsentiert, das der Weltöffentlichkeit die
137 Alle Zitate: Jörg Becker, „Kriegsmarketing. Wie PR-Agenturen Kriege vorbereiten und begleiten“, in: Hintergrund - Das Nachrichtenmagazin: Kriege, Konzerne & Co, 2. Quartal 2009, S. 27.
138 Frontal21: Gekaufte Beiträge - PR als Information gesendet, Sendung vom 17. Juli 2007
139 MacArthur, John: Die Schlacht der Lügen, 1993, S. 70
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Verbrechen des irakischen Diktators Saddam Hussein vor Augen führen sollte. Dieses Novum in der Geschichte der UN griff auch die „Brutkasten-Story“ auf: ein Arzt namens „Dr. Issah Ibrahim“ schilderte die Beerdigung der Babys als eines seiner schrecklichsten Erlebnisse. Tags darauf wurde die Geschichte unter Berufung auf ihn und weitere „Augenzeugen“ in der Presse aufbereitet. Niemanden interessierte, dass Issah Ibrahim eigentlich Dr. Ibrahim Bahbahani hieß und Zahnarzt war und bei vier weiteren „Zeugen“ eine falsche Identität nachgewiesen werden konnte.
Trotz Bemühungen der Menschenrechtsgruppe Middle East Watch konnte die Richtigkeit der „Brutkasten-Story“ nie bewiesen werden. Die Horrorgeschichte trug maßgeblich zur Rechtfertigung der US-Intervention bei, George Bush sen. kam immer wieder auf die Geschichte zu sprechen, und letzten Endes gab sogar Amnesty International nach langem Zögern bekannt, es sein von der Richtigkeit der Behauptungen überzeugt.
Dass diese Beispiele für die Arbeit von PR-Agenturen keine Einzelfälle sind, zeigt eine Untersuchung der Aktivitäten von US-amerikanischen PR-Agenturen in den Balkankriegen in den Jahren 1991 -2002: Auf pro-serbischer Seite wurden laut US-Justizministerium 42 Verträge mit Regierungen, Energiekonzernen, Botschaften, Gewerkschaften und einflussreichen Personen geschlossen, bei denen Honorare in Höhe von insgesamt knapp 8,5 Mio. US-Dollar flossen, auf Seiten der serbischen Gegner sogar 83 Verträge mit Honoraren in Höhe von knapp 7,5 Mio. US-Dollar. US-amerikanische PR-Agenturen haben an den Balkankriegen insgesamt 12 Mio. US-Dollar verdient. 140
Dass diese eindeutig definierbaren wirtschaftlichen Verbindungen zwischen privaten PR-Agenturen und Regierungen beteiligter Länder als wissenschaftlich belegbare, weil in Zahlen ausdrückbare Zusammenhänge die Spitze des Eisbergs dessen bilden, was gemeinhin als mediale Massensteuerung bezeichnet werden kann, wird klar, wenn das Pentagon Hollywood-Kriegsfilme finanziert, die Medienabteilung des israelischen Außenministeriums junge Blogger an der virtuellen Front der psychologischen Kriegsführung anwirbt oder die Bundeswehr in Bosnien und Herzegowina eine eigene Jugendzeitung, die „Mirko“, kostenlos unter den jungen Teilen der Bevölkerung verteilt. 141 Medien sind in vielen Kriegen Teil einer breit angelegten Manipulation, Propagandamaschinerie, Werbekampagne, Bewusstseinsindustrie - viele Namen für ein und dasselbe Phänomen. Neuestes Symptom dieses Phänomens sind sogenannte „embedded journalists“, also „eingebettete Journalisten“. Auf Druck der USamerikanischen Massenmedien, die vom 2. Golfkrieg und vom Afghanistan Krieg frustriert
140 Zahlen aus Becker, Jörg/ Beham, Mira: Operation Balkan. Werbung für Krieg und Tod, 2008, S. 22
141 Jörg Becker, „Kriegsmarketing. Wie PR-Agenturen Kriege vorbereiten und begleiten“, in: Hintergrund
- Das Nachrichtenmagazin: Kriege, Konzerne & Co, 2. Quartal 2009, S. 29
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waren, da sie für ihre Geschmäcker noch nicht „nah genug ran gekommen waren“, um realistisch genug über die Kriege zu berichten und die nötigen Schreckensbilder zu liefern, kam diese neue Form der Kriegsberichterstattung zum ersten Mal im Irakkrieg 2003 zum Einsatz. Die US-Army gewährte es ausgewählten Journalisten, nach einem militärischen Training die Truppe wirklich zu begleiten und dadurch so nah wie möglich an den Kampfhandlungen zu sein. Die Journalisten fahren also in voller Kampfmontur in den amerikanischen Panzern mit und sollen neutral über den Krieg berichten, den sie ausschließlich aus amerikanischer Sicht miterleben. Sie verstehen sich wohlgemerkt immer noch als „kritische, objektive Berichterstatter“. Friedrich Nowottny, bis 1995 Intendant des WDR, bemerkte 2003: „Der Blick des Journalisten fällt durch den Sehschlitz des Panzers. Und der ist nicht sehr groß.“ 142 Oft geäußerte Vorwürfe dieser Praxis gegenüber sind die gute Kontrollierbarkeit der Journalisten (er ist abhängig von den Soldaten, denen er zugeteilt wurde) und die stattfindende Zensur. Von vielen Seiten wird gesagt, bei embedded journalists handle es sich um reine Bilderbuchfotographen der US-Army, die den Krieg bebilderten.
Wenn Kriegsberichterstatter dem Ausbruch eines Krieges entgegenfiebern und mit ihnen die Hälfte der menschlichen Bevölkerung vor den Fernsehschirmen, in denen Bilder der ersten Bombenabwürfe und -detonationen in Echtzeitübertragung flimmern, kann nicht mehr von kritischer, kontrollierender und objektiv-unabhängiger Rolle die Rede sein.
2.4.2 EMOTIONALE MOBILMACHUNG: DER KRIEG IN DEN KÖPFEN. DAS ENTSTEHEN VON NATIONENBILDERN UNTER DEM EINFLUSS VON MEDIEN
„Die Versuche der Politik, Einfluß zu nehmen auf die Medien, und umgekehrt, die Militärzensur, die mediale Vermittlung von Nachrichten über Kriege, die Wahrnehmungen dieser vermittelten Realitäten durch die Öffentlichkeit und die Reaktionen der Öffentlichkeit auf diese Realitätenall diese Vorgänge sind komplizierte Kommunikationsprozesse, bei denen Bilder und Urteile entstehen, die sich Individuen und Völker über die anderen machen. Diese Prozesse der Wahrnehmung hat es schon immer gegeben, aber mit dem Aufkommen der Massenmedien im
20. Jahrhundert haben sie zum einen ganz andere Dimensionen angenommen und sind zum anderen deshalb auch schwerer durchschaubar geworden.“ 143
Mit diesen Worten leitet Mira Beham hin zu einer Analyse, welchen Einfluss Medien auf Nationenbilder haben.
142 Friedrich Nowottny im März 2003 in der„Polit-Talkshow“ „Beckmann“ in der ARD, zitiert aus: Josef Seitz, „Wahrheit unter Beschuss. Unter Lebensgefahr suchen 500 Journalisten im Irak nach Splittern der Kriegs-Wirklichkeit. Front ist überall - und die Hüter der Propaganda sind selten weit“, in: FOCUS, Ausg. 14/2003 vom 31.03.2003
143 Beham, Mira, Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik, 1996, S. 134
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Michael Kunzcik, Professor am Institut für Publizistik der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, spricht Medien einen ähnlich hohen Stellenwert in der Entstehung von Nationenbildern zu: Diese beruhten grundsätzlich
„auf einem sehr komplexen Kommunikationsprozeß, bei dem die unterschiedlichsten Informationsquellen eine Rolle spielen; angefangen von der eigenen Erfahrung, Schul-, Kinder-und Märchenbüchern sowie sonstiger Unterhaltungsliteratur, Kino, Theater usw. bis hin zu Erzählungen von Verwandten, Bekannten und Freunden, sportlichen Ereignissen, kulturellen Austauschprogrammen und Staatsbesuchen.
Eine herausragende Rolle nehmen dabei aber Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen ein.“ 144
Alle Untersuchungen bezüglich dieser Thematik gliedern den Entstehungsprozess von Nationenbildern in drei Ebenen: die anthropologische, die individualpsychologische und die sozialpsychologische.
Auf anthropologischer Ebene geschieht die Reduzierung und Verallgemeinerung von äußeren Einflüssen und Informationen. Weil der Mensch nur ein gewisses Pensum zur Informationsverarbeitung und -speicherung hat, müssen, gerade in einer massenmedial überfluteten Welt, aus Reizen und Informationen Sinnzusammenhänge gebildet werden, in die neue Reize eingebettet werden. Diese Generalisierung erfolgt natürlich immer auf Kosten der Genauigkeit: im Verallgemeinerungsprozess müssen Kompromisse eingegangen werden. So bildet sich aus einer Fülle von Einzelbildern, Reizen und Informationen ein allgemeines Bild. „Dieses individuelle Weltbild, das unsere Informationen ‚organisiert’, macht die Komplexität des Daseins so überschaubar und beherrschbar wie möglich.“ 145 Für das Individuum ist letztlich unser Bild von der Welt entscheidend und nicht die tatsächliche Welt. 146 Individualpsychologisch gesprochen handelt es sich bei diesen Versuchen, die Komplexität der Welt durch das Herunterbrechen auf größte gemeinsame Nenner zu verstehen, um Vorurteile. Geprägt von der persönlichen Erfahrung des Individuums, sind Vorurteile hilfreich bei der Konsolidierung des eigenen Weltbildes. Sie sind für die Auswahl der Informationen, die man heranzieht, mitverantwortlich: unangenehme Informationen werden abgewehrt, weil sie nicht in das zurechtgestrickte persönliche Muster (also das eigene Weltbild) passen und es so außer Gleichgewicht bringen würden, indem sie seinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit hinterfragen. Gleichzeitig werden durch Vorurteile Informationen bevorzugt, die den eigenen
144 Kunczik, Michael: Die manipulierte Meinung. Nationale Image-Politik und internationale Public Relations, 1990, S. 4
145 Beham, Mira, Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik, 1996, S. 137
146 Ein Querverweis auf das Platon’sche Höhlengleichnis veranschaulicht diese These. Vergleiche auch Kunczik: „Das Kriterium der ‚Richtigkeit’ oder ‚Wahrheit’ von Images ist nicht ihre Übereinstimmung mit der objektiven Realität, sondern die erfolgreiche Bewältigung der Umwelt.“ Kunczik, Michael: Die manipulierte Meinung. Nationale Image-Politik und internationale Public Relations, 1990, S. 29
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Vorstellungen entsprechen. Dieser „Schutzmechanismus“ des Individuums ist „demnach objektiv unzulässig, aber subjektiv nötig“ 147 .
Auf sozialpsychologischer Ebene schließlich werden die eigenen Vorurteile unter Konformitätsdruck den kollektiven Vorstellungsinhalten der Gruppe angepasst. Diese „kollektiven Vorurteile“ werden dann Stereotypen genannt, die „in ungerechtfertigter Weise“ 148 und „mit emotional wertender Tendenz“ 149 Einzelpersonen oder Gruppen bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten zu- oder abschreiben. Durch die Streotypisierung von Vorurteilen entsteht ein gruppendynamischer Prozess, der zur Identitätsbildung der eigenen und dadurch zur Abgrenzung von anderen Gruppen führt. Die Stereotypisierung führt zu „Fremderniedrigung und Selbsterhöhung, Rechtfertigung und Anpassung, Abwehr unangenehmer Tatsachen, soziale[r] Aggression, organisierte[r] Gewaltsamkeit, Entmenschlichung des Feindes“ 150 . Das entstandene Stereotyp kann mit dem Begriff „Nationenbild“ gleichgesetzt werden.
Auf den drei Ebenen Wahrnehmung - Vorurteil - Stereotyp entstehen also Nationenbilder, „kleine Landkarten in unseren Köpfen“ 151 , „Völkerbilder“ 152 . Dr. Eckhard Marten, Journalist und Lehrbeauftragter am Institut für
Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, definiert den Begriff „Nationenbild“ wie folgt:
„Nationenbilder sind systematisch gegliederte Darstellungen (...) bzw. Beschreibungen einer Nation oder eines Volkes, zu denen auch die Einstellungen ihnen gegenüber und ihre Perzeption durch andere gehören. Mit anderen Worten: Sie sind in sich zusammenhängende Sichtweisen, die die verschiedenen Vorstellungen und Eindrücke von einem Volk in einem einheitlichen geistigen Bild zusammenfügen wollen.“ 153
An dieser Stelle kommen die Massenmedien wieder mit ins Spiel: ein Großteil der „Vorstellungen und Eindrücke“ von einer Nation, einer Bevölkerung, einer Gruppe wird von ihnen vermittelt und geprägt.
Welchen Wirkungskreis eine einseitige Berichterstattung erlangen kann, wurde in den Ausführungen zur Rolle der PR-Agenturen dargelegt. Es kann so in den Köpfen einer ganzen Gesellschaft das Bild vom dämonähnlichen Tyrannen eines anderen Landes aufgebaut werden,
147 Beham, Mira, Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik, 1996, S. 138
148 Ebda.
149 Ebda.
150 Grolle, Führ/ Lenski, Ilse/ Thelen, Dieter, Vorurteile, Angst und Aggression, herausgegeben von der hessischen Landeszentrale für politische Bildung, 1995, S. 1ff.
151 Beham, Mira, Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik, 1996, S. 138
152 Ebda.
153 Marten, Eckhard: Das Deutschlandbild in der amerikanischen Auslandsberichterstattung, 1989, S.44
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gleichzeitig die angebliche Eigenschaft der entsprechenden Bevölkerung, sich grundsätzlich unterzuordnen, und Tür und Tor für eine militärische Intervention sind geöffnet. 154 Medien werden so zur Einstimmung, zur Mobilmachung der eigenen Bevölkerung auf bevorstehende Kriege missbraucht. Sie werden aktiv an der Vorbereitung von Kriegen beteiligt, was nur durch die eingangs erläuterte Manipulierbarkeit und Abhängigkeit möglich ist. Welchen Nutzen Medien aus militärischen Einsätzen ziehen, wird ersichtlich, wenn man untersucht, warum bestimmte Kriege regelrecht totgeschwiegen wurden und so in der Öffentlichkeit schlicht und ergreifend nicht Gesprächsthema waren oder, anders gesagt, nur bestimmten Kriegen Aufmerksamkeit geschenkt wird.
2.4.3 DER „NICHT-BERICHT“: VERSCHWIEGENE KRIEGE UND DER FOKUS DER
AUFMERKSAMKEIT WESTLICHER MEDIEN
„Schwarze Tote zählen weniger“ 155 - mit dieser provokanten Aussage eröffnet Somalia-Experte und Sprecher des „Dritte-Welt-Journalistennetzes“ Walter Michler seine Dokumentation über den Bürgerkrieg in Somalia. Es ist das Fazit einer bitteren Erkenntnis: während die Welt gebannt auf den Krieg in Bosnien-Herzegowina blickte, spielte sich in Somalia ein Drama sondergleichen ab. Der Bürgerkrieg war eskaliert und forderte seine Opfer: der algerische UN-Sonderbeauftragte für Somalia, Mohammed Sahnoun, meldete Mitte Juni 1992, dass täglich 5000 Kleinkinder verhungerten. Drei Wochen später alarmierte das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, in Somalia stünde „die größte humanitäre Katastrophe der Welt bevor“. Fünf Millionen Menschen seien durch den Kriegszustand vom Hungertod bedroht. Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen prangerte UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali an, dass „nur dem Krieg der Reichen in Jugoslawien Interesse geschenkt würde“. 156 Im August dann fanden die ersten westlichen Politiker den Weg nach Somalia: der französische Minister Bernard Koucher („die Hölle auf Erden!“), der irische Außenminister David Andrews („schrecklichste Erfahrung meiner Laufbahn, Situation wie nach einer Atombombe“), der niederländische
154 Elihu Katz, Gründungsdirektor des israelischen Fernsehens und Professor für Soziologie und Kommunikation an mehreren internationalen Universitäten, beschrieb bspw. die Zielsetzung der Medienkampagne der Bush-Regierung im Vorfeld des 1. Golfkriegs wie folgt: „Der Irak war das faschistische Deutschland mit seinem Völkermord an den eigenen Minderheiten. Saddam Hussein war Hitler, Personifizierung alles Bösen. (...) Der totale Sieg war die Voraussetzung für das Überleben der westlichen Zivilisation, und in der Tat auch der anderen Staaten in der Region. Dies verlangte erneute Mobilisierung der alliierten Streitkräfte des Zweiten Weltkriegs.“ Katz, Elihu: „Das Ende des Journalismus. Reflexionen zum Kriegsschauplatz im Fernsehen“, in: Bertelsmann Briefe, Oktober 1991, S. 4ff.
155 Michler, Walter: Somalia. Ein Volk stirbt. Der Bürgerkrieg und das Versagen des Auslands, 1993
156 Beham, Mira, Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik, 1996, S. 127
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Entwicklungshilfeminister Jan Pronk (weinte bei seinem Bericht vor dem Parlamentsausschuss), der ehemalige belgische Ministerpräsident („so schlimm wie nach dem
2. Weltkrieg“). 157 Mit den Berichten der Politiker war der Startschuss für eine mediale Generalmobilmachung abgegeben worden. Was der ARD-Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert mit „Wenn irgendwo in der Welt alle Fernsehkameras, Kriegsberichterstatter und Satellitenschüsseln zusammengezogen werden, steigt das politische Fieber“ 158 ausdrückte, kann als Musterbeispiel für die Gesetzmäßigkeiten der westlichen Medienwelt herangezogen werden: Quasi über Nacht stand Somalia ganz oben auf der Tagesordnung der Regierungen und ihrer Öffentlichkeit. Die UNO gab einen Handlungskatalog heraus, der zum ersten Mal in der Geschichte eine militärische Intervention aus humanitären Gründen vorsah. 159 „ (...) die ‚Operation Restore Hope’ nahm konkrete Formen an. Am 9. Dezember landeten etwa 1800 US-Marineinfanteristen an der somalischen Küste, stießen jedoch auf keinerlei militärischen Widerstand, dafür aber auf die versammelte Weltpresse, die sich in Erwartung eines spektakulären Einsatzes im Wüstensand vergraben hatte.“ 160 Nachdem dieser „spektakuläre Einsatz“ aus Mangel eines bekämpfbaren Feindes ausblieb und die USA ihre Truppen nach nicht einmal 10 Monaten wieder abzogen, verlor die Öffentlichkeit ihr Interesse an dem Konflikt und der Fokus der Berichterstattung schwenkte zurück nach Bosnien-Herzegowina. Die Somalier wurden wieder sich selbst überlassen, und der Konflikt, der inzwischen mehr als 300.000 Menschenleben gefordert hat, spielt sich ohne Kameras und Kriegsberichterstatter ab, aus unserem Blickfeld an den Rand der internationalen Wahrnehmung gedrängt. Lediglich für einen amerikanischen Hollywoodstreifen war er noch zu gebrauchen: Die taktische Niederlage, die die US-Armee nahe Mogadischu 1993 erlitten hatte und in deren Verlauf 18 US-Soldaten starben, wurde im Kriegsfilm „Black Hawk Down“ heroisch-massentauglich und mit viel Pathos ausgeschlachtet. Über das leidvolle Massensterben der Somalier gibt es keinen Film.
Das Desinteresse der Medien an dem Konflikt ist auf verschiedene Gründe zurückzuführen. Einer davon ist sicherlich das generelle Desinteresse an den Belangen der sogenannten Dritten Welt. Walter Michler untersuchte die geographische „Verteilung“ der Nachrichtenmeldungen
157 Alle Zitate: Ebda.
158 ARD-Tagesthemen vom 12.07.1994
159 Bemerkenswert ist vor allem das Engagement der USA: noch im März 1992 hatten sie einen Beschluss des Sicherheitsrates über die Entsendung von sog. Blauhelmen, also UN-Friedenstruppen nach Somalia blockiert. Im November des selben Jahres nun bekräftigte die US-Regierung, sie sei bereit, 30.000 Soldaten in die Region zu schicken.
160 Beham, Mira, Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik, 1996, S. 128
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im gesamtdeutschen Fernsehen im Jahr 1990. Das Ergebnis ist erschreckend: Von 1125 Minuten Sendezeit entfielen 0,15% auf Schwarzafrika. 161
Das Beispiel von Somalia zeigt, dass ein Dritte-Welt-Land erst dann ins Interesse der westlichen Medien gerät, wenn etwa internationale Organisationen oder Politiker Alarm schlagen, und auch dann nur, wenn sich nachfolgend Entwicklungen abzeichnen, in die der eigene Staat militärisch oder politisch involviert ist. Walter Michler schildert die medienpolitische Ignoranz folgendermaßen:
„Schon zum Jahreswechsel 1991/92 war Somalia ein einziges Inferno. Darüber berichteten die internationalen Nachrichtenagenturen ausführlich, und außerdem wandte sich das Internationale Komitee des Roten Kreuz mit dramatischen Appellen an die Weltöffentlichkeit. Die Sachlage war bekannt, jedem Redakteur und jeder Redakteurin, die es wissen wollte. Spätestens im Frühjahr wäre Sonderberichterstattung notwendig gewesen. Denn schon damals stellte sich die Situation Somalias in jeglicher Hinsicht schlimmer dar als in den Kriegsgebieten des alten Jugoslawien. Den Katalog meiner eigenen negativen Erfahrungen mit etlichen Redaktionen will ich hier nicht auflisten. Festzuhalten bleibt lediglich, daß über die Nicht-Wahrnehmung hinaus Angebote zur Berichterstattung ausdrücklich abgelehnt wurden. (...) Im Glashaus von New York verschlief man die somalische Apokalypse genauso wie in den Redaktionsstuben.“ 162
Die Ignoranz der Öffentlichkeit lässt sich auf unzählige Kriege übertragen: Kambodscha (mehr als eine Million Tote), Angola (750.000 Tote), Ruanda (mehr als eine halbe Million Tote) oder die anhaltende Katastrophe im Sudan / Darfur, die bereits 1.300.000 Tote forderte. 163 Allein im Jahr 1994 fanden weltweit 40 Kriege und 20 sogenannte „bewaffnete Konflikte auf der Kriegsschwelle“ statt. 164 Der Großteil von ihnen findet keinerlei Aufmerksamkeit unserer Medien in ihrer eurozentrischen Sichtweise.
Die Erfahrung, dass ein Konflikt nicht „heiß genug“ ist, obwohl er für die Beteiligten die Hölle auf Erden darstellt, macht auch Georg Laschen in Nicolas Borns Roman „Die Fälschung“. Obwohl der libanesische Bürgerkrieg der Medienwelt weiterhin täglich Massaker und Kriegsverbrechen zu bieten hatte, verlor die Öffentlichkeit das Interesse am Konflikt, da er nicht weiter zu eskalieren schien und sich auch sonst keine größere Wende abzeichnete. Laschen und sein Fotograph werden mitten im Krieg zurück nach Hamburg gerufen. In Afrika wartet das nächste Krisengebiet, das für die nächsten Tage die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft genießen darf, um danach wieder in der Dunkelkammer des Zeitgeschehens in Vergessenheit zu geraten.
161 Birkenbach, Hanne-Margret u.a. (Hrsg.), Jahrbuch Frieden 1995, 1994, S. 233
162 Michler, Walter: Somalia. Ein Volk stirbt. Der Bürgerkrieg und das Versagen des Auslands, 1993, S. 82f.
163 Birkenbach, Hanne-Margret u.a. (Hrsg.), Jahrbuch Frieden 1995, 1994, S. 29ff.
164 Ebda.
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Medien haben also, so lange sie von Verkaufszahlen und Einschaltquoten abhängig sind, ein Interesse nur an solchen Kriegen, die entweder unter europäisch-amerikanischer Beteiligung stattfinden oder aber für kurze Zeit ein besonders hohes Niveau an Grausamkeiten zu bieten haben. Trifft keines der beiden Kriterien zu, gilt ein Konflikt als „ausgelutscht“ und verkauft sich nicht mehr gut genug. Die Medien und mit ihr die gesamte Öffentlichkeit wenden sich dann wichtigeren Dingen zu wie dem Neugeborenen der holländischen Königsfamilie oder dem Scheidungskrieg zwischen Lothar Matthäus und seiner vierten Ehefrau. Die Abhängigkeit von verkaufstüchtigen Schlagzeilen, also ein rein ökonomischer Sachzwang, veranlasst (allen voran natürlich den Boulevard) dazu, von Nebensächlichkeiten wie Völkermorden abzusehen und über das zu berichten, was die Öffentlichkeit interessiert bzw. was ihr als interessant vorgesetzt wird.
„Aber wer nun anders denkt, hat der nicht auch das Recht, seine Meinung auszudrücken? Die Verfassung gibt ihm das Recht, die ökonomische Wirklichkeit zerstört es. Frei ist, wer reich ist. Das ist nicht von Karl Marx, sondern von Paul Sethe. Aber richtig ist es trotzdem.“ 165
165 Paul Sethe: Frei ist, wer reich ist. Leserbrief an das Nachrichtenmagazin SPIEGEL, 05.05.1965
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LITERATURVERZEICHNIS
PRIMÄRLITERATUR
Born, Nicolas, Die Fälschung, Hamburg 1979
SEKUNDÄRLITERATUR
Appelt, Hedwig, Die leibhaftige Literatur. Das Phantasma und die Präsenz der Frau in der Schrift, Weinheim 1988.
Berham, Mira, Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik, München 1996. Beham, Mira/ Becker, Jörg: Operation Balkan. Werbung für Krieg und Tod, Baden-Baden 2008.
Birkenbach, Hanne-Margret u.a. (Hrsg.), Jahrbuch Frieden 1995, München 1994. Born, Nicolas, Die Welt der Maschine. Aufsätze und Reden, Hamburg 1980. Bosse, Heinrich/ Lampen, Ulrich A., Das Hineinspringen in die Totschlägerreihe. Nicolas Borns Roman „Die Fälschung“, 1991 München. Chomsky, Noam, Pirates and Emperors, Grafenau/ Frankfurt a. M. 2004. Demetz, Peter, Fette Jahre, magere Jahre. Deutschsprachige Literatur von 1965 bis 1985, München 1988.
Diverse (u.a. H.C. Buch, F. C. Delius, G. Grass u.a.), “Nicolas Born zum Gedenken”, in: LiteraturMagazin 21, Hamburg 1988.
Diverse (u.a. Katharina Born, F.C. Delius u.a.), Nicolas Born, in: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.), Text+Kritik IV/06, München 2006.
Diverse, „Medien und Manipulation“, in: Marxistische Blätter 1/93, Essen. Diverse, „Israel, die Palästinenser und wir“, in: Marxistische Blätter 4/01, Essen. Eggerts, Jörg, „ ‚Die Ruhe auf dem Land ist oft stille Wut’ - Dystopie und Trauma des wendländischen Autors Nicolas Born“, in: Köhnen, Ralph/ Scholz, Sebastian (Hrsg.), Die Medialität des Traumas, Frankfurt a. M. 2006.
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Arbeit zitieren:
Felix Stenger, 2010, Romananalyse und Interpretation von Nicolas Borns "Die Fälschung" mit anschließender Erörterung des Problems der journalistischen Wirklichkeitsdarstellung unter besonderer Berücksichtigung des sogenannten Kriegsjournalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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